der Laienbruder ihr Geschlecht , und diese Herrlichkeit schmetterte sie alle nieder , denn sie wußten nun alle , daß sie getan , was nimmer zu vergüten und mit jeder Stunde , bis zur letzten , immer schwerer auf ihnen lasten , dann aber sie alle in die Gewalt ewiger Glut bringen werde . Der Abt , den das verwirrte Geschrei herbeizog , verfiel in wilde Raserei ; er wütete mit dem Beile gegen den schönen Körper und gegen alle , die ihn zurückreißen wollten ; endlich wurde er mit Steinen von ihnen darniedergeschmettert , sie bereiteten einen Holzstoß und verbrannten die beiden Leichname ; wie eine länderverödende Pestilenz zog der Qualm des Abtes über die Stadt , aber die Leiche der Tochter wollte die Flamme nicht ergreifen , ihre Wunden bluteten noch nach mehreren Tagen frisch wie am ersten . Da erwachte das Gewissen eines Mönchs , er lief in die Stadt und verkündigte die Missetaten ; da kam der Ritter von Lilienfeld , der sich einst aus Liebe zu ihr in den Krieg geflüchtet , drang in das Kloster und erkannte ihre Züge . Es drangen die Bürger von Kostnitz in das Kloster , und jeder erkannte sie ; da zerfiel sie in Asche , der Wind hob sie empor wie den fliegenden Sommer , von dem wir nicht wissen , woher er komme , noch wohin . Schnell war die Verhaftung der Schuldigen erfolgt , du wurdest gepflegt von Mönchen , die unschuldig erfunden ; ich erhielt in Rom meines Elends Kunde , mein Jammer hallte in den Toren des Vatikans , und mir ward gewährt , dich zurückzuführen in die Welt , in dir mein Geschlecht und die schweren Pflichten , die auf ihm ruhen , erfüllt zu sehen . So endete mein Vater , als ginge ihm Atem und Stimme für immer aus ; mich aber ergriff ein Schwindel , als hätte alles Blut einen andern Lauf genommen und flöhe mich , - mein Sohn , mein Sohn ! stehe mir bei , denn mir wird wieder , als wäre ich ohne Sinne zu früh auf die Welt geboren - mein Sohn , mein Sohn , steh mir bei , denn ich zerfließe wie ein Tropfen , der aus dem milden Auge meiner Mutter hundert Meilen tief auf den harten Scheitel meines Vaters gefallen - mein Sohn , mein Sohn ... « Bei diesen Worten stürzte Graf Rappolt nieder ; Anton sprang trotz seiner Wunde auf , aber der Schmerz und die Schwäche des Beines stürzten ihn zurück ; Susanna war schon mit liebevoller Sorgfalt zu dem Ohnmächtigen getreten und rief die Diener von dem Feste zu ihrem leidenden Herrn . Die Bestürzung war groß ; alle waren um ihn beschäftigt , die Musik schwieg , das Getümmel erstarrte . Nach wenigen Minuten gab der alte Graf wieder Zeichen des Lebens , aber er war schwach und befahl leise , ihn auf sein Zimmer zu bringen . Anton wäre ganz verlassen zurückgeblieben , hätte nicht Susanna jetzt wieder alle Sorgfalt auf ihn gewendet ; sie rief bald einige Leute zusammen , die ihn auf sein Zimmer brachten . Erst hier sammelten sich alle zerstreuten Züge der Erzählung ; das Schreckenvolle aller Ereignisse , welche die Seinen teils überstanden , teils das Gefährliche des Dienstes , wozu er berufen , drückten ihn nicht nieder , aber nichts von seiner alten Weise stimmte mehr dazu ; selbst seine Frau fügte sich nicht in diese Entbehrungen und Anstrengungen , um einen so ungewissen Zweck zu erreichen ; daß er nun erreicht habe , wonach er sonst fröhlich gestrebt hatte , ein ritterlicher Mann zu werden , das war ihm noch nicht so nahe und deutlich . Er brütete so in sich , wie er noch nie getan , forderte zuweilen Nachrichten von seinem Vater , der sich besserte , und schlief endlich ein , so tief , so fest , daß er erst erwachte , als die Sonne schon hoch am Himmel gestiegen . » Susanna « , rief er erwachend , » guten Morgen ! Schaff mir ein tüchtig