, eine Frau von nicht mehr jugendlicher , aber noch immer ernster Schönheit . » Ja , mein Sohn « , rief sie und schlang leidenschaftlich beide Arme um seinen Nacken , » wohl haben wir uns geliebt , ich und dein Vater ; aber dich lieb ich mehr , als Mann und Weib sich lieben können ; was kümmern mich alle andern Menschen außer dir ! « Stumm , erschüttert hielt der Sohn die Mutter an seiner Brust ; an dem Zucken ihres Leibes fühlte er , wie die starke Frau sich selbst zur Ruhe kämpfte . Aber unter den zärtlichen Worten , die sein Herz ihn sprechen ließ , verkannte er gleichwohl nicht , daß diese Leidenschaft , wo sie ihn bedroht wähne , in jedem Augenblick bereit sei , sich feindselig gegen alle Welt , ja gegen des eignen Sohnes Weib zu kehren . Mit dem Scharfsinn seiner jugendlichen Liebe las er in der Seele der erregten Frau ; und ehe beide voneinander schieden , hatte die Mutter , wenn auch widerstrebend , ihm nun ihrerseits geloben müssen , an der Vergangenheit ohne sein Zutun nicht zu rühren . Nur darin traf ihr Wunsch mit einem bereits von ihm gefaßten Entschluß überein : er wollte sich Beruhigung oder wie er still bei sich hinzufügte – doch Entscheidung über seinen Zustand bei dem Arzte holen , unter dessen Fürsorge er jene Monate des vergangenen Jahres zugebracht hatte ; wenn er noch einmal eine Nachtfahrt daransetzte , so wer ihm , bei der unerwartet raschen Erledigung des Geschäftes , die Zeit noch zur Verfügung . – – Und etwa zehn Stunden später saß er dem Genannten , einem kräftigen Manne in mittleren Jahren , gegenüber ; die heiteren , etwas schelmischen Augen des Arztes ruhten auf dem Antlitz seines früheren Patienten , während dieser , der dem vertrauengebenden Wesen desselben seine damalige rasche Genesung zu verdanken glaubte , ihm dies in warmen Worten aussprach . » Aber was treiben Sie denn , Herr von Schlitz « , unterbrach ihn jener , » Sie sollten wohler aussehen ! Sie sind von uns als völlig – wohlverstanden , als völlig geheilt entlassen worden . « Die Frage , um deren willen Rudolf seine Reise hieher verlängert hatte , war somit schon zum größten Teil und auf das unverfänglichste beantwortet ; nun galt es nur noch seinerseits eine unverhaltene Auskunft über späteres Erlebnis ; und nach kurzem Widerstreben überwand er sich : sein Geheimnis war hier keines , nun bekannte er auch seine Schuld . Ein leichtes Stirnrunzeln überflog das Angesicht des älteren Mannes . » Nein , nein « , sagte er gleich darauf , da Rudolf stockte , » sprechen Sie nur ; ich klage Sie nicht an ! « Und der Jüngere fuhr fort und verschwieg ihm nichts . » Mitunter « – so schloß er seine Beichte – , » aber nur in kurzen Augenblicken , ist es mir , als ob der dunkle Vorhang aufweht , und dahinter , wie zu meinen Füßen , sehe ich dann das Leben gleich einer heiteren Landschaft ausgebreitet ; aber ich weiß doch , daß ich nicht hinunter kann . « Wieder ruhte der sinnende Blick des Arztes auf des jungen Mannes Antlitz . » Nicht wahr « , sagte er dann , » aber es ist mehr der anteilnehmende erfahrene Mann als der Arzt , der diese Frage an Sie tut – Sie haben eine gesunde und eine Frau von heiterem Gemüte ? « Rudolfs Augen leuchteten , und in seinen Armen zuckte es , als müsse er sich zwingen , sie nicht nach seinem fernen Weibe auszustrecken . » Sie sollten sie nur sehen ! « rief er . » Nein , nur