Vaters , “ fuhr Arthur fort , „ wie ich denn seinem ganzen Geschäftskreise überhaupt fernzubleiben pflege . Er sagte mir eines Tages , daß , wenn ich bei dem Baron Windeg um die Hand seiner Tochter werben wolle , mein Antrag angenommen werden würde . Ich fügte mich dem Project , und darauf fand die Förmlichkeit meiner Vorstellung statt , der in wenig Tagen die Verlobung folgte . Das ist mein Antheil bei der Sache . “ Eugenie wandte sich zur Hälfte ab . „ Ich hätte ein offenes Geständniß Deiner Mitwissenschaft diesem Märchen vorgezogen , “ erwiderte sie kalt . Wieder öffneten sich die Augen des jungen Mannes und wieder glimmte der seltsame Funke darin , der aufsprühen zu wollen schien und den die Asche doch erstickte . „ Also so hoch stehe ich in der Achtung meiner Gemahlin , daß meine Worte nicht einmal Glauben bei ihr finden ? “ sagte er , diesmal doch mit einem entschiedenen Anfluge von Bitterkeit . [ 37 ] Das schöne Antlitz Eugeniens , welches sich ihrem Gemahl jetzt wieder zuwandte , trug in der That den Ausdruck herbster Verachtung , und der gleiche Ausdruck lag auch in ihrer Stimme , als sie entgegnete : „ Du mußt es mir schon verzeihen , Arthur , wenn ich Dir kein allzu großes Vertrauen entgegen bringe . Bis zu dem Tage , wo Du zum ersten Male unser Haus betratest , zu einem Zwecke , den ich nur zu wohl kannte , bis dahin habe ich Dich nur aus den Gesprächen der Residenz gekannt , und diese – “ „ Malten mein Bild in nicht eben schmeichelhafter Weise ! Ich kann es mir denken ! Willst Du nicht die Güte haben , mir zu sagen , was es der Residenz eigentlich beliebte über mich zu sprechen ? “ Die junge Frau richtete das große Auge fest und finster auf das Antlitz ihres Gatten . „ Man sagte , Arthur Berkow triebe nur deshalb einen so fürstlichen Aufwand , würfe nur deshalb Tausende und aber Tausende hin , um sich damit den Umgang und die Freundschaft der jungen Adeligen zu erkaufen und dadurch seine eigene bürgerliche Geburt vergessen zu machen . Man sagte , er sei in dem wilden zügellosen Treiben gewisser Kreise der Wildeste und Zügelloseste von Allen – was man ihm sonst noch nachsagte , entzieht sich meiner Frauenbeurtheilung . “ Arthur ’ s Hand lag noch immer auf der Lehne des Fauteuils , auf den er sich stützte , sie hatte während der letzten Secunden sich unwillkürlich tiefer in die seidenen Polster vergraben . „ Und Du hältst es natürlich nicht der Mühe werth , auch nur den Versuch zur Besserung eines solchen ‚ Verlorenen ‘ zu machen , über den die öffentliche Meinung bereits den Stab gebrochen hat ? “ „ Nein ! “ Es klang eisig kalt , dieses Nein . Ein leichtes Zucken flog über die Züge des jungen Mannes , als er sich rasch emporrichtete . „ Du bist mehr als aufrichtig ! Gleichviel , es ist immer ein Vortheil , zu wissen , wie man miteinander steht , und miteinander müssen wir für ’ s Erste doch nun einmal bleiben . Der gestern gethane Schritt kann nicht zurückgethan werden , wenigstens nicht sofort , ohne uns Beide der Lächerlichkeit preiszugeben . Wenn Du übrigens diese Scene provocirtest , um mir zu zeigen , daß ich , trotz jener bürgerlichen Anmaßung , die Deine Hand erzwang , mich der Baroneß Windeg möglichst fern zu halten habe – und ich fürchte , es geschah allein in dieser Absicht – so hast Du Deinen Zweck erreicht , aber – “ hier fiel Arthur wieder völlig in den alten Ton gelangweilter Blasirtheit zurück – „ aber ich bitte Dich , laß es dann auch die erste und letzte dieser Art zwischen uns gewesen sein . Ich