, wo Siegbert vorhin gelegen hatte , und jedenfalls diesem gehörte . Bertold bückte sich gleichgültig danach , um es an sich zu nehmen ; zu seiner Verwunderung aber entdeckte er , daß auch dies kleine Buch Studien enthielt , obwohl der junge Maler seine Skizzenmappe mit sich genommen hatte , und gleich das erste , was ihm in die Hand fiel , war ein lose eingelegtes Blatt , jene Zeichnung , die Adrian Tuchner darstellte . Der Professor betrachtete sie scharf und prüfend und war offenbar überrascht davon . » Sieh einmal an ! « sagte er halblaut . » Wo hat der Junge diesen prachtvollen Charakterkopf her ? Das ist jedenfalls Porträt , aber gar nicht so übel aufgefaßt , da ist Leben und Ausdruck in jeder Linie – daraus könnte etwas werden ! « Er legte die Zeichnung sorgfältig wieder an ihren Platz und schlug das nächste Blatt um . » Was soll das heißen ? Das ist ja Alexandrine von Landeck ! Wie kommt Siegbert zu dem Bilde ? Sie hat ihm sicher nicht dazu gesessen , sie sagte mir ja selbst , daß er sich fern hält . Er muß das Gesicht rein aus der Erinnerung gezeichnet haben – etwas idealisiert , aber sonst ganz vortrefflich aufgefaßt – ich könnte es nicht besser machen ! Dabei hat ihn die Wiesenheimer Muse jedenfalls nicht inspiriert ; das ist ganz in dem Stile , wie er früher in meinem Atelier zu zeichnen pflegte ; aber schülerhaft ist es nicht mehr ! « Er blätterte mit steigendem Interesse weiter . Diesmal aber stutzte er doch ein wenig . » Wieder Alexandrine ? Ah so , diesmal hat er sie im Profil gezeichnet ! – Da ist sie nun zum drittenmal ! – Der Junge muß eine ganz merkwürdige Vorliebe für dies Gesicht haben ; nun , es ist allerdings schön genug , um einen Maler zu fesseln . – Warum hat er mir denn diese Blätter nicht gezeigt ; er muß doch wissen , daß sie sich sehen lassen können ! « Das Buch wurde jetzt einer sehr sorgfältigen und gewissenhaften Prüfung unterzogen . Als sich aber auch auf dem vierten , fünften und sechsten Blatte immer wieder dieselbe Gestalt zeigte , in den verschiedensten Auffassungen und Situationen , bald wie ein Märchenbild aus phantastischen Blumengewinden hervorblickend , bald als Bergfee auf Felsen thronend , bald aus den Fluten eines Waldsees emportauchend , aber immer unverkennbar Alexandrine von Landeck in ihrer ganzen fesselnden Schönheit , da begann dem Professor ein Licht aufzugehen . » Also so steht die Sache ! « sagte er langsam . » Das war es , was ihm vorhin im Kopfe steckte , und darum ging ihm auf einmal die Schönheit der Bergnatur so überwältigend auf . Ich scheine da sein geheimes Archiv entdeckt zu haben , das er den bürgermeisterlichen Augen verborgen hält . Die Entdeckung wollen wir uns doch zunutze machen ! « Er steckte das Buch zu sich und knöpfte den Rock zu . Kaum hatte er es in Sicherheit gebracht , als Siegbert zurückkehrte , sehr eilig , sehr aufgeregt und mit ganz erhitztem Gesicht . » Sie verzeihen , Herr Professor – ich habe etwas im Walde verloren , wahrscheinlich ist es hier zurückgeblieben . Sie haben doch nichts gefunden ? « » Nicht das Geringste « , log der Professor in großer Gemütsruhe . » Was hast du denn verloren ? « » Oh , nichts von Bedeutung , ein kleines Buch , das ich gewöhnlich bei mir trage . Es enthielt nur wertlose Skizzen . « » So ? « meinte Bertold und sah mit heimlicher Schadenfreude zu , wie der junge Maler in steigender Unruhe die ganze Umgebung nach den » wertlosen Skizzen « durchsuchte . » Du wirst es auf dem Wege verloren haben « , sagte er endlich , » Ich werde dir suchen helfen ; wir müssen ohnehin nach dem Hotel zurück . « Damit ergriff er den Arm seines Schülers und schleppte ihn mit sich fort , ganz ungerührt von der sichtbaren Pein und Verlegenheit des jungen Mannes , der keine Ahnung davon hatte , daß sein so angstvoll gesuchtes » geheimes Archiv « gemütlich neben ihm herwanderte . Der Professor machte sich leider gar kein Gewissen daraus , es zu unterschlagen . Sechstes Kapitel . Es war am Nachmittag desselben Tages . In dem kleinen Bergorte , der in unmittelbarer Nähe des Fremdenhotels lag , fand heute das alljährliche Festschießen statt , zu dem die Bevölkerung der ganzen Umgegend herbeiströmte . Aber auch viele der Fremden waren erschienen , denen das Volksfest eine willkommene Abwechselung und Unterhaltung versprach . Der festlich geschmückte Ort bot in der Tat ein lebendiges und farbenreiches Bild . Die Menge der Landleute in ihren verschiedenen Trachten , das fortwährende Auf- und Abwogen , das jeden Augenblick neue , oft charakteristische Gestalten zeigte , das ganze laute und bunte Leben eines solchen Festes waren ebenso neu als anziehend für die Städter . Jetzt , gegen Abend , war das eigentliche Schießen zu Ende . Das Knallen und Jubeln auf dem Schießplatze verstummte , und dieser leerte sich mehr und mehr . Desto lebhafter ging es im Orte selbst zu , wo alles sich zusammendrängte , und wo Einheimische und Fremde , Städter und Landleute durcheinanderwogten . Mitten durch das fröhliche Getümmel zog der Herr Bürgermeister Eggert mit seiner gesamten Familie . Als erster Würdenträger von Wiesenheim war er es gewohnt , sich bei den heimischen Festen leutselig zum Volke herabzulassen , und fühlte sich verpflichtet , das auch hier in der Fremde zu tun . Leider aber verunglückte er hier gänzlich mit seinen Leutseligkeitsversuchen , denn einerseits verstand er den Dialekt der Bergbewohner nicht , andrerseits konnten diese sich in seine Anschauungs- und Ausdrucksweise durchaus nicht finden . Trotzdem forderte er seinen Pflegesohn fortwährend auf , » Studien « zu machen , wobei er jedoch nicht ermangelte , ihm dieselben bis in das Detail hinein vorzuschreiben . » Sieh ' dir diese Erscheinung an , Siegbert , « sagte er , auf ein hübsches , etwas derbes Bauernmädchen weisend , » die Studie solltest du dir nicht entgehen lassen . Dies Mädchen als Hirtin hoch oben auf einer einsamen Alm , mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne blickend – im Hintergrunde eine Sennhütte mit lieblich weidenden Kühen und einigen Lämmern – dazu Abendrot , Alpenglühen und abziehendes Gewitter – das müßte ein Bild werden : ein Bild , mit dem du auf der nächsten Ausstellung alle übrigen schlügst ? « » Aber , Papa , die Hirtinnen pflegen gewöhnlich nicht mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne zu blicken , « warf Siegbert ein , » und diese wird es nun vollends nicht tun . Das Gesicht des Mädchens ist , wenn auch hübsch , doch gänzlich unbedeutend und nichtssagend . « » So idealisiere es ! « rief Eggert , beleidigt durch den Widerspruch . » Ein Künstler kann das , muß das können . Er muß es verstehen , die rohe Wirklichkeit zu veredeln und zum Ideale zu erheben . Aber du scheinst mir sehr wenig Lust dazu zu haben ! Ich will nicht hoffen , daß du im Ernste beabsichtigst , statt einer unschuldsvollen Hirtin das