mehr gelockert , aber es war wohl hauptsächlich Almbach , der die Schuld daran trug . Er konnte sich nicht darein finden , daß der Consul , nachdem er zum Millionär geworden , auch auf einem Fuße lebte , der dieser Stellung entsprach . Vielleicht verzieh er es ihm auch nicht , daß Jener den ersten Platz einnahm , wo er selbst erst in dritter oder vierter Reihe stand , und so sehr er in geschäftlicher Hinsicht die Vortheile zu benutzen wußte , die eine nähere Bekanntschaft mit der großen Erlau ’ schen Firma ihm eröffnete , so sehr hielt er seinen streng bürgerlichen und etwas altfränkischen Haushalt außer aller Berührung mit dem des Consuls . Die Einladungen desselben hatten aufgehört , als er sah , daß sie nicht gern angenommen wurden ; jetzt beschränkte sich die beiderseitige Begegnung schon seit Jahren auf ein gelegentliches Zusammentreffen an der Börse oder am dritten Orte , und kürzlich hatte sich Almbach sogar , als eine Geschäftssache persönliche Rücksprache verlangte , durch seinen Schwiegersohn vertreten lassen . Es war ihm durchaus nicht lieb , daß dem jungen Manne bei dieser Gelegenheit die Einladung zur Oper und zu der darauffolgenden Soirée zu Theil wurde , und so wenig sich diese Artigkeit ablehnen ließ , so wenig verhehlte der Kaufmann seiner Familie gegenüber seinen Unmuth über die Einführung Reinhold ’ s in das „ Nabobleben “ , eine Bezeichnung , mit der er gewöhnlich den Haushalt seines alten Freundes beehrte . Trotz alledem war Almbach ein wohlhabender , ja , wie von vielen Seiten behauptet wurde , sogar ein sehr vermögender Mann geworden und in dieser Eigenschaft der Mittelpunkt und die Stütze einer zahlreichen , nicht gerade sehr mit Glücksgütern gesegneten Verwandtschaft . So fiel ihm denn auch die Sorge für die Erziehung seiner beiden verwaisten Neffen anheim , die ihr Vater , ein Schiffscapitain , gänzlich mittellos zurückgelassen hatte . Almbach besaß nur ein einziges Kind , dessen Existenz er freilich nie eine besondere Wichtigkeit beigelegt hatte , da es ein Mädchen war . Der Consul und dessen Gattin waren die Pathen der Kleinen gewesen , und es konnte immerhin als ein Act der Selbstüberwindung gelten , daß Almbach seiner Tochter den Namen der Frau Erlau beilegte , denn er haßte das vornehm und romantisch klingende „ Eleonore “ ganz außerordentlich und beeilte sich sehr bald , es in das weit einfachere „ Ella “ umzugestalten . Diese Bezeichnung war wohl auch die passendere , denn Ella Almbach galt überall für ein nicht bloß einfaches , sondern sogar für ein äußerst beschränktes Wesen , dessen Horizont sich nie über die kleinen Vorkommnisse der Häuslichkeit und der Wirthschaft hinaus erstreckte . Das Kind war in früheren Zeiten sehr kränklich gewesen , und das mochte auch auf die Entwickelung seiner geistigen Fähigkeiten lähmend gewirkt haben . Sie waren in der That sehr untergeordneter Natur , und die äußerst einseitige , streng wirthschaftliche Erziehung im Elternhause , die jeden andern Ideen- und Gedankenkreis ausschloß , schien auch nicht geeignet , ihnen eine höhere Richtung zu geben . So war das Mädchen denn still und scheu herangewachsen , stets übersehen , überall bei Seite geschoben und ohne die geringste Geltung selbst bei den nächsten Familiengliedern . Man hatte sich gewöhnt , sie als ganz unselbstständig und halb unzurechnungsfähig zu betrachten , und auch ihre spätere Heirath änderte darin durchaus nichts . Keines der jungen Leute erhob einen Einwand gegen den längst gehegten und ihnen längst