verabscheue nun einmal alles , was Scenen heißt ; meine Nerven ertragen das durchaus nicht und das Leben läßt sich ja auch völlig regeln , ohne dergleichen unnöthige Echauffements . Für jetzt glaube ich Deinen Wünschen zuvorzukommen , wenn ich Dich allein lasse . Du entschuldigst , daß ich mich zurückziehe . “ Er nahm den auf einem Seitentische brennenden silbernen Armleuchter und verließ das Gemach , draußen aber blieb er noch einen Moment lang stehen und wendete das Haupt zurück . Der Funke glimmte jetzt nicht mehr blos in dem Auge des jungen Mannes , er sprühte hell auf , freilich nur eine Secunde lang , dann war alles dort wieder leer und todt , aber die Kerzen flackerten unruhig auf und nieder , als er durch das Vorzimmer schritt – ob von dem Luftzuge oder weil die Hand , die sie trug , bebte ? Eugenie war allein zurückgeblieben und ein tiefer Athemzug hob ihre Brust , als die Portière hinter ihrem Gatten zufiel ; sie hatte erreicht , was sie gewollt . Als sei die freie Luft ihr Bedürfniß nach dieser Scene , trat sie an den Balcon , schob den Vorhang zurück , und das Fenster zur Hälfte öffnend , blickte sie hinaus in den duftigen , mild verschleierten Frühlingsabend . Der Sternenglanz schimmerte nur matt durch das leichte schleierartige Gewölk , das den ganzen Himmel umzog , während die Contouren der Landschaft , schon von dichter Dämmerung umwoben , undeutlich und schattenhaft in einander verschwammen . Von der Terrasse herauf drangen die Blumendüfte , und leise plätscherten dazu die Fontänen . Ueberall tiefe Ruhe und tiefer Friede , nur nicht in dem Herzen der jungen Frau da oben , die heute zum ersten Male die Schwelle ihrer neuen Heimath betreten hatte . Er war jetzt zu Ende , der stumme , qualvolle Kampf der letzten zwei Monate , der sie doch eben durch diese Qual und dieses Kämpfen aufrecht erhalten hatte . Es liegt für heroische Naturen immer etwas Großes in dem Gedanken , so die ganze Zukunft für Andere hinzuwerfen , mit dem eigenen Lebensglück die fremde Rettung zu erkaufen und sich dem nun einmal unabwendbaren Geschick als Opfer für das Geliebte zu stellen . Aber jetzt , wo dies Opfer gebracht , die Rettung vollzogen war , wo es nichts mehr zu kämpfen und zu überwinden gab , jetzt verblich jener romantische Schimmer , mit dem die Kindesliebe bisher Eugeniens Entschluß umgeben , und die ganze trostlose Oede und Leere des Lebens , das ihrer wartete , that sich vor ihr auf . In dem [ 38 ] leisen Duften und Wehen dieses Frühlingsabends regte sich wieder das lang zurückgehaltene Weh des jungen Weibes , das auch seinen Antheil an Glück und Liebe vom Leben gefordert hatte und das so bitter um diesen Antheil betrogen war . Sie war jung und schön , schöner als so viele Andere , aus altem edlen Geschlecht , und die stolze Tochter der Windeg hatte von jeher den Helden ihres Jugendtraumes mit all ’ der glänzenden Ritterlichkeit ihrer Vorfahren geschmückt . Daß er ihr gleich sein müsse an Rang und Namen , galt dabei als selbstverständlich , und nun – ? Hätte der ihr aufgedrungene Gatte wenigstens noch Charakter und Energie besessen , die sie nun einmal bei dem Manne am höchsten schätzte , sie hätte ihm vielleicht seine bürgerliche Geburt verziehen , aber dieser Weichling , den sie verachtet hatte , noch ehe sie ihn gekannt ! Hatten die Beleidigungen , die sie ihm mit vollster Absicht entgegengeschleudert , und die jeden anderen Mann außer sich gebracht haben würden , es wohl vermocht , ihn aus seiner apathischen Gleichgültigkeit