mit Körperschwäche befallener emeritus und leidiger Kostgänger bei dem pastor loci , meinem lieben kerngesunden Vetter Christian Mercatus . Hätte somit der Muße genug , um , wie meine übrige Lebensumstände , so auch die Vorgänge jenes Nachmittages aufzuzeichnen . Lieget mir selbiger doch gleich einem Überschwang holdseliger Erinnerung im Gemüthe ; habe auch einen ganzen Bogen Papieres dazu hergerichtet und mir die Federn von dem Küster schneiden lassen , und nun vermag mein inneres Auge nichts zu sehen als vor mir einen einsamen Weg zwischen grünen Knicken , der sich allgemach zum Wald hinaufwindet . Weiß aber wohl , es ist der Weg , den wir dazumal an jenem Nachmittage gingen , und ist mir , als wehe noch ein sommerlich Düften von Geißblatt und Hagerosen um mich her . – – » Renate ! « sagte ich , nachdem wir lange stumm dahingeschritten . » Ja , Herr Studiosi ? « Sie hatte den Kopf gewandt und hielt die dunkeln Augen mir entgegen . Da wußt ich nimmer , was ich sagen sollte , und dachte doch : › Es muß nicht gelten , daß ein Studirter und zukünftiger Kanzelmann einem Bauerdirnlein gegenüber also den Text verlieret . ‹ Aber selbiges Dirnlein war ja der Engel von St. Jürgens Bildniß , und so fiel ' s mir bei . » Renate « , frug ich , » habet Ihr denn itzo keinen Hund auf Eurem Hofe ? « » Einen Hund ? Nein , Herr Studiosi ; es wollt nicht gehen mit dem Aufziehn . Ich mag auch keinen , seit sie meinen Türk gestohlen haben . « – » Ich mein aber , der Türk habe dem Küster in Husum zugehört ? « » Freilich ; aber er hatte sich mir zugewöhnt und ist mir nachgelaufen ; da hat ihn der Vetter mir gelassen . « – » Und nun « , sagte ich , » habet Ihr nur die Krähenvögel in Eueren alten Bäumen . « » Ihr spaßet , Herr Studiosi « , entgegnete sie ; » aber es braucht bei uns kaum eines Hundes ; mein armer Vater leidet an der Luft und schläft allzeit nur leis . Wenn es arg ihn überfällt , rufet er wohl nach mir ; wir wandern dann gar manche Stunde mit einander , in der Stube und über den Flur in den Pesel , wo das Bild vom Schloß und von dem alten Bischof hängt . Da sind die draußen nimmer sicher , daß nicht ein Paar Augen durchs Fenster in die Nacht hinausschauen . « Sie sahe gar bekümmert aus , da sie solches erzählte , und ich sagte : » Du bist doch noch so jung , Renate ! « – » Ja ; aber mein Vater hat gar niemanden sonst ; meine Mutter ist lang schon tot . « Und somit waren wir unter die breiten Buchen in den Wald geschritten ; da schlug noch eine Drossel aus dem Wipfel eines Baumes , und in der Ferne hörten wir es durch die Büsche brechen . » Das sind die Hirsche « , sagte das Mädchen ; » zu Herzog Adolfs Zeiten soll die Unmenge hier gewesen sein . « Dann theilete sie mit den Händen das Gezweige von einander und sprach : » Hier ist ' s , Herr Studiosi ! « – Und wir standen oben an Störtebekers Hafen und sahen unter uns in das weite Treenethal hinaus . Es war aber nur eine Höhlung , so in das sandige Hochland hier hineinging ; das Wasser floß itzt fern davon in seinem schön geschlängelten Laufe durch die Wiesen . Renate führte mich zu einer dicken schrundigen Eichen und zeigete auf einen schier vernarbten Spalt in deren Stamme . » Sehet , Herr Studiosi , hier hat der Urahn seine Axt hineingehauen , als die Kriegsarbeit gethan war und die Räuber da hinab