Banditengesicht dieses Adrian Tuchner für eines deiner Bilder zu benutzen , sonst würde ich – « Er hielt erschrocken inne und prallte drei Schritte zurück , denn er sah urplötzlich das » Banditengesicht « unmittelbar vor sich . Es war Adrian selbst , der vor ihm stand und scharf fragte : » Was soll ' s , Herr Bürgermeister ? « » Oh nichts , « beeilte sich dieser zu versichern , » durchaus nichts , lieber Tuchner ! Ich rief Sie nicht . « » Ich hörte nur meinen Namen , « sagte Adrian , » und da wollte ich mich doch melden . Wenn Sie etwas von mir wollen , – da bin ich ! « Seine Augen , die halb verächtlich und halb drohend auf dem kleinen Mann ruhten , verrieten , daß er die Äußerung gehört hatte . Das schien auch dem Bürgermeister klar zu werden , denn er retirierte schleunigst hinter Siegbert , den er als Schutzwehr gegen etwaige Angriffe des Gefürchteten betrachtete . Das erwartete Attentat unterblieb aber für diesmal , denn gerade jetzt erschienen die Musikanten , von einer jubelnden Kinderschar begleitet , und ihnen folgte die ganze Menge der Tanzlustigen . Während sie sich ihren Weg durch die Menge bahnten , gab es ein allgemeines Drängen und Stoßen , und dabei wurde Siegbert von den Seinigen getrennt . Als der Zug vorüber war , war auch der Herr Bürgermeister mit Frau und Tochter verschwunden , wahrscheinlich hatten sie sich dem Strome angeschlossen , der nach dem Wirtshause zog . Siegbert gab sich nun allerdings keine besondere Mühe , die Verlorenen wieder aufzufinden . Er atmete unwillkürlich auf , als er sich allein sah , und wandte sich zu Adrian , der an seiner Seite geblieben war und ietzt forschend sagte : » Sie müssen es wohl büßen bei dem Herrn Vater , daß Sie mich gezeichnet haben ? Wenn ich Ihnen zur Last bin , so sagen Sie es nur frei heraus , Herr Siegbert . Ich gehe schon ! « » Nein « , entgegnete der junge Mann rasch , denn er fühlte die Bitterkeit in diesen Worten . » Ich freue mich , Sie zu treffen , ich wollte Ihnen ohnehin meinen Glückwunsch sagen . Wir hörten es schon vorhin , daß Sie den Preis bei dem heutigen Schießen davongetragen haben und der unbestrittene Sieger geblieben sind . « Adrian warf mit der ihm eignen trotzigen Bewegung den Kopf zurück . » Ja , ich denke , ich habe es den anderen gezeigt , daß der Tuchner sie allesamt meistert , wenn es aufs Treffen ankommt ! « Es sprach wohl Genugtuung aus diesen Worten , aber doch nichts von dem freudigen Stolze des jungen Schützen , der im Wettkampfe mit so vielen anderen Sieger geblieben ist . Auch Adrians Gesicht war nicht heller als sonst , es ruhte der alte , finstere Ausdruck darauf , und es waren auch keine Freunde und Genossen bei ihm , die ihm den Sieg mitfeiern halfen . Die anderen Schützen zogen jetzt in einzelnen Gruppen nach dem Wirtshause , um dort den Tag fröhlich zu beschließen . Tuchner hatte sich abgesondert , er schien ganz allein zu sein . Er stand mit dem jungen Maler mitten unter der Menge , die sich gerade hier vor einer Schaubude zusammendrängte , aber schon nach wenigen Minuten war der Raum um die beiden weiter geworden . Die Zunächststehenden traten zufällig oder absichtlich zurück . Man machte ihnen offenbar Platz . Siegbert nahm das als eine Höflichkeit , die man ihm in seiner Eigenschaft als Fremder zuteil werden ließ , und machte eine scherzhafte Bemerkung darüber . Adrian erwiderte keine Silbe , aber er schoß einen seltsamen Blick auf die höflichen