sie eines Abends in ihr Kämmerchen herüberholte und mit Chokolade fütterte . Eine ältere , aus Gleichgültigkeit gegen alles Deutsche ziemlich duldsame Engländerin führte die Oberaufsicht über den Saal . Außer Agathe und Eugenie schliefen nur noch einige neu angelangte Landsmänninnen der Miß darin . “ Agathe , hast Du schon einmal einen Mann gern gehabt ? ” fragte Eugenie leise . “ Aber Eugenie , wie kannst Du denn so etwas denken , ” flüsterte Agathe erschrocken und wurde dunkelrot . “ Du hast kein Vertrauen zu mir , ” sagte Eugenie verletzt und schloß die Schachtel mit der Chokolade in ihre Kommode . “ Geh ' nur , ich bin müde . ” Sie blies das Licht aus und legte sich zu Bett . “ Wenn Du offen wärest , würde ich Dir auch etwas gesagt haben . Aber Du bist immer so versteckt . Du bist eine Tugendheuchlerin . Ja , das bist Du . ” Eugenie drehte sich nach der Wand . Agathe saß zaghaft im Korsett und Unterrock auf dem Bettrand . Aus den anderen Kammern drang ruhiges Atmen und ein zufriedenes Murren , welches die Engländerin beim Schlafen auszustoßen pflegte . Es war behaglich warm im Zimmer und roch nach Mandelkleie und guter Seife . Agathe entschloß sich endlich , zu gestehen , daß sie ihren Vetter Martin gern habe . Sie wollte sich des Vertrauens der angebeteten Eugenie würdig zeigen . Eugenie hob den Kopf . “ Habt Ihr Euch geküßt ? ” Agathe beteuerte , daß es nicht “ so ” wäre ; sie habe ihren Vetter ja nur lieber als die anderen Jungen . Eugenie streckte sich auf ihrem Lager aus und legte den Arm unter den Kopf . “ Agathe , ich habe geliebt ! ” sprach sie nach einer Weile dumpf und feierlich . Agathe schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust . “ Und — und — hast Du . . . ? ” “ Geküßt — ; ach — zum ersticken ! Und er mich ! ” Eugenie hatte sich aufgerichtet , beide Arme um die Freundin geworfen und preßte sie heftig an sich . Agathe fühlte , wie das Mädchen am ganzen Leibe bebte . “ Deshalb haben sie mich ja in Pension geschickt ! — Aber es wäre doch zu Ende gewesen . Der Erbärmliche ! Agathe — er war mir treulos ! ” Sie warf sich in die Kissen zurück , aus den Federn drang ihr ersticktes Schluchzen . “ Wer war es denn ? ” “ Einer aus unserm Komptoir . . . Weißt Du — das kleine Zimmer , wo die Kisten mit den Cigarrenproben stehen , wo es so dunkel ist — da war es , da haben wir uns immer getroffen . Ach — wie er schmeicheln konnte , wie er süß war und mich auf seine Knie nahm , wenn ich nicht wollte . . . . ” Eugenie küßte Agathe leidenschaftlich und stieß sie dann fort . “ Geh , Du bist ein Kind — ich hätte Dir das nicht sagen sollen . ” Agathe beteuerte , daß sie kein Kind sei . “ Schwöre , daß Du es niemand erzählen willst ! Auch nicht Deiner Mutter . Hebe die Finger in die Höhe ! Schwöre bei Gott ! ” Agathe schwur . Sie war ganz betäubt vor Staunen . “ Er wollte mir nachreisen , ” stieß die aufgeregte Eugenie hervor . “ Hierher ? ” “ Er soll nur kommen ! Mit den Füßen stoße ich ihn fort ! Er hat mich betrogen ! Der Schuft ! Mit Rosa hat er ' s zu gleicher Zeit gehalten , und die hat alles erzählt , aus Rache ! Ich hasse ihn ! ” “ Eugenie — ach Du arme Eugenie ! Ich ahnte ja nicht , wie unglücklich Du warst , ” flüsterte Agathe mit scheuer Verehrung . “ Nein , man sieht es mir nicht an , ” sagte Eugenie . “ Am Tage verstelle ich mich . Aber des Nachts — ! Da will ich mir oft das Leben nehmen . Wenn ich dies Chloroform austrinke , bin ich tot . Ich trage es immer bei mir ! ” Entsetzt riß Agathe der Freundin das Fläschchen mit den Zahntropfen aus der Hand und beschwor sie unter Thränen , um ihrer Eltern und