der das heilige Schweigen brach . Wir sind dem Speusippus nicht wenig Dank schuldig ( sagte er mit einem Ernst , der das eben ausbrechen wollende Lachen von den Lippen deiner muthwilligen Freundin zurückschreckte ) , daß er uns einen Blick in die erhabensten Mysterien seines berühmten Oheims thun ließ , und uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute . Denn die Idee ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen der Natur in und außer dem Menschen . - Ich gestehe mit Beschämung , sagte Euphranor , daß dieser Schlüssel mir nichts aufschließt . Ich begreife nichts von einer Idee , die ich in mir trage , ohne zu wissen weder daß ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin , also auch ohne gewiß zu seyn , daß ich sie habe . - Wundert dich dieß , Euphranor ? versetzte der junge Athener lächelnd ; du hast also , wie es scheint , nie wahrgenommen , wie vieles in dir ist , dessen Daseyn und Beschaffenheit dir nur durch seine Wirkungen offenbar wird ? Die ungelehrtesten Menschen empfinden , erinnern sich des Empfundenen , vergleichen und unterscheiden , bilden sich Begriffe und machen Schlüsse , ohne zu wissen , wie sie dabei zu Werke gehen ; und der gelehrteste weiß im Grunde nicht viel mehr davon als sie . Die Idee des Schönen erweiset sich in dir und in uns allen durch ihre Wirkungen ; sie selbst ist so wenig anschaulich , als es z.B. die Kraft ist , mit welcher du urtheilst , ob du zu dem , was du malen willst , einen feinern oder gröbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene Farbenmuschel tauchen sollest . - Es mag vielleicht seyn wie du sagst , erwiederte Euphranor : aber wessen ich sehr gewiß bin , ist , daß ich mich , wenn ich eine Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte , auf eine Idee , die ich in mir herumtrage , ohne es zu wissen , nicht verlassen dürfte . Daß ich die Verhältnisse und Formen des männlichen und weiblichen Körpers , die bei den Griechen für die schönsten gelten , studirt habe ; daß ich genau weiß , wie ein Arm oder Schenkel gestaltet seyn muß , um von jedermann für schön erkannt zu werden , und wie jedes Gliedmaß nebst allen übrigen , die mit ihm in Verbindung stehen , sowohl in Ruhe als in jeder Art von Bewegung und Stellung , aus jedem Gesichtspunkt betrachtet erscheinen muß ; daß ich weiß , wie man den Pinsel und den Meißel handhaben muß ; daß ich , wenn ich male , jedem Gegenstande seine wahre Gestalt , Farbe und Haltung , Charakter und Ausdruck , jedem Theil sein rechtes Verhältniß zu den übrigen , jedem Muskel sein gehöriges Spiel zu geben , Licht , Farben und Schatten richtig und zweckmäßig zu vertheilen , und das Ganze auf seinen gehörigen Ton zu stimmen weiß : alles das sind Dinge , deren ich mir sehr klar bewußt bin , wovon ich Rechenschaft geben kann , und ohne welche ich nichts machen könnte , das des Sehens werth wäre . Auch bin ich mir eben so klar bewußt , wie ich zu dem , was ich weiß und kann , gelangt bin : nämlich nicht durch den magischen Einfluß einer Idee , die mir selbst unsichtbar ist , sondern durch emsiges forschendes Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister , öfteres Besuchen der Gymnasien und Kampfspiele , hartnäckigen Fleiß , viele Uebung , Liebe zur Kunst , und brennenden Wetteifer mit denen , die ich anfangs nur nachzuahmen suchte . Und was den Maßstab der Grade des Schönen betrifft , wozu bedürfte ich eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen , die in ihrer Art für vorzüglich schön gelten , und des feinen Gefühls des Gehörigen , Gefälligen und Genugsamen , das durch beständige Uebung des