, Sie hinüber zu tragen . “ Die Frage kam sehr schüchtern heraus und Jane streifte mit einem halb mitleidigen , halb verächtlichen Blick die zwar hohe , aber äußerst schlanke und zarte Gestalt mit ihrer gebückten Haltung ! „ Ich danke ! “ entgegnete sie mit unverhehlter Ironie . „ Die Last möchte doch zu schwer für Sie sein . “ Der Spott hatte eine ganz eigenthümliche Wirkung auf den bisher so schüchternen Fremden . Eine Purpurgluth schoß plötzlich in dem bleichen Antlitz auf , mit einem Ruck hatte er sich emporgerichtet , die junge Dame auf seine Arme gehoben und stand bereits mit ihr mitten im Wasser . Das alles ging so blitzschnell , daß Jane , überrascht und bestürzt , gar keine Zeit fand , sich zu sträuben , jetzt aber machte sie eine rasche Bewegung , entschlossen , lieber in das fußtiefe Wasser zu gleiten , als eine Freiheit zu dulden , die man sich gegen ihren Willen genommen – da begegnete sie auf einmal seinen Augen . War es die stumme , beinahe flehende Bitte darin , oder lag noch irgend etwas Anderes , Seltsames in diesem Blick – Jane senkte langsam den ihrigen , das beklemmende Gefühl von vorhin kam mit verdoppelter Macht zurück , und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung , während er mit einer Kraft , die Niemand diesen Armen zugetraut hätte , sie vollends hinübertrug . „ Ich bitte um Verzeihung ! “ sagte er leise , während er seine Last scheu und ehrfurchtsvoll drüben am Gartenthor niedersetzte . „ Ich danke ! “ erwiderte Jane kurz und kalt , stieß selbst die Gittertür auf und trat ein . Sie hatten nur wenige Schritte in den Garten hineingethan , als eine große , fast hünenhafte Gestalt dicht vor ihnen auftauchte . „ Herr Professor , um Gotteswillen , Sie sind wirklich ausgewesen in diesem Wetter ! Und noch dazu ohne Regenschirm ! Sie werden sich den Schnupfen holen , das Fieber , den Tod – und der Plaid ! Herr Professor , wo ist denn Ihr Plaid geblieben ? “ Mühsam und beinahe unwillig wehrte der Professor den Besorgten von sich ab , der mit einem großen Regenschirm bewaffnet , in etwas aufdringlicher Weise ihn zu schützen bemüht war . „ Aber Friedrich ! Siehst Du denn gar nicht ? “ Er wies auf Jane , die Jener in seinem übergroßen Eifer noch nicht bemerkt hatte , diese neue Thatsache aber , die Erscheinung einer jungen Dame an der Seite seines Herrn , schien gänzlich über die Fassungskraft Friedrichs zu gehen , er ließ den Regenschirm sinken und starrte die Beiden mit offenem Munde an , in einer so grenzenlosen Verwunderung , daß man deutlich sah , dergleichen war ihm noch niemals vorgekommen . Der Professor machte rasch seinem stummen Entsetzen ein Ende . „ Es ist die junge Dame , welche beim Doctor Stephan erwartet wird , “ sagte er . „ Geh jetzt und sage dem Doctor – “ Weiter kam er nicht mit seinem Auftrage , denn Friedrich hatte kaum die ersten Worte vernommen , als er einen unarticulirten Laut ausstieß , plötzlich Kehrt machte und in mächtigen Sätzen davonschoß . Jane blieb stehen und sah den Professor an , ihre Miene verrieth deutlich , was sie von ihren deutschen Landsleuten zu denken begann , und daß sie nach der Begegnung mit den ersten beiden Exemplaren derselben sich einigen Zweifel an deren Zurechnungsfähigkeit überhaupt erlaubte . Der Herr sowohl als der Diener waren in ihren Augen gleich lächerlich . Im Hause hatte inzwischen der Alarmruf Friedrich ’ s einen förmlichen Aufruhr veranlaßt . Thüren wurden aufgerissen und zugeschlagen , Treppen krachten unter schweren und leichten Tritten , man schien in stürmischer Eile noch einige