sagte die Marschallin , etwas herabgestimmt - » also müssen wir wohl Alles Ihrer besondern Klugheit zurechnen ? « - » Auch das nicht , Madame . « » Nun , und dann ? Ihr sagtet doch , Leonin sei frei ! « - » Er ist Wittwer ! « rief der Marquis mit dem schneidendsten Tone , indem sein Auge durchbohrend auf seiner gefaßten Verbündeten ruhte . Doch diese taumelte ein Paar Schritte zurück und schien alle Fassung zu verlieren . - » Todt ? todt ? Marquis , was habt Ihr gethan ? Diese Sache durfte so nicht enden - das ist gegen unsere Würde ! « Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte der Marquis auf diese hochmüthige , entsetzte Person . Selbst im Sündigen wollte sie noch mit sich coquettiren und ihren aristokratischen Dünkel behaupten . Sie , die mit langer , sorgfältiger Mühe und Vorbereitung den Dolch schliff , der ihr Schlachtopfer vernichten sollte , und ihr Gewissen so eingewiegt hatte , daß sie hoffte , sich nie davor erschrecken zu müssen - sie glaubte sich nun aus ihrer Würde verdrängt , da sie das gemeine Schicksal jedes Bösewichtes erfuhr , daß blut fließt , wo der Stoß trifft ! » Madame , « sagte er mit hoher Stimme , » ich muß bitten , sich zu fassen , damit Ihre Aeußerungen keine Beleidigung werden und sie überlegen können , daß Alles einfach und nothwendig aus den Bedingungen hervor gehen mußte , die ich und Leonin nach Ihren eignen Angaben genöthigt waren , ihr zu machen . Die junge Gräfin Crecy « - - » Halt , halt , nicht diese Benennung ! ich dulde es nicht ! « rief die Marschallin , außer sich . - » Und doch , Madame , hatte sie dazu ein unbezweifeltes Recht - doch , wie Sie wollen ! Also , die junge Frau hatte erst kurze Zeit ihr Wochenbett überstanden . Da sie zart war - und , ich muß hinzusetzen , schön wie ein Engel - da sie überdies unschuldig war , wie die Sonne , und sich vollständig rechtmäßig vermählt wußte - konnte sie nicht , ohne die heftigsten Erschütterungen , Ihre durch mich überbrachten entehrenden Erklärungen hören - und da Leonin die Flucht ergriff , sah ich sie in dem Augenblicke , wo sie dies erfuhr , vor meinen Augen sterben . « » Sterben , sterben ! - ein solch bürgerliches Mädchen und gleich sterben ! « sagte die Marschallin tonlos ; - dann wankte sie nach einem Stuhle und fiel fast darauf hin , in einer Betäubung , die sie aller Haltung beraubte . Der Marquis ließ dies Alles ruhig zu ; er wollte es ihr nicht erleichtern - und vielleicht konnte er es auch wirklich nicht ; - denn , obwol er seinen Zweck im Auge behielt , konnte er doch nicht ein Grauen beschwören , was jedes Mal in ihm aufstieg , wenn er der wunderbaren Erscheinung Fennimors gedachte und des Gerichtes sich damit bewußt ward , das durch sie in ihm erregt worden war . Nur nach Außen konnte er Alles beherrschen , ohne Einfluß lassen ; - innerlich erfuhr er stets eine Anregung , wie wir sie oben bezeichnet haben . Nach einer Pause , die ihm lange genug schien , fuhr er fort : » Doch Leonin weiß davon Nichts - ich sagte ihm , daß er frei sei - doch nicht , auf welche Art. - Vieuville hat mir mitgetheilt , daß die Königin ihn heut Abend zu vermählen denkt . Die Nachricht würde seine Laune verderben , da er unfähig ist , sich zu beherrschen . « » Ja wohl , « seufzte die Marschallin , » das darf er nicht erfahren , es bräche ihm vollends das Herz ! « Souvré erstaunte über die Stimmung der Marschallin . » Sie ist lächerlich außer Fassung ! « sagte er zu sich . Sie war ihm langweilig - verächtlich . - » Ich muß fürchten , Euer Gnaden bereuen das Geschehene - obwol