Lesenden gestanden und ihm in das erregte Angesicht geblickt . Jetzt wandte er ihr langsam seine Augen zu . » Ich werde meine Psyche von der Ausstellung zurückziehen « , sagte er düster , » und dann , Mutter , reise ich ; aber nicht nach der nordischen Küstenstadt . « Der andre Tag war angebrochen . Soviel stand fest , er wollte fort ; er hatte das Bedürfnis , ganz mit sich allein zu sein ; kein Sohn einer Mutter , kein Freund eines Freundes . Er dachte an den Spreewald mit seinem Netz von hundert stillen Wasserarmen , in dessen Schatten er sich einmal mit seinem Freunde , dem Maler , einen schönen Sommermonat lang verloren hatte . Auf einsamem Nachen unter überhängenden Erlen hinzufahren , zwischen flüsterndem Schilfrohr oder durch die breiten schwimmenden Blätter der Wasserlilie – wie erquickende Kühle wehte es ihn an . Er ging rascher unter den bestaubten Linden der Hauptstadt dahin ; er konnte morgen , ja schon heute abreisen . Nur noch einmal wollte er seine Psyche sehen und dann einem diensteifrigen Freunde alles übrige wegen Zurücknahme des Werkes übertragen . Die Sonne stand noch schräg am Himmel . Die Säle des Akademiegebäudes waren zwar schon offen , aber die herkömmliche Stunde des Besuches war noch nicht gekommen . Nur in dem oberen Stockwerke , in welchem die Gemäldeausstellung ihren Platz hatte , standen einzelne Fremde hie und da vor einem Bilde ; in den unteren Räumen , wo sich die Werke der Bildhauerkunst befanden , schien noch alles leer . Da sie gegen Westen lagen , auch ein paar Kastanienbäume unweit der Fenster ihre laubreichen Zweige ausbreiteten , so entbehrten sie noch des helleren Lichtes ; es war noch etwas von der unberührten Morgenfrühe in diesen hohen Sälen , und die Marmorbilder standen da in einsamer Schönheit und wie in feierlichem Schweigen . Und doch , auch hier mußte schon ein Besucher sich eingefunden haben ; denn ein leiser , tastender Schritt war eben in dem letzten der drei Säle verschollen , als der junge Bildhauer die Tür des Eingangssaales hinter sich geschlossen hatte . Auch er trat , wenngleich sicher wie im eigenen Hause , so doch fast behutsam auf , als scheue er sich , den Widerhall zu wecken , der nur leicht in diesen Räumen schlief . Im mittleren Saale blieb er vor einer Venus stehen , die aus einer eben geöffneten Muschel zum erstenmal in die Welt des Sonnenlichts hinauszublicken schien . Aber seine Augen lagen nur wie abwesend auf der üppigen Gestalt , die hier von sinnentrunkener Künstlerhand geschaffen war ; er hätte wohl selber nicht zu sagen gewußt , weshalb er vor diesem ihm so fremden Bild verweilte . Sein eigenes Werk befand sich nebenan im letzten Saale ; er war ja nur gekommen , um einmal noch zu prüfen , wieviel von seinem Geheimnis es ihm unbewußt verraten haben könne , vielleicht auch – um in dem Marmorbild noch einen Abschied von der Lebenden zu nehmen . War es ihm doch plötzlich , als sei es in der lautlosen Stille dieser Hallen noch einmal wieder sein geworden , ja fast , als müsse er durch die offene Flügeltür das Atmen des schönen Steins vernehmen . Da – es war keine Täuschung – schlug von dort ein leiser Klagelaut ihm an das Ohr ; nur einmal , aber im freien Walde von einer verwundeten Hindin , meinte er solchen Ton gehört zu haben . Rasch war er auf die Schwelle getreten ; aber er kam nicht weiter . Dort an einer der großen Porphyrsäulen , welche hier die Decken der Säle tragen , lehnte ein Mädchen , noch immer eine Mädchenknospe , wie in sich zusammenbrechend , und starrte mit aufgerissenen Augen seine Marmorgruppe an ; ein kleiner Sonnenschirm , ein Sommerhut lagen am Boden neben ihr . Nun wandte sie den Kopf , und ihre Augen trafen sich . Es war nur wie ein Blitz , der blendend zwischen ihnen aufgeleuchtet : aber das schöne , ihm zugewandte Mädchenantlitz war von einem Ausdruck des Entsetzens wie versteinert . Den schlanken Körper wie zur Flucht gebogen , und doch mit niederhängenden Armen , stand sie da ; nur ihre Augen irrten jetzt umher , als ob sie einen Ausgang suchten . Vergebens ! Dort auf der Schwelle , die allein zur Freiheit führte , stand der schöne , furchtbare Mann , dem – seit wie lange schon ! – selbst ihre Gedanken zu entfliehen strebten ; zwar , wie sie selbst , noch immer unbeweglich ; aber seine Arme waren nach ihr ausgestreckt . Noch einmal wagte sie , ihn anzublicken ; dann , wie ein ratloses Kind , vergrub sie das Gesicht in ihren Händen ; all ihre Kühnheit hatte sie verlassen . – – Und nur einen Augenblick noch schwankte das Zünglein der Waage zwischen Tod und Leben ; aber dann nicht länger . » Psyche ! Süße , holde Psyche ! « – Seine Lippen stammelten ; und an beiden Händen hielt er sie gefangen . Sie bog den Kopf zurück , und wie zwei Sterne sah er ihre Augen untergehen . Er ließ sie nicht ; in trunkenem Jubel hob er sie auf seine Arme ; er bog den Mund zu ihrem kleinen Ohre nieder , und leise , aber mit einer Stimme , die vor Entzücken bebte , sprach er , was er einst nur fern von ihr gedacht : » Nun laß ich dich nicht mehr ; ich gebe dich an keinen Gott heraus ! « Da regte auch der schöne Mund des Mädchens sich . » Sage : nie ! « kam es wie ein Hauch zu ihm herauf ; » sonst muß ich heute noch vor Scham erblinden ! « » Nie ! « rief er laut ; und wie Donner des Weltgeschickes hallte es von den Wänden des hohen Saales ihm zurück . » Nie , so lang ich hier im Lichte wandle ! « » Nein ; sage : nie in alle Ewigkeit ! « » Nie in alle Ewigkeit ! – Auch drunten , unter den flüsternden Schatten will ich bei dir sein ! « Seine Augen ruhten auf dem süßen Antlitz , das sie noch immer mit geschlossenen Lidern ihm entgegenhielt . Nun aber schlug sie leise die Wimpern auf ; erst noch ein wenig zögernd , dann immer vertrauender blickte sie ihn an , und immer sonniger wurde der Ausdruck ihres lieblichen Gesichtes . Wie lange er sie so an seiner Brust gehalten ? – Wer könnte es sagen ! – Ein Vogel , der von draußen aus den Kastanienbäumen gegen die Fensterscheiben flog , brachte den ersten Laut der Außenwelt zu ihren Ohren . Da ließ er sie sanft zu Boden gleiten ; nur mit einem Arm noch hielt er die leichte Gestalt umfangen . » Aber du ! « sagte er – und es war , als wenn er plötzlich mit Erstaunen sie betrachte – , » du schöne Lebendige , wie bist du nur hieher geraten ? Oder versteht vielleicht das Glück sich ganz von selbst ? « Sie wies mit scheuem Finger auf die Marmorgruppe und barg zugleich den Kopf an seiner Brust . » Das da « , sagte sie . » Sie sprachen davon , daß es das Lieblichste von allem sei . « – Und kaum hörbar , so daß er sich tief zu ihrem Munde neigte , setzte sie hinzu : » Ich mußte es allein sehen , ehe die andern mit mir kamen . Mich trieb eine Angst – – nein , frag mich nicht ! Ich weiß nicht , was ! Aber hier hab ich mich sehr gefürchtet . « » Welche andern ? « fragte er . » Die mit mir hier sind : mein Oheim und meine Mutter . Ich war mit ihnen oben in den Gemäldesälen ; ganz heimlich bin ich ihnen fortgelaufen . « Dann plötzlich schoß es wie ein Blitz des alten Übermutes über das ein wenig blasse Antlitz . » Aber « , rief sie , » wie heißt du denn ? Mein Gott , ich weiß nicht einmal deinen Namen ! « » Ja , rat einmal ! « Sie schüttelte das Köpfchen , daß die blonden Haare ihr in die Stirn fielen . » Nein , rate du zuerst ! « » Ich ? Was soll ich raten ? « » Was du raten sollst ? Als ob ich keinen Namen hätte ! « » Aber den kenne ich ja längst ! « Er strich das seidene Haar ihr von der Stirn . » Sieh nur hin ! Das bist du ja ! Und glaub es nur , ich habe jeden Tag zu dir gesprochen in all der langen , langen Zeit . « Von dunklem Purpur übergossen , schlang sie die Hände um seinen Hals und ließ ihn tief in ihre Augen blicken . » Oh , welch ein Glück , daß du der Künstler bist ! « Mit beiden Armen umfaßte er die Geliebte und küßte zum ersten Male den jungfräulichen Mund . – Dann aber flüsterten sie sich ihre Namen zu , ganz leise , als seien es Geheimnisse , die selbst die steinernen Gestalten um sie her nicht wissen dürften ; und als sie seinen Namen hörte , rief sie : » Oh , wie schön ! Du