, wie ich hiehergekommen sei , und hatte einen recht deutlichen Begriff , wie es sich so schön breit auf einem Throne sitzt , und wie unausstehlich es sein muß , Kron und Zepter hinzureichen . - - Wie einem Kinde , das zum erstenmal Komödie gespielt hat , und die bunten Kleider nicht ausziehen mag , war mir zu Mute - nein , sagte ich , du kannst den vortrefflichen Schlafrock gar nicht wieder ausziehen , und wünschte wirklich sehnlich , es möchten ein paar Diebe hereinkommen , und meinen schwarzen Frack und die ledernen Beinkleider stehlen . - Da ging die Türe neben dem Bette leise auf , ich schämte mich ein wenig . - » Ach , er ist noch nicht auf ! « sagte eine weibliche Stimme ; der Vorhang über meinem Kopfe wurde zurückgezogen . Ich machte die Augen zu , wie der verfolgte Vogel Strauß mit dem Glauben den Kopf versteckt , wenn er nicht sehe , werde er nicht gesehen , und es ergoß sich ein Körbchen mit Blumen über mein Gesicht . - Da ich hörte , daß die freundliche Geberin forteilte , nachdem sie mir ihren Liebesdienst erzeigt hatte - sprang ich aus dem Bette und verriegelte die Tür . Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel , und freute mich meiner kindischen Eitelkeit , dann guckte ich etwas zum Fenster hinaus : die Arbeiter waren wieder rings in den Hügeln und Gärten beschäftigt , ich war recht froh , und die Natur viel schöner als mein Lebtage - ich sagte recht von Herzen : » Dies ist Liebchens Fenster , und ich sehe nun in das heitere Gemälde aus einem traulichen Vorgrund ; leset nur eure Weinbeeren , Küsse sind doch süßer ; mein Herbst klingt nicht , und singt nicht , aber ich gebe ihn doch nicht um den eurigen . « - Dann kleidete ich mich schnell an , und wie ich den seidnen Schlafrock ablegte , legte ich viel frohen Mut ab , und als ich in meinem schwarzen Fracke steckte , war ich wieder voller Grundsätze - , aber ich ärgerte mich drüber . Sechsunddreißigstes Kapitel Ich verließ die Stube und ging durch die langen Gänge des Hauses , und betrachtete die verschiedenen alten Bilder . Da ich neben eine Tür vor ein solches Bild trat , hörte ich in der Stube sprechen , und erkannte Violettens Stimme , die mit einem kleinen Mädchen sprach , das Kind sagte : - » Violette , nun habe ich dir helfen die Blumen suchen , nun lehre mich auch singen . « » Nun komm her , Flametta , « sagte Violette , » aber höre auch hübsch zu , und singe mit . « Da es das Kind versprochen hatte - sang Violette mit ihm folgendes Kinderlied : - Anne Margritchen ! Was willst du , mein Liebchen ? Ich trinke so gerne Gezuckerten Wein . Zwei Pfund Zuckerchen , Ein Pfund Butterchen , Schütt es ins Kesselchen , Rühr es mit dem Löffelchen . Zwei Maße Wein , So muß es gut sein . Anne Margritchen , Was Zipfel ist das ? Eine Weinsupp , eine Weinsupp ! » Nun kann ich es , « sagte Flametta , » nun will ich auch wieder mit in den Garten gehn , - aber sage mir , warum hast du so ein Holz in deinem Bettchen liegen ? « - » Das Kissen ist mir zu niedrig , « sagte Violette . - Hier trat ich an die Tür , die nur angelehnt war , und fragte : » Darf ich mit in den Garten gehn , Violette ? « Als sie meine Worte hörten , sprangen sie hinter die Tür , die ich leise eröffnete : vor mir stand Violettens Bett , in dem ich ein scharfes eckichtes Scheit Holz liegen sah . - Violette sprang plötzlich hervor , und riß den Vorhang des Bettes zu , sie glühte über und über vor Scham . » Fort , fort , aus der Mädchen-Stube ! « rief sie dann heftig . » Jage ihn fort , Flametta . « - Flametta nahm einen kleinen Stecken , und ging auf mich los , mit den Worten : » Fort , fort , aus der Mädchen-Stube ! « Einer solchen Übermacht konnte ich nicht widerstehen , und verließ die Kinder . Vor der Türe