der Freundschaft willen das Dasein zu ertragen . Sie stand unter dem Zauber der großen klassischen Leidenschaften — Erinnerungen an Egmont , an Amalia und Thekla taumelten durch ihre Phantasie , die Freundin wuchs ihr zu einer unerhörten Größe durch das Geständnis , daß auch sie “ gelebt und geliebt ” habe . Nur das rachsüchtige Fabrikmädchen war ihr störend in dieser heiligen Sache . Übrigens glaubte sie nicht , daß der Kommis treulos sei . Er würde sicher bald erscheinen und alles aufklären . Aber wenn ihn dann Eugenie mit den Füßen fortstieße ? Wenn er sich aus Verzweiflung erschießen würde ? Agathe sah tragische Auftritte voraus und lag mit glühenden Wangen und aufgeregten Sinnen noch stundenlang wachend im eigenen Bett . Sie hatte ein Gefühl , als liefen ihr Ameisen leise und eilig über den ganzen Leib . Dabei hörte sie die unruhigen Bewegungen von Eugenie , ihr tiefes Seufzen . Durch das Träumen über das Geständnis ihrer Freundin schlich sich heimlich die Überlegung , ob sie selbst nicht doch ihren Vetter Martin liebe — so — so — wie Eugenie meinte . Aber es war doch nicht , nein , es war ganz anders — ganz anders . Endlich schlummerte sie ein . Plötzlich , nach kurzer Zeit , kam sie wieder zur Besinnung , geweckt von einem großen brennenden Sehnsuchtsgefühl , welches ihr ganz fremd , ganz neu und schreckenerregend und doch entzückend wonnig war , so daß sie sich ihm einen Augenblick völlig hingab . “ Mani ! ” murmelte sie zärtlich und verwirrt und faltete ängstlich die Hände . “ Ach lieber Gott ! ” Sie begann auszurechnen , wieviel Tage es noch bis zu den großen Ferien seien , wo sie ihren Vetter wiedersehen werde . Darüber schlief sie ein und diesmal fest und traumlos — bis zum Morgen . Agathe mußte immer aufs neue staunen , wie stark und sicher Eugenie ihre große Leidenschaft in ihrem Herzen verschloß , und mit welcher Lebendigkeit sie den Tag über an allen Thorheiten , die getrieben wurden , ihren Anteil nahm . Neben den religiösen Kämpfen beschäftigten sich die jungen Damen hauptsächlich mit der Frage , wer von ihnen die längsten Augenwimpern habe . Es wurden zur Lösung dieser Zweifel die schwierigsten Messungen vorgenommen . Wirklich gehörte viel Interesse für die Sache dazu , um sich ein Blatt Papier unter das Lid zu schieben und sich mit einem Bleistift dicht vor dem Augapfel herumfuchteln zu lassen . Mitten im Vierteljahr kam eine neue Schülerin , die Tochter eines berühmten Schriftstellers aus Berlin . Sie wurde mit der größten Spannung empfangen . Ein völlig farbloses , elfenbeinweißes Gesicht und hellgrüne Augen unter schwarzen Brauen , die über der Nasenwurzel dicht zusammengewachsen waren , gestalteten das Äußere dieses Mädchens eigenartig genug . Dazu eine Fähigkeit , sich mit der großen Zehe an der Nase kitzeln zu können und die Finger ohne jede Schwierigkeit nach allen möglichen und unmöglichen Richtungen zu biegen und auszurenken — das alles mußte die kühnsten Erwartungen von etwas Außergewöhnlichem übertreffen . Agathe befiel bei dem Anblick der Neuen sofort eine böse Ahnung . Da Klotilde erklärte , ihr Vater habe stets ihre Aufsätze korrigiert , wurde sie natürlich ohne weitere Prüfung in die erste Klasse aufgenommen . Dr. Engelbert glaubte dies dem Ruhm einer deutschen Litteraturgröße schuldig zu sein . Hier erfüllte die junge Dame indessen die auf ihr gebauten Hoffnungen so wenig , daß Dr. Engelbert sich genötigt sah , sie in die zweite Klasse , welche seine Frau leitete , zurückzuführen . Es stellte sich denn auch heraus , daß Klotilde nur die Stieftochter des Dichters war , also nicht wohl seine