es Ihr Wille war , « sagte er , in der Hoffnung sie zu reizen . » Auch kann ich versichern , daß die verstorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswürdige Erscheinung war ! Vielleicht , wenn Euer Gnaden sie gesehn hätten , würden Sie selbst ihre Rechte anerkannt haben ! « - Dies war wohl berechnet . » Marquis , « sagte die Marschallin - und stand sogleich , wenn auch mit einiger Schwierigkeit auf - » Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten als Mutter und als Trägerin zweier gleich berühmten Namen führen . Es ist genug . - Das Ende mußte so sein - möchte es eine Warnung für diese unberechtigte Thörinnen jener niederen Stände werden , ihr hübsches Gesicht nicht zu benutzen , um sich in die höheren Sphären der Gesellschaft zu drängen . Ihr Loos muß nach gültigem Rechte dort immer dasselbe sein ! « » So gefallen Sie mir , gnädige Frau , « sagte Souvré hohnlachend - » das ist die alte Kraft ! « » Sie sind sehr freigebig mit Ihrem Beifalle , Herr Marquis , « erwiederte die Marschallin , von seiner Vertraulichkeit sichtlich beleidigt - » ich war nicht darauf aus , ihn einzuernten . Mein Alter , wie meine Stellung pflegen mich gegen solche Aeußerungen zu schützen . « » Gewiß fehlte auch für alle Anderen jede Veranlassung dazu , « sagte Souvré sorglos . » Nur wer , wie ich , einen Blick auf die geheimen Bestrebungen Euer Gnaden that , kann so , wie ich , dazu die Berechtigung haben . « » Ich habe keine Zeit , Ihrer Vertraulichkeit Rede zu stehen ; wir müssen zur Königin ! « erwiederte die Marschallin , mit unendlichem Grolle sich überzeugend , sie müsse die Beleidigung verschmerzen ; doch hatte diese galligte Erregung ihres Blutes jede Weichheit in ihr zerstört . Schon lag das Bild ihres Opfers , das Souvré zu ihrer Kränkung so reizend hervor gehoben hatte , in den Hintergrund gedrängt . Eifrig eilten ihre Gedanken der Stellung entgegen , die sie jetzt mit vermehrter Sicherheit einzunehmen vermochte , und die ihr endlich die Erfüllung aller ihrer Wünsche verhieß . Dieser kühne Gedankenflug erlitt eine kleine Störung , als sie dem Marschall und Leonin an der großen Abfahrtstreppe begegnete , wo Beider Karossen standen . Leonin hing wie ein bleicher Schatten in seinen glänzenden Hofkleidern - sein Gesicht trug den Ausdruck hinsterbender Apathie . Man versammelte sich in den inneren Appartements der Königin Maria Theresia . Wie der Marquis gesagt - der kleine Zirkel bestand immer noch aus einigen hundert Personen , und wer heute Zutritt hatte erlangen können , hatte sich herbei gedrängt ; denn ohne daß es ausgesprochen war , blieben die Andeutungen doch nicht aus , daß sich hier etwas Besonderes ereignen solle . Voll Erstaunen gewahrte man den Abbé Fenelon , der mit ungewöhnlich blassem Gesicht sich zurückgezogen hielt . Man fragte , man trug zusammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe , während man voll Ungeduld die Königin erwartete . Dieser Augenblick trat endlich ein . Mit der größten Huld und Freundlichkeit erschienen Beide - die junge Königin , auf den Arm ihrer imposanten Schwiegermutter gestützt . Ihnen folgten die Prinzessinnen des Hauses - dann die Kavaliere und Damen der Bedienung . Unter ihnen fehlte Mademoiselle de Lesdiguères , welches sogleich von Allen bemerkt ward . Die Königinnen hielten mit diesem Gefolge ihren Umzug durch den Saal , und zeichneten vorzüglich die Familie Crecy und Lesdiguères durch ihre Freundlichkeit aus . Während dem zupfte der Marquis Vieuville Leonin bei Seite ; Beide verließen den Saal , der