Empfangsfeierlichkeiten zu improvisiren , oder doch die bereits vorbereiteten in Ordnung zu bringen , und als sich Jane endlich in Begleitung des Professors dem Haupteingange näherte , wartete ihrer denn auch eine Ueberraschung . Reiche Blumenguirlanden umgaben Thür und Pfeiler , ein riesiges „ Willkommen “ prangte über der ersteren , Blumen waren auf Flur und Treppe gestreut , und am Fuß derselben stand der große Friedrich , ein ebenso großes Bouquet in den Händen , das er mit einem stolzen Lächeln auf seinem breiten Gesichte in ziemlich ungeschickter Weise der jungen Dame dicht vor die Nase hielt . Ein solcher Empfang war jedoch augenscheinlich nicht im Geschmack von Miß Forest . Man hatte in ihrem Vaterhause wahrscheinlich dergleichen „ überflüssige Sentimentalitäten “ ebenso sehr gemieden , wie man dort die „ unpassende Vertraulichkeit “ der Dienstboten in Schranken hielt . Jane ’ s Augenbrauen zogen sich zusammen , sie sah den ihr entgegentretenden Diener von oben bis unten an , und als er , eingeschüchtert durch diesen sehr ungnädigen Blick , zur Seite wich , rauschte sie mit einer vornehmen Handbewegung , in der sehr wenig von Dank und sehr viel von kalter Zurückweisung lag , all ihm vorüber , die Treppe hinauf und trat , ohne die ihretwegen getroffenen festlichen Anstalten auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen , in den Flur , wo jetzt eben Doctor Stephan und seine Frau erschienen . Der Professor stand noch immer wie gebannt unten und blickte ihr nach , durch die noch eine Minute offen bleibende Thür . Er sah , wie die junge Dame , durch die doch gewiß eigenthümliche erste Begegnung mit ihren Verwandten , zu denen sie unerwartet , durchnäßt , durch ’ s Gartenpförtchen und in Begleitung eines völlig Fremden kam , auch nicht einen Augenblick aus der Fassung gebracht , auf ihren Oheim zuschritt , ihm mit kühler Artigkeit die Hand reichte , mit genau demselben Ausdruck der Tante die Wange zum Kusse bot , sich dann emporrichtete und Beiden gegenüberstand , so entschieden , so hoheitsvoll und selbstbewußt , als wolle sie gleich im ersten Moment der Begrüßung gegen jede etwaige Bevormundung oder Unterordnung ihrerseits protestiert . Die Thür fiel zu und wie aus einem Traum erwachend fuhr der Professor auf und blickte sich nach Friedrich um . Der arme Bursche stand noch immer am Fuß der Treppe ; die Blumen waren seinen Händen entfallen , und regungslos starrte er der schönen stolzen Erscheinung nach , die ihn so herb abgewiesen . Sein Herr legte die Hand auf seine Schulter . „ Komm mit hinauf , Friedrich . “ Bei dieser Anrede kam einiges Leben in die Züge des Burschen , die allmählich den Ausdruck tiefster Gekränktheit annahmen , er fuhr mit der Hand durch sein staubblondes Haar und blickte mit den hellblauen Augen , in denen ein paar bittere Thränen standen , seinen Herrn an . „ Ja , was habe ich denn eigentlich gethan ? “ fragte er im kläglichsten Tone . „ Laß gut sein , Friedrich , “ sagte der Professor gepreßt . „ Die junge Dame ist vermuthlich an diese deutsche Art des Empfanges nicht gewöhnt , Komm jetzt . “ Friedrich gehorchte , er bückte sich nach seinem Bouquet und hob es auf , beim Anblick desselben aber schien sich seine bisherige Gekränktheit in Zorn zu verwandeln . Mit dem Ausdruck vollster Wut ergriff er den Strauß und schleuderte ihn weit hinaus in den Garten . „ Friedrich ! “ Der Ruf und der ernste Ton seines Herrn brachte den Burschen sofort zur Besinnung . „ Ich komme schon , Herr Professor ! “ antwortete er demüthig , und mit der Hand die Thränen aus dem Auge