bekannten Plan einer Verbindung . Ein siebenzehnjähriges Mädchen und ein zweiundzwanzigjähriger Mann haben wohl überhaupt noch nicht viel Selbstbestimmung , am wenigsten , wenn sie in so abhängigen Verhältnissen aufgewachsen sind . Hier kam noch die Gewohnheit eines steten Zusammenlebens hinzu , das doch immerhin eine Art von Neigung erzeugt hatte , obgleich diese bei Reinhold eigentlich nur mitleidige Duldung und bei Ella geheime Furcht vor dem ihr geistig so sehr überlegenen Vetter war . Sie reichten sich also gehorsam die Hand zur Verlobung , der in Jahresfrist die Trauung folgte . Ueber Beiden waltete nach wie vor das Scepter Almbach ’ s , der seinem nunmehrigen Schwiegersohne , der dem Namen nach jetzt sogar Compagnon war , so wenig irgend eine Selbstständigkeit im Geschäfte gestattete , wie seine Gattin der jungen Frau im Haushalte . [ Es war Sonntag Morgen . Das Comptoir war geschlossen , und Reinhold hatte einmal einen freien Vormittag vor sich , was ihm allerdings nur selten zu Theil wurde . Er befand sich im Gartenhause , dessen ausschließliche Benutzung er endlich errungen hatte , allerdings erst nach manchen Kämpfen und nur durch den wiederholten Hinweis auf seine musikalischen Uebungen , die man im Hause selbst allzu störend fand . Der junge Mann war nur hier einigermaßen sicher vor der fortwährenden Controlle seiner Schwiegereltern , die sich bis in die Wohnung des jungen Paares hinein erstreckte , und er benutzte jede freie Stunde , sich in sein Asyl zu flüchten . Der sogenannte „ Garten “ war von jener Beschaffenheit , wie sie in einem enggebauten , alten und menschenvollen Stadtviertel die allein mögliche ist . Ueberall hohe Mauern und Giebel , die von allen Seiten das Stückchen Erde einengten , dem Luft und Sonnenschein nur spärlich zugemessen war , und auf dem einige Bäume und Gesträuche ein kümmerliches Dasein fristeten . Als Grenzlinie hatte das Gärtchen einen jener kleinen Canäle , welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchzogen , und dessen stille dunkle Fluth einen recht trübseligen Hintergrund bildete ; jenseit desselben aber sah man wieder Mauern und Giebel ; das Gefängnißartige , das dem ganzen Almbach ’ schen Hause anhaftete , schien sich auch auf den einzigen freien Raum desselben zu erstrecken . Das Gartenhaus selbst war nicht viel freundlicher , das einzige geräumige Gemach sogar mehr als einfach eingerichtet . Man sah es den wenigen alterthümlichen Möbeln an , daß sie als überflüssig irgendwo bei Seite gestellt und jetzt hervorgesucht waren , um das Zimmer nothdürftig herzustellen . Nur am Fenster , um das sich einige kümmerliche Weinranken schlangen , stand ein großer , kostbar gearbeiteter Flügel , das Vermächtniß des verstorbenen Musikdirector Wilkens an seinen Schüler , ein Prachtstück , das sich in der nüchternen Umgebung ebenso seltsam und fremdartig ausnahm , wie die Gestalt des jungen Mannes mit der idealen Stirn und den großen flammenden Augen hinter den vergitterten Comptoirfenstern des Vorderhauses . Reinhold saß am Tische und schrieb , aber sein Gesicht trug heute nicht jenen müden , apathischen Ausdruck , der stets darauf ruhte , sobald er die Zahlen der Handlungsbücher vor sich hatte ; seine Wangen waren tief , fast fieberhaft geröthet , und die Hand , die in raschen Zügen einen Namen auf das vor ihm liegende Briefcouvert warf , zitterte leise , wie in verhaltener Erregung . Da ließen sich Schritte draußen hören und die Glasthür wurde geöffnet ; mit einer schnellen unmuthigen