nicht entsinnen ; es war vielleicht im Traum nur ; ich muß noch ein halbes Kind gewesen sein . « Es durchlief mich , ich bebte vor dem , was weiter kommen könne ; aber ich faßte mich , und indem ich sie sanft zu mir hinaufzog , sagte ich : » Das ist so zwischen Liebesleuten ; mir ist es auch wohl so gewesen , als hätten unsere Seelen sich gesucht , bevor noch unsere Leiber sich gefunden hatten ; das ist ein alter Glaube , Elsi . « Sie antwortete nicht , aber sie strickte ihre Arme fest um meinen Hals und drückte ihre Wange an die meine ; ihre Augen suchte ich vergebens noch zu sehen , denn der Dämmerungsschein war erloschen , und durch das Fenster funkelte von fern der Abendstern . » Franz ! « hauchte sie endlich . – » Ja , Elsi ? « » Halte mich fest , Franz ! Noch fester ! Oh , mir ist , als könnte man mich von dir reißen ! « Ich preßte sie heftig an mich , aber sie erhob schmerzlich lächelnd ihr Antlitz : » Es hilft dir nicht , Franz ; wir müssen doch wieder voneinander ! « – – Als ich später in meinem Zimmer mit mir allein war , überkam mich ein Schrecken über diesen halbvisionären Zustand ; mit halben Gedanken ging ich auf und ab ; bald griff ich , als sollte mir daraus eine Offenbarung werden , nach diesem oder jenem medizinischen Buche , das unter den andern auf dem Regal stand , und setzte es , meist ohne es nur aufgeschlagen zu haben , wieder an seinen Platz ; ich fühlte mich plötzlich unsicher gleich einem Neuling . Da flog ' s mir durch den Kopf : wir hatten noch immer kein Kind ; eine Fehlgeburt war am Ende des ersten Ehejahres gewesen und nicht ohne nachbleibende Schwächen überwunden worden – wenn es das , wenn es das erste Zeichen eines neuen Lebens wäre ! Der Keim eines solchen wirkt ja oft wunderbar genug in der jungen Mutter . Ich hatte bisher die Kinder nicht vermißt ; aber ich war mir wohl bewußt gewesen , daß ich dereinst nach den Nichtgeborenen so sehnsüchtig wie vergebens die Arme ausstrecken würde . Und so beruhigte ich mich ; ich beobachtete dann , ich frug mein Weib ; aber sie selber wußte von nichts ; ich glaube , sie hatte mich kaum verstanden . Und bald sah auch ich , daß diese Hoffnung eine eitle gewesen sei ; außer einem leichteren Ermüden und einer vermehrten Zärtlichkeit zu ihrem Manne bemerkte ich nichts Auffallendes an ihr . Da eines Tages kamen Schmerzen , nur leichte , vor denen sie selber nicht erschrak ; aber der Ort , wo sie hervortraten , wollte mir nicht gefallen . Sie hatte sich ins Bett gelegt , aber sie konnte am folgenden Tage wieder aufstehen . » Es war nichts , Franz « , sagte sie ; » nur ein Anflug , und dann war ' s wohl meine Hasenangst vor Schmerzen ! « Sie sagte das wohl und war wieder heiter und geschäftig ; aber ein paar Wochen später , da ich vormittags in meinem Zimmer bei der Impfliste saß , trat sie zu mir herein , blaß und mit verzagten Augen . » Ich muß doch wieder in meine Kissen « , sagte sie , » mir ist , als wenn mich Unheil treffen sollte . « Ich brachte sie nach unserem Schlafzimmer ; ich suchte den Grund der sich bald , wenn auch gelinde , einstellenden Schmerzen , aber es wollte mir nicht gleich gelingen . Sie atmete tief auf . » Es wird schon besser ! « flüsterte sie , und nach einiger Zeit : » Geh nur hinunter an deine Arbeit ; es ist vorbei , du kannst mich ruhig liegen lassen ! « Und so trieb sie mich fort , aber ich war unfähig , selbst zu der geringfügigen Arbeit , die vor mir lag ; eine Furcht vor einem Schrecknis , das sich mir vor Augen stellte , hatte mich ergriffen ; ich wanderte rastlos auf und ab . Da wurde an meine Tür