ihre Stimme brauchten Sie zu hören ! « Der Arzt lächelte . » Dann « , sagte er , » wenn dem so ist « , und er betonte jedes Wort , als ob er auf schwerwiegende Gründe eine Entscheidung baue , » dann – reden Sie ; und Sie werden nicht allein in jenes heitere Land hinunterschreiten ! « Rudolf war fast erschrocken , als dieselbe Forderung , die er noch kurz zuvor der Mutter gegenüber so schroff zurückgewiesen hatte , ihm nun auch hier entgegenkam . Aber sie reizte ihn hier nicht zum Widerspruche ; die ruhigen Worte , in denen jetzt der teilnehmende Mann ihm zusprach , mochten kaum anderes enthalten , als was er von seiner Mutter auch schon wiederholt gehört hatte ; dennoch war ihm , als ob seine Gedanken sich allmählich von einem Banne lösten , der sie stets um einen Punkt getrieben hatte . Allein hatte er seinen Weg in Nacht und Schrecken wandern wollen ! Aber – und seine Brust hob sich in einem starken Atemzuge – es gab ja kein » Allein « für ihn , er selber hatte ja gesagt , sie seien aneinander festgeschmiedet , er konnte nicht in der Finsternis und sie im Lichte gehen ; er begriff nicht , daß er das nicht längst begriffen hatte . Entschlossen reichte er dem Arzt die Hand hinüber . » Ich danke Ihnen « , sagte er , » ich werde reden . « » Und Sie werden recht tun . « – Dann schieden sie . Heiter , voll froher Zukunftsbilder , fuhr Rudolf seiner Heimat zu ; bei hellem Mittag , in einer unablässig schwatzenden Reisegesellschaft , erquickte ihn ein langer Schlaf ; als er unweit seines Zieles dann erwachte , konnte er kaum erwarten , vor Anna hinzutreten und Schuld und Reue vor ihr auszuschütten ; er sah schon , wie sie weinen , wie sie dann aus ihren Tränen sich erheben und , ihm mutig zulächelnd , ihre kleine feste Hand in die seine legen würde ; ja , Anna , die Schöne , Gute , sie hatte ja auch ein festes Herz ! Er hatte nicht bedacht , daß er während seiner Ehe zum ersten Mal so lange fern gewesen war . Als er von der letzten Bahnstation den Richtweg durch den Wald dahinschritt , da klopfte sein Herz doch nur nach seinem Weibe ; und als er , auf die Wiese hinaustretend , sie dann im Abendschatten auf der Schwelle seines Hauses stehen sah , sie selber leuchtend in Jugend und Liebe , die Arme ihm entgegenstreckend , aber doch wie festgebannt , als müsse sie hier ihr Glück empfangen , da stieg es nur wie ein Gebet aus seiner Brust , daß auch nicht eines Sandkorns Fall den Zauber dieser Stunde stören möge . Morgen ! Sie waren ja morgen auch beisammen . Und es wurde morgen , und der helle Tag , der unerbittlich zu Pflicht und Arbeit fordert , schien in alle Fenster des Försterhauses . Rudolf hatte in seinem an der Rückseite belegenen Zimmer die in seiner Abwesenheit eingegangenen Geschäftssachen eingesehen und trat jetzt in die gemeinsame Wohnstube , wo Frau Anna den Morgenkaffee für ihn warm gehalten hatte . Nur ein Händedruck wurde gewechselt ; dann nahm er schweigend die Tasse , welche sie ihm reichte , und Anna , die ihr Frühmahl schon beendet hatte , zog ihren Stuhl zu ihm heran und strickte weiter an einem Unterjäckchen , das noch vor der rauhen Jahreszeit zu dem gebrechlichen Brüderlein ins elterliche Pfarrhaus wandern sollte . Ihrer Augen bedurfte diese Arbeit nicht ; die ruhten auf ihres Mannes Antlitz : er sah viel besser aus , als da er fortgegangen war ; auf seiner Stirn