ich so furchtsam bin um Dich . Ich hab auch jetzt schon lange wieder nichts von Dir gehört , auf den Clausner kann ich mich nicht verlassen , von Dir will ich keine Briefe fordern , Du hast viel zu denken , und vielleicht Deine Augen sind leidend , aber doch bin ich immer voll Sorgen , wenn ich an dem Tag keine Briefe von Dir hab , wo ich mir ' s in Kopf gesetzt hab ; dann steigert sich ' s bis zur Angst , wenn noch ein Posttag vergeht , und dann hilft mir ' s nur , wenn ich in der Sternennacht auf der Warte an Dich denke , da trau ich ' s meinem Geist seinem mächtigen Willen zu , daß er Dich schütze . Die Nächte war so tiefer Schnee gefallen , daß ich mir erst am Tag einen kleinen Pfad zum Turm schaufeln mußte , denn so lang ich vermag , wird mich nichts abhalten , daß ich da hinaufgeh und in Gedanken zu Dir dringe und für Dich bet , bis ich wieder bei Dir bin . - Im Rheingau hast Du mir auch geschrieben , nur kurz , weil Du Augenweh hattest , aber ich las doch in den zwei Zeilen , wie Du gestimmt warst , zutunlich . - An die Bettine Deine Briefe haben mir viele Freude gemacht , zweifle nicht daran , liebe Bettine , weil ich Dir selbst so sparsam geschrieben habe , aber Du weißt , viel denken und oft schreiben ist bei mir gar sehr zweierlei ; auch hab ich die Zeit schrecklich viel Kopfweh gehabt . Du schreibst mir gar nichts von Gundel und Savigny , tue es doch . Ich stelle mir Eure Lebensart recht still , vertraulich und heimlich vor . - Aber ich fürchte nur , Du kommst wieder zu gar nichts . - Dem Clausner hast Du geschrieben , Du treibst Mathematik mit einem alten Juden , und vielleicht werdest Du auch Hebräisch lernen , Du habest schon einen Teil vom Abc inne - mit der Geschichte treibst Du Dich herum wie ein Kätzchen mit einem Spielball , der am Faden hängt ; Du wirfst ihn hin und her , solang es Dich ergötzt , und dann läßt Du ihn müßig liegen , was Du über Musik vorbringst , ist lauter Larifari , meinst Du , wenn etwas schlecht gelingt und sich gegen den Geist sträubt , das sei ein Zeichen , daß man es aufgeben solle ? - Da bin ich grade der entgegengesetzten Meinung , und wenn auch etwas Dir trivial erscheint , so ist deswegen die Sache es gar nicht , sondern Dein Begriff ist nicht gelichtet , an was willst Du Deine Kräfte üben , wenn nicht an dem , was Dir noch schwer dünkt ? - Ich glaube , so manches , was Du Dir jetzt fremd glaubst , würde seine innere Verwandtschaft zu Dir geltend machen . - Du hast Wissenstrieb ohne Beständigkeit , Du willst aber alles zu gleicher Zeit wissen , und so weißt Du keinem Dich ganz hinzugeben und setzest nichts recht durch , das hat mir immer leid an Dir getan . Dein Eifer und Deine Lust sind keine perennierenden Pflanzen , sondern leicht verwelkliche Blüten . Ist es nicht so ? - Sieh , darum ist es mir gleich fatal gewesen , daß Dein Lehrmeister in der Geschichte Dich verlassen hat , die Begebenheiten unterstützen ordentlich Deinen natürlichen Hang , noch dazu , da er so geistreich und so faßlich und - so liebenswürdig sein soll , - so nehm ich es ihm übel , daß er nicht mehr Interesse an Dir nahm . Übrigens muß ich Deine Ausschweifungen im Lernen wieder tragen ; es wurde mir im vorwerfenden Ton mitgeteilt , und ich merkte , daß meiner Verwundrung hierüber , und daß ich nichts davon gewußt habe , nicht Glauben beigemessen wurde . Vom Clemens weiß ich nicht , ob ich wohltun würde , ihm so nachzugehen , wie Du es meinst , es läßt sich da nicht einbiegen und ihm in den Weg treten , um ihm zu begegnen , wo ich ihn aber begegnen werde , da sei überzeugt , daß es nur friedliche und herzliche Gesinnung sein wird , ich bin weit entfernt , ihn