Bewegung schob der junge Mann das Couvert unter die auf dem Tische liegenden Notenblätter und wandte sich um . Es war Jonas , der Diener des Capitains , der die ihm angebotene Gastfreundschaft seiner Verwandten nur auf einige Tage angenommen hatte , und dann in eine eigene Wohnung übergesiedelt war . Der Matrose brachte Gruß und Eintritt in der ihm eigenen derben und etwas ungeschickten Art zuwege und legte dann einige Bücher auf den Tisch . „ Eine Empfehlung von dem Herrn Capitain , und er schickt hier das Versprochene aus seiner Reisebibliothek . “ „ Kommt mein Bruder nicht selbst ? “ fragte Reinhold befremdet . „ Er versprach es doch . “ „ Der Herr Capitain ist schon längst da , “ rapportirte Jonas , „ aber sie haben ihn richtig wieder im Hause abgefangen : der Herr Onkel wünschen eine Conferenz mit ihm in Familiensachen ; die Frau Tante verlangen seine Hülfe bei einer Aenderung im Besuchszimmer , und der Buchhalter will ihn für seinen Verein kapern . Alle reißen sie sich um ihn ; er kann nicht loskommen . “ „ Hugo scheint im Laufe einer einzigen Woche bereits das ganze Haus erobert zu haben , “ bemerkte Reinhold ironisch . „ Das machen wir überall so , “ sagte Jonas voll Selbstgefühl , und schien sehr geneigt , noch Einiges über diese Eroberungen hinzuzufügen als er durch den Eintritt seines Herrn unterbrochen wurde , der in heiterster Laune den Bruder begrüßte . „ Gute Morgen , Reinhold ! Nun , Jonas , was stehst Du denn noch hier ? Man bedarf Deiner im Hause . Ich habe der Tante versprochen daß Du bei der heutigen Mittagsgesellschaft Aushülfe leisten sollst . Rasch hinauf in die Küche ! “ „ Unter die Frauenzimmer ? “ fragte Jonas , dessen Gesicht sich bei dem Befehle natürlich verlängerte . „ Unter die Frauenzimmer ! Weiß der Himmel , “ wandte sich Hugo lachend an seinen Bruder , „ wo dieser Mensch den Haß gegen alles Weibliche gelernt hat . Bei mir sicher nicht ; ich bewundere das schöne Geschlecht ganz außerordentlich . “ „ Ja , leider Gottes , gar zu außerordentliche ! “ brummte Jonas , machte aber gehorsam Kehrt und marschirte zur Thür hinaus , während der Capitain dicht an Reinhold hinantrat . „ Es ist heute große Familientafel , “ hob er an , den pedantisch feierliche Ton seines Onkels Almbach täuschend nachahmend . „ Mir zu Ehren , natürlich ! Ich hoffe , daß Du diesem bedeutsamen Acte die gebührende Hochachtung entgegenbringst , und Dich nicht wieder so benimmst , daß ich Dich höchstens als Folie für meine eigene zu entwickelnde Liebenswürdigkeit benutzen kann . “ Reinhold runzelte ein wenig die Stirn . „ Ich bitte Dich , Hugo , werde endlich einmal vernünftig ! Wie lange denkst Du denn eigentlich noch diese Komödie fortzuspielen und Dich über das ganze Haus lustig zu machen ? Nimm Dich in Acht , wenn sie dahinter kommen , von welcher Beschaffenheit Deine Liebenswürdigkeit eigentlich ist , und daß Du im Grunde nur Deinen Spott mit ihnen Allen treibst . “ „ Das wäre allerdings schlimm , “ sagte Hugo ruhig . „ Sie kommen aber nicht dahinter ; verlaß Dich darauf ! “ „ So thue mir wenigstens den Gefallen , und laß ’ Deine entsetzlichen Indianergeschichten ! Du muthest ihnen wirklich zu viel damit zu . Der Onkel debattirte erst gestern mit dem Buchhalter über den Kampf mit der Riesenschlange , den Du ihnen neulich auftischtest , und der denn doch auch ihm etwas unerhört schien . Ich gerieth in die grenzenloseste Verlegenheit beim Zuhören . “ „ In Verlegenheit hat Dich das gebracht ? “ spottete der Capitain . „ Wäre ich