» Nun , für die anderen gilt es auch nicht , « sagte die junge Dame in ihrer kühlen , bestimmten Art. » Wer noch mitten im Leben steht , der muß wach sein und wach bleiben . « » Es gibt aber viele , die abseits stehen vom Leben . Wen das Schicksal zum Beispiel an einen › weltverlorenen Ort ‹ wie dies Heilsberg versprengt hat – « » Ich sprach von Menschen , die etwas sein und bedeuten wollen im Leben , « unterbrach Edith , » Die anderen zählen nicht . « » Ganz recht , die zählen nicht ! Aber der Wille ist nicht immer allmächtig und nicht jeder erreicht das ersehnte Ziel . Sie , mein Fräulein , stehen vielleicht auf den Höhen des Lebens . Dort sehen Sie nur die Sieger im Kampfe , nicht die Unterliegenden . Die verschwinden im Dunkel und gehen irgendwo zu Grunde . « Edith hob mit einer stolzen Bewegung den schönen Kopf . » Nun , wer ein solches Los ertragen kann , der mag es thun . Ich halte es mit denen , die auch im Lebenskampfe zu siegen oder zu fallen wissen . Wer ihn feig verläßt vor der Entscheidung , der ist eben ein Feigling . « Raimar zuckte leise zusammen , als habe das schmachvolle Wort ihm gegolten , und sein Auge heftete sich düster und vorwurfsvoll auf sie , als er halblaut sagte : » Sie urteilen sehr schonungslos . « » Ich urteile nur nach meinem eigenen Gefühl , und das sagt mir , wie ich handeln würde , wenn ich ein Mann wäre . Ein energischer Wille weiß sich Bahn zu schaffen im Leben . Sie wollen ja nach Steinfeld – dort haben Sie ein Beispiel , was ein solcher Wille vermag . « » Sie meinen den Herrn der großen Steinfelder Werke , Felix Ronald ? « Die Frage klang eigentümlich herb . » Gewiß , der Name ist ja jetzt in aller Munde . Ein so schwindelnd schnelles Emporsteigen und so ungemessene Erfolge ist man in Deutschland nicht gewöhnt . « » Nein . Ein so schwindelhaftes Glück ist bei uns in der That unerhört . « » Hier handelt es sich doch wohl um mehr als blindes Glück , « sagte die junge Dame , gereizt durch den Ton , in dem etwas beinahe Verächtliches lag . » Ronald war arm , in abhängiger Stellung , ohne einflußreiche Verbindungen , er verdankt all seine Erfolge nur sich selbst und seiner rastlosen Energie . Freilich , um das zu erreichen , muß man nicht nur ein energischer , sondern auch ein genial beanlagter Mann sein . « » Oder ein – « Raimar brach plötzlich ab und preßte die Lippen zusammen , als habe er bereits zu viel gesagt . » Nun – oder ? Weshalb fahren Sie nicht fort ? « » Verzeihung , mein gnädiges Fräulein , aber wir geraten da auf ein ganz persönliches Gebiet , Sie kennen Herrn Ronald vielleicht näher , jedenfalls bewundern Sie ihn und seine Erfolge , da habe ich weder das Recht noch den Wunsch , Ihnen mein Urteil aufzudrängen . Es kann Sie ja auch durchaus nicht interessieren , da wir uns völlig fremd sind . « Er sprach wieder mit jener höflich kühlen Zurückhaltung , wie im Anfange der Begegnung , aber dies jähe Abbrechen reizte Edith nur noch mehr , denn sie fühlte , daß es etwas Beleidigendes war , was er vorhin unterdrückt hatte . Dieser Fremde konnte ja freilich nicht ahnen , daß der Mann , von dem eben die Rede war , um sie warb , und daß sie auf dem Punkte stand , diese Werbung anzunehmen , aber anstatt nun auch ihrerseits das Gespräch abzubrechen , das eine so eigentümliche Wendung nahm , beharrte sie dabei . Es verletzte sie und hatte doch einen eigenen , unerklärlichen