wund gebiert ; aber der geweinte Diamant wird endlich weich , das Auge sieht sich um nach ihm , und er ist der Tau in einer Blume . Zweiter Blick ' in die Höhle , wo kleine stumme Zähren den Glanz des Himmels und die Tempelsäulen der Erde spielend nachschaffen . Auch deine Tränen und Schmerzen , o Mensch , werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler . Vult antwortete darauf : » Mündlich das übrige , Lieber ! Wie mich unser so wacker gefödertes Schreiben freut , weißt Du besser als ich selber . « - » So hol ' ihn der Henker « , sagte Walt , » ich habe mehr eingebüßt als er , denn ich lieb ' ihn ganz anders . « Er war nun so unglücklich , als es die Liebe auf der Erde sein kann . Er webte - ganz entblößt von Menschen und Geschäften - seinen Roman fort , als das einzige dünne leichte Band , das sich noch aus seiner Stube in die brüderliche spannen ließ . An einem Abende , als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und lösend schien , bedacht ' er , ob es denn nicht schicklich sei , ordentlich Abschied zu nehmen . Er schrieb folgendes Briefchen : » Empfange mich nicht Übel , wenn ich diesen Abend um 7 Uhr komme . Wahrlich , ich nehme nur Abschied ; alles wird auf der Erde ohne Abschied auseinandergestürmt ; aber der Mensch nimmt seinen von einem Menschen , wenn er kann , wenn kein Meer-Sturm , wenn kein Erdbeben die Seelen-Nächsten plötzlich zerwirft . Sei wie ich , Vult ; ich will Dich nur wiedersehen und dann nicht länger . Antworte nur aber nicht ; weil ich mich fürchte . « Er bekam auch keine Antwort und wurde noch furchtsamer und trauriger . Er ging abends , aber ihm war , als sei der Abschied schon vorbei . In Vults Stube war Licht . Welche Bürde trug er die Treppe hinauf , nicht um sie oben abzuladen , sondern zu verdoppeln ! Aber niemand sagte : komm herein ! Das Zimmer war ausgeleert , die Kammertüre offen - auf einem Stalleuchter wollte ein sterbendes Licht verscheiden - die Bettstelle beherbergte , gleich einer Scheune , nur fatales Stroh - verzettelte Papier-Späne , Brief-Umschläge , zerschnittene Flöten-Arien bildeten den Bodensatz verlaufener Tage - es war das Gebeinhaus oder Gebeinzimmer eines Menschen . Walt dachte im ersten Unsinn des Schreckens , Vult könne , wenn nicht damals , doch später , im Wasser gelegen sein , und griff alle Papier-Reliquien mit groß tropfenden Augen halb unbewußt zusammen . Auf einmal rief die baßstimmige Frau des Theaterschneiders herauf , wer droben umtrabe . » Harnisch « , versetzt ' er . Da fuhr sie die Treppe herauf und schalt : das sei Harnischens Stimme nicht . Als sie ihn gar im Finstern sah - denn er hatte das sterbende Licht getötet , weil jede Nacht besser ist , so wie der Tod besser als Sterben - , so mußt ' er sich mit der Theaterschneiderin in ein anzügliches Hand- , nämlich Wortgemenge über seine Diebs-Tendenzen einlassen und zuletzt über sein Lügen . Denn er hatte sich in der Eile für Vults dasigen Bruder ausgegeben und doch gefragt , wohin Vult gekommen sei . Verworren und gescholten wanderte er seiner Stube zu und schlich auf den Treppen voll Lichter und Leute - der Hofagent gab einen tanzenden Tee - gebückt hinauf . Da fand er sein Zimmer aufgetan und einen Mann darin mit Hämmern arbeitend , um sich gut einzurichten in seiner neuen Wohnung . Es war Vult . » Erwünschter « , sagte Vult und nagelte an einer Theaterwand fort . » Aber guten Abend ! Erwünschter , meint ' ich nämlich , kann mir nichts kommen , als du endlich kommst . Schon seit Schlag sieben vexier ' ich mich ab , um alles aufs beste aufzustellen und etwa so einzurichten , daß keiner von uns nachher brumme oder grunze ; unterstütze mich aber dabei , bei der gemeinschaftlichen Einrichtung , und hilf ! - Du siehst mich so an , Walt ? « - » Vult ? - Wie ? - Sprich nur ! « sagte Walt . » Es könnte doch etwas Himmlisches sein ! Und sei nur von Herzen willkommen ! « Hier lief er mit Kuß und Umhalsen an ihn ; Vult konnte aber , da er in