dabei gewesen , ich hätte ihnen sofort noch eine Elephantenjagd , eine Tigergeschichte und einige Ueberfälle der Wilden mit so haarsträubenden Effecten zum Besten gegeben , daß ihnen die Sache mit der Riesenschlange darnach höchst wahrscheinlich vorgekommen wäre . Sei unbesorgt ! Ich kenne meine Zuhörer ; das ganze Haus erdrückt mich ja fast mit Sympathiebeweisen . “ „ Ella ausgenommen , “ warf Reinhold ein . „ Es ist doch eigenthümlich , daß ihre Scheu vor Dir in keiner Art zu überwinden ist . “ „ Jawohl , das ist sehr eigentümlich , “ stimmte Hugo mit beleidigter Miene bei . „ Ich kann durchaus nicht zugeben , daß Jemand im Hause existirt , der von meiner Vortrefflichkeit nicht unbedingt überzeugt scheint , und habe mir bereits vorgenommen , mich heute in meiner ganzen unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit meiner Frau Schwägerin zu präsentiren . Ich zweifle durchaus nicht , daß sie sich darauf hin gleichfalls der Majorität anschließen wird , Du bist doch hoffentlich nicht eifersüchtig ? “ „ Eifersüchtig ? Ich ? Und um Ella ’ s willen ? “ Der junge Mann zuckte halb mitleidig , halb verächtlich die Achseln . „ Was fällt Dir ein ? “ „ Nun , es hat auch keine Gefahr ! Ich suchte schon vorhin eine Unterredung mit ihr , aber sie war ausschließlich mit dem Kleinen beschäftigt . – Sage einmal , Reinhold , woher hat das Kind die wunderschönen blauen Märchenaugen ? Die Deinen sind es nicht ; da ist auch nicht die leiseste Spur einer Aehnlichkeit vorhanden , und sonst wüßte ich doch Niemanden in der Familie – “ „ Ich glaube , Ella ’ s Augen sind blau , “ unterbrach ihn der Bruder gleichgültig . „ Das glaubst Du nur ? Ueberzeugt hast Du Dich davon wohl noch nie ? Allerdings mag das schwierig sein ; sie schlägt sie ja niemals auf , und unter dieser unendlichen Haube ist überhaupt nichts von ihrem Gesichte zu erblicken . Reinhold , um Gotteswillen , wie kannst Du Deiner Frau eine solche vorsündfluthliche Tracht erlauben ! Ich versichere Dir , für mich wäre diese Haube ein unbedingter Scheidungsgrund . “ Reinhold hatte sich an den Flügel gesetzt und ließ mechanisch die Hand über die Tasten gleiten , während er mit vollkommener Theilnahmlosigkeit erwiderte : „ Ich kümmere mich nie um Ella ’ s Toilette , und ich glaube , es wäre auch nutzlos , da Aenderungen durchsetzen zu wollen . Was geht es mich auch an ? “ „ Was es Dich angeht , wie Deine Frau aussieht ? “ wiederholte der Capitain , indem er einige der auf dem Tische liegenden Notenblätter ergriff und flüchtig durchsah ; „ eine allerliebste Frage für einen jungen Ehemann ! Du hattest doch sonst einen nur allzu reizbaren Sinn für das Schöne , und ich möchte beinahe fürchten – was ist denn das ? ‚ Signora Beatrice Biancona in H. ‘ Hast Du italienische Correspondenzen hier in der Stadt ? “ Reinhold sprang auf . Verlegenheit und Unmuth stritten in seinem Gesichte , als er den Brief , den er vorhin unter die Noten geschoben , in der Hand des Bruders sah , der unbefangen die Adresse wiederholte : „ Beatrice Biancona ? Das ist ja die Primadonna der italienischen Oper , die hier ein so unglaubliches Furore machen soll . Kennst Du die Dame ? “ „ Oberflächlich , “ sagte Reinhold , ihm den Brief rasch aus der Hand nehmend . „ Ich wurde ihr kürzlich beim Consul Erlau vorgestellt . “ „ Und Du correspondirst bereits mit ihr ? “ „ Nicht doch ! Der Brief enthält nicht eine einzige Zeile . “ Hugo lachte laut auf . „ Ein Couvert mit einer vollständigen Adresse darauf und einem sehr umfangreichen