Talente geerbt haben konnte . Schon am ersten Abend ging Eugenie mit der Neuen im Garten spazieren und ließ sich von ihr in der Kunst unterrichten , sich eine griechische Nase zu schminken . Agathe wagte einen schüchternen Einwurf . Aber damit kam sie schlecht an . Eugenie vernachlässigte sie in den nächsten Tagen in wahrhaft brutaler Weise . Eine heftige Korrespondenz erfolgte zwischen den zwei Schlafsaalgenossinnen , man schrieb sich in pathetischen Ausdrücken die beleidigendsten Dinge . Agathe durchweinte vor Zorn und Eifersucht ganze Nächte . Schließlich erklärte ihr Eugenie rund heraus : sie liebe Klotilde , sie habe es vom ersten Augenblick an gefühlt . Gegen Liebe lasse sich nichts thun , und Agathe möge sich eine andere Freundin suchen . Man sprach nicht mehr zusammen — man ging aneinander vorüber , ohne sich zu sehen . Daß ein häßliches , kleines Judenmädchen die Gelegenheit ergriff , sich an die Verlassene zu drängen , konnte sie nur wenig trösten . Agathe begann jetzt Eugeniens Liebesgeschichte mit dem Kommis in einem anderen Licht zu sehen und etwas Unerlaubtes , Häßliches darin zu finden . Wer konnte wissen , ob sie nicht Unrecht hatte — sie war ja eine ganz treulose Natur . Eugenie schien sich indessen mit der Neuen herrlich zu amüsieren . Am Tage lasen die jungen Mädchen Ottilie Wildermuth und die Polko , des Nachts im Bett lasen sie Eugen Sue . Auch ein schmutziger Leihbibliothekband mit herausgerissenem Titelblatt machte die heimliche Runde . Er enthielt die Schicksale einer Frau , die mit einem Mal in Form einer Maus behaftet ist , das sie sorgfältig zu verbergen sucht , während der tückische Zufall das Geheimnis beständig enthüllt . Agathe fand diese Geschichte dumm und eklig . Da hieß es , sie wäre prüde , und man nahm sich vor ihr in acht . Klotilde hatte einige von den Werken ihres Vaters mitgebracht , die sie ihren bevorzugten Freundinnen borgte , jedesmal mit der beleidigenden Bemerkung : sie der frommen Agathe nicht zu zeigen ! Und was die Mädchen für rote Köpfe bekamen , wenn sie die Bücher in verborgenen Lauben verschlangen . Es war aber auch gräßlich aufregend , sich vorzustellen , daß ein so feiner , vornehmer Herr , wie der Dichter , gegen den sogar Dr. Engelbert die Unterwürfigkeit selbst gewesen war , so schreckliche Sachen schrieb . — Hätten die Mädchen nur nicht immer ihre geflüsterten Unterhaltungen abgebrochen , wenn Agathe sich näherte . Sie verging vor Neugier , zu erfahren , was jetzt wieder alle so furchtbar beschäftigte . Aber der Stolz hinderte sie , auch nur eine einzige Frage zu thun . Es war ein entsetzlicher Zustand , ausgeschlossen und verachtet zu sein , während man sich grenzenlos nach Vertrauen und Liebe sehnte . Endlich erfuhr sie das Geheimnis durch das Judenmädchen , das ihr zu ihrem heimlichen Verdruß mit der Treue eines kleinen Hundes nachlief . Frau Dr. Engelbert würde wahrscheinlich ein Kindchen bekommen . Die jungen Damen waren einig in der Empörung , daß man ihnen , den Töchtern der besten Familien , einen so anstößigen Anblick zumuten könne ! Warum entrüsteten sie sich nur so heftig ? dachte Agathe — sie hatten doch auch kleine Geschwister . Sie war gerührt und ein wenig verwirrt . Wenn Frau Dr. Engelbert in die Stube kam , suchte sie ihr unbemerkt etwas Liebes zu erweisen und lernte mit Eifer ihre Aufgaben , um sie beim Unterricht nicht zu kränken . Frau Dr. Engelbert suchte sich mit der tröstlichen Aussicht zu beruhigen , das freudige Familienereignis werde in den großen Ferien fallen . Doch fühlte sie mit steigendem Unbehagen , wie fünfundzwanzig junge Augenpaare