so war es in ihrem Umkreise um alles getan , weswegen ein Mensch , der nicht rechnet , leben mag . Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz . Die Stunde regierte und die Glocke ; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze , traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an , versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten . Bei diesen griff ein jeder nach englischer Manier zu , wo es ihm beliebte ; der Reihenfolge der Speisen achtete man wenig , da sie fast sämtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden . Keine aufwartenden Diener ; eine Magd , welche ziemlich ungeschickt war , nahm Teller und Schüsseln weg , oder ließ sie auch wohl stehn , wie es sich eben traf . Auf niemand wurde gewartet ; verspätete Ankömmlinge setzten sich , kaum grüßend und begrüßt , nieder , und holten in Hast das Versäumte nach . Alle diese Unsitten waren für jemand , der in den letzten zwei Jahren in der besten Gesellschaft gelebt hatte , sehr empfindlich . Lästig fiel Hermann , welcher das Wasser nicht vertragen konnte , auch die Entbehrung jedes sonstigen Trinkbaren bei Tische . Der Oheim hatte nämlich die Laune , seine Tafel nur mit eignen Produkten besetzt sehn zu wollen . Hinsichtlich der Speisen tat dies der Güte des Mahls keinen Abbruch . Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch , die Gärten das zarteste Gemüse und die schönsten Früchte , die Weiher gaben schwere Karpfen und Hechte her . Allein mit dem Getränke verhielt es sich anders . Man braute hier ein sogenanntes Ale , und preßte aus Äpfeln und Birnen Cider . Nur diese Getränke kamen in geräumigen Flaschen auf den Tisch , wurden aber selbst von den daran Gewöhnten nur mit Zurückhaltung genossen . Hermann versuchte von beiden , bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden , und wurde nach dem Genusse des Ciders von einem heftigen Erbrechen befallen , so daß er seitdem lieber Durst litt , als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte . In den Zimmern sah es verworren aus . Meubles vom teuersten Holze mit schwerer Vergoldung standen neben tannenen Kommoden und Tischen , überall fehlte etwas , oder vielmehr der Widerspruch trat allerorten hervor ; ehemalige bürgerliche Einfachheit und neu erstrebte Pracht lagen miteinander in Streit . Wertvolle Gemälde , welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverlosungen erworben hatte , hingen in dunkeln Winkeln , meistens uneingerähmt , während geschmacklose kolorierte Kupferstiche in kostbarer Einfassung an den hellsten Stellen der Wände prunkten . Zwischen diesem Ungeschick und verdrießlichen Wesen blickte nur ein rührender Zug durch , des Oheims Liebe zu den Pflanzen . Für sie hatte er den feinsten Sinn , niemand verstand so , wie er , die Gruppen der Blumen , Stauden und Bäume zu ordnen ; die kundigsten Landschaftsgärtner hätten von ihm lernen können . Unter seinen Gewächsen mußte man ihn sehn , wenn man sich überzeugen wollte , daß die Natur keinem Menschen irgendeine zum Ganzen der Seele notwendige Richtung versagt . Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schönen menschlichen Eigenschaften des merkwürdigen Mannes . Täglich sah ihn Hermann in seinem Wägelchen durch die Anlagen fahren , und stundenlang oben im Gartenhause , oder bei der Gruft der Tante verweilen , deren Schmückung ihm die liebste Beschäftigung geworden war . Aus manchen Äußerungen ging hervor , daß seine Gedanken ebenso oft bei der schlafengegangenen Gattin , als bei den irdischen Dingen verweilten . Viertes Kapitel Von der Vergrößerung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft wurde unter den Geschäftsleuten des Oheims , wie von einer ausgemachten Sache gesprochen , obwohl Hermann nicht begreifen konnte , worauf sich , da der Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war , diese Zuversicht stützte . In den Gesprächen jener Männer , welche , wie wir wissen , bei der Ausdehnung und dem erhöhten Schwunge der Geschäfte selbst beteiligt waren , traten weitgreifende Plane hervor , wie jene Güter zum Fabriknutzen umgewandelt , oder zerstückelt werden sollten , so daß dem Gaste , dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe dorthin wandten , übel zumute ward . Einmal traf er den verdächtigen Amtmann vom Falkenstein bei dem Oheim , der ihm wieder die höhnisch freundlichen Blicke zuwarf , über welche Hermann schon auf dem Schlosse des Herzogs verdrießlich geworden war . Der Oheim ließ sich über diese Angelegenheit noch gleichgültiger als früher vernehmen . Seinen Adelshaß verriet er zwar auch jetzt wieder , und wiederholte mit Lebhaftigkeit die Meinung , daß es an der Zeit sei , das Eigentum aus den Händen derer , welche es nicht zu benutzen verständen , in fleißigere übergehn zu lassen . » Allein mir für meine Person « , fügte er hinzu , » liegt an dem Erwerbe der mir zedierten Besitzungen kaum noch etwas . Die Sache ist mehr für meine Direktoren , welche noch vorwärts wollen . Ich werde nur Last und Sorge von diesen Schollen haben . Zudem « , sagte er schwermütig , » für wen sammle ich ? « Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit , welche dem Oheim in seinem eignen Hause erwachsen war . Sein einziger Sohn Ferdinand , von dem er natürlich nichts heißer wünschen konnte , als daß er der Erbe seines Sinnes werden möchte , zeigte , sobald er sich zu entwickeln begann , auch nicht die mindeste Neigung zu dem , was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte . Alles Stillsitzen war ihm zuwider ; es kostete unendliche Mühe , ihm die Elemente der Rechenkunst beizubringen , die Maschinen , zu denen er früh geführt wurde , damit er Geschmack an ihnen bekomme , waren ihm lächerlich und widerwärtig . Er schlich sich heimlich zu den Werken , verdarb manches schadenfroh , und hatte einmal durch ein geschickt eingeworfnes Hemmnis eine Dampfpresse gewaltsam zum Stehn gebracht , dadurch aber beinahe den Mechanismus zerstört . Hingegen war es seine Leidenschaft , die gefährlichsten Orte zu erklettern . Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele ; er hatte bald eine Kompanie Knaben zusammengetrieben , welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers völlig regelrecht einexerzierte , obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte . Als er heranwuchs , war ein Pferd sein dringendstes Verlangen , und der Vater , der für dieses ihm nach langer kinderloser Ehe spätgeborne Kind die weichste Zärtlichkeit hegte , konnte sich nicht entbrechen , ihm eins anzuschaffen . Nun entband sich erst die ganze Natur des Knaben . Der Sattel war ihm lästig , er schied ihn von dem Geschöpfe , mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte . Den Bauchgurt zerschneidend , schwang er sich auf den nackten Rücken des Tiers , umfaßte dessen Hals zärtlich , und ließ sich von ihm über Stock und Stein tragen . Das alles hatte er insgeheim vorbereitet , denn es zeigte sich in ihm eine merkwürdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegnem Mute . Dem Oheim sträubten sich vor Entsetzen die Haare , als er von dem tollkühnen Ritte hörte . Er wollte dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen , aber da erfolgten so heftige Ausbrüche der Wildheit , daß man für seinen Körper besorgt wurde , und ihn lieber dem Geschick überließ , welches dem Unerschrocknen nicht selten günstig ist . Späterhin verfiel er auf das Schießen , wogegen aber der Vater sich mit Festigkeit erklärte , so daß Ferdinand von dem ungestümen Verlangen nach Pistolen und Flinten wenigstens scheinbar abstand . Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglücks in seiner Familie voraus , sah voraus , daß der Sohn zerstreuen werde , was der Vater gesammelt ; und diese trübe Besorgnis wirkte dazu mit , die Fäden seines Daseins abzunutzen . Um das Seinige zu tun , hatte er die beiden Schulmänner zu einer Beratung über das Erziehungssystem , welches in betreff des Knaben zu verfolgen sein möchte , einladen lassen . Man kann aber denken , daß deren Gutachten ihm wenig genügten , da ihre Meinungen nur beschränkt und einseitig waren , und seinem scharfen Verstande einleuchten mußte , daß die Mittel , welche sie vorschlugen , und welche einander noch dazu widersprachen , gegen eine entschiedne Richtung der Natur nichts verfangen würden . Hermann hatte von dem Edukationsrate einen Teil der obigen Notizen eingezogen . Sprach er mit Theophilien , die er oft des Abends besuchte , von dieser Angelegenheit , so machte sie ein zweideutiges Gesicht . Sie war recht eigentlich zur Plage des Oheims im Schlosse zurückgeblieben . Er empfand eine sonderbare Furcht vor ihr , wich ihr aus , wo er nur konnte , und hätte viel darum gegeben , wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden wäre . Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen , wenn sie ihren Wohnsitz verändern wolle ; welches aber immer höflich von ihr abgelehnt worden war . Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache , und fragte in schonenden Wendungen , warum sie einen Ort nicht verlasse , der ihr unmöglich angenehme Gefühle erwecken könne ? » Lieber « , versetzte Theophilie , » Sie kennen das Unglück nicht . Wenn Sie wüßten , was es heißt , vom Erbe verdrängt worden zu sein , nicht mit Gewalt und Übermacht , das wäre leidlicher , nein ! auf stillem , rechtlichem Wege , mit erlaubtem Wucher , mit zulässiger Geschäftskunst , Sie würden mich nicht so fragen . Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstört , verführt , zerrüttet und ich bin die Schwester des Grafen Julius . Er besitzt unsre Schlösser , gönne man uns nur noch , wie jene Frau sagt , ein Grab bei den Gräbern unsrer Ahnen ! Hier sind meine Erinnerungen , dieser Schmerz füllt mein Leben aus , es hätte seinen Inhalt verloren , wiche ich von hinnen . Nein , es bleibe bei der Übereinkunft , die mein Bruder bei dem Verkaufe der Güter machte , daß ich hier zeitlebens Wohnung , und nach dem Tode auch Unterkommen im Erbbegräbnis finden solle . Ich bin die Hüterin der Rasensitze , der Pavillone , aller der Plätze , die unsre muntren Feste sahn , sie verwildern , verwittern , veralten , wie ich ; ein geheimes Band der Sympathie schlingt sich von ihnen zu mir , ich muß es ehren . « Hermann wunderte sich über die Erhebung , womit Theophilie sprach . Dieser Ton war ihr sonst nicht eigen , sie pflegte leicht , ja leichtfertig zu reden , aber sie geriet , wie er nunmehr öfter wahrnehmen konnte , jedesmal in jenen Schwung , wenn sie an das Unglück ihres Hauses dachte . Aus hingeworfenen Reden ließ sich schließen , daß sie ein Geschick ahne , welches den Oheim ganz daniederwerfen werde , und leider schien sie sich darauf zu freuen , wenn sie sich dies auch nicht eingestehen mochte . So bedroht , so innerlich gefährdet