solche Art möchte ich ihn doch nicht dahinten umkommen lassen . Steht einmal hier bei dem Tau ein paar von Euch , aber haltet fest - ich will hinunter und es ihm um den Leib schlagen , nachher kann er sich mit größter Bequemlichkeit wie ein Katfisch an Deck ziehen lassen . « Und damit kletterte er rasch , das eine Ende des Taues in der Hand , auf dem Steuerruder hinauf , bis er einen fest an das nasse Holz geklammerten Arm ergreifen konnte , an dem fühlte er sich hin , ließ sich rasch neben ihm in ' s Wasser hinab , schlang das Tau um den Körper des Fremden , zog den Knoten fest und rief nun , während er selbst mit der Rechten in die Schlinge griff : » Holt an Bord ! « Wenige Minuten später lag der also Gerettete an Deck , aber es bedurfte geraumer Zeit , ehe er sich nur insoweit erholt hatte , einzelne an ihn gerichtete Fragen verständlich zu beantworten . Kälte und Angst hatten ihn fast seiner Sinne beraubt , und er mußte in wollene Decken eingeschlagen und tüchtig gerieben und geknetet werden . Sein erstes Wort nach allen diesen Vorbereitungen war ebenfalls eine Art instinctartigen Gefühls des besten Hülfsmittels - er stöhnte » Whisky « , und die Bootsleute , welche selbst die vorzüglichste Meinung von solcher Arznei hegten , waren rasch mit dem Labsal zur Hand . Als er sich aber so weit erholt hatte , einen nur etwas umständlichen Bericht über sich geben zu können , und zugleich einsah , er befinde sich unter guten , ehrlichen Menschen - wobei er allerdings noch manchmal scheu den Blick nach dem erschossenen Insulaner wie nach dem gebundenen und wohlbewachten Lootsen warf - entdeckte er dem alten Edgeworth , wer er sei und was ihm begegnet wäre . Es war O ' Toole , der , als er das Ufer des Mississippi erreicht hatte , ohne Zögern in den Strom sprang und , so weit er konnte , hinausschwamm , um in dem Nebel jede Verfolgung unmöglich zu machen . Da der Mississippi stieg , so wußte er auch , daß er , sobald er die Strömung erreichte , Treibholz genug finden würde , sich darauf auszuruhen . Zu diesem Zweck hielt er , so weit er das vermochte , quer über , bis er plötzlich das Flatboot vor sich sah und an dessen Steuerruder stieß . Wohl erfaßte er es augenblicklich , aber der Lärm an Bord machte ihn schon unschlüssig , ob er es doch nicht lieber wieder fahren lassen und suchen sollte , irgend einen schwimmenden Stamm zu erreichen . Da vernahm er dicht hinter sich das Rudern des Bootes - er wußte , es waren seine Verfolger , und in Angst und Entsetzen klammerte er sich fester an das Holz , das ihn jetzt noch hielt und vielleicht allein retten konnte . Eben dieses feste Anklammern machte aber das freihängende Ruder auch knarren und bewog Bob Roy , es festzuhalten . Der Ire fürchtete indessen immer noch in Feindes Hände zu gerathen , wenn er sich Denen an Bord zu erkennen gäbe , und erst das gewaltsame Eintauchen des Ruders , bei dem er , hätte Bob seine Drohung wahr gemacht , ersticken mußte , zwang ihn , sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben . - Seine Kräfte waren erschöpft - er konnte nicht mehr . Aufmerksam lauschten jetzt die Männer dem Bericht über das , was O ' Toole gesehen und erlebt , und Edgeworth schauderte zusammen , als er der Gefahr dachte , der sie so glücklich und fast wunderbar entgangen . Großer Gott - wie weitverzweigt mußte diese Bande sein , der er selbst , aus dem Norden Indianas kommend , durch einen ihrer Helfershelfer hatte in die Hände gespielt werden sollen . Was aber jetzt thun ? In der nächsten Stadt die Anzeige machen und die Bewohner aufrufen , den Platz zu zerstören ? War es wahrscheinlich , daß sich gleich Männer genug zusammenfanden , einen solchen sicherlich wohlbefestigten Ort mit Erfolg anzugreifen ? Und mußten sie nicht , im entgegengesetzten Falle , jene selbst vor der Gefahr warnen , daß sie sich ihr durch die Flucht entziehen konnten ? Ja , war das nicht vielleicht jetzt schon durch all ' das Vorhergegangene geschehen , und welches Elend konnte über das Land gebracht werden , wenn sich eine solche Verbrecherbande nach allen Richtungen hin zerstreute ? - Rasch trieben sie indessen mit der Strömung hinab - sie mochten vielleicht , seit sie die gefährliche Insel verlassen hatten - zehn bis zwölf englische Meilen gemacht haben . - Da rief der Mann , der vorn als Wache auf dem Boot saß , ein Licht an - neben dem sie rechts vorbeitrieben und das , wie sie bald fanden , von einem dort gelandeten Dampfboot herrührte . Die Ofenthüren waren geöffnet , und so nahe strichen sie daran vorüber , daß sie deutlich zwei vor den halb niedergebrannten Kesselfeuern lagernde Neger erkennen konnten . » Greift zu den Finnen , meine Burschen ! « rief Edgeworth , » rasch , Boys , das Ufer kann hier kaum fünfzig Schritt entfernt sein . - Komm , Bob , laß den Bug anluven - halt - ruhig noch mit den Larbordfinnen - so , nun greift zusammen aus - ein bischen mehr hinauf , Bob , wir kommen sonst zu weit von dem Dampfer ab - das wird ' s thun - « Und mit raschen und kräftigen Ruderschlägen trieben die Leute das schwere Boot dem Lande zu , warfen um den ersten Baum , den sie erreichen konnten , das Tau , und lagen bald , etwa zweihundert Schritt unter dem Dampfer , ruhig und sicher vor Spring- und Sterntau . O ' Toole aber , der sich jetzt wieder vollkommen erholt und erwärmt hatte , sprang mit Edgeworth an Land , um auf der noch trocken gelegenen Uferbank hin das Dampfboot zu erreichen und den Capitain desselben von den Ereignissen der letzten Nacht in Kenntniß zu setzen . Das Dampfboot war der Black Hawk - von Fort Jonesboro , am Redriver , für St. Louis bestimmt , und führte die von der indianischen Grenze abgelösten Truppen nach der Missouri-Garnison hinauf . Der Nebel hatte es ebenfalls gestern Abend gezwungen , hier beizulegen , und es mußte sich ohnedies , als altes , schon ziemlich mitgenommenes Boot , gar sehr in Acht nehmen und schonen , um nicht durch ein zufälliges Aufrennen der größten Gefahr ausgesetzt zu werden . Kaum vernahm übrigens Capitain Colburn - selbst ein alter Soldat und früher Capitain der texanischen Insurgenten - das Nähere jener von O ' Toole beschriebenen Verbrechercolonie , als er erklärte , unter jeder Bedingung dort landen und den Platz untersuchen zu wollen . Lag ein Irrthum zum Grunde , so konnten es ihm die Ansiedler nur Dank wissen , daß er wenigstens den Willen gezeigt habe , ihnen beizustehen , und erwies sich die Sache als begründet , so war es vielleicht nur durch augenblickliche und nachdrückliche Maßregeln zu ermöglichen , die Flußpiraten zu überraschen und gefangen zu nehmen . O ' Toole warf zwar hiergegen ein , daß er eben so wenig eine Idee habe , wo jene Bande hause , als wo er sich selber gegenwärtig befinde , da er im Nebel förmlich blind umhergefahren sei . Edgeworth dagegen bezeichnete Capitain Colburn ziemlich genau den Platz , wo sie am letzten Abend gelandet waren , und da von dort aus die Strömung gerade auf