der einen Hand den Nagel hielt , in der andern den Hammer , nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals und antwortete : » Die Hauptsache ist wohl , daß du jetzt ein vernünftiges Wort darüber hören lässest , wie die Sachen zu traktieren sind für beiderseitige Lust . Denn ist einmal alles festgenagelt : so änderts der Mensch ungern . Mich deucht aber , so besitzest und beherrschest du gerade das eine Fenster und fast drüber , und ich das andere ; ein drittes fehlt . « » Ich weiß wahrlich nicht , was du vorhast , aber mache nur alles und sage dann , was es ist « , sagte Walt . » So muß ich dich gar nicht verstehen « , versetzte Vult , » oder du mich nicht . Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben ? « sagte Vult . - » Nein « , sagte er . » Ich meine das heutige « , fragte jener fort , » worin ich schrieb , ich würde dein Schweigen für ein Ja auf meine Bitte nehmen , daß wir doch möchten zusammen wie ein Vögelpaar ein Nest oder Quartier bewohnen , dieses nämlich ? Wie ? « - » Nichts ( sagte Walt ) . Aber du willst dies ? O warum traut ' ich denn deinem Gemüte weniger ? Gott züchtige mich dafür ! O wie bist du ! « » In diesem Falle muß ich das Blatt noch in der Tasche tragen « , versetzte Vult und zog es hervor ; » zuvörderst müssen wir aber unsern Stuben-Etat für den Winter ins reine und aufs trockne bringen ; denn , Freund , leichter verträgt sich ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kirche als eines von Zwillingen in einer Stube , wie sie denn schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe es ein Jahr lang ausdauern , sondern sich sondern . Mein Wunsch ist allerdings , daß die Feuermauer , die ich zwischen uns Flammen gezogen - und die Bühnenwand langt zum Glück so nett - , uns körperlich genug abtrenne , um uns nicht geistig zu trennen . Die Scheidewand ist auf deiner Seite mit einer schönen Reihe Paläste übermalt , auf der meinigen ist ein arkadisches Dorf hingeschmiert , und ich stoße nur dieses Palast-Fenster auf , so seh ' ich dich von meinem Schreibtische an deinem . Reden können wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch . « » Das ist ja köstlich « , sagte Walt . » Wir arbeiten dann in unserm Doppel-Käfig am Hoppelpoppel Tag und Nacht , weil der Winter für Autoren und Kreuzschnäbel die beste Zeit zum Brüten ist , und wir darin und die schwarze Nieswurz ( was sind wir anders als Nieswurz der Welt ? ) im Froste blühen . « » O herrlich « , sagte Walt . » Denn ich muß leider bekennen , daß ich bisher aus einer Ausschweifung in die andere , nämlich aus spaßhaften in reelle geraten und in der Tat wenig gegeben . So aber werden wir beide schreiben und dichten , daß wir rauchen ; - nur für Bücher und Manuskripte wird gelebt , nämlich von Honorarien . - In 14 Tagen , mein guter Freund , kann schon ein sehr hübscher Aktenstoß an einen Verleger ablaufen vom Stapel . « » O göttlich « , sagte Walt . » Falls ein solches gemeinschaftliches Zusammenbrüten in einem Neste - ich als Tauber , du als Täubin - nicht am Ende einen Phönix oder sonst ein Flügel-Werk aussitzen kann , das sich vor der Nachwelt so gut sehen lässet , daß sie ihre Vorwelt fragt , wer beide Brüder waren , wie lang , wie breit , wie sie gegessen , genieset , und was die Gebrüder sonst für Sitten und Möbeln und Narrheiten gehabt ; wenn das , sag ' ich , nicht der Fall bei uns sein soll : so will ich nicht im Ernste gesprochen haben . « » Ach du schöner Gott « , rief Walt mit Freudenblicken . » Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und , wie man von Bomben sagt , krepieren , crêper , wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben , eh ' wir uns zanken , kurz überhaupt nicht Sachen vorfallen , wovon in Zukunft ein Mehreres mündlich . « - » Bei Gott , du gibst mir neues Leben « , sagte Walt . » Hältst du es aber genehm « , sagte Vult und führte ihn in die Schlafkammer , » daß ich unsere Bettstellen durch die spanische Wand - für die