und untergraben war der Zustand des Oheims , während nach außen hin Vermögen und Ansehn ins Unermeßliche wuchsen . Man konnte sagen , daß er eine Macht darstelle . Denn nicht allein , daß seine Handelsverbindungen über die ganze Erde griffen , auch mit den Fürsten und Regierenden war er in Verhältnisse gediehen , bei welchen er , da er mehr zu gewähren , als zu erbitten hatte , sich ziemlich auf gleichem Fuße zu ihnen halten durfte . Sie ehrten ihn denn auch auf mancherlei Weise , verliehen ihm Titel , die er nicht führte , weil sie ohne Ertrag waren , und noch in den Tagen von Hermanns Anwesenheit traf ein Orden hoher Klasse ein , von welchem aber der Neffe nur durch die dritte Hand etwas vernahm , weil das schimmernde Kreuz , nachdem der Empfänger es flüchtig beschaut hatte , still weggestellt worden war . Vom Schlosse hatte der Oheim seine Wohnung , wenigstens zum Teil , deshalb hinabverlegt , weil ihm die Nähe Theophi-liens immer widerwärtiger geworden war . Aber im Kloster erwartete ihn ein andrer Verdruß . Bei der Säkularisierung hatte man für die katholische Umgegend den Gottesdienst in der Kirche erhalten , der Weg zu ihr führte quer durch das nunmehrige Wohnhaus , und sie selbst befand sich hart an den Geschäftszimmern des Besitzers . Seinem Sinne , welcher dem Kirchlichen durchaus abgeneigt war , wurde nun täglich die Pein , einen Zug Andächtiger durch das Haus wandern zu sehn , und das Klingeln der Messe vernehmen zu müssen . Um so unangenehmer für ihn , als er den katholischen Kultus eigentlich geradezu haßte , da dieser die Menschen nach seiner Meinung zum Unfleiße verführe . Schon mehrmals hatte er versucht , sein Eigentum von jener Last zu befreien , hatte sich selbst erboten , den Katholiken eine neue Kirche bauen zu lassen , allein die Geistlichkeit , wohl wissend , wie ersprießlich ihrer Sache ein traditionelles Altertum sei , war dagegen stets auf das Bestimmteste eingekommen , und die Behörden konnten wohlerhaltne Rechte nicht aufheben . Mit allem Gelde vermochte er daher nicht , sich vor den Reminiszenzen des Adels und der Kirche zu schützen , über deren Eigentum der Zeitgeist ihn zum Herrn gemacht hatte . Unter den protestantischen Arbeitern aber tat sich eine neue Wirkung umgestalteter Lebensverhältnisse auf , die dem Oheim fast noch unleidlicher war , als der unter seinen Augen sich rührende Katholizismus . Die sitzende Lebensart , welche an die Stelle der Bewegung in freier Luft getreten war , hatte bei vielen den Boden für die pietistische Richtung zubereitet ; einige Werkmeister , welche von der Wupper kamen , brachten den Samen mit , und bald war eine zahlreiche stille Gemeine entstanden , in welcher die Erweckten predigten , und jedermann mit der Gnade des Herrn , dem Blute des Lamms , und wie die Schlagworte jener Herde sonst noch heißen mögen , gewandt umzuspringen wußte . In Hermann , welcher alle diese Unanehmlichkeiten kennengelernt hatte , regte sich der alte Eifer , zu helfen . Der Oheim bezeigte sich immer freundlicher gegen ihn , sein Widerwille schien verschwunden zu sein , er hatte die Gesellschaft unsres Abenteurers gern , und schenkte ihm über manche Dinge Ver-traun . Dieser bedachte nun schon dankbar im stillen , wie das Fräulein dennoch zur Verlegung ihres Wohnsitzes auf eine zarte Weise zu vermögen , das Naturell des wilden Knaben in die dem Oheim gefälligen Wege zu leiten , und die widerstrebende Geistlichkeit biegsamer zu machen sein möchte , hatte auch über alle diese Dinge bei sich einen Plan entworfen , in welchem jedes Hindernis beseitigt war , als ihn eine Mitteilung