losem Schlaf Mißt mich mit großen Augen , Muß in die Händchen hauchen , Um klar zu sehn , was mich betraf . Dann springt sie von der Rasenbank Gar leicht auf meinen Rücken , Ich will mich boshaft bücken , Doch sie mir nicht vom Rücken sank . Sie singt mit hellem , hellem Ton : » So wandern wir nun alle Im hellen Morgenschalle Zu unsres Papstes goldnem Thron . Ich küsse sein Pantöffelein , Er bittet mich um Küsse , Damit er sicher wisse , Ob ich auch eine Christin rein . Wohlauf , wohlan mein Pegasus , Ich will dich schön umfassen , Sollst mich nicht fallen lassen , Nach Rom ich heut noch reiten muß . Es flieget neben uns die Welt , Die Wälder untertauchen , Von Flammen bunt sie rauchen , Als wär es heut für uns bestellt . « Sie singet wie das Morgenblau Aus allen tausend Orten , Sie weiß von keinen Worten , Doch spricht zu ihr die bunte Au . Uns hebt aus Süd ein süßer Duft Verspielt in ihren Haaren , Und aller Träume Scharen , Sie kommen mit der neuen Luft . Der Wald ist frei , der Abend mein , Leg dich ins Gras ganz schnelle Ein Brünnlein rieselt helle , Der Mond sieht sich so froh darein . Sie legt das Köpfchen in die Hand , Den bunten Beutel unter , Das Tamburin gar munter Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand . Hoch aus der Schellen hellem Blitz Sich drängt der Locken Fülle , Der Blumen heil ' ge Stille Bewacht sie auf dem sel ' gen Sitz . Da ist , da ist Italia , Ich fühl im Marmorbilde , Die Wangen weich und milde , Mein Liebchen ist Italia . Eilftes Kapitel Abreise der Fürstin nach Italien . Der Primaner wird ihr Schreiber Die kleine Tänzerin , die das Gedicht so artig mit schöner Bewegung und Stellung begleitete , hatte auch dessen Wirkung bestimmt ; vielleicht wäre es sonst wie alle übrigen vorgelesen und vergessen worden . Der Minister bemerkte die allgemeine Heiterkeit , die es verbreitet hatte , und sagte dem Kammerjunker einen sehr wohlbestimmten Dank . Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung , daß die beiden reisenden Fürstinnen ihr Herz über Italien ausschütteten ; sie kannten es , und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden , so weit es Frauen vergönnt , genossen ; sie beschrieben die Luft so ungemein hell , die Jahreszeiten so sanft verschmolzen in einander , die Peterskirche so glänzend , den Vesuv so sprühend ; sie ermunterten die Fürstin so beredt zur Reise , der Minister fügte so wohl gedachte Gründe hinzu , erzählte von seinen beiden Töchtern in der schönsten Gegend Siziliens , die es sich zur Pflicht machen würden , die Fürstin zu erheitern , daß der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt wurde . Den Regierenden ist es so leicht , über die gewöhnlichen Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen , daß sie in solchen Plänen gewöhnlich viel bestimmter auf die Ausführung rechnen können : so wurde Tag und Stunde der Rückkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu eingeladen . Mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute , wer die Fürstin begleiten sollte , zerschnitt sie , indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft , nur wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloß , um sich ganz in die fremde Welt einlassen zu müssen . Den fischköpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des Ministers als Schreiber in ihre Dienste , dem Kammerjunker und der Mamsell schenkte sie Ringe für ihre Bemühung , beide schienen nicht sehr zufrieden . Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die nötigen Vollmachten , Anordnungen und Pläne einzuhändigen ; die Schreiber hatten eine angestrengte Nacht . Als die Bürger ihre Laden öffneten , rollte die Fürstin in einem leichten Reisewagen durch die Gassen , ihre Kammerfrau neben ihr , ein Jäger und der Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze , der zugleich den Koffer sicherte ; sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen anbringen lassen . Viele verdrießliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schlosse nach , die armen Leute , die eben zur Arbeit gingen , beneideten das Glück jener , ruhig vor der Tür stehen zu können ; wer ist mit seinem Verhältnisse ganz zufrieden ? Niemand als ein Narr , denn einen Weisen , der das sagen könnte , hat noch niemand gefunden . Wir wünschten , die Fürstin hätte vor dem Antritte ihrer Reise eine Unterredung gehört , die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem Heimkehrenden belauscht habe . Reisefluch Der Heimkehrende Ach was treibt der Erde Söhne Sich zu suchen ferne Leiden ? Grüßen uns die schönsten Töne , Klagen sie ihr schnelles Scheiden , Und es schließet eine Stille Unsrer Hoffnung reiche Fülle . Der Ausreisende In der Fremde stehen Tische , Jungfrauen schwingen Rosenketten , Lieblich wehet da die Frische , Und wer möcht sich da nicht betten , Und wer bliebe wohl zu Hause Von dem festlich hohen Schmause ? Der Heimkehrende All ihr Wandrer , bleibt zu Hause , Denn ihr sucht , was nicht zu finden , Denn die Rose welkt beim Schmause Und die Dornen euch umwinden , Und zerreißt ihr nicht die andern , Müßt ihr selbst zerrissen wandern . Der Ausreisende Dennoch treibt ' s mich zu den Bergen , Aus der gleichen breiten Fläche , Mich der Sonne zu verbergen Und zu sehn den Quell der Bäche , Und den Demant aufzufinden , Der so selten in den Gründen . Der Heimkehrende Dort erstarrt der Liebe Atem , Demant wird die flüssige Quelle , Meinst du dann , du hast ' s erraten , Wo des Demanthauses Schwelle , Kommst vom Berge mit dem Eise , Es zerschmilzt in Tränen leise . Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen , welche beide Titel dieses Buches bezeichnen . Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben , als diese ernsten Betrachtungen , sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern auf Thronen sehr selten und immer nur das Notwendigste ; sie sah mit Lust und Aufmerksamkeit , aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft , nur ein Gespräch konnte sie zur Ausführlichkeit bringen . Von ihrem ersten Eintritte in Italien hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen ; der Brief wurde aber sehr kurz : sie erklärte darin , daß es eben das Herrlichste an ganz Italien sei , daß sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse ; die Reisebeschreiber jenes Landes , die man bis dahin als sehr lebendig bewundert , selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht , entweder zerfallen ihre Worte in lauter Flittern , die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten , oder sie werden so steif und ärmlich , als hätten sie statt des Landes eine plastische Landkarte , wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt werden , vor Augen gehabt . » Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme belebt , fallen mir hier zuweilen ein . « So schloß ihr Brief . Je mehr sie der göttlich verjüngenden Milde des Landes genoß , desto wunderlicher drängte sie das Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele , in der das Vorübergehende einen Widerschein gebe , sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der Töchter des Grafen zu finden ; darum eilte sie nach Sizilien , ungeachtet der Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte ; sein Tagebuch forderte beinahe schon einen Beiwagen . Es ist unmöglich , ergebener zu sein , als ihr dieser gute Junge anhing , jedes freundliche Wort , das sie ihm schenkte , lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse ; ihr reicher Geist wirkte ohne Absicht auf seine Ausbildung , doch müssen wir eingestehen , daß sie ihrem Alter zum Trotz so wohlerhalten frisch war , daß auch ihre Schönheit einigen Einfluß auf ihn haben mochte . Zwölftes Kapitel Ankunft der Fürstin und ihres Schreibers bei der Herzogin Die Fürstin überraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschäftigungen , und fand sich dadurch etwas beleidigt , daß sie in der regelmäßigen Ordnung ihres Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts stören ließ , vielmehr