, nicht wahr , Meister ? ich werde ihn wiedersehen ! « » Gewiß , « erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund ; Julia verstand ihn . - Der Prinz mühte sich , unbefangen zu scheinen ; er erzählte , daß der Mann , den man hier , wie er vernehme , Meister Abraham nenne , vor mehreren Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei , in die er , der Prinz , selbst verflochten , wie er gestehen müsse . - Die Begebenheit zu erzählen , sei jetzt nicht an der Zeit , doch wolle er künftig damit nicht zurückhalten . - Der Sturm im Innern war zu heftig , als daß sein Tosen nicht auf der Oberfläche hätte sichtbar sein sollen , und so stimmte des Prinzen verstörtes Antlitz , dem jeder Blutstropfen entschwunden schien , sehr schlecht überein mit dem gleichgültigen Gespräch , zu dem er sich nun zwang , um nur über den kritischen Moment hinwegzukommen . Besser als dem Prinzen gelang es der Prinzessin , die Spannung des Augenblicks zu besiegen . Mit der Ironie , die selbst den Argwohn , die Verbittrung verflüchtigt zum feinsten Hohn , neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem Labyrinth seiner eignen Gedanken . Er , der gewandteste Weltmann , noch mehr , ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit , die alles Wahrhafte , jede Gestaltung des Lebens vernichtet , vermochte nicht diesem seltsamen Wesen zu widerstehen . Je lebhafter Hedwiga sprach , je feuriger und zündender die Blitze des geistreichsten Spottes einschlugen , desto verwirrter , beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen , bis dies Gefühl zum Unerträglichen stieg und er sich schnell entfernte . Dem Fürsten geschah das , was ihm bei solchen Anstößen jedesmal zu geschehen pflegte ; er wußte gar nicht , was er von dem allen denken sollte . Er begnügte sich mit einigen französischen Brocken ohne sonderliche Bedeutung , die er dem Prinzen zuwarf und die dieser mit ebensolchen erwiderte . Der Prinz war schon zur Türe heraus , als Hedwiga , plötzlich im ganzen Wesen verändert , zum Fußboden niederstarrte und mit einem seltsamen , das Herz durchschneidenden Ton laut rief : » Ich sehe die blutige Spur des Mörders ! « - Dann schien sie aus dem Traum zu erwachen , drückte Julien stürmisch an ihre Brust und lispelte ihr zu : » Kind , mein armes Kind , laß dich nicht betören ! « » Geheimnisse , « sprach der Fürst verdrießlich , » Geheimnisse , Einbildungen , Albernheiten , Romanenstreiche ! Ma foi , ich kenne meinen Hof nicht mehr ! - Meister Abraham ! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung , wenn sie nicht richtig gehen , ich wollt ' , Ihr könntet hier nachsehen , was für Schaden das Räderwerk genommen , das sonst niemals stockte . - Doch was ist das mit dem Severino ? « » Unter diesem Namen , « erwiderte der Meister , » ließ ich in Neapel meine optische und mechanische Kunststücke sehen . « » So - so , « sprach der Fürst , sah den Meister starr an , als schwebe ihm eine Frage auf den Lippen , drehte sich aber dann schnell um und verließ schweigend das Zimmer . - Man hatte geglaubt , die Benzon befinde sich bei der Fürstin , dem war aber nicht so , sie hatte sich in ihre in Wohnung begeben . Julia sehnte sich nach der freien Luft ; der Meister führte sie in den Park und , lustwandelnd durch die halb entlaubten Gänge , sprachen sie von Kreisler und seinem Aufenthalt in der Abtei . Sie waren an das Fischerhäuschen gekommen . Julia trat hinein , um sich zu erholen ; Kreislers Brief lag auf dem Tisch , der Meister meinte , es sei gar nichts darin , das Julia Scheu tragen dürfe zu erfahren . Während Julia den Brief gelesen , hatten sich ihre Wangen höher gefärbt , und sanftes Feuer , Abglanz des erheiterten Gemüts , strahlte aus ihren Augen . » Siehst du , « sprach der Meister freundlich , » siehst du wohl , mein liebes Kind , wie der gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne tröstend zu dir spricht ? Was hast du von bedrohlichen Anschlägen zu fürchten , wenn Standhaftigkeit , Liebe