Frühstück , denn gestern abend ist es mir zum erstenmal begegnet , daß ich das Abendbrot vergessen habe . « » Herr « , sprach sie , » von wem soll ich ' s Euch schaffen ? sie sind alle fort . « » Was ? Wer ? « » Ja , Herr ! es mochte Morgens zwei Uhr sein , da ward ein Gelaufe ; ich fragte , sie antworteten mir , der alte Herr befinde sich schlechter , sie müßten ihn fortbringen ; ich sah ihn vorbeitragen , weiß aber nicht , wohin sie ihn gebracht ; sie schlossen mich ein , und ich kann noch nicht heraus aus dieser Reihe von Zimmern . « Anton seufzte : » Gewiß ist mein Vater tut , oder sterbend ; so habe ich ihn gestern zum letzten Mal gehört und seine Leiden , aber nicht das Geheimnis vernommen , das ich bewahren soll . Wo werde ich die Kronenburg finden ? Wie werde ich erkannt werden ! - Alle Herrlichkeit ist mir wie durch Zauberei gezeigt , aber wie ich hingreifen möchte , so vergeht alles wie Luft . « Als Anton nun so traurig saß , sprach Susanna : » Lieber Herr , Ihr habt Euern Vater so wenig gekannt , daß Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen könnt ; sorgt für Euch , denn ich vermag es nicht , allein für Euch zu sorgen ; ich vermag nicht die Türen zu sprengen , die uns einschließen . « » Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit « , sagte Anton , » es ist uns ein Übergang , denn eigentlich schäm ich mich vor jedem traurigen Gesichte , das ich mache , und ich sage dir , du sollst mich noch bitten , daß ich weniger mutwillig sei . « Mühsam erholte sich Anton und schlich , von ihr gestützt , auf einem Fuße zur Tür , wo ein Druck von ihm das Schloß sprengte ; dann ging er zurück zu seinem Bette , und Susanna ging aus , im Hause nach Vorräten zu suchen . Sie blieb lange aus ; endlich kam sie mit kaltem Fleisch , Brot und Butter , auch Weinflaschen zurück ; sie war aber sehr bleich und sprach : » Herr , ich habe oft gehört von dem Schrecken großer Unglücksfälle , von Erdbeben , welche die Häuser zerstören und die Bewohner vertreiben , wie da so mancher Unglückliche von seinen sinkenden Glücksgütern niedergeschlagen wird ; das mag schrecklich sein , aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses , wo noch alles steht und liegt , als wohnten viele darin , und nirgends begegnet einem eine sichtbare Gestalt , in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt , aber nichts bewegt sich , als die verlassenen Lieblinge in den Kammern ; die Vögel in den Drahthäuschen schreien ängstlich nach Futter , das Rindvieh brüllt , den gewöhnlichen Weideplatz zu besuchen ; ich soll für alle sorgen , so glaube ich mir geboten , und kann mit keinem umgehen ; ich habe in der Stadt in unserm Hause nichts als Hunde und Katzen mit dem Küchenabfall gefüttert . « - » Liebes Kind « , sagte Anton , » gib ihnen die Freiheit , und ihnen ist allen geholfen , und jedes erhält das Seine vom Himmel aus gesäet ; nur uns mögen wir bedauern , denn alles was wir brauchen , bedarf menschlicher Vorbereitung , - doch keiner sorge für den andern Morgen ; setz dich zu mir , trink ein Glas auf deinen Schreck ; erst jetzt weiß ich recht , was mich so trübsinnig machte , mich hungerte ; mit dem ersten Bissen , mit dem ersten Trunke fühle ich mich glücklich wie ein König , und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater . « - » Herr , Ihr seid zu kühn « , sagte Susanna , » wer viel ertragen kann , dem wird viel aufgelegt , denn im Schweiße seines Angesichts soll jeder sein Brot essen . « - Susanna aber holte das kleine Eichhörnchen das sie ihm den Tag vorher gebracht hatte , aus dem Winkel , wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte , und fütterte es erst mit einigen Nüssen , die sie noch gefunden hatte , ehe sie sich zu dem Tische setzte . Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war , fragte Anton : » Sag , liebes Kind , wer wird mich nun verbinden ? « » Ach Herr « , sagte sie , » daran habe ich schon lange mit Sorge gedacht ; wir sind sehr unglücklich , doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben , Euch zu retten , ohne mich vor Euch zu schämen ; Ihr bindet mir die Augen zu und führet mir die Hände , daß ich die Wunde mit einem grünen Blatt und feurigen Gebete schließe . « Anton , dem ein Scherz einfiel , gab ihr recht in dieser Gesinnung , wartete bis sie ein Blatt geholt , verband ihr die Augen und führte dann ihre Hand auf seinen Mund , indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte ; sie senkte darauf ihren feinen , sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe , ihr Atem strömte in Gebeten wie ein Frühlingsregen über ihn ; darauf küßte sie dreimal die vermeinte Wunde , die sich so sanft anschloß , legte zwei grüne Rosenblätter im Kreuz darauf und verband den Kopf zitternd , aus Furcht ungeschickt zu werden , weil sie ihn für das Oberbein hielt , mit einem Tuche , dann kniete sie nieder , sprach noch ein stilles Gebet und wartete , bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm . Anton hätte gern gelacht , aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen , daß er ernstlich fürchtete , der Mund möchte zur Bestrafung seines Mutwillens zugeheilt sein und allen süßen Speisen verschlossen bleiben . Susanna war ganz versteinert , ihn mit verbundenem Kopfe zu erblicken , und zwar mit demselben rotgestreiften Tuche umwunden , das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte . Er machte ihr ängstliche Zeichen , diese Binde schnell abzunehmen , die sie aber nicht gleich verstand , sondern ihm besorgt den Kopf hielt . Endlich löste sie den Knoten , fand die beiden Rosenblätter auf seinem Munde und warf sich beschämt über sein Bett und verhüllte sich in der Decke . Anton brachte mit Mühe die Lippen auseinander , auch bluteten sie , so schnell hatte das Heilmittel sie an einander geheftet ; dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen , sie nicht noch einmal anzufahren ; jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig , daß er an keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden ließ . Die Linderung war augenblicklich , er dankte ihr freundlich und fragte sie , was er ihr als Gegengefälligkeit erweisen könnte ; sie sah vor sich nieder und bat ihn , da er jetzt Zeit und Farben habe , ihr sein Bild so klein gemalt zu geben , daß sie es zum Andenken immer bei sich tragen könne . Anton schwor ihr , daß er sich noch nie selbst gemalt und kaum wisse , wie er aussehe , sie möchte ihm indessen ein breites Gefäß mit Wasser bringen , er wolle sich gleich an die Arbeit machen . Susanna schaffe alles in großem Eifer schnell herbei . Anton sah sich im Wasser und mußte lachen ; seine großen Augen glänzten so herrlich , sein blonder Bart krauste sich so dicht und zierlich , sein ganzer Kopf hing voll schöner Locken ; das Bild gefiel ihm so wohl , daß er auf einem kleinen runden Holztäfelchen sein Bild ganz so wie im Spiegel eines hellen Wassers abbildete , durch seine Locken ließ er ein paar muntere Fische spielen , eine Taube saß an der Seite und trank aus dem Becken ; er malte so eifrig , der Einfall war ihm so neu , daß er über sich selbst verwundert war , wie geschickt und schnell er alles herausbrächte ; ja er meinte , daß ihm Susanna , die immer eifrig zusah , Farben reichte und Pinsel reinigte , ihm mit besonderen Gebeten beigestanden . Susanna war hingegen