wischend , schlich er mit gesenktem Haupte hinter seinem Herrn die Treppe hinauf . ( Fortsetzung folgt . ) Heft 16 Mehr als sechs Wochen waren bereits seit der Ankunft der jungen Amerikanerin verstrichen , und noch immer war und blieb sie fremd im Hause ihrer Verwandten . An diesen lag die Schuld nicht , sie kamen ihr vom ersten Augenblick an mit warmer Herzlichkeit entgegen . Doctor Stephan und seine Frau gehörten zu jenen guten , harmlosen Leuten , deren einziges Bestreben darauf gerichtet ist , mit aller Welt in Frieden zu leben , und sich durch nichts in dem gewohnten behaglichen Gleichgewicht stören zu lassen , und der verstorbene Forest beurtheilte seinen Schwager ganz richtig , wenn er behauptete , dieser habe ihm die für seine damaligen Verhältnisse bedeutende Summe zur Reise nach Amerika vorgestreckt , zum Theil aus gutem Herzen , größtentheils aber in dem Bestreben , den gefährlichem Demagogen , der die ganze , sonst so loyale Familie in Argwohn und Verdacht zu bringen drohte , endlich los zu werden . Der Doctor hatte in der That seine Schwester stets aufrichtig bedauert , daß sie ihr Schicksal an diesen unseligen Mann gekettet , der in seinem Hochmuth und Starrsinn die Seinigen lieber darben ließ , ehe er von ihren Verwandten die geringste Unterstützung annahm , und war fest überzeugt , der wilde , excentrische Kopf werde in dem praktisch nüchternen Amerika vollends zu Grunde gehen . Es kam anders , und der Erfolg that , wie überall , auch hier seine Schuldigkeit . Hatten Stephan und seine Frau es früher ängstlich vermieden , den Namen Förster , als in irgend einer Beziehung zu ihnen stehend , zu erwähnen , so sprachen sie jetzt gern und oft von ihrem Schwager , „ dem Millionär “ jenseits des Oceans , und der angekündigte Besuch von dessen Tochter versetzte sie in nicht geringe Aufregung . Die verwaiste Nichte hätte , selbst wenn sie arm und hülflos zu ihnen gekommen wäre , offene Arme gefunden , die junge Erbin aber empfingen sie mit dem allertiefsten Respect , und das war es ja auch hauptsächlich , was Jane beanspruchte . Sie setzte gleich anfangs jedem etwaigen Versuche zur Autorität über sie eine so absolute Selbstständigkeit entgegen , daß ihre Verwandten bald genug zu der Ueberzeugung gelangten , es sei der jungen Dame weder damit , noch überhaupt in irgend einer Weise nahe zu kommen . Sie hatten ihr , mit Rücksicht auf ihr Vermögen , gern jede Laune und jeden Fehler verziehen , was sie ihr aber nicht verzeihen konnten , das war jene fortwährende Kälte und Abgeschlossenheit , durch die nie ein Strahl von Wärme drang , und die jede Vertraulichkeit , freilich auch jede Differenz unmöglich machte . Zwar verrieth Jane niemals mit einem Worte oder Blicke die leiseste Unzufriedenheit mit dem Hause , worin sie Gast war , aber die mitleidige Verachtung , mit der die im Schooße amerikanischen Reichthums und Luxus Erzogene sich in die einfach bürgerliche Lebensweise fügte , ward doch gefühlt und verletzte darum nicht weniger ; kurz , es galt dem Ehepaar schon nach den ersten Tagen des Zusammenseins für ausgemacht , daß ihre Nichte das hochmüthigste und herzloseste Geschöpf auf der Welt sei . In einer Hinsicht thaten sie Jane damit Unrecht , zum Mindesten wurzelte ihr Hochmuth nicht in dem Bewußtsein ihres Reichthums und ihrer persönlichen Vorzüge , sondern einzig in der geistigen Ueberlegenheit , mit der sie so ziemlich Alles beherrschte , was überhaupt in ihren Gesichtskreis kam , und die sich bald genug auch in weiteren Kreisen fühlbar zu machen begann . In der großartigen