aufzugeben , er steht mir vielmehr zu hoch für meine Kräfte , die nicht an ihn reichen . Mein Tadel ist , daß er diese hohen Anlagen alle vergeude , aber ich glaube Dir , daß dies kleinlich von mir ist , und hab mich auch schon gebessert . Ich weiß nicht , ob ich so reden würde , wie er meinen Brief in dem seinigen reden läßt ; aber es kommt mir sonderbar vor , daß ich zuhöre , wie ich spreche , und meine eignen Worte kommen mir fast fremder vor als fremde . - Auch die wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen , sie bezeichnen ein ihnen einwohnend gewesenes Leben , und ob sie gleich dem Lebendigen ähnlich sehen , so ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin ; deswegen kommt es mir vor , wenn ich lese , was ich vor einiger Zeit geschrieben habe , als sähe ich mich im Sarg liegen , und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an . Mein Zutrauen war freilich kein liebenswürdiges Kind , es wußte sich nicht beliebt zu machen , nichts Schönes zu erzählen , dabei flüsterten ihm die Umstehenden immer zu : » Kind sei klug ! gehe nicht weiter vorwärts , der Clemens wird Dir plötzlich einen Streich spielen und Dir die Schuld geben , daß er Dich nicht mehr ausstehen könne . « Da wurde das Kind verwirrt und ungeschickt , es wußte nicht recht , wie man klug sei , und schwankte hin und her , darf man ihm das so übelnehmen ? - Aber eigensinnig ist das Kind nicht . Wenn es im Hause freundlich und gut aufgenommen wird , kehrt es sicher lieber um , als daß es länger auf der Straße verweile . So kannst Du dem Clemens über mich berichten , auch daß seine Scherze über meine Art zu schreiben und die ungefügen Worte , die ich gebrauche , mich nicht verdrießen , ich muß mich bei dieser Stelle seines Briefs immer auslachen und werde das Wort Ratschläge gar nicht mehr gebrauchen können , überdem erinnert es mich auch noch an Purzelbäume . - Ich kenne wenig Menschen und vielleicht niemand ganz genau , denn ich bin sehr ungeschickt , andre zu beobachten . - Wenn ich daher einen Moment verstehe in ihm , so kann ich von diesem nicht auf alle übrigen schließen . Es mag wohl sehr wenige Menschen geben , die dies können , und ich wohl mit am wenigsten . Jetzt denke ich , es sei gut , den Clemens zu betrachten , und erfreulich ; und er will , man solle ihn nur betrachten wollen . Ist diese Ansicht wahr oder falsch ? Caroline Ich lese Deinen Brief und den meinen und erkenne , wie verschieden unsre Stimmungen sind , aber ich fürchte nicht , daß Du an mir zweifelst , oder mein Übergehen unrichtig auslegest ; was soll man dazusetzen oder einfallen wollen , wo sich etwas frei und wahr ergibt wie Deine Mitteilungen , aber das , was Du übergehst , das muß ich berühren . Du kommst mir vor wie ein Eroberer , der alle Waffen verschmäht aus Heldenmut , der alles verachtet , was ihn schützen , verteidigen könnte , und jede Waffe , die er zum Erobern bedarf ; ja , ich glaub , das Hemd möchtest Du abwerfen . Doch sind Wissen , Begreifen , Lernen nicht allein die Armaturen des Geistes , sie sind vielmehr seine Glieder , mit denen er sich wehrt , und sich aneignet , was seinem Genie zukommt . Bedenk ' s alles und neige meinen Lehren ein herablassend Gehör . - Deine Beichte hab ich mit Sanktion angehört und erteile Dir Absolution und verspreche Dir , auch Dich zu begleiten , wenn Du deinen Erzeuger aufsuchst . Ich werde wohl nicht die erste Rolle übernehmen müssen bei dieser Überraschung langgehegten Begehrens . - Schreibe mir ein bißchen ordentlich über das Chaos Deiner Verwirrungen . An die Günderode Die Frankfurter haben mir geschrieben und haben mich schon ausgepelzt mit allerlei verwunderlichen