Nr. Einundsechzig zuführte , so blieb es denn auch nicht langem Zweifel unterworfen , daß diese bis dahin für öde gehaltene Insel der Zufluchtsort der Verbrecher sei . Vor allen Dingen wurden einige Matrosen mit der Jolle nach dem Flatboot hinunter gesandt , um den Steuermann Bill an Bord des » Black Hawk « zu bringen , dieser aber verharrte trotz Versprechungen und Drohungen in hartnäckigem Schweigen , und ließ nur , als er die fremden Matrosen um sich sah , den Blick von Einem zum Andern schweifen , ob er nicht doch vielleicht ein ihm freundlich gesinntes Antlitz darunter entdecke . Ueberall aber hafteten die Augen der Männer mit dunklem , Unheil verkündendem Ernst auf seiner gefesselten Gestalt , und er wandte sich endlich mit wildem Unmuth in Wort und Miene ab von der feindlichen , von flammenden Kienholzspänen grell beleuchteten Schaar . Ehe sich der Nebel zertheilte , war übrigens ein Vordringen unmöglich , denn erstlich hätten sie stromauf die Insel gar nicht auf ' s Ungewisse hin gefunden , und dann durften sie sich auch nicht der Gefahr aussetzen , auf den Sand zu laufen , da sich sonst die Verbrecher leicht und ungestraft auf Booten gerettet hätten . Edgeworth wollte nun allerdings auf seinem Fahrzeug bleiben , um nicht allein seine Ladung stromab zu nehmen , sondern auch das Mrs. Everett gegebene Versprechen zu halten . Das sah er aber bald durch zwei Umstände unmöglich gemacht , erstlich durch den Capitain Colburn selbst , der seine Gegenwart unbedingt verlangte , um ihn auch für diese eigentlich willkürliche Handlung bei der nächsten Behörde zu vertreten , mehr aber noch durch die feste und bestimmte Erklärung seiner Leute , lieber den letzten Cent ihres Gehalts im Stiche zu lassen , ehe sie nicht das Räubernest mit aufsuchen und die Schlangen zertreten möchten , die die giftgeschwollenen Fänge auch gegen sie erhoben hätten . Allein konnte Edgeworth das Boot unmöglich stromab nehmen . Der Capitain beseitigte aber endlich auch die letzte seiner Bedenklichkeiten dadurch , daß er , als er erst erfahren hatte , welche Ladung Jener führe , erklärte , die Waaren selber , und zwar für die Garnison am Missouri ankaufen zu wollen . Ueber den Preis verständigte er sich leicht mit dem alten Mann , und da er selbst fast gar keine Fracht an Bord hatte , so ließ er sein Dampfboot langsam den Strom hinab bis neben das Flatboot schaffen . Während nun die Mannschaft beider Fahrzeuge , von den Soldaten redlich dabei unterstützt , mit einem Eifer arbeitete , als hinge ihre künftige Glückseligkeit an dem schnellen Ueberladen der Fracht , und als handle es sich hier nicht darum , einem Kampf mit Verzweifelten , vielleicht dem Tod entgegen zu gehen , schlossen die beiden Männer in der Kajüte den Handel ab . Das der Dame gegebene Versprechen durfte den alten Mann jetzt auch nicht länger hindern , denn diese erklärte , nach den Vorfällen der letzten Nacht viel lieber wieder mit dem Black Hawk nach Helena zurückkehren und das nächste Dampfboot stromab benutzen zu wollen , als sich noch einmal solcher Gefahr auszusetzen . Ueberdies konnte man nicht wissen , ob die Verbrecher nicht vielleicht auf ihren Booten flüchtig geworden wären oder noch würden , und dann machten sie gewiß den Strom auf die nächste Zeit unsicher . Die Zertheilung des Nebels war nun das Einzige , was noch abgewartet werden mußte , und ein frischer Morgenwind , der sich gegen Sonnenaufgang erhob , ließ sie in dieser Hinsicht das Beste hoffen . Indessen verträumten sie ihre Zeit nicht unnütz ; alle Vorbereitungen wurden getroffen , einem gefährlichen Feind zu begegnen , die Waffen in Ordnung gebracht und die Leute gemustert . Der Capitain wollte anfangs Freiwillige auswählen , die erste Landung mit diesen zu wagen , sah sich aber bald gezwungen , selbst eine Auswahl zu treffen , denn Alle traten vor und verlangten , den ersten Fuß an Land setzen zu dürfen . Außer ihren gewöhnlichen Waffen empfingen die Leute noch , um das von O ' Toole beschriebene Dickicht zu durchdringen , Beile , Aexte und schwere Messer , so viel sich auftreiben ließen , und ihr erster Angriff sollte sich auf den Platz richten , von dem die Männer auf der Insel gesprochen - die untere Spitze , wo aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Boote versteckt lagen . Gelang es , sich dieser zu bemächtigen , so schnitten sie den Piraten die Flucht ab , und der Tapferkeit der Angreifenden blieb es in dem Fall allein überlassen , der gerechten Sache den Sieg zu gewinnen . 30. Mrs. Breidelford und ihre Gäste . Der Leser muß noch einmal mit mir zu jener Zeit zurückkehren , wo Tom Barnwell , so unerwarteter Weise angeklagt und verhaftet , von dem Constabler dem Gefängniß oder der sogenannten County jail zugeführt wurde , während der Squire mit Sander den Weg nach dessen eigenem Hause einschlug . Diese Jail befand sich aber in derselben Straße mit Mrs. Breidelford ' s Haus , und zwar gerade schrägüber von ihm , auf der andern Seite des schon früher erwähnten freien Platzes , so daß also die beiden Männer , sobald sie in die links abführende Straße traten , den dem Gefangenen nachdrängenden Menschenhaufen verließen . Tom dagegen sah sich bald darauf in einer kleinen , nach dem Platz hinausführenden Zelle einquartirt und seinem eigenen , nichts weniger als angenehmen Nachdenken überlassen . Unruhig schritt er in dem engen , dunkeln Raum auf und ab und suchte sich die wunderlichen Vorgänge dieses Abends nach Möglichkeit zusammen zu reimen ; doch umsonst , des Richters Betragen selbst blieb ihm räthselhaft , und daß Hawes ein Schurke sei , bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr . War er verhaftet worden , um an der Entdeckung irgend eines Bubenstücks verhindert zu werden ? Er blieb - als ihm dieser Gedanke zum ersten Mal das Hirn durchzuckte , schnell und betroffen stehen und sah starr vor sich nieder . War das möglich ? - Nein , nein , der wirkliche Constabler hatte ihn ja verhaftet - der Richter war dabei gewesen , das konnte nicht sein ; ja der Mann selbst , der ihn beschuldigt , war ihm fremd , er hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen , das wußte er gewiß ; es mußte also ein Irrthum sein , der sich bald aufklären würde . Sollte er aber indessen hier sitzen ? Edgeworth hätte unmöglich so lange auf ihn warten können - und Marie ? - Was wurde aus dem armen , unglücklichen Wesen ? Wiederum schritt er schnell und heftig auf und ab und suchte in der raschen Bewegung auch jene wilden , tobenden Gefühle zu beschwichtigen , die ihm Herz und Sinn durchglühten . Endlich , als sein Blut anfing , sich ein wenig abzukühlen , trat er an das kleine , durch schwere Eisenstäbe wohlverwahrte Fenster und blickte in die nebligte , nur hier und da von einem mattschimmernden Licht erhellte Straße hinaus . Der Platz vor der Jail war menschenleer ; Die , die ihm dorthin gefolgt , hatten gesehen , wie sich die schwere eichene Thür hinter ihm schloß - eben diese