Leute . Sie gingen langsam weiter und gelangten auf den Kirchplatz , der jetzt den Mittelpunkt des ganzen festlichen Treibens bildete . Aus den Fenstern des Wirtshauses , das der Kirche gegenüber lag , erklangen schon die Tanzweisen , und auf dem Platze selbst saß und stand alles in bunten Gruppen durcheinander . Man begrüßte die Bekannten , man schwatzte und trank miteinander , überall gab es Händeschütteln , Zurufe und Gelächter , und die Abendsonne schien golden herab auf all dies laute und lustige Leben . Auch Siegbert wurde davon so angezogen , daß er es anfangs gar nicht bemerkte , daß sein Begleiter fast ebenso fremd und einsam durch das Gewühl ging , wie er selbst . Adrian war doch allen bekannt , er hatte die Ehren des heutigen Tages davongetragen , aber niemand schien sich dessen zu erinnern . Er wechselte wohl hin und wieder mit einigen einen Gruß und ein paar Worte , man gab ihm auch Rede und Antwort , aber keine Hand streckte sich ihm entgegen , kein Zuruf begrüßte ihn , niemand lud ihn zum Niedersetzen ein . Dagegen wiederholte sich jenes seltsame Ausweichen und Zurücktreten fast in jeder Gruppe , der sie sich näherten , wiederholte sich mit solcher Regelmäßigkeit , daß man es unmöglich mehr für einen bloßen Zufall ansehen konnte . Adrian schien das freilich nicht zu bemerken oder sich wenigstens nicht darum zu kümmern . Seine Haltung war herausfordernder als je , und er blickte mit unverhohlener Verachtung auf die Menge . Dabei war er offenbar stolz darauf , so vertraulich neben dem fremden Herrn hergehen zu dürfen , dem er nicht von der Seite wich . Er hatte mit vollem Eifer die Führerrolle übernommen und sprach , ganz gegen seine sonstige Gewohnheit , viel und lebhaft ; aber es waren nur bittere , höhnische Bemerkungen , die von seinen Lippen fielen . » Sie scheinen ja hier mit aller Welt im Kriege zu leben , « sagte Siegbert . » Was hat man denn gegen Sie ? Haben Sie die Leute beleidigt oder gönnt man Ihnen den heutigen Sieg nicht ? « » Kann schon sein ! « entgegnete Adrian kalt . » Ich habe nicht viel Freunde unter meinesgleichen . Ich habe nie viel nach ihnen gefragt , jetzt fragen sie auch nichts nach mir , und das ist am Ende das Beste . « » Aber , Adrian – « begann der junge Maler in vorwurfsvollem Tone , doch in diesem Augenblicke ertönte eine bekannte Stimme : » Siegbert ! Da ist er ja ! « und gleich darauf tauchte Professor Bertold auf und bemächtigte sich seines Schülers . Siebentes Kapitel . » Wo hast du denn gesteckt ? Soeben zog ganz Wiesenheim hier vorüber , in voller Verzweiflung darüber , daß ihm der teure Sohn und Familiensklave abhanden gekommen sei . Aber der Herr Bürgermeister ist ein höflicher Mann , das muß man ihm lassen . Ich habe heute morgen meinen ganzen , Gott sei Dank , ziemlich reichlichen Vorrat von Grobheit über ihn ergossen und war nun seiner bittersten Feindschaft gewärtig . Statt dessen grüßt er mich ganz freundschaftlich und fragt , ob ich dich nicht gesehen habe . « » Sie suchen mich ? « fragte Siegbert unruhig . » Da will ich doch lieber – « » Nichts da , du bleibst ! « fiel der Professor ein , ihn am Arme festhaltend . » Es kann gar nicht schaden , wenn du dir so nach und nach das Durchgehen angewöhnst , denn mit einem Male bringst du es doch nicht fertig . Aber , wen hast du denn da bei dir ? Das ist ja – « er unterdrückte zum Glück noch die Fortsetzung , mit der er die Kenntnis jener Zeichnung und