. Plötzlich sang es hell und wunderfremd über mir in der Luft , und halb flatternd , halb taumelnd sank ein Vögelchen mit müden , hängenden Flügeln zu meinen Füßen in den Kahn hin . Ich nahm das arme kleine Geschöpf auf , zu meiner Verwunderung war es ein Kanarienvogel , zahm und furchtlos wie Ihr kleiner Liebling , Gabriele , der mir so oft den guten Morgen entgegen sang . Damals ! ach damals ! - Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermüdet , und Du sehnst Dich zurück in die warme Heimath ? fragte ich ihn . Das arme Ding neigte das Köpfchen zur Seite , und blickte so klug aus den schwarzen Korallenäuglein mich an , als verstände es mich . Wir haben ein langes Gespräch mit einander geführt ; Ihr Edelknabe , theure Gabriele , war wieder einmal recht kindisch , aber ich weiß , Sie schelten ihn deshalb nicht . Wir landeten an der Insel und ich wendete mich , den kleinen Reisegefährten auf der Hand , den nahen schattenden Bäumen zu ; da regte er sich , zwitscherte und flog plötzlich auf und davon . Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle Zweige von unzähligen Vögeln seiner Art belebt ; sie hatten ihre Nester dort erbaut und waren völlig wie daheim ; leider zerstörte ungebeten ein vorübergehendes Mädchen die schöne Illusion des Augenblicks , die mich in andre Zonen versetzte . Sie erzählte mir : die Vögel würden Winters in einem nahen Hause verpflegt , zur Sommerzeit aber ließe man sie frei auf der Insel herumfliegen , da ihre schwachen Flügel es doch nicht vermöchten , sie über den breiten See der Insel fortzutragen . Ich blickte nach dieser Erläuterung mit wahrer Betrübniß die armen kleinen Fremdlinge an , die in ihrer Beschränktheit die ganze Welt sich zu Gebote wähnen . Ach Gabriele , ist es denn mit uns anders ? Auch uns halten unsichtbare Bande , und wehe uns , wenn wir den kühnen Flug über sie hinaus wagen wollen . Mit gelähmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden Abgrunde zu , wenn nicht ein seltnes Wunder bei Zeiten uns rettet , wie jenen armen Vogel , den ein glücklicher Zufall über meinen Nachen wegführte . Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen dieses kleinen Eilandes . Die hellen Mauern des Schlosses , einer ehemaligen Komthurei des Malteserordens , schimmerten noch durch die Bäume ; ich wandte mich ab . Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen ! An der , meinem Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe Ufergras . Niedern Wellen gleich , schlug es über mich zusammen , ich sah nicht Himmel , nicht Erde , nur grüne dichte Dämmerung um mich , und leise schlich es über den Wellen zu meinem Ohr heran , wie fernes Hörnertönen . Ich lauschte ihm mit stillem Entzücken . O Gabriele , da ward dieß Tönen immer lauter und lauter . Und Lachen und helles Jauchzen und kurzes , abgerißnes Singen scholl dazwischen . Ich sahe auf . Eine ganze Flotte von Kähnen zeigte sich dicht neben meinem Ruheplätzchen , fast schon im Begriffe , zu landen . Es war ein hochzeitlicher Zug , gewiß , gewiß , ich erkannte den Nachen , der die Braut trug , an den Blumenkränzen , die ihn schmückten , an den bunten fliegenden Wimpeln . Ich sah sie selbst , Arm in Arm mit dem Geliebten . Da erwachte der Schmerz und riß mich fort , wie die Furien von Orest . Ich floh gemartert , verwildert vor den freudigen Tönen . In furchtsamer Hast , als folge das Verderben mir auf den Fersen nach , suchte ich nach einem Auswege , um dem Anblicke der Glücklichen zu entkommen ; ich fand ihn , in einer Entfernung von wenigen Schritten , wo ein sehr langer schwankender Stieg mich über den dort schmäleren See zum festen Lande führte . Dort folgte ich dem ersten Wege , der sich mir bot . Nur fort ! nur fort ! weiter dachte ich nichts , aber kalte Thränen der Verzweiflung füllten mein Auge . So gelangte ich nach Konstanz , ohne es zu wollen oder zu wissen . Gabriele , Sie behaupteten einst , daß der Schmerz edlere Naturen noch mehr veredelt