mit gierigem Vergnügen jede Veränderung ihres Äußern beobachteten und fünfundzwanzig schonungslose Mädchenzungen darüber tuschelten und flüsterten . Ihr Mann fand ihre Ängstlichkeit übertrieben und bewies ihr mit seinem schönen Idealismus : deutsche Mädchen seien viel zu unschuldig und zu wohlerzogen , um die Sache auch nur zu bemerken . Da wurde das Interesse traurig genug abgelenkt . Eine der Schülerinnen , ein blühendes , freundliches Geschöpf , bekam den Typhus und war in wenigen Tagen eine Leiche . Man hatte sie in der abgelegenen Krankenstube gepflegt , und niemand der Kinder durfte sie im Sarge sehen . Das Unschöne , Traurige sollte den jungen Wesen möglichst fern gehalten werden . Trotz dieser Vorsicht bekamen mehrere Schülerinnen Weinkrämpfe . In den Schlafsälen mußten die Lampen brennen bleiben , weil die meisten sich fürchteten , im Dunkeln zu schlafen . Auch Agathe war maßlos aufgeregt . Sie wurde von einem unnatürlich gesteigerten Verlangen geplagt , die Leiche zu sehen , ja sie zu berühren . Sie schämte sich über sich selbst , suchte sich zu beherrschen und las in ihrer Bibel den neunzigsten Psalm . Es war schon spät am Abend . Eugenie sprach noch mit der Engländerin und erzählte dieser , sie habe ihr Vokabelheft bei Klotilde liegen lassen und wolle noch hinüberlaufen , es zu holen , weil sie morgen früh daraus lernen müsse . Nach einigem Hin- und Herreden verschwand Eugenie . Es verging etwa eine Viertelstunde , dann kam sie zurück und schlüpfte in Agathes Kammer . “ Agathe , ” flüsterte sie weinend , “ wir haben Elsbeths Leiche gesehen . Ich mußte — ich wäre sonst gewiß auch krank geworden . ” “ Wie kann man denn ? ” fragte Agathe , sich aufrichtend . “ Die Krankenstube hat doch ein Fenster nach dem Flur — das steht offen , hinter dem Vorhang . Es brennt Licht drin . Sie war so schön — aber grausig ! Ach , Agathe , so jung zu sterben , ist schrecklich ! ” Die entzweiten Freundinnen fielen sich in die Arme und weinten zusammen , dann zog Agathe ihre Strümpfe an und warf ihre Röcke und ihren Regenmantel über . “ Ich will auch hin ! ” “ Ja — ein Stuhl steht in einer Ecke vom Flur . Du mußt darauf steigen . Warte erst noch , damit die Miß nichts merkt . ” In Furcht und Grauen schlich Agathe durch die dunklen Korridore des großen Hauses , eine Treppe hinab , eine andere hinauf , bis sie an das abgelegene Zimmer des Seitenflügels kam , wo der Sarg mit der jungen Elsbeth stand . Ein kühler Wind strich durch das Fenster und bewegte ihr Haar , als sie den Vorhang hob , ein merkwürdig schauerlicher Duft wehte ihr entgegen , die Lampe , die auf einem Tisch zur Seite brannte , warf einen klaren Schein gerade auf das Gesicht der Toten und auf die wächsernen Hände , die über der Brust gefaltet lagen . Als Agathe das ruhige , weiße Antlitz mit den geschlossenen Augen unter dem Schmuck des grünen Myrthenkranzes erblickte , wich ihre krankhafte Erregung und es wurde sehr still in ihr . Sie senkte den kleinen Vorhang und stieg mit schönen feierlichen Gefühlen wieder hinab . Sie faltete die Hände und lehnte sich gegen die Mauer . “ Lieber Gott , laß mich auch sterben , ” betete sie . Das Leben , auf das sie sich so freute , schien ihr wertlos im Vergleich zu dieser Ruhe . An Auferstehung dachte sie nicht . Sie wäre gern in dem Augenblick vergangen — im Nichts verschmolzen , doch ohne sich darüber klar zu werden . — — Die Traurigkeit und Todessehnsucht hielt lange bei ihr an . Auch als Eugenie sich ihr wieder näherte , machte sie das nicht mehr glücklich . Sommerferien auf dem Lande . . . Schwebt nicht ein Duft von Rosen und