rief ich : » Violette kommen Sie doch zu mir in den Garten . « Da rief sie heraus : - » Vielleicht - ja , ja ich komme . « - Im Hause sah ich wenige Diener , nur zwei hübsche Mädchen in der Küche : sie lachten , als sie mich sahen , und versteckten sich , ich mußte mich zusammennehmen , und rief der einen zu : - » Guten Morgen , Mädchen , war heute nacht dein Schatz bei dir ? « » Ei gewiß ! « sagte sie . - Ich ging über den geräumigen Hof nach dem Garten , und sah unterwegs mit einem seltsamen Gefühle zum Tore hinaus , durch das ich gestern abend in diese neue Welt eingegangen war . Da ich durch den Garten an einem Seitengebäude des Schlosses hinging , wurden mir aus einem Fenster einige Kränze von Weinlaub auf den Kopf geworfen , und da ich hinaufblickte , sah ich Violetten und Flametten , die sich lachend zurückgezogen . - Auf der rechten Seite des Gartens war ein großer Teich , in dessen Mitte ein hoher alter Turm stand ; da ich näher hinging , bemerkte ich noch auf der andern Seite des Turms eine kleine Insel , auf der ein weißes , mit Laub umzogenes Häuschen durch dichte Gebüsche hervorsah , aber ich mochte mich nicht in den gebrechlichen Kahn wagen , um hinüberzufahren - ich ging deswegen nach dem großen Gartenhause , das vor mir auf einer Terrasse stand . Da ich in den Saal trat , erblickte ich einen jungen Kapuziner-Mönch , der mit einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging : wir grüßten uns . - Ich : Guten Morgen , Ihr Hochwürden ! Er : Ich wünsche Ihnen , wohl geschlafen zu haben . - Ich : Sie genießen den angenehmen Morgen . - Er : Ich bin des Gärtners Bruder , und trete manchmal hier ab , wenn mich mein Beruf vorüberführt : Sie sind wohl der Herr , für den das gnädige Fräulein die Blumen holte . - Ich : War es das Fräulein , die mir die Blumen brachte ? - Er : Kennen Sie sie noch nicht ? Sie sagte mir doch , sie habe gestern abend mit Ihnen gesprochen . - Ich : Ich lag noch im Bette . Er : So ! - Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das Fräulein gehört . Ich : Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde . Er : Sind Sie anverwandt mit der gräflichen Familie ? - Ich : Nein , ich bin der Freund der Gräfin . Er : Der Gräfin ? - Ich : Wundert Sie das ? Er : Sie verzeihen , Sie müssen mich verstehen ; ich vermute , daß Sie der Gräfin sicher das Bessere raten - und besonders in Hinsicht der Fräulein . Ich : Die Gräfin ist Mutter , und eine kluge Frau . - Er : O , sie ist eine Dame von vielen Gaben , nur etwas weltlich gesinnt - und das Wohl ihrer Kinder könnte ihr mehr am Herzen liegen . - Ich : Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gesprochen . - Er : Sprechen - sprechen - aber das Kind geht zu Grund ! Ich will nicht sagen , als solle sie den Katechismus auswendig können , und alle Heiligen glauben , die Welt ist weiter gegangen , aber die Moral - Ich : Sie scheinen aufgeklärt , das ist selten in Ihrem Rocke . Er : Sie sind gütig , sollen wir ewig fort in altem Unsinn brüten ? - Ich : Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn , Herr Pater ? - das ist neuer Unsinn . - Hier trat die Gräfin herein . Sie ging auf mich zu und küßte mich - der Mönch zog sich zurück - und die Gräfin wendete sich zu ihm mit den Worten : - » Ei , Pater Sebastian ! sein Sie nicht böse , daß ich Sie nicht auch küsse ; ich hätte es wohl getan , aber Sie verdienen es nicht . « Der Mönch sagte beschämt : - » Frau Gräfin , ich verdiene solche Freundlichkeit nicht , weil sie mein Stand verbietet , aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht . « - Die Gräfin erwiderte hierauf gelassen : - » Herr Pater , Sie verderben meine Violette , Sie setzen dem Mädchen Gespenster in den Kopf , und nehmen ihr