und Mut dich schützen vor den Bösen , die dir nachstellen ! « » Barmherziger Himmel , « rief Julia mit emporgerichtetem Blicke , » schütze mich nur vor mir selber ! « Sie erbebte wie im jähen Schreck über die Worte , die sie willenlos ausgestoßen . Halb ohnmächtig sank sie in den Sessel und bedeckte mit beiden Händen ihr glühendes Antlitz . » Ich verstehe , « sprach der Meister , » ich verstehe dich nicht Mädchen , du verstehst dich vielleicht selbst nicht , und darum magst du dein eignes Innres recht auf den Grund erforschen und dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher Schonung . « - Der Meister überließ Julien dem tiefen Nachsinnen , in das sie versunken , und schaute mit übereinandergeschlagenen Armen hinauf zu der geheimnisvollen Glaskugel . - Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer Ahnung . » Dich , « sprach er , » dich muß ich ja fragen , mit dir muß ich mich ja beraten , mit dir , du meines Lebens schönes , herrliches Geheimnis ! Schweige nicht , laß deine Stimme hören ! - Du weißt es ja , niemals war ich ein gemeiner Mensch , unerachtet mich manche dafür hielten . Denn in mir glühte alle Liebe , die der ewige Weltgeist selbst ist , und der Funke glimmte in meiner Brust , den der Hauch deines Wesens anfachte zur hellen fröhlichen Flamme ! - Glaube nicht , Chiara , daß dies Herz darum , weil es älter worden , vereiset ist und nicht mehr so rasch zu schlagen vermag als damals , da ich dich dem unmenschliche Severino entriß ; glaube nicht , daß ich jetzt weniger deiner wert geworden , als ich es damals war , da du selbst mich aufsuchtest ! - Ja ! - laß nur deine Stimme hören , und ich will mit der Hast des Jünglings dem Ton so lange nachrennen , bis ich dich gefunden , und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in zauberischer Gemeinschaft die höhere Magie , welche alle Menschen , selbst die allergemeinsten , notgedrungen erkennen , ohne daran zu glauben . - Und wandelst du nicht mehr leiblich hier auf Erden , spricht deine Stimme aus der Geisterwelt zu mir herab , so bin ich auch damit zufrieden und werde auch denn wohl noch ein tüchtigerer Kerl , als ich jemals gewesen . - Doch nein , nein ! - Wie lauteten die tröstenden Worte , die du zu mir sprachst ? Nicht erfaßt der bleiche Tod , Die im Herzen Liebe tragen , Dem glänzt noch das Abendrot , Der am Morgen wollt ' verzagen ! « » Meister , « rief Julia , die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in tiefem Erstaunen zugehorcht hatte , » Meister ! mit wem redet Ihr ? was wollt Ihr beginnen ? - - Ihr nanntet den Namen : Severino , güt ' ger Himmel ! redete der Prinz , als er sich von seinem Entsetzen erholt hatte , Euch nicht selbst an mit diesem Namen ? Welches furchtbare Geheimnis liegt hier verborgen ? « Der Alte kam bei diesen Worten Julias augenblicklich aus dem erhöhten Zustande zurück , und auf seinem Gesicht verbreitete sich , wie es schon lange nicht mehr geschehen , jene seltsame , beinahe grinsende Freundlichkeit , die mit seinem übrigens treuherzigen Wesen in dem wunderlichsten Zwiespalt stand und seiner ganzen Erscheinung den Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab . » Mein schönes Fräulein , « sprach er mit dem grellen Ton , in dem aufschneiderische Geheimniskrämer gewöhnlich ihre Wunder anzupreisen pflegen , » mein schönes Fräulein , nur ein wenig Geduld , ich werde bald die Ehre haben , Ihnen hier im Fischerhäuschen die allerwunderbarsten Dinge zu zeigen . - Diese tanzenden Männlein , dieser kleine Türke , welcher weiß , wie alt jeder in der Gesellschaft ist , diese Automate , diese Palingenesien , diese deformierten Bilder , diese optischen Spiegel - alles hübsches magisches Spielzeug , aber das beste fehlt mir noch . Mein unsichtbares Mädchen ist da ! - Bemerken Sie , dort oben sitzt sie bereits in der Glaskugel . Sie spricht aber noch nicht , sie ist noch müde von der weiten Reise , denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen Indien . - In einigen