Erdbeeren vorüber ? Schäumende Milch , frisch aus dem Kuhstall ! — Körbe voll schwarzer und gelb-rotglänzender Kirschen ! — Kuchen , halb so groß wie der Tisch , mit einer dicken Butter- und Zuckerkruste — Honigscheiben , die vor neugierigen Augen dem Bienenstock entnommen werden . . . Und Sonne — Sonne — Sonne ! ! Fahrten durch die Felder , denen der kräftige Geruch des reifenden Kornes entströmt , durch Wälder , wo kleine braune Rehe eilig und furchtsam hinter fernen Baumstämmen hervoräugen . Auf offenem Ponywägelchen Vettern und Cousinen zusammengerüttelt und geschüttelt und überströmt von des Himmels unverhofft niederrauschendem Gewitterregen . Triefende Haarschöpfe und verdorbene Sommerhüte und selige , fröhliche , glühende , junge Gesichter ! Und liebes , heimliches Beieinanderhocken auf kleinen Ecksofas im Schatten altertümlich geschnitzter Schränke , so brüderlich und schwesterlich — und doch nicht ganz Bruder und Schwester . . . Das fanatische Krokettspielen auf dem großen Platz vor dem Hause — oft noch eine Revanche-Partie im Stockfinstern , bei der mangelhaften Beleuchtung einer Stalllaterne , die von den galanten Vettern von Reifen zu Reifen getragen wird . Das Tanzen zu der Begleitung einer gepfiffenen Polka durch den weiten , leeren Festsaal mit den Familienbildern aus der Empire- und Biedermannszeit . — Onkels und Tanten als wunderlich geputzte Kinder , welche Kaninchen und weiße Tauben in den Händen halten und von den Wänden herab dem Tollen einer neuen Jugend feierlich lächelnd zuschauen . Und vor allem die große Mittagstafel , bei der zuletzt von Onkel August ein Gesetz erlassen werden mußte : “ Hier wird gegessen , nicht gelacht . ” Aber dann hätte man den Vettern und Cousinen auch verbieten müssen zu sprechen , zu blicken , sich zu bewegen . Was war denn nur fortwährend so unsäglich komisch ? Agathes und Martins gemeinsames Schwärmen ? und die nüchternen Bermerkungen , welche Cousine Mimi dazwischen warf ? Die zierlichen Redewendungen der Kadetten , der Söhne von Onkel August Bär , oder die unnatürlich tiefe , pathetische Stimme , in der Agathes Bruder sich seit kurzem gefiel ? Man mußte eben lachen über alles und über gar nichts — den ganzen Tag lachen , bis man fast vom Stuhle fiel , bis die Mädchen mit thränenüberströmten Wangen und den seltsamsten Lachseufzern gegeneinander taumelten und die großen Jungen vor Vergnügen brüllten , sich auf die Schenkel schlugen und wie vom Veitstanz ergriffen in der Stube herumsprangen . Das zweck- und ziellose Herumjagen in dem schönen Park , das lichttrunkene Träumen im Baumschatten zur Zeit der heißen Mittagsstunden — die weisen Gespräche , das ernsthafte und eifrige Streiten über alle Weltfragen , von denen man nichts verstand ! Aber war das thöricht ! Ach , war das alles gesund und gut und schön ! Jugend , Leben , Kraft- und Frohsinns-Überfülle . Agathe schrieb einmal einen langen Brief an Eugenie , in dem sie eine glühende Schilderung von den köstlichen Ferien in Bornau bei Onkel August Bär entwarf . Martins Name kam fast in jedem Satze vor , aber doch nur in den harmlosesten Beziehungen . Daß der unausstehliche , komische Junge Agathe ein Strähnchen grüner Wolle , das sie notwendig zu ihrer Stickerei brauchte , gestohlen hatte , schrieb sie nicht . Auch schwieg sie von der furchtbaren Aufregung , in die er Agathchen versetzte , wenn er in Gegenwart der ehrwürdigsten Tanten , der moquantesten Onkels , von Mama und Großmama das Wollensträhnchen mit frecher Gelassenheit aus der Brusttasche seiner grauen Sommerjacke hervorzog , es um seine Finger wickelte , es verräterisch