Marquis führte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der Königin . Als Leonin eintrat , erblickte er sogleich die wunderschöne Gestalt der Mademoiselle de Lesdiguères , die in reichem Silberstoff , mit Juwelen geschmackvoll verziert , auf einem Tabouret in der Mitte des Zimmers saß und die Augen fest auf die Thür geheftet hielt , aus der Leonin und der Marquis Vieuville jetzt hervortraten . » Viktorine ! « rief Leonin - bei ihrem Anblicke sogleich das geheimnißvolle Flüstern verstehend , was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte , - » Viktorine , meine Braut ! meine Geliebte ! « Er stürzte mit einer Heftigkeit , die ihn plötzlich aus seiner Apathie erweckte , auf Viktorine zu , und seine Bewegung war um so stürmischer , da sie mehr einem physischen Nervenreize , als der Wärme seines gemordeten Herzens entsprang . Viktorine sah ihn in unbeschreiblicher Bewegung zu ihren Füßen liegen . Sie war vollständig geschaffen , die rührende Wichtigkeit des Augenblicks zu empfinden , und Thräne auf Thräne fiel aus den schönen , glänzenden Augen auf Leonin ' s Haupt , das er in ihren Händen verbarg . » Leonin , « sagte sie dann sanft , » ich bin Ihnen Beides mit voller Ueberzeugung und von ganzem Herzen - und die Königin will , daß Sie durch mich erfahren sollen , wie bereit ich bin , Ihnen dies zu bestätigen ! « » O , Viktorine , « rief Leonin , » ich bin es nicht werth , Ihr Gatte zu sein ! Bedenken Sie , was Sie thun ! - Ich bin Ihrer nicht werth ! Sie sind ein Engel - ich bin ein armer , schwacher , elender Mensch ! « Viktorine sah die Todtenblässe , die eingesunkenen Züge seines schönen Gesichtes in dem Augenblicke , wie er in der tiefsten Erschütterung den Kopf zu ihr aufhob ; - und wie auch die Welt sie als kalt und gefühllos bezeichnete , sie war vollständig Frau ; so war auch bei dem Anblicke seiner leidenvollen Züge ihr erstes Gefühl nur das zärtlichste Erbarmen - und das zweite der schöne Muth , ihm dies Gefühl zu zeigen , ihn schützend und heilend zu umgeben mit dem Reichthume weiblicher Hingebung . » Leonin , « sagte sie zärtlich , » Sie sind krank - Ihr Ansehn verräth es mir ! Hören Sie auf , in dieser Stimmung so hart und mißtrauend über sich zu urtheilen ! Wenn Sie aber leiden , so nehmen Sie Ihre Viktorine als Stütze , als Trost hin ; - ich fühle in mir die Kraft , Ihnen Beides zu sein . « » O , Geliebte , « rief Leonin , » ist es wahr ? Darf ich noch nach solchem Erdenglücke die Hand ausstrecken ! Ist es möglich , daß Viktorine mir gehören will ? « » Schwärmer ! « lächelte sie ihm entgegen - » überzeugen Sie sich denn , ob ich Ihnen bestimmt bin ! Die Kapelle der Königin ist erhellt - Fenelon erwartet uns am Altare - die Königin wollte , daß ich Ihnen diese Ueberraschung mittheilen sollte . « Leonin antwortete mit einem Schreie . Sein Kopf sank in ihren Schooß . Ueber ihm hing das edle , zärtliche Mädchen , mit dem seligsten Gefühle des weiblichen Herzens - denn sie hoffte geliebt zu sein ! » So habe ich es wohl ganz recht gemacht ? « sagte eine sanfte Stimme . - Beide fuhren in die Höhe , an dem wohlbekannten , heiß geliebten Tone die Sprechende erkennend . - Maria Theresia und Anna von Oesterreich standen , leise eingetreten , vor dem so ungleich bewegten Paare . Viktorine sank vor der Königin aufs Knie - Leonin that mechanisch dasselbe . Beide Königinnen segneten sie mit Wohlwollen und Rührung ein . Jetzt füllte sich hinter ihnen das Zimmer - Henriette von England umarmte Viktorine und hieß sie niedersitzen . Die Flügelthüren nach