immer noch unzufrieden damit , sie fand , es sähe noch immer so tot , so starr und unbeweglich aus . Anton wußte nicht , was sie wollte , er hatte nie ein lebendigeres Bild weder gesehen noch selbst gemalt ; sie hätte gern ihn selbst wie das Eichhörnchen so mit sich geführt , lebend aber klein und ihr folgsam ; ihr steter Tadel kränkte endlich sogar seinen Künstlerstolz , so wenig er auch davon hatte ; er meinte doch richtiger über ein Bild urteilen zu können , als ein Mädchen , das noch kein einziges gutes Bild gesehen . Als sie ihm Abends , da es fast beendigt war , noch einmal sagte , die Augen hätten nicht das volle Feuer , rief er ungeduldig : » So fahr Gott und der Teufel mit allem Sonnen- und Höllenfeuer hinein ! Ich hab mich heiß genug dran gearbeitet ! « und warf den Pinsel gegen das Bild . Susanna tat einen Schrei , hob das gefallene Bild auf und rief : » Seht Herr , jetzt ist Feuer in den Augen ! « Anton sah hin und war verwundert , wie der Pinsel , der mit Weiß gefüllt war , so glücklich auf das eine Auge gefallen war , um ihm einen Ausdruck von Lebensfeuer zu geben , den er nie herauszubringen verstanden ; er brachte jetzt den Effekt mit Absicht im andern Auge hervor , glättete und reinigte in jenem , wo der Zufall oder Zuwurf es verdorben hatte , und Susanna sprach leise mit den Augen zu dem Bilde und bewegte fast unmerklich zu ihm die Hände . Anton fragte sie , was sie ihm zum Dank gebe ; sie sagte ihm beschämt , daß sie nichts habe . Er wünschte sich einen Kuß und meinte , sie müßte es erraten ; seine Lippen waren aufgesprungen seit dem Morgen und schmerzten ihn , er mochte sie nicht zum Kusse darbieten . In diesen Gedanken ließ er sich Wein bringen , er wollte den Wunsch ertränken , aber je mehr er trank , je mehr zog es ihn zu ihren Lippen , er konnte nicht schlafen . Susanna setzte sich neben seinem Bette auf einen Stuhl ; er sah sie in allen Beleuchtungen und malte sie schlafend ; das Werk fesselte ihn , und er malte , bis Phosphorus schon am Himmel glänzte und Susanna , die an seinem Bette gesessen , schlaftrunken über dasselbe hingesunken war . Da legte er den Pinsel nieder und sang : Ach Gott , wie tät mir gut Ein Kuß auf ihren Mund ! Die Lippe wär nicht wund , Ich wär auf meiner Hut , Ich wäre dann gesund Und ruhig lief mein Blut . Ach Gott , wie tät mir gut Ein Kuß auf ihren Mund ! Die Liebe wär dann aus , Ich wollte fleißig sein . Es fiel mir manches ein , Ich zöge dann nach Haus ; Mit tausend Gläsern Wein Löscht sich nicht Phosphor aus ; Er stehet überm Haus Und zündet Liebesschein . Er schaut der Erde Rand , Auf dem ihr Himmel liegt , Wie hat die Erd besiegt Der Nacht verschwiegne Hand ; Es schließt die Nebeldeck Sie beide traulich ein , Ganz still der Sterne Schein Zieht über sie hinweg . Ach Gott , so schließ mich ein In ihren Lippen dicht , Im lieblichen Gesicht Ist nichts so kühl und fein ; Ich brenne hell und licht , Erlösche mich darein ; Es kann nicht anders sein , Und ich versag mir ' s nicht . Bei diesen Worten küßte er sie ; Susanna sprang auf und wußte nicht , wie ihr geschehen ; sie schwor , daß sie Seger im Traume gesehen , der dem Vater Antons nachstellte . » Mein armer Vater ist tot « , sagte Anton , » ich habe wenig von ihm gewußt , als eine lange Geschichte , die er mir erzählt und die ich ihm nicht glaube , wenn er gleich darauf gestorben ; laß uns das Vergangene vergessen , ich bin nüchtern geworden , seit ich dich geküßt , und meine Lippen sind geheilt ; ich meine jetzt ruhig zu schlafen , und hast du bei Sonnenaufgang ausgeschlafen , so laß dein Bild für dich schlafen . « Susanna sah beschämt ihr Bild und sagte : » Nein Herr , so hübsch bin