zu ihren Schiffen rannten . Er hat auch eine Tochter gehabt , die hat , wie ich , Renate geheißen , und weil ihr Vater im Gefecht es so gelobet , so hat sie in ein Kloster sollen ; da sie aber aufgewachsen , hat sie dazu nein gesprochen und ist hernach dann meine Ahne worden . « Sie hatte sich an den Baum gelehnt und ihre Hände vor sich in den Schoß gefaltet ; so schauete sie in das Abendgold hinaus , das itzo allgemach am Erdenrand emporglomm . Ich aber blickte auf dies junge ernste Antlitz und mußte mich fast sorglich fragen , was denn wohl sie in solchem Fall gesprochen haben würde ; und lobete im stillen unseren Vater , Dr. Martinum , daß er dem Unwesen der Klöster bei uns ein Ziel gesetzet . Indem ich solches dachte , richtete sie sich jählings auf . » Nehmt ' s nicht für ungut « , sprach sie hastig ; » aber ich bitt Euch , wollet itzo mit mir durch das Holz gehen ; es führt von hier ein Richtsteig nach dem Moor hinüber . « Und da ich eine Unruhe auf ihrem Antlitz las , so frug ich , ob sie etwan um ihren Vater sorge . Da schüttelte sie sich als wie aus einem Traume und sagte : » Es wird nichts sein , Herr Studiosi ; aber wenn Ihr wollt , so lasset uns eilen ; vielleicht , er mag uns dann entgegenkommen ! « So gingen wir in den tiefen Wald hinein . Immer stiller wurde es um uns her , und immer mächtiger wuchs die Dunkelheit ; nur kaum noch mochte ich Renatens anmuthige Gestalt erkennen , wie selbige unter den hohen Stämmen so rasch vor mir dahinschritt . War mir mitunter , als gaukele vor mir dort mein Glück , und müsse ich es halten , wenn ich ' s nicht verlieren wolle . Wußte aber gar wohl , daß des Mädchens Sinnen itzo auf nichts als einzig nur auf ihren Vater zielete . Endlich dämmerte es durch die Bäume wie graues Abendlicht , der Wald hörete auf , und da lag es vor uns – weit und dunstig ; hie und da blänkerte noch ein Wassertümpel , und schwarze Torfringeln rageten daneben auf ; ein großer dunkler Vogel , als ob er Verlorenes suchte , revierete mit trägem Flügelschlage über dem Boden hin . An meiner Seite stund Renate ; ich hörte ihren Odem gehen und konnte gewahren , wie ihre Augen angstvoll und nach allen Seiten in die vor uns hingestreckte Nacht hinausschauten ; denn uns im Rücken hinter den gewaltigen Schatten des Waldes lag das letzte Tageleuchten . Da mußte ich mit dem Psalmisten sprechen : » Herr , du machest Finsterniß , und es wird Nacht ; aber Himmel und Erde sind dein : denn du hast sie gegründet und alles , was darinnen ist ! « Indem aber rührete Renate mit der einen Hand an meine Schulter , und mit der anderen wies sie auf das Moor hinaus . » Was meinest du , Renate ? « frug ich . – » Sehet Ihr nicht ? Dort ? « Und da ich meine Augen anstrengte , meinete ich fern im Duste einen Schatten schreiten zu sehen ; aber nur eines Athemzuges lang . » War das dein Vater ? « frug ich wieder . Da nickte sie und sprach : » Verzeihet , meine Angst war thöricht ; er ist schon jenseit unseres Moores auf der festen Geest . « » So lasset uns eilen « , rief ich ; » ob wir ihn noch erreichen mögen ! « Aber sie ergriff mit beiden Händen meinen Arm : » Das Moor , Herr Studiosi , kennet Ihr das Moor ? Wir können nimmermehr hinüber ! « Dann , als ob ein plötzlich Grauen sie befiele , zog sie mich zurück und sagte » Kommet , hier führt der