Papier darin und keine einzige Zeile ? Lieber Reinhold , das ist noch wunderbarer , als meine Geschichte mit der Riesenschlange . Verlangst Du im Ernst Glauben dafür ? Nun sieh nur nicht so finster aus ! Ich beabsichtige durchaus nicht , mich in Deine Geheimnisse zu drängen . “ Statt aller Antwort zog der junge Mann das Papier aus dem noch nicht geschlossenen Couverte hervor und hielt es dem Bruder hin , der verwundert darauf niederblickte . „ Was soll das heißen ? Nur ein Lied – Noten und Text – kein Wort der Erklärung dabei – einzig Dein Name darunter . Hast Du das etwa componirt ? “ Reinhold nahm das Papier wieder zurück , schloß den Brief und steckte ihn zu sich . „ Es ist ein Versuch , weiter nichts . Sie ist Künstlerin genug , um darüber zu urtheilen . Mag sie es annehmen oder verwerfen ! “ „ Du componirst also auch ? “ fragte der Capitain , dessen Gesicht auf einmal ernst geworden war . „ Ich glaubte nicht , daß Deine leidenschaftliche Neigung für die Musik bis zum eigenen Schaffen ginge . Armer Reinhold , wie hältst Du es nur aus in diesem Leben , unter all dieser Engherzigkeit und Beschränktheit , die jeden Funken von Poesie als überflüssig oder gefährlich ersticken möchte ? Ich habe es nicht gekonnt . “ Reinhold hatte sich wieder auf den Sessel vor seinem Flügel geworfen . „ Frage mich nicht , wie ich es aushalte ! “ entgegnete er gepreßt . „ Genug , daß ich es thue ! “ „ Ich ahnte es längst , daß Deine Briefe nicht aufrichtig waren , “ fuhr Hugo fort , „ daß hinter all der Zufriedenheit , mit der Du mich täuschen wolltest , sich etwas ganz Anderes barg . In dieser einen Woche hier im Hause ist mir die Wahrheit klar geworden , trotzdem Du Dir alle nur erdenkliche Mühe gabst , sie mir zu verbergen . “ Der junge Mann blickte düster vor sich hin . „ Wozu sollte ich Dich in der Ferne auch noch mit der Sorge um mich quälen ? Du hattest genug zu thun , Dich selber durchzubringen , und es gab ja auch eine Zeit , wo ich zufrieden war , oder es wenigstens zu sein glaubte , weil mein ganzes geistiges Leben wie in einem Banne lag , wo ich in dumpfer Gleichgültigkeit Alles über mich ergehen ließ und willig der Kette die Hand bot . Ich habe es gethan , nun ja ! Ich habe aber auch mein ganzes Leben lang daran zu tragen . “ Hugo war zu ihm getreten und legte die Hand auf seine Schulter . „ Du meinst Deine Heirath mit Ella ? Bei der ersten Nachricht davon wußte ich , daß es einzig das Werk des Onkels war . “ Ein bitteres Lächeln spielte um die Lippen des jungen Mannes , als er fast schneidend erwiderte : „ Er war von jeher ein ausgezeichneter Rechenmeister , und das hat er auch hier wieder gezeigt . Der arme , aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommene Verwandte mußte es ja als ein Glück betrachten , daß man ihn zum Sohn und Erben des Hauses erhob , und die Tochter mußte doch einmal verheirathet werden ; da galt es , mit ihrer Hand der Firma einen Nachfolger zu sichern , der den gleichen Namen trug . Es war nicht Ella ’ s Schuld und nicht die meine , daß man uns so zusammenband . Wir waren Beide jung , willenlos , ohne Verständniß des Lebens und unser selbst . Sie wird es ewig bleiben – wohl ihr ! Mir ist es nicht so gut geworden . “ Man hätte es den kecken braunen Augen des jungen Capitains kaum zugetraut , daß sie so ernst blicken konnten , wie in diesem Momente , wo er sich zu dem Bruder herabbeugte . „ Reinhold ! “ sagte er halblaut . „ In der Nacht , als ich entfloh , um mich einer Willkür zu entreißen , die mir