in ihrer Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte . » Nein « , sagte die Fürstin in sich , » so kalt anteillos , bloß mit dem Allgemeinen beschäftigt , soll meine Freundin nicht sein « , und ließ sich zu der Gräfin führen . Die Gräfin empfing sie sehr lebendig , freute sich ihrer daurenden Unveränderlichkeit ; die Fürstin meinte schon , ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknüpft zu haben , aber die Kinder schrien und tobten immer dazwischen , und die Gräfin verließ sie um keinen Preis . Sie wollte mit ihr über Musik und Kunstwerke sprechen , aber das wenige , was Dolores sonst davon gewußt , hatte sie über das Abc lernender Kinder ganz vergessen . Die Fürstin langeweilte sich . Endlich trat der Graf herein , heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel , frisch und fröhlich , wenn gleich über zwölf Jahre älter , als zu der Zeit , wo er Dolores gewonnen , aber durch die neuen lebendigen Tätigkeiten reichlich ausgebildet , gewandter , beredter , mitteilender und unternehmender . Die Fürstin fühlte eine besondre Angst bei seinem Anblicke , niemand war ihr je so herrlich erschienen , und dabei fühlte sie den Wunsch , ihm recht zu gefallen ; ihr fürstlicher Stolz verließ sie ganz . Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich in einen Freund ; sie fand das ihrer ganzen Natur angemessener , die sich nie mit den Weibern zu längerem Umgange einlassen konnte ; an Liebe dachte sie nicht entfernt . Der Graf hatte eine Freude von ihr über politische Ereignisse das wahre Gediegene zu hören ; ihre Urteile über Kunstwerke stimmten mit seinem Gefühle und er sagte es ihr offen , daß sie seinen häuslichen Kreis durch ihre Gegenwart hoch beglücken werde . Die Gräfin freute sich über den Beifall , den ihr Mann der Fürstin schenkte , sie kannte ihn , daß er nie schmeichle und daß er gegen manche Frauen sehr strenge gewesen , die ihr recht wohl gefallen . Die Fürstin schloß sich jetzt der Gräfin und den Kindern viel mehr an , sie wußte selbst nicht warum ; die Kinder hatten alle zu ihr ein mächtiges Zutrauen , und erzählten ihr kleine Märchen , von denen Sizilien sehr voll ist . Der Graf brachte sizilianische Sänger , von denen die Fürstin mit geübtem Ohre manches erlernte . Der erste Vormittag verging so schnell - wie die nächsten Tage , wo die Fürstin sich in einem Flügel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte . Der Schreiber ärgerte sich über dieses ruhige Leben im Schlosse , mehr aber , weil ihn die Fürstin über den Grafen ganz vergessen zu haben schien ; sein Tagebuch sah sie nicht weiter an , auch war hier weniger Eigentümliches zu bemerken , weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher übertragen hatten . Die Gräfin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen , seit die Fürstin in ihrer Mitte wohnte ; beide gaben ihm sonst nur im praktischen Geschäfte Gelegenheit , seine Talente zu entwickeln ; seine Freude an Künsten aller Art verschloß er bisher unwillkürlich in sich , weil er seinen Geschmack den Gesellschaften nie aufdrang , sondern fast immer die Unterhaltung nach der Sinnesart der andern einzurichten bemüht war . Eifersüchtig konnte die Gräfin auf die Fürstin nicht werden , denn sie ehrte sie wie eine Mutter , die sie auch sein konnte , auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes . Einem Manne , der so offen mit sich umging wie der Graf , war es keinen Augenblick verborgen , daß er eine lebendige Freundschaft zur Fürstin fühle ; gewohnt mit sich zu rechten , fragte er sich , ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores , und fand sein Verhältnis zu ihr so ganz ungestört , seine Neigung ganz ungeschwächt : er fand , daß ihm die Fürstin eine geistige Unterhaltung gewähre , die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermißt habe . Die arme Fürstin allein fühlte ihre weibliche Natur erwachen . Sie hatte wohl eigentlich nie geliebt ; der Zufall hatte ihre Hand verschenkt , und ihre Schwachheit wurde nachher