Kunstsinns an der Natur selbst erworben wird ? Ich habe , wiewohl ich noch nicht dreißig Jahre zähle , das Schönste gesehen , was in den vornehmsten Städten der Griechen zu sehen ist ; aber ich erinnere mich nicht , irgendwo ein Bild eines Gottes , eines Homerischen Helden , einer Göttin oder Nymphe gesehen zu haben , welches ( das Conventionelle abgerechnet ) schöner wäre , als gewisse Personen , die ich kenne . So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten - dieser Bacchus nach einem sehr schönen Jüngling , mit welchem ich zu Sicyon öfters badete , und die schlummernde Mänas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses gebildet . - Und dieß weißt du so gewiß ? fragte Speusipp . - » So gewiß , als daß nicht der berühmte Alexis von Sicyon , wie Lais im Scherz vorgab , sondern der noch unberühmte Euphranor von Korinth diese Gruppe , die du selbst mit deinem Beifall beehrtest , gearbeitet hat . Hätte ich eine mit dem Gürtel der Venus geschmückte Juno zu malen , so weiß ich sehr wohl , an welche sichtbare Göttin ich meine Gelübde richten würde . « - In der That , sagte Speusipp mit der Attischen Miene , die du als ein Vorrecht der edeln Theseiden51 kennst , es ist nicht zu läugnen , daß wir ein wenig lächerlich sind , indem wir uns an der Tafel der schönsten Frau in Griechenland die Köpfe darüber zerbrechen was schön sey ; denn , welche Bewandtniß es auch mit dieser Frage haben mag , dieß ist gewiß , daß jeder , der sie sieht , seine höchste Idee der Schönheit in ihr verkörpert finden wird . Sobald das Gespräch eine solche Wendung nahm , war es hohe Zeit , ihm ein Ende zu machen . Auf einen Wink , den ich kurz zuvor einer Aufwärterin gegeben hatte , trat in dem Augenblick , da Speusipp das letzte Wort aussprach , die schöne Lasthenia an der Spitze meiner oben erwähnten jungen Nymphen in den Saal , um die Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten ; und bevor eine Stunde vergangen war , glaubte ich zu bemerken , daß meine junge Philosophin den Platoniker ( der , wie die Aphyen52 , nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen ) unvermerkt immer näher an sich zog . Bei euch Männern wird die gefälligste zuletzt immer über die schönste den Sieg erhalten . Es ist ein unglücklicher Vorzug der Weiber , daß die Leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhängig und desto hartnäckiger ist , je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden . Ich sehe zu spät , daß ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe . Möchtest du mich mit einem noch größern für meine Unbescheidenheit bestrafen ! Sage mir doch ein paar Worte , wie dir ' s zu Rhodus geht , was du treibst , und ob man hoffen darf , deine ehmalige Andacht zu dem Erderschütterer Poseidon wieder einst erwachen zu sehen ? 18. Aristipp an Lais . Darf ich dir , im Vertrauen auf die Rechte einer zehnjährigen Freundschaft , gestehen , schöne Lais , wie mir deine jetzige Lebensweise vorkommt ? Betrachte ich sie als einen bloßen Uebergang von der Glorie einer unumschränkten Gebieterin über die Person und die Schätze eines Persischen Großen , zu der glücklichern aber weniger schimmernden und prunkenden Lebensart , die einer Einwohnerin von Korinth geziemt , so wünsche ich bloß , daß du dich entschließen mögest , zwar nicht gar zu hastig , aber doch lieber zu schnell als zu langsam , von der Höhe herabzusteigen , die du mit der freiesten Besonnenheit verlassen hast . Was die stolzen Korinthier in die Laune setzt , dir , wie einer fremden Fürstin , welche sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalten wollte , eine