Tatsache den jungen Herrn eigentlich vor allen Gefahren behütet haben . Enttäuscht fügte er hinzu : » Un he wollte mich ne joldene Uhr mitbringen , sagte he , als he fortmachte ! « Herr von Kosegarten saß in dem großen Lehnstuhl , in dem er abends gern einzunicken pflegte , hielt den Brief seines Sohnes in der Hand und sah geistesabwesend bald auf seine Frau , bald auf Hilde , als erwarte er von diesen beiden Getreuen irgendeine Hilfe für den unbegreiflichen Fall . Diesen Augenblick wählte Mamsell Wärmchen , um zu fragen , ob wegen des Mittagessens noch Aufträge entgegenzunehmen seien . » Ach , Wärmchen , « stöhnte Frau von Kosegarten , » die Prinzessin Karoline hat sich angesagt ! Ich weiß nicht , wo mir der Kopf steht , Wärmchen ! « » Das will ich wohl jlauben , jnädige Frau , « sagte Wärmchen in feierlichem Ton , » das ist zu viel auf einmal für einen Menschen . Ich wollte schon vorschlagen , die Kalbskeule , die lassen wir doch für morgen – Schottenmaier sagt ja – nee , jnädige Frau , is es denn , weiß Jott , wahr ? Hat sich denn der Herr Fritz wahrhaftigen Jott angemeldet ? › Schottenmaier , ‹ sag ich , › Sie mit Ihrem linken tauben Ohr , Sie hören manchmal falsch , da muß ich doch mal selbst nachfragen . ‹ « » Hören Sie , Wärmchen , « erklärte Hilde , » vorläufig soll die Sache noch Geheimnis bleiben ! Also nicht im Dorf rumklatschen . Verstehen Sie ? « » Ja , ja – jnädiges Fräulein – aber hätten Sie es doch nur jleich gesagt ! So ne Nachricht – die interessiert doch ' n jeden , damit sind die Mächens nu sicher schon los ! « Hilde seufzte . Mamsell Wärmchen aber überlegte geschäftig . » Die Hühnerbouillon – wenn sie verlängert und mit Ei abgezogen wird , reicht sie noch , ich schenke die Tassen nicht so voll . « » Ja , und dann die Kalbskeule , « sagte Frau Marie , das nasse Taschentuch zusammenballend und abwechselnd in beide rotgeweinte Augenhöhlen drückend . Wärmchen nahm ihre weiße Schürze auf , drückte sie gleichfalls gegen die Augen und brachte einen sonderbaren Laut durch die Nase hervor . Liebevoll sagte sie : » Die jungen Gänse gingen auch schon . Oder einen kleinen Schinken in Burgunder für die Prinzessin . Gnädige Frau , die Kalbskeule – die lassen wir für den Herrn Fritz , die gab ' s doch schon in der Bibel , als der verlorene Sohn nach Hause kam . « » Wärmchen ! « warnte Hilde erschrocken . » Ach Jott , ich altes Schaf , das hätt ich wohl nicht sagen sollen ? Na , nehmen Sie ' s mir nur nicht übel , gnädige Frau ! Ach nee , die Zunge könnt ich mir ausreißen ! « Denn Frau von Kosegarten war aufs neue in Tränen ausgebrochen . Kosegarten aber erhob sich schwerfällig aus dem Lehnstuhl und stöhnte : » Der verlorene Sohn – na ja – ich wehre mich nicht mehr ... mag nur alles kommen , wie ' s will – ich wehre mich nicht mehr . « Hilde bat sich der Tante Schlüsselkorb aus – sie würde schon alles besorgen – die Tante solle sich nur nicht beunruhigen . Kosegarten blieb vor seiner Frau stehen . » Du mußt dich zusammennehmen , Marie . Wir dürfen uns nicht gehen lassen . Die Prinzessin darf nicht durch eine Absage brüskiert werden – sie ist , offen gestanden , mein letzter Rettungsanker ! « » Die Prinzessin ? « » Ja – die Prinzessin ! Ich muß vernünftig mit ihr reden . Na – ja also ... es bleibt