von gewandten Männern , wie der Minister , überlistet ; sie war noch so ganz unberührt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl , mit ihrem ganzen Wesen zu lieben . Kaum konnte sie sich eines Tages halten , als sie den Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand , ihm nicht um den Hals zu fallen . Sie hielt sich , denn sie war immer in ihrer Gewalt , doch sie war auch jetzt ganz entschlossen , ihrer Leidenschaft zu gewähren , doch also , daß der Graf dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt würde ; sie hielt sich und ihn für hinlänglich ihr überlegen , um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken . Alles sehr wohl überlegt , nur war eins nicht berechnet , daß es einem Weibe sehr schwer wird , ihre Absichten einem Manne kund zu tun , der keine ähnliche hat , und daß die Liebe endlich über jede Überlegung hinaus steigen muß , weil eine hohe Natur sich am wenigsten so künstlichen Verhältnissen unterwerfen kann . Oft war sie ganz nahe , ihm alles zu bekennen , denn sie meinte , er verstehe sie schon ; da ergriff er plötzlich etwas so Fremdes , sprach so leidenschaftlich davon , daß sie es ihm bestreiten mußte . Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal : » Es ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe , daß uns in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhaßt sind , während uns dort selbst der Streit willkommen ist , weil er uns zu einem gemeinschaftlich Höheren zwingt ; die Liebe ist in sich zufrieden , die Freundschaft will immer mehr . « Der Fürstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen , sie suchte auf mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn für vertraulichere Verhältnisse darzutun , den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte . Sie dichtete einen Morgengruß , den sie ihm an einem schönen Morgen vorsang ; er mußte dabei eine Stimme übernehmen . Morgengruß SIE : Wonne , Wonne , still in Schauern Dich umfangen , frische Luft , Sinnend auf die Strahlen lauern Spielend durch den Morgenduft . ER : Sonne , Sonne , dich belauern Glühendrot im Morgenduft . SIE : Atmen , Atmen , nahend Leben , Wellen in dem Ährenstrom , Wie des Morgensterns Erheben Sich verliert im blauen Dom . ER : Wie der Lerche laut Erheben Sich verliert im blauen Dom . SIE : Flügel , Flügel der Gedanken Heben mich zur Sonnenpracht ; Wie die Ströme silbern ranken , Aus der Berge Mondennacht . ER : Enge sind des Mondes Schranken , Weit , o weit die Sonne lacht . SIE : Blumen , Blumen , stille Wesen , Fülle winkt im tiefen Grund , Ihr zu Flammen auserlesen Sinkt auf seinen roten Mund . ER : Nieder müde Blüten tauen , Einen Strauß von ihrer Brust , Durch die Gluten sie zu schauen , Wirft der Liebe Sonnenlust . SIE : Atmen , Atmen , nahes Leben , Bebend Herz im Blumenstaat , Wie zwei Schmetterlinge schweben , Mund auf Mund gelebet hat . ER : Wonne , Wonne , still in Schauern Dich umfangen , hell Gesicht , Sonne , Sonne , soll es dauern , Wie mein Auge taucht in Licht . Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch ; ganz mit der Dichtung und dem Gesange beschäftigt , lernte er alles ganz eifrig , und kaum hatte er beide Stimmen sich einstudiert , so beurlaubte er sich , um das Lied seiner Frau vorzusingen , und die Fürstin stieß mit dem Fuße gegen den Boden . Dolores fand es ungemein reizend , ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn . Die Fürstin sah ärgerlich nach dem Ätna , als der Graf so lange ausblieb . Ihre Gedanken gönnten ihr alle die Zärtlichkeiten , die er ihr versagte , und sie fuhr wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf , als der Schreiber ihr das Tagebuch vorzulegen ins Zimmer trat . Sie fertigte ihn schnell ab , setzte sich an ihren Tisch , und schrieb einen Nachtgruß so feurig , als hätte sie die schönste Nacht verlebt , und doch in einer Melancholie getränkt , als wär es die letzte . Nachtgruß ER : O deinem Atemzuge Horche ich feiernd leis , Er hebet mich im Fluge Über den