konntest gar nicht anders heißen ! « Er aber blickte ganz träumerisch auf sie nieder ; er konnte es nicht verstehen , daß sie » Maria « heiße . Sie lachte , als er ihr das sagte , und flüsterte ihm zu : » Die alte Bürgermeisterin sagt es auch , ich sei verkehrt getauft . « » Getauft ! « wiederholte er fast staunend . » Wie seltsam doch , daß du getauft bist ! « Einen Augenblick sah sie ihn fragend an ; dann wie zwei glückliche Kinder , lachten beide miteinander . Aber sie waren hier nicht mehr allein . Vom Eingange her nahten sich Schritte , und im mittleren Saale wurde eine noch immer schöne Frau am Arme eines älteren Mannes sichtbar . » Dein Töchterchen « , sagte dieser , nicht ohne einen Ausdruck von Besorgnis , » scheint doch nicht hier zu sein . « Die Frau an seinem Arme lächelte . » Du mußt dich schon daran gewöhnen , daß sie ihre eigenen Wege geht ; sie wird wohl oben noch von irgendeinem Bild gefangen sein . Aber die gerettete Psyche , wo ist denn die ? « Sie erhielt keine Antwort ; denn in demselben Augenblick hing auch das Kind an ihrem Halse . » Hier ist sie , Mutter ; deine Tochter ist es ! Oh , seid beide gut und freundlich ! « Die jungen Augen glänzten ; über die geöffneten Lippen ging schwer der Atem aus und ein . » Mein Kind , mein liebes Kind ! « Die Mutter wollte sie beruhigen ; aber schon hatte sie in freudiger Hast deren beide Hände ergriffen und zog sie über die Schwelle in den letzten Saal , wo der Geliebte in stummer Erwartung neben seinem Werke stand . Daheim in der Werkstatt des Künstlers ging derweile zwischen den Statuen und Modellen eine kleine alte Frau umher . Sie schien so recht nicht etwas vorzuhaben , trotz des Staubtuches in ihrer Hand , mit dem sie hie und da an den umherstehenden Dingen sich zu tun machte . Endlich hatte sie sich in den Sessel neben der Modellierscheibe niedergelassen , ein stiller Seufzer ging über ihre Lippen , ein Seufzer , daß doch die großen Kinder , ja auch die allerbesten , sich von dem Mutterherzen lösen . Sinnend blickte sie auf die leere Stelle , die noch vor kurzem das letzte Werk ihres Sohnes eingenommen hatte . Da wurden Schritte und Stimmen auf dem Hausflur laut , und noch bevor sie aus ihren schweren Gedanken sich emporgearbeitet hatte , waren durch die geöffnete Tür zwei Paare zu ihr eingetreten . Das ältere war ihr gänzlich unbekannt , aber hinter diesem der junge Mann , an dessen Arm das schöne Mädchen hing – so konnten ihre alten Augen sie nicht trügen – , das war denn doch ihr Sohn ! Voll Verwirrung war sie aufgestanden ; aber schon hatten die jungen schönen Menschen sich ihr genähert und ihre Hand gefaßt . » Mutter « , sagte der Sohn , » hier hast du mein Geheimnis ! Dies Kind behauptet zwar , daß sie Maria heiße ; aber du siehst ja wohl , daß es die Psyche ist , die lebendige , meine Psyche , durch die nun ich und meine Werke leben werden ! « Und sich freudig aufrichtend und drüben seinem unvollendeten Werke zunickend , setzte er hinzu : » Auch dich , Walküre , wird sie aus deinem Bann erlösen ! « Die alte Frau aber hielt jetzt die Psyche an ihren beiden kleinen Händen ; sie betrachtete sie aufmerksam , ja fast mit Staunen ; aber immer inniger wurde dieser Blick , bis dann das ganz erschütterte Kind in ihren mütterlichen Armen lag . Der junge Künstler stand wie träumend , das Haupt geneigt ; ihm war , als höre er in weiter Ferne das Wellenrauschen der Nordsee . Und auch die Geliebte schien er mit sich dahin gezogen zu haben ; denn aus ihren Tränen wandte sie plötzlich den Kopf zu ihm empor und sagte : » Aber du , die alte Bade-Kathi muß doch mit zu unserer Hochzeit ! « Da löste sich die Stille in ein heiteres Lachen des Glückes ; ganz vernehmlich blies der Faun auf seiner Flöte , und am Himmel draußen stand in vollem Glanz die Sonne , noch immer die Sonne Homers , und beleuchtete wieder einmal ein junges aufblühendes Menschenschicksal . Am andern Morgen aber flog mit dem ersten Bahnzuge , der nach Norden ging , ein kurzer jubelnder Brief nach der alten Stadt an der Meeresküste .