Art von glänzendem Hof zu machen , ist ( außer dem Reiz , den die Neuheit der Sache für sie hat ) hauptsächlich die Hoffnung , womit jeder sich schmeichelt , den Vorzug endlich bei dir zu erringen , nach welchem sie alle trachten . Da du nicht sehr geneigt scheinst so viel Glückseligkeit um dich her zu verbreiten , so würde es deiner Ruhe schwerlich zuträglich seyn , wenn du den süßen Wahn einer so großen Menge von Aspiranten allzu lange nähren wolltest . Das Rathsamste wäre also , dich selbst von der hohen Lydischen Tonart53 allmählich zu der gewohnten Dorischen herabzustimmen ; und dazu , däucht mich , würden deine kleinen Abendgesellschaften ein sehr gutes Mittel seyn , wenn du ihnen so viel Geschmack abgewinnen könntest , deine gesellschaftliche Mittheilung allein , oder doch beinahe allein auf diese den Musen vorzüglich geheiligten Orgien einzuschränken ; an welchen ich nichts auszusetzen habe , als daß ich durch eine Entfernung von dritthalbtausend Stadien davon ausgeschlossen bin . Doch , du willst mir ja Gelegenheit geben auch abwesend an ihnen Theil zu nehmen , da du mich aufforderst , dir meine Gedanken über euer neuliches Tischgespräch mitzutheilen . Ich bin nicht eitel genug mir einzubilden , daß ich über diesen Gegenstand etwas zu sagen hätte , das für dich neu wäre ; und überhaupt gehört , meiner Meinung nach , das Schöne unter die unaussprechlichen Dinge - der Natur , und läßt sich besser fühlen und genießen , als zergliedern und erklären . - » Aber ( wirst du sagen ) diese unaussprechlichen Dinge sind ja eben was uns am stärksten anmuthet , und worüber wir am liebsten vernünfteln - oder irre reden mögen . « - Ich füge mich also sowohl deinem Willen als meinem eigenen Naturtriebe , und wenn ich dir nichts Unbegreifliches und Unerhörtes offenbare , so schreib ' es meiner zur andern Natur gewordenen Maxime zu : im Philosophiren immer verständlich zu bleiben , und vor allem mich immer selbst zu verstehen . Epigenes hatte Recht , mit der Frage , » was nennen die Menschen schön ? « den Anfang der Untersuchung zu machen ; nur hätte er dem Einwurf Speusipps zuvorkommen , und sogleich antworten sollen : wir Griechen pflegen alles schön zu nennen , was uns , ohne Rücksicht auf seine Nützlichkeit , gefällt . Das Wohlgefallen ist immer nothwendig mit einem angenehmen Gefühl verbunden , und umgekehrt ; aber dieses Gefühl ist nicht der Grund warum uns das Schöne gefällt , sondern die natürliche Wirkung des Schönen auf unsern Sinn . - » Warum gefällt uns denn aber das Schöne ? « - Mit der Antwort : weil es schön ist , wäre nichts gesagt ; indessen habe ich keine andere Antwort als , weil wir so organisirt sind daß es uns , wofern ihm nicht nachtheilige Umstände von außen oder innen im Lichte stehen , nothwendig gefallen muß . - » Aber muß denn alles , was gefällt , schön seyn ? Gefallen uns nicht viele Dinge bloß darum , weil sie zweckmäßig und nützlich sind ? « - Allerdings werden , unserm Sprachgebrauch zufolge , auch solche Dinge öfters schön genannt ; nur hat der Sprachgebrauch Unrecht , wenn er schön und gut vermengt . Das Schöne ist zwar , insofern es schön ist , immer etwas Gutes ; aber das Gute ist nicht , insofern es gut ist , nothwendig auch schön ; und dieß macht einen großen Unterschied - » Damit ist für den Begriff des Schönen nichts gewonnen , « sagt Speusipp ; » das Räthsel , dessen Auflösung wir suchen , die Frage : was ist das Schöne an sich ? bleibt noch immer ungelöst und unbeantwortet . « - Aus einem sehr einfältigen Grunde ; bloß weil wir keine Antwort auf diese Frage haben . Das Schöne oder die Idee des Schönen , in Platons Sinne , ist , wie Speusipp selbst gesteht , kein Gegenstand unsres Anschauens . Wir sehen nur einzelne schöne Dinge , und auch diese sind nur schön durch ihr Verhältniß gegen die Organe unsrer Sinne ; und wenn wir von schönen Dingen sprechen , so ist die Rede nur von dem , was dem Menschen , nicht was an sich schön ist . - » Diesemnach könnten wir von keinem Dinge sagen es sey schön ; denn wie wollten wir die Stimmen aller Menschen , die jemals gelebt haben , jetzt leben , und künftig leben werden , darüber sammeln ? « - Auch ist dieß sehr unnöthig . Mir genügt daran , daß etwas mir schön ist ; erscheint es auch andern so , desto besser ; zuweilen auch nicht desto besser : denn man ist öfters in dem Falle , etwas Schönes gern allein besitzen zu wollen . Wie dem aber auch sey , genug daß es nun einmal nicht anders ist noch seyn kann , und daß wir von sehr vielen Dingen keinen andern Grund , warum wir sie für schön halten , anzugeben haben , als weil sie uns schön vorkommen , oder , genauer zu reden , weil sie uns gefallen . - » Ein Ding kann also zugleich schön und nicht schön seyn ? « - Nicht seyn , aber scheinen , so wie z.B. dem Gelbsüchtigen die Lilie , die allen gesunden Augen weiß ist , gelb zu seyn scheint . Was ich schön finde , kann allerdings andern , aus mancherlei Ursachen , mit Recht oder Unrecht , gleichgültig oder gar mißfällig seyn ; denn Vorurtheil oder Leidenschaft kann mich oder sie verblenden . Die Liebe verschönert und hat für jeden Fehler des Geliebten ein milderndes Wörtchen , das ihn bedeckt oder gar in einen Reiz verwandelt ; der Haß thut das Gegentheil . Mangel an Bildung und klimatische oder andere locale Angewohnheiten haben vielen Einfluß auf die Urtheile der Menschen über Schönheit und Häßlichkeit . Kurz , das Wort schön , welchem Gegenstand es beigelegt werden mag , bezeichnet bloß ein gewisses angenehmes Verhältniß desselben , besonders des Sichtbaren , Hörbaren und Tastbaren , zu einem in Beziehung mit demselben stehenden äußern oder innern Sinn ; weiter hinaus reicht unsre Erkenntniß nicht , oder verliert sich in dunkle Vorstellungen und leere Worte . Ein solches Wort scheint mir die angeborne Idee zu seyn , welche der Neffe des großen Aërobaten54 Plato für den Kanon55 des Schönen , und Plato selbst ( wenn ich ihn anders verstehe ) für einen in unsre Seele fallenden Widerschein eines ihm und uns unbegreiflichen Urbildes des Schönen ausgibt , welchem er in den überhimmlischen Räumen56 einen Platz unter den übrigen Ideen anweiset . Da diese Platonischen Offenbarungen auch mir ( wie dem wackern Euphranor ) nichts klärer machen , so halte ich mich an das , was ich auf dem Wege der Beobachtung der Natur im Geschäfte der Entwicklung und Ausbildung unsres Schönheitssinnes abgelauscht zu haben glaube . Ich nehme als etwas allgemein Wahres an , daß ein gewisser Grad von Licht , und die gänzliche Abwesenheit desselben , eine ganz lichtlose Finsterniß , die entgegengesetzten äußersten Gränzen bezeichnen , innerhalb welcher das Licht allen gesunden menschlichen Augen schön ist . Innerhalb dieser Gränzen ließen sich , wenn wir ein Werkzeug das Licht zu messen hätten , eine Menge Abstufungen andeuten , welche die Grade unsers Vergnügens am Licht , oder ( was eben dasselbe sagt ) die Grade seiner Schönheit bezeichnen würden . Indessen lehrt die Erfahrung , daß eine gewisse Abwechselung und Mischung der höhern Grade des Lichts mit dem niedrigsten dasjenige ist , was in dem großen Gemälde der Natur die angenehmsten Eindrücke auf uns macht . Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel in der organischen Beschaffenheit unsers Auges , und mich dünkt , wir können uns dabei beruhigen , ohne tiefer in das Geheimniß der Natur eindringen zu wollen als sie uns erlaubt . Mit den Farben hat es eben dieselbe Bewandtniß . Der Anblick einer in tausendfältige Schattirungen von Grün gekleideten und von einem azurnen Himmel umflossenen Landschaft vergnügt unser Auge und däucht uns schön ; noch schöner der Himmel , wenn eine Menge leichter goldverbrämter Rosenwölkchen , wie schwimmende Inseln in einem hellblauen Meere , von Abend gegen Morgen langsam an ihm daherschweben ; am schönsten , wenn die Abendsonne durch ein dünnes Dunstgewölk in eine Glorie von zusammengefloss ' nen Regenbogen zu zerschmelzen scheint . Eine ähnliche Wirkung würde der Anblick der Erde thun , wenn Bäume , Gras und Kräuter , gleich einem mit den buntesten Blumen aller Art besetzten Gartenstück , einen unaufhörlichen Wechsel der lebhaftesten Farben in unsre Augen spielten . Wie entzückend aber auch ein solcher Anblick wäre , so sind doch unsre Gesichtswerkzeuge nicht dazu eingerichtet , so viel Schimmer und so lebhafte Farben in die Länge zu ertragen . Indessen erklärt sich daraus , warum uns die Natur im Frühling am schönsten erscheint ; weil nämlich die Färbung des magischen Gemäldes , das sie uns in dieser lieblichsten der Horen darstellt , zwischen dem einförmigen Blau und Grün , und einem allzu bunten und feurigen Farbenspiel gleichsam in der Mitte schwebt . Eben so , wie die Ursache der mehr oder minder angenehmen Wirkung des Lichts und der Farben in der Organisation unsers Auges zu suchen ist , scheint auch die allgemeine Erfahrung , daß gewisse Linien , Figuren und Körper dem Auge und der tastenden Hand angenehmer sind als andere , hauptsächlich in der natürlichen Beschaffenheit dieser Organe gegründet zu seyn . Warum gefällt uns eine sanftwallende Linie besser als eine gerade ? warum ein Cirkelbogen besser als ein Winkel ? Die Kreislinie mehr als das Eirund ? Wie man diese Fragen auch beantworte , am Ende müssen wir immer gestehen , die Einrichtung unserer Gesichts-und Gefühls-Werkzeuge bringe es nun einmal so mit sich . Eine gerade fortlaufende Linie , eine ebene ununterbrochne Fläche gefällt einen Augenblick , wird aber bald durch ihre Einförmigkeit langweilig ; das Winklichte beleidigt Gesicht und Gefühl ; ein sanfter Uebergang vom Ebnen zum Gebogenen schmeichelt beiden . Daher , daß uns das leichte Wallen eines sanftbewegten Wassers schöner däucht , als die schroffen in einander berstenden Wogen des empörten Meeres ; daher , daß unsre Töpfer und Bildner gewisse zwischen der Kugel und dem Ei mehr oder weniger in der Mitte schwebende Formen als die schönste zu Urnen und Prachtgefäßen wählen . Was ich von Licht und Schatten , Farben und Linien als den Elementen des sichtbaren Schönen gesagt habe , gilt in seiner Art auch von den verschiedenen Schwingungen der Luft , wodurch der Schall in unserm Ohr und vermittelst dieses Organs in unserm innern Sinne gewisse angenehme Gefühle erregt ; von dem majestätischen Rollen des Donners bis zum leisen Geflüster der Pappel und Birke ; vom klappernden Tosen eines entfernten Wasserfalls , bis zum einschläfernden Murmeln einer über glatte Kiesel hin rieselnden Quelle ; vom fröhlichen Geschwirr der Lerche bis zum eintönigen Klingklang der Cicade . Alle diese einfachern Schälle und Töne , durch welche die Natur unser Ohr als ein zu ihr stimmendes lebendiges Saiteninstrument anspricht , betrachte ich als die Elemente des hörbaren Schönen , welches , gleich dem sichtbaren , in der Mitte zwischen zwei Aeußersten schwebt , und also