Schärfe bestehen ließen . Da wurde Raven zum Chef der Verwaltung ernannt , und Stadt und Provinz mußten es bald genug empfinden in wessen Hand die Zügel jetzt lagen . Der neue Gouverneur ging mit einer Energie , aber auch mit einer Rücksichtslosigkeit vor , die einen wahren Sturm gegen ihn entfesselte . Widerspruch , Proteste , Klagen bei der Regierung jagten einander förmlich , aber die letztere wußte zu gut , was sie an ihrem Vertreter hatte , um ihn nicht mit voller Macht zu stützen . Ein Anderer hätte wahrscheinlich die grenzenlose Unpopularität gescheut , die ihm aus diesem Vorgehen erwuchs , oder wäre den endlosen Widerwärtigkeiten und Schwierigkeiten gewichen , die man ihm in Folge dessen bereitete – Raven blieb auf seinem Posten . Er war ein Mann , der in jeder Lebenslage den Kampf eher aufsuchte , als daß er ihn mied , und seine im Grunde despotisch angelegte Natur fand gerade hier volle Gelegenheit zu ihrer Entfaltung . Er kümmerte sich nicht viel darum , ob seine Maßregeln in den gesetzlichen Schranken blieben , und setzte all den gegen ihn geschleuderten Vorwürfen von Willkür und Gewalt sein unerschütterliches „ Es bleibt dabei ! “ entgegen . Damit erzwang er denn auch in der That die Unterwerfung der widerstrebenden Elemente . Stadt und Provinz sahen endlich ein , daß sie den Kampf mit einem Manne nicht durchführen konnten der nicht ihre Rechte , sondern seine Macht zur Richtschnur seines Handelns nahm ; zum offenen Widerstand war die Zeit nicht angethan . Die eben mit voller Macht hereinbrechende Reactionsperiode unterdrückte ihn im Keime , man fügte sich also , zwar grollend und widerwillig , aber man fügte sich doch , und der Gouverneur , dem seine Aufgabe so vorzüglich gelungen war , wurde mit Auszeichnungen überhäuft . Seitdem waren Jahre vergangen ; man hatte sich schließlich an das despotische Regiment des Freiherrn gewöhnt , und Dieser hatte sich die Achtung erzwungen , die einem energischen , consequenten Charakter nie versagt wird , selbst wo man ihn als Feind betrachtet . Ueberdies verdankte man ihm eine ganze Reihe von Verbesserungen und Reformen , denen selbst seine Gegner den Beifall nicht vorenthalten konnten . Der in politischer Hinsicht so viel gehaßte und angefeindete Mann wurde auf anderem Gebiete der Wohltäter der ihm anvertrauten Provinz , ihr unermüdlicher Vertreter , wo es galt , gemeinnützige Einrichtungen in ’ s Leben zu rufen oder durchzuführen . Seine mächtige Thatkraft , so verderblich auf der einen Seite , wirkte auf der andern entschieden segensreich . Er trat überall ein , wo es galt , die Industrie , den Landbau , den Wohlstand überhaupt zu heben , und knüpfte dadurch eine Menge von Interessen an seine Person , die in ihm ihren eifrigsten Förderer sahen und ihn mit der Zeit einen Anhang schufen , der fast so groß war , wie die Zahl seiner Gegner . Seine Verwaltung war ein Muster von Ordnung , Unbestechlichkeit und strenger Disciplin , und seine neue Schöpfungen , mit praktischem Scharfblick entworfen und mit fester Hand durchgeführt , blühten überall mächtig empor . Der Gouverneur lebte auf großem Fuße , da ihm außer seinem Einkommen noch ein bedeutendes Vermögen zur Seite stand . Sein verstorbener Schwiegervater war sehr reich gewesen und nach dessen Tode fiel das Vermögen an seine beiden Töchter , Frau von Raven und die Baronin Harder . Die Ehe des Freiherrn war eines jener Convenienzverhältnisse , wie man sie oft in der großen Welt findet . Raven hatte sich bei seiner Wahl einzig und allein von der Berechnung leiten lassen , aber er vergaß