versuchte es zwar , dagegen aufzutreten , aber der neue Vormund bethätigte seine Freundschaft für den Verstorbenen dadurch , daß er die Bestimmungen desselben in rücksichtslosester Weise zur Ausführung brachte und jeden Anspruch zurückwies . Witold war schon damals Besitzer von Altenhof und dachte nicht daran , in Wilicza zu bleiben oder sein Mündel dort zu lassen . Er nahm den Knaben mit sich in seine Heimat . War es doch eine der letzten Weisungen Nordecks gewesen , seinen Sohn gänzlich dem Einfluß der Mutter und der mütterlichen Verwandten zu entziehen , und diese Weisung wurde so streng befolgt , daß der junge Erbe während der ganzen Zeit bis zu seiner Mündigkeit kaum einigemal in Begleitung des Vormundes nach seinen Gütern kam ; er verlebte seine ganze Jugend in Altenhof . Was die großen Einkünfte von Wilicza betraf , von denen man vorläufig noch keinen Gebrauch machen konnte , so wurden sie dem Vermögen zugeschlagen , und so sah sich denn Waldemar Nordeck beim Antritt seiner Mündigkeit im Besitz eines Reichtums , mit dem sich in der That nur wenige messen konnten . Die Mutter des künftigen Herrn von Wilicza lebte anfänglich im Hause ihres Bruders , der sich inzwischen auch vermählt hatte , aber sie blieb nicht lange dort . Einer der vertrautesten Freunde des Grafen , Fürst Baratowski , verliebte sich leidenschaftlich in die junge , schöne und geistreiche Frau , die ihm denn auch nach Jahresfrist die Hand reichte , und diese zweite Ehe war eine durchaus glückliche . Zwar behauptete man , der Fürst , eine ritterliche , aber nicht besonders energische Natur , beuge sich vollständig dem Zepter seiner Gemahlin , jedenfalls aber liebte er sie und den Sohn , den sie ihm schenkte , aufs zärtlichste . Doch das Glück dieser Verbindung sollte nicht lange ungestört bleiben ; diesmal freilich kamen die Stürme von außen . Leo war noch ein Kind , da brach das Revolutionsjahr herein , das halb Europa in Flammen setzte . Auch in der polnischen Provinz loderte der so oft schon unterdrückte Aufstand mit neuer Gewalt empor . Morynski und Baratowski waren echte Söhne ihres Landes ; sie warfen sich voll glühender Begeisterung in die Revolution , von der sie die Rettung des Vaterlandes und Wiederherstellung seiner Größe hofften . Der Aufstand endigte , wie so viele früheren – er ward gewaltsam unterdrückt , und diesmal ging man mit voller Strenge gegen die polnischen Landesteile vor . Fürst Baratowski und sein Schwager flüchteten nach Frankreich , wohin ihre Frauen mit den Kindern folgten . Die Gräfin Morynska , eine zarte kränkliche Frau , ertrug nicht lange den Aufenthalt in der Fremde ; sie starb schon im folgenden Jahre und Bronislaw übergab sein Kind den Händen der Schwester . Ihn selbst litt es nicht länger in Paris , wo ihn alles an den Verlust der leidenschaftlich geliebten Gattin erinnerte . Er lebte unstät bald hier bald dort , und kam nur bisweilen , um seine Tochter zu sehen . Endlich ermöglichte ihm eine Amnestie die Rückkehr in die Heimat , wo ihm inzwischen durch den Tod eines Verwandten das Gut Rakowicz zugefallen war , und er ließ sich auf dem neuen Besitztume nieder . Anders stand die Sache mit dem Fürsten Baratowski , der von der Amnestie ausgeschlossen blieb . Er war einer der Führer des Aufstandes gewesen und hatte mit an der Spitze der Bewegung gestanden ; an seine Rückkehr war nicht zu denken , und Gemahlin und Sohn teilten mit ihm die Verbannung , bis sein Tod auch ihnen die Freiheit zurückgab , ihren Aufenthaltsort zu wählen . Es war in den Vormittagsstunden . In dem Balkonzimmer der Villa , welche die Baratowskische Familie in C. bewohnte , befand sich augenblicklich nur die Fürstin . Sie war in einen Brief vertieft , den sie vor einer Stunde empfangen hatte , er enthielt Waldemars Anzeige , daß er heute kommen werde und seinem Boten auf dem Fuße folge . Die Mutter blickte so unverwandt auf das Schreiben nieder , als wolle sie aus den kurzen kalten Worten , oder aus den Schriftzügen den Charakter des Sohnes herauslesen , der ihr so gänzlich fremd geworden war . Seit ihrer zweiten Vermählung hatte sie ihn nur selten und flüchtig gesehen , und seit sie in Frankreich lebte , hatte fast jeder Verkehr zwischen ihnen aufgehört . Das Bild , das sie von dem zehnjährigen Knaben noch deutlich in der Erinnerung trug , war abstoßend genug , und was sie über den Jüngling in Erfahrung gebracht , stimmte nur zu sehr damit überein . Trotzdem galt es , sich den Einfluß auf ihn um jeden Preis zu sichern , und die Fürstin war nicht die Frau , vor einer Aufgabe zurückzuschrecken , deren Schwierigkeiten sie sich keineswegs verhehlte . Sie war aufgestanden und ging nachdenkend im Gemache auf und nieder , als ein rascher lauter Schritt im Vorzimmer sie innehalten ließ . Gleich darauf öffnete Pawlick die Thür und meldete » Herrn Waldemar Nordeck « . Dieser trat ein . Die Thür schloß sich wieder hinter ihm , und Mutter und Sohn standen einander gegenüber . Waldemar that noch einige Schritte vorwärts und blieb dann plötzlich stehen . Die Fürstin war im Begriff , ihm entgegenzugehen , aber auch sie hemmte ihren Schritt . Es war , als ob gleich im ersten Momente des Wiedersehens sich eine endlose Kluft zwischen den beiden öffne , als ob alles , was jemals Feindseliges und Fremdes zwischen ihnen gelegen , sich wieder aufbäume – dieses sekundenlange Schweigen und Fernhalten sprach deutlicher als Worte ; es zeigte , daß weder in dem Herzen der Mutter noch in dem des Sohnes sich eine einzige Stimme regte . Die Fürstin überwand die Zurückhaltung zuerst . » Ich danke dir , mein Sohn , daß du gekommen bist , « sagte sie , ihm die Hand entgegenstreckend . Waldemar kam langsam näher ; er berührte die dargebotene Hand nur einen Augenblick lang und ließ sie dann sofort wieder fallen . Der Versuch zu einer Umarmung wurde von keiner Seite gemacht . Die Gestalt der Fürstin war trotz der dunkeln Trauerkleidung imponierend schön , als sie so , vom hellen Sonnenschein umflossen , dastand , aber das schien nicht den geringsten Eindruck auf den jungen Mann zu machen , obgleich er sie unverwandt ansah . Auch der Blick der Mutter haftete auf seinem Gesicht , aber sie suchte vergebens nach einem einzigen Zuge , der ihr angehörte oder wenigstens an sie erinnerte . Nichts trat ihr dort entgegen , als die sprechende Aehnlichkeit mit dem Manne , den sie noch im Tode haßte – der Sohn war das Ebenbild seines Vaters , Zug für Zug . Ich hoffte sicher auf dein Erscheinen , « fuhr die Fürstin fort , indem sie sich niederließ und ihm mit einer Handbewegung den Platz an ihrer Seite anwies , Waldemar blieb trotzdem stehen . » Willst du dich nicht setzen ? « Die Frage klang sehr ruhig , aber sie ließ keine Verneinung zu und erinnerte den jungen Nordeck daran , daß er füglich nicht während des ganzen Besuches stehen bleiben könne , aber die erneute Handbewegung blieb unbeachtet . Er zog einen Sessel heran und setzte sich der Mutter gegenüber . Der