spanischen Schlösser der Träume - quer geschieden halte ? Ich sehe sie aber mehr für einen alten Bettschirm an . « » Du kennst darüber meine Grundsätze « , sagte Walt ; » ich hielt es schon in frühern Jahren für unschicklich , nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen oder ihn zu tragen , es müßte denn aus Lebensgefahren sein . « Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Paß vor , worauf er hereinkommen , ferner seine Zukunfts-Karten . Schon längst hab ' er , sagt ' er , zu ihm ziehen wollen , teils aus Liebe für ihn und den Hoppelpoppel , teils des halbierten Mietzinses halber , teils sonst . Neulich auf einem Spaziergange hab ' er sich in die Gunst der guten Raphaela zurückgeschwungen , mit welcher er als mit einem Hebels-Langarm dann den Vater habe bewegt . Vor einer Stunde sei er mit der Theaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den Stubenschlüssel im bekannten Mausloch gefunden . » Nun erbrich aber doch mein Schreiben « , beschloß er . Auf dem Umschlag stand : » An Hrn . Walt , abzugeben bei mir . « Walt bemerkte nicht , daß auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand und daß es jener alte war , worin Vult ihm in der Zukunft das nächtliche Poltern , Türen-Zuwerfen seines Polter- oder Schmollgeistes voraussagt , um nachher entschuldigt zu sein , und den wir früher gelesen als Walt , oder vielmehr später 46. Walt glaubte eilig , er meine eine von heute an zukünftige Zukunft , und sagte , dahin komm ' es nicht ; aber als Vult ihm am Datum zeigte , daß eine vergangne geschildert sei : so faßte der Notar seine Hände mit beiden fest , sah ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Rührung an : » Vult ! - Vult ! « - Den Flötenspieler drückte es , daß er einige Tropfen in die eignen Augen , über die er mit den gefangnen Händen nicht hinfahren konnte , mußte treten lassen : » Nun « , fuhr er auf , » auch ich bin kein Kiesel ; lasse mich aber auf mein Zimmer gehen und auspacken ! « und fuhr hinter die Bühnenwand . Er packte aus und stellte auf . Walt ging im seinigen auf und ab und erzählte ihm über die Stadt herüber seine bisherigen Versuche , ihren Seelen-Tauf-Bund zu erneuern . Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm , sein Haus- oder Stubengeräte ordnen . Er war so hülf-fertig , so freundlich-tätig , er wollte dem Bruder so viel Platz aufdringen samt Fenster Licht und Möbeln , daß Vult heimlich sich einen Narren schalt , daß er ihm den eigensinnigen Widerstand in der Flitteschen Wechselsache zu hart nachgetragen . Walt hingegen stellte seinerseits wieder heimlich den Flötenspieler ins größte Glanzlicht , dafür daß er ihm zuliebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke ; und nahm sich vor , alle schönen Züge desselben unbemerkt aufzuschreiben , um sie als Rezepte nachzulesen , wenn er wieder knurren wolle . Die Gütergemeinschaft und Stuben-Verbrüderung wurde auf die hellsten Grenzverträge zurückgebracht , damit man am Morgen gleich anfangen könnte , beisammen zu sein . Schön bemerkte Vult , man müsse innerlich dem Zorne recht viel Platz machen , damit er sich abtobe und totrenne an den Gehirnwänden ; dann werde ja dem Menschen nichts leichter , als mit dem gestorbenen Wolf im Herzen ein weiches Lamm zu sein außen mit der Brust . Man könnte aber hier noch andere Bemerkungen machen , z.B. - Die starke Liebe will für Fehler nur bestrafen und dann doch vergeben - - Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird : so ist daran bloß eine hassende Denkungsart über alle Menschen schuld , die ihn dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht . - - Die höchste Liebe kennt nur Ja und Nein , keinen Mittelstand ; kein Fegefeuer , nur Himmel und Hölle ; - und doch hat sie das Unglück , daß sie Geburten der Stimmung und des Zufalls , die nur zu Vorhimmel und Vorhölle führen sollten , zu Pförtnerinnen von Himmels- und Höllentoren macht - Beide kleideten voreinander die eigentümlichsten Gefühle in allgemeine Sätze ein . Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg , sagt er : » Versetze mir nichts darauf - denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu - , aber ich glaube selber , ich hätte dich bisher noch besser lieben können . « - » Nein , ich dich « , schrie Walt . Nr. 56. Fliegender Hering Brief des Biographen - Tagebuch Gegenwärtiger Biograph der jungen Harnische bekam nach dem Abschlusse der vorigen Nummer ( des sogenannten Pfefferfraßes ) von dem Haßlauer Stadtrate vier neue - nämlich den fliegenden Hering 56 , den Regenpfeifer 57 , die Giftkuttel 58 und die Notenschnecke 59 - samt einem äußerst wichtigen Tagebuche Vults über Walt . Darauf antwortete er den trefflichen Testaments-Exekutoren folgendes , was durchaus als ein Zeitstück der Flegeljahre hereingehört . » P. P. Indem ich Ihnen , verehrlicher Stadtrat und Vollstrecker , die Ausarbeitung der 55sten Nummer Pfefferfraß zusende und den Empfang der vier neuesten Naturalien , der Nummern 56 , 57 , 58 , 59 , desgleichen des Vultischen Tagebuchs bescheinige : leg ' ich zugleich die vier Kapitel für das Nummern-Viereck bei , welche ich dadurch geliefert zu haben hoffe , daß ich das Vultische Tagebuch unzerzauset einwob und es durch Überschriften in Kapitel schnitt und andere Drucker-Sachen anflocht , z.B. Gänsefüße , um Vults jetzige Worte von meinen künftigen zu scheiden . Man griffe ohne weiteres meinen Charakter an , wenn Sie mich deshalb etwan einen Schelm , einen Naturalien-Räuber schölten und einen Arbeits-Knauser . Säh ' es ein verehrlicher Haßlauer Stadtrat etwan lieber - was so unmöglich zu glauben - , wenn ich den herrlichen Vult , einen zwar außen ungemalten , aber innen schön glasierten Sauertopf , mit meinen Töpferfarben umzöge ? Oder kann irgendein Testament ansinnen , daß ich einem fremden Charakter etwas aus meinem eignen vorstrecke ? Mich dünkt , ich und sämtliche poetische Weberschaft haben oft genug bewiesen , wie gern und reich wir jedem Charakter - und wär ' er ein Satan oder Gott - von unserem leihen und zustecken . Wir gleichen am wenigsten - dies dürfen wir sagen - jenem englischen Geizhalse , Daniel Dancer , welcher auf einen fremden Acker nichts von dem , was die Natur bei ihm übrig hatte , wollte fallen lassen , sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache . Sondern recht freudig leihet der Romancier alles , was er hat und was er ist , seinen geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der Person und des Charakters ! Folglich hätte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umgeackert und besäet als ich , wär ' es nötig gewesen . Andere Gründe , z.B. Zeitmangel und Haus-Tumult , schütz ' ich nicht einmal vor , weil diese sich auf persönliche Vertrauungen gründen , womit man wohl schicklicher das Publikum als einen verehrlichen Stadtrat behelligt ; worunter aber in jedem Falle die Nachricht gehören würde , daß ich gestern nach meinem Wechselfieber des Wechsels - doch nur mit Städten - wieder aus Koburg abgezogen bin nach Bayreuth . Niemand muß überhaupt die Zeit mehr sparen als einer , der für die Ewigkeit nicht sowohl lebt - das tut jeder Christ- als schreibt . Wieviel Blattseiten lässet denn die Biographia britannica unseres Ichs der Historiole des Universums übrig ? - Wie ohnehin alles uns Dichter drückt , scheinen nur die alten Holzschnittschneider zu ahnen , wenn sie Bienen und Vögel - diese bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugs - bloß als fliegende Kreuze zeichnen . Wer hängt an diesen Kreuzen als wir Kreuzträger , z.B. Ihr testierter Biograph , J. P. F. Richter ? « Bayreuth , den 13. August 1804 . * Jetzt geht Walts Geschichte so fort , nämlich Vults Wochenbuch fängt so an : » Ich schwöre hiemit mir , daß ich ein Tagebuch wenigstens auf ein Vierteljahr schreiben will ; hör ' ich früher auf , so strafe mich Gott oder der Teufel . Von heute - dem Tage nach dem gestrigen Einzuge - geh ' es an . Ja