mir nichts anderes übrig – ich muß den Herzog anpumpen . « Marie schwieg erschrocken – so böse stand es also mit ihnen ... Und nun erschien Schottenmaier mit einem Telegramm . » Komme zwischen zwölf und zwei Uhr – freue mich unsinnig , « drahtete Fritz von Hamburg . August dachte einen Augenblick nach , dann sagte er in dem ruhigen , würdigen Ton , der ihn selten verließ : » Ich habe es mir überlegt , Papa – es wird das beste sein , ich reite zu beiden Zügen nach der Bahn , empfange ihn – und – spediere ihn gleich auf frischer Tat nach Hamburg zurück ! « » Ich soll ihn nicht sehen ! – ? Nein , nein – das – August – Friedrich – das dürft ihr mir nicht antun – das nicht ! « Die stille , demütige Frau Marie schrie es fast . Hochrot im Gesicht stürzte sie auf ihren Mann zu , packte seinen Arm , fiel ungelenk und schwerfällig neben ihm auf die Knie und jammerte sinnlos vor Schrecken : » Mein Friedrich , denk doch an unsere Silberhochzeit – mein Friedrich , ich bin dir immer eine treue Frau gewesen ... › Freue mich unsinnig , ‹ schreibt der Junge – ! Nein – nein , nein ... « lallte sie , das nasse Gesicht an seinen Arm drückend , den sie zwischen ihren Händen heftig preßte , als könnte sie ihren Mann dadurch milderen Sinnes machen . Kosegarten stammelte erschrocken : » Mariechen , Gott – Mariechen ! « und bemühte sich , sie aufzuheben . Auch August war hinzugesprungen und sagte strafend : » Aber , Mama ! « Ihm waren Familienszenen höchst peinlich . Marie wurde in die Sofaecke gesetzt . Kosegarten strich ihr die Wange und fragte leise : » Hast ' n denn so lieb , Mariechen ? « Sie saß und starrte vor sich hin , blickte innerlich in die Vergangenheit und flüsterte : » Die Sehnsucht – all die Jahre ! « Kosegarten wandte sich zu August : » Na , denn bring ihn nur her – heute abend in der Dämmerung , wenn die Prinzeß fort ist . Und richtet ihm nur ein Bad – er wird ' s nötig haben ! « Schweren , schlürfenden Schrittes ging er hinaus . August ritt durch das Dorf , durch die maiengrünen Saatfelder . Immer wieder kehrten seine Gedanken zu einer kleinen Szene aus ihrer Kinderzeit zurück . Ihr gemeinsames Spielen war ein unaufhörliches Streiten gewesen , und Fritz hatte immer herrisch seinen Willen durchzusetzen verstanden . Einmal baute er aus Tuffsteinen , Erde und Brettern eine Burg im Garten , auf der sich ein künstlicher kleiner Turm befand . Um die Spitze dieses Turmes zu schmücken nahm Fritz eine blaue Glaskugel , die in Augusts Spielschränkchen stand und seine höchste Wonne bildete . Fritz hatte ihn gar nicht darum gefragt , Vater und Mutter , Hilde und Mimi Rahlen mußten das Kunstwerk bewundern , und alle fanden , gerade die blaue Glaskugel auf der Spitze des Tuffsteintürmchens gäbe den wirkungsvollsten Abschluß . August stand dabei , finster und verdrossen , verzweifelte innerlich an sich , weil er nicht den Mut fand , seinem Bruder in die Haare zu fahren und vor aller Augen die Kugel herunterzureißen , begnügte sich aber schluckend und schluchzend zu stammeln : » Die Kugel ist mein ! Die Kugel ist mein , und Fritz hat sie mir gestohlen ! « Die Mutter sagte , es sei häßlich , seinen Bruder mit solchen Worten zu beschuldigen . Fritz habe sie gefragt , und sie habe ihm erlaubt , die Kugel zu nehmen . Alle