und erhebt , sie noch milder und gütiger macht , und wer , der Sie und ihr Geschick kennt , möchte daran zweifeln ! Warum denn , o warum mußte mich der Anblick jener Beglückten so schmerzlich verletzen ? Warum jenen Ingrimm in mir erregen , den der gefangene Verbrecher fühlt , wenn er aus dem Gitterfenster seines kalten Kerkers auf die Glücklichen schaut , die in der warmen , blühenden Welt in Freiheit sich ergehen ? Neid , Haß , und alles diesem Verwandte waren meinem Herzen sonst so fremd ! O Gabriele , soll ich auch noch mich verlieren , da ich alles verloren habe was mich beglückte ? Ich flehe , lassen Sie mich nicht in mir selbst untergehen ; Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund , lassen Sie mich jetzt nicht wieder sinken , wahrlich nur die Gewißheit , daß Sie Ihre Hand nicht ganz von mir abziehen , daß Sie mich noch Ihrer Sorge werth achten , kann mich noch oben erhalten . Düster und einsam sitze ich jetzt in dieser düstern öden Stadt . Ich bin noch einmal an den See hinausgegangen , ich blickte hinüber zu jenen jetzt in Nebel verhüllten Bergen , die diesen Morgen mir im Sonnenstrahl so freudig entgegen glänzten . Jetzt konnte ich sie nur als die Scheidewand betrachten , die sich , von morgen an , zwischen mir und dem glücklichen Lande erhebt , wo Gabriele athmet . Morgen ergreife ich den Wanderstab , die Schweiz zu durchziehen . Auf einem andern Wege soll mein Wagen mir folgen , ich gehe zu Fuß . Die Entfernung zwischen mir und Ihnen wächst von nun an mir fühlbarer , mit jedem Schritte , den ich thue . Ich könnte darüber verzweiflen , doch ich befolge auf das Pünktlichste Ihren Willen ; der Gedanke daran ist ja alles was mir übrig blieb . Selbst in dem Schmerze , der mir die Seele zerreißt , finde ich eine wilde Freude , denn Sie waren es , Sie Gabriele ! die ihn mir auferlegte . « Auf der Grimsel . » Ich stand heut , wo die Aar die dunkeln Wellen von gräßlicher Höhe hinabstürzt . Felsen und Tannen erbeben rings umher , die Axe der Erde schien unter mir sich dröhnend umzuwälzen . Wie der Eingang zur Hölle , so schwarz und fürchterlich gähnt der entsetzliche Schlund am Fuße des Felsen , der die in Schaum , in Staub aufgelöste tobende Wassermasse aufnimmt . Von noch höherer senkrechter Höhe stürzt sich der Erlebach der Aar nach , rasch wie die Verzweiflung hinab , hinab in den nehmlichen Abgrund , den er , in Miriaden schimmernder Tropfen zertrümmert , zuletzt erreicht . Den Kampf der Fluthen dort unten verhüllen Dampfwolken jedem sterblichen Auge , aber tausendstimmige Donner verkünden ihn laut den zitternden Felsen rings umher . Ergrimmt faßt der mächtige Strom endlich den überwundnen Bach und schleudert in rasender Wuth die weißen Wogen wieder hinaus aus seiner Grotte , an die gegenüberstehende Felsenwand und höher hinauf den Wolken zu . Sie zerstäuben und sinken in ewigen Nebeldämpfen nieder , gepeitscht vom heulenden Sturm , der nie abläßt , hier zu wüthen . Das laute ängstliche Geschrei meiner Führer , da ich , vielleicht ein wenig zu verwegen , auf den überhängenden Felsen hinkletterte , verhallte in diesem Aufruhr der Natur , gleich dem Zirpen einer Heuschrecke . Anbetend , wortlos , sank ich hin ; ich ein Atom , ein Nichts in diesen , alle Sinne betäubenden Schrecknissen ; und doch fühlte ich , selbst Angesichts ihrer , Kraft und Muth im glühenden Herzen , mich überselig , gleich jenem neidenswerthen Edelknaben , von dem des Dichters unsterbliches Lied uns singt , hinabzustürzen , und , wie er , den gräßlichen Kampf auf Tod und Leben mit dem empörten Element dort in der Tiefe zu bestehen , würde nur auch mir der hohe Preis geboten , den zu erringen , jener endlich unterging . « Aus Mailand . » Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden , hier wo ich ihn nimmer erwartet hätte . Ich bin nicht mehr so ganz verlassen , allein , denn ich höre Gabrielens geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen . Noch einmal , an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage , suchte ich das Dominikaner-Kloster neben der Kirche S. Maria delle Grazie auf ; ich wollte von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen , wie von einem Freunde ; eigentlich war er mir der einzige , den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir immer lieber ward . Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nähere Bekanntschaft mit Menschen ; das zwecklose untheilnehmende Umhertreiben in ihrer Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise , und ist mir entsetzlich . Aber im stillen Gebiete der freien Natur , im noch stilleren der Kunst , da finde ich Vertraute , und von der stummen Leinwand , von der verblichnen , durch Kerzendampf geschwärzten Wand , blickt es oft tröstend mich an . Dann dünkt es mich , als umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligthume , der einst hier schaffend waltete , und darüber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern vergaß ; als hauche er mir Ergebung und höheres Hoffen in die wild bewegte Brust . Ach ! und wie oft sehe ich mit Entzücken auch von der Leinwand einzelne Züge des Bildes mir entgegenstrahlen , was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern Sinne schwebt ! Dießmal fand ich das Refektorium der guten Mönche nicht unbesucht wie ich es gehofft und gewünscht ; ein junger Mensch saß vor dem wundervollen Bilde des heiligen Abendmahls , ämsig bemüht , seiner Mappe eine Kontur desselben einzuverleiben . Nun ist mir aber nichts verhaßter , als wenn ich dem ängstlichen , nüchternen Streben zusehen muß , das , was mich erhebt , begeistert , entzückt , schwarz auf weiß nach Hause zu tragen , damit man es sicher bei der Hand habe , und es sich haushälterisch auftrocknen und aufbewahren könne zu künftigem beliebigem Gebrauch . Mag meine , jede Anstrengung hassende Ungeduld , die Sie so oft an mir tadelten , Schuld daran seyn und mich ungerecht machen , ich muß es doch bekennen , mich ärgert es immer , wenn die Herren und Damen , denen ich auf Reisen begegne , vor den hohen Wundern der Natur , wo sie anbeten oder doch wenigstens genießen sollten , sich mit einem Blättchen Papier und einem Stückchen Kreide zurecht setzen , um schülerhaft zu krizeln , was sie in jedem Bilderladen tausendmal besser kaufen können , als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag . Auch begreife ich nie , wie der vom ächten Geiste belebte Schüler der Kunst dadurch zum Künstler gebildet werden soll , daß er die Linien , welche die längst in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog , mühsam nachzuzirkeln sich abmüht . Mir dünkt , es wäre ihm gerathner , wenn er das Ganze im Geist aufzufassen strebte , dann demüthig und doch freudig nach Hause ginge , und im Gefühl der Schöpferkraft , die dem reich begabten Menschen von der Gottheit gegeben ward , selbst versuchte , jenen hohen Vorbildern sich zu nahen , ohne knechtisch sie nachzuahmen . Voll von diesem Gefühl , und dazu halb ärgerlich , hier nicht , wie ich es gehofft hatte , allein zu seyn , näherte ich mich dem Zeichnenden , und sah ziemlich verächtlich , ich will es nur gestehen , ihm über die Schulter auf seine Zeichnung . Eigentlich war ich nicht übel geneigt , meinem Verdrusse beim mindesten Anlasse dazu Luft zu machen , als ich ihn deutsch reden hörte mit seinem neben ihm stehenden Begleiter , einem ältlichen Manne von edler einnehmenden Gestalt , den ich jetzt erst bemerkte . Seyd doch froh , sprach dieser zu dem jungen Künstler , der sich wohl über den leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemäldes beklagt haben mochte , seyd doch froh , daß die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward ; haltet euch an den Geist des Schöpfers , der ja noch immer hier in seinem edelsten Werke waltet , wenn gleich das Körperliche desselben fast nicht minder dahin geschwunden ist , als die Hand , die es schuf . O wie fällt alle