zu reißen ? War er dem herbsten Ausdruck ihrer Verachtung gegenüber auch nur einen Augenblick aus dieser Apathie gewichen ? Und als heut ’ Mittag die Gefahr über sie Beide hereinbrach , hatte er da auch nur die Hand zu seiner oder ihrer Rettung gerührt ? Ein Anderer , ein Fremder mußte sich den rasenden Thieren entgegenwerfen und sie bändigen , auf die Gefahr hin , von ihnen getreten zu werden . Vor Eugeniens Augen stieg das Bild des jungen Mannes auf , mit den trotzigen blauen Augen und der blutenden Stirn . Ihr Gatte freilich wußte nicht einmal , ob die Wunde seines Retters gefährlich , ob sie vielleicht tödtlich sei , und doch wären er und sie verloren gewesen ohne jene energische blitzähnliche That . Die junge Frau sank in einen Sessel und verbarg das Antlitz in beiden Händen , aber Alles , was sie seit Monden durchgekämpft und durchgelitten und was in dieser Stunde mit zehnfacher Gewalt auf sie eindrang , das gab sich jetzt kund in dem einen verzweiflungsvollen Aufschrei : „ O mein Gott , mein Gott , wie werde ich dies Leben ertragen ! “ Die sehr umfangreichen Berkow ’ schen Gruben und Bergwerke lagen ziemlich weit von der Residenz , in einer der entfernteren Provinzen . Die Gegend dort bot nicht viel Anziehendes dar . Waldberge und immer nur Waldberge , auf Meilen in der Runde nichts als das einförmige dunkle Grün der Tannen , das gleichmäßig Höhen und Thäler umzog , dazwischen Dörfer und Weiler und hin und wieder einmal ein Pachthof oder ein ländliches Besitzthum . Aber der Boden hier oben vermochte nicht viel zu geben ; seine Schätze lagen unter der Erde verborgen , und deshalb drängte sich auch alles Leben und alle Thätigkeit der Umgegend auf den Berkow ’ schen Besitzungen zusammen , wo diese Schätze in wahrhaft großartigem Maßstabe zu Tage gefördert wurden . Diese Besitzungen lagen ziemlich einsam und abgeschnitten von dem größeren Verkehre , denn selbst die nächste Stadt war einige Stunden weit entfernt ; aber er bildete fast eine Stadt für sich , dieser riesige Complex von Betriebs- und Wohngebäuden , der sich da inmitten der Waldthäler mit all ’ seinem bewegten Leben und Treiben erhob . Alle die Hülfsmittel , die Industrie und Wissenschaft nur zu geben vermochten , Alles , was Maschinenkraft und Menschenhände nur leisten konnten , wurde hier aufgeboten , um dem widerstrebenden Erdgeiste seine Schätze abzuringen . Ein ganzes Heer von Verwaltungsbeamten , Technikern , Inspectoren und Oberaufsehern stand unter der Leitung des Directors und bildete eine Colonie für sich , während die nach mehreren Tausenden zählenden Arbeiter , die nur zum kleinsten Theile in der Colonie selbst hatten untergebracht werden können , in den nahegelegenen Dörfern wohnten . Das Unternehmen , das erst der jetzige Besitzer aus seinen sehr unbedeutenden Anfängen zu der Höhe erhoben hatte , auf der es augenblicklich stand , schien fast zu groß für die Mittel eines Privatmannes und wurde in der That auch nur mit den riesigsten Mitteln in Betrieb erhalten . Es war weitaus das bedeutendste in der ganzen Provinz und beherrschte demgemäß auch in seinem Industriezweige die Provinz und die sämmtlichen gleichartigen Unternehmungen derselben , von denen sich keins an Großartigkeit mit ihm messen konnte . Diese Colonie mit ihrem unbegrenzten Aufwande an Maschinen- und Arbeitskräften , mit ihren Bauten und Wohnhäusern , ihren Beamten und Arbeitern war gewissermaßen ein Staat für sich , und der Herr desselben ebenso souverain wie nur irgend der Beherrscher