und über den Augenlidern , die sich mitunter hoben und dann sinnend wieder senkten , lag etwas wie eine frohe Zuversicht ; gewiß , während er so schweigend neben ihr sein Mahl verzehrte , überdachte er die gute Botschaft , die er noch am selben Vormittag dem Grafen überbringen mußte . Aber Frau Anna irrte ; das Schweigen ihres Mannes galt ihr selber : es war das Bekenntnis seiner Schuld , wofür sein Herz die Worte suchte , und was von seiner Stirne leuchtete , das war der Abglanz jener wolkenlosen Landschaft , in die er heute noch mit ihr hinabzuschreiten dachte . Da , bevor zwischen beiden noch ein Wort gesprochen worden , pochte es an die Stubentür , und Rudolf fuhr aus seinem Sinnen auf . Es war nur der alte Waldwärter Andrees , der ins Zimmer trat , um über dies und jenes zu berichten ; aber mit ihm war etwas anderes unsichtbar hereingekommen , was wir Zufall zu nen nen pflegen , was auf den Gassen der Wind vor unsere Füße oder durchs offene Fenster in das Innere unseres Hauses weht . Rudolf hatte die verschiedenen kleinen Mitteilungen entgegengenommen und hie und da ein zustimmendes oder anweisendes Wort dazu gegeben . » Ist sonst noch etwas , Andrees ? « frug er , als dieser mit seinem Bericht zu Ende schien . – » Sonst nichts , Herr Förster ; nur daß der Holzschläger Peters aus der Anstalt wieder da ist . « » Woher ? Welcher Peters ? « frug Rudolf hastig . » Es war vor des Herrn Försters Zeit « , erwiderte Andrees . » Er hatte sich eingebildet , als einziger Sohn von den Soldaten freizukommen und dann drunten mit des reichen Seebauern Tochter Hochzeit zu machen ; als aber auf beidem eine Eule gesessen hatte , da wurde er wirrig und mußte in die Anstalt . « Anna hatte zu stricken aufgehört ; einen losen Sticken an die Lippen drückend , horchte sie aufmerksam dieser Erzählung . » Der arme Mensch « , sagte sie mitleidig » ist er denn jetzt wieder ganz gesund ? « » Muß doch wohl , Frau Förstern « , meinte Andrees » sogar ' ne Frau hat er sich mitgebracht ; freilich , keine reiche : es ist eine Wärterin aus der Anstalt , die sich in den jungen Kerl verliebt hatte . « Ein Ton wie ein Schreckenslaut entfuhr den Lippen der jungen Frau : » Mein Gott , welch ein Wagstück ! Wenn es wiederkäme ! « » Soll wohl sein können « , erwiderte Andrees ; » aber das Weibsbild hat sich dann doch selber nur betrogen ; sie muß ja wissen , wen sie sich gekauft hat . « Anna starrte schweigend vor sich hin , als ob ihre Phantasie die schreckensvolle Möglichkeit verfolge ; sie achtete kaum darauf , als Rudolf , der während dieses Gespräches keinen Laut von sich gegeben hatte , jetzt mit abgewandtem Antlitz fast schwankend sich erhob und , das Beben seiner Stimme mühsam nur beherrschend , zu dem Waldwärter sagte : » Kommen Sie nach meinem Zimmer , Andrees ; es sind noch Postsachen für Sie mitzunehmen . « Als sie aber dahin gekommen waren , meinte Rudolf , er müsse bis zum Abend warten , es komme doch noch einiges dazu . Wer nach dem Fortgange des Waldwärters hier unbemerkt hätte hineinblicken können , der hätte den jungen Förster in der Mitte des Zimmers gleich einem düsteren Bilde stehen sehn ; mit untergeschlagenen Armen , das auf die Brust gesunkene Haupt von den schweren Atemzügen kaum bewegt . Nur einzelne karge Worte : » Schweigen ! « und wieder » Schweigen- um jeden Preis und bis ans Ende ! « wurden