gepocht , und ich rief laut » Herein ! « , aber es war nur der Postbote , der Briefe und neue Bücher brachte , auch medizinische Zeitschriften , die von mir gehalten wurden , waren darunter . Ich warf die letzteren unangesehen in die große Schublade meines Schreibtisches , wohin sie sonst erst gelangten , nachdem ich das Wesentliche mir herausgelesen hatte . Es trieb mich wieder hinauf zu meiner Frau . » Sind die Schmerzen wieder da , Elsi ? « frug ich , denn an den Kissen sah ich , daß sie unruhig gelegen hatte . » Ein wenig « , sagte sie ; » aber ich fürchte mich noch nicht ! « Doch mir konnte diese Antwort nicht genügen . » Sei so gut , mein Elsi ! « sagte ich ; » laß mich suchen , von wo aus sie dich quälen wollen ; wir müssen sie bekämpfen , eh sie stärker werden ! « – – O Hans , ich glaub , ich betete zu Gott , als ich die Hand nach ihrem armen Körper ausstreckte . Sie hatte mir nicht geantwortet ; nur leise nickte sie mir zu . Plötzlich es war das erste Mal in meinem Berufe – begann meine Hand zu zittern , und Elsis große erschrockene Augen blitzten in die meinen . › Carcinoma ! ‹ sprach es in mir ; es durchfuhr mich ; wie kam das Entsetzliche zu meinem noch so jungen Weibe ? Das Leiden galt derzeit in der Wissenschaft für absolut unheilbar ; nach leis heranschleichenden , alles Menschliche überbietenden Qualen war stets der Tod das Ende . Ich kannte diese Krankheit sehr genau , und mit Schaudern gedachte ich des letzten grauenhaften Stadiums derselben . Ich zog die Hand zurück ; ich küßte mein armes Weib ; dann suchte ich über Gleichgültiges mit ihr zu reden , aber sie lehnte schweigend den Ellenbogen auf den Rand des Bettes , den blassen Kopf in ihre Hand legend , und blickte durch das Zimmer wir ins Leere . » Ich kann ' s nur noch so schnell nicht fassen « , sagte sie , und die Worte kamen ihr fast tonlos von den Lippen ; » solang ich von mir weiß , habe ich gelebt und immer nur gelebt – nur vielleicht im Schlaf nicht – – doch ja , auch im Schlaf . – Du weißt es wohl , Franz , du weißt ja soviel : sag mir , wie ist denn der Tod ? « Sie hatte die Augen zu mir erhoben und sah mich unruhig fragend an . » Möge er uns noch lange fernbleiben ! « entgegnete ich , aber mir war die Kehle wie zugeschnürt . » Du antwortest mir nicht , Franz ! « sprach sie wieder . – » Warum soll ich dir darauf antworten ? Was soll der Tod zwischen uns ? « Sie blickte mich durchdringend an , als wollte sie das Innerste meiner Seele lesen . » Der will mich ! « sagte sie ; » und bekenn es nur , auch du glaubst , daß ich sterben werde . Ich hab es deinen Augen angesehen ! « Ein Stöhnen wollte sich mir entringen , und in mir sprach es : › Sterben ? Nur sterben ? Oh , armes Weib , du ahnst nicht , was es dir kosten wird ! ‹ Laut aber sprach ich : » Du bist krank , Elsi , und wir müssen um deine Gesundheit kämpfen ! « Sie wurde totenblaß : » Sag nur › um dein Leben ‹ , Franz ! « » Das kannst du in meinen Augen nicht gelesen haben . « Ich wußte wohl , daß ich sie täuschte ; vielleicht hat sie ' s gefühlt . Sie sprach nicht mehr ; sie ergriff meine Hand und ließ sich in die Kissen sinken . – – Meine äußersten Befürchtungen erfüllten sich ; die Schmerzen traten stärker auf , und ich sah mein Weib in Todesqual sich winden , als sie noch nicht die Hälfte ihrer Höhe erreicht hatten . Fürchte nicht , Hans « , unterbrach sich mein Freund , » daß ich Schritt für Schritt mit dir an diesem Leiden entlanggehen werde ; ich will dich auch mit ärztlicher Weisheit nicht quälen : es war eine jener Abdominalkrankheiten , die so viele Frauen , wenn