eines kleinen Fürstenthums . Es mußte jedenfalls befremden , daß man einem Manne , der an der Spitze eines solchen Unternehmens stand , immer noch eine Auszeichnung versagte , die er doch so sehr erstrebte und die so Manchem zu Theil wurde , der weniger für die Industrie des Landes gethan hatte ; aber hier , wie überall , wo die Entscheidung direct von höchster Stelle ausging , kam der Charakter und die Persönlichkeit des Betreffenden in Frage , und Berkow erfreute sich nun einmal keiner Sympathie in den maßgebenden Kreisen . Es gab doch so manchen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit , den sein Reichthum wohl verwischen , aber nie ganz auslöschen konnte . Er war zwar noch niemals mit den Gesetzen in Conflict gekommen ; aber oft genug war er bis hart an die Grenze gegangen , wo die Gesetze einzuschreiten pflegen . Auch seine Schöpfungen in der Provinz , so großartig sie waren , wollte man von vielen Seiten doch keineswegs als mustergültig anerkennen . Es wurde Manches von einem gewissenlosen Ausbeutungssysteme geredet , das , nur darauf berechnet , den Reichthum des Besitzers zu mehren , nicht die mindeste Rücksicht auf das Wohl und Wehe der Menschenkräfte nahm , die es sich dabei dienstbar machte , von willkürlichen Uebergriffen der Beamten , von gährender Unzufriedenheit der Arbeiter – indessen , das war und blieb mehr oder weniger Gerücht , da die Colonie selbst ja zu fern lag . Thatsache war und blieb dagegen , daß sie eine nahezu unerschöpfliche Quelle des Reichthums für ihren Eigenthümer bildete . Freilich mußte ein Jeder zugestehen , daß die Ausdauer , die Zähigkeit und das industrielle Genie dieses Mannes mindestens ebenso groß waren wie seine Gewissenlosigkeit . Aus den ärmlichsten Verhältnissen hervorgegangen , von der Woge des Lebens emporgehoben und wieder herabgeschleudert , war es ihm schließlich doch gelungen , sich auf der Höhe zu behaupten , und jetzt nahm er dort schon seit Jahren die unbestrittene Stellung eines Millionärs ein . Freilich schien sich auch während dieser letzten Jahre das Glück unwandelbar an seine Ferse zu heften ; so oft er es auch auf die Probe stellte , es blieb ihm treu , und wo es sich um das bedenklichste Unternehmen , um die gewagteste Speculation handelte , sie glückten , sobald seine Hand die Leitung übernahm . Berkow war früh Wittwer geworden und zu keiner zweiten Ehe geschritten ; sein rastloser , immer nur auf Speculation und Erwerb gerichteter Charakter empfand die Häuslichkeit eher als eine Fessel , denn als eine Erholung . Sein einziger Sohn und Erbe wurde in der Residenz erzogen , und es war denn auch , was Hofmeister , Lehrer in allen Fächern , Universitätsbesuch und Reisen betraf , nichts in seiner Erziehung gespart worden . Von einer eigentlichen Vorbildung für seinen Beruf als künftiger Chef und Leiter so großartiger industrieller Unternehmungen verlautete dagegen nichts . Herr Arthur zeigte eine entschiedene Unlust , irgend etwas zu lernen , was nicht zur fashionablen Ausbildung gehörte , und der Vater war viel zu schwach und viel zu eitel auf die von seinem Sohne zu spielende glänzende Rolle , zu deren Ermöglichung und Behauptung er mit Freuden Tausende hergab – um ernstlich auf eine tiefere Ausbildung desselben zu dringen . Im schlimmsten Falle gab es ja immer noch fähige Beamte genug , deren technische und mercantilische Kenntnisse man sich für hohes Gehalt dienstbar machen konnte . So kam denn der junge Erbe kaum einmal des Jahres nach den