redeten auf August ein und verlangten von ihm , er solle etwas bewundern , was ihn doch nur mit Zorn und Schmerz erfüllte . Er war nun einmal so , er mochte sein Spielzeug kaum benutzen , alles , was er besaß , hielt er sorglich bewahrt in seinen Schränken und Schubladen , sich ruhig und zufrieden des Besitzes erfreuend , während Fritz schon damals die wunderlichsten und gewagtesten Dinge mit seinem und anderer Leute Eigentum unternahm . August bog in die Ulmenallee , die am Niedernroder Park entlang führte , und ritt in einer Art von dumpfen Träumen langsamen Schrittes unter den Bäumen dahin . Als er sich dem Torweg näherte , durch den man den Blick auf das weiße , breit am Ufer des großen Teiches hingelagerte Schloßgebäude hatte , faßte er die Zügel fester und wollte schnell vorüber , denn er war nicht in der Stimmung , mit den Bewohnern nachbarliche Grüße zu tauschen . Doch ein Diener war beschäftigt , die Torflügel zu öffnen , und dicht dahinter hielt Mimi auf dem Rücken ihrer braunen Stute , den Reitknecht neben sich , zu ihrem täglichen Morgenritt durch die Felder bereit . Sie winkte mit der Gerte und rief ihm einen fröhlichen Gruß zu . Er konnte nicht anders , als warten und sie herankommen lassen . » Verzeih , « sagte er etwas verlegen , » ich bin eilig , ich muß zum Zwölfuhrzug auf die Bahn . « » Wen erwartet ihr denn ? « August wurde rot . » Es ist vielleicht ein Käufer , « murmelte er und fühlte den Blick des Mädchens beobachtend auf seinen Zügen . Sie beugte sich zu ihm herüber . » August , « fragte sie herzlich , » was hast du ? Du siehst aus – ich weiß nicht , wie ich es ausdrücken soll ... Ja , es ist etwas so Hartes , Drohendes in deinem Gesicht , was ich gar nicht an dir kenne . « » Ich glaube nicht , daß du mein Gesicht so genau beobachtet hast , um alle seine Ausdrucksfähigkeiten zu kennen , « antwortete August traurig . » Doch , doch ! « versicherte sie . » Ich will dir ja eine gute Schwester sein , da muß man den Bruder ordentlich kennenlernen . Meinst du nicht auch ? « Er seufzte und blickte nach dem Reitknecht , der diskret zurückgeblieben war . » Das mit dem Bruder- und Schwesterspielen bleibt ja nur Komödie . « Mimi lächelte . Die warme Morgenluft gab ihrem zarten , blonden Gesicht einen Teil der Frische wieder , die die Jahre schon zu nehmen begonnen hatten . » Wenn es auch anfangs nur Komödie ist , « sagte sie heiter , » so wollen wir uns dadurch nicht hindern lassen , und aus der Komödie wird mit der Zeit hoffentlich eine gute Wahrheit . Also , lieber August , ich will einmal deine Vertraute sein , und nun beichte mir auf der Stelle , was dich so erschüttert hat ! « Sie sah , den Kopf zu ihm hinwendend , mit einem lieben Blick in seine Augen . Er starrte ihr feindlich ins Gesicht . » Willst du wissen , wen ich erwarte ? « fragte er und machte eine Pause . » Fritz kommt mit dem Mittagzug aus Amerika zurück . Da hast du es . « Das rosige Gesicht vor ihm wurde weiß , die Lippen zitterten , und in den weitgeöffneten Augen sammelten sich Tropfen , die langsam auf die erblaßten Wangen niederglitten . Er sah das alles , und in dem unerträglichen Schmerz , den es ihm verursachte , entdeckte er mit Genugtuung , wie sehr er Mimi liebte ; weiß Gott , es war nicht ihr Vermögen , das ihn