den schönen Teil ihrer Religion , der für Kinder gemacht ist . - Sie geben ihr für die goldnen Früchte des Himmels leere moralische Nußschalen , und verführen mein Kind . « - ER : Verführen ! Frau Gräfin , das ist ein schändliches Wort . - SIE : Kein Wort ist schändlich , die Tat ist schändlich ! Sie quälen das Mädchen , und fragen sie nach allen sieben Sachen , so daß sie keine Ruhe mehr vor sich hat , und sich allerlei unreif einbildet , was sich reif ausbilden sollte - und so rauben Sie ihr ihre Unschuld - und verführen sie - ich bitte Sie daher , dem Seelenheil meiner Violette nicht länger nachzustellen , denn ihre Seele ist gesund , hat kein Heil nötig , und Sie stiften hier wahres Seelenunheil - wenn Sie es gut meinten , so kann ich nichts dafür , daß Sie es schlecht machten . - Leben Sie wohl . - Der Mönch ging weg ; - die Gräfin rief den Gärtner und sagte ihm : - » Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen , und seinem Bruder ein Dutzend Schnupftücher kaufen ; sage Er ihm dabei , ich und Violette hätten sie gesäumt , und schickten sie ihm zum Danke für seine Bemühungen : aber kaufe Er feine weiße , und bitte Er ihn , Er möge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen abgewöhnen , es steht ihm zu seiner feinen Miene und zu seinem hübschen Barte gar nicht gut . « Der Gärtner lächelte und ging weg . - Ich war über die Heftigkeit der schönen leichtfertigen Frau verstummt , aber ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gärtners tat mir wohl , sie gewann durch diese Szene sehr in meinen Augen . - Da der Gärtner weg war , nahm sie mich bei der Hand , und sagte , indem sie mich fortzog : » Sehen Sie , wie ich zanken kann , sollte man sich es vorstellen ? Sie sind wirklich erschrocken , daß das , was ich Ihnen gestern von meinen Grundsätzen sagte , mein Ernst zu sein scheint . - Gott weiß , woher ich die Grundsätze habe , sie sind , glaube ich , meine Natur ; ich glaube , es sind solche , die man nicht für Grundsätze hält , und das ist das Beste . « - Sie hing an meinem Arm , und lief mit mir die Terrasse herab . Violette und Flametta begegneten uns , und die Gräfin führte uns alle nach dem Teich . » Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben kennenlernen « , sagte sie , als wir an den baufälligen Kahn kamen . Sie machte Anstalt hineinzusteigen . - » Er wird uns nicht alle tragen . « - Die Kinder sprangen mit ihr hinein . » Nun , mein Kind , « sagte sie freundlich zu mir , » willst du allein draus bleiben , adieu , so fahr ich fort . « - Sie sagen das so liebenswürdig - » Und wenn wir miteinander untergehen , wär es ein freundlicher Tod . « - Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn , die Gräfin ruderte , und sagte : » Dies ist meine ganze Seemacht , ich wollte Sie mit meinem politischen Glauben bekannt machen , auf der Insel wird sich es aufweisen : - damit Sie sich aber zuerst etwas abhärten , wollen wir einmal um den Teich fahren . Violette , singe ein Liedchen ! « - Violette sang folgendes Lied : - Zu Bacharach am Rheine Wohnt eine Zauberin , Sie war so schön und feine Und riß viel Herzen hin . Und brachte viel zu schanden Der Männer rings umher , Aus ihren Liebesbanden War keine Rettung mehr . Der Bischof ließ sie laden Vor geistliche Gewalt - Und mußte sie begnaden , So schön war ihr Gestalt . Er sprach zu ihr gerühret : » Du arme Lore Lay ! Wer hat dich denn verführet Zu böser Zauberei ? « » Herr Bischof , laßt mich sterben , Ich bin des Lebens müd , Weil jeder muß verderben , Der meine Augen sieht . Die Augen sind zwei Flammen , Mein Arm ein Zauberstab - O legt mich in die Flammen ! O brechet mir den Stab ! « » Ich kann dich nicht verdammen , Bis du mir erst bekennt , Warum in