Dich geht ! - Die Seligkeit , gesehen zu sein und Dich zu sehen ! - Ob ich Dich liebte ? - Das fragst Du ? - Macht Ihr es aus über unsern Häuptern , Ihr Schwingenbegabte . - Glaub an mich ! - Glaub an einen heißen Trieb , - Lebenstrieb will ich ihn nennen , - so sing ich Deinem träumenden Busen vor . - Du träumst , Du schläfst ! Und ich träume mit . Ja , die damalige Zeit ist jetzt ein Traum , der Blitz der Begeistrung hatte schnell Dein irdisch Gewand verzehrt , und ich sah Dich , wie Du bist , ein Sohn der Schönheit , jetzt ist ' s ein Traum . Ich hatte mich selbst , ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir opfernd zu Füßen zu legen , still und tief verborgen wie der unreife Same in seiner Hülle . An Dir , an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen ; jeden unwillkürlichen Fehl , jede Sünde wollt ich eingestehn , ich wollte sie wegsaugen aus Deinen Augen mit meinem tränenbeladenen Blick , mit meinem Lächeln ; aus Deinem Bewußtsein mit der Glut meines Herzens , die Du nicht zum zweitenmal findest , - aber dies alles ist nun ein Traum . Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich über meinem Herzen aufgebaut , haben mich getrennt von dem Quell , aus dem ich Leben schöpfte , keiner Worte hab ich mich seitdem wieder bedient , alles war versunken , was ich gefühlt und geahnt hatte . Mein letzter Gedanke war : » Es wird wieder eine Zeit kommen , in der ich sein werde , denn für diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz verhüllt . « Diese zukünftige Zeit , o Freund ! schwebt über mir hin gleich den Winden der Wüste , die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren , und es wird mich keine Stimme wieder erwecken , außer der Deinen , - und das bleibt wohl auch nur ein Traum ? - Damals betete ich oft um das einzige , daß ich Deinen letzten Atemzug küssen dürfe , denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen berühren ; ja Goethe ! - Zeiten , die ihr vorüber seid , wendet euch am fernen Horizont noch einmal nach mir her , ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier gehüllt . Nein ! Du kannst doch nicht sein , was Du jetzt bist : hart und kalt wie Stein ! - Sei es immer für diese Welt , für diese verrinnende Zeiten , aber dort , wo die Gewölke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen , unter denen Deine Lieder zu dem Thron aufsteigen , wo Du ihr Schöpfer , und Schöpfer Deiner Welt , ruhest , nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen , zum Leben geschaffen ; da laß mich mit Dir sein um meiner Liebe willen , die mir von geschäftigen Geistern jener höheren Welt zugetragen ward , wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen Stamm von tausend geschäftigen Bienen eingeimpft wird , der dann , ob auch nicht aus sich selber , dennoch einen köstlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum , der edle Früchte trägt . Ja , laß das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen verstricken , verzehre es , wenn Du es nicht dulden magst . Jawohl ! Ich bin zu heftig , siehe da , der Damm ist verschüttet , welchen Gewohnheit baut , und Ungewohntes überströmt Herz und Papier . Ja ungewohnte Tränen , ihr überströmt mein Gesicht , das heute die Sonne sucht und vor Tränen nicht sieht , und auch nicht , weil sie mir heute nicht scheinen will . Den 23. November Alle Blumen , die noch im Garten stehen , einsammeln , Rosen und frische Trauben noch in der späten Jahreszeit zusammenbringen , ist kein unsittlich Geschäft und verdient nicht den Zorn dessen , dem sie angeboten sind . Warum soll ich mich fürchten vor Dir ? - Daß Du mich zurückgestoßen hast mit der Hand , die ich küssen wollte , das ist schon lange her , und heut bist Du anders gesinnt . - Dem Becher , aus dem Du heute getrunken , sei dieser Strauß in den Kelch gepflanzt , er übernachte diese letzte Blumen , er sei ein Grab diesen Blumen , morgen wirf den Strauß weg und fülle den Becher nach Gewohnheit . - So hast Du mir ' s auch gemacht , Du hast mich weggeworfen aus dem Gefäß , das Du an die Lippen zu setzen gewohnt bist . Den 24. Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden , aber bald schwebt sie aufwärts in den kühlenden Äther . Schönheit ist Äther ! - Sie kühlt , - nicht entflammt . - Die Schönheit erkennen , das ist die wahre Handlung der Liebe . - Liebe ist kein Irrtum , aber ach ! der Wahn , der sie verfolgt . - Du siehst , ich will einen Eingang suchen mit Dir zu sprechen , aber wenn ich auch auf Kothurnen schreite - der Leib ist zu schwach , den Geist zu tragen , - beladne Äste schleifen die Früchte am Boden . Ach ! Bald werden diese Träume ausgeflammt haben . Den 29. Juni 1822 Du siehst an diesem Papier , daß es schon alt ist , und daß ich ' s schon lang mit mir herumtrage , ich schrieb ' s im vorigen Jahr , gleich nachdem ich Dich verlassen hatte . Es war mir plötzlich , als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen , ich mußte aufhören zu schreiben ; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme , daß ich Dir noch alles sagen soll . Ich geh aufs Land , da will ich womöglich den Blick über dies Erdenleben hinaustragen , ich will ihn in Nebel hüllen , daß er nichts gewahr werde außer Dir . - Außer der Sonne , die den Tautropfen in sich fasset , soll er nichts fassen . Jede Blüte , die sich dem Lichte öffnet , fasset einen Tautropfen , der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt ; aber Stamm und Wurzel sind belastet mit der finsteren , festen Erde ; und wenn die Blüte keine Wurzel hätte , so hätte sie wohl Flügel . - Heute ist so warm , heute sei ergeben in die Gedanken , die Dir dies Papier bringt . Zeit und Raum laß weichen zwischen unsern Herzen , und wenn ' s so ist , dann hab ich keine Bitte mehr , denn da muß das Herz verstummen . Bettine Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben : » Empfangen den 4. Juli 1822 « An Goethe Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet , Dir zu schreiben , aber Gedanken und Empfindungen , wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann , erfüllen die Seele , und sie vermag nicht , ihr Schweigen zu brechen . So ist denn die Wahrheit eine Muse , die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar in dem , den sie durchschreitet , harmonisch begründet , nicht aber sie erklingen läßt . - Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt , alles irdische Wissen verstummt , dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen . - Liebe ! Trieb aller Begeistrung , erneut das Herz , macht die Seele kindlich und unbefleckt . Wie oft ist mein Herz unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht , begabt mit dieser mystischen Kraft , sich zu offenbaren ; der Welt war ich erstorben , die Seele ein Mitlauter der Liebe , und daher mein Denken , mein Fühlen , ein Aufruf an Dich : Komm ! Sei bei mir ! Finde mich in diesem Dunkel ! - Es ist mein Atem , der um Deine Lippen spielt , der Deine Brust anfliegt ; - so dachte ich aus der Ferne zu Dir , und meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu ; es war mein einzig Begehren , daß Du meiner gedenken mögest , und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag , Deine Knie umfassend , so wollte ich , daß Deine Hand segnend auf mir ruhe . Dies waren die Grundakkorde meines Geistes , die in Dir ihre Auflösung suchten . - Da war ich , was allein Seligkeit ist : ein Element von Gewalten höherer Natur durchdrungen , meine Füße gingen nicht , sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen über die irdischen Pfade hinaus ; meine Augen sahen nicht , sie erschufen die Bilder meiner seligsten Genüsse ; und was meine Ohren von Dir vernahmen , das war Keim des ewigen Lebens , der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward . Sieh , ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit . Zurück ! Von Klippe zu Klippe abwärts , ins Tal einsamer Jugend ; hier Dich findend , das bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend , fühl ich mich zu dieser Begeistrung aufgeregt , mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung sich offenbart . Dich auszusprechen wär wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe , ja es bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir . Es wär ein gelöstes Rätsel , gleich dem lange verschloßnen Bergstrom , der endlich zum Lichte sich drängt , den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeistrung erleidend , in einem Lebensmoment , durch welchen , nach welchem ein höheres Dasein beginnt . - Du Vernichter , der Du den freien Willen von mir genommen , Du Erzeuger , der Du die Empfindung des Erwachens in mich geboren ; mit tausend elektrischen Funken aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt . Durch Dich hab ich das Gewinde der jungen Rebe lieben lernen , auf ihre bereiften Früchte fielen meiner Sehnsucht Tränen . Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküßt , die offne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten , um Deinetwillen hab ich gelauscht , wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwärmten . Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse . O Du ! im Verborgnen mit der Geliebten spielend ! Mußte ich , die das Geheimnis erlauscht hatte , nicht liebetrunken werden ? Ahnest Du die Schauer , die mich durchbebten , wenn die Bäume ihren Duft und ihre Blüten auf mich schüttelten ? - Da ich dachte , empfand und fest glaubte , es sei Dein Kosen mit der Natur , Dein Genießen ihrer Schönheit , ihr Schmachten , ihr Hingeben an Dich , die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise niederwirble in meinen Schoß . O ihr Spiegelnächte des Mondes ! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt ! Da entnahm der Traum das irdische Bewußtsein , und wieder erwachend war die Welt mir fremd . Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund . Das Herz empfand ihn , der Atem strömte ihm zu , freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner . Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung , die den Genius weckt ; aber die andern , die den Genius in sich entbehren , nennen sie Wahnsinn . Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes , und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht , wenn sie mit solchem göttlichen Pfeil zu den Füßen des Geliebten niedersinkt . - Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod , wer zu seinen Füßen ihn findet , denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros , da ein Leben , im Schwung solchen Pfeiles , ihm geweihet verglüht . Und nun sage ich auch Dir : achte mich als ein solches Geschenk , das Deiner Schönheit ein Gott geweihet habe , denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt , dem irdischen verglüht ; und was ich Dir in diesem Leben noch sage , ist nur das Zeugnis , was der zu Deinen Füßen erstreckte Pfeil Dir gibt . Was im Paradiese erquickender , der Himmelsbeseligung entsprechender sei : Ob Freunde wieder finden und umgebende Fülle seliger Geister , oder allein die Ruhe genießen , in welcher der Geist sich sammelt , in stiller Betrachtung schwebend über dem , was Liebe in ihm erzeugt habe , das ist mir keine Frage ; denn ich eile unzerstreut an den einsamsten Ort , und dort das Anlitz in die betenden Hände verbergend , küsse ich die Erscheinung dessen , was mein Herz bewegt . Ein König wandelte durch die Reihen des Volkes , und wie Ebbe und Flut es erheischen , so trug die Woge der Gemeinheit ihn höher , aber ein Kind , vom Strahl seiner Augen entzündet , ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis zu den Stufen des Thrones , dort aber drängte das berauschte Volk den unschuldigen , ungenannten , unberatnen Knaben zurück hinter der Philister aufgepflanzte Fahnenreihe . - Jetzt harret er auf die einsame Stätte des Grabes , da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen , daß kein Wind die Flamme verlösche , während sie , der Asche des Geliebten zu Ehren , die dargebrachten Blumen in Asche verwandelt . Aber Natur ! Bist du es , die den Aufgelösten verbirgt ? - Nein ! nein ! Denn die Töne , die der Leier entschweben , sind dem Lichte erzeugt und der Erde entnommen , und wie das Lied , entschwebt auch der geliebte Geist in die Freiheit höherer Regionen , und je unermeßlicher die Höhe , je endloser die Tiefe dessen , der liebend zurückbleibt , wenn nicht der befreite Geist ihn erkennt , ihn berührt , ihn weihet im Entfliehen . Und so mir , o Goethe , wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden , wenn , am einsamsten Orte verweilend , ich dem Genuß Deiner Betrachtung mich weihe , und die Natur um mich her wird ein Kerker , der mich allein umschließt , wenn Du ihm entschwebt bist , ohne daß Dein Geist , der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe . O tue dem nicht also , sei nicht meiner Begeistrung früher erstorben , lasse das Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen ; ein ewiger Trieb ist außer den Grenzen der irdischen Zeit , und so ist meine Empfindung zu Dir ein Urquell der Jugend , der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreißt mit erneuten Lebensgluten bis an das Ende . Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser letzten Zeilen , sie nennen es die Silvesternacht , in der die Menschen einen Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen . Nun bei dieser Erschütterung , die dem Horn des Nachtwächters ein grüßendes Zeichen entlockt , beschwöre ich Dich : denke von diesen geschriebenen Blättern , daß sie wie alle Wahrheit wiederkehren aus vergangner Zeit . Es liegt hier nicht ein bloßes Erinnern , sondern eine innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund . Wie der Zauberstab , der sich aus dem Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt , so bricht sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum Zauberstab an meinem Geist . Eine Empfindung unmittelbarer Gewißheit , meines eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht , ist für mich diese Berührung aus der Vergangenheit ; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund nie wahrhaften Einfluß auf mich hatten , so hat der Glaube , als sei ich Dir näher verwandt , als habe Dein Sehen , Dein Hören , Dein Fühlen einen Augenblick meinem Einfluß sich ergeben , allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen . Der Weg zu Dir ist die Erinnerung , durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit Dir , sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung ; Geistergespräch , Mitteilung und Zuneigung , und was mir damals ein Rätsel war , daß ich bei zärtlichem Gespräch mehr den Bewegungen Deiner Züge lauschte , als Deinen Worten , daß ich Deine Pulsschläge , Dein Herzklopfen zählte , die Schwere und Tiefe Deines Atems berechnete , die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete , ja den Schatten , den Deine Gestalt warf , mit Geisterliebe in mich einsog , das ist mir jetzt kein Rätsel mehr , sondern Offenbarung , durch die mir Deine Erscheinung um so fühlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den Atem zum Seufzen bewegt . Sieh ! An den Stufen der Verklärung , wo sich alle willkürliche Tätigkeit des Geistes niederbeugen läßt von irdischer Schwere , keine Liebe , keine Bewunderung ihre Flügel versucht , um die Nebel zu durchdringen , in die der Scheidende sich einhüllt , und die zwischen hier und jenseits aufsteigen , bin ich in liebender Ahnung Dir schon vorangeeilt , und während Freunde , Kinder und Schützlinge , und das Volk , das Dich seinen Dichter nennt , die Seele zum Abschied bereitend , Dir in feierlichem Zug langsam nachschreitet , schreite , fliege , jauchze ich bewillkommend Dir entgegen , die Seele in den Duft der Wolken tauchend , die Deine Füße tragen , aufgelöst in die Atmosphäre Deiner Beseligung ; ob wir uns in diesem Augenblick verstehen , mein Freund ! Der noch den irdischen Leib trägt , dieser Leib , der seinen Geist , ein Urquell der Grazie , ausströmte über mich , mich heiligte , verwandelte , der mich anbeten lehrte die Schönheit im Gefühl , der diese Schönheit als einen schützenden Mantel über mich ausbreitete und mein Leben unter dieser Verhüllung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb , ob wir uns verstehen , will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rührung . Sei bewegt , wie ich es bin ; laß mich erst ausweinen , Deine Füße in meinen Schoß verbergend , dann ziehe mich herauf ans Herz , gib Deinem Arm noch einmal die Freiheit , mich zu umfassen , lege die segnende Hand auf das Haupt , das sich Dir geweihet hat , überströme mich mit Deinem Blick , nein ! mehr ! verdunkle , verberge Deinen Blick in meinem , und es wird mir nicht fehlen , daß Deine Lippen die Seele auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln . Dies ist , was ich diesseits von Dir verlange . Im Schoße der Mitternacht , umlagert von den Prospekten meiner Jugend ; das hingebendste Bekenntnis aller Sünden , deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt , den Himmel der Versöhnung im Vorgrund , ergreife ich den Becher mit dem Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl , indem ich bei dem dunkeln Erglühen des Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenke . Am 1. Januar Der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des Jahres , da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens , denn nichts hab ich gelernt , und keine Künste hab ich versucht , und keiner Weisheit bin ich mir bewußt ; allein der Tag , an dem ich Dich gesehen habe , hat mich verständigt mit dem , was Schönheit ist . Nichts spricht überzeugender von Gott , als wenn er selbst aus der Schönheit spricht , so ist denn selig , wer da siehet , denn er glaubt ; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt , wo ich nicht durch Erleuchtung belehrt wurde . Der Erwerb des Wissens und der Künste schien mir tot und nicht zu beneiden , Tugend , die nicht die höchste Wollust ist , währt nur kurz und mühselig , bald glaubt der Strebende sie zu erfassen , bald eilt er der Fliegenden nach , bald ist sie ihm entschwunden , und er ist ' s zufrieden , da er der Mühe überhoben wird , sie zu erwerben . So seh ich denn auch die Künstler vergnügt mit der Geschicklichkeit , während der Genius entfliehet , sie messen