Farbenpracht weg , gegen dieses alte edle schmucklose Werk ! Nie und nirgend ausser Rafael hat einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Würde so zu einen gewußt ! setzte er halblaut hinzu , in tiefe Betrachtung des Gemäldes verloren . Nach einer kleinen Pause redete er weiter , nicht vor sich , nicht zu uns , gleichsam nur laut denkend , wie man wohl auch laut liest , was uns entzückt , wenn gleich niemand uns zuhört . Er sprach von der glücklichen Wahl des dargestellten Augenblicks der Handlung , durch welche die Einförmigkeit der Anordnung von dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glücklich und schicklich vermieden ward . Mild , mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort : Einer von denen , so mit mir sind , wird mich verrathen ! Er sieht vor sich nieder , um keinen seiner Jünger mit dem Blicke zufällig zu bezeichnen , aber alle fahren , wie von einem Wetterstrahl getroffen , bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die Höhe , alle werden in Handlung gesetzt , einige der von ihm am entferntesten Sitzenden suchen sich ihm zu nähern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen . Gesicht , Stellung , Geberde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter ihnen , doch , nur mit sich beschäftigt , bemerkt keiner den wilden trüben Blick des schreckhaft zurückfahrenden Judas . Nur dem dicht hinter diesem sitzenden Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren . Je länger der Fremde so sprach , je mehr fühlte ich von ihm mich angezogen . Ich wagte es endlich , ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir , ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen . Von einem Apostel zum andern übergehend , gab er mir in wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben . Nie zuvor habe ich jemanden über ein Kunstwerk und über die Kunst selbst so klar , so bedeutsam , und , bei so tiefer Kenntniß , so anspruchslos reden gehört . Immer lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf , er kam mir so bekannt vor , mir war , als sey in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir begegnet , von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen . Nennt ihn Ihr Herz Ihnen nicht Gabriele ? Der immerfort ämsig Zeichnende nannte ihn endlich , obgleich er deutsch mit ihm sprach : Signor Ernesto . Mit einem lauten Freudenschrei hätte ich mich gern in seine Arme gedrängt , als ich mit diesem Namen ihn nennen hörte , doch bei aller Freundlichkeit liegt in seinem klugen dunkelblauen Auge , in einem scharfen Zuge seines Mundes , besonders wenn er halblächelnd spricht , etwas , das gebietet , in seiner Gegenwart sich zu bemeistern . Und so nahm ich mich denn zusammen , zog mein Taschenbuch hervor und überreichte ihm die Karte , mit welcher Ihre Güte mich für den Fall eines Zusammentreffens mit ihm ausrüstete . O Gabriele ! wie hängt alles ewig an Ihnen , was einmal Sie erkannte ! Hätten Sie den freudigen Strahl gesehen , der über das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete , während er die wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las ! Es war als ob ein heller Abglanz Ihrer eignen Anmuth von der kleinen Karte ausginge und die scharf gezognen Züge des würdigen , von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklärte . Als sey auch ihm ein längst vermißter Liebling seines Herzens unverhofft wiedergekehrt , so freudig begrüßte Ernesto mich nun . Er ergriff meinen Arm , beurlaubte sich leichthin von dem Zeichnenden , mit dem er , wie ich jetzt sah , in keiner genauern Verbindung stand , und begleitete mich in meinen Gasthof , wo sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum längern Verweilen in Mailand getroffen wurden . Mir traten die Thränen ins Auge , als er mit mir allein auf meinem Zimmer sich nun recht theilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu erkundigen begann ; freilich nicht eher , als bis er mich