Prophezeiungen . - Erstens : ich soll mir häusliche Tugenden angewöhnen . Zweitens : wo ich einen Mann hernehmen will , wenn ich Hebräisch lern ? - So was ekelt einem Mann , schreibt der lieb , gut Engels-Franz , als wie die spartanische Suppe ; an einen solchen Herd wird sich keiner niederlassen wollen und eine Schüssel Mathematik , von einem alten schwarzen Juden assaisonniert , sei auch nicht appetitlich , darauf soll ich mir keine Gäste einladen , und der Generalbaß als Dessert , das sei so gut , wie eingemachter Teufels-Dr . - Das wär eine schöne häusliche Tafel usw. und man spotte meiner allgemein , daß die Lulu eher geheiratet habe , und dann meint er ganz gutherzig , daß , wenn ich ebensoviel häusliche Tugenden geäußert hätte , ich gewiß auch einen Mann bekommen haben würde . - Ich schrieb ihm , er soll nur immer mitspotten , denn es sei jetzt nicht mehr Zeit mich zu ändern ; und der ganz Jud sei nur in meine Tagsordnung einrangiert , um mich vor dem Mottenfraß der Häuslichkeit zu bewahren , und ich hätt gemerkt , daß man in einer glücklichen Häuslichkeit Sonntags immer die Dachziegel gegenüber vom Nachbar zähle ; was mir so fürchterliche Langeweile mache , daß ich lieber nicht heiraten will . - Ich hab aber auch dem Doktor einen ironischen Lügenbrief wieder mit Lügen beantwortet und dem Clausner auch einen . Und es sind auch allerlei Anspielungen , recht liebliche auf Dich , die ich mit charmantem Humor beantwortet hab . So kommst Du zuletzt an die Reih . Dem Clemens hab ich alles übermacht . - Deine eigne Sorge um meine Ausschweifungen im Lernen , die lasse sich legen . Der Wind zaust mich und schüttelt mir alles aus dem Kopf . - Wenn Du meinst , ich könnt was dafür , daß ich nichts kann , da tust Du mir unrecht . Es ist nicht möglich , meine Lerngedanken zusammenzubringen , sie hüpfen wie die Frösche auf einem grünen Anger herum . Meinst Du , ich mach mir keine Vorwürfe ? - Meinst Du , ich raffel mich nicht alle Tage zusammen ? - mit dem festen Vorsatz es durchzunehmen , bis es mir ganz geläufig ist ? - Aber weißt Du , was mich zerstreut ? - Daß ich ' s allemal schon weiß , noch eh es der Lehrer mir ganz auseinandergesetzt hat , nun muß ich warten , bis er fertiggekaut hat , da nehmen unterdes meine Gedanken Reißaus , und dann ist es nachher nicht , daß ich es nicht gelernt hab , sondern ich hab ' s nur gar nicht gehört , was er gesagt hat ; mit dem Hofmann in Offenbach war ' s eine andre Sach , er lehrte so problematisch , er ließ mir hundert interessante Fragen , die er freilich oft unbeantwortet ließ , die oft zu ganz fremden Dingen führten , aber dies regte mich an , immer darauf zurückzukehren . Ich will mich damit nicht entschuldigen , ich weiß , daß es ein Fehler , eine Schwäche , eine Krankheit ist ; ich geb ' s auch nicht auf , sie zu bekämpfen , und sollt ich bis an meines Lebens End damit zu tun haben , ich geb ' s nicht auf , das fort zu lernen , was mir einmal Begierde , ja ich kann wohl sagen , Leidenschaft erregt hat . - Generalbaß ! - Wenn Du ahnen könntest , welches Ideal mir in diesem Wort vor den Sinnen schwebt , und welchen alten Manschettenkerl mir die Lehrer vorführen und behaupten , das sei er , Du würdest mich bedauern , daß ich den Genius unter dieser Gestalt sollte wieder erkennen müssen . Nein , er ist es nicht . Die ganze Welt ist eben Philistertum , so haben sie nicht eher geruht , bis sie auch das Wissen dahingezerrt haben . Wär es frei behandelt mit Genie , dann wär sein Beginnen kindlich , nicht aberwitzig mit lauter Gebot und Verbot , die sich nicht legitimieren : Das darfst Du nicht , das mußt Du - warum ? - weil ' s die Regel