Reiz » Sie sind ein Gegner Ronalds ? « fragte sie , ohne sein Ausweichen zu beachten . » Vielleicht sogar ein Feind ? « Ernst schwieg , er schien nicht gewillt , das hier zu erörtern , aber da sah er , wie die Lippen der jungen Dame sich verächtlich kräuselten , er las in ihrem Gesichte , daß sie glaubte , er wage es nicht , sich als Feind des Mannes zu bekennen , der in manchen Kreisen allmächtig war , und das entschied . Er richtete sich plötzlich hoch und fest auf und sprach : » Ja ! « Es war nur ein einziges Wort , aber es lag eine finstere , drohende Energie darin , und die bisher so verschleierte Stimme klang jetzt voll und laut . Edith blickte betroffen , fast bestürzt auf den Mann , der ihr mit jeder Minute rätselhafter wurde . Er stand ja auf einmal als ein ganz anderer vor ihr . Aber dies drohende » Ja « galt dem Namen , den auch sie dereinst tragen sollte , da fühlte sie sich mit beleidigt . » Ein sehr aufrichtiges Geständnis ! « sagte sie kalt , aber mit dem ganzen hochmütigen Stolze , der ihr so meisterhaft zu Gebote stand , wenn sie jemand in seine Schranken zurückweisen wollte . » In einer Stellung , wie Ronald sie einnimmt , hat man natürlich Gegner und Feinde , und gegen eine offene , ehrliche Feindschaft ist ja auch nichts einzuwenden , aber die Feindschaft entstammt meist anderen Quellen . Man verzeiht es dem Manne nicht , daß er so hoch emporgestiegen ist , daß er Sieger blieb in einem Kampfe , wo andere unterliegen und › im Dunkel verschwinden ‹ ! Der Neid freilich – – « Sie hielt plötzlich inne , denn Raimar war aufgefahren und seine Augen sprühten . Das war nicht jenes unwillige Aufblitzen wie vorhin , da schlug eine Flamme auf – Edith Marlow war nicht furchtsam , aber sie erschrak vor diesem Blick , vor diesem Ton , der anfangs noch halb erstickt klang vor Erregung und sich dann zu voller glühender Empörung steigerte . » Sollen diese Worte mir gelten ? dann weise ich sie zurück ! Sie haben kein Recht , einem Fremden , dessen Beweggründe Sie nicht kennen , Niedrigkeit und Gemeinheit zuzutrauen , weil er sich als Feind eines anderen bekennt , und ich habe meine Gründe . Was wissen Sie überhaupt vom Kampfe des Lebens ? Ihnen ist er doch schwerlich je genaht ! Wer frei und glücklich dasteht , der hat es leicht , den Stab zu brechen über andere , die nicht kämpfen konnten , weil sie die Arme nicht frei hatten . Lernen Sie erst verstehen , was › Schicksal ‹ heißt , das plötzlich über einen Menschen hereinbricht und ihn wehrlos macht gegen feindliche Mächte , und dann verurteilen Sie ! « Edith stand wie erstarrt vor diesem jähen Ausbruch , sie fand im Augenblick gar keine Antwort darauf . Wer war denn eigentlich dieser Fremde , dessen Haltung im Anfange so müde schien , der so düster und entsagungsvoll vom Leben sprach , als läge es bereits hinter ihm ? Jetzt hatte er auf einmal Blitze in diesen müden , düsteren Augen , jetzt führte er eine Sprache , wie sie das verwöhnte , vielumworbene Mädchen noch nie gehört , das jetzt mitten in der Entrüstung , der Empörung über die empfangene Zurechtweisung doch etwas wie Bewunderung empfand . Aber das dauerte nur einen Moment , dann gewann die Entrüstung die Oberhand . » Ich glaube , wir müssen diese Unterredung endigen , sie führt uns allzu weit ! « sagte die junge Dame in einem eiskalten Tone , und dabei traf ein vernichtender Blick den