wenn mich der Gegenstand - nicht ich , sondern Walt - hinge , pfählte , knebelte , zerfetzte , nach Siberien schickte , in die Bergwerke , in die zweite Welt , in die dritte , ja in die letzte : so führ ' ich das Wochenbuch fort ; und damit ich nicht wanke , so will ich mit den Fingern , die man sonst dazu aufhebt , es herschreiben : Ich schwöre . Die Welt - welche aber nie dieses Blatt bekommen soll - kann sich leicht denken , über wen das Wochenbuch geführet werde ; nicht über mich . Ein Tagebuch über sich macht jeder Dinten-Mann schon an und für sich , wenn er seine opera omnia schreibt ; bei einem Schauspieler sinds die Komödienzettel ; bei einem Zeitungsschreiber die Jahrgänge voll Welthändel ; bei einem Kaufmann das Korrespondenzbuch ; bei einem Historienmaler seine historischen Stücke ; Angelus de Constantio , der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb , konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen , obwohl nur auf 53 Jahre , denken ; und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne mit unsichtbarer Dinte dazwischen , weil er an die Eroberungen , innern Unruhen und Wanderungen der Völker seine eignen herrlich knüpfen kann . Wer aber nichts hat und tut , woran er seine Empfindungen bindet , als wieder Empfindungen : der nehme Lang- und Querfolio-Papier und bringe sie dazu , nämlich zu Papier . Nur wird er Danaiden- und Teufelsarbeit haben : während er schreibt , fällt wieder etwas in ihm vor , es sei eine Empfindung oder eine Reflexion über das Geschriebene - dies will wieder niedergeschrieben sein - kurz der beste Läufer holet nicht seinen Schatten ein . Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches Nach-Leben , dieses grabes-luftige Zurückatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus frischer Luft ! Das flüchtige Getümmel wird ein Wachsfigurenkabinett , der blühende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett . Ists nicht tausendmal klüger , der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit , und der fröhliche Trieb tut seinen Windstoß in die Blumen und Wellen hinein , wirft Blumenstäubchen und Schiffe an ihren Ort und gähnt und stöhnt nicht wieder erbärmlich zurück ? Hingegen ein Tage- und Wochenbuch über andere ! - Ich gesteh ' es meinem geneigten Leser , dem guten Vult , dies ist etwas anderes ; aber ich muß freilich sehen und - anfangen . Doch so viel lässet sich auch , ohne anzufangen , annehmen , daß mein Hausherrlein und Brüderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman ( den Titel Tölpeljahre eines Dichters verschwör ' ich nicht ) zu verbrauchen ist , nämlich als Held , besonders da er eben in Liebes-Blüte und vollends gegen eine Häßlichkeit47steht ; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Prozeß und sein heißes Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrügt . Nur ist durchaus erforderlich , daß ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt , wie eine herkulanische Bücherrolle , auseinanderwinde und dann kopiere . Ich seh ' auch nicht ein , warum ich nicht überhaupt so gut einen göttlichen Roman schreiben sollte wie Billionen andere Leute . Mir selber ist Schriftstellerei so gleichgültig , Vult ! Wie ich lebe , nicht um zu leben , sondern weil ich lebe , so schreib ' ich bloß , Freund , weil ich schreibe . Worin soll denn das Ebenbild Gottes sonst bestehen , als daß man , so gut man kann , ein kleines Aseitätchen48 ist und - da schon Welten mehr als genug da sind - wenigstens sich Schöpfer täglich erschafft und genießt , wie ein Meßpriester den Hostiengott ? - Was ist überhaupt Ruhm hienieden in Deutschland ? Sobald ich mir nicht einen Namen machen kann , daß ich vom Niedrigsten bis zum Höchsten täglich genannt , gelobt und vor Begierde verschlungen werde - diesen Namen aber hat in Deutschland weiter niemand als Broihann , nämlich der erste Brauer des Broihanns - , so erhebe mich doch nie ein Journal , fleh ' ich . Ebensogern als einer