hin- und herschlenkerte , und Agathes Verlegenheit und Zorn aufs Höchste steigerte , indem er das Andenken — allerdings mit entsprechenden Vorsichtsmaßregeln , er ging nämlich dazu in die Fensternische — an sein Herz und seine Lippen drückte . Und niemals hätte sie sich entschließen können , Eugenie zu erzählen , daß der kühne Bursche einmal , als sie beide allein im Zimmer waren , neben dem Stuhl , auf dem sie saß , niederkniete und sagte , er wolle hier liegen bleiben , bis sie ihm einen Kuß geben würde , und es kümmerte ihn gar nicht , wenn jemand hereinkäme und es sähe — wenn sie sich so lange zieren wollte , wäre es eben ihre Schuld ! Agathe hatte ihn darauf von sich gestoßen , war aufgesprungen und fortgelaufen , die Treppe hinunter . Sie hörte Martin hinter sich , drei Stufen auf einmal überspringend und floh durch das eiserne Gitterthor , das sie kräftig zuwarf . So jagten sie sich eine Viertelstunde lang um die Linde durch den Hof und um die Ställe herum , bis die Mittagsglocke läutete . Er hatte sie nicht gefangen , niemals war sie so leichtfüßig gewesen . Vielleicht hatte Martin auch ihren ehrlichen Schrecken gesehen und sie gar nicht einholen wollen . Während Agathe glühend und außer Atem ihre aufgelösten Zöpfe wieder flocht und feststeckte , fühlte sie sich sehr tugendhaft und erhaben . Sie war doch eigentlich etwas ganz Anderes als Eugenie , die sich in einer dunklen Stube einem Kommis aufs Knie setzte . Sie wollte auch immer streng und abweisend bleiben — bis — ja bis Er kommen würde , der Herrlichste von allen ! Visionen weißer Schleierwolken und brennender Altarkerzen schwebten durch ihre Phantasie . Oder tot — still — im schwarzen Sarg mit der Myrthenkrone über der reinen Stirn — ach wie traurig — o wie schön ! Agathe liefen bei dem Gedanken gleich die stets bereiten Thränen aus den Augen . Mit einem herzlichen Mitleid gegen den armen Vetter erschien die junge Spröde zu spät bei Tisch . Martin füllte sich eben den Teller voll Makkaronipudding , aß tapfer drauf los und sah sie gar nicht an . Agathe war ein wenig enttäuscht . Die edle Strenge bekam eine Beimischung von Piquiertheit . Martin betrug sich in den nächsten Tagen nicht wie ein unglücklich Liebender , auch nicht zudringlich , sondern flegelhaft , grob und ungezogen . Dann brachte er ihr zum Kirchgang am nächsten Sonntag eine von den sonderbaren braunen Calicanthus-Blüten , die es nur noch in dem altmodischen Garten von Bornau gab . Er wußte , daß Agathe ihren starken , schweren Würzduft besonders liebte . Die beiden waren nun wieder gute Freunde . Er machte aber keinen Versuch mehr , Agathe zu küssen . Das grüne Wollsträhnchen kam seit der Zeit nicht wieder zum Vorschein . Herr Heidling war , während die Erziehung seiner Tochter nach der Pensionszeit bei Pastor Kandler gewissermaßen die letzte Weihe empfing , als Regierungsrat in die Provinzhauptstadt zurückversetzt worden . Die Familie bezog hier die zweite Etage in einem eleganten Hause des neuen Stadtteils , welcher als Verbindungsglied zwischen der engen , dumpfigen , menschendurchwühlten Altstadt und dem im Bau begriffenen mächtigen Centralbahnhof geplant war . Noch konnte jeder Windzug von den Feldern frei durch die erst halb fertigen Straßen blasen . Es war nicht eben behaglich , daß er stets Kalkstaub und Sandwolken von den vielen Bauplätzen in die Luft emporzuwirbeln fand und den Dampf , sowie den durchdringenden häßlichen Geruch des Asphalts , der in großen schwarzen Kübeln auf offenen Feuern erhitzt und für die Pflasterung der Trottoire zubereitet wurde , bald nach dieser , bald nach