es nicht , daß diese Verbindung ihm seine Laufbahn geöffnet , und seine Gemahlin hatte sich nie über einen Mangel an Artigkeit und Rücksicht von seiner Seite zu beklagen ; die Neigung , welche so vollständig fehlte , vermißte sie nicht . Frau von Raven war eine geistig sehr untergeordnete Natur , die wohl überhaupt keine Neigung einflößen konnte ; sie hatte dem Günstling ihres Vaters , von dem sie täglich hörte , daß ihm eine bedeutende Zukunft bevorstehe , ihre Hand nicht versagt , und da sich diese Vorhersagung erfüllte , so blieb ihr nichts zu wünschen übrig . Der Gemahl erfüllte freigebig all ihre Ansprüche an einen glänzenden Haushalt , prachtvolle Toilette und hohe Lebensstellung , also kam es auch niemals zu einer Differenz zwischen ihnen , und im Uebrigen lebten sie auf vornehmen Fuße , so getrennt und fremd wie nur [ 176 ] möglich . Die in den Augen der Welt musterhafte , aber kinderlose Ehe hatte vor sieben Jahren mit dem Tode der Frau von Raven ihr Ende gefunden , und der Freiherr , dem laut Testament das ganze Vermögen zufiel , schritt zu keiner zweiten Vermählung . Der stolze , immer nur mit seinen ehrgeizigen Plänen beschäftigte Mann hatte niemals Empfänglichkeit für die Liebe und die Freuden der Häuslichkeit gehabt und hätte wahrscheinlich nie geheirathet , wäre die Heirath ihm nicht eine Staffel zum Emporsteigen gewesen . Da dieser Grund nun fortfiel , dachte er nicht daran , sich von Neuem zu fesseln , und jetzt , wo er am Ende der Vierzig stand , war ja überhaupt keine Rede mehr davon . Es war am Morgen nach der Ankunft der Baronin Harder und ihrer Tochter , als die Erstere sich mit ihrem Schwager in dem kleinen Salon ihrer Wohnung befand . Die Baronin zeigte noch Spuren einstiger Schönheit , war aber bereits vollständig verblüht . Die Menge der aufgewendeten Toilettenkünste mochte vielleicht noch Abends beim Kerzenschein ihre trügerische Wirkung thun , das helle Tageslicht aber enthüllte die Wahrheit unharmherzig dem Auge des Freiherrn , der ihr gegenüber saß . „ Ich kann Ihnen die Auseinandersetzung nicht ersparen , Mathilde , “ sagte er , „ wenn ich auch begreife , wie peinlich sie Ihnen ist , aber einmal wenigstens muß die Sache zwischen uns erörtert werden . Auf Ihren Wunsch habe ich es unternommen , den Nachlaß des Barons zu ordnen , so weit sich das von hier aus thun ließ . Es war ein Chaos , das ich kaum mit Hülfe Ihres Rechtsanwaltes bewältigen konnte ; jetzt endlich ist es geschehen . Ich habe Ihnen das Resultat bereits nach der Schweiz gemeldet . “ Die Baronin drückte ihr Taschentuch an die Augen . „ Ein trostloses Resultat ! “ „ Aber kein unerwartetes ! Es ist leider nicht möglich gewesen , Ihnen auch nur einen geringen Theil des Vermögens zu retten . Ich gab Ihnen den Rath , auf einige Zeit in ’ s Ausland zu gehen , denn es wäre für Sie doch zu demüthigend gewesen , den Verkauf Ihres Hotels und die Auflösung Ihres ganzen Haushaltes in der Residenz mit ansehen zu müssen . Ihre Entfernung ließ diesen Act der Nothwendigkeit mehr als freien Entschluß erscheinen , und ich habe dafür gesorgt , daß man in der Gesellschaft so wenig wie möglich von der Lage der Dinge erfuhr . Jedenfalls ist die Ehre des Namens gewahrt , den Sie und Gabriele tragen , und Sie brauchen nicht zu fürchten , daß er von einem der Gläubiger an den Pranger gestellt wird . “ „ Ich weiß , welche große persönliche Opfer Sie gebracht haben , “ sagte Frau von Harder . „ Mein Rechtsanwalt hat mir ausführlich geschrieben – Arno , ich danke Ihnen . “ Es war wohl eine Aufwallung wirklichen Gefühls , mit dem sie ihm die Hand hinstreckte , aber die abwehrende Bewegung des Freiherrn war so eisig , daß jede wärmere Empfindung davor erstarb . „ Ich that nur , was das Andenken meines Schwiegervaters mir zur Pflicht machte , “ entgegnete er . „ Seine Tochter und seine Enkelin haben unter allen Umständen Anspruch auf meinen Schutz , und ihr Name mußte um jeden Preis rein gehalten werden . Diesen Rücksichten habe ich die Opfer gebracht , nicht Gefühlsregungen , zu denen ich keine Ursache hatte , denn Sie wissen , der verstorbene Baron und ich waren alles Andere , nur nicht Freunde . “ „ Ich habe diese Entfremdung stets tief beklagt , “ versicherte die Baronin . „ Mein Gatte suchte in den letzten Jahren vergebens eine Annäherung . Sie waren es , der sich völlig unzugänglich zeigte . Konnte er Ihnen einen höheren Beweis seiner Achtung , seines Vertrauens geben , als den , sein Theuerstes Ihren Händen anzuvertrauen ? Er ernannte Sie auf seinem Sterbebette zum Vormunde Gabrielens . “ „ Das heißt , nachdem er sich ruinirt hatte , überließ er die Sorge für Weib und Kind mir , den er im Leben bei jeder Gelegenheit angefeindet . Ich weiß , wie hoch ich diesen Beweis des Vertrauens zu schätzen habe . “ Die Baronin nahm wieder ihre Zuflucht zu dem Taschentuche . „ Arno , Sie wissen nicht , wie grausam Ihre Worte sind . Haben Sie denn keine Schonung für die Gefühle einer schwergebeugten Wittwe ? “ Statt aller Antwort glitt der Blick des Freiherrn langsam über das elegante graue Seidenkleid der Dame hin . Sie hatte pünktlich mit Ablauf des Wittwenjahres die Trauer abgelegt , da sie wußte , daß Schwarz sie sehr unvorteilhaft kleidete . Der unverkennbare Spott , der in dem Blicke ihres Schwagers lag , rief aber doch eine leichte Röthe des Aergers oder der Verlegenheit auf ihrem Antlitz hervor , als sie fortfuhr : „ Ich fange jetzt erst an nach der furchtbaren Katastrophe wieder aufzuathmen . Wenn Sie ahnten , welche Sorgen und Demüthigungen ihr vorangingen , welche Verluste von allen Seiten auf uns einstürmten – es war entsetzlich . “ Um die Lippen des Freiherrn zuckte es wie bitterer Sarkasmus . Er wußte sehr gut , daß die Verluste des Barons am Spieltisch entstanden waren und daß die Sorgen seiner Gemahlin darin bestanden , mit ihrer Toilette und ihren Equipagen alle übrigen Damen der Residenz zu verdunkeln . Die Baronin hatte bei dem Tode des Ministers das gleiche Vermögen empfangen , wie ihre Schwester ; es war bis auf den letzten Rest verschwendet worden , während das der Frau von Raven sich noch unangetastet in den Händen ihres Gatten befand . „ Genug ! “ sagte er abbrechend . „ Lassen wir diesen unerquicklichen Gegenstand fallen ! Ich habe Ihnen mein Haus angeboten und freue mich , daß Sie den Vorschlag annahmen . Seit dem Tode meiner Frau habe ich mich mit Freunden behelfen müssen , die wohl dem Haushalte vorstehen , aber doch nicht den Ansprüchen genügen konnten , die man an die Dame des Hauses stellt . Sie verstehen und lieben die Repräsentation , Mathilde , und ich habe gerade in dieser Beziehung viel vermißt . Unsere beiderseitigen Interessen begegnen sich also , und ich denke , wir werden mit einander zufrieden sein . “ Seine Worte klangen sehr kalt und gemessen . Freiherr von Raven schien durchaus nicht geneigt , in der Rolle eines Retters und Wohlthäters seiner Verwandten , der er in der That war , zu glänzen , er behandelte die Sache durchaus geschäftsmäßig . „ Ich werde mich bemühen , Ihren Wünschen nachzukommen , “ versicherte Frau von Harder , indem sie dem Beispiele ihres Schwagers