über Sie , Ihr Leben , Ihre nähern Verhältnisse , Ihre Gesundheit , Ihr Aussehen recht inquisitorisch abgehört hatte . So väterlich wie er , hat noch keiner zu mir gesprochen ; stets war ich Elternlos , von meiner ersten Jugend an , wenn gleich nicht verwaiset durch den Tod . In diesem Augenblick fühlte ich recht lebendig , welch ein Glück ich so lange entbehrte , ohne je es gekannt zu haben . Mein Herz schloß sich auf im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren , wohlmeinenden Freunde . Sie werden es verzeihen , Gabriele , Sie müssen es verzeihen , wenn , indem ich von Ihnen sprach , Auge und Ton ihm vielleicht mehr als meine Worte gestanden . Wie wäre es möglich gewesen , diesen hellen Blick zu täuschen , der mir fühlbar bis in das tiefste Herz drang ! Seit langen Monden zum erstenmal hörte ich Ihren Namen , und wie ? o Gabriele ! Wie ward er ausgesprochen ! Jedes Wort Ernestos war der Nachhall meines eignen Gefühls . Noch hatte ich keine Stunde mit ihm verlebt , als ich schon vor der Möglichkeit zu zittern begann , daß er , den ich nie wieder zu lassen sehnlichst wünschte , vielleicht auf der Rückreise wäre , nach Deutschland , zu Ihnen - Gabriele , zu Ihnen ! Doch meine Furcht war vergebens , das zeigte sich bald . Ein bedeutendes Geschäft , das er für einen Freund hier abzumachen versprach , hatte ihn nach Mailand geführt ; es war jetzt vollendet und er im Begriffe nach Florenz zu gehen , wo er den größten Theil des Sommers zu verleben gedachte . Nun habe ich mir ihn gewonnen . Ich habe mich fest an ihn geklammert , und er stößt mich nicht zurück , denn Gabrielens Name ist der Talisman , der ihn mir verbindet . Langsam will er mit mir noch einmal Italien durchziehen , vielleicht wandern wir bis Syrakus ehe er mir Rom zeigt . Wahrscheinlich komme ich erst im folgenden Jahre dorthin , gegen die Zeit der großen kirchlichen Feste , welche die Ostertage herbeiführen . So habe ich denn wieder eine Bestimmung , der ich entgegen gehe . Ernesto leitet mich wie er will , er nimmt meiner sich an , weil ich von Ihnen gesendet ihm scheine . Er hängt an Ihnen mit Jünglingsfeuer und somit auch an allem , was nur auf die entfernteste Weise Ihnen angehört . Wie besorgt ist er um Ihr Wohl ! So wie die seine , denke ich mir die Liebe eines Schutzgeistes . Er ist ein seltner Mensch , aber trüge er auch keine Spur seines hohen , ungewöhnlichen Werthes , so müßte ich dennoch seinen Schritten folgen , denn ich kann mit ihm von Gabrielen sprechen und fürchte weder Hohn noch Mißverstehen . « Aus Florenz . » Nun weiß ich , wie es dem Schweizer ist , den , fern vom geliebten Vaterlande , ein Ton aus seinen heimathlichen Bergen traf und alle Qualen des Heimwehs über ihn rief ! Ich stand an Ernestos Seite im Garten des Pallastes Boboli , oben auf der höchsten Terrasse . Die Sonne ging unter ; als wäre der Aetna umgestürzt und schütte alle seine Gluthen aus , so flammte es in Westen und zwischen diesem Abendgolde und dem Aetherblau prangte der Horizont im herrlichsten durchsichtigen Grün , wie ich noch nie es sah . Die fernen Appeninen glühten dunkel-violet zu uns herüber , zu unsern Füßen glänzte die Stadt , das Schloß , der Garten und das ganze reiche herrliche Thal , welches der Arno durchströmt , alles wie verklärt im Lichte der brennenden Himmelspracht . Nur einen solchen Abend hier an Ihrer Seite ! ich konnte den Wunsch dem Freunde nicht verhehlen , er theilte ihn mit mir , und ein liebes beruhigendes Gespräch , das nach Schloß Aarheim uns versetzte , hatte sich zwischen uns beiden entsponnen , als plötzlich der Ton Ihrer Stimme , Ihrer Stimme , Gabriele , mein Ohr traf . Was ich rief , was ich that , weiß ich nicht , nur daß Ernesto mich beim Arm ergriff und sehr ernst mich zur Ruhe ermahnte . Dieß brachte mich wieder in leidliche äußre Fassung , obgleich ich seine Worte nur halb verstand . Eine Gesellschaft Herren und Damen , lustwandelnd wie wir , näherte sich uns vom