jener Seite wehte . Die bereits fertig gestellten Häuser ragten , mit ihren schweren geschnitzten Hausthüren , ihren mit Stuckwerk , Karyatiden und Balkons überladenen Fassaden und den nackten , fensterlosen Seitenflanken , unbeschützt durch gleichgroße Nachbarn , in geradezu erschreckender Höhe empor . Dennoch sah man schon , daß dieser neue Stadtteil binnen Kurzem die Zierde von M. sein würde . Jeder fand es begreiflich , daß man das neue Gute durch ein unangenehmes Übergangsstadium erkaufen müsse . Die Wohnungen waren begehrt und sehr teuer . Hier sollte Agathe ihr Leben als erwachsener Mensch beginnen . Sie wollte es sich ganz nach eigenem Sinne gestalten . Zwar — auf die Eltern hatte sie Rücksicht zu nehmen , aber Papa und Mama liebten sie ja so sehr , daß sie ihr gewiß in allem entgegenkommen würden , besonders da sie nur das Gute wollte und den schönsten Idealen nachstrebte . Beichte und Abendmahl hatten doch eine entsündigende Macht ! Sie fühlte sich frei und leicht , die Seele war ihr wie abgebadet . Und eigentlich — nun sie erwachsen war , konnte es doch auch nicht so schlimm sein , wenn sie manches wußte , von dem niemand ahnen durfte , daß ihre Gedanken sich damit beschäftigten . In dem Zimmer mit dem hübschen Blumenerker , das die Eltern neu eingerichtet und ihr als Eigentum übergeben hatten , baute Agathe alle ihre Konfirmationsgeschenke feierlich auf . Herweghs böse Sturmgesänge waren beim Buchhändler gegen eine Gedichtsammlung mit dem Titel “ Fromme Minne ” eingetauscht . Martin nannte sie verächtlich nur : die fromme Minna . Er hatte Heidlings nach abgelaufenem Militärjahr auf seiner Reise zur Universität besucht . Aber Agathe verstand sich nicht mehr mit ihm . Er gewöhnte sich eine rohe Art an , über alles , was sie schön fand , zu höhnen und bei jeder Gelegenheit in ein lautes wildes Lachen auszubrechen . Infolge seines unliebenswürdigen Wesens wurde es Agathe noch zweifelhafter , ob Revolution und Christentum sich vereinigen lasse . Sie studierte mit Eifer die Zeitungen , verschob es aber vorläufig noch , sich bestimmt für eine Partei zu entscheiden . Sie wollte sich erst recht gründlich unterrichten . . . . . . . . Wie neckisch auf dem Geschenktisch der kleine rote “ Liebesfrühling ” zwischen den vertrockneten Blumensträußen und den Lederetuis mit den Schmucksachen hervorblickte ! Aber über allem thronte als Mittelpunkt der Prachtband : “ Des Weibes Wirken als Jungfrau , Gattin und Mutter . ” Seine reiche Vergoldung strahlte in einem sanften , mystischen Glanz . Der jetzige Zustand war ein Noviziat , das der Einweihung in die heiligen Geheimnisse des Lebens voranging . Die einfachsten häuslichen Pflichten führten Agathe ein in den gottgewollten und zugleich so süsüßen , entzückenden Beruf einer deutschen Hausfrau . Durfte sie am Sonntag ein Tischtuch aus dem schönen Wäscheschrank der Mutter holen und die Bettbezüge und Laken für den Haushalt verteilen , that sie es mit froher Andacht , wie man eine symbolische Handlung verrichtet . In der Bodenkammer unter dem Dach wanderte ein feiner Sonnenstrahl durch die kleine Fensterluke über Spinneweben und Staubwust . Keck und lustig vergoldete er da ein Eckchen und dort ein Zipfelchen von dem alten überflüssigen Plunder , der hier pietätvoll aufbewahrt wurde : Bilder aus dem Haushalt der Großeltern und verblaßte Rückenkissen , Walters Schaukelpferd , und Ballschuhe , in denen die Regierungsrätin als Braut getanzt hatte . Sie konnte sich nie entschließen , sich von einem Dinge , das ihr einmal lieb gewesen , zu trennen , und so wanderte der Inhalt der Bodenkammer auch