auch meist erst in späterem Alter , hinraffen , und bald war der Gipfelpunkt erreicht , wo auch die kühnste Hoffnung sinken mußte . Wie mit versteinertem Hirn saß ich eines Nachts an ihrem Bett – die Nächte bin ich allzeit allein bei ihr gewesen – , ein furchtbarer Schauer war eben wieder einmal vorüber , und wie eine welke Blume lag sie mir im Arm , an meiner Brust , blutlos , ohne alle Schwere des Lebens . Ich wußte , das Beste , was bevorstehen konnte , war ein möglichst balder Tod ; ich frug mich : › Wie ist es möglich , daß sie noch immer lebt ? ‹ Wie ein Irrsinn flog es mich an : › Ist etwas in ihr , das sie nicht sterben läßt ? ‹ Aber in mir , und fast höhnisch , sprach es : › Du Tor , sie wird schon sterben können ! ‹ Ein entsetzliches Selbstgespräch , Hans ; denn ich liebte sie ja so grenzenlos , so wahnsinnig , daß ich auch jetzt , trotz meines vielgerühmten Scharfsinns , nicht lassen konnte , sie immer wieder über das Menschliche hinauszuheben . › Nein , nein , es geht zu Ende ! ‹ sprach ich zu mir selbst ; ich lebte in mir durch , was kommen mußte – zuletzt blieb nur die Totenstille und ein großes ödes Haus . Da hörte ich meinen Namen rufen ; ich schrak zusammen , und doch , es war nur ihre Stimme ; eine kurze Ruhe , eine Erholung war ihr vergönnt gewesen , und es war nun , als ob ihre Augen sich mühten , liebevoll zu mir aufzublicken . » Franz « , sagte sie – aber ihre Worte kamen in abgerissenen Sätzen , auch ihre liebe Stimme hätte ich an fremdem Orte nicht erkannt – , » Franz « , wiederholte sie , » scheint denn der Mond da draußen ? « » Ja , Elsi , sieh nur , durch das Südostfenster fällt es auch hier hinein ! « Ich hob sie ein wenig an mir empor . » Siehst du es nun ? « – » Ich sehe ; o wie schön ! « Ich hielt sie noch an mir , es war nicht unbequem für sie . » Franz « , begann sie wieder , » ich dachte nicht , dich wiederzusehen ; als die Schmerzen von mir sanken , aber meine Augen noch geschlossen waren , fühlte ich es vor meinem Munde wehen ; ich weiß , das war meine Seele , die den Leib verlassen wollte , aber mein Odem , der erwacht war , zog sie wieder zurück – o Franz , hab Erbarmen , ich kann das Furchtbare nicht noch einmal ertragen « – ich sah es , wie ein Schauder durch ihren Körper lief – , » und du weißt es « , sprach sie wieder , und es klang hart , » ich muß doch sterben ! Erlöse mich ! Du mußt es , Franz ! Wenn es wiederkommt , dann ... Du darfst mich nicht tausend Tode sterben lassen ! « Ihre Hände hatten sich erhoben und streichelten meine Wangen wie die eines flehenden Kindes . » Elsi ! « schrie ich ; » deine Worte rasen ! Was dir so weh macht , das ist nicht der Tod , das ist das Leben ! « » Das Leben , Franz ? Es war so süß mit dir ! Jetzt aber – – « Ich wiegte langsam meinen Kopf ; ich bat : » Sprich nicht mehr so , geliebte Elsi ! « Aber sie warf sich herum und rang ihre mageren Händchen . » Er will nicht ! « schrie sie ; » er will nicht ! O Gott , so sei du mir endlich gnädig ! « Schon sah ich sie aufs neue den unsichtbaren Folterern verfallen , da fühlte ich , daß sie meinen Kopf zu sich herabzuziehen suchte , und als ich mich zu ihr beugte , sah ich in ihr altes geliebtes Antlitz . » Du « , sagte sie , und es war noch einmal der liebe Ton aus vergangenen Tagen , » glaubst du , daß die Toten von den Lebenden getrennt sind ? O nein , das ist nicht . Solange du mich liebst , kann ich nicht von dir ; du weißt , ich kann ' s ja gar nicht ; nicht wahr , du weißt es ? Ich bleibe bei dir , du hast mich noch , und wenn deine leiblichen Augen mich auch nicht sehen , was