Weg am Wald hinab ! « und ließ meine Hand nicht los , so lange wir den düstern Ungrund an unserer Seiten ... * Die Handschrift ist hier lückenhaft ; zunächst fehlen einige Blätter gänzlich , das dann Folgende ist durch Wasserflecke fast zerstört . Doch ist zu ersehen , daß der Studiosus Josias ein Musikfreund und mit seinem Vater der Ansicht Dr. Luthers war , die lateinische Sprache habe viel feiner musica und Gesanges in sich , daher man sie keineswegs aus dem Gottesdienste solle wegkommen lassen . – Schon als Knabe hatte er zu den auserwählten Schülern gehört , welche dem derzeitigen Husumer Kantor Petrus Steinbrecher vor der Frühpredigt assistierten und » zur Ehre Gottes und zur Erweckung eines jedes Christen Devotion « von der Orgel in die damalige gewaltige Kirche hinab das Te Deum laudamus mitgesungen . Hier in Schwabstedt werden derzeit sich auch noch Reste des lateinischen Kirchengesanges erhalten haben ; denn es gelingt ihm – wo , ist nicht ersichtlich – , eine Anzahl junger Kirchensänger und -sängerinnen um sich zu versammeln , wie es heißt , » zur besseren Einübung der bekannten , sowie Erlernung einiger neu hinzugebrachter Lieder « . Renatens Stimme , welche » gleich einem silbern Licht ob allen andern schwebete « , scheint den Zauber noch verstärkt zu haben , den die Bauerntochter so unbewußt auf unsern Gottesgelahrten ausübte . Worauf sonst in jenem Sommer der Verkehr der beiden jungen Menschen sich erstreckt habe , ist nicht erkennbar ; erst mit dem Ende desselben beginnen wieder die bis zu einem gewissen Punkte fortlaufend erhaltenen Teile der Handschrift , der nun wieder wie vorhin das Wort gelassen wird . * ... war es eines Abends Ende Septembris , als ich mit meinem Vater sel . in dessen Studirstüblein über Abfassung einer Supplike an unsern allergnädigsten Herzog beisammen saß ; denn da meinen lieben Vater wegen übermäßiger studia in seiner Jugend eine Augenschwäche befallen , so hatte er es gern , wenn ich für ihn die Feder führete . Wollte nämlich die Angelegenheit mit unserem Keller noch immer keinen Fortgang nehmen . Zwar hatte der Hofbauer , nur auf meine frühere Rede – denn mein Vater wollte ihn nicht um seine Dienste angehen – , die Sache noch einmal in der Gemeinde fürbracht ; aber die Bauren hatten ihm erwidert , der alte Pastor habe bei seinem Bier gut predigen können , so werd der Keller auch wohl für den neuen reichen . Es war nun an diesem Abend ein gar wüstes Wetter , und brausete es draußen von dem Walde her , daß man hier innen oft die Worte kaum erfassen konnte . » Schreibe nun so « , sagte mein Vater , indem er zu mir rückte : » Obgleich die meisten meiner Beichtkinder mir herzlich gern einen besseren Keller gönneten , so waren doch derer , die halsstarrig dawider stritten ; von Mitten Maji bis hieher habe kein frisch und kühl , sondern nur sauer Bier gehabt ; und was mir das vor eine Plage gewesen , ist Gott am besten bekannt ; wie viel aber von solchen Gaben Gottes , salvo honore , zum Schweinetrank hingießen lassen , will ich hier seufzend übergehen . « Ich entsinne mich noch aller dieser Worte meines lieben Vaters ; denn ich setzete die Feder ab , weil mich ein Bedenken anwandelte , Hochfürstliche Gnaden also wegen des pastoris sauerem Bier in Compassion zu nehmen . Als ich aber solches eben nur