ist . - Nun aber ! - ich fühl ' s , das soll mich nicht abhalten , und ich werde tun nach Kräften , und das andre wird der Gott meinen mangelnden Kräften zugut halten , und auch mußt Du etwas auf einen bestimmten Naturtrieb rechnen , der mich mit Gewalt zu andern Gedanken reizt , einen Vorteil hab ich davon , meine großen Anlagen werden jetzt sehr in Zweifel gezogen oder vielmehr mir gänzlich abgeleugnet , und meine Genialität gilt für Hoffart , und mein Charakter für einen Schußbartel , dem man alle Dummheiten zutrauen kann , ohne ihm eine zum Vorwurf machen zu können . Da fühl ich mich sehr bequem in meiner Haut , und es ist mir noch einmal so behaglich unter den Menschen ; - niemand denkt zwar dran , daß ich nie Prätension an jene hohe Eigenschaften machte , von denen man erwartete , daß sie aus dem Ei kriechen würden , und daß es nur unser lieber Posaunenengel war , der all diese Dinge über mich hinter meinem Rücken in die Welt hinein trompetete , und man gibt mir die Schuld , daß ich ein eingebildeter , aufgeblasner Kerl wär , der meine , seine Phantasie regne Gold ; aber das kränkt mich gar nicht , und beschämt mich auch nicht und es steckt mich vielmehr an , daß ich allerliebst dumm sein kann und mich mitfreue , wenn sie mich auslachen , und da lacht man als weiter . - Du fragst nach Savigny . Der ist eben wie immer . Die höchste Güte leuchtet aus ihm , die höchste Großmut , die größte Nachsicht , die reinste Absicht in allem , das edelste Vertrauen zu dem Willen und Respekt vor der individuellen Natur . Nein , ich glaub nicht , daß es ein edleres Verhältnismaß gibt . Das stört mich also gar nicht , daß er mich hundertmal hoffärtig nennt , und daß er über meine Albernheiten lacht , und daß er mir noch größere zutraut , und daß er keinen Glauben an meinen gesunden Menschenverstand hat , er tut das alles mit so liebenswürdiger Ironie , er ist so gutmütig dabei , so willenlos einem zu stören , so verzeihend ; ei , ich wüßt nicht , wie ich mir ' s besser wünschen könnte , als so angenehm verbannt zu sein , und ich komme mir vor wie ein Schauspieler , der sich unter einem Charakter beliebt gemacht hat , und der diesen nun immer beibehält , weil er sich selbst drin gefällt . Der Clemens klagt zwar und meint , er habe immer keine Antwort von ihm erhalten auf all sein Vertrauen und habe sich immer zurückgestoßen gefühlt - und der Savigny ließe gleichsam das Tretrad der Studiermaschine so lang aus Höflichkeit stehen , bis einer ausgeredet habe , er habe sich oft geärgert , daß , wenn er zu ihm ins Zimmer kam , um ihm was warm mitzuteilen , so habe er keine Antwort , nur Gehör erlangt , und kaum sei er draus gewesen , so rumpelte die Studiermaschine wieder im alten Gleis . - Da hat aber der Clemens unrecht . Erstens ist Savignys Anteil am Leben außer seiner wissenschaftlichen Sphäre nur ein geliehener , und vielleicht bloß gutmütig ; und dann ist es ein Irrtum vom Clemens , der meint , er müsse ihm Mitteilungen machen , da er sie ihm nicht honoriert , oder sich ihm mitteilen will , wo Savigny einer anderen Ansicht über ihn zugetan ist . - Mir fällt ' s gar nicht ein , ihm etwas der Art sagen zu wollen , mir ist ' s ganz recht , daß er mir die Fehler und Albernheiten , die in mir nun einmal vorausgesetzt werden , noch als erträglich anrechnet . - » Was willst du wieder für eine Dummheit vorbringen , « sagen sie oft , oder : » Ich bitt dich , schwätz nicht so extravagant , « oder : » Wie kannst du denn so was sagen , die Leute verstehn dich nicht . « - Und es fallen mir dann auch immer die Extravaganzen ein , und ich sag sie immer nur , um ' s zu hören , wie ich ausgezankt werd . - Da