Platz an ihrer Seite blieb leer . Die Bewegung war unzweideutig . Einen Augenblick lang preßten sich die Lippen der Fürstin fester aufeinander , aber ihr Gesicht blieb unbewegt . Waldemar saß jetzt gleichfalls im vollen Tageslichte . Er trug auch heute eine Art Jagdanzug , der freilich diesmal nicht Spuren der Jagd zeigte , aber auch keine besondere Sorgfalt verriet und von einer eleganten Reitkleidung himmelweit verschieden war . In der Linken , die wie die Rechte ohne Handschuhe war , hielt er den runden Hut und die Reitpeitsche . Die Stiefel trugen noch den ganzen Staub eines zweistündigen Rittes ; der Reiter hatte es nicht für nötig befunden , ihn zuvor abzuschütteln , und die Art , wie er sich setzte , verriet die vollste Unbekanntschaft mit den Gewohnheiten des Salons . Die Mutter sah das alles mit einem einzigen Blicke , aber sie sah auch den starren Trotz , mit dem ihr Sohn sich gewaffnet hatte . Er leuchtete deutlich genug aus seinen Augen ; leicht war ihre Aufgabe nicht , das fühlte sie . » Wir sind uns fremd geworden , Waldemar , « begann sie , » und ich kann bei diesem ersten Wiedersehen von dir noch nicht die Umarmung des Sohnes verlangen . Ich habe dich ja seit deiner Kindheit fremden Händen überlassen müssen . Man hat der Mutter nie erlaubt , ihre Pflichten und ihre Rechte bei dir auszuüben . « » Ich habe bei meinem Onkel Witold nichts vermißt , « entgegnete Waldemar herb . » Und jedenfalls war ich bei ihm heimischer , als ich im Hause des Fürsten Baratowski gewesen wäre . « Er betonte den Namen mit einer Bitterkeit , die der Fürstin nicht entging . » Fürst Baratowski ist tot , « sagte sie ernst . » Du siehst seine Witwe vor dir . « Waldemar sah auf . Er schien erst jetzt ihre Trauerkleidung zu bemerken . » Das bedaure ich – um deinetwillen , « erwiderte er kalt . Die Mutter machte eine abwehrende Bewegung . » Laß das ! Du hast den Fürsten nie gekannt , und ich kann von dir keine Sympathie für den Mann erwarten , der mein Gemahl hieß . Aber ich verhehle mir nicht , daß der Verlust , der mich so schwer getroffen , eine Schranke niederreißt , die bisher trennend zwischen uns stand . Du hast stets in mir nur die Fürstin Baratowska sehen wollen . Vielleicht erinnerst du dich jetzt , daß sie auch deine Mutter , die Witwe deines Vaters ist . « Bei den letzten Worten erhob sich Waldemar mit einer so ungestümen Bewegung , daß der Sessel zurückflog . » Ich denke , wir lassen das ruhen . Ich bin gekommen , um dir zu zeigen , daß ich keinem Zwange gehorche , daß ich nur meinem eigenen Willen folge . Du hast mich sprechen wollen – hier bin ich . Was willst du von mir ? « Die ganze Rücksichtslosigkeit und Rauheit des jungen Mannes sprach aus diesen Worten . Die Hindeutung auf seinen Vater hatte ihn offenbar tief verletzt , aber auch die Fürstin hatte sich erhoben und stand ihm gegenüber . » Was ich von dir will ? Ich will den Bannkreis durchbrechen , den ein mir feindseliger Einfluß um dich gezogen hat . Ich will dich daran mahnen , daß es jetzt Zeit für dich ist , mit eigenen Augen zu sehen und dein eigenes Urteil sprechen zu lassen , statt blindlings fremden Anschauungen zu folgen , die man dir aufdrängte . Man hat dich die Mutter hassen gelehrt , ich wußte es längst . Prüfe erst , ob sie diesen Haß verdient , und dann entscheide selbst ! Das will ich von dir , mein Sohn , da du mich denn doch zwingst , dir auf eine solche Frage zu antworten . « Das wurde mit einer so energischen Ruhe , mit einem