heiser und zitterte auch . » Liebe Mutter , ich habe mich ganz verrechnet ! Ich dachte nicht daran , daß hier die Leute wieder aufstehen , wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht . In meiner neuen Wirthschaft bin ich ' s so gewohnt , und da Sie sich wohl vorstellen können , daß ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist , wo er sein möchte , so werden Sie ' s schon verzeihen müssen , daß ich mir einbildete , zu Hause anzukommen , indeß ich nun hier doch erst ausschlafen muß . « » Hm ! « entgegnete ich , und that , als wenn ich ihm glaubte ; aber ich konnte es doch nicht lassen , ihm fest ins Auge zu sehen . Er wurde roth ! » Komm nur , komm ! « fuhr ich fort , » Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen , es ist ja erst halb Eins , das ist die rechte Stunde für Euch Weltkinder ? « » Bewahre der Himmel ! « rief er so recht widerwillig . » Ich wäre nicht im Stande , einen Bissen hinunter zu bringen . « Mich überlief es ganz eisig . Mein Gott ! woher kommt ihm denn der Ekel vor Speise und Trank ? dachte ich im Stillen . Ihm fehlte , soviel ich sah , körperlich nichts . Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten ? Ich hatte oft gehört , daß , wenn ein Mensch von der Hand eines Andern gefallen wäre , dieser nach der unglücklichen That lange nichts genießen könne , was ihn an Fleisch und Blut erinnere . Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust . Ich blieb in meinem Stuhle sitzen . Ich konnte die Füße nicht heben . Ich zitterte an allen Gliedern . Mein Sohn merkte nicht sehr darauf . Er war ganz verstört . Nach einer Weile sagte er dann aber doch : » Sie sehen recht angegriffen aus , liebe Mutter ! Gehen Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen . Ich will mich auch niederlegen . « » Wenn Du nur wirst schlafen können ! « entgegnete ich , und sah ihn scharf an . Er küßte mir die Hand . » Ich denke doch , « meinte er . Er war schon an der Thür , als er noch einmal umkehrte , und , mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend , als strafe er sich wegen einer Vergessenheit , ausrief : » Habe ich doch gar nicht daran gedacht , Sie um ein Nachtlager für meinen Reisegefährten zu bitten , der so todtmüde , wie er von der heutigen Jagd zurückkommt , nicht daran denken konnte , sich Ihnen vorzustellen . Darf ich ? « fuhr er fort , die Thür in der Hand , rasch und ohne mir Zeit zu lassen , nach Namen und Stand zu fragen , » darf ich draußen das Nöthige besorgen ? « Und fort war er . Ein Verwundeter , sagte ich leise zu mir . Deshalb kamen sie in Nacht und Dunkelheit , deshalb mußte der Wagen im Dorfe halten . Gewiß wurde der arme Mensch ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen ! Nun , der Himmel beschütze ihn ! seufzte ich aus aufrichtigem Herzen . Ach Elischen ! ich war so froh , daß es nur den Curd nicht getroffen hatte ! Wie aber die Freude darüber sich etwas mäßigte , dachte ich doch auch an die Folgen . Wenn nun der Unglückliche hier stürbe ? Mein lieber Gott ! das wäre doch auch schrecklich , mußte ich mir gestehen . Und dann , siehst Du Kind , ich hatte nur einen einzigen Menschen in den Gedanken , mit dem mein Sohn Händel gehabt haben konnte . Und wenn der - ich weiß nicht , wie mir ' s möglich gewesen ist , nicht gleich auf der Stelle im Hause Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen ? aber ich glaube , ich war zu schüchtern dazu . Ich fürchtete wohl , die Wahrheit zu erfahren . Und dann wollte ich auch nicht Lärm machen , und die gemeinen Leute früher auf die rechte Spur bringen . Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen , gab keine Befehle , und machte keine Anordnungen , sondern überließ es Curd , was er bestellen werde . Du kannst daraus sehen , liebe Elise , in welchem unnatürlichen Zustande ich in dieser Nacht war , so mein ganzes Hauswesen aus der Acht zu lassen , und die Ehre einer guten , sorgsamen Wirthin . Kurz , ich schlich still zu Bette , um nur nichts mehr zu hören und zu erfahren . Kaum liege ich aber ein halbes Stündchen darin , so bläst ein Postillon im Dorfe . Ich richte mich in die Höhe . Es schmettert immer fort , aber kein Wagen folgt . Der Ton kommt näher und näher . Ein Pferd trabt in den Hof . Gott ! eine Stafette , schrie ich auf . Sie schicken schon nach Curd . Das Duell ist ruchtbar geworden , er wird festgesetzt werden , man wird ihm ans Leben gehen ! Ich zog mit Gewalt an der Klingel , aber ehe noch Jemand kommen konnte , war ich am Fenster , riß es auf , und rief hinunter in den Hof : » Wer bläst denn da ? « » Eine Stafette , « war die Antwort . » Woher ? « brachte ich zitternd heraus . Wie ward mir nun , als ich hörte : » Auf Allerhöchsten Befehl aus der Residenz , « das kann ich keinem Menschen sagen . Ich war in einen Stuhl gesunken , als Caspar , der Jäger , mit einem Brief in der Hand , hereintrat . » Gebe Er her ! gebe Er her ! « befahl ich ihm . » Um Verzeihung , « sagte er , mir die Addresse hinhaltend . » Das Schreiben ist an Jemand , den ich nicht kenne , und der sich , so viel ich weiß , auch hier nicht aufhält . « Ich wagte , einen Blick darauf zu werfen . Es war eine kleine , kritzliche Frauenhand , und die Aufschrift ... dem fürstlichen Jägermeister , Herrn Curd von ... Ich athmete auf . » Wecke Er meinen Sohn , Caspar ! « sagte ich , » der Brief ist von seiner Frau , ich erkenne es jetzt an dem doppelten Wappen . « Es war auch so . Mein Sohn erwartete schon früher eine Versetzung aus dem Militair ins Forstdepartement . Der Fall war nun eingetreten . Die Gräfin und ihre Tochter fanden es nöthig , ihn eilig davon zu benachrichtigen ; um das schneller zu bewerkstelligen , hatten sie auf den Brief geschrieben : auf Allerhöchsten Befehl . Das klärte sich nun wohl über Erwarten gut auf . Allein das Andere lag mir immer schwer genug auf der Seele . Ich konnte mich deshalb auch nicht über die Vortheile in Curds neuer Lage freuen . Er nahm es nicht viel anders . Seine Miene blieb ernst , sein Wesen zerstreut . Wir redeten wenig darüber . Es schien ihm sogar verdrießlich , daß er seine Abreise so übereilen müsse . Da er nun auch gleich darauf das Anspannen befahl , fragte ich ihn , ob sein Reisegefährte ihn begleiten würde ? » Der , liebe Mutter ! « entgegnete Curd , » hat sich eben nur so lange hier aufgehalten , um den Amtmann zu vermögen , daß er ihm rasche Pferde und Wagen gab , und wieder zurückfahren lasse , woher wir kamen . Er war schon fort , als ich von Ihnen in mein Zimmer ging . « » Also nicht tödtlich verwundet ? « seufzte ich . » Vielleicht gar nicht einmal ein Duell ? « » Ein Duell ? « fragte mein Sohn , sich schnell nach mir umwendend , » wie kommen Sie darauf ? « Ich theilte ihm alle meine Besorgnisse mit . Er hörte mir sehr aufmerksam zu . » Nein ! « sagte er , » auf meine Ehre , ich komme von keinem Zweikampf . Darüber können Sie in dieser Angelegenheit überhaupt ganz außer Sorge sein . « » Gewiß ? « fragte ich , denn mir schien , als halte er mit irgend etwas zurück . Sein ganzes Wesen war anders , wie sonst ; bestürzt und traurig zugleich hätte ich es nennen mögen . » Gewiß ! « versicherte er , auf eben die verschlossene Weise . » Nun ! « sagte ich , » dann kann mir schon alles Andere recht sein . Allein wissen möchte ich doch , wer der Fremde war , der in meinem Hause Obdach suchte , ohne mir auch nur dem Namen nach bekannt zu sein . « Curd ward verlegen . Er nahm mich bei der Hand , und suchte mich auf andere Gedanken zu bringen . Da ich aber empfindlich ward , entdeckte er mir , daß es Hugo gewesen sei . Ich ward blaß vor Schrecken , glaube ich , that indeß , als sei es vor Aerger , und äußerte meine Verwunderung , daß der Graf es vermeide , der nächsten Verwandtin seiner Braut bekannt zu werden . » Ach ! « rief Curd ein wenig ärgerlich , » denken Sie doch an dergleichen Rücksichten jetzt nicht , liebe Mutter ! Sie können sich wohl vorstellen , daß etwas Außerordentliches vorgefallen sein müsse , was uns Beide in so gutem Vernehmen zusammen hierher führte . Ich habe kein Recht , Ihnen mehr zu sagen . Es ist in keiner Art mein Geheimniß , und nur , um Sie wegen ferneren Besorgnissen , in Betreff meiner und des Grafen , zu beruhigen , entdeckte ich Ihnen , daß dieser hier war , was denn übrigens alle Welt wissen mag . « Damit , liebes Kind ! mußte ich nun zufrieden sein . Curd reiste kurz darauf ab , und mir blieb der Stachel wegen des undurchdringlichen Geheimnisses in der Brust stecken . Etwas Außerordentliches , sagte er , müsse vorgefallen sein , was sie Beide in gutem Vernehmen zusammen führte . Das könne ich einsehen . Freilich läßt sich das einsehen . Aber was ist dies Außerordentliche ? Erst glaubte ich , Du wärest gestorben , Herzenskind ! und Curd wolle mir dies nur nicht so plötzlich , ohne alle Vorbereitung sagen . Aber er betheuerte , das sei es nicht . Nun , sei es , was es wolle , etwas Gutes ist es nicht , darnach sah Curd nicht aus . Es quält mich über alle Beschreibung . Ich will mir den jungen Amtsschreiber kommen lassen . Er soll mir wenigstens erzählen , was er gesehen und gehört hat . Das wird dem doch hoffentlich kein Geheimniß sein . Begreife es , wer es kann ! Du sollst Alles wissen , liebe Elise ! vielleicht bringst Du was Zusammenhängendes heraus . Erschrick und ärgere Dich auch nicht , Kind ! wenn Du gewisse Dinge liest , die Dir wohl anstößig sein müssen , die aber auch anders sein können , als sie auf den ersten Blick scheinen . Du kennst den Philipp Arendt von klein auf . Der Hellste ist er eben nicht , und wenn er nicht mit Curd , so zu sagen , auferzogen wäre , so würde er wohl nicht den Posten begleiten , den ihm dieser verschafft hat Dafür kann sich aber auch mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen , weshalb er ihn denn wahrscheinlich mit sich nahm . » Diese Fahrt , « sagte Philipp , » ging sechs und dreißig Stunden Tag und Nacht fort . Gleich hier , in unserm Städtchen , ließen wir Pferde und Wagen stehen , nahmen Extrapost , und gönnten uns nicht Schlaf , nicht Mittags noch Abends eine Mahlzeit zu halten . Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Gränzdorf . Das Zoll- und Mauthwesen bringt dem Orte großen Verkehr ; auch liegt beständig ein Jägerdetachement hier , um die Pässe und Schleichwege durchs Gebirge abzupatrouilliren . Deshalb ist hier ein stattlicher Gasthof seit vielen Jahren etablirt , vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Gränzwächter ihre Untersuchungen und Abschätzungen in aller Ruhe machen lassen , als vor dem Zollhause , hinter der vorgezogenen Kette , stundenlang unangenehme Dinge zu hören . « Als Curd seine Kalesche dort stehen ließ , erzählte Philipp weiter , und dem Wirthshause zuging , sah dieser einen schönen , großen Mann in demselben Augenblick langsam auf sie zukommen . Er grüßte , ohne daß mein Sohn , der in Gedanken vor sich niedersah , darauf achtete . Philipp machte es ihm bemerklich . Curd blickte auf . » Ach ! da ist er schon , « rief er . Das Blut stieg ihm dabei ins Gesicht und die Augen blitzten . » Höre , « flüsterte er seinem Begleiter zu , indem er die Schritte beeilte , » ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen . Du verstehst mich . Ich habe ihn hierher bestellt . Kommt es zu etwas , endet es auf eine oder die andere Art schlimm , so nimm hier meine Brieftasche , und reise so geschwind du kannst zu meiner Mutter zurück , damit kein voreiliges Gerücht sie erschrecke . « Der gute Junge , Elischen ! wie er doch immer zuerst an mich denkt . Mich schauderte bei der Erzählung , und doch mußte ich vor Freuden weinen . Aber , höre nur weiter ! Philipp sah nun , wie Beide in das Haus , die Treppe hinauf und oben in ein Zimmer gingen , das sie hinter sich abschlossen . Der arme Mensch hatte keine Ruhe . Er schlich langsam hinterdrein . In dem Coridor , rechts , waren beide verschwunden . Er ließ die Nummer der Thür nicht aus den Augen . Horchen wollte er nicht , doch ohngefähr beobachten , was drinnen vorging . Er hielt also Wache , und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand , so daß er das Schloß der Thür im Auge behielt , während er mehr dem nächstanstoßenden Zimmer zugewendet schien . Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise . Philipp hörte sogar ein Paar Mal lachen , aber es war nur Einer , der lachte . Nach und nach hoben sich denn die Stimmen . Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch das Zimmer , und zählte dabei laut . Dann ward einen Augenblick alles ganz stille . Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich , so zärtlich und so verzweiflungsvoll : » Mein Gott ! Mein Gott ! « daß Philipp einen Schritt zurücktrat . Doch kaum waren die Worte halb weinend , halb schreiend ausgestoßen , so fiel etwas , als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlägt , und eine andere Stimme stieß in fremder Sprache laute und ängstliche Töne aus . Schneller , wie der überraschte Amtsschreiber es fassen konnte , flog die Thür neben ihm auf , der fremde Herr und mein Sohn stürzten heraus , rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf , ob es gleich verschlossen war , und wie ein Blitz auf ein ohnmächtig daliegendes Frauenzimmer zufahrend , das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag , sank der Unbekannte mit einem fürchterlichen Schrei zur Erde , und Curd , beide Hände über den Kopf zusammen schlagend , rief ebenfalls ganz außer sich : » Herr Gott ! das ist entsetzlich . « Was weiter vorging , wer das Frauenzimmer war , von dem allen weiß der Amtsschreiber nichts , denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung , um die Thür aufs neue fest von Innen zu verriegeln . Niemand kam heraus . Ueber zwei Stunden währte das so . Philipp , der nun nichts mehr für seinen Herrn fürchtete , ging ab und zu . Oft war es ihm , als würde drinnen viel geweint . Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange , doch immer so leise , daß kein Wort zu verstehen war . Den Ton , sagte mir Philipp , würde er in seinem Leben nicht vergessen . Er wäre ihm so ans Herz gegangen , daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten . Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter , bestellte , daß Alles zur Abreise fertig sein sollte , ging dann wieder hinauf , kehrte alsdann an des Fremden Arm zurück , bestieg mit diesem die Postchaise ; sie fuhren und fuhren bis hierher , ohne daß ihr Reisegefährte ein Wort sprach , außer ein einzigesmal sagte er halblaut : » eine Nonne ! « Er schüttelte den Kopf , und sank dann mit geschlossenen Augen ganz zusammen , als wolle er Alles verschlafen . Nun sage mir um Gottes Willen , Kind ! was ist das ? Ich kann nicht klug daraus werden , und wenn ich mir den Kopf zerbreche . Hast Du denn eine Ahndung , wer die Person sein kann , aus der sie solch ' Geheimniß machen , als gälte es des Reiches Wohlfahrt ? Gieb nur Acht , es wird nichts sein , als ein dummer Roman , der ihnen die Köpfe verrückt . Das ist jetzt Mode . Ich beklage Dich , armes Kind ! Du mußt es entgelten . Hättest Du den Curd geheirathet , wie anders stände es mit Dir ! Hugo an Heinrich Emma lebt ! Ich habe sie gesehen , gesprochen ! Faßt Du es , Heinrich ? Ich nicht ! » Mein Gott ! mein Gott ! « rief sie , mit einem Tone - ! Was das für ein Ton war ! Engel mögen so flötend klagen über das Elend der Menschen ! Elend - ja wohl ! Nun bin ich es ganz . Heinrich ! wie sie so am Boden lag , den Schleier weit zurückgeschlagen , das himmlische Gesicht weißer wie Schnee , die Augen geschlossen , der Mund voll Güte und Liebe , schmerzlich zum Weinen verzogen , beide Hände im tiefsten Jammer zusammen geschlagen ! - Sieh weg ! Sieh weg ! ich bitte Dich . Ich verliere den Verstand , sehe ich sie in Gedanken so vor mir liegen . Wer spricht mir noch von Liebe ? Wer weiß denn , was Lieben ist ? Niemand ! das sage ich Dir . Auch sie nicht ! das ist das Tollste . Auch sie nicht ! bei dem ganzen Umfange ihres Opfers , wußte sie nicht , was Liebe ist . Wie hätte sie sonst die Lüge zwischen uns geschoben , und Früchte von solcher Saat gehofft ? Nun sind die Teufel alle losgebunden , und ein zerbrochenes Gelübde erzeugt den Wunsch , die andern auch zu brechen . Frage sie doch , was sie aus mir machen wird ? und wie sie die rebellischen Wünsche in der eignen , stürmenden Brust zu bändigen gedenkt ? » Zurück ! zurück ins Kloster , « klagte sie leise , und weinte dabei . Entsagen wollte sie ! O hätte sie Geduld mit mir gehabt , und nicht größer sein wollen , als die Natur vom Menschen es verlangt . Siehst Du , Heinrich ! ich sagte es Dir schon einmal , die eigentlichen Gespenster , die springen aus dem verhetzten Gehirn der Menschen hervor . Den Wahn gebirt er selbst , wie jeden , um den er leiden muß . Sie ist sehr unglücklich , das glaube mir ! Hier ! hier an diesem Herzen hat sie alle ihre Seelenangst bekannt ! Hier an diesem Altar konnte sie beichten ! So treibt sie noch der alte Götzendienst zur Abgötterei , und sie darf glauben , ihn abgeschworen zu haben ? O hilf mir aus dem Labyrinth heraus , in dem ich auch sie verlieren könnte . Glaubst Du , ich spreche im Fieber ? Weißt Du so von gar nichts , daß Du nicht merkest , sie sei die Nonne , die mich seit Monaten , wachend und träumend , begleitet ! Die Nonne ! Ja wohl ! sie ward es , und galt für todt . Wollte dafür gelten , um mich glücklich zu wissen . Verstehst Du wohl , um mich glücklich zu wissen . Du ewiger Himmel ! wie schlecht berechnet sich das Glück , und wie irrt sich der Mensch , wenn er es zu schaffen gedenkt ! Irren und immer irren , das ist das Motto , das am Ein- und Ausgange unserer Lebensbahn steht . Wir kennen nur die verschlungenen Schriftzüge nicht , und machen Jeder ein beliebiges Wort daraus . Wie sie sich mir bei allem dem immer nahte , wie ich sie zuletzt finden , und den - ! Nennst Du es Betrug ? Sage die Täuschung , es klingt besser - entdecken mußte ? Ja , mein Freund ! das ist es eben . Die Wahrheit ist eine mächtige Gottheit , sie rächt jede Verletzung ihrer Gesetze . Es muß dann alles so kommen , wie es kommen soll ! Wie das Haupt der Medusa schreckt sie das Menschenauge ! O ! es ist eine weitläuftige Geschichte . Ich erzähle sie Dir einmal . Einmal ? es ist gut , seine Vorsätze so ins Ungewisse zu stellen . Wer sagt gut für die Erfüllung ? Wüßte ich nur darüber hinaus , daß sie irre an mir werden , daß sie mich aufgeben konnte ! Ist denn die Liebe nicht die Wahrheit , und lehrt sie nicht wahr sein ? Ach ! so still wie ein Lamm schlich sie sich abwärts , und wollte verloren heißen , damit ich ihr nur nicht begegne , und ihr Anblick mich nicht störe . Sage , ich bitte Dich , ist das nicht dennoch Liebe ? O ! hättest Du sie gesehen , das liebe , sanfte , blasse Leidensgesicht , und immer , immer schön wie der Friede . Ich will Dir etwas sagen - doch Nein ! Du verstehst mich nicht . Es versteht Keiner den Andern ! Ich werde sie noch um eine Unterredung in ihrem Kloster bitten . Hier , in dem nahegelegenen Waldkloster , wo man sie begraben sagte , da begrub sie sich auch . Da nahm sie den Schleier . Unselige Bethörung ! Sie soll mir sagen , was kein Anderer weiß , was sie nur , oder Niemand beantworten kann , warum - ! O weg ! weg ! tolle , rasende Gedanken . Wäre sie auch eitel , und hätte sie sich selbst einen Triumph bereitet ? Abscheulich ! Die Welt ekelt mich an . Ueberall nur das Echo-Wort - Ich ! Ich ! und sonst hohler Schall ! Ich komme von ihr ! Unaussprechlich ! ich sage Dir , Heinrich ! unaussprechlich ist der Zauber ihrer sanften Nähe . Wie der Hauch von einem Blumenbeet , im Thau der Abendwolken , so süße Thränen perlten auf den lilienblassen Wangen . Und doch hat sie sich von mir losgesagt ! und doch hat sie das eiserne Gitter zwischen sich und mir aufgezogen ! Dahinter steht sie , und unerreichbar ! unerreichbar ! Was das für ein entsetzliches Wort ist . Ich fürchte , ich fürchte - ! Was denn ? Was soll noch kommen ? Siehst Du , das ist es ! Es ist alles aus ! Die Oberhofmeisterin an den Comthur Das Geheimniß ist also entdeckt ! Es kam , wie ich immer fürchtete . Sie hat sich zuletzt selbst verrathen . Sein Leben durfte nicht auf dem Spiel stehen . Daran scheiterte ihre geträumte Festigkeit . Jetzt ist das ganze Phantom in Nichts aufgelöst , und die nüchterne Wahrheit bringt Alle außer Fassung . Auch Sie , Ihr Gefühl , sagen Sie mir , empört sich gegen das gewagte Spiel mißverstandener Selbstverleugnung . Sie fragen mich , wie ich jemals darein willigen konnte ? Sie tadeln mich , weniger durch das , was Sie laut werden lassen , als durch das , was Sie verschweigen ; die Spannung Ihres Briefs verräth , wie sehr Sie sich zu beherrschen streben . Sein Sie ganz offen . Ich kann es ertragen . Mein guter Comthur ! seit ich in die unselige Verbindung zwischen Emma und Ihrem Neffen willigte , handelte es sich nicht mehr um das , was ich zugeben oder hindern wollte ; die beiden unglücklich Gepaarten mußten ihr Loos erfüllen . Sie irren sehr , wenn Sie sich einbilden , ich habe durch Emma ' s plötzliche Entfernung von der Burg dies Alles verschuldet . Schon lange war Emma mit sich einig , Hugo frei zu geben . Ihr glühendes Herz flammte in lauter feurigen Bildern auf , die von innern Stürmen schnell gejagt , eine Wolkendecke über das wirkliche Leben breiteten . Sich für ihn zu opfern , das war der Stolz ihrer verschmachtenden Seele , das war das Geschäft ihrer kranken Phantasie . Wie wenig kennen Sie den Menschen , wenn Sie wähnen , bis dahin dringe fremder Wille . Es ist wahr ! nachdem , was im Hause des Präsidenten vorging , konnte ich an die Dauer solch schmählich entweihten Ehebundes nicht mehr denken . Was weiter folgte , darüber fordern Sie wohl von mir keine Rechenschaft . Das Kloster im Schwarzwalde war unsere erste Zuflucht . Einsamkeit und abgezogenes Denken gestalten das Gemüth nach anderer Form . Es scheint uns in diesem Augenblicke alles beschlossen und vollendet , was heute nur ruhen muß , um morgen weiter leben zu können . Emma ward schnell in ihrer Begeisterung mit dem fertig , was sie allein noch für Hugo thun konnte . Nach kurzer Zeit nahm sie den Schleier , und ließ das Gerücht ihres Todes sie von dem Manne scheiden , dem sie ihr Dasein bei weitem mehr , als den Heiligen des Klosters weihte . Was ich hierbei litt , doppelt litt , weil ich die Nutzlosigkeit dieses Opfers längst einsah , wie heiß ich das zertrümmerte Geschick , die Selbsttäuschung , die unnatürliche Verirrung der einzigen Tochter beweinte , wie sie mir anfangs in ihrer Umwandlung gestorben schien , und ich schwankte , ob ich sie nicht eben so gern unter der dichten Hülle des Sarges als hinter diesen Mauern wissen möchte ? das Alles sagt sich nicht , das faßt mit dem besten Willen Keiner , am wenigsten ein Mann ! Als darauf aber der Wurm in dem Herzen der Unglücklichen stärker nagte , sie , vollends hinwelkend , wahr zu machen drohte , was sie zum Scheine gespielt , da dachte ich darauf , durch Versetzung in eine andere geistliche Gemeine , ein wärmeres Clima , in ganz veränderte Umgebungen , sie mir noch lebend zu erhalten . Durch eine Verwendung meiner Prinzeß , ward Emma Aebtissin in einem florentinischen Kloster . Sie erschrack heftig bei der Nachricht . Ihre Gesundheit schien den Schmerzen der Trennung aus der Heimath nicht gewachsen . Nur einmal noch , auf kurze Zeit , wollte sie in der Nähe ihres alten Wohnsitzes athmen , leben dürfen ; sie forderte dies , als das einzige Mittel , den letzten Riß der Vergangenheit zu überwinden . Ihr Arzt rieth selbst dazu . Sie erhielt unbestimmten Urlaub , sie benutzte diesen - und das Aufziehen eines Pistolen-Schlosses reichte hin , die ganze künstliche Leiter unter ihren Füßen wegzuziehen ! Ich bin bei weitem hierüber nicht so erschüttert , wie Sie . Was die Welt denken und urtheilen wird ? gilt mir in dieser Hinsicht gleich . Die hat ihr Urtheil längst ausgesprochen . Nun sagt sie es noch einmal anders vielleicht , doch nicht klüger . Emma ist außerhalb ihrem Bereich , ich gehe ihr aus dem Wege , und Hugo - Nun das verlangen Sie nicht , daß mir dessen Geschick , wie dessen Ruf am Herzen liegen solle ! Was hofften Sie wohl von einer neuen Verbindung für ihn ? Was blendet Sie denn jetzt mit einemmale über den glaubensleeren , unklaren , unsichern Klügler , daß Sie Ihre Thränen in die seinen mischen ? - Meinen Sie , weil ihn das Außerordentliche erschütterte , weil ihn der Anblick der Todtgeglaubten übermannend niederwarf , er sei nun für immer in dem Kern des Daseins gebrochen ? Er könne das gespaltene Leben nicht wieder ergänzen ? nur in bejammernswerthem Ringen müssen ihm Tage und Jahre hingehen . Mein Gott , bester Freund ! tragen Sie doch Ihre Empfindungen nicht auf einen Menschen über , der keines bleibenden Eindrucks fähig ist . Wie schnell tauschte er ein Gut für das andere ein , wie noch schneller warf er dieses wieder von sich , und was wäre es denn jetzt mit ihm gewesen , hätte er auch die Vergessene nicht wiedergefunden ? Nein , glücklich war der niemals zu machen ! denn sehen Sie , mit allen schimmernden Gaben des Scharfsinns , des Witzes , der angenehmen Laune , bei dem milden Ausgleichen fremder Schwäche , der duldsamen Gelassenheit und den Aufwallungen liebender Gefühle , fehlt Ihrem Neffen ein innerer Mittelpunkt . Er ist wie ein schönes , reich ausgestattetes Haus , in dem Sie alles finden , nur keinen Heerd ! drum frieren Sie , und hungern und dursten , und werden niemals erquickt , wie viele Vorräthe auch überall befindlich sind . Der Heerd , der ihm im Innern fehlt , den verschmähet er auch im Aeußern . Naschen will er überall , doch gesammelt genießen , das kann er nicht . Fürchten Sie doch ja nicht für sein Herz , nennen Sie auch nicht die bebenden , confus ineinander gewirrten Fäserchen , ein Herz . Auf der Stelle mag es sonderbar bei ihm aussehen ! Vor allem aber schelten Sie Niemand , als ihn selbst , wenn Sie ' s beklagen müssen , daß von allen Ihren Hoffnungen keine erfüllt ward . Von der betrogenen Dame seiner Gedanken durfte