siehst Du also , es geht mir pläsierlich ; und eifersüchtig darfst Du nicht sein , kein Mensch teilt dies Vertrauen , dies tiefere zu Dir , - drum aber , bin ich auch eifersüchtig auf Dich und oft auch bang , denn nicht allein die Menschen sind mir im Weg , ich fürchte auch jeden Zufall , jede Laune von Dir , jede Zerstreuung , ich möchte Dich immer heiter wissen . Wenn Du Kopfschmerzen hattest , so seh ich mich noch nach ihnen um , wie nach frechen Gewalten , die ich noch auf dem Rückzug verfolgen möcht . - Wenn einer mir schreibt , Du seist still , oder man habe Dich nicht gesehen , oder man glaube , Du seist nicht in der Stadt , das alles kümmert mich , so leichtsinnig ich bin , und sobald ich drauf vergesse , so kommt mir die Idee leicht wieder und steigert meine traurigen Gedanken über Dich , denn die hab ich als oft , das ist wahr . Mein Lehrer in der Mathematik ist mein alter Herbstjud . Morgens an meiner Tür in einem schwarzen Kleid , weißem Kragen und der Bart spiegelglatt , stand er an meiner Tür und fragte um Erlaubnis , mich zu besuchen , ich freute mich über ihn , er sieht soviel edler aus als die andern Menschen , mit denen man täglich verkehrt , die man in großen Versammlungen sieht ; ich hab im Schauspielhaus mich oft vergeblich nach einem erhabnen Gesicht umgesehen . Er setzte sich auch gleich in anständiger Bequemlichkeit an den Tisch , den Arm drauf legend , merkte meine Verwundrung über seine Angenehmheit , lächelte mich an und sah aus wie ein Fürst , - ich fragte : » Wo sind Sie denn so lang gewesen ? « - » Nun ! « sagte er , » was reden Sie doch so fremd , bin ich nicht noch der Alte ? - heiß ich nicht mehr : Lieber Jud ? « - Ich mußt ihm die Hand reichen , ich sagte , ja ! - Hättest Du nur die ironische Miene gesehen in dem erhabnen Gesicht und das milde herablassende Lächeln zu mir ; - er sagte : » Nicht aus jedem Mund gefällt einem das Ihr oder Du , mit dem der Jude sich muß anreden lassen , aber Ihrem lasse ich ' s nicht gern abgewöhnen . « - Dir hätte der Mann so viel Freud gemacht , Günderod , er erzählte nur Gewöhnliches aus seinem Leben , von seinen siebzehn Enkeln , wie die sich gefreut haben , ihn wieder zu sehen ; ich frug nach allen , wie alt sie sind , wie sie aussehen ; da sind ihm doch die fünf , die Vater und Mutter verloren haben , die liebsten , von denen sagte er : » Der älteste , der gleicht mir , man erkennt ihn schon von weitem für meinen Enkel - und der zweite ? - - Der schlägt ganz nach mir , der hat für nichts Sinn wie für die Mathematik und hält sich so apart . « - » Wie ist denn der dritte , gleicht der Euch auch ? « - » Der ist noch ein klein Jüngelchen , aber er verleugnet den Großvater nicht , und die Töchter sind schon so hilfreich , die eine ist dreizehn und die andre elf Jahr , aber sie sorgen fürs Haus und für die Kleidung . « - Das waren alles gewöhnliche Reden , aber wie erfüllt von Herzlichkeit - ganz wie die Natur , mit Enthusiasmus Sorg und Plage tragend . - Er war früher bloß Lehrer der Mathematik und lehrte in Gießen , in Marburg die Studenten , und in der Ferienzeit ging er nach Haus zu den Seinen . - Zwei Söhne und eine Tochter verheiratet ; seine Tochter starb , nachdem sie ihren Mann begraben hatte , den sie sehr liebte , und ließ die fünf Kinder zurück . - Der alte Ephraim konnt keinen andern Erwerbszweig ergreifen , sie zu ernähren , als an den er von Jugend gewohnt war , der seine Leidenschaft ist - worüber er so manches Schmerzliche hat vergessen , sagte er , - so ist er denn auf dem Heimweg in den Ferien in den nächsten Orten herumgeschlendert und hat alte Kleider eingehandelt , um die seinen Enkeln mitzubringen , denn sie neu zu kleiden , dazu wollte sein Erwerb nicht hinreichen . Nach und nach hat sich der Handel erweitert , alte Hochzeitskleider aus dem vorigen Jahrhundert , verlegne altmodische Spitzen , die die Kaufleute nicht mehr absetzen , verhandelt er jetzt nach Polen , so war er diesmal in Leipzig - und hat ein sehr gut Geschäft gemacht , - Du hörst , ich hab einen ganz kaufmännischen Stil . - Ich möcht mit dem Alten Kompanie machen und die Enkel ernähren helfen , weil aber das doch Schwierigkeit hat , so hab ich einstweilen mathematische Stunde bei ihm , das macht ich ganz kurz , ich sagt ihm : » Da komm nur die Woch auch zweimal zu mir , denn ich muß Mathematik lernen , « er lachte und wollt ' s nicht glauben , ich holte ihm aber meine mathematischen Bücher hervor , die Christian mir hier gelassen , und mein Heft , was ich bei dem Christian geschrieben , das gefiel ihm sehr , denn es war meist alles vom Christian diktiert , der wohl der scharfsinnigste Mensch von der Welt ist . - Jetzt hab ich schon drei Stunden ausgehalten und auch allemal seine Aufgaben richtig gemacht , denn ich hab Respekt vor dem Alten , ich möcht um alles nicht ihm die Idee geben , als sei ich ein flatterhafter Schußbartel , wie mich die andern nennen , woran mir gar nichts liegt , aber an ihm liegt mir , weil er so ganz ohne Überspannung doch nicht an meinem Ernst zweifelt , weil er eine so schöne Liebe zu seiner Wissenschaft hat , daß er die für gering achten muß , die das nicht mitfühlen . Und meine Du , was Du willst ; aber Du wirst mir recht geben , daß unter solchem Druck , unter so erniedrigenden Bedingungen der Adel des Lebens , so frei und untadelhaft bewahrt , daß sie nicht einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebeugt fühlt , für eine hohe Seele spricht ; daß sie um so mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung , als sie vielleicht dem Äußeren nach der Mißdeutung , der Verachtung ausgesetzt ist ; er nannte mich gestern sein liebes Töchterchen und legte mir die Hand auf den Kopf , wie er wegging ; ich hielt so still , er strich mir über die Wangen und sagte : » Ja so ! « - Das hieß so viel : nun in dir ruht der Menschenkeim . - Er kommt zwischen drei und fünf , da wird ' s schon dämmerig , wenn er geht , ich führte ihn durch den Garten und zeigte ihm den Turm , von wo ich die Lande überseh . - » Da kann kein Mensch hinauf wie ich , denn seht , die Leiter ist zerbrochen , « sagt ich , - und ich hab ihm vorgetragen , wie mir ' s geht mit dem Generalbaß , er sagt , das wär , weil ich nicht alles zu gleicher Zeit überschaue , warum meine Begriffe stockten ; und manches , woran Menschen ihr Lebenlang kauten , das müsse von andern in einem Blick erfaßt werden , sonst ging Zeit und Müh verloren ; ich sagte , mir sei bang , so werde es mir auch ergehen . » Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine Eichel gesehen , der bang war , es werde kein Baum aus ihr wachsen , « gab er zur Antwort ; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so freundlich : » Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt , und jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen , was Sonne und Regen tut . « - Du glaubst gar nicht , wie fabelig mich der Mann macht , zu den andern darf ich nicht von ihm sprechen , das kannst Du wohl denken , denn sonst würde meine Andacht mir für Verrücktheit ausgelegt werden ; aber die Patriarchenwürde strahlt mich an aus ihm , und ich spreche der ganzen Welt Hohn , daß solche einfache große und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien , und überhaupt geh ich nach Vornehmheit , und diese hat der Mann ; und seh