so unnahbaren Stolze gesprochen , daß es seinen Eindruck auf Waldemar nicht verfehlte . Er fühlte , daß er die Mutter beleidigt hatte , aber er fühlte auch , daß diese Beleidigung machtlos an ihr abglitt , und der Appell an seine Selbständigkeit verhallte keineswegs ungehört . » Ich trage keinen Haß gegen dich , Mutter , « sagte er . Es war das erste Mal , daß er den Mutternamen überhaupt aussprach . » Aber auch kein Vertrauen , « entgegnete sie . » Und doch ist dies das erste , was ich von dir fordern muß . Es wird dir nicht leicht – ich weiß es ; man hat ja von frühester Kindheit an den Samen des Mißtrauens in deine Seele gesäet . Dein Vormund hat das möglichste gethan , dich mir zu entfremden und dich einzig an sich zu ketten . Ich furchte nur , seine Erziehung war die am wenigsten geeignete für den Erben von Wilicza . « Der Blick , der dabei über den jungen Mann hinglitt , ergänzte die Worte ; leider wurde er nur zu gut verstanden und reizte ebendeshalb aufs äußerste . » Ich dulde keinen Vorwurf gegen meinen Onkel Witold , « brach Waldemar mit mildem Jähzorn los . » Er ist mir ein zweiter Vater gewesen , und wenn ich nur hierher gerufen worden bin , um Angriffe gegen ihn zu hören , so ist es besser , ich gehe gleich auf der Stelle wieder . Wir werden uns doch nie verstehen . « Die Fürstin sah , welchen Fehler sie gemacht hatte , als sie ihrer Feindseligkeit gegen den gehaßten Vormund die Zügel schießen ließ , aber es war nun einmal geschehen . Nachgeben hieß hier ihre ganze Autorität aufs Spiel setzen . Sie fühlte , daß sie das unter keiner Bedingung thun durfte , und doch hing für sie alles an dem Bleiben Waldemars . Da kam ihr die Hilfe von einer Seite , von welcher sie dieselbe wohl am wenigsten erwartete . Gerade im entscheidenden Augenblicke öffnete sich eine Seitenthüre , und Wanda , die soeben von einem Spaziergange mit dem Vater zurückkam und keine Ahnung von dem inzwischen eingetroffenen Besuch hatte , trat in das Zimmer . Waldemar war wirklich im Begriffe zu gehen , aber er blieb auf einmal wie angewurzelt stehen . Es war , als ob eine Flamme in seinem Antlitz aufschlage , so jäh und heftig rötete es sich . Zorn und Trotz , die eben noch daraus hervorleuchteten , verschwanden urplötzlich , und er stand einen Moment lang ganz fassungslos da , die Augen starr auf die junge Gräfin gerichtet . Diese wollte sich zurückziehen , als sie einen Fremden bei ihrer Tante erblickte , als dieser Fremde ihr aber das Gesicht zuwendete , entfloh auch ihr ein halblauter Ausruf der Überraschung . Wanda ihrerseits verlor zwar die Fassung durchaus nicht und geriet auch nicht im mindesten in Verlegenheit , dagegen schien sie ein ganz unwiderstehlicher Lachreiz anzuwandeln , den sie nur mit Mühe unterdrückte . Zum Zurücktreten war es jetzt jedenfalls zu spät ; sie schloß deshalb die Thür hinter sich und kam näher . » Mein Sohn , Waldemar Nordeck – meine Nichte , Gräfin Morynska , « sagte die Fürstin , indem sie mit dem Ausdrucke größter Überraschung erst Waldemar ansah und dann den Blick fragend zu ihrer Nichte wandte . Diese hatte die kindische Regung schnell überwunden und erinnerte sich bereits wieder , daß sie ja eigentlich schon zu den Damen gehöre . Ihre graziöse Verneigung war so salonmäßig , daß auch die strengste Hofmeisterin nichts daran hätte tadeln können , aber es zuckte schon wieder verräterisch um die jugendlichen Lippen , als Waldemar die Vorstellung mit einer Bewegung beantwortete , die wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrücken sollte , sich aber allerdings etwas seltsam ausnahm . Der Blick der Mutter haftete so unverwandt auf seinem Gesichte , als wollte sie seine geheimsten Gedanken darauf lesen . » Mir scheint , du kennst deine Cousine bereits ? « sagte sie mit eigentümlicher Betonung . Die Hindeutung auf die verwandtschaftlichen Beziehungen schien den jungen Mann nur noch mehr zu verwirren . » Ich weiß nicht , « versetzte er mit äußerster Befangenheit . » Ich habe allerdings – vor einigen Tagen – « » Herr Nordeck war so freundlich , meinen Führer zu machen , als ich mich im Walde verirrt hatte , « fiel Wanda ein . » Es war vorgestern , auf unsrer Fahrt nach dem Buchenholm . « Die Fürstin hatte damals den Spaziergang sehr eigenmächtig und unpassend gefunden . Jetzt hatte sie kein Wort des Tadels dafür ; im Gegenteil , ihr Ton klang beinahe gütig , als sie erwiderte : » In der That , ein eigentümliches Zusammentreffen ! Aber was steht ihr beide so fremd einander gegenüber ? Unter Verwandten braucht die Etikette nicht so streng festgehalten zu werden . Du kannst deinem Vetter immerhin die Hand reichen , Wanda . « Wanda kam der Aufforderung nach ; sie streckte unbefangen ihre Rechte aus . Vetter Leo war schon ritterlich genug , diese Hand zu küssen , wenn sie ihm nach irgend einem Streite zur Versöhnung gereicht ward , der ältere Bruder schien aber leider nichts von dieser Ritterlichkeit zu besitzen . Er faßte die zarten Finger anfangs so scheu und zögernd , als wage er überhaupt gar nicht , sie zu berühren , und dann auf einmal preßte er sie so heftig zwischen den seinigen , daß die junge Dame fast einen Schmerzensschrei ausgestoßen hätte . Sie wußte über diesen neuen Vetter im Grunde nicht mehr als Leo , eigentlich noch weniger . Mit um so größerer Neugierde hatte sie seinem angekündigten Besuche entgegengesehen , ihre Enttäuschung war nun aber auch eine grenzenlose . Die Fürstin hatte die beiden schweigend , aber unausgesetzt beobachtet . Sie ließ das Auge nicht von dem Gesichte Waldemars . » Also im Walde seid ihr einander begegnet ? « nahm sie wieder das Wort . » Wurde denn von keiner Seite ein Name genannt , der euch aufklärte ? « » Ich habe Herrn Nordeck leider für einen Waldgeist gehalten , « fuhr Wanda heraus , ohne sich um den ernst zurechtweisenden Blick der Tante zu kümmern . » Und er that das möglichste , mich in diesem Glauben zu bestärken . Du hast keine Ahnung davon , liebe Tante , wie interessant unsre Unterhaltung war . Er ließ mich während eines halbstündigen Zusammenseins nicht darüber ins klare kommen , ob er wirklich dem heutigen Menschengeschlechte oder der alten Sagenwelt angehöre . Du begreifst , daß unter so bewandten Umständen eine offizielle Vorstellung unterblieb . « Diese Worte verrieten deutlich genug den übermütigen Spott , aber seltsam , Waldemar , der sich vorhin so reizbar gezeigt hatte , schien nicht im geringsten dadurch verletzt zu werden . Sein Auge hing unverwandt an dem jungen Mädchen , dessen Spöttereien er kaum zu hören schien . Die Fürstin hielt es aber jetzt doch für nötig , dem Mutwillen Wandas ein Ziel zu setzen . Sie wandte sich zu ihrem Sohne mit so vollkommener Ruhe , als habe die vorhergehende Scene gar nicht stattgefunden . » Du hast ja deinen Bruder noch nicht gesehen , Waldemar , und deinen Oheim gleichfalls nicht . Ich werde dich zu ihnen führen . – Du bleibst doch den Tag über bei uns ? « Die letzte Frage wurde in