Abel da sei . ‹ – – Die alte Dame machte eine Pause . » Ich glaube « , sagte sie dann , » dem Angedenken meines seligen Vaters nicht zu nahe zu treten , wenn ich auch dies wenige noch erzähle ; denn wo wäre der Mensch , der der Not des Lebens in jedem Augenblicke standgehalten hätte ! – Herr Abel hatte sich gesetzt ; ich ging ins Brauhaus , weil ich dachte , daß mein Vater dort beschäftigt sei ; aber er war nicht dort . Auf dem Rückwege begegnete mir der neue Knecht : auch er wußte nichts ; er war im Keller bei der Gerste gewesen ; vielleicht , meinte er , sei der Herr hinten auf den Weg hinausgetreten . Ich kehrte deshalb noch einmal wieder um ; aber da ich auch dort ihn nicht gewahren konnte , lief ich ins Haus zurück . Ich suchte im Pesel und in allen Stuben , stieg halb die Bodentreppe hinauf und rief so laut ich konnte : › Vater ! Vater ! ‹ Aber es war alles umsonst . › Vater muß ausgegangen sein ‹ , sagte ich , als ich wieder in die Stube trat . › Ei was ! ‹ rief meine Mutter . › Dort hängt ja sein Hut am Türhaken ; ihr Kinder versteht nur nicht zu suchen ! ‹ Damit ging sie zur Stube hinaus ; und ich hörte sie im Hause und vom Hof her rufen . Aber auch sie kam kopfschüttelnd zurück . › Ich kann das nicht begreifen ‹ , sagte sie . Herr Abel stand auf . Es habe keine Eile , er solle jetzt noch weiter nach dem Norden ; aber um drei Wochen werde er auf hier zurückkommen ; er könne ja auch dann seine Geschäfte mit Herrn Ohrtmann regulieren . Ich weiß nicht weshalb ; aber als der Mann das sagte , mir war , als wisse ich jetzt alles , was noch kommen müsse . – – Ein paar Minuten nachdem er fortgegangen war , trat mein Vater in das Zimmer . › Wo bleibst du denn , Josias ! ‹ rief meine Mutter . › Herr Abel ist eben dagewesen ; wir haben dich durchs ganze Haus gerufen ! ‹ › Ich weiß das ‹ , erwiderte er – und es war gar nicht , als ob das seine Stimme wäre – , › ich habe es gehört ; ich hatte den Mann auch kommen sehen . ‹ Meine Mutter starrte ihn an . › Was sagst du , Josias ? – Mein Gott , und wie du aussiehst ! ‹ Ich bemerkte das nun auch ; sein Haar und seine Kleider waren ganz bedeckt mit Staub und Spinngeweben . › So sprich doch ! ‹ rief meine Mutter wieder . › Um Gottes willen , Josias , was ist geschehen ? Wo bist du gewesen ? ‹ Da riß mein Vater uns mit beiden Armen an sich und drückte uns heftig gegen seine Brust . › Mutter ! – Nane ! ‹ – er sprach leise aber hastig , als ob er es von sich stoßen müsse – › ich hatte mich versteckt ! – Es war das erste Mal , daß ich nicht zahlen konnte ! ‹ – – Er wollte weitersprechen ; aber der starke Mann brach in lautes Schluchzen aus . Meine Mutter hatte ihre Arme sanft um seinen Hals gelegt ; mein junger Kopf aber war vor Schrecken über das Gehörte ganz von Sinnen ; ich klammerte mich mit beiden Händen an meines Vaters Arm , denn mir war , als müßten wir jetzt alle fort ins Elend wandern . Da hörte ich seine Stimme und fühlte seine Hand auf meinem Kopfe . › Laß , Nane ! ‹ sagte er ruhig ; › hole mir den andern Rock , mein Kind ! Herr Abel wird noch in der Stadt sein , ich will jetzt zu ihm gehen . ‹ Wie betäubt tat ich , was er mir befohlen hatte ; dann lief ich in die Küche und setzte mich in einen dunkeln Winkel . Erst als ich meines Vaters Schritte über den Hausflur und dann gleich danach die Türschelle läuten hörte , überfiel mich das Leid um ihn , und ich weinte mich von Herzen satt . – – Wie die Verhandlung mit Herrn Abel ausgefallen , habe ich nicht erfahren ; ich weiß nur , daß wenige Tage darauf die beiden Meerschaumköpfe von der Wand verschwunden waren und daß ich unseren Vater niemals wieder weder seine Abend- noch seine Sonntagspfeife habe rauchen sehen . Den Kalender mit dem rot angestrichenen Festtage bewahrte ich noch lange unter meinen alten Sachen ; gefeiert ist der Tag nicht worden , aber wir konnten ihn dessenungeachtet nicht vergessen . « Die Erzählerin verschloß nach diesen Worten ihre Lippen , und ihre Augen blickten seitwärts , als sei das nicht für fremde Ohren , was jetzt noch aus der Vergangenheit an ihr vorüberziehen mochte . Ein junger , eifriger Prediger , ihr Neffe , welcher mit in der Gesellschaft war , hatte schon zuvor durch ein vergebliches » Aber liebe Tante ! « zu erkennen gegeben , wie notwendig er seinen Beispruch zu dieser Geschichte halte ; jetzt