. « Noch eines freundlichen und frommen Auftritts soll hier gedacht werden , zumal es das letzte ist , was wir von des Mädchens traurigem Leben zu erzählen haben . Nannette kam einsmals in aller Eile herbeigesprungen und ersuchte das Fräulein und deren Vater , ihr in ein Zimmer des untern Stocks herab zu folgen , um an der angelehnten Türe der alten Kammer , wo die Orgel stand , einen Augenblick Zeuge der musikalischen Unterhaltung Hennis und Agnesens zu sein . So gingen sie zu dreien leise an den bezeichneten Ort und belauschten einen überaus rührenden Gesang , in welchen die Orgel ihre Flötentöne schmolz . Bald herrschte des Knaben und bald des Mädchens Stimme vor . Es schien alt-katholische Musik zu sein . Ganz wundersam ergreifend waren besonders die kraftvollen Strophen eines lateinischen Bußliedes aus E-dur . Hier steht nur der Anfang . Jesu , benigne ! A cuius igne Opto flagrare , Et te amare ; - Cur non flagravi ? Cur non amavi Te , Jesu Christe ? - O frigus triste ! 5 Es folgten noch zwei dergleichen Verse , worauf Henni sich in ein langes Nachspiel vertiefte , dann aber in ein anderes Lied überging , welches die ähnlichen Empfindungen ausdrückte . Agnes sang dies allein und der Knabe spielte . Eine Liebe kenn ich , die ist treu , War getreu , seitdem ich sie gefunden , Hat mit tiefem Seufzen immer neu , Stets versöhnlich , sich mit mir verbunden . Welcher einst mit himmlischem Gedulden Bitter bittern Todestropfen trank , Hing am Kreuz und büßte mein Verschulden , Bis es in ein Meer von Gnade sank . Und was ist ' s , daß ich doch traurig bin ? Daß ich angstvoll mich am Boden winde ? Frage : Hüter , ist die Nacht bald hin ? Und : was rettet mich von Tod und Sünde ? Arges Herze ! ja gesteh ' es nur , Du hast wieder böse Lust empfangen ; Frommer Liebe , alter Treue Spur - Ach , das ist auf lange nun vergangen ! Darum ist ' s auch , daß ich traurig bin , Daß ich angstvoll mich am Boden winde - Hüter ! Hüter ! ist die Nacht bald hin ? Und was rettet mich von Tod und Sünde ? Bei den letzten Worten fiel Margot Nannetten mit heißen Tränen um den Hals . Der Präsident ging leise ab und zu . Noch immer klang die Orgel alleine fort , als könnte sie im Wohllaut unendlicher Schmerzen zu keinem Schlusse mehr kommen . Endlich blieb alles still . Die Türe ging auf , ein artiges Mädchen , Hennis kleine Schwester , welche die Bälge gezogen , kam auf den Zehen geschlichen heraus , entfernte sich bescheiden und ließ die Türe hinter sich offen . Nun aber hatte man ein wahres Friedensbild vor Augen . Der blinde Knabe nämlich saß , gedankenvoll in sich gebückt , vor der offnen Tastatur , Agnes , leicht eingeschlafen , auf dem Boden neben ihm , den Kopf an sein Knie gelehnt , ein Notenblatt auf ihrem Schoße . Die Abendsonne brach durch die bestäubten Fensterscheiben und übergoß die ruhende Gruppe mit goldenem Licht . Das große Kruzifix an der Wand sah mitleidsvoll auf sie herab . Nachdem die Freunde eine Zeitlang in stiller Betrachtung gestanden , traten sie schweigend zurück und lehnten die Türe sacht an . Am folgenden Morgen ward Agnes vermißt . Nannette hatte beim Aufstehn ihr Bette leer gefunden und voller Schrecken sogleich Lärm gemacht . Niemand begriff im ersten Augenblick , wie sie nur irgend aus dem Schlafzimmer entkommen können , da man dasselbe aus verschiedenen Gründen seit einiger Zeit von dem untern Stock in den obern verlegt hatte , die Türen nachts sorgfältig geschlossen , auch