Freiheit des amerikanischen Lebens aufgewachsen und durch den Vater mehr als jede Andere darin eingeweiht , an den unbeschränkten Verkehr der Stände untereinander , an zwangslose Umgangsformen gewöhnt , fand sie die Rücksichten , welche man hier auf die leitenden Persönlichkeiten nahm , sclavisch , die Abgeschlossenheit der einzelnen Kreise lächerlich , und die im Gesellschaftsverkehr unvermeidlichen Titel und Ceremonien riefen nun vollends ihren herbsten Spott hervor . Ihre Verwandten schwebten oft genug in Todesangst , wenn sie mit diesen Anschauungen in Gegenwart Fremder hervortrat , indessen sie hätten sich beruhigen können . Miß Forest war Amerikanerin und , wie das Gerücht wenigstens behauptete , Millionärin , zwei Eigenschaften , die ihr einen Freibrief für Alles , gaben , was eine Andere sich nie hätte erlauben dürfen , und dies um so mehr , als ihre Verlobung Geheimniß geblieben war . Es gab kaum eine angesehene Familie in der Stadt , die nicht für irgend einen Anverwandten Hoffnungen auf diese „ immense Partie “ hegte , und so sah sich Jane gleich bei ihrem Eintritt von allen Seiten umschwärmt und gefeiert , was ihr nun allerdings nicht besonders neu war . Man war entzückt von ihrer Schönheit , die doch im schroffsten Gegensatz zu der heiteren , blühenden Frische der jungen Rheinländerinnen stand , man schmeichelte ihrem Stolz , der so oft verletzte , bewunderte ihren Geist , den sie meistens gar nicht zu zeigen für gut fand , und vollends die studirende Jugend , die ohne Ausnahme diesem so plötzlich aufleuchenden fremden Meteor zu Füßen lag , ließ keine Möglichkeit unbenutzt , sich ihm in irgend einer Weise zu nähern und Huldigungen darzubringen . Aber keiner von all diesen Bestrebungen gelang es , auch nur für einen Augenblick die eisige Gleichgültigkeit und den kalten Ernst zu durchdringen , mit denen sich die junge Dame , getreu den Traditionen ihres Vaters , wie mit einem Panzer umgab , seit sie sich in Deutschland befand . Doctor Stephan besaß ein hübsches Haus im schönsten Theile von B. , dessen unteren Stock er allein bewohnte , der obere war an den Professor Fernow vermiethet , der , vor ungefähr drei Jahren an die Universität berufen , seit dieser Zeit die Wohnung inne hatte . Ein in der ganzen Gelehrtenwelt Epoche machendes wissenschaftliches Werk hatte dem noch jungen Manne den für seine Jahre bedeutenden Erfolg , die Professur in B. , verschafft ; er war völlig fremd , ohne Empfehlungen und Bekanntschaften , nur in Begleitung seines Dieners hierhergekommen , und hatte bereits mit seinen ersten Vorlesungen die vollste Aufmerksamkeit der Collegen und das vollste Interesse der Studirenden erregt . Bei diesem Erfolge blieb es aber auch ; der Professor war nicht der Mann , der es verstand , ihn auszunützen ober sich selbst in irgend einer Weise geltend zu machen . Er vermied fast ängstlich jeden Verkehr , der ihm nicht durch seine Berufspflichten unumgänglich geboten war ; er machte keine Besuche und empfing keine , entzog sich jeder Bekanntschaft , schlug jede Einladung aus und lebte in völliger Zurückgezogenheit seinen Studien . Seine sehr angegriffene Gesundheit mußte ihm dabei stets als Vorwand dienen ; anfangs war man in B. wenig geneigt , dies gelten zu lassen , und versuchte dieser seltsamen Abgeschlossenheit Gott weiß welche geheimnißvollen und gefährlichen Motive unterzuschieben , bis man sich schließlich überzeugte , daß der Professor der sanftmüthigste und harmloseste Mensch von der Welt war , den nur seine Leidenschaft für das Studium , im Verein mit seinem