diesen Flammen Mein eigen Herz schon brennt . Den Stab kann ich nicht brechen , Du schöne Lore Lay ! Ich müßte dann zerbrechen Mein eigen Herz entzwei . « » Herr Bischof , mit mir Armen Treibt nicht so bösen Spott , Und bittet um Erbarmen , Für mich den lieben Gott . Ich darf nicht länger leben , Ich liebe keinen mehr - Den Tod sollt Ihr mir geben , Drum kam ich zu Euch her . - Mein Schatz hat mich betrogen , Hat sich von mir gewandt , Ist fort von hier gezogen , Fort in ein fremdes Land . Die Augen sanft und wilde , Die Wangen rot und weiß , Die Worte still und milde , Das ist mein Zauberkreis . Ich selbst muß drin verderben , Das Herz tut mir so weh , Vor Schmerzen möcht ich sterben , Wenn ich mein Bildnis seh . Drum laßt mein Recht mich finden , Mich sterben wie ein Christ , Denn alles muß verschwinden , Weil er nicht bei mir ist . « Drei Ritter läßt er holen : » Bringt sie ins Kloster hin ; Geh , Lore ! - Gott befohlen Sei dein berückter Sinn . Du sollst ein Nönnchen werden , Ein Nönnchen schwarz und weiß , Bereite dich auf Erden Zu deines Todes Reis ' . « Zum Kloster sie nun ritten , Die Ritter alle drei , Und traurig in der Mitten Die schöne Lore Lay . » O Ritter , laßt mich gehen Auf diesen Felsen groß , Ich will noch einmal sehen Nach meines Lieben Schloß . Ich will noch einmal sehen Wohl in den tiefen Rhein , Und dann ins Kloster gehen Und Gottes Jungfrau sein . « Der Felsen ist so jähe , So steil ist seine Wand , Doch klimmt sie in die Höhe , Bis daß sie oben stand . Es binden die drei Ritter Die Rosse unten an , Und klettern immer weiter Zum Felsen auch hinan . Die Jungfrau sprach : » Da gehet Ein Schifflein auf dem Rhein , Der in dem Schifflein stehet , Der soll mein Liebster sein . Mein Herz wird mir so munter , Er muß mein Liebster sein ! « - Da lehnt sie sich hinunter Und stürzet in den Rhein . Die Ritter mußten sterben , Sie konnten nicht hinab , Sie mußten all verderben , Ohn Priester und ohn Grab . Wer hat dies Lied gesungen ? Ein Schiffer auf dem Rhein , Und immer hats geklungen Von dem drei Ritterstein : 7 Lore Lay , Lore Lay , Lore Lay , Als wären es meiner drei . Als wir an der Insel ausgestiegen waren , sagte die Gräfin : » Der Kahn ist so schlecht , aber ich liebe ihn und mag keinen andern , ich bin oft recht vergnügt auf ihm gefahren . « Nun kamen wir an das kleine runde Haus , es war ganz mit Epheu überzogen , auf dem runden Dache stand ein geflügeltes Pferd , das sich in die Höhe bäumt , auf ihm ein nackter Jüngling , und vor ihm zwei Liebesgötter , die das Pferd am Zügel niederziehen , auf dem Fußgestell aber war die Inschrift : Friedrich dem Einzigen » Sehen Sie meinen politischen Abgott , ich freue mich oft über meinen Witz , ich wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein Geheimnis sehen lassen , denn eigentlich müßte es heißen , Friedrich dem Meinigen . Doch Lieber ! sei ' n Sie nicht böse , weil ich Sie wissen lasse daß ich vor Ihnen schon liebte . « - Wir gingen in das Häuschen , in dem es recht freundlich war aber da ich wußte , daß ich über einem Grabe saß , was mir die Gräfin verschwiegen hatte , konnte ich nicht ganz froh werden , - und das zubereitete Frühstück schmeckte mir nicht recht . - Siebenunddreißigstes Kapitel In dieser Umgebung lebte ich zwei Monden , während denen ich mehrere Streifzüge an den freudigen Ufern des Flusses und in das Land einwärts machte . Ich trat stets mit einer eignen Empfindung solche Wallfahrten an , denn die bunte Einsamkeit des Lebens bei der Gräfin machte mich immer zu einem weltfremden Menschen wenn ich durch die ruhige große Natur ging , die gar keine Gattung von Prinzipien hat , und deren Lust und Leid sich in einen schönen Wechsel von Jahreszeiten flechten . So