Mann , der es wagte , so mit ihr zu reden , aber hier blieb das wirkungslos . Jene dunklen Augen hielten den ihrigen stand , und die Flamme loderte noch immer darin . So standen sie einige Sekunden lang , ohne daß ein Wort gesprochen wurde , dann neigte Edith mit einer kaum merklichen Bewegung das Haupt , und mit der Miene einer beleidigten Fürstin wandte sie sich ab , um zu gehen . Ernst Raimar verharrte an seinem Platze . Er sah , wie sie über den Friedhof eilte , das Gitter öffnete und im Walde verschwand , dann atmete er tief auf und strich mit der Hand über die Stirn . Es kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein , wie er sich hatte fortreißen lassen . Also das war der Dank eines Bruders , für den er sich aufgeopfert , so stand er da in den Augen des Mädchens , zu dem Max seine Blicke erhob . Ein alter , verknöcherter Hagestolz , der Höheres gar nicht begriff und in spießbürgerlicher Beschränktheit den jungen Künstler festketten wollte an den eigenen Lebenskreis ! Noch gestern hätte er eine derartige Erfahrung mit einem bitteren Lächeln und einem Achselzucken hingenommen , jetzt biß er die Zähne zusammen , und auf seiner Stirn lagerte es wie eine Wetterwolke , als er der Enteilenden nachblickte . » Sie muß in irgend einer Beziehung zu diesem Ronald stehen ! « murmelte er halblaut . » Das war nicht die Parteinahme einer Fremden , gleichviel , was geht es mich an ! Sie werden freilich wie eine Meute über mich herfallen von allen Seiten , wenn ich wage , was jeder wagen darf , dessen Name rein ist , aber was liegt an mir , wenn es nur erreicht wird . Einer muß das Wort sprechen , und da sich kein anderer findet « – er richtete sich empor mit einer Bewegung , als werfe er eine lang getragene Last von sich – » ich will nicht länger ein Feigling sein , der » im Dunkel verschwindet « . Jetzt ist es entschieden ! Werde daraus , was da will ! « Er ging , da tönte wieder der helle Ruf der Amsel , und jetzt schwirrte sie hervor aus den zerfallenen Mauern und hinein in den Wald , in das Frühlingsleben da draußen . Still und einsam lag der kleine Friedhof wieder da , aber die Sonnenstrahlen spannen ihre goldenen Fäden über das alte , verwitterte Gestein , wo unter Moos und Epheuranken das verheißungsvolle Wort stand : Erwachen ! Herr Notar Treumann war eine sehr beliebte Persönlichkeit in Heilsberg , wo er , obgleich er sein Amt schon vor Jahren niedergelegt hatte , noch die erste Rolle spielte . Er hatte in einer beinahe dreißigjährigen Amtsführung ein Vermögen erworben , das für seine bescheidenen Bedürfnisse ausreichend war , besaß außerdem ein hübsches Haus nebst Garten und lebte dort , da er Junggeselle war , unter der Pflege einer alten Wirtschafterin sehr behaglich und zufrieden . Jedermann hatte den alten Herrn gern , der die Gutmütigkeit und Dienstfertigkeit selbst war . Es gab nur einen Punkt , wo diese Eigenschaften versagten und sich sogar in das Gegenteil verkehrten , und das trat unfehlbar ein , wenn jemand sich erlaubte , Heilsberg den gebührenden Zoll der Achtung und Bewunderung zu versagen . Der Notar liebte die Stadt , in der er geboren war und wo er bereits die zweite Generation aufwachsen sah , mit einem förmlichen Fanatismus . Was man ihm selbst anthat , das konnte er verzeihen , und wenn es das Aergste war , aber Heilsberg – da wurde er wild . Er hatte damals , als das