Freiheit und Zukunft verschütten wollte , da hatte ich Alles geplant und vorhergesehen , nur das Eine , Schwerste nicht , die Minute , wo ich an Deinem Bette stand , um Dir Lebewohl zu sagen . Du schliefst ruhig und ahntest nichts von der Trennung , aber ich – als ich Dein kleines blasses Gesicht auf dem Kissen sah und mir sagte , daß ich es nun lange Jahre nicht , daß ich es vielleicht nie wieder sehen würde , da wollten all die Freiheitsgelüste nicht Stand halten , und ich rang schwer mit der Versuchung , Dich zu wecken und mit mir zu nehmen . Später , als ich die dornenvolle Laufbahn des abenteuernden , heimathlosen Knaben mit all ihren Gefahren und Entbehrungen kosten mußte , da habe ich oft Gott gedankt , daß ich der Versuchung widerstand , wußte ich Dich doch sicher und geborgen im Hause der Verwandten , und jetzt “ – die kräftige Stimme Hugo ’ s bebte wie im unterdrückten Grolle oder Schmerz – „ jetzt wollte ich , ich hätte Dich damals mit hinausgerissen in Mangel und Entbehrung , in Sturm und Gefahr , aber auch in die Freiheit hinaus ; es wäre besser gewesen . “ „ Es wäre besser gewesen , “ wiederholte Reinhold tonlos ; dann auf einmal erhob er sich ungestüm . „ Laß uns abbrechen ! Wozu die Klagen , die das einmal Geschehene doch nicht ändern ? Komm ’ ! Man erwartet uns oben im Hause . “ „ Ich wollte , ich hätte Dich auf meiner ‚ Ellida ‘ und wir könnten der ganzen Sippschaft den Rücken kehren auf Nimmerwiedersehen ! “ sagte der junge Seemann mit einem Seufzer , während er sich anschickte , der Aufforderung nachzukommen . „ So schlimm habe ich mir die Sache doch nicht gedacht . “ Die Brüder hatten kaum das Haus betreten , als die Unentbehrlichkeit Hugo ’ s sich auch schon wieder zu zeigen begann . Von nicht weniger als drei Seiten ward er zugleich in Anspruch genommen . Jeder verlangte seinen Rath , seine Hülfe . Der junge Capitain schien die beneidenswerthe Fähigkeit zu besitzen , sich sofort von einer Stimmung in die andere werfen zu können , denn unmittelbar nach dem tiefernsten Gespräch mit dem Bruder sprühte er schon wieder von Heiterkeit und Uebermuth , half Jedem , sagte Jedem Artigkeiten und verspottete dabei Alle in der schonungslosesten Weise . Diesmal war es der Buchhalter , der ihn schließlich „ abfing “ , wie Jonas sich ausdrückte , um seine Vereinsangelegenheit vorzutragen , und während die beiden Herren darüber debattirten , trat Reinhold in das Eßzimmer , wo er seine Frau bereits mit den Vorbereitungen für die erwähnte Gesellschaft beschäftigt fand . Ella war heute in Sonntagstracht , aber das änderte wenig in ihrer Erscheinung . Der Anzug von feinerem Stoffe war deshalb nicht kleidsamer ; die Haube , die ihrem Schwager ein solches Entsetzen einflößte , umgab und entstellte auch heute das Gesicht . Die junge Frau widmete sich ihren Hausfrauenpflichten so emsig und ausschließlich , daß sie kaum den Eintritt ihres Gatten zu bemerken schien , der sich mit ziemlich finsterer Miene ihr näherte . „ Ich möchte Dich doch bitten , Ella , “ begann er , „ in Zukunft etwas mehr Rücksicht auf meine Wünsche zu nehmen und meinem Bruder in der Weise zu begegnen , die er von seiner Schwägerin erwarten kann und darf . Ich sollte meinen , das Benehmen Deiner Eltern und des ganzen Hauses könnte Dir als ein Beispiel dienen ; aber Du scheinst ein eigenes Vergnügen darin zu finden , ihm jedes Verwandtenrecht zu versagen und ihm eine förmliche Antipathie zu zeigen . “ Die junge Frau sah bei dieser in nichts weniger als liebevollem Tone