wirklich am Morgen noch verschlossen gefunden wurden . Aber vor einem Seitenfenster , das neben dem Belvedere hinausführte , entdeckte man zwischen den Bäumen eine hohe Leiter , welche der Gartenknecht , nach seinem eigenen Geständnis , gestern abends angelegt , weil Agnes durchaus ein altes Vogelnest verlangt habe , das oben aus einer der Lücken im steinernen Fries hervorgesehen . Nachher war die Leiter vergessen worden , was ohne Zweifel die Absicht des Mädchens gewesen . Der Vormittag verflog unter den angestrengtesten Nachforschungen , unter endlosem Hin- und Herraten , Fragen , Boten-Aussenden und - Empfangen . Innerhalb des Schloßbezirks war bereits alles um- und umgekehrt . Es wurde Abend und noch erschien von keiner Seite die mindeste Nachricht , der mindeste Trost . Eine falsche Spur , wozu die irrige Aussage eines Feldhüters Veranlassung gegeben , machte überdies den größten Aufenthalt . Die Sonne war seit zwei Stunden untergegangen und noch blieb alles Laufen und Schicken fruchtlos ; die Freunde kamen außer sich . Nach Mitternacht kehrten die letzten Fackeln zurück , nur der alte Gärtner und selbst der blinde Henni waren noch immer außen , so daß man endlich um diese besorgt zu werden anfing . Niemand im Schlosse dachte daran , sich schlafen zu legen . Der Präsident stellte die Mutmaßung auf , daß Agnes irgendeinen Weg nach ihrer Heimat eingeschlagen und , je nachdem sie zeitig genug sich von hier weggemacht hätte , bereits einen bedeutenden Vorsprung gewonnen haben dürfte , ehe die Späher ausgegangen ; für ihr Leben zu fürchten , sei kein Grund vorhanden , es stünde vielmehr zu erwarten , daß sie unterwegs als verdächtig aufgegriffen und öffentlich Anstalt würde getroffen werden , sie in ihren Geburtsort zu bringen . Nannette dachte sich in diesem Fall die Ankunft der Unglücklichen im väterlichen Hause beinahe schrecklicher als alles ; und doch , wenn man sie nur übrigens wohlbehalten den Armen des Vaters überliefert denken durfte , so ließ sich ja von hier an wieder neue Hoffnung schöpfen . Allein mit welchem Herzen mußte man der Rückkehr des Malers entgegensehen , wenn sich bis dahin nichts entschieden haben sollte ! - Margot hielt die Vermutung nicht zurück , daß die Zigeunerin auch diesmal die verderbliche Hand mit im Spiele habe . Dies alles sprach und wog man hin und her , bis keine Möglichkeit mehr übrig zu sein schien , das Schlimmste aber getraute man sich kaum zu denken , geschweige auszusprechen . Zuletzt entstand eine düstere Stille . In den verschiedenen Zimmern brannte hie und da eine vergessene Kerze mit mattem Scheine ; die Zimmer stellten selbst ein Bild der Angst und Zerstörung dar , denn alle Dinge lagen und standen , wie man sie gestern morgen im ersten Schrecken liegen lassen , unordentlich umher . Die Schloßuhr ließ von Zeit zu Zeit ihren weinerlichen Klang vernehmen , von den Anlagen her schlug eine Nachtigall in vollen , herrlichen Tönen . Auf ein Zeichen des Präsidenten erhob man sich endlich , zu Bette zu gehen . Ein Teil der Dienerschaft blieb wach . Gegen drei Uhr des Morgens , da eben der Tag zu grauen begann , gaben im Hofe die Hunde Laut , verstummten jedoch sogleich wieder . Margot öffnet indes ihr Fenster und sieht in der blassen Dämmerung eine Anzahl Männer , darunter den Gärtner und seinen Sohn , mit halb erloschenen Laternen am Schloßtor stehen , welches nur angelehnt war und sich leise auftat . Eine plötzliche Ahnung durchschneidet dem