Vergrößerung durch dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen , welcher mit einem mittelmäßigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes etwas verdienen will und daher , um andern neugierigen Markt-Engeln die Wunder Gottes und des Mikroskops zu zeigen , mich als die nächste Laus einfängt und auf den Schieber setzt mit vergrößerten Gliedmaßen zum allgemeinen Bewundern und Ekeln . Dies beiseite , so merk ' ich noch für dich besonders an , liebes Wältlein , falls du der zweite Leser dieses Wochenbuchs würdest , wie dein Vult der erste ist - in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgebälgter Spitzbube wärest , der sein gestriges Wort bräche , nie in meine Papiere zu blicken - , ja ich setz es absichtlich zur Strafe der Lesung für dich her , was ich jetzt behaupten werde , daß ich nämlich dich echter zu lieben fürchte , als du mich liebst . Wäre dies gewiß : so ging ' es schlimm . Sehr zu besorgen ist , mein ' ich , daß du - ob du gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh - nur poetisch lieben kannst , und nicht irgendeinen Hans oder Kunz , sondern bei der größten Kälte gegen die besten Hänse und Künze , z.B. gegen Klothar , in ihnen nur schlecht abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens- und Seelenbilder kniend verehrst . Ich will aber erst sehen . Du wirst dich nicht erinnern , Wältchen , daß ich dir gestern oder heute morgen weisgemacht , daß ich nicht aus andern Gründen , sondern deinetwegen allein in deine Schweiß- , Dachs- und Windhunds-Hütte eingezogen bin . Folglich log ich nichts vor . Nur keine Lüge sage der Mensch , dieser Spitzbube von Haus aus ! Fast alles ist gegen einen Geist eher erlaubt , weil er gegen alles sich wehren kann , nur keine Lüge , welche ihn , wie ein altrömischer Henker die unmannbare Jungfrau , in der Form der innigsten Vereinigung schänden und hinrichten will . Schauest du also so sehr spitzbübisch und ehrvergessen in dieses Journal : so erfährst du hier nach dem vorigen Doppelpunkt , daß ich ein Narr bin und eine Närrin will , mit einem Wort , daß ich eben ein Fenster von dir - wie zu einer Hinrichtung Damiens ' um vieles Geld - gemietet , bloß um aus dem Fenster mich selber hinzurichten , nämlich hinunterzusehen in den Neupeterschen Park , wenn Wina , in die ich mich vergafft habe , zufällig mit deiner Raphaela lustwandelt . Ich freue mich darauf , wie wir beide an unsern Fenstern stehen und hinabschmachten und lächerlich sein werden . Nichts ist komischer als ein Paar Paare Verliebter ; noch mehr wär ' es ein ganzer rechter und ein linker Flügel , der seufzend einander gegenüberstände ; - - hingegen eine ganze Landsmannschaft von Freunden sähe nur desto edler aus . Für jeden ist eine Frau freilich etwas anderes ; für den einen Hausmannskost , für den Dichter Nachtigallenfutter , für den Maler ein Schauessen , für Walten Himmelsbrot und Liebes- und Abendmahl , für Weltmenschen ein indisches Vogelnest und eine pommersche Gänsebrust - kalte Küche für mich . Die Lungensucht , welche Liebende und die Wärter der Seidenraupen - jene wollen ja auch Seide dabei spinnen - davontragen , wird mich als Seladon eher verlassen als ergreifen , weil ich so lange die lungengefährliche Flöte einstecke , als ich auf den Knien liege und spreche . Ich bin dir aber wirklich sehr gut , Wina , zumal da deine Singstimme so kanonisch ist und so rein ! - Aber ich will denn mein heutiges Tagebuch über den Bruder anheben ... « Nachtrag zu Nr. 56. Der fliegende Hering Das Vorstehende war zur Testaments-Exekution abgeschickt , als ich es von derselben - dem trefflichen Kuhnold - mit diesem Briefe wieder bekam : » Verehrtester Herr Legationsrat ! Ich glaube nicht , daß die van der Kabelschen Erben das bloße Einheften der zugefertigten Dokumente , wie das Vultische Tagebuch ist , für eine hinlängliche Erfüllung der biographischen Bedingungen , unter welchen Ihnen das Naturalienkabinett testieret worden , nehmen