Erdenkreis . SIE : Dein Atem sanft im Schlafe Tönt in die Saiten ein , Du sprichst aus mir im Schlafe Worte , sie sind nicht mein . O lieblich waches Schlafen Einzige einige Ruh In der Gedanken Hafen , Singe , ich höre zu . ER : Der Alp , der mich gedrücket , Fliehet vor deinem Klang , Sein Roß mich fern anblicket , Hörst du den Hufschlag bang ; Du hörst mein Herz nun schlagen , Bebt nicht die Erd entzückt , Sie soll dem Himmel sagen , Wie sie so hoch beglückt . SIE : Du hauchest kühles Feuer Nieder in meine Ruh , Viel tönt mein Busen freier , Schlafe und träume du . Ich schweb in deinen Träumen Schon in dem Morgenrot , Und säusle in den Bäumen Mitten im Feuertod . ER : Ja wie ein wilder Leue Nächtlich im Walde brüllt , Bewachet er die Treue , Die ihm den Schmerz gestillt : So ruf ich an die Erde , Die mir mein Haus verschlang , Daß sie am heil ' gen Herde Uns dann zugleich umfang . SIE : Nein stürz mich in den Becher , Glühend noch raucht der Berg , Und trink , du schöner Zecher Alles , was ich verberg . ER : Ach all , was birgt dein Auge , Alles , was birgt dein Herz ; Ich würde Himmel saugen Mitten im schönsten Schmerz . BEIDE : Nein dieser Stunde Feuer , Nimmer , o nimmer vergeht , Nein dieser Töne Feier Nimmer , o nimmer verweht . Wir leben ohn Besinnen , Sind wir wohl außer uns ? Die Tropfen Tau schon rinnen , Auf uns und über uns . Wir ruhen auf Silbersaiten Regend die Melodien ; Tanzend die Elfen schreiten Übers erwachende Grün . Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang , aber ihm gefielen nur einzelne Strophen ; das Austrinken des Vulkans , in den sich die Geliebte gestürzt , das , behauptete er , sei ganz ein nordisches Bild über Maß und Möglichkeit ; sie ließ es sich nicht ausreden . Sonderbar war es , daß in diesen Tagen eine Erderschütterung gespürt wurde , daß schon die Bewohner der Paläste zu den Bewohnern der Hütten flohen , doch hatte sie in der Gegend keine andre Einwirkung gehabt , als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum Vordringen zu bringen . Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses , welches die Aussicht über das Meer hatte , wurde die Fürstin veranlaßt , es sich zur Wohnung zu erbitten ; gerne gewährten ihr alle diesen Wunsch und sie wußte bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafür dankbar zu bezeigen . Sie beschäftigte alle Arten von Künstlern dabei und der Graf nahm so eifrigen Anteil an allem dem , daß die Herzogin mit Sorge manche Vernachlässigung ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte . Sie konnte ihm darüber nichts sagen , denn was er tat , war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite ; aber gewiß hätte er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemüßigt , wenn er in dem Tagebuche der Herzogin gelesen hätte : » ... Über tausend Bäume sind durch die Vergessenheit des Grafen , der die nötigen Arbeiter nicht herbeigeschafft , vor dem Einpflanzen verdorrt . Lieber Gott , wenn er nur die Hälfte der Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte , die darum ein ganzes Jahr länger auf die armen Wanderer und Pilger fallen , er müßte ja verschmachten ; darum verzeihe es ihm , gnädiger Gott . « - Der Graf wiegte sich in einen schönen Traum steter geistiger Mitteilung , Kunstübung , was ihm alles in dem Umgange der Fürstin werden sollte ; den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen , er fand hinter mancher Schulverdrehtheit viel Talent und Bemühung der schönsten Art ; er führte die Fürstin und ihn mit unermüdlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von Antiken und Abgüssen , von Musikalien und Naturprodukten , und bemerkte nicht dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Fürstin , die ihm oft sehr wunderbar mit spielte . So zerschmiß er einmal einen schönen Antinous im Vorzimmer , als der Graf mit der Fürstin lange allein gesessen ; und als sie von dem Falle erschreckt heraustraten , entschuldigte er demütig seine Ungeschicklichkeit , so daß niemand einen