Fräulein das Herz und laut aufschreiend wirft sie das Fenster zu , denn ihr schien , als wären zwei jener Leute bemüht , einen entsetzlichen Fund ins Haus zu tragen . Gleich darauf hört sie die Glocke vom Schlafzimmer ihres Vaters . Alles stürzt , nur halb angekleidet , von allen Ecken und Enden herbei . Die Verlorene war wirklich aufgefunden worden , doch leider tot und ohne Rettung . Vor einer Stunde wurde der Körper nach langen mühsamen Versuchen aus jenem Brunnen im Walde gezogen . Es hatte sich der Gärtner , von seinem Sohne auf diesen Platz aufmerksam gemacht , noch spät in der Nacht dorthin begeben , und ein aufgefundener Handschuh bestätigte sogleich die Vermutung . Alsbald war der Alte ins nächste Städtchen geeilt , um Mannschaft mit Werkzeugen , Strickleiter und Haken , sowie einen Wundarzt herbeizuholen . Der Leichnam war , außer den völlig durchnäßten und zerrissenen Kleidern , nur wenig verletzt ; das schneeweiße Gesicht um welches die nassen Haare verworren hingen , sah sich noch jetzt vollkommen gleich ; der halbgeöffnete Mund schien schmerzlich zu lächeln ; die Augen fest geschlossen . Offenbar war sie , mit dem Kopfe vorwärts stürzend , ertrunken ; nur eine leichte Wunde entdeckte man rechts über den Schläfen . Bemerkenswert ist noch , daß sie in Larkens ' grüner Jacke , woran man sie gestern eine Kleinigkeit , jedoch sehr emsig und wichtig , hatte verändern sehn , den Tod gefunden . Der Wundarzt machte zum Überfluß noch den einen und andern vergeblichen Versuch . Vom grenzenlosen Jammer der sämtlichen Umstehenden sagen wir nichts . Nach Nolten hatte man ausgesendet , doch traf ihn weder Bote noch Brief . Den zweiten Tag nach dem Tode der Braut erschien er unvermutet von einer andern Seite her . Sein ganzes Eintreten , das sonderbar Gehaltene , matt Resignierte in seiner Miene , seinem Gruß war von der Art , daß er , was vorgefallen , entweder schon zu wissen oder zu vermuten , aber nicht näher hören zu wollen schien . Sonach war denn auch andrerseits der Empfang beklommen , einsilbig . Nannette , die bei der ersten Begrüßung nicht gleich zugegen gewesen , stürzt , da sie des Bruders ansichtig wird , mit lautem Geschrei auf ihn zu . Sein Anblick war nicht nur im höchsten Grade mitleidswert , sondern wirklich zum Erschrecken . Er sah verwildert , sonnverbrannt und um viele Jahre älter aus . Sein lebloser gläserner Blick verriet nicht sowohl einen gewaltigen Schmerz , als vielmehr eine schläfrige Übersättigung von langen Leiden . Das Unglück , das die andern noch als ein gegenwärtiges in seiner ganzen Stärke fühlten , schien , wenn man ihn ansah , ein längst vergangenes zu sein . Er sprach nur gezwungen und zeigte eine blöde seltsame Verlegenheit in allem , was er tat . Er hatte sich , wie man nur nach und nach von ihm erfuhr , während der letzten sechs Tage verschiedenen Streifereien in unbekannten Gegenden überlassen , zwecklos und einsam nur seinem Grame lebend ; kaum daß er ' s über sich vermocht , einmal nach Neuburg zu schreiben . Indem nun von Agnesen noch immer nicht bestimmt die Rede wurde und man durchaus nicht wußte , wie man deshalb bei Nolten sich zu benehmen habe , so wurde jedermann nicht wenig überrascht , als er mit aller Gelassenheit die Frage stellte : auf wann die Beerdigung festgesetzt sei , und wohin man diesfalls gedenke ? - Mit gleicher Ruhe fand er hierauf von selbst den Weg zum Zimmer , wo die Tote lag . Er verweilte allein und lange daselbst . Erst diese Anschauung gab ihm das ganze , deutliche Gefühl seines Verlustes , er weinte heftig , als er zu den andern auf den Saal zurückkam . » Unglücklicher , geliebter Freund « , nahm jetzt der Präsident das Wort und umarmte den Maler , » es ist mir vorlängst einmal der Spruch irgendwo vorgekommen : wir sollen selbst da noch hoffen , wo nichts mehr zu hoffen steht . Gewiß ist das ein herrliches Wort , wer ' s nur verstehen will ; mir hat es einst in großer Not den wunderbarsten Trost in der Seele erweckt , einen leuchtenden Goldblick des Glaubens ; und nur auf den Entschluß kommt es an , sich dieses Glaubens freudig zu bemächtigen . O daß Sie dies vermöchten ! Ein Mensch , den das Schicksal so ängstlich mit eisernen Händen umklammert , der muß am Ende doch sein Liebling sein und diese grausame Gunst wird sich ihm eines Tags als die ewige Güte und Wahrheit enthüllen . Ich habe oft gefunden , daß die Geächteten des Himmels seine ersten Heiligen waren . Eine Feuertaufe ist über Sie ergangen und ein höheres , ein gottbewußteres Leben wird sich von Stund an in Ihnen entfalten . « » Ich kann « , erwiderte Nolten nach einer kleinen Stille , » ich kann zur Not verstehen , was Sie meinen , und doch - das Unglück macht so träge , daß Ihre liebevollen Worte nur halb mein dumpfes Ohr noch treffen - O daß ein Schlaf sich auf mich legte , wie Berge so schwer und so dumpf ! Daß ich nichts wüßte von gestern und heute und morgen ! Daß eine Gottheit diesen mattgehetzten Geist , weichbettend , in das alte Nichts hinfallen ließe ! ein unermeßlich Glück - - ! « Er überließ sich einen Augenblick diesem Gedanken , dann fuhr er fort : » Ja , läge zum wenigsten nur diese erste Stufe hinter mir ! Und doch , wer kann wissen , ob sich dort nicht der Knoten nochmals verschlingt ? - - O Leben ! o Tod ! Rätsel aus Rätseln ! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten , da liegt er so selten , und wo man ihn nicht suchte , da gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen , und verschwindet , eh man ihn festhalten kann ! « Agnesens Begräbnis ist auf den morgenden Sonntag beschlossen . Die Nacht zuvor schläft Nolten ruhig wie seit langer Zeit nicht mehr . Der ehrliche Gärtner mutet sich zu , noch einmal bei der geliebten Leiche zu wachen , ihm leistet der Sohn Gesellschaft , und da der Alte endlich einnickt , ist Henni die einzig wache Person in dem Schlosse . - Der gute Junge war recht wie verwaist , seit ihm die Freundin und Gebieterin fehlte . Er war ihr so nahe , so eigen geworden , er hatte insgeheim die schüchterne Hoffnung genährt - eine Hoffnung , deren er sich jetzt innig schämte - Gott könnte ihm vielleicht die Freude aufbehalten haben , die arme Seele mit der Kraft des evangelischen Wortes zu der Erkenntnis ihrer selbst , zum Lichte der Wahrheit zurückzuführen ; sein ganzes Trachten und Sinnen , alle seine Gebete gingen zuletzt nur dahin , und wieviel schrecklicher als er je fürchten konnte , ward nun sein frommes Vertrauen getäuscht ! - Er hält und drückt eine teure kalte Hand , die er nicht sieht , in seinen Händen , und lispelt heiße Segensworte drüber ; er denkt über die erziehende Weisheit Desjenigen nach , an welchen er von ganzer Seele glaubt , vor dessen durchdringendem Blick das Buch aller Zeiten aufgeschlagen liegt , der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche , in welchem wir leben , weben und sind . Er schrickt augenblicklich zusammen vor seligem