Unglück über die Familie seiner Schwester hereinbrach , gethan , was nur in seinen Kräften stand . Er war schleunigst nach Berlin gekommen und hatte die Witwe nebst ihrem jüngsten Sohne mit nach Heilsberg genommen , um sie all dem Schweren zu entziehen , was der Katastrophe unmittelbar folgte . Ernst blieb zurück , um das Notwendigste zu ordnen , eine furchtbare Aufgabe für den jungen Mann , der nur den völligen Ruin feststellen konnte und verzweifelte , aber vergebliche Anstrengungen machte , wenigstens den ehrlichen Namen seines Vaters zu retten . Dann trat die zweite schwere Aufgabe an ihn heran , für Mutter und Bruder eine Existenz zu schaffen , und da war es wieder Onkel Treumann , der helfend eingriff . Er legte das Notariat zu Gunsten seines ältesten Neffen nieder , früher als es ursprünglich seine Absicht gewesen war , führte ihn in das Amt ein und erleichterte ihm in jeder Weise den Eintritt in den neuen Wirkungskreis . Daß der junge Jurist , der bereits als Verteidiger seinen ersten Lorbeer errungen hatte und von einer großen Zukunft träumte , das als den geistigen Tod ansah , kam dem Onkel nicht in den Sinn , aber er stand immer auf einer Art von Kriegsfuß mit ihm . Er hatte Ernst in Verdacht , mit einer geheimen Geringschätzung auf seine Umgebung und auf Heilsberg herabzublicken , und damit hatte dieser verspielt bei dem Herrn Notar , der das düstere , verschlossene Wesen Ernsts seit jener Katastrophe überhaupt unbegreiflich und undankbar fand . Die Sache war ja doch nun längst überwunden , man hatte ihm eine behagliche , gesicherte und ziemlich einträgliche Stellung verschafft – was wollte er denn noch mehr ? Der erklärte Liebling des Onkels war sein jüngster Neffe , den er um die Wette mit seiner Schwester verzog und verhätschelte . Er hielt ihn für ein Talent ersten Ranges , hegte die ungemessensten Erwartungen von seiner Zukunft und behandelte ihn schon ganz als künftige Größe . Max ließ sich das natürlich gefallen , der » Erbonkel « hatte ohnehin Anspruch auf seine Liebenswürdigkeit und hatte auch stets eine offene Hand für ihn , wenn er , wie gewöhnlich , nicht auskam . Da ließ er denn auch seinerseits diese Liebenswürdigkeit nicht vermissen , und die beiden standen auf dem allerbesten Fuß miteinander . Jetzt , wo Ernst auf zwei Tage nach Neustadt gefahren war , fühlte sich Treumann verpflichtet , dem Freunde seines Neffen die Honneurs von Heilsberg zu machen . Er schleppte ihn in der ganzen Stadt herum , zeigte ihm alles , natürlich auch die berühmte Folterkammer , und gab als Vorstand des historischen Vereins auch die nötigen Erklärungen . Er merkte es dabei gar nicht , daß der Major sich über ihn und sein Steckenpferd lustig machte , und nahm dessen ironische Bewunderung für bare Münze . So waren sie denn auch heute auf den Burgberg gestiegen , wo die Ruine des alten Schlosses lag . Der Herr Notar hatte die ganze Chronik des betreffenden Grafengeschlechts zum besten gegeben und war dabei so tief in das Mittelalter geraten , daß er sich gar nicht wieder herausfand , jetzt schloß er mit einer großartigen Handbewegung : » Ja , wir stehen hier auf historischem Boden ! Jeder Stein , jeder Fuß breit in und um Heilsberg zeugt von einer großen Vergangenheit . Das ist es , was wir voraushaben vor all den anderen Städten in der Provinz – wir sind durch und durch historisch ! « » Aber Neustadt hat