eben demselben Gesetz unterworfen ist , wodurch die dem Auge gefälligen Töne des Lichts und der Farben , und die dem Gefühle schmeichelnden Formen der Körper bestimmt werden , dem Gesetze der Harmonie der sinnlichen Eindrücke von außen mit der Einrichtung der ihnen entsprechenden Organe . Wiewohl ich nun diese angenehmen Empfindungen , wovon bisher die Rede war , als die Elemente betrachte , woraus alles sichtbare , hörbare und fühlbare Schöne zusammengesetzt ist ; so würden sie uns doch , jede für sich allein , nie auf den Begriff der Schönheit geführt haben . Denn wie lebhaft auch die angenehme Empfindung seyn mag , die z.B. durch eine gewisse Farbe oder einen gewissen einzelnen Ton in uns erregt wird ; so würde doch eine lange Dauer derselben unser Auge oder Ohr ermüden , und uns erst gleichgültig , dann langweilig , endlich widrig und unerträglich werden . Verschiedenheit und öftere Abwechselung der angenehmen Eindrücke sind sowohl zum Vergnügen als zur Erhaltung der Organe gleich nothwendig : aber im Verschiedenen muß Aehnlichkeit seyn , die Abwechselung durch sanfte Uebergänge bewirkt werden , und das Mannichfaltige , von Harmonie zusammengefaßt , zu einem Ganzen , dessen Totaleindruck uns angenehm ist , verschmolzen werden ; und dieß allein ist es , was die Idee der Schönheit in uns erzeugt . Lass ' uns nun einen höhern Standort nehmen . Die Natur ist alles was ist , war , und seyn wird , also auch die Quelle , so wie die Summe alles Schönen . Wär ' es möglich einen Augenpunkt zu finden , aus welchem sich die ganze Natur mit Einem Blick von uns überschauen ließe , so würden wir das wahre Urbild alles Schönen in der Wirklichkeit vor uns sehen . Aber unser Auge ist auf ein enges Hemisphärion eingeschränkt , und die Natur unermeßlich . Was sie unsern Sinnen darstellt , sind nur unendlich kleine Abschnitte und Bruchstücke eines gränzenlosen Ganzen . Aber das Wundervolle und Göttliche in ihr , das , wodurch sie sich so unendlich weit über die Kunst des Menschen erhebt , ist , daß jedes der kleinsten Gliedmaßen , aus welchen sie zu einem einzigen leben- und seelenvollen Körper innigst verwebt ist , eine Welt voll harmonischer Mannichfaltigkeit , eine unendliche Menge von organisirten Theilen enthält , deren jeder wieder als ein neues Ganzes betrachtet werden könnte , wenn die Werkzeuge unsrer Sinne fein und scharf genug wären , die besondern Eindrücke , die er auf uns macht , zu unterscheiden . Hier verliert sich der Gedanke in einem uferlosen Ocean , und uns bleibt nichts übrig , als uns wieder in die Schranken unsrer eigenen Natur zurückzuziehen , und , dem Gesetz der Nothwendigkeit gehorchend , uns selbst ( so klein wir sind ) als den Kanon der Natur , unser Empfindungsvermögen als das Maß ihrer Schönheit , und unsre Kunstfähigkeit als eine schaffende Macht zu betrachten , welche berechtigt ist , den uns überlass ' nen Erdschollen , unsre Welt , nach unsern eigenen Bedürfnissen , Zwecken und Begriffen zu bearbeiten , und in ein beschränktes Ganzes für uns zu unserm Nutzen und Vergnügen umzuschaffen . Daher kommt es nun , daß wir die Natur nur insofern schön finden , als das Schauspiel , womit sie uns umgibt , oder der einzelne Gegenstand , den wir daraus absondern , und für sich betrachten , unsern Sinnen angenehm ist . Eben dieselbe Landschaft , die uns bei heiterem Himmel unter einem gewissen Winkel von der Sonne beleuchtet , in Entzücken setzt , gibt bei trüber Luft einen sehr gleichgültigen Anblick ; eben dieselben Gegenstände , z.B. ein sumpfiger Boden , umgestürzte , ausgefaulte Baumstämme , schroffe mit schmutzigem Moose