wirklich sehr leidenden Zustande , zu dieser Lebensweise veranlaßte . Mehrere Collegen , die ihm durch amtliche Beziehungen näher getreten waren , sprachen sich mit aufrichtiger Bewunderung über dies staunenswerthe Wissen und diese staunenswerthe Bescheidenen aus , die jede Anerkennung , jedes Hervortreten aus der Verborgenheit förmlich floh , aber sie waren von ganzem Herzen damit einverstanden , denn sie wußten am besten , wie gefährlich dieser Mann ihrer ganzen Autorität hätte werden können , hätte er mit dieser Fülle von Wissen zugleich eine hervorragende Persönlichkeit und einen energischen Charakter verbunden . So ließ man ihn denn unangefochten seinen stillen Weg gehen , seine Gelehrsamkeit ward neidlos geschätzt , seine Vorlesungen wurden zahlreich besucht ; im Uebrigen aber spielte er an der Universität so wenig eine Rolle , wie in der Gesellschaft , und lebte mitten in B. wie ein völliger Einsiedler . Auch Doctor Stephan fand keine Gelegenheit , sich über den stillen Miethsmann zu beklagen , der weder Lärm noch Unruhe in ’ s Haus brachte , pünktlich den Miethzins zahlte und , wenn er einmal sichtbar ward , stets sehr höflich grüßte , dabei aber jeder längeren Unterhaltung auswich . Der Doctor war fast der Einzige , der bei den leider häufigen Krankheitsfällen des Professors in seine Wohnung und dadurch in näheren Verkehr mit ihm selber kam ; der Doctorin aber , die sich des Kranken gern mit mütterlicher Sorgfalt angenommen hätte , gelang dies durchaus nicht , und sie mußte sich begnügen , statt des Herrn den Diener unter ihr häusliches Commando zu nehmen . Friedrich war nun allerdings weder mit hervorragender Intelligenz , noch mit besonderer Fassungskraft begabt ; geistige Fähigkeiten waren ihm überhaupt nur in sehr beschränktem Maße zu Theil geworden ; dafür hatte die Natur ihm einen Riesenkörper gegeben , und sonstige Mängel ersetzte er durch eine grenzenlose Gutmüthigkeit und eine wahrhaft rührende Anhänglichkeit an seinen Herrn . Ganz im Gegensatz zu diesem hatte er aber die entschiedenste Neigung , sich Anderen anzuschließen , und war gern bereit , die viele freie Zeit , welche sein Dienst bei dem Professor ihm übrig ließ , für all die kleinen Arbeiten und Hülfeleistungen zu verwenden , wozu ihn die Doctorin im Hause und der Doctor im Garten in Anspruch nahm . Auf diese Weise war er bei Beiden allmählich eine Art Factotum geworden , ohne dessen Hülfe nichts geschehen konnte , und er war es auch gewesen , der mit stundenlanger Mühe und seinem ganzen Aufwande von Denkkraft jene verunglückte Bewillkommnung der jungen Amerikanerin veranstaltet hatte , der er seit jener Scene stets halb scheu und halb grollend auswich . Der Junimonat ging mit einem drückend heißen Tage zu Ende . In der Wohnung des Professor Fernow war es still wie in einer Kirche zur Wochenzeit , nichts regte sich hier , kein Laut unterbrach die tiefe Stille , welche in diesen Räumen herrschte . Ein Zimmer wie das andere , Bücherschrank an Bücherschrank und darauf die Bände in unendlicher Reihe , niedergelassene Vorhänge , mattes Dämmerlicht – der Geist und das Wissen von Jahrhunderten war hier zusammengehäuft ; aber nicht ein einziger frischer Luftzug drang in diese feierliche Abgeschlossenheit . In seinem Studirzimmer , das sich von den übrigen durch nichts , als durch eine vielleicht noch größere Büchermenge unterschied , saß der Professor vor dem Schreibtische , aber er arbeitete nicht , Papier und Feder lagen unbenutzt vor ihm ; den Kopf weit in die Lehne des Armsessels zurückgeworfen , die Arme