ich nicht . « » Hör Susanna « , sagte Anton schlaftrunken , » du tadelst heute zu viel meine Kunst , was verstehst du davon ? Du bist nur ein dummes kleines Mädchen , hast nichts Gemaltes gesehen , als deine Puppen und die Wirtshausschilder ; ich muß am besten wissen , wie du aussiehst . « Anton schlief bei diesen Worten ein ; der Wein hatte schon lange seine Zunge schwer gemacht und machte noch am Mittag , als er erwachte , seine Augenlider schwer . Er blinkte durch und sah mit Verwunderung , wie Susanna ihr schlafendes Bild mit Epheu , Lilien und Rosen umkränzt hatte und auf den Knieen davor lag und in großer Inbrunst betete ; er verstand nur einzelne Worte , sie aber betete zu sich : » O laß mich werden im Wachen wie du bist , heilig im Schlaf ; laß deine Engelträume mich schützen und mir gegenwärtig sein ; dir ist so wohl , mir ist so weh , was wird aus mir werden ? « - Anton hatte Scheu , sie aus dieser Andacht als ein Lauschender mit Spott zu erwecken , vielmehr bewegte er sich erst im Bette , daß sie sein Erwachen ahnen , sich aufraffen und zu ihm setzen konnte ; dann blieb er noch einige Minuten ruhig , ehe er sich aufrichtete und nach alter Gewohnheit , als wisse er von nichts , sein Frühstück begehrte . » Nun « , sagte er , » bist du noch nicht mit deinem Bilde zufrieden ? ich sehe , du hast es mit einem Blumenkranz umfaßt . « » Ach Herr « , sagte sie , » wenn das Bild nur mit mir zufrieden ist , ich habe solche Angst davor ; was ich tue und denke , immer meine ich , es möchte dadurch im Schlafe gestört werden ; ich habe eine große Angst , daß ich ihm nicht gut genug bin ; wie müßt Ihr herrlich sein , daß so etwas Eurer Hände Werk , weniger Stunden Fleiß ist . « Anton lachte : » Liebes Kind , wenn du so viel Schläge darum bekommen hättest wie ich , du maltest eben so gut , hast du denn gar nichts gelernt ? « - SUSANNA : » Ich war zu allem , was sie mir beibringen wollten , zu ungeschickt ; ich sollte singen , aber wenn es auch unter uns gegangen war , so blieben mir doch die Worte in der Kehle wie ein Vogel an der Leimrute stecken , wenn ich nun mit einem Kranze oder mit einem Becher heraustreten sollte , die Vorüberziehenden zu grüßen und in das Haus zu locken . « - ANTON : » Kannst du wohl vor mir singen , liebes Kind , Sing etwas , mir ist wüst im Kopfe von der närrischen Nacht . « - SUSANNA : » Wenn Euch mein Gesang nur gefallen wird , gern will ich ' s versuchen . « Sie ging hierauf im Zimmer umher , fing leise an , bald von Küssen , bald von Rittern zu singen , wie sie in dem Frauenhause unter üppigen Buhlenliedern aufgewachsen war , aber so leise , daß Anton kaum einzelne Worte hervorschimmern sah , denn kaum hatte sie eins ausgesprochen , so schämte sie sich davor . Erst dreizehn Sommer zählt die Kleine , Da strich sie durch den grünen Wald Und sang in seinem Dämmerscheine Ein Lied , das durch die Wipfel schallt . Und von den Wipfeln steigt es nieder Wie Sonnenstrahl , wie Morgentau , Es wird so eng ihr rotes Mieder Im Paradies der grünen Au . Ich trete leise auf die Strahlen , Die in dem Grase sich ergehn Und es mit Blumen lieblich malen ; Wird mir denn auch also geschehn ? Es ist ein Frühling wie noch keiner , Der Atem bebend mir beginnt ; Es sind die Blumen so viel kleiner Und sind doch alle hell gesinnt . O Frühlingsliebe , zarte Blume , Du süße Angst im reinen Sinn ; Im Busen , ihrem Heiligtume , Versteckt sie scheu ihr freies Kinn . Und als sie aufblickt , ist verklungen Das Lied im freudberauschten Wald , Sie fühlt sich fremd den frohen Zungen , Wovon ein jeder Baum erschallt . Anton hatte ihr selig zugesehen ; die Angst gab ihrer Stimme ein Leben der Vollendung , er streckte sich auf sein Bette und sang ihr nach : Dies Liedchen drängte sich zu Ohren , Die zärtlich lauschten in dem Gras , Dies Lied ist nimmermehr verloren , Wenn sie es gleich recht bald vergaß . In süßer Angst ist es geboren , Verstoßen in die Einsamkeit , Ich nahm es auf in meinen Ohren , In meines Herzens Sittsamkeit . Ich weiß es mir mit Lust zu deuten ; Es suchet , was es noch nicht kennt , Es suchet in den blauen Weiten , Was ihm so nah im Jagdschloß brennt . Fühlst du der Liebe Ahnung nimmer ? Im Dämmerschein , im grünen Wald , Da suchet dich der Liebe Schimmer , Und ihre Sonne scheint dir bald . » Wie meint Ihr das ? « fragte Susanna , und Anton stockte ; er wußte nicht , was er sprechen sollte , er hatte sich so in angenehmer Bequemlichkeit gehen lassen ; er sah sie jetzt verlegen an , sie wurde rot und ging zur Türe hinaus . Nach einiger Zeit kam sie ängstlich zur Tür herein : » Herr « , rief sie leise , » er ist da ! « » Wer ? « fragte Anton , » hast du einen Geist gesehen ? meines Vaters Geist ? « » Nein , der Seger « , sagte sie leise und legte den Finger auf die Lippen , » er hat das Vieh weggetrieben , Ihr könnt ihn noch sehen , da geht er am Walde . « Bei diesen Worten erwachte eine Wut in Anton , sich an diesem seinem Verderber zu rächen , der ihn der väterlichen Liebe entführt hatte ; er griff nach einem Jagdgewehre seines Vaters , das an der Wand hing , achtete nicht seines Übels , sprang ans Fenster , sah Segers hagere Gestalt deutlich bei der Herde und - schoß auf ihn ; im Augenblicke vergingen ihm die Sinne . Die Aufwallung war vorüber , er seufzte : » Es wird ihm sein Recht geschehen , aber ich wollte doch , es wäre alles nicht wahr ; es war doch Fabian , den ich hier in meiner Kindheit so oft mit Bewunderung betrachtet habe ; ohne den schändlichen Niklas , seinen Vater , hätte wohl etwas aus ihm werden können , das ist nun alles aus , sein Dasein mißt die Länge seines Leibes , und um mein Leben könnte ich ihn nicht wieder zum Reden und Gehen , zum Essen und Trinken bringen . « Susanna , die ihn also traurig sah , seiner eignen Schmerzen uneingedenk , nur den undankbaren Freund bejammernd , bat ihn , daß sie hinuntergehen und ihn ansehen dürfe , ob seine Wunde zu heilen ; Anton nickte mit dem Kopfe , sie öffnete die Tür und schrie erschrocken auf : » Jesus Maria ! « Seger stand draußen und trat herein , indem er sprach : » Anton , wir sind quitt , ich habe Euch entführt , Ihr habt auf mich schießen wollen ; wir haben nichts mehr gegen einander ; wir können jetzt manches mit einander tun , vor allem zechen . « » Aber sage mir Seger , sag mir mein Fabian , ich erkenne dich jetzt erst ganz wieder , wie hast du so vielfach gegen mich handeln können ? « » Nun , Ihr wißt alles schon « , sagte Seger , » ja seht , in früher Zeit mußte ich es auf Geheiß meines Vaters Niklas tun , den nun schon lange der Teufel geholt hat ; was ich zuletzt getan , das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg , und ich frag Euch selbst , ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann , als wär er ein Wetterhahn . « Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen , machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand : » Es ist gut , will weiter nicht daran denken ; es ist mir lieb , daß ich wieder einen habe , mit dem ich von alten Zeiten reden kann , von alten Späßen ; von meiner neuen gräflichen Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren . Wein her , Kurt ! Sagt mir nur , warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben ? « SEGER : » Ich brauchte Geld und jetzt haben wir ' s beide ; es kam gerade ein Schlächter vorbei , der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke Messer in der Scheide ; der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten , wie sein Hund zum Blutlecken , der hatte einen Jubel an all dem fetten Schafvieh . « - ANTON : » Mit den Schafen , das ärgert mich , es war so ein Angedenken aus meiner Jugend ; wenn das mein Vater noch erlebt hätte ! « - SEGER : » Es geht immer anders nach dem Tode , als die Alten meinen ; meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben , das hatte er mir befohlen ; nun hatte er sich niemals gewaschen , ich zog ihm also die Haut ab und ließ mir ein Paar Hosen daraus gerben , so war uns beiden gedient und geholfen . « - ANTON : » Pfui Teufel ! mit solchen Geschichten bleib mir vom Leibe . Wie ist dein Vater gestorben ? « SEGER : » Das wird Euch nicht sonderlich gefallen , ich hab ' s Euch ja damals erzählt , wie ich ihm den Tod zugeschworen ; das habe ich auch gehalten . « - ANTON : » Ihr seid ein erschrecklicher Mensch ! Ich weiß gar nicht , warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhören muß . « - Susanna brachte jetzt Wein in einer hölzernen Kanne , die mit verschiedenen farbigen Holzarten buntgewürfelt ausgelegt war . SEGER : » Bringst du auch einen Fingerhut mit ? Nein , das gilt nicht ; jetzt ziehen wir in den Keller , ich glaub , der Junge will sparen . « - ANTON : » Hör Susanna , du bringst uns wenig . « Susanna wurde rot und ging zur Tür hinaus ; Seger lachte mit hoher Stimme : » Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt ? das nenn ich rasch nach solchem Gesichterschneiden , Mundlecken , Herzdrücken und Tränenquetschen . « - ANTON : » Nichts davon , ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind nicht sonderlich sündlich berührt . « - SEGER : » Da seid Ihr ein Narr gewesen , so will ich ' s tun . « - ANTON : » Beim heiligen Sixtus , ich spalt Euch das Haupt , wo Ihr sie anrührt ; auch dürft Ihr nicht sagen , daß ich ihr Geschlecht verraten . « - SEGER : » Ihr seid verflucht herrisch , seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock Euch hinters Ohr geschrieben , denn auf der Stirn dürft Ihr das S doch nicht tragen , sonst lachen Euch die Leute aus ; weiß noch kein Mensch , ob an der ganzen Kronenburg etwas ist ; mein Vater meinte immer , es sei ein altes Loch von einem Bergschlosse , wo sie einen Schatz drin glaubten , den aber noch kein Mensch gesehen ; es ist so wie mit den Reliquien , hab mein Tage viel Geld damit verdient ; wo ich irgend einen alten Lumpen , ein Stück faul Holz , ein paar ausgedürrte Knochen am Schindanger finden kann , das schneide ich zu Reliquien , lege Zeugnis und alte Schrift bei ; die Leute sind so fromm und so dumm dabei , wie bei den echten . « Susanna brachte wieder Wein , aber der war schnell ausgetrunken . Seger schwor darauf , sie müßten in den Keller , bei dem Tragen verdufte die beste Kraft , nahm auch Anton halb auf seine Schulter , halb ging er , und brachte ihn mit Ächzen bis vor die Türe . Hier ließ sich Anton herunter und sagte , daß er wirklich schon allein gehen könne , besah die Wände und seufzte : » Seht Seger , in diesem Saale trug mich meine liebe Mutter oft Huckepack und sagte mir , sie sei ein Streitpferd und ich ein Ritter , wenn ich Abends nicht einschlafen wollte . « - » Meine Mutter sprach immer , ich sei ein schieler Spitzbube , wenn ich Abends nicht schlafen wollte , und wenn sie eins zu viel getrunken hatte , schlug sie mir dabei an die Ohren - das war mein Ritterschlag . « Sie kamen in den Keller , da lagen viele Fässer , aber wenig Wein ; endlich zeigte ihnen Susanna das letzte , worin der heimliche Gott noch wirkte . Anton war von