zu ihr hingezogen hatte . » Fritz kommt ! Fritz kommt ! « wiederholte sie zweimal ganz leise , wie etwas das sie auswendig lernen mußte , um es zu begreifen . Sie hatte völlig die Herrschaft über sich verloren . August griff nach den Zügeln ihres Pferdes . » Mimi , geht dir das so nahe ? « fragte er , und sie senkte den Kopf und ließ ihre Tränen strömen . So ritten sie eine Weile dicht nebeneinander , indem er ihr Tier am Zügel führte und ihr Zeit ließ , sich zu fassen . Dann sah sie ihn mit dem hilflosen Blick eines kleinen Kindes an und murmelte demütig : » Du bist so gut zu mir , und ich danke es dir so schlecht . « » Du kannst ja wohl nicht anders , « murmelte er , » aber du tust mir leid . Ob Fritz einer so treuen Erinnerung würdig ist ? « » Ach – würdig ! « sagte Mimi , und ihr Gesicht wurde wieder rosig und bekam ein verklärtes Lächeln , » was heißt denn würdig ? Auf würdig kommt es doch gar nicht an in der Liebe ! « Er zog einen Bogen , der arg zerknittert , mit vielen Tränenspuren bedeckt war , aus der Brusttasche und gab ihn Mimi . Sie las das kurze Schreiben . Plötzlich blickte sie mit gänzlich verändertem , glückstrahlendem Ausdruck zu ihm auf . » Siehst du , « rief sie jubelnd , » das ist Fritz , wie er immer war . Ich finde es geradezu wundervoll . « » Nein , Mimi – deine Auffassung ist törichte Mädchenschwärmerei . Ihr alle werdet es mir einmal danken , wenn ich Fritz deutlich mache , daß er in unsern Kreis nicht mehr gehört . « » Nun , « rief Mimi heftig , » wenn seine Familie ihm die Aufnahme verweigert , so wird er an einem andern Ort eine Heimat finden . Ja , August , dagegen kannst du nun gar nichts tun ! Ich werde auf dem Bahnhof sein , und Fritz wird als mein Gast mit mir nach Niedernrode kommen ! « » Und weißt du denn , ob Fritz auf dieses großmütige Anerbieten wird eingehen wollen ? « Ihr Antlitz leuchtete vor Freude . » Ich weiß es , ich fühle es , « rief sie erglühend , » ein Gefühl , so lange festgehalten , kann nicht täuschen ! « Sie ritten in scharfem Trab weiter . Keins hatte dem andern mehr ein Wort zu sagen . Endlich begann August : » Mimi , du weißt , daß ich dich sehr liebhabe , und darum will ich nicht , daß du Torheiten begehst , deren Folgen sich gar nicht absehen lassen . Ich verspreche dir , daß ich Fritz heute abend nach Rauschenrode bringe . Aber nun bitte ich dich , sei vernünftig , kehre um und lasse mich Fritz allein empfangen ! « Sie hob den Kopf und blickte ihn zweifelnd an . » Ob ich dir vertrauen darf ? « fragte sie sacht . » Ich glaube , daß ich dir noch niemals Gelegenheit gegeben habe , an mir als Ehrenmann zu zweifeln , « antwortete August kalt . » O , August , gewiß nicht ! Und was du heute tust , das will ich dir nie vergessen , dafür werde ich dich immer liebhaben , so lieb , wie du es gar nicht glauben kannst ! « Er schüttelte mit einem gequälten Ausdruck den Kopf , und sie rief : » Jetzt reite ich nach Rauschenrode hinauf und sage Tante Kosegarten , daß sie zwei herrliche Söhne hat ! « Sie nahm ihre Gerte unter den Arm und reichte die Rechte August zu festem Druck . Dann wendete sie und sprengte in lebhaftem Tempo die Allee zurück . August strich mit der Hand über die Stirn , an seinen Schläfen hatten sich kalte , feuchte Tropfen gesammelt . Er