Thür dann noch eine Weile angestarrt und nun langsam wieder den Weg nach ihren verschiedenen Wohnungen eingeschlagen . Nur ein einzelner Mann kam durch die Straße herunter und blieb - er hatte sich den Ort deutlich genug gemerkt - gerade vor demselben Hause stehen , vor dessen Thür er jenen jungen Mann überrascht hatte . Sollte das Hawes wieder sein ? War er zurückgekehrt von seinem kranken Weibe ? Und suchte er jetzt noch einmal da , wo ihm der Einlaß früher verweigert worden , Zutritt zu erhalten ? Es dunkelte zu sehr - er konnte die Gestalt nicht mehr erkennen , deutlich aber vernahm er das mehrmalige , zuletzt ungeduldige Klopfen , und endlich wurde es in dem Hause lebendig . An den unteren Fenstern erschien ein Licht , bald darauf öffnete sich die Thür - ein heller Strahl fiel wenigstens auf den Weg hinaus - und gleich darauf verschwand die Gestalt . Nach und nach erstarb auch das letzte Geräusch ; die letzten Lichter , die er theils oben , theils unten an der Straße beobachtete , erloschen . Nur in jenem Hause blieb es hell . Stunde nach Stunde stand Tom so an dem kleinen Fenster und blickte hinaus in die feuchte , trostlose Nacht ; Stunde nach Stunde lauschte er dem fernen monotonen Geräusch der Frösche und dem wunderlichen , dann und wann die Stille unterbrechenden Schrei einzelner über die Stadt hinwegstreichender Nachtvögel . Träumend hingen seine Augen an dem Nebel , und er dachte der vergangenen Tage - der vergangenen Liebe . Manche Thräne war ihm dabei , so recht heiß aus dem Herzen kommend , über die gebräunte Wange geträuft , und er gab sich nicht einmal die Mühe , sie wegzuwischen , ja er fühlte sie vielleicht nicht einmal . Allein - ganz allein stand er in der Welt , keine Seele hatte er mehr , die ihn liebte , kein Herz , das an ihm hing ; starb er jetzt , wer war da , der sich viel um ihn gekümmert , der seiner vielleicht mit einer Thräne gedacht hätte ? - Niemand , Niemand , und als ihn der Gedanke durchbebte , barg er tief aufseufzend das Antlitz in den Händen und starrte in die wilden , wirren Bilder hinein , die an seinem inneren Auge vorüberstürmten . Einmal fuhr er empor - es war ihm fast , als ob er über die Straße herüber einen schwachen Schrei gehört hätte - sein Blick traf auf das noch schimmernde Licht in dem geheimnißvollen Hause , aber Alles war ruhig , kein Laut störte die tiefe Stille , und ermüdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder , um ein paar Stunden zu schlafen und wenigstens für kurze Zeit alles das zu vergessen , was ihn jetzt mit so schmerzlichem Weh erfüllte . * * * Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt entfernten und noch erleuchteten Hause zu , wo Mrs. Louise Breidelford ihre , wie sie oft äußerte , » bescheidene und anspruchslose Wohnung « aufgeschlagen hatte . Allerdings hatte Tom Barnwell ganz recht gesehen , oder wenigstens recht vermuthet - jene Gestalt , die bald nach seiner Gefangennehmung vor das Haus zurückkehrte , war wirklich die des vermeintlichen Hawes gewesen , und lange mußte er wieder klopfen , ehe er Einlaß erhielt . Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht abzuweisen , und viel zu schlau , als sich durch ein einfaches Ruhigverhalten der Inwohnenden gleich davon überzeugen zu lassen , das Haus sei wirklich für den Augenblick unbewohnt . Er kannte seine Leute besser und vermuthete gar nicht mit Unrecht , daß Mrs. Breidelford , trotz ihrer sonst in der That ungewöhnlichen Schweigsamkeit , sicherlich hinter der Thür stehe und jede seiner Bewegungen belausche . Als sein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb , bog er sich zum Schlüsselloch nieder und flüsterte durch dieses : » Meine verehrte Mrs. Breidelford , es thut mir zwar unendlich leid , daß Ihnen meine Gesellschaft nicht übermäßig interessant oder wünschenswerth zu sein scheint , ich muß aber nichtsdestoweniger Einlaß haben , und wenn Sie die Thür nicht öffnen , so klopf ' ich hier so lange , bis die ganze Nachbarschaft rebellisch wird - dort unten hör ' ich schon wieder Leute kommen . « Und wiederum begann er mit beiden Fäusten an die Thür zu hämmern . Keine halbe Minute hatte er es diesmal fortgesetzt , als er von innen einen schweren Riegel zurückschieben hörte - gleich darauf noch einen , dann war Alles wieder ruhig . Er versuchte jetzt die Thür zu öffnen , diese mußte aber auf jeden Fall noch verschlossen sein , und ohne sich auf weitere Demonstrationen einzulassen , begann er sein Klopfen auf ' s Neue . » Herr Du mein Gott ! « sagte da die entrüstete Stimme der ehrsamen Mrs. Breidelford , während sie jedoch den Schlüssel im Schloß umdrehte und die Thür ein klein wenig aufmachte - » daß sich unser Herr Jesus erbarme - wer in aller Welt - « Sander schnitt ihr hier den Redeschwall kurz ab , denn kaum zeigte die Thür so viel Oeffnung , daß er einen Fuß dazwischenschieben konnte , so legte er sich rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im nächsten Augenblick im innern Raum . Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks wie die entfernte Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe weiter zu beachten , warf er die Thür schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits eben so sorgfältig mit Schloß und Riegeln wieder , wie sie vorher verwahrt gewesen war . » Aber ich bitte Sie um Gottes willen - « rief die bestürzte Frau . » Ruhe , meine süße Lady ! « bat Sander lächelnd , » Ruhe , holde Louise - Deine Unschuld ist unbedroht , Deine freundlichen Augen sind nicht gefährdet , nur Deine herzigen Lippen mußt Du verschließen , Und wenn Dir dann das Herz , zu voll , Im wilden Drange überquillt , Dann wirf Dich , Lieb ' , an diese Brust , Und all ' Dein Sehnen ist gestillt , Dein Sehnen , das Dir - « » Der Henker ist Euer Du ! « unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf nicht gerade freundliche Art ; » was in des Teufels Namen vollführt Ihr für einen Lärm an einsamer Wittwen Thüren , als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht hättet , die Füllungen einzuschlagen . Mensch , seid Ihr rasend , oder wollt Ihr mich und Euch selber unglücklich machen ? « » Keins von Beidem , holde Ariadne , « sagte Sander und machte einen Versuch , seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen , welche Bewegung sie aber auf geschickte und ärgerliche Weise parirte - » keins von Beidem , ich hatte nur Wichtiges mit Ihnen zu bereden , und da meine Zeit etwas beschränkt ist - aber , holdseligste der Krämerinnen Helenas , wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht auf der Hausflur stehen lassen ? Ich bin kalt , naß , hungrig , durstig , beraubt , verliebt und in Gefahr - Eigenschaften , von denen jede einzelne hinreichend sein müßte , bei einer so liebenswürdigen entzündlichen Frau auch das größte Interesse für den Eigenthümer zu erwecken . Zuerst bitte ich also um Beseitigung der ersten vier , nachher wollen wir über die anderen reden . Mrs. Breidelford , mein Name ist Sander , und ich habe schon früher das Vergnügen gehabt - « » Ei so soll Einem doch der liebe Gott in Gnaden beistehen ! « rief die Frau im höchsten Erstaunen aus - » geht dem nicht das gesegnete Mundwerk wie die Yankee-Dampfmühle am Whiteriver . Was wollt Ihr von mir , Sir ? Was kommt Ihr in später Nacht in einzelner und allein stehender Frauen Häuser , und macht zuerst einen Lärm vor der Thür , daß die ganze Nachbarschaft aufmerksam werden muß ? Bin ich hier in Helena , um Logis für vagabondirende Landstreicher zu halten , soll ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen , jeden nichtsnutzigen Galgenstrick der gerechten Strafe entziehen ? Aber das geschieht mir schon recht , mein Seliger - wenn er jetzt von oben auf mich herabsieht , weiß er , daß ich die Wahrheit rede - mein Seliger hat mir das schon immer tausendmal gesagt - und tausendmal reichen nicht - Louise , sagte er - halt , was soll ' s da ? Die Thür ist verschlossen - was wollt Ihr an der Thür ? « » Nur Einlaß , holde Louise , « sagte lächelnd Sander , » wenn nicht hier , doch oben - ich höre solche moralische Bemerkungen des alten seligen Breidelford ungemein gern , aber ich muß ein Glas heißen Grog oder Stew vor mir und einen weichen , behaglichen Sitz unter mir haben - also , wenn ' s gefällig wäre - « » Die Thür da ist verschlossen , sag ' ich , « rief Mrs. Breidelford jetzt wirklich ärgerlich , » hol ' Euch doch der Henker , Mann , was wollt Ihr ? Weshalb kommt Ihr her ? « » Nachtquartier will ich , theuerste Louise , « erwiderte Sander mit unzerstörbarem Gleichmuth - » Nachtquartier , ehrbare Wittib , und einen guten warmen Imbiß , um dabei mit Dir von einigen Geschäftssachen reden zu können . « » Das geht nicht - ich beherberge Niemanden , « rief Mrs. Breidelford schnell - » kommt morgen am Tage wieder , wenn Ihr Geschäfte mit mir abzumachen habt . « » Mrs. Breidelford ! « » Geht zum Teufel mit Eurem Unsinn , ich will nichts mehr hören - macht , daß Ihr fortkommt , oder ich rufe , so wahr ich selig zu werden hoffe , den Constabler . « » Mrs. Breidelford , « sagte Sander mit sanfter , schmelzender Stimme - » theure Mrs. Breidelford - wollen Sie einen Unglücklichen von Ihrer Schwelle , wollen Sie mich jetzt in den feuchten Nebel , fast in der Gewißheit eines lebensgefährlichen Schnupfens und Katarrhs , hartherzig hinausstoßen ? « » Geht gutwillig , Sir , oder ich rufe wahrhaftig den Constabler , « rief die Frau und schob die beiden Riegel wieder zurück . Sander aber , der jetzt einsah , daß er den Scherz weit genug getrieben , flüsterte ernst und drohend : » Halt , Madame , nicht weiter ! - Gutwillig wollen Sie mich nicht hören , meine Bitten konnten Sie nicht bewegen , so mag die Furcht Sie dazu zwingen ! « » Furcht , Sir ? « rief Madame heftig auffahrend . » Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen , der , wenn nur laut geflüstert , Ihren Hals schon dem Henker überliefern würde ? « sagte Sander jetzt mit immer gesteigerter Stimme , - » soll ich Ihnen einen Nagel nennen , der der Nagel Ihres Sarges werden könnte ? - Soll ich Ihnen - doch nein , « brach er plötzlich ruhiger ab , » ich will das nicht thun , ich bitte Sie nur um ein Nachtlager und Speis ' und Trank , das Uebrige bereden wir drin - ich bin ein Freund - Sie verstehen , was ich damit meine . Kann ich hier bleiben ? « Mrs. Breidelford sah ihn verstört an - ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen , und seine Augen