Tagen , mein schönes Fräulein , kommt meine Unsichtbare , und dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor , wegen Severino und andern Begebnissen der Vergangenheit und Zukunft ! - Für jetzt nur etwas weniges schlichtes Amüsement . « Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines Jünglings im Zimmer umher , zog die Maschinen an , ordnete die magischen Spiegel . Und in allen Winkeln wurde es rege und lebendig , die Automaten schritten daher und drehten die Köpfe , und ein künstlicher Hahn schlug mit den Flügeln und krähte , während Papageien gellend dazwischenkreischten , und Julia selbst und der Meister standen draußen sogut wie im Zimmer . Julien wollte , unerachtet sie an dergleichen Possen genugsam gewöhnt , dennoch bei der seltsamen Stimmung des Meisters ein Grauen anwandeln . » Meister , « sprach sie ganz erschrocken , » Meister , was ist Euch widerfahren ? « » Kind , « erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier , » Kind etwas Schönes und Wunderbares , aber es taugt nicht recht , daß du es erfährst . Doch ! - Laß die lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen , während ich dir von manchem soviel vertraue , als dir zu wissen nötig und nützlich . - Meine liebe Julia , deine eigne Mutter hat dir ihr mütterliches Herz verschlossen , ich will es dir öffnen , daß du hineinzublicken , daß du die Gefahr , in der du schwebst , zu erkennen und dich ihr zu entziehen vermagst . - Erfahre also fürs erste ohne weitere Umschweife , daß deine Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn beschlossen hat , als dich - - « ( M.f.f. ) - es indessen lieber bleiben lassen - Katerjüngling , sei bescheiden wie ich und nicht gleich überall bei der Hand mit deinen Versen , wenn die schlichte ehrliche Prosa hinreicht , deine Gedanken auszuspinnen . - Verse sollen in dem in Prosa geschriebenen Buche das leisten , was der Speck in der Wurst , nämlich hin und wieder in kleinen Stückchen eingestreut , dem ganzen Gemengsel mehr Glanz der Fettigkeit , mehr süße Anmut des Geschmacks verleihen . Ich fürchte nicht , daß dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden werden , da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein guter Vers einem mittelmäßigen Roman ebenso dienlich sein kann als ein fetter Speck einer magern Wurst . Ich sage das als ein Kater von ästhetischer Bildung und Erfahrung . - So sehr nach meinen bisherigen philosophischen und moralischen Grundsätzen Pontos ganzes Verhältnis , seine Lebensweise , seine Art , sich in der Gunst des Herrn zu erhalten , mir unwürdig , ja ein wenig miserabel vorkommen mochte , doch hatte mich sein ungezwungener Anstand , seine Eleganz , seine anmutige Leichtigkeit im sozialen Umgange gar sehr bestochen . Mit aller Gewalt wollte ich mich selbst überreden , daß ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung , bei meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel höheren Stufe stehe als der unwissende Ponto , der nur hier und da etwas von den Wissenschaften aufgeschnappt . Ein gewisses gar nicht zu unterdrückendes Gefühl sagte mir aber ganz unverhohlen , daß Ponto überall mich in den Schatten stellen würde ; ich fühlte mich gedrungen , einen vornehmern Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto zu diesem Stande zu rechnen . - Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß , bei jeder Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentümlichen Gedanken , und so geriet ich auch , meine innere Seelenstimmung , mein ganzes Verhältnis mit Ponto wohl überlegend , in allerlei sehr artige Betrachtungen , die der ferneren Mitteilung wohl wert sind . - » Wie kommt es , « sprach ich zu mir selbst , indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte , » wie kommt es , daß große Dichter , große Philosophen , sonst geistreich , lebensweise , sich im sozialen Verhältnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen ? Sie stehen jederzeit da , wo sie eben in dem Augenblick