bewachsne Felsenstücke , tiefe finstre Höhlen , wildes struppichtes Gebüsche , - lauter Dinge die uns einzeln und in der Nähe betrachtet . Unlust , Ekel und Grauen erregen , erscheinen aus einem entfernten Gesichtspunkt , und durch eine gewisse Beleuchtung in ein Ganzes verbunden , als ein reizendes Gemälde . Vorzüglich aber erklärt sich daher , daß der Mensch keine schönere Gestalt kennt als seine eigene , und sich selbst , ohne sich dessen bewußt zu seyn , zum Typen aller schönen Formen macht . Da alles was die Natur hervorbringt , in seiner Art vollendet und vollkommen ist , wie käme der Krokodil oder die Kröte dazu , daß wir sie so häßlich und abscheulich finden , wenn nicht daher , weil der Contrast ihrer Bildung und Gestalt mit der unsrigen so ungeheuer groß ist ; da wir hingegen alle Arten von Thieren desto schöner finden , und um so viel mehr Anmuthung zu ihnen fühlen , je mehr die Formen und Proportionen ihrer Bildung sich den unsrigen nähern ; eine Bemerkung , die du sogar an solchen Naturgeschöpfen , welche die wenigste Aehnlichkeit mit uns zu haben scheinen , an Blumen , Stauden und Bäumen , bestätigt finden wirst , und wovon der Affe allein eine Ausnahme macht , weil er , durch einen Anschein von Aehnlichkeit , die mit der widerlichsten Häßlichkeit verbunden ist , der menschlichen Gestalt zu spotten , und den höchsten Grad von Verunstaltung und Abwürdigung derselben darzustellen scheint . Es scheint mir nun ein Leichtes , die verschiedenen Meinungen deiner Symposiasten nach dieser Ansicht der Sache zu vereinbaren oder zu berichtigen . Wenn wir zwischen dem , was ich die Elemente des Schönen nenne , und den schönen Naturerzeugnissen oder Kunstwerken , die daraus zusammengesetzt sind , gehörig unterscheiden , so heben sich alle Schwierigkeiten von selbst . Wir können von jenen keinen andern Grund angeben warum sie uns gefallen , als weil sie einen angenehmen Eindruck auf unsre Organe machen ; bei diesen hingegen liegt der Grund tiefer , nämlich in der Natur unsrer Seele selbst , welcher das innigste Wohlgefallen an Ordnung , Harmonie und Vollkommenheit wesentlich ist . Indessen ist auch bei dieser zusammengesetzten und vielgestaltigen Schönheit nicht zu vergessen , daß das , wodurch sie uns wirklich als schön erscheint und gefällt , bloß die schnell auf Einen Blick oder in einem untheilbaren Moment gefühlte Einheit im Mannichfaltigen ist ; indem dieses Gefühl und mit ihm die Idee der Schönheit so bald verschwindet , als wir den Gegenstand zergliedern oder in seinen einzelnen Theilen und Elementen stückweise betrachten . Mit dem , was Euphranor über die Platonische Idee der Schönheit sagt , bin ich insofern einverstanden , als ich sie für die Frucht einer natürlichen Täuschung halte , die daher entsteht , daß uns selten ein Gegenstand , sey es ein Werk der Natur oder der Kunst , vor die Augen kommt , der , unsrer Einbildung nach , nicht schöner seyn könnte als er uns erscheint . Indem wir dieß zu fühlen glauben , erzeugt sich in unsrer Phantasie ein mehr oder weniger klares Bild dieser höhern Schönheit , welches wir ( dünkt uns ) sogleich darstellen könnten , wenn wir die dazu nöthige Kunstfertigkeit besäßen ; und daß es nichts anders ist , scheint mir daraus klar , daß sobald ein schöner Gegenstand uns gänzlich befriedigt , wir unser Ideal in ihm realisirt , ja wohl gar noch übertroffen zu sehen wähnen . Daß es solche Gegenstände gebe , kann wohl kein Unbefangener bezweifeln , der aus den Unsterblichen den Jupiter oder die Minerva des Phidias , und aus den Sterblichen die schöne Lais gesehen hat . Ich müßte mich sehr irren , oder