schienen ihr in nur zu deutlicher Sprache zu sagen : ich weiß mehr , als ich Dir jetzt mittheilen will - hüte Dich . - Ihr Gewissen schlug sie - ihr Herz klopfte ängstlich - und sie sagte mit zitternder Stimme , die sie nur noch durch angenommene Verdrießlichkeit zu verdecken suchte : » Ei , zum Henker ! Sir , Ihr gebraucht sonderbare Worte , Jemanden um eine Gefälligkeit zu bitten , aber - geht nur hinauf - ' s ist ein häßlicher Abend heut , und - es ist auch noch Jemand oben , den Ihr vielleicht kennt . Eigentlich ist mir ' s sogar lieb , daß ich mit dem - mit dem Herrn nicht ganz allein bleibe . - Nein , hier ist die Treppe - ach Du lieber Gott , ob denn mein Seliger nicht Recht hatte , wenn er sagte - Louise - es sind seine eigenen Worte - « » Bitte , Madame , wen soll ich oben finden , wenn ich fragen darf ? « unterbrach sie Sander hier , » Sie werden begreifen , daß ich nicht jede Gesellschaft - « Louise Breidelford sah sich einen Augenblick um , als ob sie selbst hier fürchte , gehört zu werden , und flüsterte dann , während sie mit dem Lichte rasch an ihm vorbei- und die Stiegen hinaufschritt : » Henry Cotton - Ihr werdet begreifen , daß ich Ursache hatte , vorsichtig zu sein , ehe ich Gäste einnahm « . » Hm , « sagte Sander und blieb , sinnend das rohe Treppengeländer mit der einen Hand erfassend , noch einen Augenblick unten an der Treppe stehen - » hm - wunderbar - Henry Cotton jetzt hier , und heute Morgen - doch - was thut ' s ? Vielleicht ist es sogar gut , daß ich ihn hier treffe . « Und mit flüchtigen Sätzen folgte er der schon vorangeschrittenen Lady , die jetzt ein Seitenzimmer öffnete und dem späten , wenig willkommenen Gast hineinleuchtete . Es war ein kleines , düsteres Gemach , von innen und nach der Straße zu mit Gardinen verhangen ; die Wände nicht tapeziert , doch die Spalten der Stämme , aus denen sie bestanden , wohlverklebt und das Ganze übertüncht ; der Fußboden auch ziemlich rein und sauber gehalten . Die Möbel schienen übrigens , wenn auch einfach , doch bequem , und das im Kamin lodernde Feuer , über dem ein breitbauchiger kupferner Kessel zischte , gab dem Ganzen etwas Heimliches und Gemüthliches . Dies aber schien besonders dem hier schon früher eingetroffenen Gaste wohlzuthun . Er lag , die Hände auf der Brust gefaltet , in einem großen Sorgenstuhl , dem sonstigen Leibsitz der Eigenthümerin , behaglich zurückgelehnt und mußte so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halbgeleerten Glases vertieft sein , dessen purpurrother funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden Studirlampe beleuchtet wurde , daß er den jetzt Eintretenden kaum eines Blickes würdigte . Er that auch wirklich , als ob er hier Herr im Hause und nicht ein Flüchtling und vogelfreier Verbrecher wäre , auf dessen Einlieferung sogar schon bedeutende Prämien gesetzt worden . Uebrigens wußte er recht gut , daß ihm seine Wirthin Niemand bringen würde , der ihm gefährlich war , und es freute ihn sogar , Gesellschaft zu bekommen , da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidelford wohl nicht mit Unrecht einen höchst langweiligen Abend befürchtete . Madame hatte nämlich , um selbst nicht in die Gefahr zu kommen , daß ihr Dienstmädchen ahnen konnte , wer ihr Gast sei , dieses heute Nachmittag , und noch ehe Cotton ihr Haus betrat , unter irgend einem Vorwande zu ihren Eltern geschickt , von wo sie vor morgen früh auf keinen Fall zurückkehren würde . Sander schritt auf