die Bahn , « warf der Major etwas nüchtern ein , » und die Steinfelder Werke gehören ja doch auch dazu , damit hat es Heilsberg längst überflügelt . « Treumann , der noch im sechzehnten Jahrhundert schwelgte , tauchte urplötzlich daraus empor und war mit einem förmlichen Ruck mitten in der Gegenwart . » Neustadt ? « wiederholte er . » Ja freilich , das möchte sich jetzt als Großstadt aufspielen , weil es ein paar tausend Einwohner mehr hat . Lächerlich ! Kennen Sie dies Neustadt ? « » Nur als Bahnstation . Ernst hat mich dort erwartet , und wir sind hindurchgefahren . Ein stattlicher Ort ! « » Finden Sie das ? « fragte der alte Herr in sehr gereiztem Tone . » Nun , vor acht Jahren war es noch ein jämmerliches Oertchen , das gar nicht den Namen einer Stadt verdiente , bis es dem großmächtigen Herrn Ronald gefiel , seine Werke dort anzulegen , und dann setzte er natürlich auch die Bahn durch . Der setzt ja alles durch ! Stattlicher Ort ? Pah , Arbeiterbevölkerung , Menschen ohne Bildung – Kohlenstaub und Maschinenlärm – gemeines Alltagsleben – das ist Neustadt , und das ist gar nichts ! « Hartmut lächelte , er wußte bereits aus gelegentlichen Gesprächen , daß zwischen Neustadt und Heilsberg grimmige Fehde herrschte , die zum Glück nur theoretisch ausgefochten wurde . Die Neustädter verspotteten die » historischen Heilsberger « , und diese verachteten die » moderne Schwindelstadt « , wie sie den Nachbarort wegen seines schnellen Wachstums nannten . Der Herr Notar stand natürlich vorn im Kampfe , und seine sonst so freundlichen Augen leuchteten in einem förmlichen Ingrimm , als er fortfuhr : » Und Ernst ist schon wieder hinübergefahren , in Geschäften , wie er behauptet . Wenn ich nur wüßte , was das für Geschäfte sind ! Sie haben doch drüben ihre eigenen Notare und ihre eigene Gerichtsbarkeit . Werden nächstens noch Gesetze erlassen , die Herren Neustädter ! Aber aus dem Ernst ist nichts herauszubekommen , nicht das geringste . « » Vermutlich Privatangelegenheiten . Amtsgeheimnis – er kommt ja schon heut abend zurück . Haben Sie übrigens in der Zeitung gelesen , daß Ronald in diesen Tagen auf seinen Werken erwartet wird ? « » Natürlich habe ich es gelesen , die Zeitungen melden das ja so gewissenhaft , wie die Ankunft irgend einer Fürstlichkeit . Dieser Nabob , der schon die ganze Berliner Finanzwelt regiert , spielt ja auch in unserer Provinz den Pascha . Es ist die reine Paschawirtschaft bei ihm und seiner Umgebung . Wochenlang vorher muß man sich um die Gnade einer Audienz bewerben , stundenlang muß man im Vorzimmer warten , und wenn man ihn dann endlich zu sehen bekommt , dann wirft er einen hinaus – mich hat er auch hinausgeworfen ! « » O , wie kam er denn dazu ? « fragte der Major erstaunt . » Kennen Sie ihn denn überhaupt ? « Treumann schien nicht recht zu wissen , ob er die Begegnung , bei der er eine so merkwürdige Rolle gespielt hatte , erzählen oder verschweigen sollte , aber sein Mitteilungsbedürfnis war überwiegend , und so sprudelte er denn mit gewohnter Lebhaftigkeit die ganze Geschichte heraus . » Es war im vorigen Jahre und es geschah nur Heilsbergs wegen . Sehen Sie , Herr Major , hier in unserem Boden schlummern zweifellos noch eine Menge von historischen Schätzen aus dem Mittelalter , vielleicht aus der Römerzeit . Man müßte nur große , umfangreiche Nachgrabungen veranstalten , aber