tut ' s , du trägst mein Bild ja in dir ; du brauchst dich nicht zu fürchten ! Küß mich , küß mich jetzt noch einmal , mein geliebter Mann ; noch einmal deinen Mund auf meinen ! – – So , nun nicht mehr ! Nun , wenn es da ist , tu , worum ich dich gebeten habe ! In dem kleinen Fache deines Schrankes – du hast ja Zaubertränke , daß der Leib ohn Zucken einschläft ! « So ging es fort ; lange , bestrickend , verwirrend . O Hans , ich kann dir all die Worte nicht wiederholen ; sie enthielten alle nur eine Bitte : die um den Tod von ihres Mannes Hand , der leider ein Arzt war . « Ich hatte in namenloser Spannung zugehört . » Und du , Franz ? « rief ich . » Ich , mein Freund ? « entgegnete Franz . » Ich vermochte ihr nicht zu antworten ; es war auch kaum , als ob sie das erwarte ; ich umschloß sie nur immer fester mit meinen Armen ; wenn ich es heut bedenke , mir ist , ich hätte sie erdrücken müssen . Aber ihre Worte kamen allmählich immer langsamer , und ich fühlte es plötzlich , ich hielt nur noch eine Schlafende in meinen Armen . Ich legte sie aufs Bett , und endlich schien der Morgen durch die Fenster ; und als , noch in der Frühdämmerung , die Wärterin eintrat , ließ ich sie am Bette niedersitzen und ging , wie schon in mancher Frühe , in mein Zimmer hinab , wohin die Magd mein einsames Frühstück gestellt hatte . « – – Franz hatte sich zurückgelehnt , als sei ein Augenblick der Ruhe eingetreten ; ich atmete tief auf ; ein » Gott sei gedankt ! « entfuhr mir . Franz sah mich finster an . » Spar das fürerst ! « sagte er hart . » Ich bin noch nicht zu Ende . « » Mein Weib hatte recht : in meinem Schranke war ein dreimal verschlossenes Fach ; dreimal , denn der Hauch des Todes war darin geborgen . Ohne eine Absicht , nur als müsse es so sein , öffnete ich die Schlösser und nahm nach langer Musterung von den kleinen sorgfältig verschlossenen Kristallfläschchen , welche darin nebeneinander standen , das kleinste an mich ; ebensolange hielt ich es gegen den Tag und betrachtete , ich kann nicht sagen , ob gedankenvoll oder gedankenlos , die wenigen wasserklaren Tropfen , welche kaum darin zu erkennen waren ; ein Nichts , ein furchtbares Nichts . Dann steckte ich es zu mir ; ich dachte mir noch kaum etwas dabei . Aber – – laß mich nichts von diesem Tage sagen ! Was ich nie gekannt hatte , ich fühlte mein Herz unruhig werden , es schlug mir bis in den Hals hinauf ; immer wieder fuhr meine Hand von außen an die Tasche , worin das Fläschchen steckte , als wolle sie sich versichern , ob es noch vorhanden sei ; dann wieder , so winzig es war , kam mir die Empfindung , als sei es mir unbequem , als ob es mich drücke , und ich steckte es in die andere Tasche ; o Hans , ich glaube heut , es war mein bös Gewissen , das mich drückte ; aber daran dachte ich damals nicht . Ich hatte persönlich jeder Praxis für die nächste Zeit entsagt und alles meinem Assistenten aufgeladen , der , so gut es gehen wollte , damit fertig wurde . Daher frug niemand nach mir ; ich hatte nach außen hin nichts zu tun . Aber was ich an andern sonst getadelt , ja gehaßt hatte , heute kam es über mich selbst : ohne eigenen Willen und ohne das Maß der Einsicht der Zukunft anzulegen , ließ ich mich den Dingen , die da kommen würden , entgegentreiben ; mit Gewalt nur unterdrückte ich meine kaum zu dämpfende Erkenntnis . Du glaubst mir , daß ich dabei keine Ruhe fand ; bald war ich im Garten , bald am Bette meiner Frau , dann wieder unten in meinem Zimmer . Endlich – endlich neigte sich der lange Tag , die Schatten fielen . Ich ging in unser Schlafgemach , wo Elsi noch ihr Lager hatte und es auch behielt ; die Wärterin stand an ihrem Bette und ordnete ihr blondes Haar , das bei der Unruhe der Kranken sich verwirrt hatte ; aber bei meinem Eintritt warf Elsi ihr Haupt herum und wandte ihr schönes Leidensantlitz zu mir . » Es ist gut , Frau Jans ! Lassen Sie nur ! « sagte sie hastig , und dann zu mir : » Bleib bei mir , Franz ! Du – aber ganz allein ! « und sah mich mit ihren wie in schmerzlichem Abschied glänzenden Augen an . Die Wartefrau hatte ein krankes Kind zu Haus ; ich sandte sie fort bis auf die gewohnte Morgenstunde . – Als wir allein waren , setzte ich mich , wie ich pflegte , auf den Rand des Bettes und nahm ihr Haupt an meine Brust . Sie drückte sich sanft an mich heran : » O Franz , wie ist es gut , bei dir zu sein ! « Wir sprachen nicht ; es war noch eine lange , glückliche Stunde ; auch mein Herz begann wieder ruhig zu schlagen . Da schrie sie plötzlich auf : wie von Dämonen , die aber kein sterblich Auge sah , fühlte sie ihren Leib in meinen Armen geschüttelt ; mir war ' s , als wollten sie die Seele heraushaben und als könnten sie es nicht . » Franz , o Franz ! « Das war noch ein letztes Wort ; dann versagte ihr die Stimme , selbst der erlösende Schrei zerbrach vor den zusammengebissenen Zähnen . Da warf sie mit Gewalt ihr Haupt empor ich habe nirgend sonst , nie ein so von Qual verzerrtes Menschenantlitz gesehen ; nur aus den Augen , und flüchtig wie ein schießender Stern , traf jetzt ein Blick noch in die meinen ein Blick zum Rande voll von Verzweiflung und heißer verlangender Bitte . Sie mühte sich , ein Wort zu sagen ; sie konnte es nicht , und die Anfälle kamen immer wieder . Ich war wie niedergeworfen von all den holden Geistern des Lebens : Liebe , Mitleid und Erbarmen waren dem Hülflosen zu furchtbaren Dämonen geworden ; mir war , ich sei ein Nichts und nur bestimmt , das Elend anzuschauen ; da – fühlte ich plötzlich , daß ich das Fläschchen in meiner linken Hand hatte . Es durchfuhr mich ; ich hatte mein Weib noch immer in den Armen . Dann kam ein Augenblick ... « Der Erzähler stockte . » Franz « , schrie ich , » Franz , du hast dein Weib getötet ! « Er hob die Hand : » Still ! « sagte er ; » ich will das Wort nicht scheuen : ich habe sie getötet . Aber damals erschreckte es mich nicht ; ging doch das Leid zu Ende ! Ich fühlte , wie das junge Haupt an meiner Brust herabsank , wie die Schmerzen sanken ; noch einmal wandte sich ihr Antlitz , und – es mag ja Täuschung gewesen sein , mir aber war es , als säh ich in das Antlitz meines Nachtgesichts , wie es einstmals verschwindend von mir Abschied nahm ; jenes und meines Weibes Züge waren mir in diesem Augenblicke eins . Die Zeit meiner Jugend überkam mich ; das Abendrot brach durch die Scheiben und überflutete sanft die Sterbende und alles um sie her . Und nun jenes hörbare Atmen , das ich bei andern nur zu oft gehört hatte ; ich neigte mein Ohr an ihre Lippen , es war keine Täuschung , und noch in meiner letzten Stunde werd ich es hören : » Dank , Franz ! « – dann streckten diese jungen Glieder sich zum letzten Mal . « Franz schwieg ; er hatte schon vorher seinen Sofaplatz verlassen und sich einen Stuhl mir gegenüber hergeschoben . Ich hörte , wie in einem Bann befangen ; aber ich unterbrach ihn nicht mehr , ich wartete geduldig . » Wie lange ich so gesessen « , begann er nach einer Weile wieder , » die Tote in meinen Armen , weiß ich nicht ; nur eines entsinne ich mich : es mag noch vor dem Dunkelwerden gewesen sein , da war mir , als höre ich aus dem anstoßenden Wohnzimmer leise