biß die Zähne übereinander und dachte wie in einem Krampf immer nur an das eine : Man muß schließlich ein Ehrenmann sein . Mimi fand Rauschenrode in unruhevollen Vorbereitungen zum Empfang des fürstlichen Gastes . Ein Gärtnerbursche rannte eilfeltig an ihr vorüber die Rampe zum Gartensaal hinauf . Aus der geöffneten Küchentür am Ende des Seitenganges drang das Klirren und Klappern von Töpfen und Porzellan und Schottenmaiers würdevoll befehlendes Organ . Der Flur selbst , wo sonst eine behagliche Unordnung alter Mäntel , vertragener Hüte , abgenutzter Regenschirme und alter Wagendecken zu lagern pflegte , war sorgfältig von all den Kleidungsstücken befreit und machte in seiner ungewohnten Kahlheit einen beinahe feierlichen Eindruck . Auch das Wohnzimmer war leer . » Die gnädige Frau ist bei der Toilette , « berichtete ein stürmisch an Mimi vorüberlaufendes Hausmädchen , » und Fräulein Hilde ist in der Küche . Die Prinzessin Karoline wird ja zum Frühstück erwartet , wissen das gnädige Fraulein es nicht ? « » So – die Prinzessin ? « sagte Mimi verwundert . Indem sie verwirrt dastand und überlegte , ob es statthaft sei , Frau von Kosegarten bis in ihr Schlafzimmer zu verfolgen , trat Marie selbst ins Zimmer , in schwerer Seide rauschend , das große , gütige Gesicht von weißen Spitzenbarben umflattert . Zu allem stattlichen Prunk trug sie einen Haufen abgetragener Männerkleider auf dem Arme . Mimi flog ihr entgegen und warf sich ihr mit einer stürmischen Bewegung um den Hals . » Tante , Tantchen , liebstes , bestes Tantchen , er kommt ! er kommt ! Ja , freust du dich auch so unmäßig wie ich ? « » Ach , Mimi , Kind , ich weiß nicht mehr , ob ich mich freuen darf ! Es ist zu viel auf einmal ! Mein Kopf kann es nicht bewältigen ! « Mimi sah die alte Frau gerührt an . Es war seine Mutter , die Mutter des Mannes , dessen Bild sie jeden Abend in diesen vergangenen elf Jahlen geküßt hatte . Sie streichelte ihre Hände , nahm ihr die Kleider vom Arm , fragte , ob sie ihr in irgendeiner Weise helfen könne , und was es für eine Bewandtnis mit diesen alten Sachen habe . Und dazwischen sagte sie plötzlich , ohne eine Antwort abzuwarten : » Tante , übrigens es war ein Glück , daß ich August auf der Chaussee begegnet bin . Weißt du , was der für Absichten hatte ? Er wollte dir deinen Jungen mir nichts , dir nichts übers Meer zurückschicken , ohne daß du ihn zu sehen bekommen hättest . Ja , weiß Gott , das wollte er ! Ich bin ganz irre an August geworden ! « Frau von Kosegarten hatte eine von den abgetragenen Männerhosen aufgenommen und hielt sie gegen das Licht . » Meinst du , daß die Hose noch ginge ? « fragte sie verzagt , » sie scheint mir schon reichlich schäbig . – Mimi , Kind , vielleicht wäre es schließlich das beste gewesen , der Junge wäre drüben geblieben ... Er bringt uns nur Unfrieden ins Haus . « Mimi lachte ein kleines , helles , aber etwas unnatürliches Lachen . » Tante , du wirst doch nicht so feige sein , du wirst doch Mut haben ? « » Ach , Mut , « murmelte Marie Kosegarten zerstreut , » das sagt sich so ... Kind , Kind , ich kann mich mit dem lieben Gott einmal wieder gar nicht einigen ! Nun erhört er mein Gebet , schickt mir den Jungen und schickt ihn mir so ... daß man die alten Sachen , die man im