folgte , der sich erhob und an das Fenster trat . Er richtete noch einige gleichgültige Fragen an sie , ob die Einrichtung , die Bedienung nach ihren Wünschen sei , ob sie irgend etwas vermisse , aber er hörte kaum auf den Schwall von Worten , mit denen die Dame beteuerte , daß sie alles entzückend finde … seine Aufmerksamkeit war auf etwas ganz Anderes gerichtet . Unmittelbar unter dem Fenster befand sich ein Gärtchen , das zur Wohnung des Castellans gehörte , dort promenirte Fräulein Gabriele , oder vielmehr , sie jagte sich mit den beiden Kindern des Castellans umher , denn diese Wendung hatte die Promenade schließlich genommen . Als die junge Dame dann den Morgenspaziergang unternahm , um sich mit den neuen Umgebungen vertraut zu machen , wie sie ihrer Mutter sagte , interessirte sie sich zunächst nur für einen gewissen Theil dieser Umgebungen . Sie wußte , daß Georg Winterfeld täglich das Regierungsgebäude betrat ; es galt also die Möglichkeit einer öfteren Begegnung ausfindig zu machen , von der Georg behauptete , daß sie äußerst schwierig sei . Gabriele theilte diese Ansicht durchaus nicht , und ihre Recognoscirung war daher vorläufig nur auf die Entdeckung gerichtet , wo die Kanzlei des Freiherrn , in welcher der junge Beamte arbeitete , denn eigentlich liege . Dabei kamen ihr aber der kleine siebenjährige Knabe des Castellans und dessen Schwesterchen in den Weg , mit denen sie sofort Bekanntschaft machte . Die lebhaften , munteren Kinder erwiderten die Freundlichkeit der jungen Dame mit großer Zutraulichkeit , und bei der letzteren drängte die neue Bekanntschaft bald jeden Gedanken an ihren Entdeckungszug , und leider auch an den , dem er galt , in den Hintergrund . Sie ließ sich von den Kleinen in das Gärtchen ziehen , das hinter der Castellanswohnung , getrennt vom eigentlichen Schloßgarten , lag , sie bewunderte mit den Kindern die Gesträuche und Blumenbeete und wurde immer vertrauter mit ihnen ; nach kaum einer Viertelstunde war bereits ein mit dem nöthigen Lärm versehenes Spiel im Gange , bei dem Fräulein Gabriele genau ebenso viel leistete , wie ihre kleinen Spielgefährten . Sie sprang ihnen nach über die Beete und neckte sie auf alle nur mögliche Weise . So unpassend das nun auch für ein siebenzehnjähriges Fräulein und für die Nichte des Gouverneurs sein mochte , so reizend war der Anblick für einen unbefangenen Beobachter . Jede Bewegung des jungen [ 177 ] Mädchens war von einer unbewußten , natürlichen Grazie ; die schlanke Gestalt in dem weißen Morgenkleide gaukelte wie ein Lichtstrahl zwischen den dunklen Bäumen auf und nieder . Die eine der schweren , blonden Flechten hatte sich bei dem übermüthigen Spiel gelöst und sank in ihrer ganzen reichen Fülle über die Schulter , während das frohe Lachen und der Jubel der Kinder bis hinaus zu den Fenstern des Schlosses drang . Die dort stehende Baronin entsetzte sich freilich über diese Formlosigkeit , und das um so mehr , als sie sah , daß der Freiherr die Scene dort unten unverwandt beobachtete . Was mußte der stolze , etiquettenstrenge Raven von der Erziehung einer jungen Dame denken , die sich vor seinen Augen solche Freiheiten herausnahm ! Die Baronin fürchtete jeden Augenblick eine der gewohnten scharfen Aeußerungen ihres Schwagers vernehmen zu müssen und bemühte sich , den üblen Eindruck so viel wie möglich zu verwischen . „ Gabriele ist bisweilen noch unglaublich kindisch , “ klagte sie . „ Es ist ganz unmöglich , ihr begreiflich zu machen , daß sich dergleichen Kindereien für eine junge Dame ihres Alters nicht schicken . Ich fürchte beinahe ihren Eintritt in die Gesellschaft , der durch den Tod des Vaters noch um ein Jahr hinausgeschoben wurde . Sie ist im Stande , dergleichen Zwanglosigkeiten auch auf das Salonleben zu übertragen . “ „ Lassen Sie doch dem Kinde seine Unbefangenheit ! “ sagte der Freiherr , ohne den Blick von der Gruppe abzuwenden . „ Sie wird noch früh genug lernen , Weltdame zu sein ; jetzt wäre es wirklich schade darum – das Mädchen ist ja der verkörperte Sonnenstrahl . “ Die Baronin horchte auf . Es war das erste Mal , daß sie einen wärmeren Ton von den Lippen ihres Schwagers hörte und in seinem Auge etwas Anderes sah , als eisige Zurückhaltung . Er fand offenbar Wohlgefallen an dem Uebermuthe Gabrielens , und die lange Frau beschloß , das sofort zu benutzen , um über einen Punkt in ’ s Klare zu kommen , der ihr sehr am Herzen lag . „ Mein armes Kind ! “ seufzte sie mit gut gespielter Rührung . „ Es eilt noch so sorglos durch das Leben und ahnt nicht , welche ernste , vielleicht traurige Zukunft ihm aufbehalten ist . Ein armes Fräulein ! Das ist ein bitteres Loos , doppelt bitter , wenn man , wie Gabriele , mit Hoffnungen und Ansprüchen an das Leben erzogen ist . Sie wird es bald genug empfinden lernen . “ Das Manöver glückte wider alles Erwarten . Der sonst so unzugängliche Raven schien augenblicklich in ungewöhnlich nachgiebiger Stimmung zu sein , denn er wandte sich um und sagte rasch und bestimmt : „ Was sprechen Sie denn von einer traurigen Zukunft , Mathilde ? Sie wissen ja , daß ich kinderlos und ohne eigene Verwandte bin . Gabriele ist meine Erbin , und da kann von Armuth füglich nicht die Rede sein . “ Ein Blitz des Triumphes leuchtete in den Augen der Baronin , als sie endlich die so lang ersehnte Gewißheit erhielt . „ Sie haben sich bisher noch nie über diesen Punkt ausgesprochen , “ bemerkte sie , mühsam ihre Freude verbergend , „ und ich wagte ihn begreiflicher Weise nicht zu berühren . Die ganze Sache lag mir überhaupt so fern – “ „ Sollten Sie wirklich noch niemals den Fall meines Todes und mein Testament in den Kreis Ihrer Erwägungen gezogen haben ? “ unterbrach sie der Freiherr – er ließ seinen vorhin unterdrückten Sarkasmus jetzt vollständig den Zügel schießen . „ Aber , bester Schwager , wie können Sie so etwas nur glauben ! “ rief die Dame mit beleidigter Miene . Er beachtete den Empörungsschrei nicht im Geringsten , sondern fuhr ruhig fort : „ Hoffentlich haben Sie nicht mit Gabriele darüber gesprochen “ – er wußte nicht , daß dies beinahe täglich geschah – „ ich wünsche nicht , daß ihr jetzt schon gelehrt wird , sich als reiche Erbin zu betrachten , und noch weniger wünsche ich , daß das siebenzehnjährige Mädchen mein Testament und mein Vermögen zum Gegenstand von Berechnungen macht , die ich von – anderer Seite sehr natürlich finde . “ Die Baronin stieß einen Seufzer aus . „ Immer und ewig finde ich bei Ihnen Mißdeutungen . Sie verdächtigen sogar die Regungen der Mutterliebe , die ohne eigenen Wunsch nur für die Zukunft ihres einzigen Kindes bangt . “ „ Durchaus nicht , “ sagte Raven ungeduldig und offenbar gelangweilt von dem Gespräche . „ Sie hören ja , daß ich diese Regungen für sehr natürlich halte , und deshalb wiederhole ich Ihnen meine Zusicherung . Da das gesammte Vermögen von meinem Schwiegervater stammt , so soll es auch dereinst an seine Enkelin fallen . Wenn sich Gabriele , wie es wahrscheinlich ist , noch bei meinen Lebzeiten vermählt , so werde ich für die Mitgift Sorge tragen ; nach meinem Tode – sie ist , wie gesagt , meine alleinige Erbin . “ Der Nachdruck , mit dem er das Wort hervorhob , zeigte der Baronin , daß sie für ihre Person nichts zu hoffen habe ; indessen war mit der Zukunft der Tochter ja auch die ihrige gesichert und damit ihr Hauptzweck erreicht . Die kaum durch äußere Höflichkeitsformen verschleierte Verachtung , mit welcher der Freiherr sie behandelte und die der feine Instinct Gabrielens sogleich beim ersten Empfange herausgefunden , wurde von der Mutter entweder nicht gefühlt oder nicht beachtet . Sie war sich bewußt , ihrem Schwager ebensowenig Sympathie entgegen zu bringen , wie er ihr , und sie beugte sich nur der Nothwendigkeit , wenn sie seine Schroffheit mit der äußersten Liebenswürdigkeit vergalt , aber die Aussicht , an der Spitze eines so glänzenden Haushaltes zu stehen , wie der Gouverneur ihn führte , als seine Verwandte hier in R. die erste Rolle zu spielen und in allen Cirkeln den Vortritt zu haben , söhnte sie einigermaßen mit dieser Nothwendigkeit aus . Als Raven einige Minuten später durch das Vorzimmer schritt , dessen Fenster nach derselben Seite hin lagen , hielt er noch einen Augenblick inne und warf einen flüchtigen Blick hinab . „ Daß das Kind auch solchen Eltern und solcher Erziehung anheimfallen mußte ! sagte er halblaut . Wie lange wird es dauern , so ist Gabriele eine Kokette , wie ihre Mutter , die nichts weiter kennt , als Toilette , Intriguen und Salonklatschereien – schade nun das Kind ! “ Die Regierungskanzlei , nach welcher der Gouverneur sich jetzt begab , lag , wie schon erwähnt , im unteren Stockwerke des Schlosses . Er pflegte die meisten Sachen zwar in seinem eigenen Arbeitszimmer zu erledigen , betrat aber sehr oft die Kanzlei und die übrigen Verwaltungsbureaux . Die dort arbeitenden Beamten waren nie sicher vor dem stets plötzlichen und unerwartete Erscheinen ihres Chefs , dessen scharfen Augen nie die geringste Unregelmäßigkeit entging . Wer sich auf einer solchen betreffen ließ , mußte , gleichviel , ob seine Stellung hervorragend oder untergeordnet war , die schärfste Zurechtweisung von Seiten des Chefs hinnehmen , der Alles so viel wie möglich persönlich leitete und die eiserne Disciplin , welche seine Verwaltung auszeichnete , auch auf seine Bureaux übertrug . Die Bureaustunden hatten längst begonnen , und die Beamten waren sämmtlich auf ihren Plätzen , als der Freiherr eintrat und mit leichtem Grüßen durch die Räume schritt . Einzelne der Abtheilungen überflog er nur mit einem kurzen , prüfenden Blicke ; bei anderen blieb er stehen , warf hier eine Frage , dort eine Bemerkung hin und ließ sich , hin und wieder ein Schriftstück reichen . Sein Verkehr mit den Untergebenen war gemessen , aber höflich , und doch sah man es den Gesichtern der Herren an , wie sehr sie das Stirnrunzeln des Chefs fürchteten . Als dieser das letzte Zimmer betrat , erhob sich ein älterer Herr , der dort allein arbeitete , ehrfurchtsvoll von seinem Pulte . Es war eine lange , hagere Gestalt mit steifer Haltung und einem faltenreichen , sehr würdevollen Gesichte . Das graue Haar war mit größter Sorgfalt geordnet , und dieselbe peinliche Sorgfalt verrieth sich auch in dem feinem schwarzen Anzuge , der nicht das geringste Fältchen oder Stäubchen zeigte , während eine hohe weiße Halsbinde von ganz ungewöhnlichen Dimensionen ihrem Träger etwas ungemein Feierliches gab . „ Guten Morgen , lieber Hofrath ! “ sagte der Freiherr mit mehr Freundlichkeit , als sonst in seiner Art lag , während er zugleich mit einer Handbewegung den Genannten aufforderte , ihn in das seitwärts liegende Cabinet zu folgen , wo er gewöhnlich die einzelnen Beamten empfing . „ Ich bin froh , daß Sie wieder zurück sind ; ich habe Sie in den wenigen Tagen Ihrer Abwesenheit recht vermißt . “ Hofrath Moser , der Chef der Bureauverwaltung , nahm mit sichtlicher Genugthuung dieses Zeugniß seiner Unentbehrlichkeit hin . [ 178 ] „ Ich habe die Rückkehr so viel wie möglich beeilt , “ entgegnete er . „ Excellenz wissen ja , daß ich den Urlaub nur erbat , um meine Tochter aus dem Kloster abzuholen . Ich hatte bereits die Ehre , sie vorzustellen , als wir Excellenz gestern in der Gallerie begegneten . “ „ Mir scheint , Sie haben das junge Mädchen zu lange in der geistlichen Obhut gelassen , “ warf Raven hin , „ sie macht ja jetzt schon den Eindruck einer Nonne . Ich fürchte , die Klostererziehung hat sie vollständig verdorben . “ Der Hofrath zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte mit dem Ausdrucke starren Entsetzens seinen Chef an . „ Wie meinen Excellenz ? “ „ Ich meine , für die Welt verdorben , “ verbesserte der Freiherr , auf dessen Lippen ein kaum bemerkbares Spottlächeln erschien , als er dieses Entsetzen gewahrte . „ Ah so ! Ja freilich , da haben Excellenz Recht – “ der Hofrath ließ nie eine Gelegenheit vorbei , den Titel seines Chefs zu nennen , und wenn er ihn dreimal in einem Satze hätte wiederholen sollen . „ Aber der Sinn meiner Agnes war von jeher dem Weltlichen abgewendet , und in Kurzem wird sie sich vollständig davon lossagen . Sie hat sich entschlossen , den Schleier zu nehmen . “ Der Freiherr hatte einige Papiere zur Hand genommen und durchflog dieselben , während er zugleich ruhig das Gespräch mit dem Beamten fortsetzte , der sich allein von allen übrigen einer größern Vertraulichkeit bei ihm zu erfreuen schien . „ Nun , das ist gerade nicht überraschend , bemerkte er . Wenn man ein junges Mädchen vom vierzehnten bis zum siebenzehnten Jahre im Kloster läßt , muß man auf solche Entschlüsse gefaßt sein . Sind Sie dennn damit einverstanden ? “ „ Es wird mir schwer , mein einziges Kind für immer zu entbehren , “ sagte der Hofrath feierlich , „ aber fern sei es von mir , einer so heiligen Bestimmung hindernd in den Weg zu treten . Ich habe eingewilligt , meine Tochter wird noch auf einige Monate in mein Haus und in die Welt zurückkehren , um dann ihr Noviziat in dem Kloster anzutreten , wo sie bisher Pensionärin gewesen ist . Die hochwürdigste Frau Aebtissin wünscht , daß auch der geringste Schein des Zwanges vermieden wird . “ „ Die Frau Aebtissin wird ihres Zöglings wohl sicher sein , “ meinte der Freiherr , mit einer Ironie , die seinem Zuhörer zum Glück entging . „ Wenn es übrigens der eigene Wunsch und Wille des jungen Mädchens ist , so läßt sich nichts dagegen einwenden . Ich bedauere nur Sie , der Sie in der Tochter eine Stütze Ihres Alters zu finden hofften und sie nun den Nonnen abtreten müssen . “ „ Dem Himmel ! “ berichtigte der alte Herr mit einem frommen Aufblick , „ und davor müssen die Rechte des Vaters natürlich zurücktreten . “ „ Natürlich ! – Und jetzt zu den Geschäften ! Liegt irgend etwas von Bedeutung vor ? “ „ Die Meldung des Polizeidirectors – “ „ Ich weiß . Man erhebt in der Stadt unglaublichen Lärm über die neuen Maßregeln . Man wird sich fügen . Was giebt es noch ? “ „ Den bereits besprochenen ausführlichen Bericht an das Ministerium . Wen bestimmen Excellenz dazu ? “ Raven dachte einen Augenblick nach . „ Den Assessor Winterfeld . “ „ Assessor Winterfeld ? “ wiederholte der Hofrath in sehr gedehntem Tone . „ Ja , ich wünsche ihm Gelegenheit zu geben , sich