Pavillon her unter lautem Lachen und Gespräch , und immer tönte noch der Klang der süßen Stimme in ihrer Mitte . Ich zitterte , und als ich aufmerksamer hinblickte , glaubte ich zu vergehen . Sie waren es , Sie selbst , Gabriele , Sie traten hervor , Sie eilten auf uns zu . Signor Ernesto ! riefen Sie in so bekanntem Ton ! und doch waren Sie es nicht . Nein ! wo hatte ich meine Augen gehabt ? Sobald man die Gestalt genauer betrachtete , war außer dem Ton der Sprache kein Zug von Aehnlichkeit zwischen Ihnen und der blendendschönen Frau , die jetzt dicht vor mir stand . Diese dunkle Lockenpracht , dieß weitgeöffnete hohe blaue Auge voller Blitze , wie verschieden von der lichten Strahlenglorie , die Gabrielens schönes Haupt umwallt , von dem sanften Mondlicht der frommen braunen Augen , die , gleich lieben freundlichen Sternen , süßberuhigend uns leuchten ? Und dennoch hatte diese Ihnen so ganz entfremdete Erscheinung auch etwas in ihren Bewegungen , dem ich unverwendeten Blicks zusehen mußte , weil es eben wie der Ton ihrer Stimme mir Gabrielen vor die Sinne zauberte . Es zog mich an und stieß mich zurück , entzückte und betrübte mich , hundertmal in wenigen Minuten . Nachdem die Dame ziemlich lange mit Ernesto geplaudert , und ich weiß nicht , welche Vernachlässigungen ihm mit scherzhaftem Tone vorgeworfen hatte , wandte sie den fragenden Blick mir zu und Ernesto konnte es nun nicht vermeiden , mich ihr vorzustellen . Er that es mit einer Art von Verlegenheit , die ich bis jetzt noch nie an ihm bemerkt hatte und ich mir nicht zu erklären weiß . Nach italienischer Sitte nannte er sie mir nur Signora Aurelia und erst da wir wieder allein waren , erfuhr ich , daß sie die Tochter der Gräfin Rosenberg und Ihnen nahe verwandt sey . So war mir denn der Zauber der Aehnlichkeit zwischen ihnen beiden durch dieses Familienband erklärt . Ihre Kusine ist im Begriffe , mit einer englischen Familie eine Reise nach Griechenland anzutreten , weil ihr in Italien das Klima nicht zusagt . Ihr Gemahl lebt in Rom . » Haben Sie ihn jemals gesehen ? Ernesto vermeidet von ihm zu sprechen ; es muß eine eigne Bewandtniß mit diesem Menschen haben . « » Was Ernesto durch Gründe , Bitten , Zureden nicht erhalten konnte , hat Aurelia ohne ein Wort darüber zu verlieren bewirkt . Ich gehe wieder in die Welt , die ich ewig meiden wollte , besuche Soiréen , Akademien , Konversaziones ; denn nur da kann ich ungestört in irgend einem Winkel sitzend , mich mit verschloßnen Augen der süßesten Täuschung hingeben , während Aurelia zu den Andern spricht . Ihr selbst mich zu nahen , vermeide ich soviel ich es schicklicher Weise kann , weil sie stets von Gabrielen mit mir sprechen will . Letzthin hat sie einen ganzen Abend hindurch mich über Sie ausgefragt . Ausgefragt , das ist das rechte Wort - für dieses neugierige , untheilnehmende Auskundschaften . Mir war dabei zu Muthe , als spräche jene Eugenia , die einst mit ähnlichen Redensarten mich dem Abgrunde entgegentrieb , von welchem nur die Hand eines Engels mich retten konnte . Und doch hat diese Aurelia eine gewisse , mir so liebe Art , den Kopf ein wenig vorzubeugen und dann seitwärts aufzublicken ! Im Gespräch hebt sie oft die zarte wunderschöne Hand , deren gleichen es nur noch einmal in der Welt giebt , und regt die rosigen Fingerchen so , daß ich nicht müde werden kann , ihr zuzusehen . Oft höre ich ihrer Stimme zu , und strenge mich an , auf ihre Worte nicht zu merken , dann träume ich mir , ein böser Zauber habe Gabrielen in diese Gestalt gebannt , und die Zeit desselben wäre nun um ; ich blicke auf zu ihr und bei jeder Ihnen abgestohlnen Bewegung wähne ich , jetzt müsse die fremde Gestalt verschwinden und meine Sonne mir aufgehen . « » Was man so in der Welt liebenswürdig nennt , ist diese Aurelia , sobald sie es seyn will , in hohem Grade . Zu ihrer Ehre sey es gesagt , daß dieses oft der Fall ist , und doch giebt es Momente , in welchen sie mir sogar