Besitzungen in der Provinz , wo er sich jedesmal tödtlich langweilte , während der Vater , der allerdings auch zeitweise in der Residenz lebte , sich doch die Oberleitung des Ganzen vorbehielt . Das Wetter hatte den Landaufenthalt des jungen Ehepaares bisher noch nicht besonders begünstigt . Die Sonne machte sich selten in diesem Frühjahre ; heute endlich schien sie nach langen Regentagen einmal wieder klar und warm herab , als wolle sie auch ihrerseits den Sonntag begrüßen . Die Schachte waren leer und die Werke feierten , aber trotz der Sonntagsruhe und trotz des lachenden Sonnenscheins schien doch etwas von dem düster einförmigen Charakter der Gegend auf der ganzen Colonie zu liegen . In all ’ diesen zahlreichen , allein nach dem starren Princip der Nützlichkeit aufgeführten Bauten und Wohnhäusern gab sich auch nicht der leiseste Sinn für Verschönerung oder für Bequemlichkeit der Betheiligten kund . Daß dieser Sinn dem Besitzer nicht überhaupt mangelte , davon legte dessen eigenes Landhaus Zeugniß ab , das man absichtlich eine Strecke von den [ 39 ] Werken entfernt , mit der vollen Aussicht auf die Waldberge gebaut hatte , und das , außen und innen mit einem wahrhaft fürstlichen Luxus ausgestattet , mit seinen Balcons , Terrassen und Blumenanlagen wie eine Oase voll Duft und Poesie inmitten dieser Stätte der Industrie lag . Das in unmittelbarer Nähe der Schachte gelegene Häuschen des Schichtmeisters Hartmann verrieth schon durch sein Aussehen , daß sich der Eigenthümer desselben einer besonders bevorzugten Stellung erfreute , und so war es auch in der That . Hartmann hatte , noch als junger rüstiger Bergmann , ein Mädchen geheirathet , das im Dienste der verstorbenen Frau Berkow stand und sich der ganz besonderen Vorliebe ihrer Herrin erfreute . Die junge Frau blieb selbst nach ihrer Verheirathung noch mehr oder weniger in Beziehung zu der ehemaligen Herrschaft , und in Folge dessen wurde auch ihr Mann in jeder Weise begünstigt und bevorzugt , von Posten zu Posten geschoben und endlich sogar zum Schichtmeister befördert . Freilich hörten diese Beziehungen und Begünstigungen auf , als Frau Berkow starb ; ihr Gatte war nicht der Mann , sich um ehemalige Angehörige seines Haushalts viel zu kümmern , und als Hartmann ’ s Gattin bald darauf gleichfalls mit Tode abging , war vollends nicht mehr die Rede davon . Indessen der Schichtmeister hegte von jener Zeit her noch immer eine große Anhänglichkeit an die Berkow ’ sche Familie , der er seine jetzige sorgenfreie Stellung verdankte , während er sonst wahrscheinlich , wie so viele seiner Cameraden , nie über die mühselige , kärglich lohnende Schachtarbeit hinausgekommen wäre . Er hatte bereits vor mehreren Jahren seine verwaiste Schwestertochter , Martha Ewers , in ’ s Haus genommen , die ihm die Hausfrau reichlich ersetzte ; zur Erfüllung seines geheimen Wunsches aber , daß aus ihr und seinem Sohne einmal ein Paar werden möchte , hatte sich bisher noch wenig Aussicht geboten . An diesem Sonntag-Morgen war das sonst so friedliche Häuschen der Schauplatz einer ziemlich erregten Scene , wie sie jetzt leider zwischen Vater und Sohn nicht mehr zu den Seltenheiten gehörten . Der Schichtmeister , in der Mitte der kleinen Stube stehend , sprach mit vollster Heftigkeit auf Ulrich ein , der , soeben aus der Wohnung des Directors zurückgekehrt , stumm und finster an der Thür lehnte , während Martha , die etwas seitwärts stand , mit unverhehlter Besorgniß die Streitenden beobachtete . „ Hat man je