Um das zu können , müssen sie nun alle möglichen Merkmale aufführen , daß der Besagte nicht mehr imstande sei , sein Vermögen selbst zu verwalten . Freilich werden Kinder , welche so was begehren , im Eingang sagen , wie das Begehren ihr Herz zerreiße , wie sie es aber den eigenen Kindern schuldig seien ; sie werden nie anders reden als von ihrem geliebten , verehrten , unglücklichen Vater , werden dann aber dazu alle Schwachheiten , Dummheiten , welche er von den ersten Hosen an gemacht , aufzählen . Ja sie sind imstande , des Vaters Heirat mit ihrer Mutter als seine größte Dummheit , als ein Zeichen seiner momentanen Verrücktheit anzuführen . Zuweilen wird des Vaters kindischer Zustand nicht von der Heirat , sondern von der Mutter Tod weg datiert . Dann wird aber doch gesagt , daß er eigentlich sein Lebtag nie ein Mann gewesen , die Mutter die Hosen angehabt hätte , seit sie aber gestorben , sei er vollends dumm geworden . Nichts wird geschont , sein Bild nicht bloß aschgrau , sondern brandschwarz gemalt . Das alles nun muß der Betreffende lesen , sollte es verdauen und kann nicht , geschweige sich daran erbauen . Dann muß er ein ander Bild von sich entwerfen lassen , wo er wie ein Herrgott strahlt , und hat er Malice auf seine verstorbene Frau , so wird der munter ausgewischt , wobei er sie jedoch immer seine liebe Selige nennt , welche er dem lieben Gott von ganzem Herzen gönne . Hintendrein kommen Ärzte , manchmal noch der Pfarrer und manchmal noch Andere und untersuchen einen nach Stand und Vermögen gründlich und nicht gründlich : ob der zu Bevogtende dumm sei oder gescheut , entweder ganz oder halb , zurechnungsfähig oder nicht , zurechnungsfähig entweder ganz oder halb . Das ist für den Betreffenden eine äußerst interessante und lehrreiche Untersuchung , man kann es sich denken ! Vierundzwanzigstes Kapitel Wie Gott und gute Leute aus der Klemme helfen Unterdessen verfiel der Zins , Joggeli wollte keinen Kreuzer daran schenken . Wenn man das Geld nötig hätte wie er , so schenke man nichts , das wäre ja das Dümmste , was er machen könnte . Dann wohl , dann hätte man das Recht , ihn zu bevogten ! Wenn er schon wollte , er dürfte nicht , Johannes täte viel zu wüst ; er glaube , er risse ihm den Kopf ab , sagte er . Es dünkte Uli streng , er hatte Lust , wenn auch nicht zum Prozedieren , so doch Vermittler anzusprechen , oder wie man hier sagt , eine Freundlichkeit anzustellen . Überdem , meinte er , könnte man ja eine Gegenrechnung machen . Vreneli müsse so viele Zeit mit Joggeli versäumen ; sie lieferten mehr , als sie schuldig seien , und Elisi samt seinen Kindern müßten sie ja fast alleine erhalten , die Kinder seien immer bei ihnen und über ihrem Tischkasten , als ob es ihr eigener wäre . Vreneli wehrte : » Wo kein Verstand mehr ist , kann man keinen machen . Bei der Vermittlung käme nichts heraus , wenn die Männer schon einreden würden . Johannes , der Unflat , täte es nicht , der ist zu geldhungrig . Mit dem Rechnen ists ebenso . Sie würden sagen , wenn wir mehr gegeben , als wir schuldig seien , so sei das unsere Sache . Warum wir es getan , warum wir Elisi und seine Kinder nicht fortgejagt ? Wenn wir die Guttätigen machen wollten , so sollten wir nicht hinten , drein abrechnen wollen , das hätte keine Form . So würde man uns antworten , dann könnten wir prozedieren ; vielleicht täten wir es gewinnen , vielleicht verlieren , und wollen wir das ? « So sprach Vreneli . Uli sagte , er wisse , was Prozedieren sei , die Lust dazu habe er verloren . Er habe bloß gemeint , man könnte probieren , so gleichsam an die Türe pochen . » Weißt nicht , Uli , « sagte Vreneli , » daß der Teufel ein Schelm ist ? Gibt man ihm einen Finger , nimmt er gleich die ganze Hand . Und dann ist das : die Sache scheint sich in die Länge zu ziehen , wir können sicherlich dableiben noch ein Jahr und die Aussichten sind prächtig . Wir haben ja Lewat , der alleine macht uns wenigstens den halben Zins , wenn es gut geht . Zudem bedenke , ich habe lange das Gnadenbrot gegessen hier . Es war freilich oft stark gesalzen , doch nicht durch die Base , und wenn ich später auch etwas dafür geleistet , so wußten sie doch dies nicht , als sie anfingen , es mir zu geben , denn ich war ein böser Drache von Mädchen . Wenn wir es jetzt auch nicht überflüssig haben , so haben wir es doch , und wer weiß , ob wir je wieder ein Zeichen tun könnten , daß wir erkennen , was ich empfangen . « » Es wäre recht so , « sagte Uli , » wenn wir nur wüßten , wo nehmen und nicht stehlen . « Ja , sagte Vreneli , stehlen sei eine wüste Sache , das helfe es auch nicht . Aber als das letztemal der Bodenbauer dagewesen sei , habe er gesagt , sie wüßten , wo er wohne . Ja , sagte Uli , das sei alles gut , aber immer und immer wieder Bettlerwege laufen zu sollen , sei er doch endlich satt . Vreneli verstand den Ton besser als die Worte , und in seinem lebendigen Gerechtigkeitsgefühle war es ihm klar , daß Uli allerdings Mehreres habe austreten müssen , was es angegeben , daß ihm das wiederholte Hülfesuchen bei dem Bodenbauer sehr zuwider sein müßte . Vreneli hatte Vernunft und hielt seinen Mann nicht für einen dummen Schweizermann , zu nichts nutz , als deutschen Jungen und Allerweltsbuben , bankerotten Italienern und herrschsüchtigen Weibern Kastanien aus dem Feuer zu holen , kurz es hielt ihn nicht für einen Neidgauer . » Weißt du was , « sagte Vreneli , » unser jüngstes Kind ist noch nicht eingeschrieben ; das älteste bittet schon lange , einmal zur Gotte zu fahren , sie habe ihns eingeladen ; nächsten Sonntag nehme ich den Fuchs , er ist ein guter alter Trappi , mit dem darf ich fahren und will suchen , was da zu machen ist . Es ist jedenfalls am anständigsten , man verrichte solche Sachen selbst . « Uli begann keinen edlen Wettstreit , er sagte bloß : » He ja , wenn du meinst . « Vreneli fuhr wirklich am nächsten Sonntage mit dem alten Fuchs und seinen jungen Kindern . Es war ihm wie einer Henne , wenn sie zum ersten Male ihre Brut zu Felde führt , voll Stolz und Angst . Es waren aber auch drei allerliebste Kinder , mit welchen es ausfuhr . Sie hatten eine ganz absonderliche Freude , und je mehr sie sich freuten , desto wehmütiger ward Vreneli . » Ihr armen Tröpflein , « mußte es immer denken , » ja , freuet euch nur , es ist das erste Mal und wahrscheinlich auch das letzte , daß ihr mit einem Pferde fahren könnt ; dann , ihr armen Tröpflein , könnt ihr einander selbst ziehen , wenn ihr fahren wollt . « Seit seiner Hochzeit war es nie da oben gewesen , eine rechte Hausfrau kömmt selten weit vom Hause auf dem Lande , besonders wenn Gott sie alle Jahre mit einem Kinde segnet , in den Schaltjahren mit zweien . Da gab es wohl Vergleichungen zwischen den frühern Reisen zu Bodenbauers und der jetzigen . Es wäre zu wünschen , solche Vergleichungen würde kein Gemüt peinlicher fassen . Die erste Reise war die , auf welcher Uli Vreneli eroberte , die zweite zur Hochzeit , die dritte also die mit drei Kindern , das jüngste war daheim geblieben . Es lag in den äußern Umständen wohl eine Demütigung . Pläne , Hoffnungen sind zu Wasser geworden , verhagelt , fremde Leute müssen um Geld angesprochen werden . Aber ists wiederum doch nicht was Schönes , eine eroberte Würde darin , daß eine Frau mit solchem Vorhaben ausfahren darf , mit unbeschwertem Gewissen und in heiterm Vertrauen , die Bitte werde nicht abgeschlagen ? Sackerlot , ihr Weiber im Oberland und Seeland , in Baselland und Waadtland , wie Manche unter euch darf sich zu Wagen setzen , mit keinem Vermögen als einem Häuflein Kinder zu einem alten Gläubiger fahren und ihn ersuchen , aufs neue einzustehen , und zwar nicht etwa insgeheim , daß es unser Herrgott selbst nicht einmal vernehmen soll , sondern offen vor Weib und Kindern ? Ja , das ist doch etwas Großes , darin liegt ein schönes erobertes Vermögen . Ja , wie Manche aus aller Herren Ländern könnte mit Titeln vornen und Titeln hinten , zu Fuß , zu Wagen , zu Roß , mit oder ohne Kinder in allen fünf Weltteilen herumfahren , sie kriegte vielleicht mit Betteln einige Kreuzer zusammen , aber anvertrauen , anvertrauen auf ihr ehrlich Gesicht oder ihren ehrlichen Namen würde kein vernünftiger Christenmensch ihr drei Kreuzer ! Ja , Mesdames zu Stadt und Land , so schlecht ists mit Tausenden unter euch bestellt : nicht drei Kreuzer auf euer ehrlich Gesicht oder euern ehrlichen Namen ! Das ist verdammt wenig , von wegen es sind beide darnach bestellt . Doch tröstet euch , Mesdames , es ist mit den Herren oder Männern , wie man will , noch schlechter bestellt . Wie viele und hochgestellte und hochberühmte schießen im Lande herum wie eingeschlossene Fledermäuse an den Fenstern , suchen Vertrauen und finden keins ; ja , nicht einen einzigen Kreuzer kriegen sie auf Gesicht oder Namen , sie mögen schießen , surren , stürmen , so viel und so lange sie wollen . Höchstens vertraut man ihnen das Vaterland an , ein Zeichen , wie hoch man dasselbe achtet ! Ja , wenn man alle die sammeln und zusammenstellen würde , Weibervolk und Männervolk , welche Geld borgen möchten und gar keines oder höchstens drei Kreuzer kriegen , man könnte mit ihnen ganz Hinterasien bevölkern und Vorderasien wenigstens halb . Nun , wenn diese Völkerwanderung mal stattfinden sollte , was für die Bequemlichkeit und Ruhe Europas nicht so unpassend wäre ( man denke , wie viel Stellen ledig würden in Königstümern , in Republiken , an Höfen , in Wasch- und Ratshäusern ) , so kann Vreneli daheim bleiben , es bekäm Geld und notabene gern . Das gern ist noch seltener als Geld . Des Bodenbauers Frau war aber auch eine , wie man sie nicht hinter jeder Haustüre findet . Sie dachte nicht bei sich : Gibt wohl der alte Narr der Jungen da Geld ? Wohl , dem wollte ich ! Sie rief ihn auch nicht beiseite und sagte ihm : » Probier und gib dieser ! Machsts , beim - , ich lasse mich scheiden ; das wäre mir wohl , so alt wie du bist , schäm dich und denk an Kinder und Großkinder ! « Die Bodenbäurin hatte tiefes Bedauern . » Nur nicht den Mut verlieren , « sagte sie , » es kommt schon noch gut ; ein paar Jahre , so könnet ihr euch wieder aufhelfen . Ja freilich , helfen muß man euch . Es ist ja hundertmal nützlicher , man unterstütze brave Leute , wo man noch den Glauben haben kann , das Geld sei nicht zum Fenster hinausgeworfen , als man werfe es in Spekulationen , wo ein paar Spitzbuben reich werden , während man keinen Kreuzer davon wiedersieht . Aber freilich , die Leute sind selbst schuld , daß man nicht so Vielen aufhilft , als man wohl könnte und möchte . So Viele begehren nicht wieder zu zahlen und werden die ärgsten Feinde , wenn man sie mahnt ans Wiedergeben , es ist akkurat , als ob man ihnen ihre eigene Sache stehlen wolle . Und wie wohl käme es so manchem Handwerksmann , der was anfangen möchte und kein Geld hat , wenn das alte Vertrauen noch wäre . Früher , wenn so einer kam , redete ich meinem Mann immer zu , jetzt freilich wehrte ich schon öfter ab . Aber schämen muß ich mich , daß es bei unsern Verwandten , freilich so ganz nahe sind wir ihnen nicht mehr , so geht ; darum ist es nur