geäußert , hörte ich draußen auf der Hausdiele ein laut Gerede mit unserer alten Margreth . Wurde dann auch unsere Stubenthür gewaltsam aufgerissen , und erschien ein Mann in schier beschmutzten Reisekleidern , scheinbar von meines Vaters Alter und auch wohl geistlichen Standes , aber mit vollem braunrothen Antlitz , daraus ein Paar kleine blanke Augen gar hurtige Blicke über uns hin laufen ließen . » Salve , Christiane , confrater dilectissime ! « schrie er ; » komme gar spät unter dein gastlich Dach ! Aber der Teufel , der mir als seinem scharfen Widersacher allzeit auf den Hacken ist , hatte mit seiner höllischen Kunst meinen Gaul vom Wege in das Moor hineingegaukelt , also daß ich ihn durch ein paar Käthner zwischen den Bülten habe müssen herausgraben lassen ; der Unsaubere hatte es wohl gerochen , daß ich unter meinem Wamse eine neu geschmiedete Waffen gegen ihn am Leibe trug . « Und dabei schlug der heftige Mann gegen seine Brust und zog alsdann unter seinem Mantel ein dick manuscriptum herfür ; das warf er vor uns auf den Tisch in meine Schreiberei hinein . » Siehe da « , rief er , » mein › Höllischer Morpheus ‹ hat zwar dem holländischen Schwarmgeist , dem unverschämten Dr. Balthasar Beckern und seiner › Bezauberten Welt ‹ , den Text gefeget ; aber der verworfenen Zauberer- und Hexenadvokaten erstehen immer mehr ! Nitimur in vetitum , Herr Bruder ! Es thut Noth , der unvernünftigen Vernunft den Daumen gegen zu halten ! « Aus solcher Rede wurd mir inne , daß ein gar hochgelahrter Mann in unser Haus getreten ; und war es Herr Petrus Goldschmidt , derzeitiger Pastor zu Sterup , welcher als ein Husumer einstmals mit meinem lieben Vater auf dortiger Schulen und später auf der Universität beisammen gewesen . Er hatte aber nach seinem hochberühmten › Morpheus ‹ ein zweites Werk fertig gestellet , und zwar gegen den Hallischen Professor Thomasius , der in seinem derzeit erst verdeutscheten Buche » De crimine magiae « all Teufelsbündniß vor ein Hirngespinst erkläret und solcher Weise als ein rechter advocatus das unselige Hexen- und Trudenvolk der irdischen Gerechtigkeit zu entreißen strebte . Fehlete dem Herrn Petrus zur Edirung seines neuen Werkes nur noch die Einsicht etlicher Schriften , so er selber nicht besaß , aber wußte , daß selbige unter meines Vaters Büchern seien ; ad exemplum des Remigii Daemonologia , des Christ . Kortholdi Traktätlein von dem glüenden Ringe und etliche andere . » Habe zwar einen festen Kopf , Christiane « , rief er ; » mißtraue aber weislich der menschlichen Schwachheit ; und würde doch dem Pastor zu Sterup übel anstehen , sich von dem Vater der Lügen über faulen Citaten ertappen zu lassen ! « Da nun mein Vater ihn willkommen hieß , warf er Hut und Mantel hoch vergnüget von sich , und hörete ich mit Attention der beeden wohl erfahrenen Männer Wechselreden , so bald emsig hin und wider gingen . Zwar hatte ich wegen meiner Studien und um jugendlicher allotria willen , mit denen ich meine Zeit erfüllet , weder den Goldschmidtischen » Morpheus « noch seiner Widersacher Schriften gelesen , fassete aber gegen letztere , da der gelahrte Mann sie explicirte , gar bald einen lebhaften Abscheu und wurde auch , da ich solchen kund that , von selbigem weidlich belobet und verwarnet , daß ich auch künftighin mich nicht zu