Schritte über den Teppich gegen unsere Tür kommen ; als sie sich ohne Anpochen öffnete , sieht unserer Freundin , Frau Käthes , teilnehmendes Antlitz in das Zimmer ; sie pflegte jeden Nachmittag der Kranken Trost und Erquickung zu bringen . Aber diesmal kam sie nicht ; ich sah plötzlich , daß die Tür wieder geschlossen war , und hörte ein herzbrechendes Schluchzen durch das Wohnzimmer sich entfernen . Die Gruppe , welche der Lebendige und die Tote miteinander machten , hatte ihr die Vernichtung meines Hauses kundgetan . Ich saß noch lange ohne Regung ; dann aber , als ich fühlte , daß es dunkel um mich her war und nur der Mondstreifen , welcher noch gestern Elsis lebendiges Herz erfreut hatte , wieder durch das Südostfenster hereinfiel , ließ ich den Leichnam aus meinen Armen auf das Bett sinken und verließ das Zimmer , das ich hinter mir verschloß . Mir ist noch genau erinnerlich , daß ich das Gefühl hatte , als ob ich auf Stelzen gehe , als seien meine Glieder nicht die meinen . So befand ich mich nach kurzer Zeit im Garten ; mir war , als müßte sie dort sein , da sie nicht mehr im Hause war . Ich ging zwischen den Rasen , zwischen den Tannen ; bald im Schatten , bald fiel das Mondlicht auf die Steige ; mitunter fuhr ein Nachtwind auf und führte eine Schar von fallenden Blättern durch die Luft ; weiße Scheine lagen hier und da auf Bänken oder Büschen ; aber von ihr war keine Spur , eine totenstille Einsamkeit war auch hier um mich herum . Mich schauerte , als ich laut und dann noch einmal ihren Namen rief . Ich wollte , ich mußte noch eine Lebensäußerung von ihr haben ; für das , was ich ihr getan hatte , waren auch ihre letzten Worte mir nicht genug . Ich stand und hielt den Atem an , um auch den kleinsten Laut nicht zu verlieren , aber nichts kam zurück , nichts , was ich mit den Sinnen fassen konnte : was ich besessen hatte – das hatte ich gehabt , das war im sicheren Lande der Vergangenheit ; das Sausen in den Tannen , der dumpfe Rabenschrei , der aus der Luft herabscholl , gehörten nicht dazu . Da – ich entsinne mich dessen noch deutlich – fühlte ich etwas um meine Füße streichen , sich leise an mich drängen . Als ich hinabblickte , sah ich , daß es die arme weiße Katze war ; sie ringelte den Schwanz und mauzte kläglich zu herauf . » Suchst du sie auch ? « sagte ich . Dann hob ich das Tier auf meinen Arm und ging mit ihm dem Hause zu . Die Nacht saß ich bei ihr , die ich getötet hatte ; keine Lampe brannte , es war ganz finster in dem Zimmer ; in meiner Hand hielt ich eine andere ; sie war schon kalt , sie wurde immer kälter , ich konnte es nicht ändern , und als es Morgen wurde , fühlte ich es bis ins Herz hinein . Da kam mir der Gedanke , ob denn der Tod nicht ansteckend sei ; aber es war nicht , es war überhaupt auch sonst nichts , gar nichts ; nur ihr geliebtes Haupt lag still und friedlich auf dem Kissen . « Mein Freund war aufgestanden und sah wie abwesend aus dem Fenster in den traurigen Hof hinaus , nicht achtend , daß die Dohle wieder mit ihren schwarzen Flügeln gegen die Scheiben schlug . Aber ihr Krächzen nach neuem Futter war diesmal umsonst ; ihr Herr setzte sich mir wieder gegenüber und sah mich lange an , als ob er mich bemitleide . » Armer Hans « , begann er dann aufs neue , » mein Bericht ist auch jetzt noch nicht am Ende , denn ich selbst bin noch immer übrig , und im Herbste jährt es sich zum dritten Mal , seit das geschah , was ich dir erzählt habe . – – Elsi war begraben ; die Kirchhofserde bedeckte den furchtbaren Prozeß , den die Natur einmal an allem übt , das sie einst