den mit Hofleuten gefüllten Sälen wurden geöffnet , um den Anwesenden eine Erklärung des heutigen Festes zu verschaffen . Die Königin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und machte eine Bewegung , es der Braut um die Stirn zu legen . Die schönen Hände von Madame vollendeten das Werk , dem sie den bedeutungsvollen Kranz von Orangenblüten hinzufügten . Die Königin Anna nahm darauf einen Strauß von Brillanten von ihrer Brust , den Madame de Bellefond der Braut befestigte . Viktorine küßte noch ein Mal knieend die Hände der liebevollen Fürstinnen , erhob sich dann und zeigte der ganzen Versammlung das schönste Bild einer edeln , jungfräulichen Braut . Herr von Dreur führte jetzt den halb bewußtlosen Leonin zur Königin . Herr von Vieuville reichte ihr das Band des Heiligen-Geist-Ordens . » Der König wünscht Ihnen Glück , Graf Crecy ! « sprach die Königin - » und läßt Ihnen sagen , wie auch ohne den Glanz der Waffen , ritterliche Tugenden zu üben wären ! Sie sollen sich vorerst dem Schutze der Frauen widmen ! « Leonin bebte , als ihn Vieuville fast zur Erde drückte und das blaue Band um seine Schultern legte . Er hatte es bereits entehrt durch den schreiendsten Frevel an weiblicher Unschuld und Tugend . Als ob eine glühende Schlange sich um seine Brust ringelte , so fühlte er das leichte seidne Band . Er konnte keinen Laut sprechen - er hatte kaum Kraft , sich zu erheben . Aber Niemand sah seinen Zustand ; zu sehr ward vorausgesetzt , was er empfinden müßte , um zu bemerken , was er wirklich empfand . Die Königin empfing jetzt eine Meldung ; sie neigte das Haupt , dann winkte sie Leonin und Viktorine an ihre Seite und stellte sie so gewissermaßen dem versammelten Hofe vor , während der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter Stimme rief : » Ihre Majestät die Königin ladet die Versammlung ein , der kirchlichen Einsegnung von Leonin , Grafen Crecy-Chabanne , und Viktorine , Prinzessin von Lesdiguères , in der Hofkapelle beizuwohnen . « Schon traten die Hofchargen voran , und an der Seite Maria Theresia ' s , von ihren Fingerspitzen , liebevoll lächelnd , geleitet , schritt Mademoiselle de Lesdiguères der an dieses Zimmer grenzenden Kapelle zu , während Anna von Oesterreich , sich auf Leonin ' s Arm stützend , ihnen folgte , nachgedrängt von allen Gegenwärtigen , denen jedoch Henriette von England in der Mitte der beiden Elternpaare voranging . Wie eine Erscheinung aus höherer Welt , mit der Verklärung eines Heiligen in dem blassen Gesichte - erwartete Fenelon das Brautpaar auf den Stufen des Altars . Sein Auge berührte nur einen Augenblick Beide - dann schien es sich in himmlischer Anschauung über die Erde zu erheben . Seine Stimme war zu Anfange so verändert , daß sie etwas Geisterhaftes hatte , und Viktorine sie kaum erkannte . Dann ward sie stärker - zuletzt gewann sie ihre volle melodische Kraft - und als er sich endlich zur Braut wandte , schien er ein feuriger Cherub , gesendet , die Befehle des Herrn zu verkündigen ! » Viktorine de Lesdiguères , Zierde Deines Geschlechtes , fühle in Deinen Vorzügen die große Anforderung des Herrn ! Nicht , was Du erlebst , sondern , wie Du es erlebst - das sei Deine Frage vor Gott ! Ihre Beantwortung wird bestimmen , ob Du Deinen Schöpfer ehrst und ihm dankbar bist für die reichen Gaben , die er Dir gab , und die Dir zurufen : ein Vorbild zu werden jeder weiblichen und christlichen Vollkommenheit ! - Täusche uns nicht , « sagte er , zu ihr gebeugt , und seine Stimme bebte in Rührung - » Du bist eine schöne