denen Atheisten und Schwarmgeistern gesellen möge . Auch über dem Reisbrei , den meine liebe Mutter dem Gaste zu Ehren auf die Abendtafel brachte , nahmen diese Gespräche ihren Fortgang , so daß mein Mütterlein wohl gern von anderem gehöret hätte , und sie lieber anhub , ihr mäßig Bier mit vielen Worten zu entschuldigen und die Elendigkeit des Kellers zu beklagen . Der Mann Gottes aber ergriff den vor ihm stehen den vollen Krug , stürzete ihn mit eins hinunter und sprach mit gravitätischer Verbeugung : » Frau Pastorin , man soll auch so der Gottesgabe nicht verschmähen ! « Dann stäubte er sich mit der Hand die Tropfen aus dem Barte und begann ein neu Gespräch vom exorcismo , so daß meiner lieben Mutter nichts verblieb , als den geleerten Krug zu neuer Füllung an das Faß zu tragen . Herr Petrus aber frug nun meinen Vater , was eine formula bei der Taufen allhier gebräuchlich sei , und da dieser entgegnete , daß er zum Täufling rede : » Entsagest du dem bösen Geist und seinen Werken ? « , so sprang der gewaltige Mann von seinem Stuhle auf , daß ihm der Löffel über den Tisch hinüberflog . » Christiane , eheu Christiane ! « rief er . » Was weiß denn solch ein Saugkalb , ob es den Widerchrist in seinen dünnen Därmen hat ! Exi immunde spiritus ! Fahre aus , unsauberer Geist ! So sollst du sprechen ! Dann mag es dir wohl glücken , daß du den Argen als einen stinkenden Rauch aus des Täuflings Mündlein herfürgehen siehest ! « Er ergriff aufs neue seinen Löffel , den meine Mutter auf seinen Platz zurückgelegt , und that der wohlmeinenden Gastfreundschaft meiner lieben Eltern nochmals alle Ehre an . Da aber mein Vater geziementlich fürbrachte , daß doch das Kind durch der Gevattern Mund die Antwort gebe , da schüttelte Herr Petrus nur seinen Löwenkopf und meinete : » Ja , wenn die Klotzköpfe der unsauberen Geister nur nicht in ihrem eigenen Leibe hätten ! « Über solcher Materie war es nach Mitternacht worden , daß wir den verehrten Mann zum Schlaf in seine Kammer brachten . » Laß dich nicht stören , Petre , so du etwas hören solltest « , sagte mein Vater , indem er ihm das Nachtlicht auf den Tisch setzte ; » es sind nur die Ratten , die auf unserem Bodenhausen . « Da entfuhr mir das Wort , das ich im Scherze sagte : » Wir müssen den Hofbauren nur um seinen Fingaholi bitten ! « Auf solches stutzete der Gast und frug : » Was ist das mit dem Fingaholi ? « Und da ich ' s ihm erzählet hatte , kniff er mit Daumen und Zeigefinger sich seine starken Lippen und sagte : » Der Fingaholi , wie Ihr ihn nennet , junger Mann , ist nur ein Fetisch ; aber dem mit unseres Gottes Zulassung die Herrschaft über das Geschmeiß verliehen wurde , ist gar ein anderer und kein leblos und ohnmächtig Bild gleich diesem Heidengötzen oder den papistischen Heiligen . « Hierauf entgegnete ich , es sei das nur ein alt und schwachsinnig Weib , das diese Dinge hingeredet habe . Er aber wandte sich zu meinem Vater und rief abermalen : » Christiane , Christiane ! Siehe zu in der Gemeinde ! Und packe den höllischen Gaukelnarren , so du ihn findest , feste bei den Ohren , daß du ihn samt seinem Sauschwanze fundatim exstirpiren mögest ! « – – In dieser Nacht lag ich gar lange wachend in meiner Bettstatt , sahe durch die Scheiben die schwarzen Wolken über den hellen Himmel fliegen und hörte