des Edukationsrats stutzig und an diesen wohlgemeinten Entwürfen irremachte . Es war ihm aufgefallen , daß der Rektor ihn sichtlich vermied , und wenn er nicht ausweichen konnte , ihm nur mit Widerstreben Rede stand . Da er sich nun durchaus keiner Verschuldung gegen den Schulmann bewußt war , so mußte er den Grund zu jenem Betragen in einer allgemeinen Verstimmung des Alten suchen . Er fragte den Edukationsrat bei Gelegenheit danach , worauf dieser versetzte : » Allerdings hat meinen Freund das schlimmste Schicksal betroffen . Ein wundersam scheinendes Glück führte nur dazu , sein Hauswesen heftig zu erschüttern , wo nicht von Grund aus zu zerstören . Jener totgeglaubte , aus Rußland zurückkehrende Sohn wurde von den Eltern , die ihn gleichsam aus dem Grabe wiederempfingen , mit einer Mischung von Liebe , Graun und Mitleid aufgenommen . Der Vater , durch Ihren Brief benachrichtigt , kaum seiner mächtig , holte den Verlornen aus der Hirtenhütte ab , welche der Unglückliche eben hatte verlassen wollen , um in die weite Welt zu schweifen . Man erschrak über seine Gestalt , sein Wesen , hoffte aber durch Sorgfalt und Pflege ihn wieder zum Menschen zu machen . Aber es zeigte sich bald , daß diese Hoffnungen eitel gewesen waren . Der Elende hatte zu viel gelitten , sein Physisches und Moralisches war zerrüttet . Bald mußten die Eltern zu ihrem Schmerze sich überzeugen , daß Eduard zwar alles Liebe und Gute , was ihm geboten wurde , sich gefallen ließ , daß aber kein dankbares Gefühl in seiner Seele dadurch geweckt wurde . Nur die Not und das Elend schienen ihn noch aufrecht gehalten zu haben , sobald ihn das bequeme , gemächliche Leben im väterlichen Hause umfing , brachen jene herben Stützen zusammen , und er versank von Tage zu Tage mehr . Ein unmäßiger Hang zu geistigen Getränken begann sich zu äußern , den der Verwilderte auf alle Weise heimlich zu befriedigen wußte . Bald nahm man Spuren des Irrsinns wahr , der endlich zur Tobsucht führte . Die Paroxysmen dieses Zustandes zerstörten die letzten Kräfte der Seele ; es folgte eine stille Verrücktheit , in welcher er , unschädlich , willen-und gedankenlos , nur noch so fortbrütet . Die Eltern haben ihn aus dem Hause und zu guten Leuten getan , welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem Wetter in die Sonne setzen , wo er dann , ohne sich zu bewegen , oder zu sprechen , den Tag über sitzen bleibt . Der Gram über dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager , von dem sie nur langsam , schwer , erstanden ist . Der Unglückliche hatte den Stoff so mancher Ansteckung in die Familie gebracht , die Wirkung seines Aufenthalts ist die übelste auf die jüngeren Knaben gewesen . Zwischen den Konrektor und Wilhelminen trat er wie ein Gespenst ; sie gaben einander nach heftigen Zwistigkeiten ihr Wort zurück , und der Verlobtgewesene hat sich einen andern Wohnort gesucht . Kurz , diese Vorfälle bestätigen die Lehre , daß keiner heimkehren muß , wenn er nicht mehr vermißt wird . « » Sie bestätigen noch eine andre Lehre ! « rief Hermann sehr traurig aus . » Man soll die Hände in den Schoß legen , und nichts für andre sinnen und tun ; dann ist man sicher , daß man ihnen nicht schadet . Was in der reinsten Absicht geschieht , bringt Tod und Verderben , und wer seinen Nebenmenschen aus dem Wasser zieht , kann ihn dabei erdrücken . « Fünftes Kapitel Er hatte gehört , daß Cornelie sich auf einer kleinen Meierei , unweit der Fabrikbesitzungen befinde , wo sie die Molkenwirtschaft lerne . Dorthin war sie vom Oheim gesendet worden , um die täglichen Berührungen zwischen