billig , daß wir gut machen , was sie sündigen . Haltet es dem Alten nicht für ungut , denkt , er wisse nicht , was er mache , und daß er in der Klemme ist , und da wird man gerne wüst gegen die Leute , will sich damit helfen und macht die Sache immer schlimmer . Denk an die gute Base und sieh um ihretwillen zum Alten , sie hatte auch nicht gute Zeit bei ihm und tat ihm doch , was sie konnte . « Das war eine schöne Rede , welche die Bodenbäurin fallen ließ , in Kammern und Parlamenten hört man langweiligere und kommt dazu doch nichts dabei heraus . Der Bodenbauer gab das Geld . » Probiert aber , « sagte er , » und gebt dem Vetter das Papier , welches euch der Wirt gegeben hat , an Zahlungsstatt . Er ist auch schuld , daß Uli sich da eingelassen , und wenn er es schon nicht annimmt für immer , so ist es doch nichts als billig , daß er dem Wirt ein wenig die Faust macht . Ein Handel mehr oder weniger soll ihm nichts machen , und vielleicht trifft er einen glücklichen Augenblick , wo es wieder tropfet beim Wirt . « Vreneli nahm aber auch das Geld nicht leichtfertig , nicht mit den Worten halb Spaß , halb Ernst : » Jetzt habe ichs , jetzt könnt ihr sehen , daß ihr es wieder kriegt « , sondern mit einem tiefen Seufzer . » Weiß Gott , wann wir es wieder geben können , aber es soll geschehen , wenn Gott uns das Leben läßt , und sollte ich es mit Kuderspinnen verdienen . « » Das würde dich doch noch blangen « , sagte die Bodenbäurin lachend . » Wir wollen hoffen , es werde dir besser gehen . Ihr seid Beide jung , eine Zeit ist nicht alle Zeit , und wer das Unglück brav ertragen hat , der wird dann wohl auch mit dem Glück umzugehen wissen . Je schwerer es dir ist , das Geld zu nehmen , desto leichter , hoffe ich , wird dir das Wiedergeben , oft geht es umgekehrt . « Sie waren also sozusagen wieder unter Dach , geborgen im Wohlwollen oder in der wohlerworbenen Gunst guter Leute , und konnten ruhig die Tage kommen sehen . Uli glaubte , er sei es ihrer alten Freundschaft schuldig , dem Wirt das Papier zuerst zum Einlösen zu präsentieren , ehe er es in fremde Hände zu geben versuche . Diese Zartheit rechnete ihm aber der Wirt nicht eben hoch an . » Mache du mit dem Wisch , was du kannst . Wenn ihn jemand will , so gib ihn und wirf noch die Kappe nach ! Aber Geld begehre nicht von mir , und wenn du mich auf den Kopf stelltest , nicht einen halben Gulden fändest du . Wenn es der eigene Bruder wäre , jetzt könnte ich ihm nichts geben . Mit Betreiben habe keine Kosten , wenn ich dir einen guten Rat geben kann . Machst du mich unglücklich , kriegst du erst nichts . Da sind viele Hunderte vor dir , welche ihre Sache vorab wollen , wenn sie was finden , heißt das . Wartet man mir , ist mir einmal der Schwäher gestorben und hat unser Herrgott mir den Vater abgenommen , er muß ihm nicht lieb sein , er hätte ihn sonst längst begehrt , so gehts dann schon . Aber einstweilen setze man ab ! Wenn ich schon wollte , beim besten Willen könnte ich nicht . « Es sei doch hart , meinte Uli , daß er sein Geld so nötig habe und es nicht erhalten könne und vielleicht gar für einen Andern Geld borgen müsse . » Kann dir nicht helfen , « sagte der Wirr , » da siehe du zu , « ging und zeigte sich nicht wieder . Als Uli den Joggeli zahlte , kam es diesem doch selbst über das Herz , daß er es Uli wüst mache . » Ich würde dir gerne was zurückgeben , « sagte er , » aber ich mangle das Geld gar übel . Das andere Jahr aber , da will ich dir daran denken ; sinn daran und mahne mich . « Das künftige Jahr soll gar oft gut machen , was im laufenden gefrevelt worden . Aber kömmt es dem Frevler immer ? Mit dem Papier , sagte er , möge er nichts zu tun haben , er wollte , er hätte