auf das Brausen , das vom Wald herüberfuhr . Wollte mich fast reuen , daß ich das von dem Fingaholi gegen unsern Gast herausgeredet ; denn an die leutselige Art meines lieben Vaters gewöhnet , wollte dessen gewaltige Rede mir nicht allsogleich gefallen , obschon seine geistliche Weisheit und Eifer für das Reich Gottes meine gerechte Ehrerbietung heischeten . Er selber aber schien indessen eines gar kräftigen Schlafes zu genießen ; denn da gegen Morgen draußen das Toben sich geleget hatte , hörte ich durch Böden und Wände von der Gastkammer herauf sein mächtig und ebenmäßig Schnarchen . In den zweien Tagen , welche Herr Petrus Goldschmidt noch bei uns verblieb , saß selbiger am Vormittage eifrig unter meines Vaters Büchern , wobei er , wenn ich zu ihm eintrat , durch seine prompte Kenntniß der sonderbarsten loci mein gerechtes Staunen herausforderte . Meine Anerbietung , ihm dabei zu dienen , wies er mit einer ruhevollen Bewegung seiner Hand zurück : » Betreibet Euere eigenen studia , junger Mann ! Was einer vermag , dazu soll man nicht zweie brauchen ! « Am Nachmittage aber , wenn mein lieber Vater der Ruhe pflegte , nahm er seinen Stock und Dreispitz und wanderte im Dorf umher , redete mit Weibern und Greisen und klopfete die Kinder auf ihre blonden Köpfe , daß am andern Tage schon alles vor die Thüren lief , da er wieder mit seinem tönenden Räuspern nur von fern dahergeschritten kam . Als sodann am dritten Tage der merkwürdige Mann seinen Gaul bestiegen hatte und davongeritten war , wurde es gar still in unserem Hause . Mein lieber Vater sahe ein wenig müde aus , und meine Mutter sagte scherzend : » Ich muß dich pflegen , Christian ; eine so gewaltige und robuste Gottesgelahrtheit ist nicht vor eines jeden Constitution ! « Im Dorfe aber war es wie in einem Bienenstocke , der da schwärmen soll ; überall ein Gemunkel , welches nicht laut werden wollte und doch nicht stumm sein konnte ; die Älteren redeten wieder von der Hexen , so sie vor zwanzig Jahren in Husum hätten einäschern sehen sollen , der aber die Nacht zuvor in der Fronerei ihr Herr und Meister das Genick gebrochen ; aus Flensburg kam einer , der hatte auf dem Südermarkt gehört , die Hexen hätten wieder einmal in der Förde alle Fisch vergiftet ; im Dorfe selber wurde Unheimliches auf den und jenen gedeutet ; so fast beklommen ich aber aufmerkete , des Hofbauren geschah darunter nicht Erwähnung . So rückete die Zeit heran , daß auch ich , und auf gar lange , meinen Abschied nehmen sollte . Renate war seit etlichen Tagen bei dem Husumer Küster auf Besuch , und da ich abends vor meiner Abreise auf den Hof kam , war sie noch nicht wieder da . » Ich hätt sie heut erwartet « , sagte der Bauer ; » nun wird ' s wohl morgen werden ; da möget Ihr sie unterweges treffen oder in Husum zu dem Küster gehen ! « Mit dem kam die alt Marike mit ihrem langen Strickstrumpf in die Thür , sahe den Bauer fast verstöret an und wollte wieder fort . Der aber rief ihr zu , sie solle heut als wie zum Abschiedstrunke noch eine von den Rheinischen aus dem Keller holen ; und die Alte brummelte so etwas für sich hin und lief zur Thür hinaus . Nach einer Weile kam auch die Jungmagd und setzete eine Flasche auf den Tisch ; aber der gute Wein wollte mir heut gar übel munden , da wir in dem weiten Gemache so allein