oft ich zurückkehrte , behauptete die Gräfin , ich sei ein ganz neuer unbekannter Mensch , sie habe aber eine Ahndung oder Erinnerung von einer alten Bekanntschaft mit mir . - » Gott , wie werde ich alt , « sagte sie einmal , » schon wieder jemand , der mir bekannt scheint , und ich weiß gar nicht , wo ich Sie zum erstenmale gesehen habe . « » Es war am Abend , Madame ; war es nicht in der Dämmerung , begegneten wir uns nicht zu Pferde am Rhein ? « » Sie haben ganz recht , seien Sie mir willkommen . « - Dann küßte sie mich freundlich , ich schien wieder so ernsthaft als das erstemal , und sie bekehrte mich wieder sehr emsig . Violette war immer stiller geworden in der letzten Zeit , und schien sich mit einer schmerzlichen Zuneigung an mich zu hängen . Das Mädchen machte mir bange und jetzt , da ich meine ganze damalige Lage ruhig übersehe , bemerke ich mit Scham und Reue , warum ich diese Bangigkeit zu vermeiden suchte . - Violette mochte sein , wie sie wollte , war nicht der erste Abend im Schlosse , und meine Unterhaltung mit ihr , das einzige , auf das ich mit reiner Freude zurücksehen konnte ? - Wie hatte sich die Jungfrau in ihrem Streite mit der Lust mit ihrem Reinsten in mich gerettet , und was versprach ich ihr , das ich ihr nicht hielt ! - Die Gräfin mochte sein , wie sie wollte , aber mit ihrem Kinde zusammen war sie schlecht . - Das Leben eines genialischen Menschen kann aus sich selbst hervorgeführt , mit eigner Kraft verteidigt und durchgesetzt , ein gutes selbstgedeihliches Leben sein , denn es ist das Leben der Eigentümlichkeit , aber die Jugend kann sich an ihm nicht entwickeln ; sie ist eine Allgemeinheit , und muß an dem Frühling und nicht am Menschen hervorwachsen ; denn das letztere heißt der Psyche die Flügel auseinanderzupfen , oder ihr mit einem künstlichen Lichte die Sonne ersetzen wollen , ohne die Rücksicht , daß sie hineinfliegt und stirbt . - Brachte ich Violetten nicht zur völligen Uneinigkeit mit sich , indem mein Verhältnis mit ihrer Mutter immer ihrer unschuldigen Neigung zu mir entgegentrat ? - Ich konnte in der letzten Woche gar nicht mehr offen mit ihr reden , denn ich bemerkte , daß sie stets verlegener ward , wenn ihre Mutter in ihrer Gegenwart mit mir vertraulich war . - Diese Empfindung war es , die zu meinen Spazierritten mitwirkte , und ich wünschte sogar einigemal , wieder zu Hause zu sein . Das letztemal , da ich ausritt , nahm ich meinen Weg nach einem der schönsten Punkte am Rheine , dem Ostein , einem schönen Lustschlosse auf dem Niederwald , einem hohen Berge , dem Städtchen Bingen gegenüber ; dieser Berg macht den Winkel , um den sich hier der Rhein scharf herumwendet . Der Besitzer des Schlosses war nicht gegenwärtig , und obschon ich den Mann zu kennen wünschte , der eine solche Anlage bloß zu seinem Vergnügen machen durfte , war es mir lieb , daß er nicht hier war . Ich hätte ihn hier meines Dankes ohne einigen Neid nicht versichern können . So tröstete ich mich und dachte , er habe dieses Werk vollbracht , wie jeder , wenn er es gleich nicht weiß , durch irgend etwas ein höchst wichtiger Mensch ist , so daß ich mir hieraus die Ursache erkläre , warum die Worte : Es war ja ein gemeiner Mensch , keinen Totschlag entschuldigen . Diese Wichtigkeit des Lebendigen ist mir der einzige Grund irgend eines Rechtes , so wie mir der einzige Grund der Moral ist , daß der Mensch aus den Augen heraussieht , daß er ein Repräsentant des Lebens ist . - Doch ich kehre zurück . - Das kleine Lustschloß ist ein wahres Lustschloß , denn es ist voll lustiger Einrichtungen , voll geheimer Türen , verborgner Treppen und doppelter Wände ; man kann darin herumirren , wie ein verwünschter Prinz , und ich finde diese luftige , scherzende Gattung von Bauart hier recht angebracht , denn es würde in jedem Falle eine Stümperei geworden sein , hätte man hier ein gediegenes Gebäude hersetzen wollen , wo selbst kaum des Menschen Herz sich erhalten kann , gegen die vollen reichen Ansichten der Natur . Wo die Architektur der Natur so erhaben ist , zwischen den Massen der Felsen , den Ergüssen der Aussichten , den brausenden Wäldern hätte nicht leicht ein Gebäude stehen können , ohne plump und mühselig auszusehen , das im mindesten affektieren konnte , als wolle es etwas bedeuten . Ja ich glaube , es ist ein äußerst trotziger , melancholisch hoffärtiger Gedanke , auf solchen herrlichen Gesichtspunkten der größten und reichsten Natur , die durch unendliche mannigfaltige Freiheit harmonische Unordnung der Aussicht mit einer prahlend wichtigen Bausymmetrie äffen zu wollen , die in solcher Zusammenstellung nur unverdaute Mathematik an der Stirne trägt . Ein leichtes luftiges Freudengezelt müßte hier aufgeschlagen werden , ein ergötzlicher Feenpalast , voll Mutwill und koquetter Mädchenhaftigkeit , doch ohne Prüderie und Sittenpedanterei , - und so ist es hier ; man möchte sich umsehen , wo die fröhliche Gesellschaft geblieben ist , die hier in voller fürstlicher Freude , mit Maitressen , Haiducken , Laufern , Opernmädchen und einem witzigen Hofnarren , gehaust hat . - Wo ist die junge etwas schmachtende Gräfin , die hier an den militairisch schönen Prinzen denkt ? - wo ist der muntere Dichter , der hier Singspiele dichtet , und Elegien schreibt , weil er in die junge Gräfin verliebt ist ? - Ich wandelte durch die Stuben mit großen Spiegeln in buntgemalten Bretterwänden - verirrte mich auf den kleinen Treppen von Boudoir zu Boudoir ; in den Weiberstuben berührte ich mit Herzklopfen umherliegende Kleinigkeiten , zerrissene Liebesbriefchen , Locken , und gemachte Blumen , welche die holden leichten Wesen von Frühling zu Frühling , wie den bunten Staub der Schmetterlingsflügel , abstreifen . - Und verzeihen Sie - aber es ist nicht anders - wenn ich es hin und her überlegte und , das ganze lustige Haus in einem Zuge zu genießen , mir einen Plan erdachte , so war es der , mit einem Schock nackter Mädchen , voll Freude , Witz , Tanz und Sing-Talent , drinne Haschen zu spielen . Auf dem höchsten Punkte des Schlosses steht ein Belvedere , und ein gutes Perspektiv , für die , welche das ganze Buch nicht verstehen , einzelne Stellen erklären wollen , und gerne wüßten , ob auch dieses oder jenes Städtchen mit hier notiert wäre . Dieses Türmchen ist die Spitze des Schlosses , und die Pointe des ganzen epigrammatischen Gebäudes , das wie ein guter freundlicher Einfall hier oben hingeflogen ist , und mir wie das Lied eines Turmdeckers auf dem Münster vorkömmt . Das Schlößchen scheint sich , wie ein fröhliches scherzhaftes Mädchen in den Mantel von Königen , hier in die herrlichen Berge zu verstecken , mit den Worten : Ich bin auch da , liebt mich ; am Ende , wenns Nacht wird und nicht grade der Mond scheint , wenns draußen stürmt , kommt ihr doch zu mir . - Ich sprach von dem Schlosse zuerst , weil es heißer Mittag war , da ich heraufkam , und ich mich in den kühlen Stuben erfreute . Als sich der Abend nahte , ging ich in den Wald , der , auf wenigen Punkten von der Kunst berührt , doch nichts von seiner Schönheit verlor . Seine Grenze um den Berg herum ist die unbeschreibliche Aussicht , die alle Worte übersteigt . Man kann nicht zurück , der dunkle Wald liegt ängstlich hinter einem . Nirgends ward mir meine Geschichte so erbärmlich und so klein . Ich glaubte , hier zu stehen , sei der Zweck und das Ende meines Lebens . - Wie ein kleiner Bach sich durch dunkle Täler , durch Klippen und Felsen