die Unterschlagung des Skizzenbuches verraten hätte . Siegbert nannte den Namen seines Begleiters , und der Blick des Professors hing mit unverkennbarem Interesse an dem jungen Gebirgssohne , der in seiner kraftvollen Eigenart ganz dazu geschaffen war , ein Künstlerauge auf sich zu ziehen . Adrian war nicht unempfindlich gegen dieses so deutlich kundgegebene Interesse . Er gab freundlicher , als es sonst seine Art war , Antwort auf die Fragen und Bemerkungen des Professors und schloß sich den beiden Herren an , die sich jetzt nach dem Wirtshause wandten . » Gut , daß ich dich treffe , « sagte Bertold , der seinen Schüler unausgesetzt festhielt , als wolle er einen etwaigen Fluchtversuch hindern . » Ich habe für übermorgen mit Sir Conway einen Ausflug auf die Egidienwand verabredet , wenn das Wetter günstig ist . Du gehst natürlich mit . « Der junge Maler schien dies durchaus nicht so natürlich zu finden , der Name Sir Conways verdarb ihm das Vergnügen an der beabsichtigten Partie . Er wollte eine Einwendung erheben , aber der Professor schnitt ihm ohne weiteres das Wort ab . » Du gehst mit , sage ich dir ! Die Partie soll sehr lohnend sein , und wie ich höre , kann unsere Dame ohne alle Schwierigkeit bis zu der Alm reiten . « Siegbert hob mit einer jähen Bewegung den Kopf , und seine Augen richteten sich in höchster Spannung auf das Gesicht des Sprechenden . » Eine Dame ? « » Alexandrine von Landeck – du kennst sie ja wohl ? « warf der Professor mit gleichgültiger Miene hin . » Jawohl – ich kenne sie ! « sagte Siegbert leise . » Sie begleitet uns allerdings nur bis zu der Alm , wo die Aussicht schon umfassend genug sein soll , und bleibt dort zurück . Der Weg auf die eigentliche Wand ist allzu schwierig und nur für geübte Bergsteiger gangbar . Der Präsident will nicht zugeben , daß seine Tochter sich einer möglichen Gefahr aussetzt . « Es vergingen einige Sekunden , dann sagte Siegbert , anscheinend ruhig , aber doch mit einem leisen Beben in der Stimme : » Ich bedaure , Herr Professor , Ihre freundliche Einladung ablehnen zu müssen . Ich bin kein Bergsteiger und würde Ihnen auf der Tour nur hinderlich sein . « Bertold nahm nicht die mindeste Notiz von dieser Weigerung . » Du hörst es ja , daß ein ganz bequemer Reitweg bis zu der Alm führt . Auf die Wand werden wir dich allerdings nicht mitnehmen , das ist nichts fhr dich . Du kannst inzwischen Fräulein von Landeck Gesellschaft leisten . Ihr könnt da oben gemeinschaftlich eure Skizzenbücher bereichern . « » Es ist mir aber wirklich nicht möglich ; « in dem Tone des jungen Mannes lag ein beinahe angstvolles Abwehren . » Ich habe für morgen bereits eine Verabredung mit meinem Pflegevater getroffen , ich – « » Du gehst mit , mein Junge ! « sagte der Professor mit einer Art von gemütlicher Tyrannei , » und der Herr Bürgermeister bleibt unten . Gib dir keine Mühe weiter mit deinen Einwendungen , sie helfen dir nichts . Übermorgen früh , Punkt fünf Uhr , bist du zur Stelle , und wenn du dir etwa einfallen lassen solltest , zu fehlen , so breche ich in dein Zimmer und hole dich mit Gewalt heraus . Merke dir das ! « In dem Gesichte des jungen Mannes malte sich eine peinliche Empfindung . Er kannte seinen ehemaligen Lehrer hinreichend und wußte , daß dieser imstande war , seine Drohung wahr zu machen . Anderseits tat ihm die so lange entbehrte alte Vertraulichkeit viel zu wohl , als daß er sie durch eine bestimmte