dann und wann von seinen Lippen laut . Endlich , als dann die Wanduhr über seinem Schreibtisch mit lautem Schlage aushob , fuhr durch diesen einzigen Gedanken ihm ein anderer : er schüttelte sich , und nachdem er mit schweren Schritten ein paarmal auf und ab gegangen war , nahm er einige Papiere aus einem Schubfach ; es war hohe Zeit , er mußte ja zum Grafen und den glücklichen Bericht erstatten . – – Es ging schon gegen Mittag , als die junge Frau aus dem Küchenfenster , hinter welchem sie beschäftigt war , ihren Mann auf dem hier vorüberführenden Wege heimkehren sah und bald danach ihn auf dem Hausflur und nach seinem Zimmer gehen hörte . Unwillkürlich ruhten ihre emsigen Hände : Rudolf pflegte sonst nach solchem Gange » zur Herzerfrischung « , wie er sagte , sie für eine Weile aufzusuchen , sich ein paar Worte oder auch nur einen Händedruck von ihr zu holen ; und jetzt kam es ihr plötzlich , daß er auch vorhin so jäh und ohne beides von ihr fortgegangen sei . Noch einige Minuten stand sie horchend , ob nicht die eben geschlossene Tür sich wieder öffnen möge ; dann legte sie die Geschirre , die sie in der Hand hielt , fort und ging nach Rudolfs Zimmer . Es schien völlig still da drinnen ; als sie die Tür öffnete , fand sie ihn mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch sitzen . Sie setzte sich an seine Seite und nahm seine Hand , die er ihr schweigend überließ ; erst als sie den Druck derselben in der ihren fühlte , sprach sie leise : » Was war ' s denn , Rudolf ? Warum gingst du mir vorüber ? Brauchst du heute keine Herzerfrischung , oder mißtrauest du schon meiner armen Allmacht ? « Dem Drängen dieser liebevollen Stimme widerstand er nicht ; ihm war ja auch nichts Übles widerfahren ; im Gegenteil , sein Bericht hatte den Grafen in die wohlwollendste Laune versetzt ; er hatte von dem notwendigen Abgange des altersschwachen Oberförsters gesprochen : schon jetzt werde Rudolf die Geschäfte und , sobald die Pensionsverhältnisse des Abgehenden geordnet wären , auch dessen höhere Stelle endgültig übernehmen müssen . Ein Laut freudiger Überraschung entfuhr bei dieser Mitteilung dem Munde der jungen Frau . » Wie schön ! « rief sie , stolz zu ihrem Mann emporblickend ; » und dies Vertrauen , das du dir so bald erworben hast ! « Rudolf drückte den blonden Kopf seines Weibes gegen seine Brust , nur damit die glücklichen Augen nicht in seinem Antlitz forschten ; denn – wie sollte er nun das Weitere sagen ? Schon seine bisherigen Pflichten lagen seit dieser Morgenstunde wie eine Angst ihm auf dem Herzen ; bei dem Vorschlage des Grafen hatte es wie ein unübersteiglicher Berg sich vor ihm aufgetürmt ; und statt eines freudigen Dankes hatte er nur zu einem Versuch bescheidenen Abwehrens sich ermannen können . Aber dieser Versuch war vergeblich gewesen ; der Graf hatte nur gelächelt : » Mein junger Freund , nicht nur l ' appétit vient en mangeant ; es geht auch in andern Dingen so ; ich selber habe nicht gewußt , was ich zu leisten vermochte , bis ich gezwungen wurde , es zu wissen . « Auf seine verwirrte Erwiderung : » Exzellenz ehren mich zu sehr mit einem solchen Vergleiche « , war ihm dann nur geantwortet : » Nun , nun , Herr Förster , ein jeder in seinem Kreise ! Ich werde Sie denn doch vor solche Probe stellen müssen . « Während dieser Vorgang sich ihm peinlich in der