Schrecken , indem er bedenkt , daß das , was vor ihm liegt , was er mit glühenden Tränen anredet , ein taubes Nichts , ein wertloses Scheinbild ist , daß der entflohene Geist , viel lieblicher gestaltet , vielleicht in dieser Stunde am hellen Strome des Paradieses kniee und , das irre Auge mit lauterer Klarheit auswaschend , unter befremdetem Lächeln sich glücklich wiedererkenne und - finde . - Henni stand sachte auf , von einer unbekannten süßen Unruhe bewegt ; unbeschreibliche Sehnsucht ergriff ihn , doch diese Sehnsucht selbst war nur das überglückliche Gefühl , die unfaßliche Ahnung einer himmlischen Zukunft welche auch seiner warte . Er trat ans Fenster und öffnete es . Die Nacht war sehr unfreundlich ; ein heftiger Sturm wiegte und schwang die hohen Gipfel der Bäume , und auf dem Dache klirrten die Fahnen zusammen . Des Knaben wunderbar erregte Seele überließ sich diesem Tumulte mit heimlichem Jauchzen , er ließ den Sturm seine Locken durchwühlen und lauschte mit Wollust dem hundertstimmigen Winde . Es deuchten ihm seufzende Geisterchöre der gebundenen Kreatur zu sein , die auch mit Ungeduld einer herrlichen Offenbarung entgegenharre . Sein ganzes Denken und Empfinden war nur ein trunkenes Loblied auf Tod und Verwesung und ewiges Verjüngen . Mit Gewalt muß er den Flug seiner Gedanken rückwärts lenken , der Demut eingedenk , die Gott nicht vorzugreifen wagt . Aber , wie er nun wieder zu Agnesens Hülle tritt , ist ihm wie einem , der zu lange in das Feuerbild der Sonne geschaut , er sinkt in doppelt schmerzliche Blindheit zurück . Still setzt er sich nieder , und schickt sich an , einen Kranz von Rosen und Myrten zu Ende zu flechten . Nach Mitternacht erweckt indes den Maler ein sonderbarer Klang , den er anfänglich bloß im Traum gehört zu haben glaubt , bald aber kann er sich völlig überzeugen , daß es Musik ist , welche von dem linken Schloßflügel herüberzutönen scheint . Es war als spielte man sehr feierlich die Orgel , dann wieder klang es wie ein ganz anderes Instrument , immer nur abgebrochen , mit längeren und kürzeren Pausen , bald widerwärtig hart und grell , bald sanft und rührend . Betroffen springt er aus dem Bette , unschlüssig was er tun , wo er zuerst sich hinwenden soll . Er horcht und horcht , und - abermals dieselben unbegreiflichen Töne ! Leis auf den Socken , den Schlafrock umgeworfen , geht er vor seine Tür , und schleicht , mit den Händen an der Wand forttastend , den finstern Gang hin , bis in die Nähe des Zimmers , wo sich der Gärtner und Henni befinden . Er ruft um Licht , der Gärtner eilt heraus , verwundert , den Maler zu dieser Stunde hier zu sehn . Da nun weder Vater noch Sohn irgend etwas anderes gehört haben wollen , als das wechselnde Pfeifen des Windes , welcher auf dieser Seite heftiger gegen das Haus herstieß , so entfernte sich Nolten , scheinbar beruhigt , mit Licht , gab übrigens nicht zu , daß man ihn zurückbegleitete . Keine volle Minute verging , so vernahm der Alte und Henni vollkommen deutlich die oben beschriebenen Töne und gleich darauf einen starken Fall samt einem lauten Aufschrei . Kaum sind sie vor die alte Kapelle gelangt kaum sah der Gärtner drei Schritte vor sich den Maler der Länge nach unter der offenstehenden Tür ohne Lebenszeichen liegen , so ruft schon Henni , sich angstvoll an den Vater klammernd und ihn nicht weiter lassend » Halt , Vater , halt ! um Gottes willen seht Ihr nicht - dort in der Kammer - « » Was ? « ruft der