einem Tone hingeworfen , der das Bleiben als selbstverständlich voraussetzte . » Wenn du es wünschest . « Das klang schwankend , ungewiß , aber es hatte nichts mehr von der trotzigen Energie der früheren Antworten . Waldemar dachte augenscheinlich nicht mehr daran , zu gehen . » Gewiß wünsche ich es . Du wirst doch diesen ersten Besuch nicht so kurz abbrechen wollen ? Komm , liebe Wanda ! « Der junge Nordeck zögerte noch eine Minute , als aber Wanda der Aufforderung nachkam , war auch sein Entschluß gefaßt . Er legte Hut und Reitpeitsche , die er bisher hartnäckig festgehalten , auf den Sessel , den er vorhin in aufloderndem Zorne fortgestoßen , und folgte geduldig den voranschreitenden Damen . Ein kaum bemerkbares , aber triumphierendes Lächeln spielte um die Lippen der Fürstin . Sie war eine zu gute Beobachterin , um nicht zu wissen , daß sie das Spiel bereits in den Händen hatte , freilich war ihr der Zufall dabei zu Hilfe gekommen . In dem Wohngemache der Fürstin befanden sich Graf Morynski und Leo , Sie hatten durch Pawlick bereits Waldemars Ankunft erfahren , aber die erste Zusammenkunft zwischen Mutter und Sohn nicht stören wollen . Der Graf sah nur etwas verwundert auf , als Wanda , die er auf ihrem Zimmer glaubte , gleichfalls mit eintrat , aber er unterdrückte die Frage , die ihm auf den Lippen schwebte ; der junge Nordeck fesselte für den Augenblick sein ganzes Interesse . Die Fürstin nahm die Hand ihres jüngeren Sohnes und führte ihn zu dem älteren . » Ihr habt euch bisher nicht gekannt , « sagte sie bedeutsam , » und erst heute ist es mir vergönnt , der langen Trennung zwischen euch ein Ende zu machen . Leo bringt dir die volle Geschwisterliebe entgegen , Waldemar . Laß mich hoffen , daß er auch in dir einen Bruder findet . « Waldemar maß mit einem raschen Blicke den vor ihm stehenden Bruder , aber der Blick hatte nichts Feindseliges mehr . Die Schönheit des jungen Fürsten nahm ihn unwillkürlich gefangen ; das sah man , vielleicht war er auch weicher gestimmt durch das Vorhergegangene , und als Leo , noch halb in scheuer Zurückhaltung , ihm die Hand hinstreckte , ergriff er sie lebhaft . Graf Morynski trat jetzt auch heran , um dem Sohne seiner Schwester einige Höflichkeiten zu sagen , die dieser ziemlich einsilbig beantwortete . Die Unterhaltung , die sich aus Rücksicht für Waldemar ausschließlich in deutscher Sprache bewegte , würde gezwungen und matt gewesen sein , hätte die Fürstin es nicht verstanden , sie mit einer wahren Meisterschaft zu leiten . Sie vermied jede naheliegende Klippe , jede verletzende Erinnerung ; sie wußte den Bruder , ihre Söhne und Wanda nacheinander in das Gespräch zu ziehen und für eine halbe Stunde wirklich den Anschein zu erwecken , als herrsche die vollkommenste Harmonie zwischen den Familiengliedern . Leo stand dicht neben dem Sessel Waldemars , und nichts war geeigneter , den Kontrast zwischen den Brüdern schärfer hervorzuheben , als diese Nähe . Auch der junge Fürst hatte erst kürzlich die Knabenjahre hinter sich gelassen ; auch er war noch nicht zum Manne gereift , aber wie anders zeigte sich der Übergang hier ! Waldemar hatte nie abstoßender ausgesehen als neben dieser schlanken elastischen Jünglingsgestalt mit dem vollendeten Ebenmaß in jeder Linie , mit der leichten Sicherheit in Haltung und Bewegungen und dem idealistisch schönen Kopfe . Der junge Nordeck mit seinen scharfen , eckigen Formen , mit den unregelmäßigen Zügen und den finsteren Augen