auszuzeichnen oder doch wenigstens bemerkbar zu machen . Er ist trotz seiner Jugend einer der fähigsten und tüchtigsten Beamten . “ „ Aber nicht loyal , Excellenz , durchaus nicht loyal genug ! Er hat eine ausgesprochen liberale Richtung und neigt sich der Opposition zu , die jetzt – “ „ Das thun die jüngeren Beamten alle , “ fiel der Freiherr ein . „ Die Herren sind sämmtlich Weltverbesserer und halten es für charaktervoll , hin und wieder zu opponiren , aber das giebt sich mit der Beförderung . Schon mit dem Rath pflegt es gewöhnlich aufzuhören , und Assessor Winterfeld wird darin keine Ausnahme sein . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 12 , S. 191 – 196 Fortsetzungsroman – Teil 4 [ 191 ] Der Hofrath schüttelte bedenklich den Kopf . „ Was seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit betrifft , so theile ich vollkommen die schmeichelhafte Meinung Euer Excellenz über ihn , aber es sind mir Dinge über den Assessor zu Ohren gekommen – Dinge , die von der höchsten Illoyalität zeugen . Es steht leider fest , daß er bei Gelegenheit seines jüngsten Urlaubs in der Schweiz die verdächtigsten Beziehungen angeknüpft und den intimsten Umgang mit allerlei Demagogen und Revolutionären gehabt hat . “ „ Daran glaube ich nicht , “ sagte der Freiherr mit Entschiedenheit . „ Winterfeld ist nicht der Mann , der seine Zukunft so nutzlos und zwecklos auf ’ s Spiel setzt : er ist überhaupt keine extravagante Natur , für die solche Versuchungen gefährlich werden könnten . Die Sache hängt vermuthlich anders zusammen ; ich werde sie untersuchen . Hinsichtlich des Berichtes bleibt es bei meiner Bestimmung . Bitte , rufen Sie den Assessor zu mir ! “ Der Hofrath ging , und wenige Minuten später trat Georg Winterfeld ein . Der junge Beamte wußte , daß ihm mit dem Auftrage , den er jetzt empfing , eine Auszeichnung vor seinen Collegen zu Theil wurde , aber diese offenbare Bevorzugung schien ihn eher zu drücken , als zu erfreuen . Er nahm mit ruhiger Aufmerksamkeit die Weisungen seines Chefs hin . Die kurzen , fachlichen Andeutungen desselben fanden bei ihm das vollste Verständniß , einzelne Winke , die er zu geben für nöthig fand , die schnellste Auffassung , und die wenigen , aber treffenden Bemerkungen des jungen Mannes zeigten , wie vollständig er mit der ihm [ 192 ] übertragenen Sache vertraut war . Raven hatte zu oft mit der Schwerfälligkeit und Unfähigkeit seiner Beamten zu kämpfen , um nicht die Annehmlichkeit zu empfinden , in wenigen Worten verstanden zu werden , wo er sich sonst zu ausführlichen Auseinandersetzungen herbeilassen mußte ; er war sichtlich zufrieden . Die Angelegenheit war in verhältnißmäßig kurzer Zeit erledigt , und Georg , der bereits ein Papier mit verschiedenen Notizen seines Chefs in der Hand hielt , wartete auf ein Zeichen der Entlassung . „ Noch Eins ! “ sagte der Freiherr , ohne den ruhigen Geschäftston zu ändern , in welchem er bisher gesprochen . „ Sie haben den Urlaub , den Sie vor einigen Wochen nahmen , in der Schweiz zugebracht ? “ „ Ja , Excellenz . “ „ Man behauptet , Sie hätten dort gewisse Verbindungen aufgesucht oder doch wenigstens angeknüpft , die mit Ihrer Stellung als Beamter unvereinbar sind . Was ist an der Sache ? “ Der Blick des Freiherrn ruhte mit seiner ganzen , von den Untergebenen so sehr gefürchteten Schärfe auf dem jungen Beamten , aber dieser zeigte weder Bestürzung noch Verlegenheit . „ Ich habe einen Universitätsfreund in Z. aufgesucht , “ erwiderte er ruhig , „ und bin auf dessen wiederholte , herzliche Einladung im Hause seines