ihr und Ferdinand zu hindern , welche nach der Rückkehr des Mädchens bei dem Knaben einen immer leidenschaftlicheren Charakter angenommen hatten . Ohne selbst recht zu wissen , was er beginnen wollte , und ungeachtet er dem Oheim das Wort gegeben hatte , nichts in dieser Sache eigenmächtig zu unternehmen , befand er sich eines Tages kurz nach den erzählten Vorfällen auf dem Wege zur Meierei . Dieser führte ihn an schroffen Felsen und bebüschten Hügeln vorbei , bis endlich im anmutig grünsten Wiesentale sich das reinliche , rot und weiß angestrichene Gebäude zeigte . Schönes , saubergehaltenes Vieh graste auf dem samtnen Rasen umher ; unter niedrigem Gesträuch , zwischen Gitterwerk eingehägt , scharrte und pickte allerhand Geflügel ; hübsche kräftige Mägde gingen mit ihrer Marktladung auf dem Haupte durch das Tal den umsäumenden Hügeln zu ; der blauste Himmel spannte sich über der friedlichen Szene aus . Hermann betrat das Haus , in welchem ihm der frische Molkengeruch entgegenduftete , mit einiger Beklemmung , da er von der Zusammenkunft mit Cornelien einen heftigen und ängstlichen Auftritt besorgte . Niemand begegnete ihm , und so ging er auf das Geratewohl nach einem Gemache , in welchem er ein Geräusch vernahm . Die Türe öffnend , sah er Cornelien bei der ländlichen Arbeit in Gesellschaft der Schaffnerin und einiger Dienerinnen . » Ich bin es , Cornelie , erschrecken Sie nicht ! « sagte er . » Warum sollte ich erschrecken ? « versetzte sie unbefangen . » Ich habe Sie längst erwartet , da ich wußte , daß Sie bei dem Oheim waren . « Sie wies ihn nach ihrem Zimmer und bat ihn , dort allein zu verweilen , bis ihre Arbeit , welche sie nicht aufschieben könne , getan sei . Er ging durch das Haus , welches von holländischer Reinlichkeit glänzte , betrat das Stübchen , und sah sich dort von dem lieblichsten Bilde der Ordnung angelächelt . Nicht lange , so erschien Cornelie . Sie reichte ihm von freien Stücken die Hand , begrüßte ihn mit dem traulichen Du , und da er , von ihrer Lieblichkeit bezwungen , seine Lippen den ihrigen näherte , duldete sie , ihm zum Erstaunen , seinen Kuß . » Warum bist du so lange ausgeblieben ? « fragte sie . » Du warst in meiner Nähe und ich erwartete dich täglich . « Hatte er sich vor Zwang und peinlichem Wesen gefürchtet , so setzte ihn dieser unbefangne Empfang noch mehr außer Fassung . Um sich zu sammeln , bat er sie , mit ihm einen Spaziergang zu machen , was sie gern gewährte . Sie führte ihn auf einen Hügel , von welchem er den Überblick über das ganze Tal hatte . Man sah nur dieses , und nirgends sonst menschliche Wohnplätze , weil die Turmspitzen der benachbarten Ortschaften sich alle hinter den vorspringenden Hügeln verbargen . Hiedurch erhielt die Gegend etwas unglaublich Stilles und Einsames . Dieser Eindruck wurde noch dadurch vermehrt , daß hier seit Menschengedenken nur das einfachste Geschäft , die Viehzucht betrieben worden war , das Geschäft , welches dem Boden die wenigsten Spuren menschlichen Verkehrs aufprägt . Denn das Tier wandelt da und dort über den Anger , sein Schritt furcht ihm keine Straße ein , und was sein Zahn abrupfte , ist in wenigen Wochen wieder nachgewachsen . Hermann , der das heitre , lebenskräftige Mädchen neben sich in dieser Abgeschiedenheit ansah , fragte sie , ob ihr diese , und ihre einförmige Beschäftigung nicht doch bisweilen zuwider werde ? » Niemals « , versetzte Cornelie . » Bin ich nicht eine Waise ? Ist mein Los ein andres , als dienstbar zu sein ? Ich muß dem Vater herzlich danken , daß er mir Gelegenheit bietet , die Hände zu rühren . Und