begann er mit merklicher Unruhe auf seinem Stuhl zu rucken . Aber unsere Wirtin war selber eine zu unerschütterliche Christin und fühlte zu genau , wo er hinauswollte , als daß sie seinem drohen den Einwande nicht sogleich die Spitze abgebrochen hätte . » Lieber Hieronymus « , sagte sie , » es ist wohl niemand hier , der an Gottes Barmherzigkeit einen Zweifel hegen möchte , obwohl – die Wahrheit zu sagen – deine Großeltern in ihrem langen Leben wenig genug davon erfahren haben ; aber wir wissen ja auch , daß sie oftmals im Verborgenen ihre Ader fließen läßt , um dann am rechten Orte desto segensreicher aufzusprudeln . Freilich , der Segen kam zumeist auf ihre Kinder ; und auch ich mußte später , als meine kleine Schwester groß und kräftig geworden war , bei fremden Leuten dienen ; aber dadurch « – und sie warf einen unaussprechlich herzlichen Blick auf ihren alten neben ihr sitzenden Mann – » kam ich zu dir , mein Vater , und die fremden Leute wurden meine eigenen ! Und wie es dann gekommen , daß mein Bruder , der wilde Christian , ein stattlicher Bürger und gar der zweitgrößte Brauer in unserm Lande wurde – um das zu erzählen , bin ich eine viel zu gehorsame Ehefrau . « Der Neffe wollte wieder etwas sagen , aber seine Tante ließ ihn wieder nicht zu Worte kommen . » Gewiß , lieber Hieronymus « , sagte sie , » deine seligen Großeltern waren Leute , welche die Wohlfahrt ihrer Kinder für ein größeres Glück erachteten als ihre eigene ; und dahin – das wolltest du wohl sagen – hat jener Finger doch den Weg gewiesen ! Auch hast du selber ja noch beide mit ihren stillen und zufriedenen Angesichtern hier in diesen Lehnstühlen , worin nun ich und dein alter Onkel sitzen , von ihrer harten Lebensarbeit ruhen sehen ! An seinem ersten Geburtstage , den dein Großvater hier in unserem Hause lebte , hatte dein Onkel ihm sogar eine neue Meerschaumpfeife bei seinem Morgenkaffee hingelegt , wie er so schön sie früher nie besessen hatte . Der alte Mann wurde heftig dadurch bewegt ; er nahm das schwarze Sammetkäppchen von seinem ehrwürdigen Haupte , und seine Lippen bebten , als wiederhole er jetzt das heiße Dankgebet , das er vor dreißig Jahren wohl zuletzt gesprochen hatte . Er ließ sich auch von mir ein Seidentüchlein geben , um sorgsam den schönen Kopf darein zu hüllen ; geraucht aber hat er nicht daraus ; das , meinte er , habe er in der langen Zeit verlernt . « Der junge Gottesmann hatte sich mit etwas strengem Ausdruck , aber dennoch , wie es schien , nicht völlig unbefriedigt in seinen Stuhl zurückgelehnt . Dagegen versuchte ich es noch mit einer Frage . » Und Lorenz ? « sagte ich . » Blieb er in der Anstalt ? Ist er dort gestorben ? « » Nein « , erwiderte unsere gute Wirtin , und ihr Antlitz gewann auf einmal wieder seinen alten Ausdruck heiterer Behaglichkeit . » Er ist glücklich wieder herausgekommen und hat noch jahrelang in meines Bruders Haus gelebt . Nur ein wenig wunderlich war er geblieben ; er hatte , wie Christian sagte , sich eine ganz glückselige Dummheit zugelegt ; denn wie er einst geglaubt hatte , daß unsere altmodische Brauerei durch ihn zugrunde gehen werde , so glaubte er jetzt , daß diese neumodische , von der er nichts verstand , nicht ohne ihn bestehen könne . Als derzeit bei einem Besuche mein Bruder mir alle seine großen Anstalten und Gelegenheiten zeigte , klopfte er in einem Durchgang , der von dem Wohngebäude in die Brauerei führte , an eine der seitwärts befindlichen Türen . › Und hier wohnt unser Lorenz ! ‹ sagte er . Er hätte es mir nicht zu sagen brauchen ; denn über der Tür , in Ermangelung eines Wandbetts , das er hier in der Kammer nicht besaß , stand mit Kreide der alte Spruch geschrieben ; nur hatte er jetzt seinen Namen mit dem seines alten Herrn verwechselt , und so lautete es hier : Josias Ohrtmann is mein Nam ; Gott hilf , daß ich in ' n Himmel kam ! Jetzt sind sie beide schon seit lange dort ; und so endet diese Geschichte wie hoffentlich auch alle andern Geschichten auf dieser Erde . Aber das habe ich meinem Bruder doch gesagt , daß er es mit seinem Gest in Obacht nehmen solle . « Sie schwieg und reichte ihrem alten Eheherrn die Hand , der sie wie das Kleinod seines Lebens in die seine nahm . – Und dafür , indem wir jetzt die Feder fortlegen , halten auch wir die Hand einer jeden wahrhaft guten Frau .