dazu gehört Geld , sehr viel Geld , und das haben wir nicht . Da kam ich auf den Gedanken , mich an Ronald zu wenden , für den Nabob sind ja die Summen , die wir brauchen , eine Kleinigkeit . Ich wollte ihm einen Vortrag halten und ihm klar machen , daß er hier etwas Großes vollbringen könnte für die Welt , für die Wissenschaft , aber er ließ mich gar nicht zu Worte kommen . « » Das kann ich mir denken ! « warf Hartmut trocken ein . » Gleich im Anfange fiel er mir in die Rede und erklärte mir kurz und bündig , er habe mit der Gegenwart zu thun , nicht mit dem Staub und Moder der Vergangenheit , er habe weder Zeit noch Geld für solche Narrheiten . Da wurde ich natürlich auch gereizt , und das nahm der Pascha übel , denn er wurde grob und sagte mir die empörendsten Dinge ins Gesicht . Die erste beste Torfgrube wäre ihm lieber als der ganze historische Boden von Heilsberg . Ich solle doch sehen , was er aus Neustadt gemacht habe , Neustadt werde in zehn Jahren ein großer Industrieort sein und Heilsberg würde ein jammervolles kleines Nest bleiben , wo das Gras in den Straßen wachse . Ja , das – das hat er mir gesagt – wörtlich ! « Hier versagte dem alten Herrn vor Empörung die Sprache , er schluckte ein paarmal heftig und sah den Major an , der mühsam das Lachen unterdrückte . Er stellte sich die urkomische Scene vor , wie der praktische Nabob den » historischen « Besuch zur Thür hinausbeförderte , aber er that diesem den Gefallen , mit ein paar kräftigen Worten in seine Entrüstung einzustimmen . » Und dieser Mensch war vor zehn Jahren noch Prokurist meines Schwagers Raimar und wurde Sonntags zu Tische eingeladen ! « rief Treumann , noch immer ganz außer sich . » Das wissen Sie doch ? « » Ja , ich weiß , « sagte Hartmut nachdenklich . » Ich habe ihn dort kennen gelernt , aber seitdem nicht wieder gesehen . Herr Raimar hielt sehr viel von dem kaufmännischen Talent seines damaligen Prokuristen , eine solche Carriere freilich hat er wohl nicht geahnt . « » Eine Schwindelcarriere ! « erklärte verächtlich der Notar , dem seine sonstige Gutmütigkeit ganz abhanden kam , sobald von Neustadt oder von dem » Nabob « die Rede war , » Nichts als Schwindel ! Auf ehrliche , solide Weise kann man doch die Millionen nicht so ohne weiteres aus dem Boden stampfen und in ein paar Jahren ein Dutzend Unternehmungen hinstellen , von denen jede einzelne ein Menschenalter braucht , um zu gedeihen . Wenn Sie nur wüßten , was man da alles flüstert ! Laut wagt keiner etwas zu sagen , es ist ja alles bestochen , geknebelt , mundtot gemacht . Warten wir erst ab , wie die Geschichte endigt ! Das habe ich dem Ernst schon oft gesagt , aber der zuckt die Achseln und schweigt , der kümmert sich überhaupt nicht darum . Ernst hat für gar nichts mehr Interesse . « » Ja , Gott sei ' s geklagt ! « brummte der Major , fuhr aber plötzlich auf und beugte sich über die Mauerbrüstung , an der sie standen . Dort ertönte der Schrei einer Kinderstimme und gleich darauf ein lauter Angstruf von unten her . In demselben Augenblick setzte Hartmut aber auch schon mit einem Sprunge über die niedrige Mauer , brach durch die Gebüsche , die den Abhang bedeckten , und dann hörte man seine Kommandostimme : » Festhalten ! Nicht loslassen ! Ich komme schon ! « Der alte Herr droben wußte gar nicht , was geschehen war , und lief ängstlich auf und nieder , während er