bei jedem Wohnungswechsel der Familie Heidling getreulich mit . Zu den köstlichsten Andenken vergangener Zeiten begrub Agathe nun ihr Spielzeug , das sie in eine Kiste sorgsam mit Kamphorsäckchen verpackte . Die ganze Miniaturausgabe einer Kinderstube ging so noch einmal durch ihre Finger , bis zu den Wickeln und Windeln , der Badewanne und den Wärmfläschchen , — den vielen zierlichen Gegenständen , die zur Pflege der Allerkleinsten nötig sind und durch deren Handhabung bei phantasievollem Spiel die geheimsten Empfindungsnerven des werdenden Weibes in erwartungsvoll zitternde Schwingungen versetzt werden . Träumerisch erinnerte sich Agathe , indem sie ihre Lieblingspuppe zum Abschied leise auf die Stirn küßte , des atemlosen Entzückens , mit dem sie oft ihr Kleid geöffnet hatte , um das harte kalte Wachsköpfchen an die winzigen Knospen ihrer Kinderbrust zu drücken und es trinken zu lassen . Verlegen lächelnd tastete sie nun über die weiche Rundung ihres Busens . Nie konnte ihr die Schneiderin die Taille eng genug machen , sie schämte sich der ungewohnten Fülle ihrer Formen . Auf dem Grunde der Kiste , unter einer verblichenen rosenroten Decke , lagen die kleinen Sachen , die sie selbst und die gestorbenen Geschwisterchen einmal getragen hatten . Das alles wurde aufbewahrt bis zu dem Tage , wo es Agathe einmal herausnehmen durfte zum Gebrauch für ihre eigenen lebendigen kleinen Kinder . Neugierig hob sie die rosenrote Decke ein wenig und zog ein feines , winziges , spitzenbesetztes Hemdchen hervor . Nein — wie süß ! Wie süß ! Sie streckte ihre Finger in die Ärmelchen und lachte es an . — — War das alles rätselhaft , seltsam — ein tiefes Wunder . . . . . Und was sie hörte , was sie träumte , machte alles nur unbegreiflicher . . . . Ach , die schweigsam selige Erwartung in ihr — Tag und Nacht — Tag und Nacht Im Gegensatz zu der Mattigkeit und Schlafsucht , gegen die Agathe während ihrer Pensionszeit beständig zu kämpfen gehabt hatte , erfüllte sie jetzt ein immerwährendes Verlangen nach Bewegung und Thätigkeit . Sie fühlte sich oft namenlos glücklich , auch ohne eine besondere Ursache . Beim Abstäuben der Möbel konnte ihr heller Sopran sich plötzlich zu lautem Jubel aufschwingen . Unzähliges wurde zu gleicher Zeit begonnen : Kunstgeschichte , Schneiderei , Musik und Besuche bei Freundinnen und bei armen Leuten , denen die Ersparnisse ihres Kleidergeldes zuflossen . Ach ja — so recht praktisch , liebevoll , aufopferungsfreudig und dabei gescheut und von gediegener Bildung ! Um das zu erreichen , mußte man sich schon tummeln ! Alles , alles für ihn — den geliebten , herrlichen , zukünftigen Unbekannten ! — Für sich allein , nur aus Freude an den Dingen — nein , das wäre doch Selbstsucht gewesen ! Und es war ja auch so schön , so süß , für andere zu leben . Agathe schloß sich mit neuerwachter Zärtlichkeit ihrer Mutter an . Sie fand reizende kleine Aufmerksamkeiten für ihren Vater . Der Regierungsrat begann seine Tochter mit stiller Verliebtheit zu betrachten . Er fühlte jene herzliche Freude an der beständigen Nähe eines frischen , jungen Mädchens , die älteren Männern das Heim mit einem neuen sonnigen Zauber verklärt , einem Zauber , welcher ungestört von sinnlichen Stürmen , kaum weniger hold , nur friedvoller ist , als der der ersten Ehejahre — ein Zauber , der wie zarter Frühlingsduft die Eltern umspielt , zur Form erstarrte Innigkeit , zur Gewohnheit vertrocknete Zuneigung mit wärmer pulsierendem Leben erfüllend . In Agathes wohlig durchheiztem Erkerzimmer feierte sie ihren siebzehnten Geburtstag , umgeben von blühenden Rosen