meine Philosophie des Schönen ( wenn ich ihr anders einen so vornehmen Namen geben darf ) ist auch auf das , was wir in sittlichem Verstande schön nennen , anwendbar . Auch hier finde ich meinen Unterschied zwischen den Elementen desselben und dem , was unser Verstand daraus zusammensetzt , wieder . Aufrichtigkeit , Unschuld , Güte , Treue , Dankbarkeit , Bescheidenheit , Sanftheit , Großherzigkeit , Geduld , Seelenstärke , und alle aus diesen Eigenschaften oder Tugenden entspringenden Gefühle , Gesinnungen und Thaten nennen wir schön ; weil sie uns , vermöge einer in unsrer Natur gegründeten Nothwendigkeit , gefallen , anziehen , Achtung und Liebe einflößen , wo , wann , und an wem wir sie gewahr werden , ohne alle Rücksicht auf das Nützliche , das sie für uns haben oder haben könnten . Im Gegentheil eine schöne That erscheint uns desto schöner , je mehr Selbstüberwindung und Aufopferung eigener Vortheile sie erfordert , und unser besonderes Ich kommt dabei so wenig in Betrachtung , daß , wofern der Mond Einwohner hätte und man erzählte uns irgend eine schöne That , die ein Mann im Monde vor zehntausend Jahren gethan hätte , die Vorstellung derselben eben so auf uns wirken würde , als wenn sie vor wenig Tagen mitten unter uns geschehen wäre . Dieß erstreckt sich sogar auf die Thiere , an welchen wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben , ja noch weiter hinab bis ins Pflanzenreich , wo es , z.B. Blumen gibt , die uns durch Gestalt , Farbe und Wohlgeruch zu natürlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften werden , und aus diesem Grunde , öfters auch ohne daß wir uns dessen bewußt sind , Personen von zärterem Gefühl eine sonderbare Art von Anmuthung einzuflößen vermögen . Einen aus jenen Eigenschaften , als den Elementen oder Grundzügen des Sittlichschönen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schön , weil und sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst vollendetes Ganzes darstellt . Das Schönste in dieser Art wäre also unstreitig ein ganzes Leben , welches , aus lauter schönen Gesinnungen und Thaten zusammengesetzt , uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und Fähigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des großen Zwecks der möglichsten Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mittheilung gewähren würde . Ein solcher Charakter in einem solchen Leben dargestellt , würde für die Formen und Proportionen des sittlichen Menschen eben das seyn , was der Kanon des Polykletus für die richtigsten Verhältnisse des menschlichen Körpers . Denn unläugbar gibt es in beiden ein Schönstes , über welches die Phantasie nicht hinausgehen darf , wenn sie des wahren Ebenmaßes nicht verfehlen , und statt schöner Gestalten schöne Ungeheuer hervorbringen will . Die Einbildung , daß sich immer noch etwas Schöneres denken lasse als das Schönste was uns die Natur wirklich darstellt , ist bloße Täuschung ; und ich bin auch über diesen Punkt gänzlich der Meinung deines Freundes Euphranor , der es zu verdienen scheint , daß du ihm hierin zur vollständigsten Ueberzeugung verhelfest . Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina ( denn dafür darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schluß deines Briefes nehmen ? ) würde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen fliegen , wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich gemacht hätte , seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten . So fern von Aegina als ich dann seyn werde , könnt ' ich mich um so leichter versucht fühlen , meine Wanderungen zu Wasser und zu