einander und finden das Maß ihrer eignen Größe immer am höchsten und ahnen nicht , daß eine ungemeßne Begeistrung zum kleinsten Maßstab des Genies gehöre . - Dies alles hab ich bei Gelegenheit , da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden , recht sehr empfunden , die bedächtige vorsichtige Logik eines Bildhauers läßt keiner Begeistrung die Vorhand , er bildet einen toten Körper , der nicht einmal durch die rechtskräftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird . Der erfundne Goethe konnte nur so dargestellt werden , daß er zugleich einen Adam , einen Abraham , einen Moses , einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter bezeichnet ; keine Individualität . Indessen wuchs mir die Sehnsucht , auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner Begeistrung Dich auszusprechen ; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von dem , was Inspiration vermag ohne Übung der Kunst , denn ich habe nie gezeichnet oder gemalt , sondern nur immer den Künstlern zugesehen und mich gewundert über ihre beharrliche Ausdauer in der Beschränkung , indem sie nur das achten , was einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden , und wohl das bekannte gedankenlose Wort achten , nie aber den Gedanken , der erst das Wort heiligen soll . Kein herkömmlicher Prozeß kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen . Der Goethe , wie ich ihn hier mit zitternder Hand , aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe , weicht schon vom graden Weg der Bildhauer ab , denn er senkt sich unmerklich nach jener Seite , wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlässigte Lorbeerkrone in der losen Hand ruht . Die Seele von höherer Macht beherrscht , die Muse in Liebesergüssen beschwörend , während die kindliche Psyche das Geheimnis seiner Seele durch die Leier ausspricht , ihr Füßchen findet keinen andern Platz , sie muß sich auf dem Deinen den höheren Standpunkt erklettern ; die Brust bietet sich den Strahlen der Sonne , den Arm , dem der Kranz anvertraut ist , haben wir mit der Unterlage des Mantels weich gebettet . Der Geist steigt im Flammenhaar über dem Haupt empor , umringt von einer Inschrift , die Du verstehen wirst , wenn Du mich nicht mißverstehst ; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und immer so , daß es Deinem Verhältnis zum Publikum entsprach , ich habe einesteils damit ausdrücken wollen : » Alles , was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr erkennt , ist über das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden « , ich habe noch was anders sagen wollen , was Du auch empfinden wirst , was sich nicht aussprechen läßt ; kurz , diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde , so süß finde ich sie , so meiner Liebe ganz entsprechend . - Die kleinen Genien in den Nischen am Rande des Sessels , die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel geraten sind , haben ein jeder ein Geschäft für Dich , sie keltern Dir den Wein , sie zünden Dir Feuer an und bereiten das Opfer , sie gießen Öl auf die Lampe bei Deinem Nachtwachen , und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die jungen Nachtigallen im Neste besser singen . Mignon an Deiner rechten Seite im Augenblick , wo sie entsagt ( ach und ich mit ihr für diese Welt , mit so tausend Tränen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue erregte Seele wehmütig beschwichtigend ) , dies erlaube , daß ich dieser meiner Liebe zur Apotheose den Platz gegeben ; jenseits , die meinen Namen trägt im Augenblick , wo sie sich überwerfen will , nicht gut geraten , ich hab sie noch einmal gezeichnet , wo sie auf dem Köpfchen steht , da ist sie gut gelungen . Konntest Du diesseits so fromm sein , so dürftest Du jenseits wohl so naiv sein , es gehört zusammen . - Unten am Sockel hab ich , ein Frankfurter Kind wie Du , meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt : an beiden Seiten des Sockels , die Du nicht siehst , sollen Deine Werke eingegraben werden , von leichtem , erhabnem Lorbeergesträuch überwachsen , der sich hinter den Pilastern hervordrängt und den Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krönt ; hinten können die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden , die dieses Monument verfertigen lassen . Dies Monument , so wie ich ' s mir in einer schlaflosen Nacht erdacht habe , hat den Vorteil , daß es Dich darstellt und keinen andern , daß es in sich fertig ist , ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend , daß es die Liebe der Frankfurter Bürger ausspricht