Erinnerung wiederholte , hatte Anna sich aus seinen Armen losgewunden . » Du ! « rief sie , » wie lange willst du mich gefangenhalten ! « Dann stand sie aufgerichtet vor ihm : » Aber du bist nicht froh , Rudolf ; noch immer nicht ! Und ich dachte schon an einen Jubelbrief nach Hause . « Eine demütigende Scham überkam ihn , aber zugleich ein Drang , vor diesen klaren Augen zu bestehen . » Schreibe nur deinen Brief « , sagte er aufstehend ; » es wird zwar aller meiner Kraft bedürfen ; aber – ja , Anna , Dank , daß du gekommen bist . « Kurz darauf waren aus der Oberförsterei ein großer Aktenschrank und ganze Karren von Aktenbündeln angelangt und in Rudolfs Zimmer untergebracht ; auch eine Kammer für einen Schreibgehülfen hatte Anna einrichten müssen . Rudolf selber saß jetzt meistens in die Nacht hinein bei seiner Arbeit ; selbst am Sonntage , zum Kirchgang , riß er sich erst im letzten Augenblicke los ; ja , wenn Anna während des Gottesdienstes zu ihm aufblickte , glaubte sie eher arbeitende Gedanken als Andacht auf seinem Gesicht zu lesen . Im Hause über Tag sah sie ihn fast nur bei den Mahlzeiten , die er möglichst rasch beendete , und sosehr er oftmals einer Herzerfrischung zu bedürfen schien , er kam immer seltener , sie bei ihr zu suchen . So mußte sich die junge Frau denn wohl gestehen : was ihres Mannes Stirn umwölkte , war etwas andres , als was der wechselnde Tag zusammentreibt und wieder auseinanderweht . Aber aus welchen ihr unbekannten Abgründen war das aufgestiegen ? War es noch rückgebliebener Schatten jener Krankheit , die er bei dem Besuch im Elternhause kaum erst überstanden hatte , oder war dies sein eigenstes Wesen , das sich jetzt ihr offenbarte ? Zwar , die Last der Arbeit dauerte fort ; aber an der ausreichenden Kraft des geliebten Mannes auch nur entfernt zu zweifeln konnte ihr nicht einfallen ; tat das doch auch der Graf , der scharfblickende Menschenkenner , nicht . Sie konnte sich keine Antwort geben ; Rudolf selbst aber , wenn sie offen ihn befragte , schob alles auf die überkommene doppelte , ja dreifache Arbeit und vertröstete sie auf die Zeit , wenn erst die von dem kranken Vorgänger angehäuften Reste abgearbeitet sein würden . Ließ sie ungläubig dennoch nicht mit Bitten nach , dann sah sie Qual und Zärtlichkeit so bitterlich auf seinem Antlitz kämpfen , daß sie jäh verstummen mußte . So schwieg sie denn auch ferner und suchte nur , wo sie es immer konnte , ihm zu bringen , was er nicht mehr von ihr zu holen kam . Das Nachtarbeiten war allmählich zur Regel geworden ; aber Frau Anna ließ ihn nicht allein ; auch für sie gab es ja , wenn sie wollte , Arbeit genug . » Bei unseren neuen Amtsgeschäften « – so hatte sie der Mutter nach Haus geschrieben – » haben wir hier einen langen Tag ; schickt mir nur alle euere Winterwolle , denn alle kleinen Beine werde ich bestricken können . « Immer mehr fühlte Rudolf sich in einem dunklen Kreis gefangen . Auf einem Reviergange ließ er sich von dem alten Andrees den als Ehemann aus der Anstalt zurückgekehrten jungen Holzschläger zeigen : es war ein gesund ausschauender robuster Bursche ; nur in seinen Augen war noch etwas wie ein stumpfes Überhinsehen . Rudolf beobachtete ihn lange , wie er unter den andern die Axt mit seinen starken Armen schwang dann ging er fort , ohne ein Wort an ihn zu richten . Aber schon am