hassenswerth vorkommt , weil sie nicht Gabriele ist und sich doch unterfängt , ihr ähnlich zu scheinen . Dann graust mir vor ihr , wie vor einem Leben heuchelnden Wachsbilde . Aber ist es nicht wunderbar , daß Ernesto , außer der Stimme , welche er allenfalls noch zugiebt , mir jede weitre Aehnlichkeit Aureliens mit Ihnen durchaus abläugnet ? Er sucht sogar , und oft ziemlich auffallend mich von ihr fern zu halten , als fürchte er für mich in ihrer gefährlichen Nähe . Ahnet er denn gar nicht , daß es nur der Schatten von Gabrielens Schatten ist , was zu ihr mich zieht ? « Aus gleichzeitigen Briefen Ernestos an Frau von Willnangen . » Ich weiß es , theure Freundin ! Sie lachen über meine Bedenklichkeiten und Besorgnisse , aber ich lasse es mir gefallen und gebe ohne Widerstreben Ihrem gutmüthigen Spotte mich Preis , wenn ich nur nach gewohnter Art Ihnen vertrauen darf , was Herz und Sinne mir trübt . Und dieß ist jetzt Aureliens blendendschöne Erscheinung , ungeachtet ihres zuvorkommenden Betragens gegen mich , und des schmeichelnden Klanges ihrer Worte . Ich kann mich nun einmal des peinlichsten Gefühls in ihrer Nähe nicht erwehren , und seit ein Zufall , den ich durchaus boshaft und unheilbrütend nennen muß , uns hier in Florenz ihr entgegen warf , habe ich innerlich weder Ruhe noch Rast . Schon seit sie aufhörte ein Kind zu seyn , spürte ich bei ihr etwas Unheimliches , das meinen Unmuth erregte , obgleich ihre äußere Liebenswürdigkeit mir oft recht hinreißend erschien . Jetzt wird dieses Gefühl lauter in mir als je , ihr Lachen , ihr Scherzen klingen mir wie bittrer , dem Leben gesprochner Hohn , der sich nur in erzwungne Lustigkeit zu verkleiden sucht , und ihr ganzes Wesen hat in meinen Augen etwas so verstörtes , unheilweissagendes , daß ich weder mich selbst , noch die , welche ich liebe , in ihrer Nähe wissen mag . Vor allem änstigt es mich , wenn ich Hippoliten , verloren in ihrem Anschauen und in dem Klange ihrer Worte , neben ihr sitzen sehe ; dann drängt es mich , ihn von ihr fortzureißen , und müßte ich auch mit meinem geliebten Zöglinge von irgend einem Felsen herabspringen , wie einst der weise Mentor mit dem Sohne des Odysseus . Daß es übrigens mit dem Einflusse dieser neuen Kalypso bei meinem Telemach keine große Gefahr hat , weiß ich , gottlob ; sie wird ihn mir weder bezaubern noch verhexen , obgleich sie zu beiden wohl Lust und auch Talent hätte , denn er steht zum Glücke unter höherem Schutze . Wäre mir dieß auch früher nicht schon klar geworden , so hätte mir es ein Lied gesagt , welches er sich schrieb mitten in einer rauschenden Gesellschaft , wo Aurelia und andre schöne Frauen ihn aufforderten , mehr Theil an der Geselligkeit zu nehmen . Es war an dem Ufer eines kleinen Flusses , wo er sich unter überhängende Pinien setzte und in seine Schreibtafel die Worte aufzeichnete , die er mir beim Nachhausegehen als Antwort auf die Aufforderung der Damen stumm überreichte , die ich ihm wortlos zurückgab und die ich ihn seitdem oft nach einer Melodie singen höre , welche er dazu fand . Ich schließe die einfachen Worte diesem Briefe bei . Trotz alle dem suche ich doch absichtlich aber unmerklich die Gelegenheiten zu entfernen , wo Hippolit mit Aurelien zusammentreffen kann ; denn der Umgang mit Wesen ihrer Art bringt nichts Gutes , macht Niemanden besser ; und darum soll man ihn nach meiner Ueberzeugung meiden , so viel man nur immer kann . « Hippolits Lied . Laßt mich , ob ich auch still verglüh ' , Laßt mich nur stille gehn ; Sie seh ' ich spät , Sie seh ' ich früh Und ewig vor mir stehn . Was ladet ihr zur Ruh ' mich ein ? Sie nahm die Ruh ' mir fort ; Und wo Sie ist , da muß ich seyn , Hier sey es oder dort . Zürnt diesem armen Herzen nicht , Es hat nur einen Fehl : Treu muß es schlagen bis es bricht , Und hat deß nimmer Hehl . Laßt mich , ich denke doch nur Sie ; In Ihr nur denke ich ; Ja ! ohne Sie wär ' ich einst nie Bei Engeln ewiglich . Im Leben denn