dann fällt unter den Kühen und Schafen auch so manches vor , was immer Abwechslung gibt . Da entsteht Zank und Eifersucht , Versöhnung nebst allerhand Geschichten , wie unter den Menschen . Es ist ein trauriges Schicksal , keine Eltern zu haben « , setzte sie ernster hinzu . » Dein Oheim und deine Tante wollten mich es nie fühlen lassen , und doch konnte ich es wohl merken . Ich kann nie vergelten , was sie an mir getan haben , und doch bin ich immer dessen mir bewußt gewesen , daß ich niemand angehörte . Wenn von der Zukunft , von ihren Planen die Rede war , da hörte ich immer nur Ferdinands Namen , und meinen nicht mit . Das hat sich mir tief eingeprägt . Aber man lernt unter solchen Umständen früh , sich selbst helfen , und so jung ich bin , so fühle ich doch , daß ich wohl allein durch die Welt kommen wollte . Das Härteste erfuhr ich in dem Waldhause , wo du uns trafst . Die Mutter begehrte in ihrer Fieberhitze zu trinken , Ferdinand und ich , wir kamen beide mit einem Glase zum Bette , mich wies sie zurück und nahm von Ferdinand das Getränk an . Es war freilich nur Phantasie , aber es kränkte mich doch sehr ; ich setzte mich , bitterlich weinend , in eine Ecke . Nicht lange darnach tratest du ein . « Unter solchen Gesprächen waren sie in das Tal hinuntergestiegen . Hermann nahm wahr , daß die Hirten und Melkmädchen , Cornelien , wie sie an ihnen vorüberging , mit einem Ausdrucke grüßten , der an Ehrfurcht grenzte . Ja , eine junge schwarzbraune Dirne , die aus feurigen Augen schaute , sank vor ihr , wie vom Gefühl überwältigt , in die Knie und legte die Hand Corneliens sich auf das Haupt . Ein Lämmchen kam aus der Herde munter auf Cornelien zugesprungen , und gab durch schmeichelnde Gebärden ein Anliegen zu erkennen . Sie beugte sich zu dem zarten Tiere hinab , nahm ein Milchfläschchen aus dem Busen , und tränkte das Geschöpf , welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte , aus der hohlen Hand . Hermann betrachtete mit Vergnügen das reizende Bild . Nachdem sie ihr mildes Geschäft vollbracht , erhob sie sich und sagte : » Das Närrchen hat seine Mutter verloren , und obgleich ein andres mitleidiges Stück der Herde deren Stelle schon oft bei ihm vertreten hat , so sucht es doch immer mich und mein Milchfläschchen , wenn ich mich zeige . « Alles , was Hermann hier sah und hörte , gab ihm das Gefühl eines süßen Friedens , und er malte sich mit Entzücken das Bild der Häuslichkeit aus , welche ihm Cornelie gewähren würde . Denn daß sie nicht länger sich seinem treugemeinten Werben widersetzen werde , war ihm nach dem traulich-liebevollen Empfange , den er hier über alle Erwartung gefunden hatte , gewiß . Bei der Mahlzeit , die aus den einfachsten Gerichten bestand , war nur noch eine dritte Person zugegen , die alte Schaffnerin . Ihre Verneigung , tief und förmlich , verriet die ehemalige Klosterjungfrau , und wirklich war sie es . Sie hatte den Oheim ersucht , ihr dieses Amt zu geben , und er , der jeder Tätigkeit hold war , hatte ihren Wunsch gern gewährt , ihr überdies die Pension gelassen , welche ihre übrigen Schwestern , die Hände im Schoß , verzehrten . Obgleich auch durch den Oheim aus dem gewohnten Lebenskreise vertrieben , gehörte sie wenigstens nicht zu seiner Gegenpartei , und bildete durch ihre Reden einen anmutigen Kontrast mit Theophilien . Sie verhehlte gar nicht , daß sie schon im Kloster sich zu den Freidenkerinnen geschlagen habe , und daß ihr die Erlösung aus der Klausur herzlich willkommen gewesen sei . Sie wußte hundert lächerliche Geschichten von den kleinen Intrigen jenes Zwangszustandes