folgenden Tage stand er , er wußte selbst nicht wie , an demselben Platze unter den Holzschlägern ; der Mensch hatte eine unheimliche Anziehungskraft für ihn gewonnen . Plötzlich wandte er sich ab ; es trieb ihn mit Gewalt nach Hause , er mußte und wenn auch nur einen Blick in die klaren Augen seines Weibes tun . Aber er brauchte nicht so weit zu gehen ; als er in den Fahrweg einbog , der durch den Wald führte , kam sie ihm entgegen . » Anna ! « rief er und schloß sie in seine Arme . » Ja , da bin ich , Rudolf ; so auf gut Glück bin ich dir nachgelaufen . « Und langsam erhob sie ihre Augen zu den seinen ; es war , als ob sie recht tief in ihnen lesen wollte . » Was hast du , Liebste ? « frug er . » Dich ! « erwiderte sie zärtlich . » Sonst nichts ? « » Doch ; noch einen Einfall ! « Und sie nickte lächelnd zu ihm auf . » Laß hören ! « sagte er zerstreut ; er war in ihren liebevollen Augen ganz verloren . » Ja , weißt du , Rudolf – aber du darfst mich nicht so ansehen , sonst hörst du doch nicht – , ich war im Schuppen , wo das Kabriolett steht ; es ist ja morgen Sonntag ; wollen wir nicht zu Bernhard fahren ? Auf unserer Hochzeit haben wir es ihm so fest versprochen ! Du mußt einmal hinaus , und auch ich möchte gern die kleine Julie wiedersehen ; ich glaube « , fügte sie lächelnd bei , » sie hat dich damals mir wohl nur so kaum gegönnt . « Rudolf blickte noch immer auf seine Frau , aber seine Augen schienen ohne Sehkraft . Zu Bernhard – jetzt zu Bernhard ! Warum überfiel es ihn plötzlich , als habe er kein Recht auf dieses Weib , das doch sein eigen war , deren jugendlichen Leib er jetzt , in diesem Augenblick , in seinen Armen hielt ? Die Worte seiner Mutter klangen ihm wieder vor den Ohren : wenn Bernhard auch nur um eine Stunde ihm zuvorgekommen wäre ! » Rudolf , lieber Mann « , sagte Anna leise . Aber er schloß nur seine Arme fester um sie ; seine Gedanken ließen ihn nicht los . Was würde werden , wenn ihn ein Unfall , wenn der Tod ihn fortnähme ? – Er richtete sich straff empor , als müsse er das Bild , das seine Augen sahen , überwachsen ; aber es wurde nicht anders , und er sagte es sich dennoch : über seinem Grabe würde jener um sie werben , und Anna – würde Anna widerstehen ? Eine nie empfundene Leidenschaft für sein schönes Weib ergriff ihn ; es drängte ihn , sich vor sie hinzuwerfen , es ihr zu entreißen , daß seine Gedanken ein Frevel an ihrer Liebe seien , daß das niemals , nie geschehen könne . Aber es war etwas , das seinen Mund verschloß ; etwas , das er verschuldet hatte , das nicht wiedergutzumachen war . Demütig löste er die Arme von ihrem jungen Leibe ; sie aber zog sein Haupt zu sich herab und küßte ihn . » Lassen wir es ! « sagte sie freundlich , » es wird noch mehr der schönen Tage geben , eh der Winter kommt . « Er ergriff eine ihrer Hände , drückte sie heftig und ließ sie wieder : » Ja , Anna ; später – später einmal ; ich habe morgen auch den ganzen Tag besetzt . « Sie hing sich an seinen Arm , und während sie aus dem Walde und an dessen Rand entlang nach Hause gingen , suchte sie den beklommenen Atem ihrer Brust zu meistern und über die kleinen Dinge ihres Tagewerks mit ihm zu plaudern . Das Jahr rückte weiter : der erste Blätterfall begann schon hie und da den Wald zu lichten ; Schwärme von Vögeln , deren Stimmen man nur im Herbst zu hören pflegt , zogen hoch