unter dem blonden Haargewirr rechtfertigte nur zu sehr die Empfindung , mit welcher der Blick der Mutter auf beiden ruhte , auf ihrem Lieblinge , ihrem schönen lebensvollen Jüngsten , und jenem andern , der gleichfalls ihr Sohn hieß und mit dem sie doch nicht ein einziger Zug des Äußeren , nicht eine einzige Regung des Herzens verband . Es war heute etwas in der Art Waldemars , das ihn noch unvorteilhafter erscheinen ließ als gewöhnlich . Das Schroffe , Herrische , das sonst in seinem Wesen lag , so wenig anziehend es war , es paßte doch zu der ganzen Erscheinung , und gab ihr mindestens etwas Charakteristisches . Er hatte es während der ganzen Unterredung mit der Mutter bewahrt ; erst seit dem Augenblicke , wo die junge Gräfin Morynska eintrat , war es verschwunden . Zum erstenmal in seinem Leben schien er sich scheu und befangen zu fühlen , zum erstenmal schien er den Einfluß einer Umgebung zu empfinden , die ihm in jeder Beziehung überlegen war , und das raubte ihm mit dem Trotze auch die Sicherheit . Er war gekommen , um etwas Feindseligem zu begegnen , und dies gab ihm eine gewisse rauhe Überlegenheit . Jetzt gab er den Kampf auf , aber die Überlegenheit mit ihm ; er war unbeholfen , zerstreut , und der verwunderte Blick Morynskis schien bisweilen zu fragen , ob denn dies wirklich der Waldemar sei , über den man so viel Abschreckendes gehört . Das Zusammensein hatte etwa eine halbe Stunde gewährt , als Pawlick mit der Meldung erschien , daß der Tisch bereit sei . » Leo , du wirst es wohl heute deinem Bruder überlassen müssen , Wanda zu führen , « sagte die Fürstin , indem sie aufstand und den Arm ihres Bruders nahm . Sie schritt mit ihm voran nach dem Speisezimmer . » Nun ? « fragte der Graf halblaut auf polnisch . » Wie steht es ? Wie endigte die Unterredung ? « Die Fürstin lächelte nur ; sie warf noch einen flüchtigen Blick auf Waldemar zurück , der eben im Begriff war , sich Wanda zu nähern , dann entgegnete sie gleichfalls in polnischer Sprache : » Sei ohne Sorge ! Er wird sich fügen – ich versichere es dir . « – Erst gegen Abend kehrte der junge Nordeck nach Altenhof zurück , und Leo , der den Bruder bis zum Ausgange der Villa begleitet hatte , trat wieder in das Empfangszimmer . Die Fürstin und Graf Morynski waren nicht mehr dort , nur Wanda stand noch auf dem Balkon , um dem Fortreitenden nachzusehen . » Mein Gott , welch ein Ungetüm ist dieser Waldemar ! « rief die junge Gräfin ihrem Vetter entgegen . » Wie ist es dir nur möglich gewesen , Leo , die ganze Zeit über ernst zu bleiben ? Sieh her , ich habe mein Taschentuch ganz zerknittert , um das Lachen dahinter zu verstecken , aber jetzt kann ich es nicht mehr bewältigen ; ich ersticke sonst , « und Wanda warf sich auf einen der Balkonsessel und überließ sich einem so stürmischen Ausbruch von Heiterkeit , daß man sah , welche Mühe es ihr gekostet hatte , ihn bis jetzt zurückzuhalten . » Wir waren ja auf Waldemars eigentümliches Wesen vorbereitet , « meinte Leo halb entschuldigend . » Nach allem , was wir über ihn in Erfahrung gebracht , habe ich ihn mir , die Wahrheit zu sagen , noch schroffer und abstoßender gedacht . « » O , du sahst ihn heute auch nur im Salongewande , « spottete Wanda . » Wer wie ich das Glück hatte , ihn in seiner ganzen Ursprünglichkeit zu bewundern , der kann sich dem überwältigenden Eindruck nicht entziehen , den die erste Erscheinung dieses Wilden macht . Ich denke noch mit Schrecken an unser Zusammentreffen im