Alte ungeduldig , da ihn der Knabe aufhält , » so laß mich doch ! Hier , vor uns liegt , was mich erschreckt - der Maler , leblos am Boden ! « » Dort aber - dort steht er ja auch und - o seht Ihr , noch jemand - « » Bist du von Sinnen ? du bist blind ! was ist mit dir ? « » So wahr Gott lebt , ich sehe ! « versetzte der Knabe mit leiser , von Angst erstickter Stimme und deutet fortwährend nach der Tiefe der Kammer , auf die Orgel , wo für den Gärtner nichts zu sehen ist ; dieser will nur immer dem Maler beispringen , über welchen Henni weit wegschaut . » Vater ! jetzt - jetzt - sie schleichen auf uns zu - Schrecklich ! o flieht - « Hier versagt ihm die Sprache , er hängt ohnmächtig dem Alten im Arm , der jetzt ein verzweifeltes Notgeschrei erhebt . Von allenthalben ruft es und rennt es herbei , der Hausherr selbst erscheint mit den ersten und schon ist der Wundarzt zur Hand , der diese letzten Tage das Schloß nicht verließ ; er läuft von Nolten zu Henni , von Henni zu Nolten . Beide trägt man hinauf , ein jedes will helfen , mit raten , mit ansehn , man hindert , tritt und stößt einander , der Präsident entfernt daher alles bis auf wenige Personen . Ein Reitender sprengt nach der Stadt , den zweiten Arzt zu holen , indes der gegenwärtige , ein ruhiger , tüchtiger Mann , fortfährt , das Nötige mit Einreibung und warmen Tüchern nach der Ordnung zu tun ; schon füllte schauerlicher Duft der stärksten Mittel das Zimmer . Mit Henni hat es keine Gefahr , obgleich ihm die volle Besinnung noch ausbleibt . An Nolten muß nach stundenlanger Anstrengung , so Kunst wie Hoffnung erliegen . Bescheiden äußerte der Wundarzt seinen Zweifel und als endlich der Medikus ankam , erklärte dieser auf den dritten Blick , daß keine Spur von Leben hier mehr zu suchen sei . Hatte Agnesens Krankheit und Tod überall in der Gegend das größte Aufsehn und die lebhafteste Teilnahme erregt , so machte dieser neue Trauerfall einen wahrhaft panischen Eindruck auf die Gemüter der Menschen , zumal bis jetzt noch kein hinreichender Erklärungsgrund am Tage lag . Da indes doch irgendein heftiger Schrecken die tödliche Ursache gewesen sein muß , so lag allerdings bei der von Kummer und Verzweiflung erschöpften Natur des Malers die Annahme sehr nahe , daß hier die Einbildung , wie man mehr Beispiele hat , ihr Äußerstes getan . Dieser Meinung waren die Ärzte , sowie der Präsident . Doch fehlte es im Schlosse , je nachdem man auf gewisse Umstände einen ängstlichern Wert legen wollte , auch nicht an andern Vermutungen , die , anfänglich nur leise angedeutet , von den Vernünftigen belächelt oder streng verwiesen , in kurzem gleichwohl mehr Beachtung und endlich stillschweigenden Glauben fanden . Der Schwester ließ sich das Unglück nicht lange verbergen ; es warf sie nieder als wär es ihr eigener Tod . Margot hielt treulich bei ihr aus , doch freilich blieb hier wenig oder nichts zu trösten . Henni befindet sich , zum wenigsten äußerlich , wieder wohl . Er scheint über einem ungeheuern Eindruck zu brüten , dessen er nicht Herr werden kann . Ein regungsloses Vor-sich-Hinstaunen verschlingt den eigentlichen Schmerz bei ihm . Er weiß sich nicht zu helfen vor Ungeduld , sobald man ihn über sein gestriges Benehmen befragt ; er flieht die Gesellschaft , aber sogleich scheucht ihn eine Angst in die Nähe der Seinen zurück . Der Präsident , in Hoffnung irgendeines neuen Aufschlusses über die traurige Begebenheit , befiehlt dem Knaben in