Weigerung hätte verscherzen mögen . Er schwieg also vorläufig , zur großen Befriedigung des Professors , der das für unbedingte Fügsamkeit nahm . Achtes Kapitel . Vor der Türe des Wirtshauses stand Sir Conway und blickte sehr kalt und vornehm auf das frohe , aber etwas lärmende Treiben ringsum . Er hatte bei seinem Erscheinen hier überhaupt nur dem Wunsche des Professors nachgegeben , in dessen Begleitung er sich befand , teilte aber durchaus nicht dessen Geschmack , sich stundenlang unter den Bauern zu bewegen . Wo der Künstler sich mit vollem Interesse und heiterer Unbefangenheit den Eindrücken des Festes hingab , sah sein Gefährte nur eine lärmende , untergeordnete und gänzlich uninteressante Menge , die sehr wenig Rücksicht auf die Anwesenheit vornehmer Gäste nahm und diese gelegentlich ebenso drängte und schob wie jeden anderen . Für den Augenblick jedoch hatte sich Sir Conway zu einem Gespräche herabgelassen . Der Wirt des Gasthauses , dem der vornehme Engländer wohl bekannt war , stand mit abgezogener Mütze vor ihm und gab diensteifrig irgendeine Auskunft . Der Gegenstand schien aber auch für Landleute von Interesse zu sein , denn die Nächststehenden hatten einen Kreis um die beiden geschlossen und hörten mit allen Zeichen von Aufmerksamkeit und Neugier zu . » Es geht nicht , Mylord ! « sagte der Wirt , für den jeder reisende Engländer mindestens ein Lord war , in bedauerndem Tone . » Das bringt keiner fertig . Ich habe überall herumgefragt , wie Sie es mir auftrugen , aber da hinauf wagt sich niemand . « Sir Conway schien diese Auskunft nicht erwartet zu haben , er sah sehr unmutig aus , als der Professor mit Siegbert in den Kreis trat und in heiterem Tone sagte : » Entschuldigen Sie , daß ich Ihnen so ohne weiteres davonlief , aber ich entdeckte in der Menge diesen meinen ehemaligen Schüler , dessen ich mich schleunigst versichern wollte . Herr Siegbert Holm und – ah , die Herren kennen sich bereits , wie ich sehe ! « Die Herren kannten sich allerdings , aber sie grüßten sich sehr kalt und gemessen . Sir Conway hatte augenscheinlich die Verweigerung der Skizze nicht vergessen , und Siegbert hielt an seiner Antipathie gegen den Engländer fest . Dieser nahm übrigens kaum Notiz von ihm , sondern wandte sich nach einer kurzen Bemerkung gegen den Professor wieder zu dem Wirte . » Haben Sie den Leuten die Summe genannt , die ich bereit bin zu zahlen , wenn das Tier mir lebend gebracht wird ? « » Das tat ich , Mylord , aber wie ich schon sagte , es findet sich keiner dazu . « » Wovon ist denn die Rede ? « fragte Professor Bertold , der jetzt auf die Verhandlung aufmerksam wurde . Sir Conway zuckte halb verächtlich die Achseln . » Es handelt sich darum , das Adlernest an der Egidienwand auszunehmen . Ich habe einen hohen Preis dafür geboten , trotzdem will niemand das Wagestück unternehmen . « » Das wundert mich ! « meinte der Professor . » Die Leute wagen doch oft genug ihr Leben auf der Jagd oder beim Holzfällen um einer Kleinigkeit willen , und hier verdienen sie in einem Tage so viel , wie sonst mit jahrelanger Arbeit . « » Verdienen möchte es schon ein jeder , « sagte der Wirt bedächtig , » aber es bringt ' s eben keiner zustande . Dem Ding ist nicht beizukommen . Da steht der Wendlin , der seit vierzig Jahren in den Bergen zu Hause ist und jeden Schritt auf der Egidienwand kennt ! Der soll ' s Ihnen sagen , ob der Adler zu nehmen ist . « Der