übereinandergeschlagen , blickte er unbeweglich zur Decke empor . Vielleicht war es der auch hier das Fenster verhüllende grüne Vorhang , der seine Züge so seltsam bleich und krank erscheinen ließ ; aber auch in der Haltung sprach sich eine unendliche Müdigkeit , eine grenzenlose Abspannung aus , und selbst das Auge verrieth nichts von jenem angestrengten Nachdenken , das vielleicht eben im Begriff ist , ein wissenschaftliches Problem zu lösen ; es lag darin nur jene schwermüthige , haltlose Träumerei , die dem Dichter so oft und dem Gelehrten so selten zu nahen pflegt . Die Thür ward geöffnet , und so leise dies auch geschah , so zuckte der Professor doch mit jener Reizbarkeit zusammen , die nur sehr nervösen Personen eigen ist ; auf der Schwelle zeigte sich Doctor Stephan , hinter dem das besorgte , ängstliche Gesicht Friedrich ’ s sichtbar ward . „ Guten Abend ! “ sagte der Doctor vollends eintretend . „ Da bin ich , um Ihnen wieder einmal in ’ s Gewissen zu reden ! Es geht schlecht heute , nicht ? “ Der Professor blickte ihn befremdet an . „ Durchaus nicht , Doctor ! Ich befinde mich völlig wohl . Es muß ein Mißverständniß sein ; ich habe nicht um Ihren Besuch bitten lassen . “ „ Das weiß ich , “ sagte der Arzt ruhig . „ Sie bitten überhaupt nicht darum , wenn es nicht gerade auf Tod und Leben geht ; aber hier der Friedrich behauptet , daß es mit Ihnen nicht richtig sei . “ „ Das ist es auch nicht ! “ erklärte Friedrich , der sich vor dem unmuthigen Blicke seines Herrn hinter den Doctor geflüchtet hatte und unter dessen Schutze muthiger ward . „ Schon seit lange nicht , und ich weiß auch , wann es anfing ; es war der Tag , wo der Herr Professor im Regen ohne Schirm ausging und ohne Plaid mit der amerikanischen Miß zurückkam – “ „ Friedrich , Du schweigst ! “ unterbrach ihn der Professor plötzlich mit einer solchen Heftigkeit , daß Friedrich erschreckt von dem ganz ungewohnten Tone zurückprallte . „ Du thätest überhaupt besser , “ fuhr der Professor fort , „ Dich um Deine Obliegenheiten zu kümmern , als Dich in Dinge zu mischen , die Du nicht beurtheilen kannst . Geh jetzt und laß uns allein ! “ Der Gescholtene , bestürzt durch diese ungewöhnliche Strenge seines sonst so gütigen Herrn , gehorchte zögernd ; der Doctor aber , ohne sich um den Blick des Professors zu kümmern , der deutlich genug auch den Wunsch nach seiner Entfernung verrieth , zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder . „ Sie haben wieder gearbeitet ? Natürlich ! An diesem herrlichen Sommertage , wo alle Welt in ’ s Freie eilt , sitzen Sie vom Morgen bis zum Abend , ober vielmehr bis in die Nacht hinein , am Schreibtische . Sagen Sie mir um Gottes willen , wie lange glauben Sie denn , daß das so fortgehen kann , und daß Sie es überhaupt aushalten ? “ Der Professor hatte sich , wenn auch mit augenscheinlichem Widerstreben , auf seinen früheren Sitz niedergelassen ; er schien noch immer nicht der Erregung Herr geworden zu sein . „ Ich werde mich erkältet haben , “ sagte er ausweichend . „ Was da Erkältung ! “ unterbrach ihn der Doctor eifrig „ Es handelt sich durchaus nicht darum , sondern um das Studium , das bei Ihnen nachgerade zur Manie geworden ist und Sie noch in ’ s Grab bringen wird , wenn Sie sich keine Erholung gönnen . Wie oft habe ich Ihnen das nun schon vorgepredigt ! Aber was soll man mit einem Patienten anfangen , der immer sanftmüthig und geduldig zuhört , immer Ja sagt und dabei stets das Gegentheil von dem thut , was ihm befohlen wird ! “ Der Professor hatte in der That mit großer Geduld zugehört . „ Ich habe Ihren Anordnungen noch immer Folge geleistet , “ vertheidigte er sich mit leiser Stimme . „ O ja ! Buchstäblich ! Wenn ich Sie zum Beispiel zu Bett schicke , so legen Sie sich gehorsam nieder , lassen sich eiligst Lampe und Bücher an ’ s Bett bringen und studiren zur Abwechslung statt bis zwei Uhr Morgens einmal bis vier Uhr . Sie müssen bei alledem eine gute Natur besitzen , um das überhaupt noch zu können ; bis jetzt sind es nur Ihre Nerven , die Sie gründlich ruinirt haben ; treiben Sie es aber nur ein einziges Jahr noch so fort , so haben Sie die Schwindsucht ; darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort ! “ Der Professor stützte den Kopf in die Hand und blickte vor sich hin . „ Desto besser ! “ sagte er resignirt . Ungeduldig sprang der Arzt auf und schob polternd den Stuhl zur Seite . „ Da haben wir ’ s ! Auch noch gar Todessehnsucht ! Geht mir mit Eurer Gelehrsamkeit , es ist nichts Gesundes darin , Siechthum an Geist und Körper , das kommt schließlich dabei heraus ! “ Fernow war gleichfalls aufgestanden , er lächelte trübe . „ Geben Sie mich auf , Doctor ; ich lohne Ihre Mühe doch nur mit Undank ! Meine Gesundheit ist völlig untergraben , das fühl ’ ich selbst am besten , und Sie können mir mit all Ihrem guten Willen und all Ihren Arzneien nicht mehr helfen . “ „ Mit Arzneien – nein , “ sagte der Doctor ernst . „ Ihnen ist nur mit einer Radicalcur zu helfen ; aber ich fürchte , es wird ganz unnütz sein , sie Ihnen anzurathen . “ „ Und die wäre ? “ fragte der Professor zerstreut , während sein Blick schon wieder auf den Büchern haftete . „ Sie dürfen ein Jahr – aber ein volles Jahr lang keine Feder anrühren , kein Buch auch nur ansehen und vor Allem mit keiner Silbe an die Wissenschaft denken . Statt dessen müßten Sie einmal den Körper tüchtig anstrengen , wenn es nicht anders geht , mit Hacke und Spaten im Garten arbeiten und dabei ordentlich schwitzen , zur Abwechslung einmal auch hungern und dursten , jedem Einflusse der Witterung trotzen . – Sehen Sie mich nicht so erstaunt an , als ob ich Ihnen den directen Weg in ’ s Jenseits verschriebe ; bei einem so völlig zerrütteten Nervensystem wie dem Ihrigen wirken nur noch Gewaltmittel . Es ist meine feste Ueberzeugung , daß eine solche Cur , energisch begonnen und unnachsichtlich durchgeführt , Sie trotz aller Todesahnungen noch retten kann . “ Der Professor schüttelte befremdet den Kopf . „ Dann werde ich wohl auf die Rettung verzichten müssen , denn das können Sie sich wohl selbst sagen , Doctor , daß ein solches Tagelöhnerleben ist meiner Stellung unmöglich durchzuführen ist . “ „ Leider weiß ich das ! Und Sie sind der Letzte , der sich zu solchem Entschlusse aufraffen würde . Nun denn , so studiren Sie in Gottes Namen weiter und bereiten Sie sich auf die Schwindsucht vor . Ich habe genug gepredigt und gewarnt ! Adieu ! “ Mit diesen im vollsten Aerger gesprochenen Worten nahm der gutmüthige , aber etwas heftige Doctor Stephan seinen Hut und ging zur Thür hinaus ; im Vorzimmer aber pflanzte sich die riesige Gestalt Friedrich ’ s mit einer stummen Frage auf dem ängstlichen Gesicht dicht vor ihm auf . Der Arzt schüttelte den Kopf . „ Mit Deinem Herrn ist wieder einmal nichts anzufangen , Friedrich ! Gieb ihm die gewöhnliche Arznei ; es ist sein altes Uebel , das wieder – “ „ O nein , das ist es nicht ! “ unterbrach ihn Friedrich mit großer Bestimmtheit . „ Es ist diesmal etwas ganz Neues , und seit dem Tage , wo die amerikanische Miß – “ Der Doctor lachte laut auf . „ Nun , Du wirst doch hoffentlich