und auch das , was ihnen durch Dich zuteil geworden ; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklärung , die Deine sinnliche , wie Deine geistige Natur , Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt hat , darin . Gezeichnet mag es schlecht sein , und wie könnte es auch anders , da ich Dir nochmals versichern kann , daß ich nie gezeichnet habe , um so überzeugter wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein , die es gewaltsam im Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Künstler , der dies der Welt heilige Werk vollenden soll , hervorgebracht hat . Wenn überlegt würde , wie bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen Monument , wie die Jugend einst , die Dich nicht selbst gesehen , mit feurigem Auge an diesem nachgebildeten Antlitz hängen wird , so würden die Künstler wohl den heiligen Geist auffordern , ihnen beizustehen , statt auf ihrem akademischen Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern . Ich zum wenigsten rufe den heiligen Geist an , daß er Zeugnis gebe , daß er mir hier beigestanden , und daß er Dir eingebe , es mit vorurteilslosem Blick , wo nicht von Güte gegen mich übervorteilt , zu beschauen . Ich habe eine Durchzeichnung an Bethmann geschickt , auf dessen Bitte ich es gewagt habe , die Erfindung , die ich bei seinem Hiersein gemacht , zu zeichnen . Ist es nicht zu viel gefordert , wenn ich Dich bitte , mir den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen ? Am 11. Januar 1824 Bettine Dritter Teil Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde Buch der Liebe In dieses Buch möcht ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer Stunden der Nacht , von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der Mittagssonne . Die Wahrheit will ich suchen , und fordern will ich von ihr die Gegenwart des Geliebten , von dem ich wähnen könnte , er sei fern . Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein ; ich bin nicht von Dir getrennt , wenn es wahr ist , daß ich liebe . Diese Wellen , die mich längs dem Ufer begleiten , die reifende Fülle der Gelände , die sich im Fluß spiegelt , der junge Tag , die flüchtenden Nebel , die fernen Gipfel , die die Morgensonne entzündet , das alles seh ich an , und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten , so saugt mein Blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle . So dacht ich am heutigen Morgen , da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drängte , fort , dem stillen einsamen Abend entgegen , weil es da ist , als sage mir eine Stimme , der Geliebte ist da ; - und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue ; und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb , diese schöne Erde , die den Geliebten trägt , daß ich mich hinfinden kann zu ihm . * * * Schwalbach , auf der Mooshütte Namen nennen Dich nicht ! Ich schweige und nenne Dich nicht , ob ' s auch süß wär , Dich bei Namen zu rufen . O Freund ! schlanker Mann ! weicher hingegoßner Gebärde , Schweigsamer ! - Wie soll ich Dich umschreiben , daß mir Dein Name ersetzt sei ? - Beim Namen rufen ist ein Zaubermittel , den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen ; hier auf der Höhe , wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurückgeben , wage ich nicht Deinen Namen preiszugeben ; ich will nicht hören eine Stimme , die eben so heiß , so eindringend Dir ruft . O Du ! Du selbst ! - Ich will Dir ' s nicht sagen , daß Du es selbst bist ; drum will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen , wie ich dem Echo ihn nicht vertraue . Ach , Deinen Namen berühre ich nicht ! So ganz entblößt von irdischem Besitztum nenne ich Dich mein . * * * Ems Nicht schlafen gehen , ohne mit Dir zu sprechen - so müde wie ich auch bin ! Die Augenlider sinken und trennen mich von Dir ; mich trennen nicht die Berge und die Flüsse , und nicht die Zeiten , und nicht Deine eigne Kälte , und daß Du nichts weißt von mir , wie ich Dich liebe . - Und mich trennt der Schlaf ? - Warum denn trennen ? Ich wühle mich in Deinen Busen , diese Liebesflammen umzingeln Dein Herz , und so schlafe ich ein . * * * Nein , ich will Dich nicht nennen , Du , dem ich rufe : gib mir Gehör ! Du hörst Dich ja gern beschwätzen - so hör auch mir zu ; nicht wie jene , die von Dir , über Dich schwätzen ; zu Dir , in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken ; wie der Quell , der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental , Blume um Blume anhaucht ; so hauch ' ich Dich an , süßer Freund ! Er murmelt nur , der Bach ; er plätschert ,