Hoffnung auf dem Wege Aller , die Dich kannten und - liebten ! « setzte er kaum hörbar hinzu . - Nach einer Pause schritt er zu den kirchlichen Ceremonien - und Beide waren vermählt . Nach den Beglückwünschungen der Königinnen und Prinzessinnen , zogen sich die hohen Herrschaften einige Augenblicke zurück , um dem Hofstaate und den jetzt verwandten Familien Raum zu ihren Gratulationen zu lassen . Später ward in den Gemächern der Königin Anna eine geistliche Musik aufgeführt , der die Neuvermählten , zwischen den Königinnen sitzend , beiwohnten . - Am andern Mittage brach der ganze Hof auf . Die junge Gräfin Crecy folgte an der Seite ihres Gemahls , in einer Karosse , mit zwei Kavalieren und zwei Damen der Königin , dem Triumphzuge dieser kriegerischen Vergnügungsreise nach Nancy , dem ersten Ruhepunkte des glänzenden Hauptquartieres . Die Begebenheiten des zweiten holländischen Feldzuges zu schildern , gehört der Geschichte an . Wir haben keine Berechtigung , in das romantische Bild der Zeit und die Erzählungen der Schicksale einzelner Privatpersonen , die ihr angehörten , die große Katastrophe zu verflechten , die einen für sich abgeschlossenen , achtungsvollen Raum begehrt . Nur in so fern diese kleineren menschlichen Begebenheiten , die uns vorliegen , sich an diese größeren Zustände anschließen , sei es uns erlaubt , ihrer zu erwähnen . Obwol der Nymweger Frieden , der diesen Feldzug endete , erst sieben Jahre später geschlossen ward , so blieb doch der König und der Theil seines Gefolges , der blos als Hofstaffage des Krieges diente , nicht so lange von seinem glänzenden Schauplatze , von Paris - oder vielmehr von Versailles getrennt , welches Letztere immer mehr in seinem Werthe die übrigen königlichen Besitzungen überbot ; da die ungeheuern Summen , die an seine Verschönerung verschwendet wurden , es allerdings nach dem damaligen Geschmacke , zu dem prachvollsten Königssitze Europas umschufen . Auch war mit der Gegenwart des Königs bei der Armee , die mit dem Winter endete , die Idee , die Frankreich und er selbst nöthig hatte , vollkommen erfüllt . Der persönliche Muth , den er bei mehreren Veranlassungen gezeigt , der glückliche , klare Blick bei schnellen Entscheidungen , die Gewandtheit , womit er anzuregen und hinzureißen verstand , und die imponirende Hoheit , mit der er wieder eben so dem wildesten Strome , den heftigsten Ausbrüchen der Leidenschaften Einhalt zu thun wußte - diese seltene Vereinigung hatte den König in den Augen seines ganzen Volkes zu dem Helden erhoben , den er nothwendig darstellen mußte , um dem Ehrgeize Aller Genüge zu leisten . Jetzt hatten sie über ihn abgeschlossen , und er konnte für den Augenblick thun , was er wollte - er blieb ihnen der erste Held der Erde ! Die Anbetung glich dem Wahnsinne ; man fragte den ganzen Reichthum der Sprache nach einem Worte , ihn zu verherrlichen . Man war mit dem Beinamen » des Großen « nicht zufrieden , und hätte ihn am liebsten » den Göttlichen « genannt . Auch zog seine Rückkehr die Blicke Aller von der Armee fort - ihm nach ! Dieser blutige , langwierige , mit so großen Kosten geführte Krieg , der die edelsten Stützen der Nation sinken ließ , und das Land seiner kräftigen männlichen Jugend auf so lange Zeit beraubte , sank augenblicklich zur Nebensache herab , als Ludwig seinen berühmten Feldherren die Erringung der großen Erfolge übertrug , die sie unsterblich machten . Die Pavillons , die an dem Schlosse von Versailles emporstiegen , die Gärten , die Le Notre unerschöpflich war , durch neue