der Grenze des Reichs . Sobald Calpurnia und mein Sohn , den ich mitbringe , sich in etwas von den Beschwerden einer schnellen Reise erholt haben werden , setzen wir sie ununterbrochen fort , und denken in wenig Tagen dir mündlich zu sagen , wie sehr wir Beide dich lieben und schätzen . Leb ' wohl ! 98. Agathokles an Constantin . Laureacum , im März 305 . Ein sehr verläßlicher Bote bringt dir diesen Brief , er enthält die näheren Angaben von Allem dem , was du zu wissen verlangst , und was dein Vater dir melden läßt . Alles ist bereit , der Legionen in Gallien , Spanien und Britannien bist du durch deinen Vater sicher , hier in Noricum , durch Pannonien und ganz Dacien ist so viel geschehen , als möglich war , und du wirst mit mir zufrieden seyn . Die Christen , die sich unter ihnen befinden , bindet Religion und gerechter Haß gegen ihren Verfolger Galerius an dich , die übrigen zieht das Beispiel der größern Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen muthigen Führer dir nach , dessen Heldenthaten die Fama von Carrhäs Gefilden , und aus den Gebirgen von Armenien bis hierher geschäftig trug . Sobald Diocletian den Purpur ablegt , und Maximian , wie es allgemein heißt , zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt , sind dein Vater und Galerius Augustus , und du der Sohn des abendländischen , sein geborner , berufener , würdiger Cäsar . Mag Galerius sich in den Morgenländern , oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger wählen , du hast ihn nicht zu fürchten . Der Geist der Zeit , der sich allmählig vom Heidenthume zu einer vernünftigen Religion hinüber neigt , ist auf deiner Seite , er kämpft mit deinen Schaaren , er zieht die Menschheit in dein Interesse , und vergebens stemmt die alte morsche Form sich das letzte Mal gegen die siegende Gewalt des bessern Neuen . Ja , er wird ausgeführt werden der schöne große Plan , den wir in stillen Stunden der Begeisterung entworfen ; stolz blickt mein Geist auf den Antheil hin , den meine Anstrengung , meine Thätigkeit daran hatte , und nichts - gar nichts auf der Welt würde mir zu kostbar seyn , um es nicht mit Freuden für die Sicherung desselben hinzugeben . Seit ich den edlen Florianus sterben sah , schwebt das Bild - nicht der Marterkrone im gewöhnlichen Sinn , wie es oft übelverstandner Eifer und falscher Religionsbegriff sich ausmalt - nein , eines freiwilligen Todes zum Besten der Menschheit , zur Sicherstellung und Ausführung eines großen , beglückenden Werkes mit schimmerndem Glanz vor meiner Seele . Wie ich meine Theophania liebe , was sie mir ist , weißt du , und was ein Sohn , vom ihr geboren , meinem Herzen seyn kann , welche Begriffe ich von meinen Vaterpflichten habe , kannst du dir denken , ohne daß ich nutzlose Worte verschwende . Mein ganzes Erdenglück ruht auf ihnen ; so lange ich sie besitze , bin ich sicher , in jeder Lage glücklich zu seyn , ohne sie ist keine Macht der Welt , keine Hoheit , keine Gewalt vermögend , mein Herz auch nur einen Augenblick zu rühren . Dennoch - ich habe mich geprüft , strenge , oft - in der Einsamkeit , und wenn ich sie in meinen Armen hielt - es gibt ein höheres , ein größeres Gut , um dessentwillen ich auch ihnen entsagen könnte ! Vielleicht traue ich mir zu viel zu , und fern sey der Frevel von mir , das Schicksal auf diesen blutigen Kampf herauszufordern ; aber ich glaube , ich würde Kraft haben , sie zu opfern , wenn ich mit Ueberzeugung die Nothwendigkeit davon einsähe . Ich glaube - aber ich bete , Constantin ! daß mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche Probe setze - mein Herz würde durch ihren Verlust eher brechen , als durch den Todesstreich . Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen , Theophaniens zarte Seele hat in jener Zeit , wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte , nur zu viel in der meinigen gelesen . Sie versteht mich so ganz , daß es keines Wortes , keiner noch so leisen Aeußerung bedarf , um Alles zu wissen , was in mir vorgeht . Ja , aus Einem Stoffe , aus denselben Fäden sind unsre Herzen gewoben , und keiner kann in dem Einen erschüttert werden , ohne daß sie alle in dem Andern mit beben . Das macht jetzt unser höchstes Glück , und macht vielleicht einst das Unglück desjenigen , dem die Vorsicht ein längeres Leben bestimmt . Du , mein Constantin , bist glücklich oder weise genug , nichts von diesen Gefühlen zu wissen . Zu einem andern Zwecke bestimmt , hat dich der Schöpfer mit andern Gaben ausgerüstet , auf einen andern Platz gestellt , den du würdig und allgemein beglückend behaupten wirst . Das ist mir entschieden gewiß , und so darf ich dir nichts empfehlen , als was eben größeren Gemüthern oft so nöthig ist , Vorsicht , und kluge Schätzung möglicher Gefahren . Sollte der Augustus den entscheidenden Schritt wirklich thun , dann bedenke , daß dein alter Feind unumschränkter Herr in jenen Gegenden wird , daß du sein erster , aber immer sein Unterthan bist , und was dem freisteht , der mit der höchsten Gewalt zügellose Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet , was dem Menschen theuer und heilig ist . Sichre dir eine schnelle Flucht , und bestimme über mich und Alles , was mein ist , zur Ausführung jedes deiner Plane . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern , wie denn überhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Ständen waren . 99. Constantin an Agathokles . Nikomedien , im März 305 . Es ist entschieden . Diocletian legt den Purpur ab . Was hier noch vorgefallen ist , um ihm diesen Entschluß , der vielleicht bei zunehmender Krankheit seit längerer Zeit in seiner Seele lag , so schnell , so plötzlich zu entreißen , vermag Niemand mit Gewißheit zu bestimmen . Galerius hat viele - lange , und öfters heftige Unterredungen mit ihm gehabt . Genug , der erste Mai ist zu dem feierlich ernsten verhängnißvollen Schauspiel bestimmt . Von allen Seiten zieht Neugier , Erwartung , Furcht und Hoffnung , Fremde und Einheimische in die Stadt . Auch der edle König von Armenien ist mit seiner Gemahlin von zwei Tagen hier angelangt . Sie ist , das sage ich dir im Vertrauen , und um dich zur nöthigen Stärke aufzufordern , falls noch ein Ueberrest alter Neigung in dir wohnt - schöner als je , besonders in der üppigen reichen Kleidung ihres neuen Vaterlandes . Er sieht mit Grund den Folgen des wichtigen Ereignisses nicht ohne Besorgniß entgegen . Was ist sich von der alten Zuneigung eines Mannes , wie Galerius , zu versprechen , der mehr als das Interesse eines Bundesgenossen , der das Wohl des eigenen Staats - seinen wilden Begierden zu opfern im Stande wäre ? Ich werde mich verwahren ; das habe ich längst als höchst nöthig erkannt , das hat deine treue Bruderliebe mir neuerdings an ' s Herz gelegt . Auch sind schon alle Anstalten getroffen . So wie Diocletian vom Throne steigt , und dem Galerius die Zügel übergibt - ist Nikomedien kein sicherer Aufenthalt mehr für mich . Du aber komm , komm schnell , du mußt Zeuge jenes Tags seyn , du mußt hier zurückbleiben , um für mich zu wirken , wenn meine persönliche Sicherheit mich des Galerius gefährliche Nähe fliehen heißt . Die beigeschlossene geheime Schrift enthält alle Maaßregeln , die du auf dem Wege hierher für mich zu treffen hast , damit ich denselben Pfad zurück bis nach Britannien sicher und schnell machen könne , wo ein geliebter Vater mir wichtige und würdige Geschäfte bereitet hat . Ich erwarte und bitte dich , in so kurzer Zeit , als möglich ist , mit Theophania und deinem Sohne den Weg von Laureacum bis hierher zu machen . Leb ' wohl . 