gegebenen Zurechtweisung genau so furchtsam und hülflos aus , wie damals , als die Mutter von ihr verlangte , sie solle gegen die musikalische „ Manie “ ihres Mannes einschreiten . „ Sei nicht böse , lieber Reinhold ! “ entgegnete sie zaghaft , „ aber ich – ich kann wirklich nicht anders . “ „ Du kannst nicht ? “ fragte Reinhold scharf . „ Freilich , das ist ja Deine stete Antwort , wenn ich etwas von Dir verlange , und ich dächte , es käme doch selten genug vor , daß ich einmal eine Bitte an Dich richte . Diesmal aber bestehe ich ganz entschieden darauf , daß Du Dein Benehmen gegen Hugo änderst . Dieses scheue Ausweichen und consequente Schweigen auf jede seiner Anreden ist ja geradezu lächerlich . Ich bitte Dich jetzt ernstlich , etwas mehr dafür zu sorgen , daß ich meinem Bruder nicht gar zu bemitleidenswerth erscheine . “ Ella schien im Begriff zu sein , zu antworten ; aber die letzte schonungslose Bemerkung schloß ihr die Lippen . Sie senkte den Kopf und machte auch nicht den leisesten Versuch mehr , sich zu vertheidigen . Es war eine Bewegung so sanfter , geduldiger Fügsamkeit , daß sie wohl Jeden entwaffnet hätte ; Reinhold aber achtete gar nicht darauf , denn in diesem Augenblicke hörte man drinnen im Nebenzimmer den alten Buchhalter sich verabschieden . „ Wir dürfen also auf die Ehre Ihrer Mitgliedschaft rechnen , Herr Capitain ? Und hinsichtlich unserer Präsidentenwahl habe ich Ihr Wort , daß Sie zu der Opposition stehen ? “ „ Ganz der Ihrige , verehrter Herr ! “ tönte Hugo ’ s Stimme . „ Und selbstverständlich nur bei der Opposition . Ich schlage mich grundsätzlich immer zur Opposition , wo eine existirt ; es ist gewöhnlich die einzige Partei , bei der es amüsant zuzugehen pflegt . Bitte , die Ehre ist ganz auf meiner Seite . “ Der Buchhalter ging , und der Herr Capitain erschien jetzt im Zimmer . Er schien Lust bekommen zu haben , das vorhin gegebene Versprechen einzulösen und die junge Frau seines Bruders gleichfalls von seiner Vortrefflichkeit zu überzeugen , denn er näherte sich ihr mit der ganzen Keckheit und dem ganzen Uebermuthe seines Wesens , dem eine gewisse ritterliche Galanterie beigemischt war . „ Also dem Zufalle muß ich es danken , daß ich endlich einmal meine liebenswürdige Schwägerin zu Gesicht bekomme und sie mir nothgedrungen auf einige Minuten Stand halten muß ? Sie selbst freilich hätte mir dieses Glück nie zu Theil werden lassen . Ich habe mich bereits heute Morgen bitter bei Reinhold über diese Zurücksetzung beklagt , die verdient zu haben ich mir in keiner Weise bewußt bin . “ Er wollte ihre Hand ergreifen , jedenfalls um sie zu küssen ; aber Ella zog mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Entschiedenheit die Hand zurück . „ Herr Capitain ! “ „ Herr Capitain ! “ wiederholte Hugo entrüstet . „ Nein , Ella , das geht zu weit . Ich hätte als Schwager wohl mehr als je ein Recht , das vertrauliche , Du ‘ zu beanspruchen , das Sie dem Vetter und Jugendgespielen nie verweigert haben ; aber da Sie vom ersten Tage meines Hierseins an die fremde Anrede so entschieden betonten , so folgte ich dem mir gegebenen Winke . Dieses , Herr Capitain ‘ aber dulde ich nicht ; das ist eine Beleidigung , gegen die ich Reinhold zu Hülfe rufe . Er soll mir sagen , ob ich es wirklich ertragen muß , mich von diesen Lippen , Herr Capitain ‘ genannt zu hören . “ „ Nicht doch ! “ sagte Reinhold , indem er sich zum Gehen wandte . „ Ella wird diese Anrede wie überhaupt den fremden Ton gegen Dich fallen lassen . Ich