Erfindungen umzugestalten , waren weit mehr der Gegenstand aller Mittheilungen bis in die Provinzen hinein , als das große und blutige Schauspiel , das Frankreich auf fremdem Boden aufführte . In den vollsten Taumel dieser Zustände verflochten , kehrten Leonin und seine Gemahlin mit der königlichen Familie zurück . - Fennimor ' s Tod war das Hochzeitsgeschenk , das der Marquis de Souvré ihm den Tag nach der Vermählung gemacht ! Aber die Maske , die er gelernt hatte vorzunehmen , um diesen ewig lächelnden Hof nicht zu erschrecken , schützte ihn vor dem Verrathe seiner Gewissensbisse - der wahnsinnigen Verzweiflung , die ihn zerriß . Denn der Marquis hatte kein Interesse , ihm Fennimor ' s angeblichen Tod als einen Zufall der kaum erstandenen Wöchnerin zu bezeichnen , wie die Marschallin es wünschte . Den Augenblick der Rache versäumen , nach so langer sorgfältiger Mühe , ihn vorzubereiten , hieß eine Thorheit verlangen , die er blos mit Achselzucken hörte , um Leonin alsdann mit dem vollen Gewichte der Nachricht zu treffen , die ihn in Wahrheit so elend machte , als er gehofft , und seine reichen Besitzthümer in dem Augenblicke vernichtete , als sie ihn alle zu umschaaren schienen . Viktorine war Alles ganz . Früher schüchtern , stolz und jungfräulich verschlossen , war sie jetzt von der muthigen Zärtlichkeit einer Gattin durchdrungen . - Scharfsichtig , freilich die Motive verkennend , errieth sie den geistig und körperlich ungemein leidenden Zustand ihres Gemahls und gab sich ihm mit allen Mitteln einer edeln , weiblichen Liebe hin . Wie hätte er dem vereinten Zauber so vieler Vorzüge und so vieler Liebe widerstehen können ! Er ergab sich ihm mit weicher , träumerischer Zärtlichkeit , die ein weibliches Herz so lange von der Erkenntniß ihres wahren Geschickes abzuhalten vermag und lohnte ihr diese glaubensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Vertrauen , welches allein ihn noch derselben würdig machen konnte . So gewann er wieder , was der verwöhnte Zögling der eifersüchtigsten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt hatte : der Augenblick hüllte ihn schonend und liebkosend ein ! Der Arzt von Ste . Roche ward durch Souvré ' s Vermittelung mit Summen versehen , welche überschwänglich ausreichend , die Existenz des Kindes und seiner Wärterin sichern sollten . Fennimor ' s Leiche sollte in der alten Kapelle des Schlosses , in dem Grabgewölbe der Claudia von Bretagne beigesetzt werden - und Leonin war vorläufig mit diesen Angelegenheiten fertig . Die Abreise trat dazwischen . Schon hatte er gelernt , diese äußeren Pflichten als die vorherrschendsten , geltendsten anzusehen ; er fand schon darin eine Rechtfertigung , daß sie ihn von jenen Interessen abzogen , und die süße Beschwichtigung aller schwachen Karaktere , die Dinge , die sie zu verletzen drohen , verschieben zu dürfen , übte auch über ihn ihre ganze Gewalt . Jetzt war er zurück . Die alten Räume nahmen ihn auf . Das Schloß Crecy war dem jungen Erben allein übergeben . Der größte Glanz der Verhältnisse , seine Stellung bei Hofe , die immer angenehmer und anziehender ward , je mehr ihn seine übrige Lage zu begünstigen schien , Viktorinens schöne , edle Erscheinung , die diese einst so öden Räume auch geistig zu beleben wußte und , indem sie ihn als zu sich gehörend betrachtete , ihm einen Werth zu geben schien , der ihn zu Zeiten selbst täuschte und ihm die Verpflichtung , sie glücklich zu machen , immer natürlicher werden ließ - Alles dies vereinigte sich , den Winter an Leonin vorüber