ein Tischchen neben ihr Bett legend . Nun , theure Lady , rief innig befriedigt Margarith , seid Ihr denn nicht ganz zufrieden mit Eurer Wohnung , und wollt Ihr die kleine Margarith als Eure gehorsame Dienerin annehmen ? Beides , beides , sagte freundlich Maria , sogleich jugendlich in die heitere Stimmung ihrer kleinen Dienerin eingehend , und nun bitte ich Dich , mein Gepäck etwas zu ordnen , welches ich hier angehäuft sehe . Ja , theure Lady , vertraut das mir , erwiederte Margarith , und erlaubt vorerst , daß ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reisekleider wechseln helfe , denn das wird Euch erquicken und Lust machen zur Abend-Mahlzeit , die mein Vater indessen für Euch servirt . Mit vielem Geschick unterzog sich die Kleine jetzt ihren neuen Dienstleistungen , wobei ihr die unendliche Fülle und Schönheit von Maria ' s Haar manchen Ausruf des Erstaunens entlockte , wie sie überhaupt jetzt erst die hohe Schönheit ihrer neuen Herrin erkannte und von einer fast scheuen Ehrfurcht davor erfüllt ward . Maria fühlte sich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten weiblichen Bedienung und den kleinen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung erheitert , und stets sich ihren Empfindungen hingebend , ermüdete sie nicht , anmuthig scherzend ihre kleine Dienerin anzuleiten , so daß , als endlich der erquickliche Wechsel der Kleider beendigt war , Beide mit heiterer Stirn der Einladung folgten , welche der alte Herr zum Abendbrod ergehen ließ . An der Thür des Vorzimmers , welches zu ihrem Speisezimmer bestimmt war , schulterte der alte Vogt und überreichte ihr auf einem silbernen Teller einen fein gebrochenen Streifen Papier , auf dem sie in italienischer Sprache die Worte fand : Hoffet und seid getrost ! Dazu fühlte sie sich in ihrem Innern vollkommen geneigt , denn ihr war in hohem Grade die glückliche Gabe zu Theil geworden , mit jedem Augenblicke abzuschließen und , immer klar in ihrer Stimmung , Jedem sein Recht , sei es in Schmerz oder Zufriedenheit , zu gönnen . Ihr junges , unerfahrenes Leben machte sie noch kindlich sicher , den guten Worten vertrauend , die man ihr bot , und diese jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer seltenen Schärfe der Beobachtung und einem höchst zarten und weit reichenden Gefühlsvermögen . Sie verlor daher nur selten ihre Sicherheit und Ruhe , was , ihr unbewußt , in diesen Eigenschaften begründet und , vielleicht früh von ihren Erziehern erkannt , so schön entwickelt worden war . Freundlich das Streifchen in der Hand zerdrückend , schritt sie vor und ergötzte sich an den schönen Verhältnissen des hohen , hell erleuchteten Gemachs . In der Mitte desselben stand ein kleines Tischchen , mit einem Couvert belegt , wovor ein unermeßlich hoher Lehnstuhl gerückt war , dessen goldene , mit bunt benähtem Sammet bedeckte Wände verschiedene erblichene Wappenschilder zeigten . In einiger Entfernung stand ein mit reichem Silbergeschirr bedeckter Schenktisch , auf dem die angerichteten Speisen dampften . Ei , sprach Lady Maria , freundlich alle diese Anordnungen beobachtend , Du hast sehr angenehm für meinen Hausstand gesorgt , lieber Alter ! Ich muß Dir Dank sagen , wenn Du Haus- , Hof- und Küchenmeister zugleich warst ; es ist Alles aufs Beste eingerichtet , um nach einer beschwerlichen Reise angenehm ausruhn zu können . Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Miklas und fand ihn in ihrem Anschaun so ganz verloren , daß er kaum ihre Worte verstanden haben mochte , und wir müssen es unentschieden lassen , ob etwa eine andere Gedankenverbindung in ihm bei dem vollen Anblick des Fräuleins aufstieg . Als sie sich indeß dem Tische näherte , eilte er herbei und rückte ihr den Stuhl , sie ehrfurchtsvoll bedienend . Die durch manche Entbehrungen erregte Eßlust des jungen Fräuleins gewährte dem Vater und der Tochter hinlängliche Genugthuung für ihre Bemühungen . Sie lobte die trefflichen Seefische und die saftigen Waldschnepfen , indem sie neckend einige Fragen über Jagd und Jägerei des Schloßgeheges hinwarf , und die erglühende Margarith sogleich wegschickte , um ihr die auf dem Schenktisch stehenden in Zucker eingelegten Früchte zu holen . Dem Alten ging , je länger , je mehr das Herz auf , seinem lieblichen Gast gegenüber . Wie stolz und ernst und ihrer Würde sich bewußt sie ihm zuerst erschienen war , sah er doch noch nie in einer und derselben Persönlichkeit so viel kindliche Unbefangenheit , eine so sorglose Sicherheit und eine Heiterkeit vereinigt , welche die Umgebungen in ihren Kreis zog , ohne ihnen je eine Verwechselung der Verhältnisse möglich zu machen . Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen Silber-Geschirr einen kühlen Wein des überseeischen Frankreichs darbot , konnte er sein Entzücken kaum hinter seiner Ehrfurcht bergen , als sie lieblich lächelnd ihn auf der Zunge prüfte und dann dem alten Wein-Kenner ein wichtiges Zeugniß über die Güte desselben abgab . Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Segen werden lassen ! rief er fast gerührt . Amen ! erwiederte sie , sich rasch erhebend , indem er mit mehr Gewandtheit , als er sich noch zugetraut , bis zu ihrer Thür voranschritt , sie zu öffnen , und ihr jede Courtoisie eines alten , wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte . Als Maria sich für die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin entfernen wollte , blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an , daß sie entschlossen sei , in ihrer Nähe zu bleiben . Denkt Ihr , Lady , es sei nicht besser , zu zweien in diesem Schlosse zu wohnen ? Nein , weiset mich nicht zurück , Ihr wißt noch nichts von diesem bösen Schlosse . Gott sei uns gnädig , fuhr sie fort , sich bekreuzend , ich bin nicht befugt davon zu sprechen , aber besser ist es , Ihr behaltet mich bei Euch . - So , sagte Maria lächelnd , Du willst also mein Schutz und Schirm sein , und in Deiner Nähe hältst Du mich für sicherer vor all Deinen angedeuteten Fährlichkeiten ? Sage mir doch wenigstens , ob Du Dich bei meiner Beschützung als Geisterbannerin zeigen mußt , oder bewaffnet mit Degen und Pistolen , damit ich erfahre , welcher Art meine Gefahren sein werden . Ach , theure Lady , spottet nicht , fuhr Margarith ängstlich fort ; Ihr mögt wol sehr muthig sein , aber was hier zuweilen geschieht , sträubt wol Männern das Haar , und Ihr würdet es nicht so leicht ertragen , als Ihr glaubt . - Wenn dem so wäre , glaubst Du , daß Dein alter Vater uns hier verlassen und uns schutzlos der Gefahr Preis geben würde ? Geh , geh , Margarith , Du hast zuviel Ammenmährchen gehört , ich aber kenne thörichte Furcht nicht und verlange allein zu schlafen . - Nein , nein , liebe Lady , Ihr werdet das nicht wollen , ich müßte ja den Weg allein zurück machen , und überdies - sie stockte . Nun überdies ? fragte die Lady , überdies bist Du eigensinnig und willst nicht gehorchen . Ach Ihr zürnt , theure Lady , ich aber bin unschuldig an Euerm Unwillen , denn seht , ich kann wol dieses und jenes Zimmer verlassen , aber weiter nicht , denn - denn wir sind ja eingeschlossen . Eingeschlossen ? rief die Lady , und nie sah Margarith schneller veränderte Züge , als bei diesem Worte . Gefangene ! fuhr das Fräulein in höchster Ueberraschung fort , ist es möglich ? Margarith , was treibt man mit mir , wer wagt es , so mich zu behandeln , mit welchem Rechte verfügt man über die Freiheit meiner Person ? Sprich ! Ich befehle Dir , mir zu sagen , wer ist die Besitzerin des Schlosses ? Wo bin ich ? und was weißt Du von den Absichten auf meine Person ? Doch Du träumst , Mädchen , Deine abergläubische Furcht will mich einschüchtern , damit Du Deinen Willen behältst ; ich selbst werde untersuchen , ob Du mich zu täuschen denkst . Mit flüchtigem Fuße eilte sie , ein Licht ergreifend , durch das angrenzende Zimmer nach dem großen jetzt wieder völlig leeren Vorzimmer , das ohne Kerzen , von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt , ein ödes geisterhaftes Ansehn hatte . Aber das Fräulein , voll Erwartung und erzürnt über die Möglichkeit , daß Margarith Recht haben könne , nahm wenig davon wahr ; sondern froh nur , die große Eingangsthür zu erkennen , eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu . Doch sie drückte vergeblich an dem breiten eisernen Schlosse hin und her , und ihr Licht dazu erhebend , erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Außen befestigten Riegels . Die Ueberzeugung von der Wahrheit dessen , was sie als eine große persönliche Beleidigung ansah , überwältigte ihren Geist für den Augenblick bis zu einer Art von Betäubung . Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhängnißvolle Schloß , als müsse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken . Das Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand , und die kleine Flamme suchte an ihrem langen niederhängenden Nachtkleide eben weitere Nahrung , als seufzend und mit unterdrücktem Weinen die näher geschlichene Kleine es aus ihrer Hand zog . Ach , Lady , kommt hier weg , schluchzte sie leise , ach , zürnt nicht länger . Halt ! rief Maria aufschreckend , ich höre Schritte , hörst Du es , Margarith ? Heiliger Gott , sei uns gnädig ! stammelte Margarith und strebte die Lady mit sich zu ziehn . Nein , sprach Maria , ich werde diesen späten Wanderer anrufen , er soll augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen , daß man mich hier als Gast und nicht als Gefangene behandele ! Nein , nein ! o schweigt , rief Margarith , sich vor ihr niederwerfend . Aber Maria war aufgeregt und zürnend , und als die Fußtritte jetzt vor der Thür anzuhalten schienen , als ob das Geräusch , welches Maria absichtlich an dem Schlosse machte , sie festhielte , rief sie : Wendet Euch hierher ! Habt die Güte , diese Thür von Außen zu öffnen , so Ihr könnt , oder Miklas , den Hausvogt , zu rufen ! Sogleich schien Jemand von Außen mit Ungestüm gegen die Thür zu fahren , und nach einigen ungeschickten Versuchen , sie so aufzudrücken , rasselte es heftig an dem Schlosse , welches zitterte und nachgab . Maria riß der niedergesunkenen Margarith das Licht aus der Hand , und es hoch hebend blickte sie der aufgestoßenen Thür entgegen . Doch voll Grauen bebte sie zurück , als ein Weib eindrang , dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige bezeichnete . Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor und in dünnen Strähnen über ihre furchtbar hohe Gestalt , welche nur von nothwendiger Kleidung gedeckt , Hals , und Brust und Arme in widriger Abzehrung zeigte . Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts , die stieren , glanzlosen Augen , und das Lächeln des Wahnsinns um den lippenlosen Mund . Schaudernd trat Maria zurück , aber angezogen schien die gräßliche Erscheinung von ihrem Anblick , sie folgte ihr nach , den mehrarmigen Leuchter gegen sie vorstreckend , und je länger sie mit ihren furchtbaren Augen sie anblickte , desto mehr gewann ihr starres Gesicht einen gemischten Ausdruck von Erstaunen und Wuth . Wer bist Du ? sagte sie mit heiserer Stimme , ich muß Dich kennen ! Sie rieb die Stirn , und wieder vordringend , rief sie , höllisch lachend : Du bist so ein Spuk aus der großen Welt , woraus sie mich vertrieben . Ha , jetzt kenne ich Dich ! Doch von wannen kommst Du ? Wer brachte Dich hierher ? Sendet Dich der Knabe Villiers , den sie Herzog nennen ? Ha , ha , ha , ha ! Du bist es , und kennst Du mich , die schöne Franziska Howard ? Komm , komm ! Du entgehst Deinem Schicksal nun nicht , bist Du doch von seinem Blute ! Ha , die Rache ist süß , sehr süß . - Gierig streckte sie die Hand aus und ergriff Maria ' s Gewand , welche , vergeblich mit dem Entsetzen kämpfend , ihre Knie wanken fühlte und , als die kalte Hand des Weibes ihren Hals umspannte , ihrer Sinne beraubt zur Erde sank . Als sie die Augen wieder aufschlug , leuchtete der frühe Morgen matt durch das hohe Fenster . Langsam kehrte ihr Bewußtsein zurück , und sie sah nun , daß sie in dem großen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag , und daß mehrere Personen um sie beschäftigt waren . Ein Versuch , sich zu bewegen , ließ sie einen Schmerz und eine Lähmung ihres Armes fühlen , und jetzt überzeugte sie sich , daß man daran eine Ader geöffnet , woraus das Blut sich vor ihr in ein Becken ergoß . Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmächtigen Geistes , der sich selbst noch nicht wieder vereinigt fühlt mit den Zuständen des Körpers . Sie erkannte den Reisegefährten , der die Lanzette geführt hatte ; sie sah Margarith auf ihren Knien , das Becken haltend ; sie fühlte sich in den Armen einer fremden Frau , deren mildes schneeweißes Gesicht sich dicht neben dem ihrigen zeigte ; aber sie hätte sich nicht gleichgültiger dabei fühlen können , wenn sie eine mit diesen Gegenständen bemalte Holztafel gesehen hätte . Nachdem der nöthige Verband umgelegt war und sie aus den Armen der Frau sanft in die Kissen sank , und die grünen Vorhänge des Bettes sie in eine angenehme Dämmerung hüllten , sanken ihre Augenlieder ermattet nieder ; der Schlaf trat an die Stelle der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verstörten Geist mit dem genesenden Körper . Nach einem langen und erquickenden Schlaf erwachte das Fräulein mit der angenehmen Empfindung wieder hergestellter Kräfte . Die Ruhe , die außerhalb der Vorhänge ihres Bettes herrschte , war indeß eine Wohlthat , welche sie sich zu verlängern suchte , da ihr Geist sogleich zu arbeiten begann , um theils die Begebenheiten der letzten Stunden sich zurück zu rufen , theils ihre Beziehungen zu sich selbst herauszufinden . Aber ihre Phantasie hatte vor dem letzten Ereigniß einen zu tiefen Eindruck empfangen , um nicht immer darauf zurück kommen zu müssen . Der Name Franziska Howard , den die grauenvolle Erscheinung sich beigelegt , gehörte einem Wesen , dessen Name mit jenem tiefen Abscheu in England genannt ward , womit man Verbrechen bezeichnet , die in einer zu hohen Sphäre sich begeben , um in ihrer ganzen Wahrheit zur Anschauung des Volkes zu gelangen . Maria war damit unbekannt , aber wenn sie den Aeußerungen dieser elenden Frau nachdachte , ward ihr die Ahnung eines durch Gewissensvorwürfe gestörten Geistes . Schaudernd dachte sie an die Nähe dieser Furie , die in ihren Phantasien sie zu einem bekannten Gegenstande ihrer Wuth gestempelt hatte . Natürlich prüfte sie jetzt ihre ganze übrige Lage , und was unter so bedrohlichen Umständen ihr etwa noch für Schutz geblieben sei , und bei dem Zurückkommen auf diesen Gegenstand , fühlte sie sogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarith und Miklas ihr bewiesenen Sorgfalt . Es war klar , daß Miklas die Thür verwahrt hatte , sie vor dem umherwandernden Spucke zu schützen , daß Margarith , davon unterrichtet , vielleicht um sie nicht zu beunruhigen , den Grund verschwiegen , ihr eigener Ungestüm aber diese gütige Vorsorge verhindert hatte , da durch ihr Geräusch an der Thür und ihr Rufen offenbar der schreckliche Gegenstand herbei gezogen worden war . Erwärmt von dem Gefühl , hier eine ihr zugewendete gute Absicht anerkennen zu dürfen , und lebhaft bewegt von dem Wunsche , das dabei von ihr selbst Verschuldete gut zu machen , griff sie schnell in die Vorhänge des Bettes , und sie zurückdrängend , sah sie Margarith an dem Fußende ihres Bettes auf einem niedrigen Stühlchen sitzen und an dem Netze knöpfeln , das auf ihren Knien ruhte . Ein freudiger Ausruf des lieben Mädchens begleitete ihr Aufblicken , und an dem Bette niederstürzend küßte sie kindlich jubelnd die Hände ihrer Lady und konnte nicht müde werden , sich über ihre gehoffte Genesung zu freuen . Aber , setzte sie schüchtern hinzu , theure Lady , zürnt Ihr mir und meinem alten Vater auch nicht mehr ? Gutes Kind , erwiederte Maria , wie rührt mich Deine Sanftmuth und Güte , da ich allein die bin , die über Dich so viel Schrecken brachte , indem ich die Vorsorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte , in meiner Heftigkeit nur mir selbst folgte und Alles dadurch herbei zog , wogegen Ihr mich zu behüten trachtet . Vergieb Du mir dagegen und sei gewiß , ich werde Deine guten Absichten nicht wieder mißverstehn . Ach , theure Lady , Ihr seid wie ein heil ' ger Engel , rief Margarith , wie hätte ich Euch wol zu vergeben ? Gottes Gnade und die heil ' ge Jungfrau haben uns ihren Schutz verliehen , sonst wären wir freilich unterlegen . Aber wie konntet Ihr auch das ahnen , was wir erlebt ? Wer es kennt , glaubt es kaum ! - Sage mir , liebe Margarith , wenn es Deine Pflicht nicht überschreitet , unterbrach sie Maria , wer war die gräßliche Person , die uns erschreckt hat , und warum genießt sie bei ihrer Geisteszerrüttung die Freiheit , hier umher zu gehn ? - Ach , theure Lady , wer möchte die ihr nehmen , da sie die Herrin des Schlosses , unsere gnädige Gebieterin ist . - Die Herrin des Schlosses ? rief Maria erschrocken . - Ja , so ist es . Die Lady ist sehr reich , und ihr Gemahl nun schon viele Jahre im Grabe , obwol ich noch recht gut mich des lieben schwermüthigen Herrn erinnere . Gott sei seiner Seele gnädig ! Glücklich war er auch nicht , die Leute sprachen Allerlei von ihm . Er mußte viel Trauriges erlebt haben ; denn rührender seufzte kein Mensch . Ach , und dann hörten wir ihn eben so die Nächte durch umher wandern und tief , tief seufzen . Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den kalten Steinen der großen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen . Alt konnte er dabei nicht werden , das könnt Ihr denken ; aber er that keinem Kinde was zu Leide , ja , er liebte sie zärtlich , und ich und Lanci und einige Fischerkinder , wir saßen gern um ihn her , und er schnitt uns Bilderchen und knetete uns Püppchen von Wachs . Mit der gnädigen Frau war es damals noch nicht so weit , wie jetzt , aber lieben thaten sich die Herrschaften nicht . Man sagt , der gnädige Herr sei ein Ketzer gewesen , und die gnädige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von seiner Schwermuth befreien wollen ; aber das sei ihr nicht gelungen , und darum schrien sie oft fürchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt . So kam es auch , daß die gnädige Frau es gar nicht merkte , als Mylord eines Morgens verschwunden war ; und als sie spazieren gehen wollte , fand sie die Leiche des gnädigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Thür dicht vor ihrem Schlafzimmer . Seitdem ist Mylady sehr unruhig , und geht häufig des Nachts umher und beabsichtigt Mylord zu suchen , von dem sie jetzt noch denkt , er schlafe irgendwo und werde sich erkälten . Aber es sind nun fast zehn Jahre , daß der arme Herr zur Ruhe ist , und Mylady weiß dies auch bei Tage und so lange sie gesund ist , aber häufig vergißt sie es wieder . - Das Unheimliche des Eindrucks , den Maria empfangen , ward durch diese Mittheilungen nicht gemildert , und vor Allem schrecklich schien es ihr , in der Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein . Sie fühlte die größte Ungeduld , sich über die Verhältnisse , in die man sie gegen ihren Willen gezwängt , Auskunft zu verschaffen , und sich vollkommen gesund fühlend , verlangte sie das Bett zu verlassen . - Liebe Lady , verzieht einen Augenblick , Pater Clemens will erst Euern Puls untersuchen , ehe er dies zugiebt ; ich rufe ihn sogleich . - Wer ist Pater Clemens ? sprach Maria . Laß das , liebes Mädchen , ich fühle mich ganz wohl und wünsche nur , daß Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst , mir meinen Reisegefährten herzusenden , den ich nothwendig sprechen muß . Nun , liebe Lady , sagte Margarith , das ist ja eben Pater Clemens , derselbe , der Euch diese Nacht zu Hülfe kam und Euch nachher zur Ader ließ . Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr überrascht , und wünschte um so mehr das Bett zu verlassen , da sie Sehnsucht trug , sich selbst in unabhängiger Thätigkeit zu fühlen , diesem unsichern , geheimnißvollen Umherschleichen gegenüber . Ehe es daher Margarith hindern konnte , ergriff sie die seidene Decke ihres Bettes , und sich hineinhüllend , stand sie pfeilschnell auf ihren Füßen , und betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden , wobei sie doch bald Margariths Beistand nöthig fand , da der Arm , an dem man die Ader geöffnet , noch ziemlich unbrauchbar war . Als sie sich dann den sorgfältigen Händen der neuen Kammerjungfer entzogen , eilte sie der Nebenthür zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat , fand sie die Lehnstühle an ihrem Kamine nicht mehr leer , sondern in der einfachen Kleidung des Ordens Jesu saß ihr Reisegefährte einer Frau gegenüber , die Maria auf den ersten Blick für dieselbe erkannte , in deren Armen sie erwacht war . Beide schienen in ihr Gespräch vertieft und nicht wenig überrascht , als Maria blühend , vollständig gekleidet , und mit jenem klaren und festen Ausdruck des ganzen Wesens , der vom guten Rechte zeigt , vor sie trat . Pater Clemens , wie wir ihn nun nennen müssen , schien auch nicht sogleich den rechten Ton finden zu können , und sein Gesicht war mehr verlegen , als ernst . Ihr überrascht uns , Mylady , sagte er , vor sich niedersehend ; ich will wünschen , daß Ihr Euch nicht zu früh für gesund erklärt habt . Ich war gesonnen , Euch Ruhe anzurathen . Ruhe , Sir ? antwortete Lady Maria , Ruhe bedarf nur noch mein Geist ; über das Gefühl der Gesundheit giebt man sich selbst das richtigste Zeugniß ! Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria ' s Aufmerksamkeit dadurch auf sich . Ich irre mich wohl nicht , fuhr sie gegen diese gewendet fort , wenn ich mich Euch verpflichtet halte für Euern liebreichen Beistand , den Ihr mir in dieser Nacht geleistet ? Ohne die Augen zu erheben , verbeugte sich die Angeredete bloß mit dem Kopfe . Pater Clemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn , erwiederte sie leise ; Ihr seid mir nicht dafür verpflichtet . Maria konnte , trotz dieser kalten Antwort , ihre Blicke nicht sogleich von der anziehenden Person abwenden , die diese Worte sprach , und deren hohe und schlanke Gestalt in der eng anschließenden schwarzen Kleidung , die sie trug , noch sehr wohl als schön zu erkennen war . Ihr milchweißes Angesicht von der feinsten Regelmäßigkeit , mit seinem demüthigen und frommen Ausdruck , rief unwillkürlich das Andenken an jene rührenden Heiligenbilder zurück , die in ihrem kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen , um einem einzigen frommen Gedanken nachzuhängen , Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen , die sie zur Nacht gesehn , obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten , und allein die eng anliegenden weißen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren . Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog , begegnete sie den Blicken des Pater Clemens , welcher mit sichtlichem Vergnügen den Eindruck zu erwägen schien , den Maria empfing . Sir , sprach sie hierauf mit Festigkeit , Ihr müßt begreifen , daß ich von Euch über sehr viele Dinge Aufklärung erwarte und die von Euch selbst mir gewünschte Ruhe nicht früher möglich ist , wie es überhaupt wohl scheinen mag , sie möchte vorerst eben nicht mein Loos sein ! Ich bin bereit dazu , erwiederte der Pater , obwol ich Euch im Voraus bitten muß , in mir nur den bevollmächtigten Vollzieher höherer Befehle zu erkennen , denen ich selbst willenlos unterthan bin . Es beliebt Euch vielleicht , hochwürdiger Herr , mich zu entlassen , sprach hier die blasse Frau , schüchternd sich dem Pater nähernd ; ich würde meinen , einige andere Pflichten zu haben . Geht , liebe Tochter , sprach Pater Clemens , haltet Euch aber gern bereit , die Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu theilen ! Ich habe weder eigene Zeit , noch eigenen Willen ; selig , wer gewürdigt wird zu gehorchen , antwortete sie , und ohne ihr stilles Gesicht zu verändern , beugte sie ihr Haupt , welches der Pater segnend berührte , worauf sie leicht wie ein Geist an Maria hinschwebte , ohne sie bei dem Gruße ihres Hauptes anzublicken . Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefühle zu , welches , als die Thür sich hinter der demüthigen Gestalt schloß , sich Luft zu machen strebte . Ich bin also in der Gesellschaft von Katholiken ? Ihr seid ein Priester jenes Glaubens , und jene Frau gehört zu den Schwestern der heiligen Ursula ? Mit Ruhe setzte sich Pater Clemens bei diesen Worten nieder , ihr den Armstuhl anweisend , der so eben verlassen worden war , und erwiederte dann , seine Augen andächtig erhebend : Ja , Mylady , Ihr habt es gesagt . Hierher , in diese verpönten Mauern hat sich eine kleine fromme Gemeinde geflüchtet , um , dem alten heiligen Glauben ihrer Väter treu bleibend , dem vaterländischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten heiligen Frucht zu behüten , zu Gottes allmächtiger Verfügung , am Tage , der da zeigen wird , wessen Reich die Erde Englands ist ! Es ist kein Grund mehr vorhanden , Euch dies zu verbergen ; denn für Verrath bürgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die übrige erlangte Sicherheit . - Ehrwürdiger Herr , sprach Maria , ich weiß , daß Eure Verbindungen gegen die Gesetze meines Vaterlandes laufen , und es kann mir keine angenehme Entdeckung sein , mich für den Augenblick darein verwickelt zu sehen . Indeß , weit davon entfernt , die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln , bedaure ich vielmehr , daß man die Würde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte , daß man verfolgend gegen die Eurige aufträte . Sehr wahr , sprach Pater Clemens , sichtlich belebt , es war das Gefühl , welches jeder Verblendung der Art folgt , daß , wer einmal aus den Segnungen unserer Kirche tritt , nur durch weltliche Macht Siege erringen könne . Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begründete Ueberzeugung und den Rath des Gewissens ist zu allen Zeiten und von allen Partheien benutzt worden , erwiederte die Lady , und wir dürfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht zurechnen , was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete . Aber wenn ich bis so weit sprach , geschah es hauptsächlich , Euch zu überzeugen , wie ich von Innen heraus den Geist der Kirche , der ich angehöre , für unverträglich mit den harten Mitteln halte , die angewandt sind , die Eure zu vertilgen . Ich würde aus dieser Ueberzeugung nie die Hand bieten , Aehnliches zu veranlassen , und darüber keinen weltlichen Richter anerkennen . Jetzt aber sagt mir , auf welche Weise hat mein Schicksal diese Wendung genommen , und was wißt Ihr mir über die Absichten zu sagen , die mich hierher leiteten ? Euch aus den Händen des schwärzesten Verraths zu befreien , erwiederte Pater Clemens mit Betonung ; aus Mitleid für Eure Jugend und Unschuld , die dem Elende bestimmt war . Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben nimmt , weiß ich Euch jedoch nicht zu sagen ; ich bin ein beglaubigter Priester des heiligen Ordens Jesu , mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet , was jederzeit das Rechte und Beste ist . - Was meint Ihr ? unterbrach ihn Lady Maria , heftig bewegt . Ich ward betrogen ? Von wem ? Sagt , ich bitte Euch , von wem ? Daß nur von Lord Membrocke die Rede sein kann , darüber könnt Ihr gewiß nicht im Zweifel sein , antwortete Pater Clemens , von ihm , der , um Euch aus der Obhut der Familie zu entführen , in deren Kreise Ihr lebtet , kein anderes Mittel wußte , als jenen erlogenen Brief . Großer Gott ! seufzte hier das unglückliche Mädchen , in ihren Sitz zurückfallend , so hätte ich recht geahnet ? Doch wie könnt Ihr den Brief erlogen nennen , rief sie alsbald , sich erhebend , der seine Handschrift zeigt , mit seinem Siegelring gesiegelt , den ich so oft an seiner Hand gesehn ? - Armes Kind , es war leicht , Euch zu betrügen , denn die Höllenkünste ahnet ihr nicht , womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen , und daß man Siegelringe stehlen könne , war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke . Schaudernd verhüllte Maria ihr erblaßtes Angesicht und ein Gefühl von Trostlosigkeit , eine Verlassenheit , ein Elend nöthigte sich ihrem Geiste mit dieser Entdeckung auf , wie sie es nie empfunden , und ihre erste Flucht , ihr Alleinsein auf der Landstraße , an Hunger und Müdigkeit erliegend , schien ihr nun ein glücklicher Zustand ,