vergebens versuchte , durch das Gebüsch zu schauen ; aber schon nach wenigen Minuten tauchte sein Begleiter wieder auf , ein kleines Mädchen in den Armen , das er bis zur Ruine trug und dann auf den Boden stellte . » Das hätte schlimmer ablaufen können ! « sagte er . » Kleine Gemse , wer hieß dich denn da hinaufklettern ? Hast du dir weh gethan ? « Die Kleine war noch blaß vor Schrecken , aber sie schrie und weinte nicht , sondern betrachtete nur ihr Aermchen , auf dem eine große dunkelrote Schramme sichtbar war . » Es thut gar nicht sehr weh , « sagte sie tapfer , zu dem Major aufblickend . » Braves Mädel ! « lobte dieser . » Das heult nicht noch nachträglich , wenn es in Sicherheit ist . Zeig her ! Das ist ja eine bloße Schramme , nicht der Rede wert ! « Er zog sein Taschentuch hervor und trocknete ein paar Blutstropfen ab , die sich an dem kleinen Arme zeigten ; jetzt kam Treumann auch herbei . » Das ist ja die kleine Lisbeth von Gernsbach ! « rief er überrascht . » Lisbeth , was hast du angefangen ? « » Da bin ich heraufgeklettert , « sagte die Kleine , auf den steilen Abhang zeigend . » Und da fielen die Steine – und ich auch . « » Ja , und da hing sie an dem Fliederstrauch , den sie glücklich noch erwischt hatte , « ergänzte Hartmut , » aber der gab schon nach , und wenn sie losließ oder ich zwei Minuten später kam , dann lag sie unten im Steinbruch , und dann war ' s aus ! « Er beschäftigte sich noch mit dem Kinde , als dies ihm entwischte und mit dem Rufe » Mama ! Mama ! « einer Dame entgegenlief , die jetzt atemlos auf der Höhe erschien . Sie brach fast in die Kniee , als sie der Kleinen die Arme entgegenstreckte und sie an ihre Brust zog . » Beruhigen Sie sich , gnädige Frau , es ist ja nichts geschehen , « tröstete der Notar , und eine andere Dame , die unmittelbar folgte , mahnte halblaut : » Fasse dich , Wilma . Wir sahen es ja schon von unten , wie Lisbeth aufgefangen und emporgetragen wurde von diesem Herrn – « » Major Hartmut , « stellte Treumann vor . » Er war zum Glück in der Nähe , als die Kleine stürzte . « Die junge Frau war noch totenbleich und völlig unfähig zu sprechen , sie reichte nur dem Retter ihres Kindes die Hand , während ihr die Thränen aus den Augen stürzten . » Bitte , gnädige Frau , es war ja kaum der Rede wert , « lehnte Hartmut den stummen Dank ab . » Wir Soldaten sind gewohnt , rasch zuzugreifen , und das Allerbeste hat das tapfere kleine Fräulein selbst gethan . Jede andere hätte , als der Fliederstrauch zu brechen anfing , mit lautem Jammergeschrei losgelassen , sie that keinen Muck und hielt fest auf meinen Zuruf , bis ich herankam . « Lisbeth war offenbar sehr stolz auf dies Lob , und Frau von Maiendorf faßte sich denn auch so weit , die beiden Herren ihrer Cousine , Fräulein Edith Marlow , vorzustellen , der sie den Burgberg hatte zeigen wollen . Der Major horchte auf bei dem Namen , und auch Treumann schien gewisse Andeutungen von seinem Neffen erhalten zu haben , denn er machte der jungen Dame eine ungemein respektvolle Verbeugung und war hochbeglückt , als sie den Wunsch zu erkennen gab , etwas Näheres über die alte Grafenburg zu hören . Er stürzte sich schleunigst wieder in das Mittelalter , und als Edith , die sich in der That für solche Dinge interessierte , seine Führung durch die Ruine annahm , war der Vorstand des historischen Vereins auf seiner vollen Höhe . Major Hartmut zog es vor , der jungen Frau Gesellschaft zu leisten , in der noch der Schrecken von vorhin nachzitterte , und die draußen auf der Steinbank zurückgeblieben war . Dabei neckte er sich mit Lisbeth , die den Sturz und die Schramme bereits vergessen hatte und lustig umhertollte . Die beiden waren schon die allerbesten Freunde , als Edith mit ihrem Führer zurückkehrte . Die Damen machten nun Anstalt , aufzubrechen ; nach dem Vorgefallenen war es eigentlich selbstverständlich , daß der Major eine Einladung nach Gernsbach erhielt , und Herr Notar Treumann wurde als alter Freund des Hauses auch gebeten , mitzukommen . » Komm aber recht bald , « sagte die kleine Lisbeth , ihrem Retter zutraulich das Händchen bietend . » Es ist sehr schön bei uns . « » Zu Befehl , gnädiges Fräulein ! « versetzte Hartmut mit militärischem Gruße . » Ich werde nicht verfehlen , mich nach Hochdero Befinden nach der unfreiwilligen Bergfahrt zu erkundigen . « Die Kleine lachte fröhlich auf bei dem Scherz und lief zur Mutter , die sie diesmal fest an der Hand nahm . Dann trennte man sich , die Damen schlugen einen Fußweg ein , der in den Wald hineinführte , wo sie ihren Wagen gelassen hatten , und die beiden Herren kehrten auf dem eigentlichen Burgwege nach der nahen Stadt zurück . » Das war also die junge Millionärin ! « sagte Treumann , hoch befriedigt von der Begegnung . » Dieser Marlow hat nämlich auch eine Million , aber der steht auf soliderer Grundlage als der Hexenmeister Ronald . Altes Bankhaus , schon vom Großvater gegründet , Maxl kennt die Verhältnisse genau . Wie finden Sie Fräulein Marlow ? Eine Schönheit , nicht wahr ? « » Gewiß , ein schönes Mädchen ! « stimmte der Major ziemlich kühl bei . » Aber für meinen Geschmack etwas zu großartig und selbstbewußt . Frau von Maiendorf kann sich ja in der äußeren Erscheinung nicht mit ihrer Cousine messen , aber sie ist viel anmutiger . « » Jawohl , ein liebes , sanftes Frauchen ! « bestätigte Treumann , » und die kleine Lisbeth ist allerliebst . Aber mit dem Ernst ist ja nichts anzufangen , Sie sollten ihm doch einmal ins Gewissen reden . « » Ich ? Weshalb denn ? « fragte Hartmut , der sich diesen plötzlichen Gedankensprung nicht erklären konnte . Der Notar hatte sich längst schon vorgenommen , dem Freunde seines Neffen einmal sein Herz auszuschütten , und ergriff nun eifrig diese Gelegenheit . Er begann in empfindlichem Tone : » Ich habe damals doch gewiß das möglichste gethan , als ich das Notariat mit der ganzen Praxis an Ernst abtrat , aber dankbar ist er mir nie dafür gewesen . Das war ihm alles viel zu unbedeutend und kleinlich . O , ich habe das gemerkt , wenn er auch nie darüber sprach . Ja , als Verteidiger Reden halten , von denen dann alle Welt spricht , sich als Berühmtheit in den Reichstag wählen lassen , und dann zum Schluß womöglich den Ministersessel – das hat er im Kopf gehabt ! Das möchte wohl mancher , aber nicht jeder hat das Zeug dazu . « » Ernst hatte es ! « sagte der Major kurz und herb . » Es war ein Unglück , daß er damals aus seiner Laufbahn gerissen wurde , um hier – « Frondienste zu leisten , wollte er sagen , unterdrückte es aber , mit Rücksicht auf den alten Herrn , der doch aus reiner Herzensgüte gehandelt hatte . Dieser glaubte , er meine nur den Bankrott des Raimarschen Hauses und stimmte bei . » Ja , das war allerdings ein Unglück