unter den Wolken dahin oder fielen rauschend in die Büsche und flogen weiter , wenn sie an den roten oder schwarzen Beeren sich gesättigt hatten ; auch an der Eiche , die das Dach des Försterhauses beschattete , begannen sich die Blätter bunt zu färben . Auf dem herrschaftlichen Schlosse hatte inzwischen der Graf noch eine neue Arbeit für seinen jungen Förster ausgesonnen : die große Wildnis sollte endlich wieder in ordnungsmäßige Kultur genommen , ein daranstoßender Sumpf trockengelegt und dann bepflanzt werden ; oberflächliche Vermessungen , so gut es hier und bei der treibenden Eile des Grafen geschehen konnte , waren bereits vorgenommen worden ; nun galt es , Karten zu entwerfen und Kosten- und wer weiß was sonst für Anschläge auszuarbeiten und in kürzester Frist dem stets ungeduldigen Gebieter vorzulegen . Aber Rudolf konnte seinen Gedanken nicht mehr wehren , immer ihren eigenen dunkeln Wegen zuzustreben , und so rückte trotz seines Fleißes alles doch nur mühsam weiter . Schon ein paarmal war es darüber zwischen ihm und dem Grafen zur Erörterung gekommen , und in seinem Hirn begann ein Brüten , wie er alledem entrinnen möge . Sein geliebtes Klavier stand trotz Annas Bitten seit Monden unberührt ; die Kunst , welche auch in ihren düstersten Abgründen nach dem Lichte ringt , durfte nichts von dem erfahren , was in ihm wie unter schwerem Stein begraben lag . – – An einem Fußsteig , welcher in der Richtung vom Schlosse her durch den Wald führte , lag oder stand vielmehr zwischen zwei Erdaufwürfen eingeklemmt ein roher , aber mächtiger Granitblock ; wie angenommen wurde , ein Grenzstein aus einem nicht allzu fernen Jahrhundert ; denn nach der Seite des Steiges hin waren auf der bemoosten Oberfläche einige von den kürzeren Runenzeilen sichtbar , welche in heutiger Sprache heißen sollten : » Bis hieher ; niemals weiter . « An diesem Orte , gegen die Rückseite des Steines gelehnt , saß eines Vormittags der junge Förster . Er hatte die von Anna ihm mitgegebenen Brotschnitte aus seiner Jagdtasche genommen ; aber er aß nur einen kleinen Teil davon , das übrige brach er in kleine Brocken und streute es um sich her ; die Vögel würden es schon finden . Vor ihm breitete sich eine junge Birkenschonung aus ; auf einer abgestorbenen Eiche , die ihm gegenüber hoch daraus hervorragte , saß ein alter Kolkrabe , der hüpfend und flügelspreizend an dem Halbteil eines jungen Hasen zehrte . Ohne Anteil , wie ohne Anreiz , sah Rudolf diesem Treiben zu ; der Räuber hatte nichts von ihm zu fürchten . Plötzlich wandte er den Kopf ; der Laut von Stimmen , die wie im Gespräche miteinander wechselten , war an sein Ohr gedrungen ; und jetzt , in der Richtung vom Schlosse her , näherten sich auch Schritte auf dem Fußsteige , welcher durch den älteren Bestand des Waldes hier vorbeiführte . Rudolf hatte bereits die Stimme des Grafen erkannt ; die andre mochte dessen Schwiegervater , dem alten General , gehören , der vor einigen Tagen zum Besuch gekommen war . Er wollte aufstehen und sich unbemerkt entfernen ; aber ein Wort , das er deutlich genug vernahm , bannte ihn noch an seine Stelle . » Dein junger Förster « , sagte die ältere Stimme , » soll ja ein liebenswürdiger Mann sein ; auch von passabler Familie , wie es heißt . « Eine Antwort des Grafen vernahm Rudolf nicht ; sie mochte nur in einer bezeichnenden