zu führen , ohne ihn ernstlich auf die Verhältnisse hinzuleiten , die , ihm nur halb bekannt , oberflächlich von Andern besorgt , zu entscheidenderer Einwirkung aufforderten . Das Frühjahr führte die rastlos wechselnden Feste des Hofes herbei , die auf den Genuß der schönen Gärten berechnet waren , die ein königliches Lustschloß mit dem anderen zu verbinden strebten - und endlich forderte Viktorine seine ausschließliche Aufmerksamkeit , indem sie ihm in dem Blütenmonate der Erde , wie sie wähnte - den ersten Sohn überreichte . Wir werden sein erschrecktes Herz begreifen , wenn wir hinzufügen , daß er keinen Muth hatte , für dies Kind zu fühlen , was die erste Aufwallung für dasselbe andeutete . Er stand stumm davor - ein gerichteter Verbrecher ! Es war dasselbe holde Wesen , das er verstoßen - es hatte gleiche Rechte an ihn ; - aber die Wonne , die er bei der Geburt von Fennimor ' s Sohne empfunden , und die er mit Verrath und dem schwärzesten Frevel bezahlt hatte , rächte sich jetzt an ihm und ließ ihn verzagen , wie ein Mensch zu empfinden . Dagegen war die Geburt dieses ersten Erben für die Marschallin und ihren Gemahl der Gipfel des Glückes , und Beide empfanden , Jeder in seiner Weise , dabei eine noch nie gekannte Erweichung . Das Kind selbst , Viktorine , die Geberin dieses Glückes , waren ein Gegenstand fast thörichter Liebesweise , und das herzogliche Aelternpaar blieb gegen die Schwiegerältern ihrer Tochter im Rückstande . Die ganze Familie war nach Paris gegangen . Die junge Gräfin mußte im Hotel Soubise ihr Wochenbett halten , und mit dem stolzesten Uebermuthe wurde dies Glück verkündet , fürstliche Geschenke in allen Richtungen vertheilt , und endlich ein Tauffest vorbereitet , diesen gesteigerten Empfindungen gemäß . Leonin ließ sich in der Richtung forttreiben , die um ihn her so bestimmt angedeutet ward , daß sein eigener Wille unthätig bleiben konnte , da Niemand das Ziel desselben bezweifelte . Aber heftiger , wie je , erwachte Gewissensangst in seiner Brust , und ein Gefühl , das aus Wehmuth und Sehnsucht zusammengesetzt war . Er hatte keinen freien Athemzug - keinen heitern Blick - er suchte die Einsamkeit - und wer ihn unbeweglich aufgerichtet in seinem verschlossenen Zimmer hätte stehen sehen , das Auge in das Leere schweifend , der hätte fürchten können , den glücklichen Vater , den Günstling des Glückes habe der Verstand verlassen . - Aber er hatte in diesen Stunden eine Vision , die ihn vielleicht rettete ! Er dachte an Fennimor - und endlich löste sich aus dem dunkeln Raume , wohin er starrte , ein leichter Nebel - er schwebte näher - in duftigen , kaum sichtbaren Umrissen trat Fennimor daraus hervor - zuerst bewegte sie die schlanke , weiße Hand - dann sah er den zarten , leichten Fuß , halb schwebend , und wie nur sie ihn bewegte - dann schaute er das süße , bleiche Haupt - die Wangen mit Thränen bethaut , aber den Mund von dem harmlosesten Lächeln der Liebe verschönt - die reichen Locken schienen golden strahlend , und ihr Auge sah ihn so bittend , winkend an , daß er die Arme ausstreckte , der gelähmten Zunge den geliebten Namen erpressen wollte , und endlich , indem sie verschwand , niederstürzte und in Thränenströmen sich erleichterte . Dies wiederholte sich täglich , so oft Leonin die Einsamkeit erreichen konnte - und nur dies war es , was ihn bei den Anforderungen des Tages erhielt . - Die Majestäten hatten an dem glücklichen Ereignisse in der von ihnen so ausgezeichneten Familie den ehrenvollsten Antheil genommen , und die Marschallin