es sein Lebtag so gehabt . Er solle es dem Johannes zeigen , wenn es dem recht sei , so sei es ihm auch recht . Dem Johannes war es aber begreiflich nicht recht . Er fluchte gar mörderlich Uli an : Ob er auch einer von denen - schelmen sei , welche den Vater um den letzten Kreuzer betrügen wollten ! Er wisse ja , der Alte wisse nicht mehr , was er rieche oder schmecke , geschweige denn was er lese , und doch käme er ihm mit einem Papier daher , welches keinen faulen Heller wert sei , er möchte es nicht für eine Pfeife damit anzuzünden . Uli ward böse . Er habe nichts darwider , daß Joggeli durch Schelme um sein Vermögen gebracht worden seie , aber mit denen lasse er sich noch lange nicht zusammenzählen , eiferte er . Er habe hier nichts gewonnen , das Widerspiel , was er gehabt , lasse er dahinten , und warum , Weil man ihn behandle , wie es vor Gott und Menschen nicht recht sei , zum Dank , daß er den Hof in Aufgang gebracht . Das sei doch wohl nie erhört worden , daß man erst einen Pächter verleite , nicht in die Assekuranz zu tun , um den Beitrag zu ersparen , - und hintendrein den Hagelschaden alleine tragen lasse , keinen Kreuzer am Zins schenke . Daß er da Papier hätte statt Geld , sei auch nicht alleine seine Schuld . Er werde sich aber hüten , von einem Wirte Papier anzunehmen , deren Zeug sei mit Schein heutzutage nicht einen faulen Heller wert . » Wie meinst das ? « schnaubte Johannes . » Nimms wie du willst , es ist mir gleich « sagte Uli . » Potz ! « brüllte da Johannes , » ich will dir zeigen , wer du bist ; nackt mußt du mir auf die Gasse und vielleicht noch anderswohin ! « » Meinst , ich solle dir nach ? « sagte Uli , » habe keine Lust dazu , und zwingen wird mich niemand , von wegen ich habe ein reines Gewissen und saubere Finger . « » Wart nur , « sagte der Wirt , schwarzrot im Gesicht , » dir will ich den Marsch machen ! « » Mach , was du willst , « sagte Uli , » aber ich denke , es gehe nicht mehr lange , so werden ich und du hier auf der Glungge akkurat gleich viel zu befehlen haben , und wenn ich dann noch was schuldig bin , so bin ich es sicher nicht dir schuldig . « Sie griffen nicht zusammen , aber großen Zorn hatten Bei , de zu verwürgen . Johannes konnte dieses nicht trocken tun , er mußte Wein dazu gießen und zwar brav . Er ging daher zum Wirt , dessen Papier er soeben so hart ausgescholten . Derselbe war sein bester Freund geworden , seit Johannes öfters auf der Glungge war . Je ähnlicher ihre Verhältnisse wurden , desto mehr näherten sich ihre Herzen , Keiner konnte dem Andern mit Geld helfen , aber mit Rat , und wenn Einem kein Kniff einfiel , so stolperte der Andere über einen . Ihr Hauptwitz drehte sich um folgende drei Punkte : so viel möglich auf Borg zu kaufen , der Bezahlung auszuweichen oder die Last von einer Achsel auf die andere zu legen , wie man zu sagen pflegt . Hier erzählte nun Johannes , wie er es dem Uli gemacht und noch ferner es machen wolle . » Du hast recht , nur ausgefahren mit dem , « sagte der Wirt . » Das ist der dümmste Mensch auf Gottes Erdboden , jedes Kind kann ihn zum Narren halten . Man kann ihm angeben , was man will , er glaubt alles , und rühmt man ihn erst , so steht er dir zweg wie ein Hund , den man streichelt . Er ist mir alle Augenblicke vor der Türe und will Geld , aber er kann noch lange kommen und wird doch keines sehen . Da wäre man ja dumm , sein Geld zu verwerfen , um Leute zu bezahlen , welche man nicht zu fürchten hat . Zu denen muß man sehen , welche wissen , wo angreifen , die hat man zu fürchten ; aber die , welche man zurückschrecken kann , die kann man unbesorgt springen lassen . Einmal gibt man ihnen gute Worte , ein andermal böse , und laufen