nicht hingehören , sie sprechen , wenn sie gerade schweigen sollten , und schweigen umgekehrt da , wo gerade Worte nötig , sie stoßen in der Form der Gesellschaft , wie sie sich nun eben gestaltet hat , entgegengesetztem Streben überall an und verletzen sich selbst und andere ; genug , sie gleichen dem , der , wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergänger einträchtig hinauswandelt , sich allein zum Tore hineindrängt und nun , mit Ungestüm seinen Weg verfolgend , diese ganze Reihe verstört . Man schreibt , ich weiß es , dies dem Mangel gesellschaftlicher Kultur zu , die am Schreibtische nicht zu erlangen , ich meine indessen , daß diese Kultur gar leicht zu erlangen sein , und daß jene unbesiegbare Unbehilflichkeit wohl noch einen andern Grund haben müsse . - Der große Dichter oder Philosoph müßte es nicht sein , wenn er seine geistige Überlegenheit nicht fühlen sollte ; aber ebenso müßte er nicht das jedem geistreichen Menschen eigne tiefe Gefühl besitzen , um nicht einzusehen , daß jene Überlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf , weil sie das Gleichgewicht aufhebt , das stets zu erhalten die Haupttendenz der sogenannten vornehmeren Gesellschaft ist . Jede Stimme darf nur eingreifen in den vollkommenen Akkord des Ganzen , aber des Dichters Ton dissoniert und ist , kann er unter andern Umständen auch ein sehr guter sein , dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton , weil er nicht zum Ganzen paßt . - Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in der Unterlassung alles Ungehörigen . Nun meine ich ferner , daß der Unmut , der sich aus dem widersprechenden Gefühl der Überlegenheit und der ungehörigen Erscheinung bildet , den in dieser sozialen Welt unerfahrnen Dichter oder Philosophen hindert , das Ganze zu erkennen und darüber zu schweben . Es ist nötig , daß er in dem Augenblick seine innere geistige Überlegenheit nicht zu hoch anschlage , und unterläßt er dies , so wird er auch die sogenannte höhere gesellschaftliche Kultur , die auf nichts anders hinausläuft , als auf das Bemühen , alle Ecken , Spitzen wegzuhobeln , alle Physiognomien zu einer einzigen zu gestalten , die eben deshalb aufhört eine zu sein , nicht zu hoch anschlagen . Dann wird er , verlassen von jenem Unmut , unbefangen das innerste Wesen dieser Kultur und die armseligen Prämissen , worauf sie beruhet , leicht erkennen und schon durch die Erkenntnis sich einbürgern in die seltsame Welt , welche eben diese Kultur als unerläßlich fordert . - Auf eigne Weise verhält es sich mit den Künstlern , die , sowie Dichter , Schriftsteller , der Vornehme hie und da in seine Zirkel ladet , um der guten Sitte nach auf eine Art von Mäzenat Anspruch machen zu können . Diesen Künstlern klebt leider gewöhnlich etwas vom Handwerk an , und deshalb sind sie entweder demütig bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur Bengelhaftigkeit . « ( Anmerk . der Herausgeb . : - Murr , es tut mir leid , daß du dich so oft mit fremden Federn schmückst . Du wirst , wie ich mit Recht befürchten muß , dadurch bei den geneigten Lesern merklich verlieren . - Kommen alle diese Betrachtungen , mit denen du dich so brüstest , nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes Kreisler , und ist es überhaupt möglich , daß du solche Lebensweisheit sammeln konntest , um eines menschlichen Schriftstellers Gemüt , das wunderlichste Ding auf Erden , so tief zu durchschauen ? ) » Warum , « dacht ' ich ferner , » sollt ' es aber einem geistreichen Kater , ist er auch Dichter , Schriftsteller , Künstler , nicht gelingen können , sich zu jener Erkenntnis der höhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit hinaufzuschwingen und sie selbst zu üben mit aller Schönheit und Anmut der äußern Erscheinung ? - Hat denn die Natur dem Geschlecht der Hunde allein den Vorzug jener Kultur gegönnt ? Sind wir Kater , was Tracht , Lebensweise , Art und Gewohnheit betrifft , auch etwas von dem stolzen Geschlecht verschieden , so haben wir doch ebensogut Fleisch und Blut , Körper und Geist , und am Ende können es die Hunde auch gar nicht anders anfangen als wir , ihr Leben fortzusetzen . Auch Hunde müssen essen , trinken , schlafen u.s.w. , und es tut ihnen weh , wenn sie geprügelt werden . « - Was weiter ! - ich beschloß , mich dem Unterricht meines jungen vornehmen Freundes , des Pudels Ponto , hinzugeben , und , ganz mit mir einig , begab ich mich zurück in meines Meisters Zimmer ; ein Blick in den Spiegel überzeugte mich , daß der bloße ernste Wille , nach höherer Kultur zu streben , schon vorteilhaft auf meine äußere Haltung gewirkt . - Ich betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen . - Gibt es einen behaglichern Zustand , als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist ? - Ich spann ! - Andern Tages begnügte ich mich nicht damit , vor der Türe zu sitzen , ich lustwandelte die Straße herab , da erblickte ich in der Ferne den Herrn Baron Alzibiades von Wipp , und hinter ihm her sprang mein munterer Freund Ponto . Gelegeners konnte mir nicht kommen ; ich nahm mich soviel wie möglich in Anstand und Würde zusammen und näherte mich dem Freund mit jener unnachahmlichen Grazie , die , unschätzbares Geschick der gütigen Natur , keine Kunst zu lehren vermag . - Doch ! - entsetzlich ! Was mußte geschehen ! - Sowie mich der Baron gewahrte , blieb er stehen und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette , dann rief er aber : » Allons - Ponto ! Huß - Huß - Katz ! Katz ! « - Und Ponto , der falsche Freund , sprang in voller Furie auf mich los ! - Entsetzt , aus aller Fassung gebracht durch den schändlichen Verrat , war ich keines Widerstandes fähig , sondern duckte mich so tief nieder , als ich konnte , um Pontos scharfen Zähnen zu entgehen , die er mir knurrend zeigte . Ponto sprang aber mehrmals über mich hinweg , ohne mich zu fassen , und flüsterte mir in die Ohren : » Murr ! Sei doch kein Tor und fürchte dich etwa ! - du siehst ja , daß es kein Ernst ist , ich tue das nur meinem Herrn zu Gefallen ! « Nun wiederholte Ponto seine Sprünge und tat sogar , als packe er mich bei den Ohren , ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun . » Jetzt , « raunte mir Ponto endlich zu » jetzt trolle dich ab , Freund Murr ! dort hinein ins Kellerloch ! « - Ich ließ mir das nicht zweimal sagen , sondern fuhr schnell davon , wie der Blitz . - Unerachtet der Versicherung Pontos , mir keinen Schaden zuzufügen , war mir doch nicht wenig bange , denn wissen kann man in solchen kritischen Fällen immer nicht recht , ob die Freundschaft stark genug sein wird , das angeborne Naturell zu besiegen . - Als ich hineingehuscht war in den Keller , spielte Ponto die Komödie , die er seinem Herrn zu Ehren begonnen , weiter fort . Er knurrte und bellte nämlich vor dem Kellerfenster , steckte die Schnauze durch das Gitter , tat , als sei er ganz außer sich darüber , daß ich ihm entwischt sei und er mich nun nicht verfolgen könne . » Siehst du , « sprach aber Ponto zu mir in den Keller hinein , » siehst du , erkennst du nun aufs neue die ersprießlichen Folgen der höhern Kultur ? - In dem Augenblick habe ich mich gegen meinen Herrn artig , folgsam bewiesen , ohne mir deine Feindschaft zuzuziehen , guter Murr . So macht es der wahre Weltmann , den das Schicksal bestimmt hat , Werkzeug in der Hand eines Mächtigeren zu sein . Angehetzt muß er losfahren , aber dabei so viel Geschick beweisen , daß er nur dann wirklich beißt , wenn es gerade auch in seinen eigenen Kram taugt . « - In aller Schnelle eröffnete ich meinem jungen Freunde Ponto , wie ich gesonnen sei , etwas von seiner höhern Kultur zu profitieren , und fragte , ob und auf welche Weise er mich vielleicht in die Lehre nehmen könne . - Ponto sann einige Minuten nach und meinte denn , am besten sei es , wenn mir gleich anfangs ein lebendiges deutliches Bild der höheren Welt aufgehe , in der er jetzt zu leben das Vergnügen habe , und dies könne nicht besser