habe sie soeben ausdrücklich darum gebeten . “ Er ging wirklich , und sein Blick befahl der jungen Frau ebenso bestimmt , zu bleiben , als sein Ton Gehorsam forderte . Dem Capitain entging Beides nicht . „ Um Gotteswillen , komm ’ mir nicht mit Deiner Ehemannsautorität dazwischen ! Willst Du die Freundlichkeit gegen mich etwa anbefehlen ? “ rief er dem Bruder nach und wandte sich dann rasch wieder zu Ella , während er galant fortfuhr : „ Das wäre der sicherste Weg , mich nun und nimmermehr Gnade finden zu lassen vor den Augen meiner schönen Schwägerin . Aber nicht wahr , dessen bedarf es auch nicht zwischen uns ? Sie erlauben mir endlich , Ihnen den schuldigen Tribut der Ehrfurcht zu Füßen zu legen , Ihnen die freudige Ueberraschung zu schildern , mit der ich die Nachricht empfing – “ Hier hielt Hugo plötzlich inne und schien aus dem Concepte zu kommen . Ella hatte das Auge emporgeschlagen und ihn angesehen . Es war ein Blick stillen schmerzlichen Vorwurfes , und derselbe Vorwurf lag auch in ihrer Stimme , als sie erwiderte : „ Lassen Sie doch wenigstens mich in Frieden , Herr Capitain ! Ich dächte , Sie hätten heute bereits hinreichenden Zeitvertreib gehabt . “ „ Ich ? “ fragte Hugo betroffen . „ Wie meinen Sie das , Ella ? Sie glauben doch nicht etwa – “ Die junge Frau ließ ihn nicht ausreden . „ Was haben wir Ihnen denn gethan ? “ fuhr sie fort , und so furchtsam die Stimme auch im Anfange noch bebte , sie gewann sichtbar an Festigkeit bei jedem Worte . „ Was haben wir Ihnen denn gethan , daß Sie uns immer nur verspotten von dem Tage Ihrer Rückkehr an , wo Sie meinen Eltern eine Reuescene vorspielten , über die Sie wahrscheinlich nachher sehr gelacht haben , bis zur heutigen Stunde , wo Sie das ganze Haus zur Zielscheibe Ihres Uebermuthes machen ? Reinhold duldet es freilich , daß wir Tag für Tag so herabgesetzt werden ; er muß es wohl in der Ordnung finden . Aber ich , Herr Capitain , “ – hier hatte Ella ’ s Ton die vollste Sicherheit gewonnen – „ ich finde es nicht in der Ordnung , daß Sie ein Haus , in welchem Sie , trotz alledem , was geschehen ist , mit der alten Liebe wieder aufgenommen worden sind , tagtäglich mit Spott und Hohn überschütten . Wenn Ihnen dies Haus und diese Familie so sehr kleinlich und lächerlich erscheinen , so hat Sie ja Niemand hergerufen . Sie hätten draußen bleiben sollen in der Welt , von der Sie soviel zu erzählen wissen . Meine Eltern verdienen mehr Schonung und Achtung , selbst für ihre Schwächen , und unser Haus mag sehr einfach sein , aber es ist doch immer noch zu gut für den Spott eines – Abenteurers . “ Sie wandte ihm den Rücken und verließ das Zimmer , ohne ein Wort der Erwiderung abzuwarten . Hugo stand da und sah ihr nach , als habe sich soeben eine der unmöglichen Scenen aus seinen „ Indianergeschichten “ leibhaftig vor seinen Augen ereignet . Es geschah dem jungen Seemanne wahrscheinlich zum ersten Male in seinem Leben , daß er mit der Geistesgegenwart auch die Sprache verlor . „ Das war deutlich , “ sagte er endlich , indem er sich ganz fassungslos niedersetzte , aber schon in der nächsten Minute sprang er wie elektrisirt empor und rief : „ Sie hat sie wahrhaftig – die schönen blauen Augen des Kindes . Und das muß ich erst heute und jetzt entdecken ! Freilich wer hätte auch unter diesem Ungethüm von Haube diesen Blick gesucht . ‚ Wir sind zu gut für den Spott eines Abenteurers ! ‘ Schmeichelhaft ist das gerade nicht , aber verdient war es , wenn ich es auch freilich aus diesem Munde am