genannte , ein alter , aber noch rüstiger Mann mit einem verwitterten Gesicht und grauen Haaren , trat jetzt aus der Reihe der Umstehenden hervor . » Nein , Herr , der ist nicht zu nehmen , « sagte er entschieden . » An der Stelle nicht , sonst war ' s schon längst geschehen ! Das Nest ist gerade mitten an der Wand , an den nackten Schroffen . Von unten kann man nicht heran , da ist die Egidienschlucht mit dem Wildwasser , und da geht ' s senkrecht in die Höhe . Von oben geht ' s auch nicht , in dem Gestein ist Kluft an Kluft . Ich möchte den sehen , der sich da hinunterwagte und der wieder aufwärts käme , ohne den Hals gebrochen zu haben . « » Der Beschreibung nach scheint das allerdings eine Art von Heldenstück zu sein , « äußerte der Professor zu Siegbert gewandt . » Ich möchte es nicht probieren , aber das wäre vielleicht etwas für deinen Freunds Adrian Tuchner . Der Bursche sieht mir gerade aus , als wäre er imstande , selbst das Unmögliche zu erzwingen . Wenn irgendeiner , so bringt es der zustande . Wir sollten ihm die Sache einmal vorschlagen . « Er hatte den Vorschlag nur im Scherz hingeworfen , er wurde aber ernst genommen . Es war , als sei mit dem Namen irgend etwas Unheilvolles ausgesprochen , denn es ging eine eigentümliche Bewegung durch den Kreis , und das Gesicht des alten Wendlin verfinsterte sich auffallend . » Adrian Tuchner ? « wiederholte er ; » den lassen Sie nur aus dem Spiel , Herr ! Der geht sicher nicht auf die Egidienwand , und wenn Sie ihm beide Hände voll Gold bieten ! « » Warum nicht ? « fragte urplötzlich Adrian . Aller Augen wandten sich auf ihn ; er stand nur wenige Schritte entfernt , wo er offenbar die ganze Verhandlung mit angehört hatte , und trat jetzt langsam mitten in den Kreis , der sich augenblicklich um das Dreifache vergrößerte . Auch die Fernstehenden drängten heran , die Sache schien ein ganz anderes , erhöhtes Interesse zu gewinnen , sobald Tuchner sich daran beteiligte . » Warum soll ich nicht auf die Egidienwand gehen ? « fragte er noch einmal ; die Stimme klang anscheinend ruhig , aber die Wetterwolke auf seiner Stirn und das drohende Aufblitzen seiner Augen verhießen nichts Gutes . Es folgte ein allgemeines Stillschweigen , niemand schien Lust zu der Antwort zu haben , sogar der Wirt trat etwas zaghaft zur Seite , nur der alte Wendlin hielt unerschrocken stand . » Nun , ich denk ' es mir so , « entgegnete er . » Du bist ja seit zwei Jahren nicht droben gewesen und gehst wohl auch nimmer hinauf . « » Hat mir einer vorzuschreiben , wo ich hingehen soll ? « sagte Adrian in dumpfem , gepreßtem Tone . » Ich dächte , das wär ' meine Sache ! « » Ich schreib ' dir nichts vor , « versetzte dieser gelassen . » Aber recht habe ich doch . Probier ' es doch und tu ' , was der fremde Herr verlangt ! Du bringst es vielleicht allein zustande von uns allen , hast ja schon öfter solche Stückchen ausgeführt . Aber diesmal wirst du es wohl bleiben lassen , – du weißt selbst am besten , warum . « » Wendlin , jetzt ist ' s genug ! « fuhr Adrian wütend auf . » Wahre deine Zunge , sag ' ich dir . Du schweigst jetzt oder – « er vollendete nicht , aber der Ausdruck seines Gesichtes war so unheilverkündend , daß der Alte zurückwich . Jetzt aber gab sich unter den Umstehenden ein drohendes Murren kund , einzelne Worte und Rufe wurden laut , die stumme , scheue Zurückhaltung , die man bisher gezeigt , schien in offene Feindseligkeit