Argwohn hatte . Eines Morgens fand die Fürstin den Grafen in ihrem Vorzimmer , der ihr die Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete ; er hatte ein eigentümliches Talent , alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen , und änderte daher selten an der ersten Skizze . Die Fürstin zeichnete schöner , aber sie dichtete in die meisten Gegenden eine Menge Verschönerungen hinein . Auch hier nahm sie spielend einen Bleistift , lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde , auf den Grafen gelehnt , eine Ulme ; trieb den Stamm aus der Erde , und setzte leicht die Umrisse , aber die Äste ließ sie hervorgehen wie kühne Leidenschaften , die das Geblüt zu Laub heraustreiben ; da entstand das Dunkel , wo im Durchschauen des ersten und zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen , das Dunkel , wo die Vögel nisten . Sie arbeitete so eifrig , daß ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche Ostwind vorkam , der die leichten Zweige hebt und fallen läßt , daß die Schatten lustig auf dem Boden spielen , und da war ihr , als harrte sie des Grafen unter dem Baume und er säße in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei Blätter in den Busen fallen , und sie täte , als ob sie ihn nicht merke . Von dem allen stand nichts da ; der Baum war kaum angelegt und der Graf , der gerade an dieser Stelle arbeiten wollte , wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze aus , und sie mußte zusehen , wie er zerstört wurde , der alle ihre Zärtlichkeit trug . Der unglücklichen Frau wurde fast ohnmächtig ; der Baum war ihr lieb gewesen wie ein Erstling der Liebe , hundert Bäume konnten an der Stelle wieder gezeichnet werden , aber kein Baum wie dieser , der alle ihre Lust verbarg . » Was weiß ich denn von ihm « , dachte die Fürstin , » wenn er so gar nichts von mir weiß , daß er unbewußt das Liebste mir zerstören kann , bis auf die letzten widerstrebenden tiefsten Züge , die sich noch jammernd an das Papier legten ; es ist mein Geblüt , was noch in dem Stamme treibt . « - In diesem Augenblicke , noch ehe die Lücke wieder vollgezeichnet , rief Dolores den Grafen ; er eilte fort , und die Fürstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen Baum wieder an die Stelle und viel schöner und reicher an umschlingendem Weinlaube ausgestattet ; dann setzte sie sich an ihren Flügel , phantasierte wild umher und sang endlich mit entschlossener Stimme : Nur was ich liebe , das ist mein , Und kann nur immer meiner werden , Du weißt von nichts , du läßt mich ganz allein , Was ich in dir geliebt , das bleibt doch mein . Gehört dem Flügel dieser Ton , Den meine Finger traurig weckten ? Nein du bist mein , dir selber recht zum Hohn , Was ich in dir erweckt , gehört mir schon . Dein Haus ist mein , denn ach von dir Umschließt es so viel schöne Kinder ; Ist mein die Perle , so gehört auch mir Die Schale , deines Leibes schöne Zier . Ich geb die Seele , du bist mein , Du schöner Teufel mußt mir dienen , Hast mich verführt mit schönem Augenschein , Sei alles falsch und leer , du bist doch mein . Vielleicht war es in derselben Stunde , während die Fürstin so heftig zu ihrem Flügel sang , wo der Schreiber , ( den der Graf ein paarmal , um ihn zu witzigen , etwas scharf angesprochen , als er sich gar zu weise gemacht ) , nachdem er die ersten Wallungen seines Zornes überwunden hatte , mit einem beruhigenden Blicke seine Arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete ; sicher ist es , er machte an jenem Tage das folgende Sonett Mein Genius , du hast mir viel verliehen , Du kannst , was nie geahndet , mir erschließen , Wenn deine Blicke flüchtig mich begrüßen , Durch dich gedeiht mir jegliches Bemühen . O könnt ich dich mit meinem Arm umschließen , Daß du dich nimmer könntest mir entziehen , Daß meine Wangen nie von Scham erglühen , Verläßt mich Witz , wo andrer Witze fließen . Schaff mich gewiß und fest in allen meinen Kräften , Daß sie dem Augenblicke willig dienen So bin ich tüchtig jeglichen Geschäften . Gleich fern von Furcht und Frechheit in den Mienen , Laß mich die Blicke frei auf andre heften , Und aller Neid soll schwinden im Erkühnen . Wir überlassen es dem Urteile der Leser , ob sie lieber so wüten möchten wie jene , oder so ruhig überlegen wie dieser . Diese Überlegung , dieses ewige Betrachten , in dem sich sein ganzes Wesen verlor , während es sich recht tief zu erfassen meinte , war in seiner frühesten Zeit begründet . Er war einer der geschicktesten Schüler seiner Stadt ; zwar von armen Eltern , aber überall durch Fleiß ausgezeichnet . Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und strebte mit unaufhaltsamer Leidenschaft diesem seinem Muster in allem , sowohl in Kenntnissen als im Äußern gleich zu werden ; in diesem Streben hatte er dessen ganze Bibliothek durchgelesen , einige Bücher ausgenommen , die jener in einem besonderen Schranke aufbewahrte , und mit denen er sich zuweilen halbe Tage verschloß . Viele Monate hatte er gesonnen , wie er zu diesem Schatze gelangen könnte ; in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden , und von der Höhe allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgestürzt zu werden , versuchte er nacheinander alle Schlüssel , die er sich verschaffen konnte . Endlich an einem heißen Nachmittage , wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen losgebeten hatte , gelang es ihm mit einem Schlüssel , den ihm ein Dieb bei seiner Arretierung zugeworfen hatte , den geheimnisvollen Schrank zu öffnen ; mit klopfendem Herzen durchblätterte er ein kleines Büchlein , das einzige , was darin enthalten war . Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der lateinischen Sprache , und wie es erst der Verdruß kein Buch über geheimnisvolle Wissenschaften zu finden , aus seiner Hand geworfen , so hob er es bald wieder aus allgemeiner Neugierde auf , und der sinnliche Brand der Lust in dem Buche , der sich im tiefsten Verderben der Zeiten zu kühlen suchte , erweckte eine Seite in ihm , die bis dahin tief geschlummert hatte . Er las sich heiß an dem Buche , daß ihm der Atem verging ; ganz gegenwärtig umschwebten ihn alle schändlichen Lüste verwilderter Naturen , fast mit Gewalt mußte er sich losreißen , als der Lehrer kam , der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte . Mit Lügen wußte er sich durchzuhelfen , Lüge wurde sein ganzes Leben zu andern . Da er weder reich noch schön war , so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen ; da er den Ruhm des Fleißes und der Geschicklichkeit über alles liebte , konnte er auch nicht so viel Zeit jenen Gedanken , die ihn innerlich ergötzten , hingeben ; ja er machte sich schmerzliche Vorwürfe darüber , kaufte jeden sündigen Augenblick mit Stunden des Fleißes , strafte sich für jeden Gedanken : so kam er zu jenem ewigen Bewußtsein , das ihn in jeder selbst überlassenen Minute schreckhaft aufquälte ; für sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr , er schämte sich dessen . Je tiefer wir in uns versinken , Je näher dringen wir zur Hölle , Bald fühlen wir des Glutstroms Welle , Und müssen bald darin vertrinken ; Er zehrt das Fleisch von unserm Leibe , Und öde wird ' s im Zeitvertreibe , In uns ist Tod ! Die Welt ist Gott ! O Mensch , laß nicht vom Menschen los , Ist deine Sünde noch so groß Meid nur die Sehnsucht nach den Sünden , So kannst du noch viel Gnade finden ; Wer hat die Gnade noch ermessen ? Es kann der Mensch so viel vergessen ! Dreizehntes Kapitel Der Besuch der Obristin . Die Fürstin besteigt mit dem Grafen den Ätna . Nächtliche Verwechselung . Die Meerfahrt . Der Prinz von Palagonien . Die Mineraliensammlung . Johannes und Hyolda In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin , die sie nach Sizilien geführt hatte , sehr angenehm überrascht . Diese heitre alte Frau , die sich mit einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren ließ , trat auch gewissermaßen herrschend darin auf , da selbst die Herzogin aus Ehrfurcht gegen sie manche