Beisein des Gärtners , zu reden . Auch dann noch immer zaudernd und mit einer Art von trotzigem Unwillen , der an dem sanften Menschen auffiel , gab Henni , erst mit dürren Worten , dann aber in immer steigender Bewegung , ein seltsames Bekenntnis , das den Präsidenten in sichtbare Verlegenheit setzte , wie er es aufzunehmen habe . » Als ich « , sprach nämlich der Befragte , » gestern nacht mit meinem Vater auf den Lärm , den wir im untern Hausflur hörten , nach der Kapelle lief - die Tür stand offen , und die Laterne außen auf dem Gang warf einen hellen Schein in die Kammer - sah ich tief hinten bei der Orgel eine Frau , wie einen Schatten , stehn , ihr gegenüber in kleiner Entfernung stand ein zweiter Schatten , ein Mann in dunkelm Kleide , und dieses war Herr Nolten . « » Sonderbarer Mensch ! « versetzte der Präsident , » wie magst du denn behaupten , dies gesehen zu haben ? « » Ich kann nichts sagen , als : vor meinen Augen war es licht geworden , ich konnte sehn , und das ist so gewiß , als ich jetzt nicht mehr sehe . « » Jenes Frauenbild « - fragte der Präsident mit List , » verglichst du es jemandem ? « » Damals noch nicht . Erst heute mußt ich an die verrückte Fremde denken , ich ließ mir sie daher beschreiben und kann die Ähnlichkeit nicht leugnen . « » Herrn Nolten aber , wie konntest du diesen sogleich erkennen ? « » Mein Vater zeigte auf den Boden und nannte dabei den Herrn Maler , da merkt ich erst , daß dieser , welcher vor uns lag , und jener , welcher drüben stand , sich durchaus glichen und einer und derselbe wären . « » Warum brauchst du den Ausdruck Schatten ? « » So deuchte mir ' s eben ; doch ließen sich Gesicht und Miene und Farben der Kleidung wohl unterscheiden . Als beide sich umfaßten , sich die Arme gaben und so der Tür zu wollten , da bogen sie wie eine Rauchsäule leicht um den hölzernen Pfeiler , der in der Mitte der Kammer steht . « » Arm in Arm , sagst du ? « » Dicht , dicht aneinandergeschlossen ; sie machte den Anfang , er tat ' s ihr nur wie gezwungen nach und traurig . Hierauf - aber o allmächtiger Gott ! wie soll ich , wie kann ich aussprechen , was keine Zunge vermag , was doch niemand glaubt und niemand glauben kann , am wenigsten mir , mir armen Jungen ! « Er schöpfte tief Atem und fuhr sodann fort : » Sie schlüpften unhörbar über die Schwelle , er glitt über sein Ebenbild hin , gleichgültig , als kennt er es nicht mehr . Da wirft er auf einmal sein Auge auf mich , o ein Auge voll Elend ! und doch so ein scharfer , durchbohrender Blick ! und zögert im Gehn , schaut immer auf mich und bewegt die Lippen , wie kraftlos zur Rede - da hielt ich ' s nimmer aus und weiß auch von hier an nichts weiter zu sagen . « Der Präsident verschonte den jungen Menschen mit jeder weitern Frage , beruhigte ihn und empfahl endlich Vater und Sohn , die Sache bei sich zu behalten , indem er zu verstehen gab , daß er nichts weiter als eine ungeheure Selbsttäuschung darunter denke . Der alte Gärtner aber schien sehr ernst und maß selbst seinem Herrn im Innern eine andre Meinung bei , als ihm nun eben zu äußern beliebe . Nachdem die beiden Leichen auf dem katholischen Gottesacker des nächsten Städtchens , jedoch mit Zuziehung eines protestantischen Geistlichen , zur Erde bestattet worden , traf der edelmütige Mann , durch den es vornehmlich gelang , diese letzte Pflicht mit allem wünschenswerten Anstande und unter einem ansehnlichen Geleite vollzogen zu sehen , ungesäumt