die Ankunft meiner Nichte nicht für die Krankheit Deines Professors verantwortlich machen ? “ sagte er , höchlich belustigt von dieser Zusammenstellung . Friedrich schwieg verwirrt ; das war ihm nun allerdings nicht eingefallen ; er wußte nur , daß diese beiden Zeitpunkte genau zusammenfielen . „ Nun , und wie ist es denn eigentlich diesmal mit Deinem Herrn ? “ examinirte der Doctor . Verlegen drehte Friedrich die Mütze in den Händen ; einer ausführlichen Beschreibung des Zustandes , der ihn so beunruhigte , war seine Rednergabe nicht gewachsen . „ Ich weiß nicht – aber es ist ganz anders als sonst , “ beharrte er hartnäckig . „ Unsinn ! “ sagte der Doctor kurz . „ Das muß ich besser wissen . Du giebst ihm die gewöhnliche Arznei , und dann sieh zu , daß Du ihn heute wenigstens vom Schreibtische weg in ’ s Freie bringst ; aber gieb Acht , daß er sich dabei nicht zur besonderen Erholung einige Folianten einpackt . Hörst Du ? “ Damit stieg der Arzt die Treppe hinunter und fragte unten in der Wohnung angekommen nach seiner Nichte . „ Sie ist ausgegangen ! “ berichtete die Frau Doctorin ihm in völlig übler Laune . „ Bereits seit vier Uhr und wie gewöhnlich wieder ganz allein . Ich bitte Dich , Stephan , sprich Du doch einmal mit ihr und stelle ihr das Unpassende und Abenteuerliche dieser stundenlangen einsamen Spaziergänge vor Augen . “ „ Ich ? “ sagte der Doctor , durchaus nicht erbaut von dieser Zumuthung . „ Nein , liebes Kind , das ist Deine Sache , das mußt Du mit ihr besprechen . “ „ Besprechen ! “ rief die alte Dame gereizt , „ als ob man überhaupt bei Jane dazu gelangen könnte ! Sobald ich mit einer leisen Hindeutung darauf oder auf irgend eine der anderen Freiheiten anfange , die sie sich nimmt , bekomme ich sofort das unvermeidliche ‚ Liebe Tante , bitte , Sie überlassen das wohl meiner Beurtheilung ‘ , zu hören und damit ist jedes fernere Wort abgeschnitten . “ Der Doctor zuckte die Achseln . „ Glaubst Du etwa , daß es mir besser geht ? “ „ Aber die halbe Stadt spricht bereits über die Freiheiten des Mädchens ! “ eiferte die Doctorin . „ Man macht uns verantwortlich dafür und begreift nicht , wie wir so etwas dulden können . “ „ Wirklich ? “ sagte Doctor Stephan mit philosophischer Ruhe . „ Nun , dann wünsche ich Allen , die darüber sprechen , daß sie Jane nur eine einzige Woche im Hause hätten , um ihre Autorität zu probiren ; es würde ihnen bald die Lust dazu vergehen . Jane mit ihrer Schroffheit und der Professor da oben mit seiner Sanftmuth , das sind zwei Starrköpfe , gegen die ganz B. nichts ausrichtet ; dazu giebt es bei denen nur eine Möglichkeit – ihnen den Willen zu thun ! “ Der Doctor hatte Recht , Miß Forest kümmerte sich in der That sehr wenig darum , ob man ihre einsamen Ausflüge ist B. passend fand oder nicht , es gefiel ihr eben so . Nicht , daß sie eine besondere Neigung für einsames , träumerisches Umherstreifen hegte , dergleichen lag ihr fern , aber sie wünschte die Umgebung der Stadt kennen zu lernen , und da sie nach Atkins ’ Entfernung Niemand fand , den sie ihrer Begleitung für würdig hielt , so ging sie einfach allein . So hatte sie auch wieder , nachdem ein längerer Spaziergang sie stundenweit von B. entfernt , den Ruinenberg erstiegen , von dessen Gipfel die Trümmer einer uralten Burg weit in ’ s Land hineinblickten . Ermüdet von dem weiten Gange ließ sie sich auf einem Ueberrest der alten Ringmauer nieder und sah , an das Gestein gelehnt , hinaus in die Landschaft . Jetzt war der Nebelschleier weggezogen , der sie am Tage ihrer Ankunft so dicht und düster