doch nur einen auftreten in der menschlichen Gesellschaft , ob nicht aller mühselig erzwickter Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt , daß er nur als Narr sich selbst genug zu tun glaubt . - Weise sein kann keiner , der der Narrheit eine höhere Überzeugung opfert , denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz , wenn der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind . Das meine ich so : wenn nicht alle äußeren Vorteile , Würden und Ruhm , nichts gelten vor dem inneren Ruf zum Göttlichen . Ich bin noch jung , mir kommt es wohl noch einmal , daß mich das Schicksal frägt , - und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken . - O pfui , wer seinen Umgang wollte richten nach dem äußeren Rang , von Vorurteilen sich wollte Fesseln lassen anlegen ; und mit denen prangen ! - Der einzige Stolz , den ich habe , der ist frei sein von ihnen , - und der schon auf andern Wegen seinen Vorteil sucht als in der heiligen Überzeugung seines Gewissens , der ist nicht mein Geselle . - Aber der Jude , der gibt mir keinen Anstoß , der ist frei von allem . - Adieu Bettine Noch eins setz ich hier hin : alles , was Dir geschieht , soll Dein Geistesleben befördern , - so , auf die Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden . An die Günderode Ein mathematischer Vergleich vom Jud : Begeisterung ist ein Reich des Seins , das wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben , aber in dem wir seine Gewißheit fühlen . - Wie könnte dies Reich nicht wahrhaft sein , da der Geist die Wirklichkeit verläßt , denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung , da er immer nur lebt , wenn er begeistert ist . - Aus dieser Schlußfolge legte er mir nun aus , was er von mir gefaßt wollte wissen - und ich ergriff seine Hand und sagte : » Ach Ephraim , jetzt weiß ich , wer Ihr seid , Ihr seid der Sokrates . « - » Ich bin der Sokrates nicht , aber er ist ein Stück von meiner Religion . « - » So ? « - sagt ich , » habt Ihr ihn studiert ; wie seid Ihr denn dazu gekommen ? « - » Da könnt ich ja wohl fragen , wie ist ein so junges Töchterchen dazu gekommen , von ihm zu wissen ? « - » Ich hab ihn der Günderode stückweis vorgelesen , aber ich war zerstreut und weiß nichts von ihm , als nur , daß er solche Schlußfolgen macht wie Ihr . « - » Wer ist die Günderode ? « - » Meine Freundin , der ich alles von Euch erzähl und auch , daß Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen , daß ich lernen muß , und daß Ihr der einzige Mensch seid , vor dem ich Furcht hab . « - » Wenn das nur wahr wär , « sagte er , » so wollt ich noch strenger sein . « - » Ach nein ! zerreißt den Hamen nicht , er ist gar fein gewebt , laßt dem Fisch Platz , daß er ein bißchen schnalzen kann . « - Das macht ihm nun so viel Vergnügen , so ein Weilchen mit mir zu sprechen , - er sagte : » Das ist alles gut , aber wir wollen einander nicht umsonst kennengelernt haben , und Sie sollen manchmal noch des alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen , wenn er schon lange nicht mehr lebt , « - wahrlich , ich hatte auf der Zunge , ihm zu sagen , daß ich ihn unaussprechlich liebe , und daß mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der ganzen Welt ; aber ich schwieg still , was soll man so was sagen , er sieht ' s ja und fühlt ' s auch gewiß innerlich als Wahrheit . Ich frag ihn alles , was mir in den Kopf kommt , mir deucht gar nicht , daß es möglich sei , daß ihm sein Geist nicht alles klar und deutlich mache - nur scheu ich mich , ihm zu sagen , wie sehr ich ihm vertrau , gestern sprachen wir vom Napoleon , ich sagte : » Mit Euch wollt ich Schlachten gewinnen !