werden . Und ich selber bin , gesteh ' ich , mit den Vorteilen meines Geschmacks zu sehr dabei interessiert , als daß es mir gleichgültig sein sollte , Sie durch Vult verdrängt zu sehen . Ihr Feuer , Ihr Stil etc. etc. - - huldigen49 . - Dazu steht noch vieles andere dagegen . Es kommen im Verfolge des Vultischen Tagebuchs - zumal im Februar , wo er in vollen Flammen tobt - Stellen vor , deren Zynismus schwerlich durch den Humor , weder vor dem poetischen noch sittlichen Richterstuhle , zu entschuldigen steht . Z.B. die am 4ten Februar , wo er sagt : das junge Leben als eine Sonne verschlingend verdauen und es als einen Mond kacken . - Oder da , wo er dem dezenten Bruder , um ihn zu ärgern , erzählt , wie er , da er kein Wasser um sich gehabt , um es ins vertrocknete Dintenfaß zu gießen , sich doch so geholfen , daß er eintunken konnte , um sein Paket Briefe , seinen Briefbeutel , zu schreiben . Das zweite mag eher hingehen , daß er , wenn er mit vielen Oblaten Pakete gesiegelt und doch keine Siegelpresse und keine Zeit , sondern zu viele Arbeit gehabt , sich bloß eine Zeitlang darauf gesetzt , um andere Sachen zu machen unter dem Siegeln . Es sind überhaupt , Verehrtester , in unserer Biographie so manche Anstößigkeiten gegen den laufenden Geschmack - vom Titel an bis zu den Überschriften der meisten Kapitel - , daß man ihn wohl mehr zu versöhnen als zu erbittern suchen muß . Noch einen Grund erlauben Sie mir , da er der letzte ist . Unsere Biographie soll doch , der Sache , der Kunst , der Schicklichkeit und dem Testamente gemäß , mehr zu einem historischen Roman als zu einem nackten Lebenslauf ausschlagen ; so daß uns nichts Verdrüßlicheres begegnen könnte , als wenn man wirklich merkte , alles sei wahr . Werden wir aber dieses verhüten - verzeihen Sie mein unhöfliches Wir - wenn wir bloß die Namen verändern , nicht aber den Stil der Akteurs ? Denn wird man uns nicht auf die Spur kommen schon durch Vults unverändert geliefertes Tagebuch allein , sobald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels ( auch dieser Titel gehört unter die Gesamt-Rüge ) , den die Welt gedruckt in Händen hat und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im Literarischen Anzeiger jeder kennt , zusammenzuhalten anfängt ? O ich fürchte zu sehr . - Aber alle diese Noten stören die Verehrung nicht , womit ich ewig etc. Kuhnold « * Ich antwortete folgendes : » Ich fluche , aber ich folge . Denn was hälf ' es , den Deutschen zuzumuten und das Beispiel zu geben , nur wenigstens auf dem Druckpapier - nicht einmal auf dem Reichsboden - so keck zu sein , als ihre Vorfahren im 16ten , 17ten Säkul auf beiden waren ? Gedachte sagen , sie hofften seitdem von den Franzosen weiter gebracht zu sein . Unser Diamant der Freiheit ist aus unserem Ringe in einen Drachenkopf gekommen , wo er nicht eher glänzen kann , als bis wir im Drachenschwanze stehen . Ich weiß nicht , ob ich mich dunkel erkläre , hoff ' es aber . Trefflichster ! der Humorist hat zwar einen närrischen , widerlichen Berghabit zum Einfahren in seine Stollen ; - er verleibt sich zwar nach Vermögen alle Aus- und Miß-Wüchse der Menschheit ein , um das Beispiel der Mißgeburten zu befolgen und zu geben , die in vorigen Jahrhunderten bloß darum mit fleischernen Fontangen , Manschetten und Pluderhosen geboren wurden , um damit der Welt , wie die Strafprediger errieten , ihre angezogenen vorzuwerfen - und hiemit wäre Vult entschuldigt- ; aber wie gedacht , ich folge und schlage nichts ein als den alten aristotelischen Mittelsteig , der hier darin besteht , daß ich weder erzähle noch erdichte , sondern dichte ; und wenn Scaliger in einem Werkchen von 8 Bogen über seine Familie imstande war , vierhundertundneunundneunzig Verfälschungen anzubringen , wie Scioppius gut erwiesen50 : so dürfte in einem Werkchen von ebenso vielen Bänden die Doppelzahl davon ebenso leicht als nützlich ausfallen . Vor dem Erraten der wahren Namen unserer Geschichte