ausbrechen zu wollen , aber gerade das brachte Adrian auf das Äußerste . » Ich habe genug , sag ' ich euch noch einmal ! « rief er , wild mit dem Fuße stampfend . » Ich habe das ewige Gered ' und Gehöhne satt . Wer was von mir will , der sag ' es mir gerade ins Gesicht . Hier steh ' ich und werde ihm Antwort geben – aber er mag sich wahren ! « Er stand da , als sei er bereit , mit aller Welt den Kampf aufzunehmen , die mächtige Gestalt zu ihrer vollen Höhe aufgerichtet , den Arm drohend erhoben , und seine Augen schweiften flammend umher , als wollten sie sich den Gegner suchen . Es lag bei alledem etwas Überwältigendes in diesem Trotze , mit dem ein einzelner der ganzen um ihn versammelten Menge die Spitze bot , und das verfehlte auch nicht seinen Eindruck . Niemand wagte es , die Herausforderung anzunehmen , das Murren verstummte , während die drei Fremden in höchster Betroffenheit auf die Szene blickten , die sie sich nicht erklären konnten . » Was bedeutet denn dies alles , Adrian ? « fragte Siegbert endlich , indem er an ihn herantrat . » Was wollen die Leute mit all diesen Winken und Andeutungen sagen ? Geben Sie uns Auskunft darüber . « Adrian ließ den erhobenen Arm sinken . Er streifte mit einem langen Blick das Antlitz des jungen Mannes , der angstvoll fragend zu ihm aufsah , und seine Stimme milderte sich unwillkürlich , als er erwiderte : » Sie werden es schon hören , Herr Siegbert , man wird es Ihnen schon zutragen , sobald ich den Rücken wende . Meinetwegen ! Kommen muß es ja doch einmal . Aber hier vor meinen Ohren soll ' s keiner sagen , oder ich mache ihn stumm ! « Er wandte sich zum Gehen , wurde aber von Sir Conway zurückgehalten . Dieser hatte zwar gleichfalls mit Befremden zugehört , aber ihm fehlte jedes Interesse für diese Streitigkeiten der Bauern und Jäger ; er nahm sich nicht die Mühe darüber nachzudenken dagegen war es ihm klar geworden , daß gerade in diesem Streit das beste Mittel zur Erfüllung seines Lieblingswunsches lag , an dem er mit echt englischer Hartnäckigkeit festhielt , und daß dieser Tuchner der geeignete Mann dazu war . » Bleiben Sie noch einen Augenblick , « sagte er so ruhig , als habe die erregte Szene gar nicht stattgefunden . » Man scheint Ihnen hier das Wagestück nicht zuzutrauen . Ich traue es Ihnen zu . Wollen Sie mir den Adler herunterholen von der Egidienwand ? « » Ich ? « fragte Adrian , wie mit einem unwillkürlichen Zurückzucken . » Gewiß ! Ich verdopple mein Gebot , wenn Sie mir das Tier lebend herbeischaffen . « Es vergingen einige Sekunden , ohne daß Adrian antwortete . Er stand regungslos da , das Auge an den Boden geleftet . Sein tiefgebräuntes Gesicht hatte eine eigentümlich fahle Farbe angenommen , aber keine Muskel zuckte darin , es blieb eisern und unbeweglich ; trotzdem kam kein Laut über seine Lippen . » Also Sie wagen es auch nicht ! « sagte Sir Conway spöttisch . Jetzt sah Adrian auf , und ein finsterer Blick traf den Sprechenden . Dann gingen seine Augen langsam in dem ganzen Kreise umher . Er sah , daß alles mit atemloser Spannung an seinem Munde hing , daß ein jeder seine Weigerung erwartete , und , sich plötzlich aufrichtend , sagte er kalt und fest : » Ich will ' s tun ! « Wieder ging es wie eine Bewegung durch die Reihen der Umstehenden , aber diesmal war es offenbar Überraschung . Niemand schien diesen Entschluß erwartet zu haben . Der Engländer dagegen nickte sehr befriedigt .