so etwas erlebt ! “ eiferte der Schichtmeister . „ Hast Du noch nicht genug Feinde unter den Herren drüben , daß Du sie Dir mit Gewalt auf den Hals hetzen mußt ? Wird dem Patron da eine Summe angeboten , groß genug , um einen ganzen Hausstand damit anzufangen , und er setzt seinen Starrkopf auf und sagt ohne Weiteres Nein ! Aber freilich , was kümmerst Du Dich auch um Hausstand oder dergleichen ! wie denkst Du daran , eine Frau zu nehmen ! Den Kopf in die Zeitungen stecken , wenn Du von der Arbeit kommst , noch die halbe Nacht über den Büchern sitzen und Dich mit all dem neumodischen Zeug vollpfropfen , von dem ein rechtschaffener Bergmann sein Lebtag nichts zu wissen braucht , bei den Cameraden den Herrn und Meister spielen , so daß man nächstens nicht mehr den Herrn Director , sondern den Herrn Ulrich Hartmann wird fragen müssen , was eigentlich auf den Werken geschehen soll – das ist so Dein Vergnügen . Und wenn man dann zufällig einmal daran erinnert wird , daß man vorläufig noch Untersteiger ist , dann redet man von ‚ Bezahlung ‘ und wirft der Herrschaft die ganze Geschichte vor die Füße . Ich sollte meinen , wenn irgend Jemand das Geld redlich verdient hätte , dann wärst Du es ! “ Ulrich , der bisher schweigend zugehört hatte , stampfte bei den letzten Worten zornig mit dem Fuße . „ Ich will aber nun einmal nichts von der ganzen Sippschaft da oben ! Ich habe ihnen gesagt , daß ich für meine sogenannte ‚ Heldenthat ‘ , von der sie so viel Wesens machen , keine Bezahlung brauche und auch keine nehme , und damit ist ’ s gut ! “ Der Alte wollte von Neuem auffahren und war im Begriff , eine noch derbere Strafpredigt zu halten , als auf einmal Martha dazwischen trat . „ Laß ihn , Ohm , “ sagte sie kurz , „ er hat Recht ! “ Der Schichtmeister , gänzlich aus dem Concepte gebracht durch diese unerwartete Einrede , sah sie mit offenem Munde an . „ So ? Er hat Recht ? “ wiederholte er ärgerlich . „ Das konnte ich mir denken , daß Du wieder seine Partie nimmst ! “ „ Ulrich kann es nicht vertragen , daß sie die Sache so ohne Weiteres durch den Director abthun lassen , “ fuhr das Mädchen bestimmt fort , „ und es schickt sich auch nicht . Hätte Herr Berkow selbst mit ihm gesprochen und ihm ein Wort von Dank oder so etwas gesagt – aber freilich , der kümmert sich ja um nichts in der Welt ! Er sieht immer aus , als ob er eben erst aus dem Schlafe käme , und als ob es ihm die schrecklichste Mühe machte , Jemand auch nur anzusehen , und wenn er wirklich einmal nicht schläft , dann liegt er den ganzen Tag auf seinem Sopha und schaut sich die Decke an – “ „ Laß mir den jungen Herrn in Ruhe ! “ unterbrach sie der Schichtmeister heftig . „ Den hat sein Vater auf dem Gewissen ! Von Kindheit an hat er ihm ja allen Willen gethan und sich alle Unarten gefallen lassen , hat ihm täglich vorerzählt , wie reich er einmal werden würde , und Hofmeister und Bedienten fortgejagt , wenn sie dem Jungen nicht pariren wollten . Später , als er größer wurde , da durfte er ja nur noch mit Grafen und Baronen umgehen ; das Geld wurde ihm haufenweise zugesteckt , und je toller er es trieb , desto mehr freute sich der Vater . Da soll das bischen Herzensgüte nicht darauf gehen bei solch einem jungen Menschen ! denn gut war der Arthur , das laß ich mir nicht nehmen , der ich ihn so oft habe auf den Knieen reiten lassen , und ein Herz hat er auch gehabt . Ich weiß noch , als er damals nach dem Tode der Mutter in die Stadt sollte , wie er mir da um den Hals fiel und