geschehen , als wenn ich ihn heute abend zur niedlichen Badine begleite , die gerade während der Theaterzeit Gesellschaft bei sich sähe . - Badine war aber Windspiel in Diensten der fürstlichen Oberhofmeisterin . - Ich putzte mich heraus , so gut ich es vermochte , las noch etwas im Knigge und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard , um nötigenfalls auch mich im Französischen geübt zu zeigen , und ging dann hinab vor die Türe . Ponto ließ nicht lange auf sich warten . Wir wandelten einträchtig die Straße hinab und gelangten bald in Badinens hell erleuchtetet Zimmer , wo ich eine bunte Versammlung von Pudeln , Spitzen , Möpsen , Bolognesern , Windspielen vorfand , teils im Kreise sitzend , teils gruppenweise in die Winkel verteilt . - Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir feindlicher Naturen . Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen verächtlichen Verwunderung , als wolle er sagen : » Was will ein gemeiner Kater unter uns sublimen Leuten ? « Hin und wieder fletschte auch wohl ein eleganter Spitz die Zähne , so daß ich merken konnte , wie gern er mir in die Haare gefahren wäre , hätte der Anstand , die Würde , die sittige Bildung der Gäste nicht jede Prügelei als unschicklich verboten . - Ponto riß mich aus der Verlegenheit , indem er mich der schönen Wirtin vorstellte , die mit anmutiger Herablassung versicherte , wie sehr sie sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu sehen . - Nun erst , als Badine einige Worte mit mir gesprochen , schenkte mir dieser , jener mit wahrhaft hündischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit , redete mich auch wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei , meiner Werke , die ihm zuweilen ordentlichen Spaß gemacht . Das schmeichelte meiner Eitelkeit , und ich gewahrte kaum , daß man mich fragte , ohne meine Antworten zu beachten , daß man mein Talent lobte , ohne es zu kennen , daß man meine Werke pries , ohne sie zu verstehen . - Ein natürlicher Instinkt lehrte mich antworten , wie ich gefragt wurde , nämlich ohne Rücksicht auf diese Frage überall kurz absprechen in solch allgemeinen Ausdrücken , daß sie auf alles nur Mögliche bezogen werden konnten , durchaus keiner Meinung sein und nie das Gespräch von der glatten Oberfläche hinunterziehen wollen in die Tiefe . - Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen , daß ein alter Spitz ihm versichert , wie ich für einen Kater amüsant genug sei und Anlagen zur guten Konversation zeige . - So etwas erfreut auch den Mißmütigen ! - - Jean Jacques Rousseau gesteht , als er in seinen » Bekenntnissen « auf die Geschichte von dem Bande kommt , das er stahl , und ein armes unschuldiges Mädchen für den Diebstahl züchtigen sah , den er begangen , ohne die Wahrheit zu gestehen , wie schwer es ihm werde , über diese Untiefe seines Gemüts hinwegzukommen . - Ich befinde mich eben jetzt in gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen . - Habe ich auch kein Verbrechen zu gestehen , so darf ich doch , will ich wahrhaft bleiben , die große Torheit nicht verschweigen , die ich an demselben Abende beging , und die lange Zeit hindurch mich verstörte , ja meinen Verstand in Gefahr setzte . - Ist es aber nicht ebenso schwer , ja oft noch schwerer , eine Torheit zu gestehen als ein Verbrechen ? - Nicht lange dauerte es , so überfiel mich solch eine Unbehaglichkeit , solch ein Unmut , daß ich mich weit fort wünschte unter den Ofen des Meisters . Es war die gräßlichste Langeweile , die mich zu Boden drückte , und die endlich mich alle Rücksichten vergessen ließ . Ganz still schlich ich mich in eine entfernte Ecke , um dem Schlummer nachzugeben , zu dem mich das Gespräch rundumher einlud . Dasselbe Gespräch nämlich , das ich erst in meinem Unmut vielleicht gar irrtümlich für das geistloseste , fadeste Geschwätz gehalten , kam mir nun vor wie das eintönige Geklapper einer Mühle , bei dem man sehr leicht in ein ganz angenehmes gedankenloses Hinbrüten gerät , dem dann der wirkliche Schlaf bald folgt . - Eben in diesem gedankenlosen Hinbrüten , in diesem sanften Delirieren war es mir , als funkle plötzlich ein helles Licht vor den geschlossenen Augen . Ich blickte auf , und dicht vor mir stand ein anmutiges schneeweißes Windspielfräulein , Badines schöne Nichte , Minona geheißen , wie ich später erfuhr . » Mein Herr , « sprach Minona mit jenem süßlispelnden Ton , der nur zu sehr widerklingt in des feurigen Jünglings erregbarer Brust , » mein Herr , Sie sitzen hier so einsam , Sie scheinen sich zu ennuyieren ? - Das tut mir leid ! - Aber freilich , ein großer tiefer Dichter wie Sie , mein Herr , muß , in höhern Sphären schwebend , das Treiben des gewöhnlichen sozialen Lebens schal und oberflächlich finden . « Ich erhob mich etwas bestürzt , und es tat mir weh , daß mein Naturell , stärker als alle Theorien des gebildeten Anstandes , mich zwang , wider meinen Willen den Rücken hoch zu erheben , einen sogenannten Katzenbuckel zu machen , worüber Minona zu lächeln schien . Gleich mich zur bessern Sitte erholend , faßte ich aber Minonas Pfote , drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken , denen der Dichter oft erliege . Minona hörte mich an mit solchen entscheidenden Zeichen der innigsten Teilnahme , mit solcher Andacht , daß ich mich selbst immer höher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht verstand . - Minona mochte mich ebensowenig verstehen , aber sie geriet ins höchste Entzücken und versicherte , wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen , den genialen Murr kennen zu lernen , und daß einer der glücklichsten , herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei . - Was soll ich sagen ! - Bald fand sich ' s , daß Minona meine Werke , meine sublimsten Gedichte gelesen - nein ! nicht nur gelesen , sondern in der höchsten Bedeutung aufgefaßt hatte ! Mehreres davon wußte sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung , mit einer Anmut , die mich in einen ganzen Himmel voll Poesie versetzte , vorzüglich , da es meine Verse waren , die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhören gab . » Mein bestes , « rief ich ganz hingerissen , » mein bestes , holdestes Fräulein , Sie haben dies Gemüt verstanden ! Sie haben meine Verse auswendig gelernt ; o all ihr Himmel ! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärtsstrebenden Dichter ? « » Murr , « lispelte Minona , » genialer Kater , können Sie glauben , daß ein fühlendes Herz , ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben kann ? « - Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust , und dieser Seufzer gab mir den Rest . - Was anders ? - Ich verliebte mich in das schöne Windspielfräulein dermaßen , daß ich , ganz toll und verblendet , nicht bemerkte , wie sie mitten in der Begeisterung plötzlich abbrach , um mit einem kleinen Zierbengel von Mops gänzlich fades Zeug zu schwatzen , wie sie mir den ganzen Abend auswich , wie sie mich auf eine Art behandelte , die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen , wie sie mit jenem Lobe , mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint , als sich selbst . - Genug , ich war und blieb ein verblendeter Tor , lief der schönen Minona nach , wie und wo ich nur konnte , besang sie in den schönsten Versen , machte sie zur Heldin mancher anmutig verrückten Geschichte , drängte mich in Gesellschaften ein , wo ich nicht hingehörte , und erntete dafür so manchen bittern Verdruß , so manche Verhöhnung , so manches kränkende Ungemach . Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor Augen ; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein , dem es an einer hohen Herrin liegt , der seine Lieder gelten , und die er aus der Ferne anbetet wie der Manchaner seine Dulzinea , und da wollt ' ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebesträume , dem anmutigen weißen Windspielfräulein , unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod . Einmal von