Gebärde bestanden haben ; denn nach einer Pause hörte er den andern wieder sagen : » Du scheinst nicht beizustimmen ; nun , ich hörte auch nur so . « » O doch « , kam jetzt des Grafen Stimme ; » er schien sich anfangs auch gut anzulassen ; aber seit ein paar Monaten weißt du , ich sehe jetzt , Papa : ein guter Mann , aber ein schlechter Musikant ! « Der alte Herr lachte behaglich : » Und ich dachte , daß gerade die Musik zu seinen Liebenswürdigkeiten zählte ! « » Ja , ja , das ist nun schon , Papa ; er spielt Chopin und hat Jean Paul gelesen , aber das alles hilft nur nicht . « Das übrige ging dem Lauschenden verloren , die Herren waren eben hinter den Erdhügel getreten , in dessen Mitte sich der Stein befand . Rudolf schloß die Augen ; er mußte ja gleich ein Weiteres vernehmen , sobald die beiden auf dem Steige fortgingen ; aber es blieb noch immer still , nur das Klopfen seines Herzens wurde immer lauter , fast , dachte er , könne es ihn verraten . Dann wieder war ihm doch , als ob er sprechen höre ; weshalb setzten denn die Herren ihren Weg nicht fort ? Studierten sie die Runen auf dem Felsblock , oder waren sie nur in näherer Erörterung ihres Gesprächsstoffes stehengeblieben ? Alle peinlichen Augenblicke seines kurzen Amtslebens tauchten in schroffen Umrissen vor ihm auf , und ihm war auf einmal , als höre er das alles von der überlegenen Stimme des Grafen punktweise auseinandersetzen . Er schüttelte sich , er wußte ja , daß das nur Täuschung sei . Aber jetzt kamen die Schritte wirklich auf der andern Seite des Hügels hervor ; der alte Herr schien zuletzt gesprochen zu haben , denn der Graf antwortete , und laut genug , daß der junge Förster jedes Wort verstehen konnte : » Sie haben recht , Papa , aber – passons là-dessus ! Der Vater hatte auch so seine Talente , konnte Klavier spielen und Walzer komponieren , er war mein Schulkamerad , und Sie wissen , man sollte es nicht , aber – enfin , man trägt doch immer wieder der Vergangenheit Rechnung . « Es trat eine Stille ein , und die Schritte der Herren entfernten sich , bis sie allmählich unhörbar wurden . Der unglückliche Lauscher nickte düster vor sich hin : » Bis hieher , niemals weiter ! « Der ihm bekannte Inhalt der Runenzeilen kam ihm immer wieder . Sollte der alte Stein auch noch den jetzt Lebenden die Grenze weisen ? – Da fiel sein Auge auf die abgestorbene Eiche , wo noch immer , hüpfend und flügelspreizend , der Rabe an dem toten Hasen fraß und zupfte . Hastig , wie in gewaltsamer Befreiung , sprang er auf und griff nach seiner Büchse . Ein Druck noch , ein Knall » Niemals weiter ! « schrie er , und der mächtige Vogel samt seiner Beute stürzte polternd durch die dürren Äste . Dann , ohne sich nach seinem Opfer umzusehen oder seine Büchse neu zu laden , wandte er sich ab und schritt seitwärts tiefer in den Wald hinein . – – Lange hatte Anna auf ihn warten müssen ; jetzt saß er wie abwesend neben ihr am Mittagstische , der frische Knall , womit er den Raben niederschoß , war längst verhallt ; nur die Reden der beiden Herren vom Schlosse waren in voller Schärfe noch vor seinen Ohren . Das junge Weib beobachtete ihn verstohlen , und ein paarmal zuckten ihre Lippen , als ob sie reden wolle , aber sie fühlte wohl , sie durfte heute nur schweigend ihm zur Seite bleiben . Gleich nach Mittag ließ er seinen Rappen satteln . »