Walde . « » Du bist mir noch die Erzählung dieses Zusammentreffens schuldig , « fiel Leo ein . » Es war also Waldemar , der dich vorgestern nach dem Buchenholm führte – so viel habe ich aus eurem Gespräche entnommen , aber ich begreife nicht , weshalb du ein solches Geheimnis aus der Sache machtest . « » Das geschah nur , um dich zu ärgern , « versetzte die junge Dame sehr aufrichtig , » Du wurdest so gereizt , als ich von der interessanten Begegnung mit einem Fremden sprach ; du setztest natürlich voraus , daß irgend ein Kavalier mich begleitet hätte , und ich ließ dich in dem Glauben . Jetzt , Leo , « – sie kämpfte wieder mit einem neuen Anfall von Heiterkeit – » jetzt siehst du doch wohl ein , daß die Sache keine Gefahr hatte . « » Ja , das sehe ich ein , « stimmte der junge Fürst lachend bei . » Aber Waldemar scheint doch eine kavaliermäßige Regung gehabt zu haben , da er sich herabließ , deinen Führer zu machen , « » Möglich , aber ich werde mein Leben lang an diese Führung denken . Stelle dir vor , Leo , ich hatte auf einmal den Waldpfad verloren , den ich doch schon öfter gegangen war , und den ich ganz genau zu kennen meinte . Bei jedem Versuche , ihn wieder aufzufinden , geriet ich nur immer tiefer in den Wald und fand mich schließlich in ganz unbekannten Umgebungen . Ich wußte nicht einmal mehr die Richtung , in welcher der Buchenholm oder die See lagen , denn es regte sich kein Windhauch , und auch nicht das leiseste Brausen der Wellen drang zu mir herüber . Ganz ratlos stand ich da und war eben im Begriff , umzukehren , als etwas mit einem Ungestüm , als ob eine ganze Treibjagd daherbrause , durch die Gebüsche brach . Urplötzlich stand eine Gestalt vor mir , die ich wirklich für nichts andres halten konnte , als für den Waldgeist in höchsteigener Person . Er schien direkt aus dem Sumpfe zu kommen , denn er war bis über die Kniee hinauf voll Morast . Ein erlegtes Reh hatte er über die Schulter geworfen , ohne sich darum zu kümmern , daß das herabrieselnde Blut des Tieres seinen ganzen Jagdrock befleckte . Die ungeheure gelbe Löwenmähne , die er statt der Haare trägt , war von den Zweigen arg mitgenommen und fiel ihm über das Gesicht , herab . So stand er da , die Flinte in der Hand , einen knurrenden , zähnefletschenden Jagdhund neben sich – ich frage dich , ob es möglich war , dieses Waldungetüm für einen Menschen und Jäger anzusehen ? « » Du hast dich wohl außerordentlich gefürchtet ? « spottete Leo . Wanda hob mit einer sehr entschiedenen Bewegung den Kopf . » Gefürchtet ? Ich ? Du solltest doch wissen , daß ich nicht furchtsam bin ! Eine andre wäre wahrscheinlich davongelaufen , ich aber hielt stand und fragte nach dem Wege zum Buchenholm . Aber obgleich ich die Frage wiederholte , wurde mir keine Antwort ; statt dessen stand das Gespenst wie an den Boden festgewachsen und starrte mich mit seinen großen wilden Augen an , ohne einen Laut von sich zu geben . Jetzt wurde mir die Sache doch etwas unheimlich , und ich wandte mich zum Gehen ; da war es auf einmal mit zwei Schritten an meiner Seite , wies nach rechts hinüber und gab die unzweifelhafte Absicht kund , mich zu führen . « » Aber doch nicht bloß pantomimisch ? « warf Leo ein , » Waldemar wird doch mit dir gesprochen haben . « » O ja , er sprach ; das heißt : er beehrte mich im ganzen mit sechs oder sieben Worten – mehr waren es sicher nicht . In der ersten Minute unsres Zusammenseins vernahm ich so etwas , wie : › Wir müssen rechts