sie endlich zu einem Agenten , so steckt man dem was und die Sach bleibt jahrelang am gleichen Orte ; der Lümmel kann nichts daran machen und kommt nie darüber , wo es hält . So muß man es solchen Menschen machen . Gott Lob und Dank , es gibt noch viel Solche , sonst wäre unsereiner böse bestellt . « Was der Wirt da so bündig auseinandersetzte , ist wirklich auch so . Es gibt Leute , welche mit Taschenspielergewandtheit dem Bezahlen auszuweichen wissen , immer noch Kredit finden , eine unbegreifliche Schuldenmasse aufhäufen , ihre Last jahrelang nicht einmal zu fühlen scheinen , bis endlich das künstliche Gebäude schauerlich zusammenbricht . Hinwiederum gibt es Leute , welche verdammt zu sein scheinen , nie zu ihrem Gelde kommen zu können , beständig verlieren . Es sind dieses zumeist noch Leute , welche das Geld sehr nötig hätten , welche der Verlust tief schmerzt , wie zum Beispiel Uli . Es sind zumeist gutmütige , leichtgläubige Leute , welche man traulich zu machen weiß , eben wie Hunde mit Streicheln , Leute , welche entweder keinen Begriff vom Rechtsweg oder nicht Mut haben , ihn zu verfolgen , Leute , welche von den Agenten noch gerupft werden , statt bei ihnen Hülfe zu finden . Für die ärmere Klasse ist in diesem Punkte ein schweres Leiden . Was soll man aber zu einer Gesetzgebung sagen , welche dieser Sorte von Taschendieben ihr Handwerk erleichtert und wohlverstanden auch sichert , während sie den Kredit der ärmeren , aber ehrlichen Klasse zerstört ? Wie wenn es wirbelt in Fluß oder See , die Kreise sich immer enger und enger ziehen , bis endlich eine unwiderstehliche Kraft die Wasser und was sie tragen niederwirbelt auf den Grund , um sie loszulassen , die Wasser in Schaum aufgelöst , tot oder zerbrochen , was sie trugen , so zogen sich Joggelis Prozesse , an denen er nichts begriff , enger und enger zusammen . So sollte er zum Beispiel einen Eid schwören , er hätte dem Tochtermann die Schuldverschreibung nicht unterschrieben , während er auf der andern Seite bevormundet werden sollte wegen Geistesschwäche , anderer Händel nicht zu gedenken . Den Eid wollte er schwören durchaus gegen den klaren Buchstaben . Aber der Sohn hatte es ihm ausgelegt mit einigen Flachen . Die Auslegung hatte Joggeli gefaßt und hielt sie fest , und was Pfarrer und Andere sagten , es war alles an eine Mauer geredet . Vreneli machte ihm einmal Vorstellungen , ob er mit einem falschen Eide ins Grab wolle ? Um sein Vermögen habe er sich gebracht , ob er nun zu guter Letzt auch seine Seligkeit verwerfen wolle ? » Das verstehst du nicht , « antwortete Joggeli , » Weiber sollten in solche Sachen gar nicht reden . Meine Frau selig tat es auch immer , darum kam die Sache endlich so . Johannes hat es mir ausgelegt , daß der Eid mich gar nicht berühre , er wird das besser wissen als du . Ungerechteres könnte es doch nichts geben , als wenn ich so mir nichts dir nichts ein solch Geld zahlen sollte . Das wird mir doch kein rechter Mensch zumuten ? Aber du hievest es immer mit allen Andern gegen mich . Was ich dir zuleide getan , weiß ich nicht . Wenn wir dich nicht angenommen , als dich niemand wollte , so könntest du jetzt sehen , was aus dir geworden . Das wird wahrscheinlich der Dank dafür sein sollen . Ich sagte es der Frau selig immer , was du für eine seiest , aber sie wollte es nie glauben . Jetzt könnte sie es wieder erfahren . « Was sollte Vreneli darauf sagen ? Kömmt einmal ein Mensch in diese Verstocktheit , wird er so kindisch oder hat er sich so tief in einen Wahn festgerannt , so nützen Worte nichts mehr . Die Tränen schossen Vreneli in die Augen . » Ja , wenn die Base noch lebte , es wäre viel anders , und manches , das noch geschehen soll , würde unterbleiben « , sagte es . » Ich kann nichts als beten , daß jemand anders weiser sei als Ihr und den Eid Euch nicht zulasse . « Diesen heillosen Eid , von welchem alle Welt wußte , daß er falsch war , während man dem alten armen Tropf alle Tage einredete , er solle ihn tun , weil er ihn tun könne , so daß er allein es glaubte , er schwöre recht , während er doch am besten wissen sollte , daß er falsch schwur , bejammerte Vreneli unendlich . Es meinte , es sei da was zu machen , nicht bloß mit Beten bei Gott , sondern auch mir Vorstellungen bei Menschen , denn was man selbst ausrichten könne , das überlasse Gott dem eigenen Vermögen . Es lief herum , es lief zum Pfarrer , zu diesem , zu jenem ; alle waren seiner Meinung , das Ding sei ein heilloses Spiel . Der Pfarrer meinte , am besten wäre es , wenn der Eid verschoben werden könnte , bis der Streit über Joggelis Zurechnungsfähigkeit entschieden sei . Dieser Aufschub sei sehr wohl möglich , sagte er , wenn das Gericht oder der Richter den guten Willen hätten . Diesen hatte der Richter aber nicht , er war ein Jurist von der gröbern Sorte ; er fragte einer Seele gar nichts nach , und ob ein alter Mann einen falschen Eid tue , kümmerte ihn viel weniger , als daß zu den Bratwürsten , welche er besonders liebte , kein Kalbfleisch genommen werde . Der Tag der Eidesleistung blieb angesagt . Da , einige Tage vor demselben , fand eines Morgens Vreneli den Alten , dem es das Frühstück bringen wollte , sprachlos im Bette , ein Schlagfluß hatte ihm die Zunge und eine Seite gelähmt . Im ersten Augenblick erschrak Vreneli . Dann aber hob es sein Auge auf und sagte leise : » Das hat Gott getan ! « Der Arzt wurde geholt , das Möglichste zu Joggelis Wiederherstellung versucht , doch umsonst . Der Schlag wiederholte sich , am dritten Tage war Joggeli eine Leiche . Jetzt waren die Prozesse zu Ende , ein höherer Richter hatte gesprochen . Das habe Gott gewiß der Base zulieb getan , sagte Vreneli zu Uli . Es vergebe dem Vetter von ganzem Herzen alles , was er ihm gesagt und getan , aber sagen müsse es , Gottes Güte habe er nicht verdient , denn keinen Menschen hätte es gekannt , der Gott weniger nachgefragt . » Aber wie es jetzt gehen wird , was meinst , Uli ? Wer will die verwickelte Strange Garn lösen , daß eine Elle groß ganz bleibt ? « » Weiß Gott , wie es geht , « sagte Uli . » Ich wollte mich in alles gerne schicken , wenn nur der Wirrwarr vorüber wäre und die Ungewißheit einmal aufhörte . Aber ungeduldig wollen wir nicht werden ; es ist schon vieles vorübergegangen , das wird auch zu überleben sein . « Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie der Knäuel entwirrt wird Ein harter Schlag war dieser Tod für Johannes . Wenn er früher auch Joggeli die Seligkeit , wie er sagte , gerne gegönnt hätte , weil es dem Vater wohl und ihm nicht übel gegangen wäre , jetzt war dieser Tod für ihn ein großes Unglück . Jetzt kam die Vermögensmasse in unparteiische Hände , ihr Bestand mußte ausgemittelt werden so wie Schuldner und Gläubiger . Er war nicht gerührt , aber tobte gewaltiglich , daß das hätte geschehen müssen ; es sei gerade , als ob das ihm absichtlich zuleid getan sei , um ihn zugrunde zu richten . Noch acht Tage , so hätte der Vater geflucht gehabt ; dann hätte er seinethalben gehen können , wohin er gewollt , die Sache wäre gewonnen gewesen . Über solche Reden schalt Vreneli den Johannes fürchterlich . Er solle doch an die Mutter im Grabe denken , wenn er auch den Vater nicht achte . Es nehme ihns doch auch wunder , wo er so gottlos und frevelhaft geworden sei , als Junge sei er anders gewesen . Wäre er Bauer geblieben auf der Glungge , so wäre es nicht so gegangen , er wäre