zu erzählen , und wie die Nonnen sich die lange einförmige Zeit durch allerhand seltsame Spielereien verkürzt hätten . » Einer dieser Zeitvertreibe « , sagte sie , » war das Spiel mit dem Jesulein . Jede der Klosterschwestern hatte so ein Püppchen in der Zelle , welches sie auf das köstlichste aufputzte , alle Abende entkleidete , und mit zu Bette nahm . Man nährte es , wartete es ab , behandelte es völlig wie ein lebendes Kindlein . Wenn dann die Nonnen zusammenkamen , so erzählte eine jede , wie klug ihr Jesulein sei , der einen ihres konnte schon lesen , ein andres lernte das Zimmerhandwerk , ein drittes hatte der Mutter die Brust wund gesogen , daß sie Umschläge auflegen müssen , und was der Possen mehr waren . Die Äbtissin sah der Sache lange nach , endlich hielt sie sich doch in ihrem Gewissen verbunden , die fromme Tändelei dem Beichtvater zu entdecken , durch den es vor den Bischof kam . Dieser traf plötzlich eines Tages im Kloster ein , hielt eine strenge Visitation und predigte scharf gegen Profanation der heiligen Dinge , worauf denn die Jesulein abgeschafft werden mußten , und wir nicht mehr die Mütter Gottes spielen durften . Einige Schwestern behaupteten aber nach diesem Verbote ganz treuherzig , das Milchfieber zu haben . « Cornelie hatte bei dieser und andern derartigen Plaudereien still und schweigsam gesessen . Höchst wohltuend war ihm die Sitte und Ordnung , welche , im Gegensatze zu des Oheims Tafel , an diesem kleinen Tische herrschten . Servietten und Tücher waren zierlich gefältelt , Schüsseln und Teller symmetrisch gestellt , die Magd , welche aufwartete , und dies Geschäft flink und geschickt verrichtete , säuberte nach jedem Gerichte Messer und Gabeln . » Wo hat sie das gelernt ? « fragte Hermann die Schaffnerin , als Cornelie sich nach Tische auf einige Augenblicke entfernte . » Es muß ihr so angeboren sein « , versetzte die Alte . » Bei dem Oheim hat sie alles das freilich nicht absehn können , und die selige Tante verstand auch nicht , diese Zierlichkeit in die alltäglichen Dinge des Hauswesens zu bringen . Ich aber hatte hier mehrere Jahre lang einsam gehauset , und wenn man für sich allein ist , hat man auf dergleichen nicht acht . Sobald sie herkam , fing sie an , es so einzurichten , und in kurzer Zeit hatte sie jeden an diese Akkuratesse gewöhnt . Überhaupt ist mir das Kind ein rechter Segen in der Meierei . Vorher ging es zwischen den Hirtenknaben und den Mägden wild und liederlich zu ; und seit sie hier ist , hat sich auch das gegeben , ist alles keusch und sittsam geworden . Es scheint , daß in ihrer Nähe nichts Unreines den Mut hat , sich hervorzuwagen . « Er machte sich von der Alten , die gern noch fortgeschwatzt hätte , los , und brachte einige Stunden des Nachmittags für sich zu , um seinen Entschluß in Ruhe vorzubereiten . Aber ein solches Abwarten bringt den entgegengesetzten Erfolg hervor ; er wurde nur immer unruhiger und betrat gegen Abend mit starkem Herzklopfen das Blumengärtchen , welches sich Cornelie neben dem Hause angelegt hatte , und worin er sie ihre Pfleglinge begießen sah . Doch nahm er sich zusammen , trat zu ihr , ergriff die Gießkanne , und tränkte die Pflanzen . Nachdem dies geschehen war , wobei ihm Cornelie lächelnd zugesehen hatte , faßte er sanft ihre Hand , und sagte : » Du weißt , geliebte Cornelie , warum ich gekommen bin . « » Ich kann es mir denken « , versetzte sie leicht errötend . » Und da du nun hier bist , so wollen wir die Sache auch recht klar besprechen . « Sie gingen zusammen nach einer Laube und setzten sich . Noch hielt er ihre Hand ,