100 . Theophania an Junia Marcella . Byzanz , im April 305 . Da bin ich wieder , im Angesichte des theuern Vaterlandes . Gegen mir über liegt die Küste von Bithynien . Bald , in wenig Stunden werde ich sie betreten , und ein geheimer Schauder ergreift mich bei dem Gedanken an Alles das , was ich dort schon erfahren habe , was ich vielleicht noch zu erfahren haben werde . Warum kann ich mich nicht freuen ? Warum erfüllt , was ich von der nächsten Zukunft weiß , die Abdankung des Diocletians , Constantins Maaßregeln , seine hochfliegenden kühnen Plane mein Herz mit geheimer Angst ? Ach , Agathokles und sein Wohl , und so auch das meine sind zu tief , zu innig mit Allem diesem verwebt , um mir einen freien , frohen Blick in die wildverworrene Ferne zu gestatten . Dunkle Gestalten regen sich im Hintergrunde , wilde Leidenschaften gähren sich in grauenvoller Stille , und nur das Auge , vor dem die Nächte sonnenhell , und tausend Jahre wie einer unserer Tage sind , weiß , wie sich diese düstere Zukunft entwickeln wird . Ach wie glücklich war ich in Synthium ! Warum konnte ich es nicht lange , nicht immer bleiben ? Ich erkenne die Würdigkeit des Zweckes , den Constantin und Agathokles sich vorsetzen , ich muß ihre Anstrengungen loben , ihre Maaßregeln billigen , aber ich fürchte , mein stilles Glück geht in dem großen Kampf gewaltiger Massen unter . So werde ich Nikomedien nicht mit fröhlichem Herzen wiedersehen , und unter trüben Vorbedeutungen naht sich mir zum zweiten Mal der Zeitpunkt , der jedem Weibe so wichtig ist , der jedes Mal über Leben und Tod entscheiden kann . Sollte ich dies Mal minder glücklich seyn , als das erste Mal ? Sollte das neugeborne , und das noch kaum lallende Kind mutterlose Waisen werden ? - O die Trennung von ihnen und Agathokles ist das Einzige , was mir jenen düstern Uebergang schrecklich machen könnte . Ich kann hier nicht glücklich seyn ohne sie - wie könnte ich dort der Seligkeit genießen ? Und wenn Gott über mich gebeut - mit schaudernder Ergebung unterwerfe ich mich - dann sey du meinen Verlassenen Mutter , bis ihre reifern Jahre sie zu keiner unerträglichen Last mehr für ihren theuren , unglücklichen Vater machen . Ich werde ruhiger sterben , wenn diese Aussicht mir die Trennung von meinen Lieben versüßt , ich werde mit dem Gefühl erfüllter Pflicht sterben , mit dem der Krieger im Schlachtfeld fällt . Ich sterbe in und wegen meiner Pflicht . So wenigstens erscheint mir der Tod eines Weibes über der Geburt eines neuen Menschen , eines Weltbürgers , eines künftigen Christen . Leb ' recht wohl , meine Geliebte ! Aus Nikomedien schreibe ich dir nächstens , und ausführlicher . Unsere Reise gleicht diesmal einem Fluge , und schon kömmt man , mich zu ermahnen , weil das Schiff , das uns an ' s bithynische Ufer bringen soll , die Segel lösen will . Leb ' wohl ! 101 . Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nikomedien , im April 305 . Die Würfel liegen , die Hand des Zufalls greift nach der Scheere , um das letzte Haar abzuschneiden , welche das bloße Schwert über den wichtigsten von Galerius Feinden aufgehoben hält . Doch ohne Bilder , mein Freund ! denn ich liebe sie nicht , weil sie mich unbequem dünken , meine Gedanken , die nichts als klare Wahrnehmungen enthalten , auszudrücken . Im vergangnen Monat hat sich der kaum hergestellte Kaiser dem Volke zum ersten Mal wieder gezeigt , und wer ihn lange nicht sah , hatte Mühe , ihn wieder zu erkennen . Seine Gesundheit ist ganz zerrüttet , seine Kraft gebrochen , dieser Schatten des ehemaligen Diocletians taugt nicht mehr zu dem Geschäfte , das einen starken Arm und ungeschwächten Muth fordert . Er fühlt es , oder ist klug genug zu thun , als fühle er ' s , und - legt die Regierung nieder . Die Welt wird das lächerlich ernste Schauspiel als eine Wirkung hoher Philosophie , einer ruhmwürdigen Gleichgültigkeit gegen die höchsten Güter der Erde anstaunen , die Klugen werden insgeheim lachen oder fürchten , je nachdem sie zu einer Partei gehören , und Galerius allein gewinnt , denn seine Plane sind ausgeführt , und das still bereitete Werk mancher Jahre ist nun reif . Maximian wird mit Diocletian zugleich den Purpur ablegen , Constantius ist nicht zu fürchten , so bleibt Galerius die Herrschaft über die Welt so ziemlich sicher und allein , wenn Einer , nur Einer noch aus dem Wege geräumt ist , den seine Geburt , und mehr noch als diese , ein unternehmender Ehrgeiz zu einem fürchterlichen Nebenbuhler machen , obwohl er bis jetzt seine Plane und Ansprüche unter dem Schein vollkommener Ruhe und Gleichgültigkeit verbirgt . Er ist sein , doch gibt es Menschen , die ihn durchschauen , denn was hätte nicht schon Gold und Bestechung geoffenbart und bewirkt ! Er muß fallen , wenn Galerius sicher seyn soll - er wird fallen , denn er ist in der Hand seines Feindes , und dieser Feind ist in wenig Tagen unumschränkter Herr der Erde . Das ist er klug genug , selber zu berechnen , und darum hat er seine Anstalten sehr zweckmäßig gemacht . Jetzt , mein Freund ! ist es für dich Zeit zu wirken , und deinen bescheidnen Theil an dem großen Plane zu nehmen . Wir wissen , daß in Chalcedon Anstalten zur heimlichem Abreise , oder vielmehr zur Flucht einer bedeutenden Person gemacht werden ; es ist ein Schiff bereit , und in dem Hause eines gewissen Clemens , bei welchem sich seit jenem Edicte die Christen zuweilen versammeln , sind Vorkehrungen zu ihrem Empfange getroffen . Ueberdies wissen wir , daß in Constantius Ställen beständig gezäumte Pferde stehen . Wenn es Zeit seyn wird , soll ein fliegender Bote dich benachrichtigen . Du als Präfect von Chalcedon umringst mit deiner Wache das Haus , in welchem gesetzwidrige Versammlungen gehalten werden , und was sich darin befindet , ist dein Gefangener . Du erstaunst über die Bedeutenheit der Person , von deren Anwesenheit du keine Ahnung gehabt hast , und wenn er entlassen zu werden fordert , so entschuldigst du dich mit der Strenge deines Befehls , und der Sonderbarkeit des Falles . Du versprichst in aller Demuth , sogleich nach Nikomedien zu schreiben , thust es auch , und für das Uebrige laß uns hier sorgen . Er soll Britannien , ja die Küste von Europa nie wieder sehen . Nun leb ' wohl , mache deine Sachen geschickt , und rechne auf die Dankbarkeit des künftigen Augustus . 102 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Das große Schauspiel ist vorüber , auf welches die Welt seit ein paar Monaten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit wartete . Heute Morgens waren die Einwohner von Nikomedien , viele Fremde , die die Neugier oder Privatabsichten hierher gezogen haben , der ganze Hof , die Priester , die öffentlichen Autoritäten , Alles in größtem Schmucke auf einer weiten Ebene vor der Stadt versammelt . Für die Augusta , des Cäsars Gemahlin , ihre Tochter , mich und einige angesehene Matronen war ein eigner Ort bestimmt , wo wir unbelästigt von dem Gedränge zusehen konnten . Das Erste , was mir hier in die Augen fiel , war Theophania , und an ihrer Seite ein sehr schönes , aber blasses Mädchen , Diocletians neue Tochter Valeria . Wir begrüßten uns als alte Bekannte , sie war erst vor ein paar Tagen aus den Abendländern hier angekommen , und eben so wie ich mit dem , was heute geschehen sollte , angelegentlich beschäftigt . Nur nahm sie nach ihrer Weise die Sache sehr ernsthaft , und schien eine böse Zukunft zu fürchten . Uebrigens ist sie , das sieht man in jedem ihrer Blicke , in jedem Worte , noch unaussprechlich glücklich , sie hat einen Sohn von ungefähr anderthalb Jahren , und sieht der Ankunft eines zweiten Kindes entgegen . Indessen wir schwatzten , kam der Wagen des Augustus langsam von der Stadt herab gefahren , von einer Menge Männer zu Pferde begleitet . Galerius , Tiridates , Constantin und Agathokles waren unter ihnen . Ich hatte diesen seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen , ich bin verheirathet nach meinem Wunsche , mit einem würdigen Gemahl - warum klopfte mein Herz dennoch , als ich ihn von seinem muthigen Rosse , das sich unter ihm bäumte , abspringen , und in der schimmernden Rüstung stolz und ernst seinen angewiesenen Platz einnehmen sah ? Seltsame Bewegung , wunderbarer Zug des Herzens , dessen ich nie ganz mächtig werden kann . Jetzt war der Wagen des Augustus an der Tribüne angekommen , die für ihn bereitet war . Von zwei Personen unterstützt , stieg er mühsam die wenigen Stufen hinan , und hielt eine wohl ausgesonnene , und wie mir schien , künstlich geordnete Rede an ' s Volk ; er erinnerte es an die mancherlei Wohlthaten , die es in der langen Zeit seiner Regierung genossen hatte , an die gewonnenen Schlachten , den Triumph über die Perser u.s.w. Er hielt öfters inne , ob aus Schwäche , oder um zu sehen , welche Wirkung seine Rede machen würde , weiß ich nicht . Sie machte keine , oder wenigstens nicht die , die er vielleicht erwartet hatte . Keine Stimme erhob sich , ihm zu danken , kein Mensch schien an dem Vorgange ein anderes Interesse als das der Neugier zu haben . Endlich kam er auf seinen jetzigen Zustand , und die Unmöglichkeit , mit so geschwächten Kräften länger die große Last der Staatsverwaltung zu tragen , er kündigte seinen Entschluß an , sich dieser Bürde zu entziehen , und das Ruder des Staates jüngeren , stärkeren Händen anzuvertrauen . Er hielt von Neuem inne - es regte sich Niemand . Da rief er den Cäsar Galerius zu sich , stellte ihn dem Volke als den künftigen Augustus vor , zog den Purpur aus , mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete , und verließ die Tribüne . Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen , von dem man nicht recht wußte , ob es der Abdankung des alten , oder der Wahl des neuen Augustus gelte . Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein , dieser stieg mit seiner Tochter in den Wagen , und fuhr schnell in die Stadt zurück , wo bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist . So endigte die große Komödie , und ich muß dir bekennen , daß sie meine Achtung für das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat . Ueberhaupt habe ich , seit der Zufall mich zur Gattin eines Königs machte , in dieser Rücksicht widerliche Erfahrungen gemacht , und meine kalte , nüchterne Ansicht der Welt ist noch viel kälter geworden . Wie armselig sind die meisten Menschen ! An was für elenden Faden werden sie gezogen ! Wäre ich vielleicht nicht glücklicher gewesen , wenn ich das nie erkannt hätte ? Es gibt doch menschliche Verhältnisse , wo die Verächtlichkeit des Geschlechts sich nicht so unverhüllt zeigt , wie an Höfen , wo vielleicht bei wenigeren Anlockungen auch weniger Böses geschieht , und unversucht sich stille Tugenden entwickeln . Ein solches Loos hätte einst mein werden können , wenn nicht ein neidisches Schicksal mich tückisch verfolgt hätte . Ich bin nicht unglücklich , aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten , zuweilen ihren welken Blumenkranz neben meine schimmernde Thiare zu legen , und verborgner Schmerz im Innersten meiner Seele löst sich dann in einen Seufzer auf . 103 . Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Nun ist der wichtige Schritt geschehen . Gestern Morgens hat Diocletian auf eine sehr feierliche Art der Regierung entsagt , und den Purpur an Galerius übergeben , und diese Nacht ist Constantin von hier fort . Eher war es nicht möglich , ohne auffallend Verdacht zu erregen , und morgen möchte es vielleicht nicht mehr möglich seyn , weil Galerius bereits Schritte gethan hat , um sich seiner Person zu versichern . Um die Rechtmäßigkeit selbst , um den Vorwand zu dieser empörenden Greuelthat kümmert sich ein Augustus , wie der , nicht , und die Geschichte liefert genug Beispiele solcher Thaten , wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen können . Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmäßig getroffen , und ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon , der mir die Nachricht bringen soll , daß er das Schiff bestiegen hat . Von Byzanz aus ist sodann Alles geheim bereitet . Nichts wird seine Reise aufhalten , er kann ungehindert bis nach Lutetien1 , oder nach Eboracum gelangen , wo immer er seinen Vater zu treffen hofft , und dieser wird als Augustus den Sohn zum Cäsar ernennen . So ist dann die nothwendige erste Stufe erstiegen , und das Künftige wird Klugheit und Glück sichern . Am andern Tage . Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zurück . Dreißig tödtlich lange Stunden sind vorüber , er könnte längst da seyn . Meine Brust ist voll banger Unruhe , und trübe Ahnungen sinken , wie Mitternächte , über meinen Geist herab . Was ist geschehen ? Was haben wir zu fürchten ? Ich sende den Brief nicht ab , bis ich dir etwas Bestimmtes sagen kann . Gott gebe , daß es nichts Schlimmes ist . Fußnoten 1 Lutetiä , das heutige Paris . 104 . Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nikomedien , im Mai 305 . Der Vogel geht in die Schlinge . Nun ist es an dir , sie geschickt zuzuziehen . Der Bote , der dir diesen Brief bringt , ist um einige Stunden vor Constantin voraus . Er bildet sich ein , den Augustus überlistet zu haben , und wir lassen ihm die Freude , sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergötzen . Einige Drohungen , und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius , ihn mit Gewalt hier zu behalten , haben seinen Entschluß bestimmt . Du ergreifst ihn , und schickest ihn unter starker Bedeckung , und unter dem strengsten Geheimniß zurück ; denn das Volk liebt ihn , und die Armee hängt an ihm . Leb ' wohl . 105 . Theophania an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Einschluß in dem hundert und dritten Briefe . Alles ist verloren , Phocion ! Was wird aus uns , was wird aus meinem Gemahl , meinen Kindern werden ? Constantin ist in Chalcedon ergriffen , und vor einer Stunde gefesselt , und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zurück gebracht worden . Ein vertrauter Sclave brachte Agathokles diese Nachricht . Ich sah ihn erbleichen , zittern , ohne Laut , ohne Antwort auf alle meine Fragen riß er sich von mir los , und ging auf sein Zimmer . In einer halben Stunde ungefähr kam er verstört und todtenbleich zurück , drückte mich und sein Kind heftig , fast schreiend an seine Brust , und trug mir auf , den Brief zu schliessen , und dir zu melden , was vorgefallen ist . Kein Bitten , kein Fragen hielt ihn auf . O mein Gott , was soll das bedeuten ! Ich thue , was er mir befahl ; aber meine Hand zittert , indem ich den Brief schließe . 106 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Welche unerhörte Sachen geschehen hier ! Es ist , als ob man sich den Mauern dieser unseligen Stadt nur nähern dürfte , um sogleich in den Strudel der Verwirrung , der Angst und Qual gezogen zu werden , der den größten Theil der Einwoher immerwährend mit sich fortreißt . Ach , Bruder , mein Herz hat richtig geahnet , und richtig empfunden , als es beim ersten Anblick des unvergeßlichen Freundes stärker als je bei eines andern Mannes Anblick schlug ! Was habe ich um seinetwillen schon gelitten ! Was werde ich noch zu leiden haben ! Der Streit zwischen Constantin und Galerius ist offenbar ausgebrochen - dieser hat Jenem , wie man sagt , nach dem Leben gestrebt . Constantin ist hierauf entflohen , aber in Chalcedon ergriffen , und wieder nach Nikomedien gebracht worden , und Galerius hat einen lauten Schwur gethan , ihn öffentlich hinrichten zu lassen . So standen die Sachen gestern . Agathokles hört diese Nachricht - er erkennt die Gefahr seines Freundes , und reißt sich aus den Armen eines geliebten Weibes , aus dem Schooße des häuslichen Glückes , besticht die Wachen , die den Constantin lieben , und ohnedies den verehrten Feldherrn unwillig in dem schmählichen Gefängnisse und zum Tode bestimmt sahen , und beredet diesen , an seiner Statt und in seinen Kleidern den Kerker zu verlassen , indem er sich für ihn dem Tode weiht . Constantin nimmt das ungeheure Opfer an , entflieht , und ist jetzt schon vielleicht in Byzanz . Galerius wüthet über den Betrug , der ihm gespielt wurde , und hat öffentlich erklärt , daß kein Mensch bei Lebensstrafe sich erkühnen dürfe , auch nur ein Wort für Agathokles Leben zu sprechen , den er jetzt noch ärger als Constantin haßt , und zu verderben geschworen hat ; und der