beisammen saßen . Nahm deshalben auch bald meinen Abschied und war mir gar seltsam im Gemüthe , da ich aus dem Hause unter die alten Eichen hinaustrat , welche mit ihrem gelben Herbstlaub schon den Grund bestreuet hatten . Der Hofbauer stund noch und hatte meine Hand gefaßt . » Lebet wohl , Herr Studiosi « , sagte er ; » habet nur da draußen recht die Augen offen ; und wenn Ihr heimkommet , ich denke , des Hofbauren Thür , die werdet Ihr wohl wiederfinden ! « Er schaute mich mit seinen dunkeln Augen an , als wolle er mich noch zurückhalten oder als habe er noch etwas mir zu sagen . Aber er sprach nichts mehr , und ich ging fort , ohn ' Ahnung , daß ich diesen Mann niemalen sollte wiedersehen . – – Da ich an diesem Abend meinen lieben Eltern gute Nacht gegeben hatte , öffnete ich mein Kammerfenster und schaute auf das Dorf hinaus . Eine Weile sahe ich nach einem einzeln Lichtschein drüben in des diaconi Hause , bis auch der erlosch ; aber mein Gemüthe war voll Unruh , und endlich , da es vom Glockenthurm die eilfte Stunde schlug , war ich schon draußen in der freien Nacht und schritt bald danach über die Bischofshöhe den bekannten Steig hinab . Es war aber Anfang Octobris , und eine klare Mondhelle stund über der schönen Gotteswelt ; der Hof unter seinen düsteren Bäumen lag , als ob er schliefe , in dem mit sanftem Licht erfülleten Erdenraume . Es war so still , daß ich nur das Fallen der Blätter hörte und unterweilen den Schrei eines Hirschen aus dem Wald herüber . Ich horchte nach dem Hause ; aber dorten war kein Laut zu hören ; dann trat ich unter die Bäume und schaute durch ein Fenster in die große Stube . Dicht vor mir sahe ich die Lehne von Renatens Stuhle ragen ; sonst war es still und finster drinnen . Ich konnte gleichwohl nicht von hinnen finden und ging hart an der Mauer und um die Ecke herum , bis wo die Hausthür ist . Dort , in dem tiefen Schatten , regete sich etwas , und ein Freudenschauer überströmete mein Herz ; denn obschon ich nichts gewahren konnte , so wußte ich doch , es war das Rauschen ihres Kleides , welches ich vernommen hatte . » Renate ! « rief ich . Da lagen ein Paar warme Hände in den meinen . » Ich wußte wohl , Josias , daß Ihr kommen würdet ! « Sie horchte noch einmal in die Thür ; dann zog ich sie in den hellen Mondenschein hinaus , denn mich verlangte sehr nach ihrem Anblick . Wir schlossen unsere Hände in einander und schritten so mitsammen über die weite Hofstatt nach dem Flusse zu . Was wir sprachen , mag nicht viel gewesen sein ; doch ist mir noch bewußt , wir sahen beid auf unsere Schatten , wie sie vereinet vor uns auf den Rasen fielen , und so das Mondlicht zwischen ihnen Platz gewinnen wollte , neigeten wir uns schweigend zu einander und schaueten darauf hin , wie sie aufs neu in eins zusammenflossen . Dann stunden wir auf der Uferhöhe und sahen schweigend in das Land hinaus und hörten auf das Strömen des Flusses , der darunten mit seinen Wassern nach dem Meer hinabzog . Da schlug es Mitternacht vom Dorfe herüber ; und mit jedem Schlage , auf den wir mit verhaltenem Odem lauschten , schlossen unsere Hände sich fester in einander . » Renate « , sagte ich leise ; » das war der letzte Tag . « » Ja , Josias ! « entgegnete sie ebenso . » Und werde ich dich denn hier noch finden , so ich wieder heimgekommen ? « » Ich denke ; wer sollte mich denn holen ? « – » Wer , Renate ? Versuch es nur , sie nicht mehr fortzustoßen ! « Ich weiß nicht , was mich also zwang zu reden ; denn einem Geier gleich hatte plötzlich die Angst der Eifersucht mich überfallen . Sie aber warf das Köpfchen in den Nacken , daß das Gold auf ihrem Käpplein glitzerte . » Was redet Ihr , Josias ! « sprach sie . » Mit denen Lümmeln hab ich nichts zu schaffen ; sie mögen kommen oder nicht ! « Das war nun wohl ein hoffärtig Wort ; und müßte doch lügen , daß es sich mir derzeit nicht wie Balsam auf mein Herz geleget . Aber es kam itzt ein anderes , das solche Gedanken jählings von mir nahm . Wir stunden nämlich , da wir solches sprachen , vor dem großen Scheunenthor , welches fast taghell vom Mond beleuchtet war . Vor etlichen Wochen hatte ich dort unter Peitschenknall den schweren Gottessegen einfahren sehen ; nun lag alles da in großer Stille . Und doch ; oder hatte mich mein Ohr getäuscht ? Da drinnen in der Scheuer rührete es sich ; Renatens Hand zuckte in der meinen , und ihre Augen starreten ; und itzt , gleich einem breiten grauen Schatten , quoll es unter dem Scheunenthor herfür , immer mehr und mehr , als ob ' s von unhörbarem Peitschenschlag getrieben würde . Das rannte , daß wir kaum die Füße wahreten , an uns vorbei und über die bethaueten Wiesen nach dem Fluß hinab ; und weiß ich nimmer , wo es in der Nacht verschwunden blieb . Wohl merkte ich , wie Renate am ganzen Leibe bebte ; ich aber schwieg lange Zeit , denn was meine Augen hier gesehen , das konnte ich fürder nicht vor mir verleugnen . Endlich sagte ich : » Das war gar wunderbar , Renate ; du bist gar sehr erschrocken ! « Da richtete sie sich auf und sprach : » Die Ratten machen mich nicht fürchten , die laufen hier und überall ; aber ich weiß gar wohl , was sie von meinem Vater reden , ich weiß es gar wohl ! Aber ich hasse sie , das dumm und übergläubig Volk ! Wollt nur , daß er über sie käme , den sie allezeit in ihren bösen Mäulern führen ! « Wegen solcher Rede entsetzete ich mich arg , denn das Mädchen hatte dräuend ihre kleine Faust zum Himmel aufgehoben . » Renate ! « rief ich , » Renate ! « » Ja , ja ; ich wollt es ! « sprach sie wieder . » Aber er ist unmächtig ; er kann nicht kommen ! « Ich hatte ihre erhobene Hand herabgezogen . » Berufe ihn nicht , Renate « , rief ich ; » bete zu Gott und unserem Heiland , daß sie ihn von dir halten ! Aber es ist der Geist des Husumer Atheisten , der aus deinem jungen Munde redet . « » Atheist ? « frug sie . » Ich kenne das Wort nicht ; wen wollt Ihr damit schelten ? « Was Art Erklärung ich ihr hierauf gegeben , entsinne mich nicht mehr . Aber sie schüttelte nur den Kopf und sagte traurig : » Und unser arm alt Mariken , das haben sie mir nun auch allganz verwirret , daß schier nicht mehr mit ihr zu hausen ist ! Es wird gar einsam werden , wenn auch Ihr nicht mehr kommt , Josias . « Ich nahm ihr Antlitz in meine beiden Hände , und da ich es gegen das volle Mondlicht wandte , sahe ich , daß es sehr blaß wer und ihre Augen voll von Thränen stunden . Da konnte ich es nicht lassen , daß ich sie an mich zog ; und sie duldete es und legte ihren Kopf , als ob sie müde sei , in meinen Arm und sahe zu mir auf , als ob sie also ruhen möchte . Im selbigen Augenblick aber wurde