seine bittersten Thränen weinte , und nicht fortzubringen war , trotzdem Herr Berkow bat und streichelte und versprach , was es nur in der Welt gab ; ich mußte ihn selbst in den Wagen tragen . Freilich , als er erst in der Stadt war bei den Bonnen und Hofmeistern , da war ’ s aus , das nächste Mal gab er mir nur noch die Hand , dann ist er immer vornehmer , immer kühler geworden , und jetzt – “ es zuckte ein beinahe schmerzlicher Ausdruck über die Züge des Alten , aber er schüttelte rasch die Weichheit ab . „ Nun , mir kann ’ s am Ende gleich sein , aber ich mag es nicht leiden , wenn Ihr bei jeder Gelegenheit so über ihn herfahrt , zumal der Ulrich , der einen förmlichen Haß auf ihn hat . Wenn man dem Eisenkopf auch so viel Willen gelassen und noch ein paar Hunderttausend dazu gegeben hätte , dann möchte ich wohl wissen , was aus ihm geworden wäre ! Was Gutes sicher nicht ! “ „ Vielleicht was schlimmeres , Vater ! “ sagte Ulrich herb , „ aber solch ein Weichling gewiß nicht , darauf kannst Du Dich verlassen ! “ Dem Gespräche , das schon wieder eine bedenkliche Wendung zu nehmen drohte , wurde jetzt zum Glück ein Ende gemacht . Es klopfte draußen an der Thür , gleich darauf trat ein Diener in der reichen , etwas überladenen Livrée des Berkow ’ schen Hauses ein und bot dem Schichtmeister einen Guten Tag . „ Die gnädige Frau schickt mich her ; ich soll Ihren Ulrich – Ah , da sind Sie ja , Hartmann ! Die gnädige Frau wünscht Sie zu sprechen , ich soll Sie auf heut Abend punkt sieben Uhr hinüber bestellen . “ „ Mich ? “ „ Den Ulrich ? “ Die beiden Ausrufe kamen mit gleicher Verwunderung von den Lippen des Schichtmeisters und seines Sohnes , während Martha ebenfalls erstaunt den Diener ansah , der gleichmüthig fortfuhr : „ Sie müssen doch irgend etwas mit dem Director vorgehabt haben , Hartmann ! Er war heut schon in aller Frühe bei der gnädigen Frau , die sich sonst nie um die Geschäftssachen der Herren kümmert , und gleich darauf wurde ich Hals über Kopf zu Ihnen geschickt , obgleich wir wahrhaftig heut genug drüben zu thun haben . Die sämmtlichen Herren Beamten sind zu Tische geladen und aus der Stadt kommen auch , ich weiß nicht was alles für Respectspersonen – aber ich habe keinen Augenblick Zeit . Seien Sie ja pünktlich ! Um sieben Uhr nach dem Diner ! “ Der Mann schien es wirklich eilig zu haben ; er nickte den Anwesenden noch einen kurzen Gruß zu und ging . „ Da haben wir ’ s ! “ brach der Schichtmeister los . „ Jetzt wissen sie schon drüben bei der Herrschaft von Deinem unsinnigen Abschlag . Nun sieh Du zu , wie Du mit ihnen fertig wirst . “ „ Wirst Du gehen , Ulrich ? “ fragte Martha , die bisher stillgeschwiegen , plötzlich rasch und mit gespanntem Ausdruck . „ Was fällt Dir denn ein , Mädchen ? “ schalt der Oheim . „ Meinst Du etwa , er könnte wieder Nein sagen , wenn die gnädige [ 40 ] Frau ihn ausdrücklich rufen läßt ? Freilich Du und er , Ihr wäret im Stande dazu . “ Martha achtete nicht auf die Zwischenrede , sie näherte sich ihrem Vetter und legte die Hand auf seinen Arm . „ Wirst Du gehen ? “ wiederholte sie leise . Ulrich stand da und blickte finster zu Boden , wie im Kampfe mit sich selber ; auf einmal aber warf er heftig den Kopf zurück . „ Gewiß werde ich ! Ich möchte doch wissen , was es der gnädigen Frau denn eigentlich beliebt , von mir zu wollen , nachdem sie sich acht Tage lang nicht einmal die Mühe gegeben hat , nach mir – “ Er hielt plötzlich inne , als habe er bereits zu viel gesagt . Martha ’ s Hand war