Dorfe verschenken wollte , für ihn heraussucht ... « Mimi richtete ihre schlanke Gestalt in dem schwarzen Reitkleid noch höher auf und machte ein verächtliches Gesicht . » Du hast zu viel Angst vor August , Tantchen ! « sagte sie mit einer liebenswürdigen Lehrhaftigkeit im Tone . » Glaube mir , der ist nicht halb so unnahbar , wie er aussieht , den kann man um den Finger wickeln , wenn man nur will ! « Trotz ihrer Verwirrung blickte Frau von Kosegarten das junge Mädchen mütterlich beobachtend an . » Ja , Mimichen , wenn du meinst , daß du ihn um den Finger wickeln kannst , « sagte sie bedächtig , » warum versuchst du es denn nicht ? « Mimi lachte verlegen . » Du , Tante , « sagte sie ablenkend , » wir wollen wirklich sehen ; was von diesen Geschichten noch für Fritz zu brauchen ist . – Darf ich dir die Strümpfe hier stopfen ? « fragte sie schmeichelnd mit einem so innigen , weichen und lieben Ton , daß Frau von Kosegarten nicht anders konnte , als ihr einen schnellen Kuß auf die Wange zu drücken . Hilde kam herein , zwei Vasen mit großen Blumensträußen im Arm balancierend , und hatte für hundert wirtschaftliche Anordnungen in aller Eile die Genehmigung der Tante einzuholen . Etwas erstaunt beobachtete sie Mimi , die sich nach einer flüchtigen Begrüßung auf den Tisch ans Fenster gesetzt hatte und aufs eifrigste an einer grauen Männersocke stopfte . Ohne die wirtschaftliche Konferenz der beiden andern Frauen zu beachten , begann sie verträumt vor sich hinzusingen : » Und war ein König ich , und wär die Erde mein , Du wärst in meiner Krone doch der schönste Stein ! « Marie zog Hilde zu sich heran und flüsterte ihr mit einem kleinen verschmitzten Lächeln ins Ohr : » Sieh mal , ich war wirklich ganz böse mit dem lieben Gott , und nun – ja , Hilde , sollte der liebe Gott am Ende doch wissen , was er tut ? « Hilde ordnete freundlich die weißen Spitzen auf dem grauen Scheitel von Frau von Kosegarten und antwortete dabei munter : » Tantchen , es scheint mir beinahe , als habe er seine Absichten . Aber was soll denn das alte Zeug hier ? « » Ja , ja , « rief Frau von Kosegarten , » es ist ja ganz dämlich von mir , die Sachen hierherzuschleppen , ich bin überhaupt vollständig von Sinnen , sage gewiß lauter Dummheiten zur Prinzessin , und dann sind mein Mann und Trinette böse mit mir . Mimi , Kind , du bleibst doch auch zum Frühstück ? « Mimi sprang vom Tisch herunter und kam mit der fertigen Arbeit angelaufen . » Tantchen , ich bin ja nicht in Toilette ! Ich bliebe sonst heute so gern bei euch . Der Reitknecht könnte nach Niedernrode Botschaft bringen , damit sie mich nicht zu Mittag erwarten . Wenn mir Hilde irgend etwas Helles borgen könnte ? « » Aber natürlich , Kind , « rief Marie herzlich , » es ist mir solch ein Trost , wenn du bei mir bist ! « In diesem Augenblick hörte man einen Wagen auf den Hof fahren , und Zipperjahn stürzte herein . » Gnädige Frau , der herzogliche Landauer ! Der Herr und Schottenmaier stehen schon vorn an der Haustür ! « » Ich komme ! Ich komme ! « » Aber die Hosen laß hier , Tantchen , sie sind ja doch nicht für die Prinzessin bestimmt ! « rief Hilde lachend und entriß Frau Marie das Kleidungsstück , das sie in ihrer Aufregung und Verwirrung auf dem Arme behalten hatte , indem sie zum