schändliche Marcius Alpinus unterläßt nichts , was in seiner Macht steht , um die alte Nache am Agathokles zu kühlen . So wird der edelste Sterbliche , den ich je gekannt , ein Opfer seiner überspannten Begriffe , und der Bosheit niedriger Menschen , und es übrigt kein Strahl von Hoffnung , um ihn zu retten . Vorgestern noch war er bei mir , so fröhlich , so heiter , daß unwillkührlich die schönen Stunden in Rom vor meine Seele zurückkehrten - und heute ? Tiridates war der erste , der die Schreckensbotschaft hörte . Agathokles fand die Möglichkeit , einen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu senden , und ihm sein Weib , seine Kinder zu empfehlen . Ich habe Tiridates nie liebenswürder gesehen , als in dem Augenblick , wo er tief erschüttert und mit Thränen mir die Gefahr seines Freundes ankündigte , und mich bat , die unglückliche Frau auf die schreckliche Nachricht vorzubereiten , und sie in ihrem Schmerz nicht zu verlassen . Ich fiel ihm weinend um den Hals , und wir gelobten uns mit Thränen , Alles zu thun , was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglücklichen Paares in unserer Macht stand . Ich ließ mich sogleich zu Theophanien führen . Ich fand sie in unbeschreiblicher Angst ; denn Agathokles war vor mehreren Stunden fortgegangen , ohne daß sie wußte , wohin - aber in einer Fassung , die sie Alles fürchten ließ . Langsam und nach und nach ließ ich sie mehr errathen als hören , was geschehen war , und nun fing sie heftig an zu zittern , eine Todtenblässe überzog ihr Gesicht , und sie sank leblos von dem Stuhle herab . Es brauchte mehr als eine Stunde Zeit , bis sie wieder ein Zeichen des Lebens gab , dann aber wechselten Ohnmacht und halber Wahnsinn mit einander ab , und in diesem bedauernswürdigen Zustande ist sie noch . Die Aerzte fürchten sehr für ihr Leben , besonders wenn die erschütterte Natur den Zeitpunkt , der ihr nahe bevorsteht , beschleunigen sollte . Ich habe mir vorgenommen , sie nicht zu verlassen , und werde es halten ; es ist vielleicht der letzte Beweis wahrer , treuer Freundschaft , den ich meinem verlornen Freunde geben kann . Leb ' wohl . 107 . Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Kerkermauern umschließen mich , ein matter Lichtstrahl fällt von oben herab durch das Gegitter , und beleuchtet sparsam den Brief - vielleicht den letzten , den ich an den treuesten ältesten Freund auf dieser Erde schreibe . An mein Weib , habe ich gestern geschrieben . Sie und mein Kind - bald vielleicht meine Kinder ! - sind die einzigen Gegenstände , die ich mit Schmerz verlasse , aber o mit welchem Schmerz ! Das weiß nur der , der dies Herz so weich , so empfindlich für das unaussprechliche Glück der Liebe gebildet hat , der es ihm in vollem Maaße zu genießen gab , und es jetzt mit strengem Ernst von demselben abruft ! Sein Wille geschehe ! Ich habe gethan , was meine Pflicht gebot . Kein Zweifel , keine Unruhe kommt in meine Seele . Da war nicht zu wählen , nicht anzustehen . Jede Stimme , selbst die der Liebe mußte verstummen . Es blieb kein Ausweg . Er oder ich ! Fiel Constantin , so war alle Aussicht für die Verbesserung , die Rettung der Menschheit verloren , jede Hoffnung im Keim zerstört . Der wüthende Galerius behielt den Erdkreis in seinen blutigen Händen , das Christenthum würde , wo nicht vertilgt , doch jede seiner Segnungen vielleicht auf Jahrhunderte hinaus vernichtet seyn . Und was verlor die Welt an mir ? Zwar weiß ich , daß Theophaniens Herz brechen wird - aber es wird mit meinem brechen , wir werden uns wiedersehen ! Zwei gebrochene Herzen , zwei Sterbende - für einen geretteten Erdkreis ! Ich verließ mein Weib , ohne ihr zu sagen , was ich vorhatte . Ganz wußte ich ' s in diesem Augenblicke selbst nicht , aber ich ahnete , daß mir ein großer Schritt bevorstand , und Alles auf einen schnellen Entschluß ankam . Ich traf alle Anstalten , um eine zweite Flucht Constantins zu sichern , dann öffnete mir mein Gold den Weg zu ihm . Ich fand