in der Stille eine Hoffnung genährt , die sie immer zu einer geduldigen Zuhörerin machte , wenn die Frau Herzogin von Lesdiguères mit dem Marschalle über die Pathen stritt , die dem Kinde gegeben werden sollten . Den dritten Tag nach der Tafel , als schon für den nächsten die glanzvolle Taufhandlung angesetzt war , ohne daß man unter den zahllosen Gästen die Pathen bezeichnet hätte - trat Leonin , vom Könige kommend , in den Portikus des Hauses , und ward von einem Knaben angeredet , der ihm ein mit Bleistift geschriebenes Blatt gab . Er blickte den kleinen Boten zerstreut an , und ihn für einen Bettler haltend , gab er ihm einige Stücke Geld und eilte die Treppe hinan . Er mußte sich über die Treppen durch die Gänge und Gemächer winden , um zu seiner Gemahlin zu kommen ; denn die Dienerschaft , Tischler , Tapeziere , Gärtner waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glänzenden Feste des morgenden Tages in einer so geräuschvollen Thätigkeit , daß für den Augenblick fast jede andere Rücksicht aufhörte , und Leonin , selbst kaum beachtet und erkannt , sich förmlich durcharbeiten mußte . Erschrocken fast blieb er aber in einem der letzten Zimmer stehen , weil man hier unter einem Thronhimmel Viktorinens Paradebett aufführte , umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand , die sie von den Personen trennen sollte , welche Pathen des Kindes sein würden , und die als solche mit den nächsten Verwandten das Recht hatten , der Wöchnerin vor dieser Glaswand eine Verbeugung zu machen . » Mein Gott , « rief Leonin , » ist diese abscheuliche Ceremonie denn durchaus nöthig ? Wie gefährlich , die Mutter solcher Pein auszusetzen , die sogar ihr Leben bedrohen kann ! Das Paradebett ist schrecklich - Grauen erregend ! « Er drückte die Hände vor ' s Gesicht - im selben Augenblicke schien es ihm ein Leichenzimmer - das Bett ward ein Paradesarg ! - » Gott wie schrecklich ! « rief er , außer sich , und stürzte an seinem erstaunten Kammerdiener vorüber , sich sehnend nach Viktorinens lebendigem Anblicke . Doch die Frauen vertraten ihm leise winkend den Weg - Viktorine schlief . Er schlich näher - er setzte sich dicht an die Vorhänge - nach und nach erst tauchte aus dem Dämmerlicht ihre Gestalt auf . Mit welcher Rührung betrachtete er die schönen , festen Züge , die , selbst vom Schlafe halb bezwungen , doch noch den Karakter einer Antike hatten . Seufzer auf Seufzer hob sich aus seinem Busen - sein Herz , belastet mit Schmerz und Angst , die jeder Tag zu steigern schien , ward von der Stille dieses Zimmers , der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erschüttert , der ihn fast zur Verzweiflung brachte . Er konnte es nicht länger ertragen , schlich leise fort und athmete auf , als das erste helle Zimmer ihn umfing . » Mein Sohn , « sagte der Marschall , als Leonin in das Gesellschaftszimmer der Familie trat , » wir müssen nun beschließen , wer Pathe Deines Kindes werden soll . « » Pathe meines Kindes ? « erwiederte Leonin zerstreut . » Der König und die Königin . « » Das erwartete ich ! « rief die Marschallin , indem sie unwillkürlich aufstand , und der Ausdruck der höchsten Befriedigung über ihr Antlitz glitt . Auch der Marschall stand auf , und indem er eine kleine , steife Verbeugung machte , sagte er : » Ich kann nicht darüber klagen , daß die hohen Herrschaften vergessen , wer der alte Marschall Crecy-Chabanne ist . « » Jetzt aber erzählen Sie uns , wie es kam ! « rief Madame de Lesdiguères . - » Ich liebe es , zu hören , wie sie sich bei solcher