Empfang des hohen Gastes hinauseilte . Die Mädchen stopften in aller Eile die umherliegenden Kleider in irgendeine Schublade , ordneten die Blumen auf den Tischen und liefen dann , um nicht mit dem fürstlichen Gaste zusammenzuprallen , durch die hinteren Korridore in Hildens kleines Zimmer . Als Mimi sich ihrer schwarzen Taille entledigt hatte und eben eine von den seidenen Blusen anproben wollte , die Hilde ihr zur Auswahl gereicht hatte , warf sie plötzlich beide Arme um den Hals der Jugendfreundin und küßte sie stürmisch . » Hilde , Hilde , er kommt ja ! Er kommt ja ! « » Unsere Jugend bringt er uns nicht zurück , « sagte Hilde leise . » Mädchen – mein Herz klopft so – bin ich alt – bin ich häßlich geworden ? « Hilde schüttelte den Kopf . » Mimi – kommt es denn auf dich an ? Wie kommt er zurück ... « » Glücklos , damit ich ihm Glück schenken kann ! « Ein ganz feiner , spöttischer Zug glitt um Hildens klugen Mund . » Wird er das Glück auch noch von dir wollen ? « fragte sie zögernd . » Hilde , hat er mich nicht in seinem vorletzten Briefe grüßen lassen ? Siehst du , dieser kurze Gruß hat so viel in mir geweckt , hat nach allem Schwanken , Bangen und Zagen mich wieder so sicher gemacht ! « Hilde reichte mit ihren schnellen , festen Bewegungen einen hellen Rock aus ihrem Kleiderschrank und bemerkte kühl ablehnend in die freudige Begeisterung hinein , man müsse sich jetzt anziehen , denn sie habe unten noch zu tun . Während sie sich selbst das Haar ordnete , konnte sie doch nicht umhin , die Bemerkung zu machen : » Ich verstehe es nicht ganz , Mimi , daß du einem Manne so eisern die Treue hältst , der dich doch verlassen hat ! « » Verlassen ? « rief Mimi heftig , » sage das häßliche Wort nicht . Von Graf Kessenbrock kann man ' s sagen , der sich feige zurückzog , als die ganze Meute der Klatschweiber über dich herfiel . Das war erbärmlich , darüber sind wir uns alle einig ! « » Nenne den Namen nicht , « murmelte Hilde , » ich kann ihn nicht hören ! « » Ja , ja , gewiß , verzeih ! Aber sieh , Fritz mußte gehen , er mußte sich eine Stellung zu erwerben suchen , in der er vor meinen Vater treten und um mich werben konnte . « » Nun , deshalb allein ging er doch wohl nicht , « bemerkte Hildes nüchtern . » Freilich , freilich nicht , er war ja ein wenig leichtsinnig gewesen , das muß ich schon zugeben ... Er war ja auch sehr jung damals ... Sieh , jetzt bin ich Herrin meines eigenen Vermögens und kann dem folgen , was mein Recht und mein Glück ist ... « » Ich meinte , « sagte Hilde nachdenklich , » oder es kam mir in der letzten Zeit oft so vor , als ob deine Gefühle sich verändert hätten . « Mimi hielt ihre beiden , ein wenig zu mageren Arme erhoben , um ihr schönes blondes Haar auf dem Kopfe zu einem Knoten zu winden . Indem sie mit etwas unnötiger Energie eine Schildpattnadel hindurchsteckte , sagte sie : » Hilde , wenn man zweimal lieben könnte ... « » Kann man es nicht ? « fragte Hilde , » es gibt Beispiele in der Geschichte ... Nun , August ist ja viel zu stolz , wie er uns heute morgen erzählte , jemals um ein reiches Mädchen zu werben . « Mimi brach in helles Gelächter aus . Hilde sah sie überrascht an und rief : » Er hat also doch ... « » Ich verrate nichts , « sagte Mimi , und die Rosenröte , die