Mann . Zwei Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit , und ein unbewußt schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren Willen diese Meinung aus , und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl . Der Graf erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz , und dieser rief höchst entrüstet : So werden Sie doch dem Vater dieses übermüthigen Menschen die Pension nicht länger zahlen , die er von Ihnen zieht ? Und wie hinge das , was ich dem Vater versprochen habe , mit dem Betragen des Sohnes zusammen ? fragte der Graf . Glauben Sie denn , daß er weniger schlecht und undankbar ist , als der Sohn , erwiederte der Prediger ; glauben Sie , daß er Ihre Unterstützung im Mindesten verdient oder auch jetzt nur bedarf ? Sie haben gewiß Recht , antwortete der Graf , und ich bin ganz Ihrer Meinung . Auch gestehe ich Ihnen , hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft gekannt , so wie ich sie jetzt kenne , daß dann meine Unterstützung wenigstens nicht so bedeutend ausgefallen sein würde , trotz der langen Dienstjahre , die der Alte geltend macht . Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntniß mein Wort einmal gegeben habe , so kann ich mich nicht wieder zurückziehen , obwohl ich einsehe , daß der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat , wie er sich rühmt , als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten lassen , ohne Nutzen zu stiften , und gewiß hätte er dafür keine Belohnung verdient ; aber , wie gesagt , die Sache läßt sich nun nicht mehr ändern und wir müssen uns darein ergeben . Es ist aber ärgerlich , sagte der Pfarrer , dem noch Wohlthaten zuwenden zu sehen , der jetzt wieder mit Uebermuth wie ein reicher Mann unter uns auftritt . Er hat das kleine Gut Schönthal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann . Ich war neugierig , seine Einrichtung zu sehen , und brachte ihm deßhalb selbst die vierteljährige Pension hin , die Sie ihm zukommen lassen . Ich erstaunte , wie außerordentlich gut er das Haus meublirt hat , und er hatte die Unverschämtheit , mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen : Da jetzt so viele Edelleute in der schweren Kriegszeit , die Gott über uns verhängt hat , zu Grunde gehen , so kommt man wohlfeil an alle diese Dinge , Herr Prediger , und ich kann nach Gottes gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen , daß ich ein Mensch bin , so gut wie alle die Herren . Das Geld , welches ich ihm brachte , warf er so gleichgültig in seinen Schreibtisch , als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und keineswegs eine Unterstützung , die er der Großmuth verdankt , sondern die Bezahlung einer unbedeutenden Schuld . Mein Schreiber soll die Quittung aufsetzen , sagte er vornehm , ich werde sie unterzeichnen , denn meine Augen werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben . Ich ärgerte mich so sehr über sein übermüthiges Betragen , daß ich ihn etwas zu demüthigen beschloß und daher sagte : So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr abschreiben können , wenn sich die Gelegenheit darböte ? Nein , das würde mir nicht mehr möglich sein , antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit , auch habe ich es Gottlob nicht mehr nöthig , solche Arbeiten zu machen , und bin durch Gottes Gnade so eingerichtet , bester Herr Prediger , daß ich in meinem Hause nur über Dinge zu sprechen brauche , die mir angenehm sind . Ich wollte den alten Sünder verlassen , aber er bestand darauf , ich mußte den Abend bei ihm bleiben , und ich fand seinen Tisch außerordentlich gut besetzt . Man hat die Gottesgabe , bemerkte er , weit billiger , als die vornehmen Herren , denn die Kenntnisse , die ich mir in der Jugend erwarb , schützen mich besser vor Betrug . Das kann ich begreifen , erwiederte ich ihm , so daß er die Beziehung verstehen mußte . Freilich , freilich , antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit , es begreift sich leicht . Wer so lange , wie ich , in herrschaftlichen Häusern lebt , macht auch seine Studien , nur anders wie die Gelehrten , Herr Pfarrer . Bei Tische wurden sehr gute Weine angeboten , und der Alte sagte mit unerträglicher Heuchelei : Gott hat mir gute Kinder geschenkt , die für ihren alten Vater sorgen . Mein lieber Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet . Lieber Gott , er ist in einer Lage , wo er das alles mit Leichtigkeit erwirbt , und er will nicht , daß das schwache Licht meines Lebens erlöschen soll , und sucht deßhalb die Flamme zu nähren ; nun , der Herr wird es ihm vergelten . Er sagte mir hierauf , daß in der nächsten Woche seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden , um seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu begehen , und er lud mich so dringend dazu ein , daß ich zusagen mußte . Als er mein Versprechen hatte , fing er an , wie er sagte , aus Freude darüber , unmäßig zu trinken , und ich verließ ihn im Zustande thierischer Betrunkenheit und schämte mich , daß ich ein solches Mahl mit einem solchen Menschen hatte theilen können . Auch war ich natürlich entschlossen , sein Haus nicht wieder zu betreten , obgleich ich gern sehen möchte , wie sich die saubere Familie an diesem Feste gebehrden wird . Auch möchte ich wissen , wo sich seine Tochter aufhält , nachdem sie den französischen General verlassen hat , der Alte gab darüber nur ausweichende Antworten . Ist es denn nun , schloß der Prediger , nach allem diesem nicht unerträglich , daß dieser übermüthige Mensch noch Wohlthaten empfangen soll , deren Werth er so wenig erkennt ? Sie haben Recht , erwiederte der Graf , und nur ein gegebenes Wort bestimmt mich , eine Unterstützung fortzusetzen , die allerdings , wie ich selbst einsehe , besser angewendet werden könnte . Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern , und wurde von der Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und St. Julien abgezogen , an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Theil nahm . Der Arzt behauptete nämlich mit größtem Eifer , da die Franzosen in Deutschland wären , so wäre es ihre Schuldigkeit , deutsch zu lernen , und sie müßten es wie eine höfliche Gefälligkeit betrachten , wenn man sich dazu verstände , französisch mit ihnen zu reden , und hätten gar kein Recht , weder über schlechte Aussprache noch sonstige Mängel dabei zu lachen . St. Julien scherzte über den Gedanken und fand die Vorstellung ungemein belustigend , daß also , wenn ein Feldzug eröffnet werden sollte , die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in verschiedenen Zungen gemacht werden müßte . Der Graf , der sich in das Gespräch mischte , sagte : Sie würden Recht haben , lieber Doktor , wenn die Franzosen zu uns als Bittende , Hülfesuchende kämen ; da sie aber leider als Sieger hier sind , so können sie wohl erwarten , daß wir unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen , denn es möchte zu unserm eigenen Nachtheil gereichen , wenn wir dieß nicht verständen , und so schafft eine Gewohnheit selbst , die mir immer so außerordentlich albern erschienen ist , doch auch ihren Nutzen , freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit . Welche Gewohnheit ? fragte der Prediger neugierig . Der seltsame Gebrauch , erwiederte der Graf , der seit Jahrhunderten immer weiter um sich gegriffen hat , in den gebildeten Familien statt der Landessprache die französische zu reden , und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen Fremde , nein , unter sich , so daß recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer Nationalität entäußert und fremd , französisch , zu werden sucht . Tadeln Sie die Kenntniß und den Gebrauch fremder Sprachen , fragte St. Julien verwundert , da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben ? Der Graf antwortete lächelnd : Kaiser Karl der Fünfte sagte , ein kluger Mann , der vier Sprachen redet , ist so viel werth , als vier kluge Männer , und der Meinung bin ich auch . Aber würden Sie sich nicht wundern , wenn in den französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen geredet würde , die darauf Anspruch machen , zu den Leuten von gutem Tone zu gehören , und Jeder dieß für vornehmer hielte , als wenn er an seinem eigenen Heerde sich der Sprache seines Landes bediente ? Würden nicht alle wahren Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit Recht tadeln ? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe , wenn ich mich immer eines fremden Idioms bediene , um meine besten Gefühle , sinnreichsten Gedanken und witzigsten Einfälle darin auszudrücken , daß die Sprache des Landes vernachlässigt werden , roh und ungebildet bleiben muß ? In Deutschland hat ein gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet , und gewiß dadurch viel zu dem Glanze und der Anmuth beigetragen , die wir neben der Tiefe und Innigkeit bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern . Die Vornehmen haben seit lange besser verstanden , sich französisch als deutsch auszudrücken . Es ist wahr , sagte St. Julien , auch die Italiener erwarten , daß man in ihrem Lande ihre Sprache mit ihnen redet , aber ich habe dieß immer für Unwissenheit gehalten . Zum Theil , sagte der Graf , mag es so sein . Aber noch weiter gehen in dieser Forderung die Engländer , und gewiß nicht aus Unwissenheit , sondern aus sehr zu lobendem Nationalstolze ; denn ich wenigstens begreife nicht , worauf sich die Vaterlandsliebe am Ende stützen kann , wenn eine Nation alles Eigenthümliche , bis auf ihre Sprache selbst , bei sich zu vertilgen strebt . Ein Bequemlichkeit ist indeß , wie nicht zu läugnen ist , aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden , daß nämlich die französische Sprache die geistige Scheidemünze des Lebens geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht , um sich vom Tajo bis zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen . Und das ist doch ein großer Vortheil , rief St. Julien . Für die Franzosen , erwiederte der Graf ; sie gewinnen dabei am Meisten , selbst an Bequemlichkeit , denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer einzigen fremden Sprache zu bemühen , selbst nicht für ihre diplomatischen Unterhandlungen , denn auch diese werden in der Regel in französischer Sprache geführt , und ich weiß nicht , ob Jemand daran gedacht hat , welch ein großer Vortheil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist , daß mit ihnen in ihrer Landessprache unterhandelt wird , die ein geistreicher Mann immer besser zu benutzen verstehen wird , wie eine fremde , wenn er sie sich auch noch so sehr zu eigen gemacht hat . Aber eine Sprache muß doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden , sagte der Prediger , und so würde es nicht zu vermeiden sein , daß eine Nation in dieser Rücksicht begünstigt wird . Ehedem , bemerkte der Graf , wurden alle Staatsgeschäfte verschiedener Nationen lateinisch verhandelt , und ich begreife nicht , weßhalb dieß jetzt lächerlich und pedantisch gefunden wird . Es war wenigstens Gerechtigkeit darin , eine Sprache , die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist , und die folglich alle Parteien erlernen mußten , in Fällen anzuwenden , wo es so sehr darauf ankommt , kein Uebergewicht zu gestatten . Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen , daß Dübois eintrat und nach einem leisen Gespräch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verließ . Alle , selbst der Graf nicht ausgenommen , waren verwundert über das Geheimnißvolle in der Art , wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte , und erwarteten mit einiger Unruhe seine Rückkehr . Nach einigen Minuten erschien er wieder im Saale , und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert . Zwei ehemalige Regimentskameraden , sagte er zu seinem Oheim , bitten mich für diese Nacht um Gastfreundschaft , die natürlich ich nicht ohne Ihre Erlaubniß gewähren kann , und ich komme deßhalb - - Lieber Vetter , unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen , bedarf es noch einer Frage , ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden . So erlauben Sie mir , erwiederte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit , mich für heute mit ihnen zurückzuziehen und für die Bequemlichkeit meiner Gäste in Ihrem Hause zu sorgen , denn der eine ist nicht wohl ; doch , hoffe ich , wird er sich nach der Ruhe der Nacht erholen , und ich werde Ihnen , ehe sie weiter reisen , Beide vorstellen können . Er verließ nach diesen Worten von Neuem den Saal , der Graf blickte ihm verwundert nach . Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und versenkte sich in so tiefes Nachdenken darüber , was dieser geheimnißvolle Besuch zu bedeuten haben könne , daß er die sehr merklichen Winke des Arztes übersah , der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wünschte . Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren ; er vermuthete , daß dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe , in die sich sein Verwandter , wie er wußte , eingelassen hatte , und er fürchtete , daß vielleicht eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst mit hinein ziehen könne . Er wurde also nachdenkend und still , und es gelang endlich dem Arzte , den Prediger auf sein Zimmer zu führen , um ein wichtiges Geheimniß in dessen Busen niederzulegen . Endlich , fing er triumphirend an , bester Herr Prediger , kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen den vollständigsten Aufschluß über eine Sache geben , die Sie sich so oft vergeblich bemüht haben zu erfahren . Und über welche Sache wäre Ihnen dieß möglich ? fragte der Geistliche mit Spannung . Ueber die wunderbare Verwundung unseres guten Herrn St. Julien , erwiederte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln . Was haben Sie darüber erfahren , fragte mit Eifer der Pfarrer , und bei welcher Gelegenheit ? Sie wissen , antwortete der Arzt , ich kümmere mich nicht sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen , wenn sie nicht mit meiner Kunst zusammenhängen , und ich würde auch dieß Mal um meinet Willen nicht so aufmerksam darauf gewesen sein , denn für mich ist es die Hauptsache , daß ich den jungen Mann hergestellt habe . Wie er zu seinen Wunden gekommen , ist mir eigentlich gleichgültig , aber die Freundschaft hat ihre Rechte . Also um Ihret Willen , bester Freund , hörte ich genau hin und prägte mir die ganze Unterredung an der Tafel des Kommandanten so genau ein , daß ich sie Ihnen Wort für Wort wiederholen kann . Er that dieß hierauf mit großer Umständlichkeit und fragte mit selbstzufriedenem Lächeln , als er geendigt hatte , seinen aufmerksamen Zuhörer : Was sagen Sie nun , habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer Kenntniß gebracht , und bin ich gänzlich unfähig , wie Sie so oft behauptet haben , einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken , die nicht mit meiner Wissenschaft zusammenhängt ? Und halten Sie denn diese Erklärung für die aufrichtige , wahre ? fragte der Geistliche etwas verächtlich . Die geringste Ueberlegung hätte Ihnen ja sagen müssen , daß , wenn sich die Sache so verhielte , St. Julien keine Ursache gehabt hätte , sie uns allen so ängstlich zu verschweigen , und daß er uns , wenn dieß der richtige Zusammenhang der Sache wäre , diese Mittheilung denselben Tag gemacht haben würde , an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten . Mann , Sie haben Recht ! rief der Arzt , von seinem Sitze aufspringend , Sie sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn . Bedeutend ist in Ihrem Berichte , erwiederte der Prediger , daß die erwähnten Italiener des jungen Mannes Verwandte sind . Nun , fuhr er nach einigem Nachdenken fort , ich gebe es noch nicht auf , der Sache auf den Grund zu kommen , so wie manchem Geheimnißvollen in diesem Hause . Sagen Sie mir doch morgen , wenn Sie nach dem Dorfe reiten , um Ihre Kranken zu besuchen , ob die heut angekommenen Gäste auf dem Schlosse geblieben sind . Auf den Fall würde ich doch morgen wieder herkommen , um sie mir anzusehen . Der Arzt gab das verlangte Versprechen , und der Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung . XIII Es waren kaum einige Minuten verflossen , nachdem der Prediger den Arzt verlassen hatte , und dieser fing eben an sich auszukleiden , wobei er aus tiefster Brust in abwechselnden Tönen gähnte , als seine Thüre geöffnet wurde und Graf Robert zu seinem Erstaunen bei ihm eintrat . Bester Herr Doktor , redete ihn dieser mit verstörter Miene an , mit Angst und Sorgen habe ich gewartet , bis der Prediger Sie verlassen hat , um Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen . Ich weiß , Sie sind ein verschwiegener Mann und treuer Freund . So weit die Welt mich kennt , sagte der Arzt , sich in die Brust werfend , wird mir Niemand diese Eigenschaften absprechen . Eben darum , erwiederte der junge Graf , nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen . Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt , ein Duell war die Folge , in dem er verwundet worden ist . Er scheint sehr zu leiden und weigerte sich doch standhaft , Sie früher um Ihren Beistand zu bitten , als bis Sie allein sein würden , denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus nothwendig . Sie können darauf rechnen , sagte der Arzt , der seinen Rock schon wieder angezogen hatte , meine Lippen schweigen wie das Grab . Das ist die Pflicht des Arztes , und Sie wissen , daß ich alle meine Pflichten erfülle . Nach diesen mit großem Nachdruck gesprochenen Worten , nahm er alle chirurgischen Instrumente zusammen , so wie alles zum Verband Erforderliche . Diese Sachen werden wir vermuthlich brauchen , sagte er mit einem schlauen Lächeln , da Sie des Wundarztes mehr , als des Doktors zu bedürfen scheinen . Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer , wo sie seine beiden Freunde und den jungen Gustav antrafen . Sie haben den jungen Menschen in Ihre Geheimnisse eingeweiht , sagte der Arzt , indem er verwundert einen Schritt zurücksprang ; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend ? Sein Sie ruhig , erwiederte der Graf , ihn hat ein hartes Schicksal früh gereift ; seiner Vorsicht dürfen wir uns unbedingt vertrauen . Wenn das ist , sagte der Arzt , so verdient er die höchste Achtung . Aber , fuhr er mit bedenklicher Miene fort , wenn Ihr Geheimniß nicht verschwiegen bleibt , so denken Sie daran , daß Sie es mir nicht allein vertraut haben . Nach diesen Worten näherte er sich dem Kranken , der in einem Lehnstuhle saß und sehr zu leiden schien . Sein Gesicht war bleich wie das eines Todten , und die blauen , zuckenden Lippen deuteten auf heftige Kälte , die den ganzen ermatteten Körper zu beben zwang . Der hat ein tüchtiges Wundfieber , sagte der Arzt , zum Grafen gewandt ; sein Zustand muß sogleich untersucht werden . Er näherte sich hierauf dem Kranken und sagte mit etwas heftiger Stimme : Und warum liegen Sie denn bei Ihrer Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette ? Sein Arm ist so aufgeschwollen , sagte der junge Graf , daß wir ihn nicht von seinem Rocke zu befreien vermochten . Der Arzt sah , daß selbst über Hand und Finger sich eine starke Geschwulst verbreitet hatte . Er antwortete nichts , sondern nahm aus seinem Besteck eine Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Länge nach auf . So klug hätten Sie lange sein können , sagte er , sich an den jungen Gustav wendend , der ihm zu seiner Beschäftigung leuchtete , weil er diese verweisenden Worte nicht an die andern Gegenwärtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre für die Zukunft geben wollte . Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstücke befreit war , zeigte es sich , daß seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet hatten , und es war nicht möglich , den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen . Während nun der Arzt hiemit beschäftigt war , rief er mehrere Mal : In welchen Händen sind Sie gewesen ? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen können , der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht ? Das ist ja ärger , als ob Sie unter die Wilden gerathen wären , denn die werden es doch noch besser verstehen , eine Wunde zu verbinden . Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen , indem er ihm sagte , daß sein Freund nicht hätte daran denken können , für seine Gesundheit zu sorgen , indem er nur auf seine Sicherheit habe Rücksicht nehmen können , und deßhalb wären schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande . Wenn Sie meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten , erwiederte der Arzt mit Verachtung , so würden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen . Während dieser Rede war es endlich gelungen , die Wunde zu befreien , und der Arzt heftete einen langen , bedeutenden Blick auf den jungen Grafen , indem er einen Ausruf , der seinen Lippen entschlüpfen wollte , gewaltsam zurück drängte und dabei so wunderliche Gesichter machte , daß nur der Ernst des Augenblicks so mächtig auf seine Umgebung wirken konnte , daß sich keine Spur von Lachlust zeigte . Der Graf mochte nicht fragen , aber ihn selbst hatte der Anblick der Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt , daß das Uebel seines Freundes zu den ernsthaften gehörte . Mit schonender , leichter Hand hatte der Arzt die schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemäßen Verband aufgelegt , und der Kranke fühlte sich sehr erleichtert . Der Graf gab ihm von seiner Wäsche , und der Arzt half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen . Auch dieß schien in ihm eine wohlthätige Empfindung zu erregen . Als alles dieß beendigt war , fragte der Arzt den Kranken : Was haben Sie gegessen zu Abend ? Gar nichts heute den ganzen Tag , erwiederte dieser , der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete Schweigen brach . Obgleich die Stimme matt und krank war , so erkannte sie der Arzt dennoch , und sprang im höchsten Erstaunen drei Schritte zurück und rief : wunderbar ! höchst wunderbar ! Der junge Graf gerieth in den verzeihlichsten Irrthum , daß der Arzt die lange Enthaltsamkeit seines Freundes so lebhaft bewunderte , und sagte daher : Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert , an Nahrung zu denken . Ach was ! rief der Arzt , ich dachte jetzt nicht an Lebensmittel ; aber was mich erschütterte , davon ist jetzt nicht Zeit zu reden . Jetzt muß ich als Arzt , als Menschenfreund handeln . Ihr Freund muß durchaus einige leichte , stärkende Nahrung haben , deßhalb wird es nöthig sein , Dübois gewissermaßen in unser Geheimniß zu ziehen . Er ist ein braver Mann , ob er gleich ein Franzose ist , wie wir ja überhaupt einige achtungswerthe Subjekte von dieser Nation kennen gelernt haben ; und er ist sehr dienstfertig , obgleich er hier im Hause sehr verwöhnt wird . Man muß sich an ihn wenden , damit er Ihrem kranken Freunde etwas Kraftbrühe verschafft , denn er darf nicht länger ohne Nahrung bleiben . Sie hätten mir dieß nur mit wenigen Worten auftragen dürfen , sagte der junge Gustav empfindlich . Herr Dübois ist der menschenfreundlichste Mann von der Welt und wird gewiß sogleich aus dem Bett aufstehen , um herbei zu schaffen , was Sie bedürfen . Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg , und der Arzt beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken ; dann sing er an , seine auf dem Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfältig zu reinigen und einzupacken , und er hatte dieß Geschäft noch nicht geendigt , als der Jüngling schon wieder eintrat und eine Schale Kraftbrühe für den Kranken selber brachte . Der Arzt eilte , um diesen im Bette aufzurichten und , während er die dargebotene Nahrung nahm , zu unterstützen . Der Kranke fühlte die wohlthuende Wirkung der Nahrung , die er zu sich genommen , und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die Kissen nieder . Der Arme ! sagte Graf Robert , er hat zwei Nächte ohne Ruhe , gepeinigt von Sorgen , zu Pferde zugebracht , und diesen ganzen Tag ohne Nahrung , weil die Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden . Wir wollen nun sehen , sagte der Arzt , wie es morgen sein wird . Ich werde nicht eher kommen , als bis Sie mich rufen , damit ich nicht unnütz seinen Schlaf störe , denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen . Sobald er aber erwacht ist , zögern Sie keinen Augenblick mich zu rufen . Nach diesen Worten ging der Arzt hinweg , um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben , deren Bedürfniß er auch zu fühlen begann . Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht . Der ängstliche Zustand seines verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben , als nur solchen , die dazu dienten , dessen Schmerzen zu erleichtern . Jetzt aber , in der Stille der Nacht , überließ er sich dem Nachdenken . Er wußte noch nicht , welche Mittheilungen ihm beide Freunde zu machen hätten , und er wünschte den Morgen herbei , um sowohl den Zusammenhang des Unglücks , welches den einen betroffen , zu erfahren , als auch zu der Kenntniß zu gelangen , welche Art von Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten . Der Verwundete , sein ehemaliger Regimentskamerad , ein Herr von Wertheim , war entschlummert ; der Andere , welcher gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron Lehndorf war , warf sich unruhig auf dem Lager umher , und der Graf hörte seine tiefen Seufzer , und er bemerkte , daß sein bekümmerter Gast erst in einen unruhigen Schlummer fiel , als schon der Morgen zu dämmern begann . Endlich behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren geschlossen . Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde , als der Arzt mit leisen Schritten , von Gustav begleitet , in das Zimmer schlich . Er hatte sich gewundert , daß ihn noch Niemand gerufen hatte , und wunderte sich nun noch mehr , hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen . Er näherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam . Wenn Sie nun , wendete er sich tröstend zu Gustav , dieses jugendliche , bleiche Gesicht betrachten , dem der Kummer unverkennbar seine Züge aufgedrückt hat , wenn Sie diesen wehmüthigen Mund ansehen , werden Sie wohl glauben , daß diese Gliedmaßen und Lineamente dem rohesten Menschen angehören ? Verwundert und zweifelnd sah der Jüngling den Arzt an . Ich weiß , was ich sage , rief dieser , durch die zweifelnde Miene seines Zuhörers beleidigt , die nöthige Vorsicht vergessend , und der Kranke schlug die blauen Augen auf , und zugleich ermunterten sich die andern Schläfer . Nun , wie geht es heute , fragte der Arzt den Verwundeten ; es thut mir leid , daß ich Ihre Ruhe gestört habe . Wunderbar , erwiederte der Verwundete mit tiefer , wohltönender Stimme , vor deren Klang aber der Arzt ein wenig zurückbebte , wunderbar hat Ihre Hülfe und die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert , und ich fühle , daß ich aufstehen kann , ohne meine Kräfte anzustrengen . Erst wollen wir Ihren Arm betrachten , sagte der Arzt , dann wird es sich zeigen , ob Sie aufstehen können . Der Verband wurde abgenommen und der Arzt überzeugte sich bald , daß der schlimme Anschein am vorigen Abend ihn getäuscht habe , der wahrscheinlich daher entstanden war , weil der junge Mann seine Kräfte mehr angestrengt hatte , als die menschliche Natur erlaubt , denn er hatte , ohne zu ruhen , seine Reise zwei Tage und zwei Nächte zu Pferde fortgesetzt . Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber erregt worden , auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben . Sie können aufstehen , sagte der Arzt gleichgültig , nachdem er den neuen Verband aufgelegt hatte . Es ist gar keine Gefahr , daß Sie den Arm verlieren könnten , wie es mir gestern schien , und man kann auch heute ein vernünftiges Wort , wie ein Mann zum Manne , mit Ihnen reden , ohne daß ein einsichtsvoller Arzt die Erschütterung Ihrer Nerven zu sehr befürchten muß . Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens auf den Arzt gerichtet , denn Niemand begriff , was auf diesen Eingang folgen sollte . Ja , ja , meine Herren , sagte dieser , indem er mit Selbstgefühl umherblickte , Sie sehen mich an und Ihre Mienen drücken Verwunderung über meine Rede aus , aber Sie , mein junger verwundeter Herr , dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu erfahren , obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwürdigen Gelegenheit zusammentreffen , was wäre denn nun aus Ihnen geworden , Wer hätte hier Ihre Wunden verbinden sollen , wenn Sie mich , wie Sie vor einigen Monaten beabsichtigten , zum