selbst hervorgebracht hatte . Wie mir zumute war ? Von Laien war mir oft gesagt , daß sie einen starken Seelenschmerz an einer bestimmten Stelle ihres Körpers nachempfänden , und es ist ein Korn Wahrheit in diesen Worten ; bei mir aber war es nur ein dumpfer Schreck , der sich eingenistet hatte , wo andere den Schmerz um ihre Toten zu empfinden meinten – und wenn du willst , so ist das noch heut mein körperliches Leiden . Ich sagte mir wohl , es sei jetzt Zeit , meine Praxis wieder aufzunehmen , die sonst mir selber vorbehaltenen Kranken wieder zu besuchen , zumal ich sah , daß mein junger Gehülfe es nur auf Kosten seiner Gesundheit fertigbrachte . Aber eine panische Furcht ergriff mich , wenn mir der Gedanke kam ; ich scheute mich vor den Menschen , ich vermied sie und lebte wie ein Einsiedler eine Woche nach der andern , nur in meinem Haus und Garten , in letzterem selbst dann noch , als der Winter ihn mit Reif und Schnee beladen hatte . Und niemand störte mich in dieser Vereinsamung ; mein junger Mann tat schweigend seine Pflicht , weit mehr als dies ; meine alten Patienten mochten Mitleid mit mir haben und auch wohl denken , der Doktor stehe doch unsichtbar hinter seinem Assistenten ; einzelnen der jungen Frauen oder Mädchen mochte auch vielleicht der hübsche Junge zusagen , wenigstens holte er sich gleich darauf aus diesen Kreisen eine Braut . Da aber mußte es geschehen , daß eine arge Seuche auf die Stadt und zumal auf unsere Jugend fiel ; ein altes Übel , das aber nach manchen Jahren jetzt wieder auftauchte . Bei Beginn desselben war es , daß eines Morgens der Finger meines jungen Hausgenossen bescheiden an die Tür meines Zimmers pochte . » Ich möchte nicht stören , Herr Doktor « , sagte er bei seinem Eintritt ; » aber Sie werden es auch selbst wünschen , daß wir in der Behandlung dieser unerwarteten Krankheit übereinstimmen . « Ich sah ihn überrascht an ; ich wußte nichts von einer neuen Krankheit . » Verzeihen Sie « , sagte der junge Mann verlegen , indem er den nach allerlei mitspielenden Nerven konstruierten Namen nannte , » mir ist sie bisher in praxi noch unbekannt geblieben ; sie ist plötzlich hier erschienen , und es sind schon Todesfälle nach kürzestem Verlaufe vorgekommen . « Ich wußte zwar von dieser Krankheit , aber auch mir war sie weder auf Universitäten noch später vorgekommen ; sie war heillos in der Schnelligkeit , womit sie ihre Opfer packte . Ich raffte mich zusammen , wir verhandelten , wir lasen , zumal auch in den älteren Praktikern , die aus ihrer Zeit das Übel durch Erfahrung kannten und deren feine Beobachtung bei geringen Hülfsmitteln mir immer Achtung eingeflößt hatte . So kamen wir zu bestimmten Schlüssen und zur Feststellung eines einzuschlagenden Verfahrens . Als er sich entfernen wollte , sah ich ihm zum ersten Mal voll ins Antlitz . » Aber was ist Ihnen ? « frug ich ; » sind Sie krank ? « Er schüttelte den Kopf : » Das ist nur von der Nachtunruhe in den letzten Tagen . « Ich streckte ihm erschrocken meine Hand entgegen : » So verzeihen Sie mir , daß ich über die Tote den Lebenden vergessen habe . « Aber ihm sprangen die Tränen aus den Augen . » Verzeihen ? « stammelte er ; » ich selber kann Ihre Tote nicht vergessen , wie sollten Sie es können ! « Der brave Junge ! Elsi war immer wie eine Schwester gegen ihn gewesen ; und – wenn er meine Praxis erbte , ich hätte nicht viel dagegen ! – Nein « , fügte er hinzu und streckte abwehrend seine Hand nach mir , » unterbrich mich nicht ! Ich kann jetzt nicht davon reden . – – Als mein Assistent sich entfernt hatte , fühlte ich