Anstalt , der Freundschaft und der Menschenliebe ein neues Opfer zu bringen . Weder konnte er zugeben , daß die arme überbliebene Schwester des Malers sich einer so traurigen Heimreise , als ihr jetzt bevorstand , allein unterziehe , noch sollte der Förster den Verlust seiner Kinder auf andere Weise , als aus dem Munde des Gastfreundes vernehmen , dessen Haus der unschuldige Schauplatz so schwerer Verhängnisse ward . Bald saß daher der Präsident mit Nannetten und Margot im Wagen . Übrigens war es bei ihm schon im stillen beschlossene Sache , das Mädchen , wenn es ihr und den Ihrigen gefiele , wieder zurückzunehmen und für ihr künftiges Glück zu sorgen . Der Gedanke war eigentlich von Margot ausgegangen und kaum enthielt sie sich , Nannetten nicht schon unterwegs die Einwilligung abzudringen . Der Schmerz des Alten in Neuburg übersteigt allen Ausdruck ; doch verfehlte die Persönlichkeit des hohen Gastes ihre gute Wirkung nicht . Noch in der Anwesenheit des Präsidenten kam ein Brief des Hofrats im Forsthause an , mit der Überschrift an Nolten und mit der ausdrücklichen Bitte um schleunigste Beförderung . Der Förster erbrach ihn , las und reichte das Blatt mit stummer Verwunderung dem Präsidenten . Der Brief lautete folgendermaßen : » Soeben erfahre durch Freundeshand den grausamen Verlust , der Sie mit dem Tode einer geliebten Braut betroffen . Auch die näheren Umstände und was alles dazu mitgewirkt , weiß ich . Ihr Unglück , welches mit dem meinigen so nah zusammenfällt , ja recht vom Unglücksstamme meines Daseins ausging , erschüttert mich und zwingt mich zu reden . Wie oft , als Sie noch bei uns waren , hat mir das Herz gebrannt , Ihnen um den Hals zu fallen ! Wie preßte , peinigte mich mein Geheimnis ! Aber - wie soll man es heißen - Furcht , Grille , Scham , Feigheit - ich konnte nicht , verschob die Entdeckung von Tag zu Tag , mich schauderte davor , in Ihnen , in dem Sohne eines Bruders , mein zweites Ich , meine ganze Vergangenheit wiederzufinden , dies Labyrinth , wenn auch nur im Gespräch , in der Erinnerung , aufs neue zu durchlaufen ! Seit Ihrem Abgang war ich für solchen Eigensinn , Gott sei mein Zeuge , recht gestraft mit einer wunderbaren Sehnsucht nach Ihnen , Wertester ! Nun aber vollends dürstet mich nach Ihrem Anblick innig , wir haben einander sehr , sehr viel zu sagen . Meine Gedanken stehn übrigens so : Zu einer so gemeßnen Tätigkeit , als Sie in W * erwarten würde , dürfte Ihnen der Mut jetzt wohl fehlen , um so leichter werden Sie es daher verschmerzen , daß dort , wie mir geschrieben wird , gewisse Leute , auf Ihr Zögern , bereits geschäftig sind , Sie auszustechen . Wir wollen , dächt ich , selbigen zuvorkommen und erst dabei nichts einbüßen . Hören Sie meinen Vorschlag : Wir beide ziehn zusammen ! sei es nun hier , oder besser an einem anderen Plätzchen , wo sich ' s fein stille hausen läßt , gerade wie es zweien Leuten ziemt , wovon zum wenigsten der eine der Welt nichts mehr nachfragt , der andere , soviel mir bekannt , von jeher starken Trieb empfunden , mit der Kunst in eine Einsiedelei zu flüchten . Was mich betrifft , ich habe noch wenige Jahre zu leben . Wie glücklich aber , könnt ich das , was etwa noch grün an mir sein mag , auf Sie , mein teurer Neffe , übertragen . Ja schleppen wir unsere Trümmer aus dem Schiffbruch mutig zusammen ! Ich will tun , als wär ich auch noch ein Junger . Mit Stolz und Wehmut sei ' s gesagt , wir sind zwei Stücke eines