von seinem Arme herabgeglitten und sie trat zurück , der Schichtmeister aber sagte mit einem Seufzer : „ Nun gnade uns Gott , wenn Du drüben so auftrittst . Zu allem Unglück ist nun auch noch der alte Berkow gestern Abend angekommen ! Wenn Ihr beide aneinander gerathet , dann bist Du die längste Zeit hier Steiger gewesen , und ich bin nicht mehr lange Schichtmeister . Ich kenne den Herrn ! “ Ein verächtlicher Ausdruck spielte um die Lippen des jungen Mannes . „ Sei ruhig , Vater ! Sie wissen zu gut , wie sehr Du an der ‚ Herrschaft ‘ hängst und welche Noth Dir der ungerathene Sohn macht , der nun einmal vor dieser Herrschaft sich nicht ducken will . Dir wird Keiner etwas anhaben , und ich – “ hier richtete sich Ulrich voll trotzigen Selbstbewußtseins zu seiner vollen Höhe empor , „ ich werde wohl für ’ s Erste auch noch hierbleiben . Mich fortzuschicken wagen sie gar nicht , dazu fürchten sie mich viel zu sehr ! “ Er kehrte seinem Vater den Rücken , stieß die Thür auf und trat in ’ s Freie . Der Schichtmeister schlug die Hände zusammen und schien sehr geneigt , seinem rebellischen Sohne noch eine donnernde Strafrede nachzuschicken , aber er wurde daran von Martha verhindert , die auf ’ s Neue , und diesmal noch viel entschiedener , Ulrich ’ s Partei nahm . Des Streitens müde , griff der Alte endlich nach seiner Pfeife und schickte sich an , gleichfalls hinauszugehen . „ Höre , Martha , “ sagte er , sich schon in der Thür noch einmal umwendend , „ an Dir sehe ich ’ s , kein Trotzkopf ist so groß , es giebt doch noch einen , der ihn übertrotzt . Du hast richtig an dem Ulrich Deinen Meister gefunden , und der wird auch noch seinen Meister finden , so wahr ich Gotthold Hartmann heiße ! “ – Drüben im Landhause war man inzwischen mit den Vorbereitungen zu dem heute stattfindenden großen Diner beschäftigt . Die Diener liefen treppauf und treppab , in den Wirthschaftsräumen hantierten Köche und Mägde umher , überall gab es noch zu ändern und zu ordnen und das ganze Haus bot jenes Bild der geschäftigen Unruhe dar , die gewöhnlich einer Festlichkeit vorauszugehen pflegt . Eine um so größere Stille herrschte in den Zimmern des jungen Berkow : die Vorhänge waren hier tief herabgelassen , die Portièren geschlossen und im Nebengemach glitt der Diener mit unhörbaren Schritten über den dicken Teppich hin , dies und jenes ordnend . Sein Herr liebte es nun einmal , den größten Theil des Tages träge auf seinem Sopha zu verträumen , und wollte auch nicht durch den allergeringsten Laut darin gestört sein . Der junge Erbe lag mit halbgeschlossenen Augen auf der Ottomane ausgestreckt und hielt ein Buch in der Hand , in dem er las oder doch wenigstens gelesen zu haben schien , denn bereits seit geraumer Zeit lag genau dieselbe Seite vor ihm aufgeschlagen . Wahrscheinlich kostete es ihm zu viel Mühe , die Blätter umzuwenden , und jetzt glitt das nachlässig gehaltene Buch vollends aus den schmalen schlanken Händen auf den Teppich nieder . Es wäre eine leichte Mühe gewesen , sich danach zu bücken und es aufzuheben , eine noch leichtere , den nebenan beschäftigten Diener zu diesem Zwecke herzurufen , aber keins von beiden geschah . Das Buch blieb auf dem Teppich liegen , und Arthur machte während der nächsten Viertelstunde auch nicht die geringste Bewegung ; sein Antlitz verrieth aber dabei zur Genüge , daß er weder über das Gelesene nachdachte , noch in Träumerei versunken war ; er langweilte sich einfach . Ein ziemlich rücksichtsloses Oeffnen der Thür ,