ihr feines , blondes Gesicht übergoß , vollendete den Satz in unzweideutiger Weise . » Aber , Hilde , das kannst du mir glauben , « sagte sie ernsthaft , » wir Mädchen fühlen es ganz deutlich , ob ein Mann uns um unseres Geldes willen heiraten will , oder ob er uns liebt . Ich halte August viel zu hoch , um auch nur einen Augenblick anzunehmen , das Geld , das ich vielleicht in die Ehe bringe , könnte irgendeine Rolle bei ihm spielen . « » Du sprichst ja sehr warm für einen Mann , dem du eben einen Korb gegeben hast , « bemerkte Hilde . » August ist mein Freund , « sagte Mimi ernst . Hilde half der Freundin die Bluse schließen und zog sie dann hinaus . » Wir müssen uns eilen , « mahnte sie . » Wenn nur dieser schreckliche Prinzessinnenbesuch erst überstanden wäre ! Ich sehe für die nächste Zeit keine behagliche Stunde voraus . Daß du für die beiden Brüder so warme und doch so verschiedene Gefühle hegst , wird die Wiedersehensfreude zwischen ihnen auch nicht gerade steigern ! « Mimi starrte Hilde erschrocken an . » Du – ich habe vielleicht eine große Dummheit gemacht ? August ist eifersüchtig wie ein Satan ; ja – du kennst ihn eben nicht ! Euch scheint er immer so gelassen , aber er ist eifersüchtig ! Ich werfe mich aufs Pferd und reite hin . Laß nur , ich schürze mir das Kleid und ziehe deinen Regenmantel darüber , das habe ich hundertmal schon getan ! Ich muß ! Ich kann hier nicht sitzen und essen und trinken , während Fritz kommt und als erste Begrüßung feindliche und böse Worte hört . Also bitte , hindere mich nicht . Alles ist einmal aus den Fugen , und darum mag auch das Ungewöhnliche entschuldigt werden ! « Hilde blickte ihr kopfschüttelnd nach , während sie behende davonlief , um selbst den Reitknecht zu benachrichtigen , daß er ihr Pferd wieder sattle . Hilden , die seit so vielen Jahren nur noch der Vernunft ein Recht über ihr Empfinden eingeräumt hatte , war Mimis verworrener Gefühlszustand einigermaßen verwunderlich und nicht sehr sympathisch . Trotz der behaglichen , weit eher bürgerlichen als feudalen Weise , in der das tägliche Dasein auf Rauschenrode sich abspielte , verstand man es , würdig zu repräsentieren , wenn die Gelegenheit sich bot . Die weißlackierten Flügeltüren waren geöffnet zwischen dem hellen Gartensaal und dem Eßsaal , dessen gewölbter Plafond auf blauem Grunde goldene Sterne zeigte , weil er einmal in frühern Jahrhunderten als Hauskapelle gedient hatte . Das lichte Blau stimmte gut zu dem strengen Weiß der Wände , der Eckschränke , der weißen Serviertische und der hochlehnigen weißen Stühle , die steif und symmetrisch die lange weiße Tafel mit ihrem reichen Blumenschmuck umgaben . Durch die Bogenfenster spielten die Sonnenstrahlen in lebensvollen Lichtern und Farben über Silber und Kristall , das Grün der Kastanien gab warme Töne hinzu , und stolz erhob der getriebene Silberhirsch , das alte Prunkstück der Familie , das Geweih . Schottenmaier mit dem hochgeschlossenen schwarzen Rock stand ernst wie ein Geheimrat zum Empfang der Herrschaften bereit . Zipperjahn blickte rosenrot mit seinem breiten Strohkopf aus der erbsfarbenen Livree . Zu feierlichen Gelegenheiten wurde als Dritter auch der Reitknecht Blaffke zum Servieren befohlen . Mitten in den Vorbereitungen traf ein