stille oder nur brausend hinwindet , weil seine Ufer ihm weichen , oder ihm widerstreben , wie er endlich sich in eine unabsehbare See , sich selbst vernichtend , hinstürzet , so stand ich hier . Alles , alles freudig hingeben , Freude und Lust , Freundschaft und Liebe , alle stolze Leiden der Demut , alle Träume und Pläne freudig hingeben in dieses Wehn der Luftströme , diese Tiefe voll großer Natur , diese freundlich herandringende Ferne , war meine letzte Reflexion , meine Begierde war Schweben , und ich sah mit gefährlichem schwindelnden Neide den wilden Tauben nach , die sich freudig hinabstürzten , wo der Rhein den Fuß der grünen Berge küßte , deren Häupter von seiner rauschenden Umarmung trunken zu drehen schienen , und es war mir , als walle die Seele des kräftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges , wie warmes lebendiges Blut , und der Boden lebe unter mir , und alles sei ein einziges Leben , dessen Pulsschlag in meinem Herzen schlage . Hier hat alles sein Ende , und alles ist gelöst , hier ist alles vergessen , und ein neues Leben fängt an . - Der Mensch ist das Höchste nicht im Dasein , sonst wäre keine Mühe in ihm , und keine Stufung der Vollkommenheit : der Mensch ist nicht frei , er könnte sonst nicht wieder zurück ins enge dunkle Haus , er stürzte sich eher hier hinab . - Gefangen sind wir , wie das Weib , das ewig nach den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum Werke der Lust hinwendet , gefangen sind wir , wie Leichtsinn und Schwermut , zwischen Schmerz und Lust , und die Freiheit besteht in der Wahl zwischen zweien , wo uns das eine schon so ermüdet , daß wir das andere gern ergreifen - und was ist endlich die heiligste stolzeste philosophische Ansicht als die Krankheit der Flamme , die zu verlöschen droht , um sich selbst zu sagen : Ich bin das Licht und entzünde alles . - Man kann höchstens so eine traurige Ansicht haben , wenn man nach Hause geht , und sich mit Hoffart trösten will , oder wenn man kömmt und sich vornimmt , doch etwas Besseres zu sein ; - aber was hilft es endlich , wenn man hier steht , da muß das traurige Zeug , der konsequente eitle Trost doch zurückbleiben , denn wahrlich , er ist das verdienstliche Bemühen der schweren Arbeit , und es wäre für jeden , der hier steht , eine sehr mitleidswürdige moralische Betrachtung , an die Verdienste der Philosophen und Gelehrten zu denken . - Fast möchte ich glauben , daß das ruhige volle Genießen des einfachen unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist , und ich will mich bestreben , ein Trinker zu werden , und mir meine Weingärtner zu halten . Der Punkt , wo ich stand , war ein kleiner runder Tempel auf fünf Säulen , die voll von den Namen der Menschen standen , die eine solche Minute in ihrem Leben hatten - und wenn unter den vielen Hunderten nur einem zu Mute war wie mir , so sind zwei Menschen hier ruhig geworden , und besser . - Etwas später ging ich nach einem andern Punkte , einem alten Turme , der auf dem Winkel steht , der den Berg macht und den Punkt bestimmt , auf dem sich der Rhein schnell und heftig wendet . Die Aussicht ist hier nicht so ergossen , sie ist nicht ein ruhiges , willenloses Meer , das wie ein lebendiges unendliches Element ohne Fortschreiten durch die Größe schon fern und nah ist . Sie ist tätiger , drohender gegen den Stolzen , umarmender und erwärmender für den Liebenden . Dort wird man vernichtet , man vergißt sich , und muß trunken ertrinken ; hier drängen sich die Berge heran , die beiden Ufer wollen sich die Arme reichen oder die Stirne bieten , die Brust der Berge will zusammendringen , um den reißenden Fluß zurückzuhalten , der ihnen hier zu entfliehen scheint . Dort ist man hingegeben