seine Hakenbüchse putzte , trat zögernden Schrittes Heilwig zu ihm ein . Als er sie erblickte , schien sein schwarzes Auge licht zu werden ; er streckte ihr die freie Hand entgegen , als wolle er nach einem Glücke greifen . Da sie dennoch scheu und schweigend an der Schwelle blieb , sprach er : » Weshalb kommst du nicht näher , Heilwig , da du doch gekommen bist ? « Da trat sie näher zu ihm hin . » Herr Pate « , sprach sie , doch so leise , daß er sein Ohr zu ihrem Munde neigen mußte ; » ich komme , ich wollte Euch um etwas bitten ! « Wie eine Freudenbotschaft hat das Wort dem finsteren Manne geklungen ; er warf sein Jagdgewehr beiseite und ergriff die beiden Hände des Mädchens . » Bitte nur , Heilwig ! « sagte er , sie heftig schüttelnd ; » du hast mich nie gebeten , nun mach ' s gleich so , daß ich es fühlen kann ! « Doch als sie darauf sprach : » Herr Pate , so lasset doch den armen Stier am Leben ! « , da fuhr er auf und schrie : » Wer hat dich hergeschickt ? Du redest mit Frau Benediktes Zunge ! « Dann wieder , da das Kind ob seiner Heftigkeit in Tränen ausbrach , hat er sie plötzlich auf den Arm gehoben und ist mit ihr die Treppe nach dem Hof hinabgestürmt . Erst vor der Zelle , aus der das dröhnende Gebrüll hervorbrach , ließ er sie zur Erde . Als aber die Bohlentür geöffnet war und Heilwig , von den blutroten Augen des rasenden Tiers erschreckt , entfliehen wollte , hielt er sie fest und hieß einem Hofjungen ein Bündel Heu herbeiholen , so groß er es mit beiden Armen fassen könne . » Nun , Heilwig « , rief Herr Hennicke , als jetzt der Stier den duftigen Haufen stampfend und schnaubend mit dem rauchenden Maul durchwühlte ; » da hast du deinen Willen , nun aber sollst du für dich selber bitten ! « Das jetzt zwölfjährige Mädchen , das nur mit Widerstreben festgehalten wurde , zuckte bei diesem Wort erschreckt zusammen ; dann aber hob sie sich auf den Zehen zu dem großen Mann empor , und ihre blauen Augen glänzten plötzlich , nicht wie eines Kindes , sondern wie die Augen eines Weibes . » Sprich ! « sagte er erwartungsvoll . Da sprach sie , aber es klang fast mehr wie zornig als wie bittend : » Herr Pate , so sollet Ihr den Junker Detlev wiederkommen lassen ! « Herr Hennicke zuckte jäher noch zusammen als vorhin Heilwig ; er antwortete nicht , er ließ nur die Hand des Mädchens fahren . Und so standen beide wortlos nebeneinander , bis das erneute Gebrüll des Tieres kundgab , daß auch das vorgeworfene Futter seinen Hunger noch nicht gestillt habe . – – Als es Winter wurde , kam eine Rede über den Junker Detlev , er sei von Lübeck aus mit einem Spanienfahrer als Schiffsjunge in die weite Welt gegangen ; zugleich erhob sich das Gerücht , im Rittersaale auf Eekenhof steige wiederum das Bild aus seinem Rahmen , in hellen Nächten zeige sich die tote Frau am Fenster und schaue aus nach dem Verstoßenen . Als das zu Herrn Hennickes Ohren drang , ergrimmte er heftig und verschwor sich , er wolle dem verfluchten Spuk ein Ende machen . Mit blankem Jagdmesser , so heißt es , habe er vor dem Bilde gestanden , um es zu zerstören ; aber die stillen Augen hätten ihn angeschaut , daß sein zum Stoße schon erhobener Arm herabgesunken sei . Nach diesem ist der Saal von keinem mehr betreten worden ; wie einst der Letzte des Geschlechts es ausgesprochen hatte , die Bilder der Abgeschiedenen sind jetzt alle wie in einer Gruft beisammen gewesen . Nur wenn in Mondnächten sich die weite Himmelsferne öffnete , zumal wenn im Äquinoktium die Stürme tobten , soll jene nächtliche Erscheinung sich noch oftmals wiederholt haben . Die beiden Bewohnerinnen von Eekenhof hatten nichts davon gesehen ; nur einmal , da sie nachts in ihrer Schlafkammer , welche unter dem Saale lag , vom Sturm erwachten , haben sie über sich ein Rauschen wie von Frauengewändern hören können und haben dann für den Junker Detlev und für die tote Frau ein still Gebet gesprochen . Manches Jahr war dahingegangen ; längst war der Informator in das statt Ehrensoldes ihm verheißene Pfarramt eingetreten ; in dem Hause auf Eekenhof wohnte eine halbblinde Greisin mit einer frisch erblühten Jungfrau , deren wehendes Kraushaar jetzt in schweren Flechten gefesselt lag . Nur zum Kirchgange an Sonn- und Feiertagen , oder wenn ihr Pate sie zu sich kommen hieß , und auch dann nur für kurze Stunden , verließ Heilwig die Großmutter und den einsamen Bezirk des Hofes . Doch wenn der Tag sich neigte , zumal im Frühjahr , wenn vom Norden her die Vogelschwärme zogen , schritt sie manchmal über die Landstraße nach einem jenseits belegenen Heidehügel und spähte in die Ferne , bis das Abendgold verglommen war . Mitunter , am Sonntagabend , kam der junge Pastor die Straße heraufgewandert ; dann lief sie ihm entgegen , und sie gingen Hand in Hand über die Brücke und nach dem Hause zu der blinden Großmutter . Im Dorfe hieß es eine Zeitlang , der junge Pastor freie um das schwarze Mädchen auf Eekenhof . Allein sie irrten ; er war es nicht , nach welchem das Mädchen in die Nacht hinaussah . – – Drüben in der Stadt , in einer Maienwoche , war wieder einmal Landgericht gehalten worden ; sechs königliche Trompeter und ein herzoglicher Heerpauker , durch die Straßen reitend , hatten es verkündigt ; und von allen Seiten war man herbeigekommen , sei es , um alten Streit zu schlichten oder um neue Rechte zu begründen . Auch Herr Hennicke war dort gewesen . Schon zuvor hatte er durch Zeugen dargetan , daß sein jetzt mündiger Sohn aus erster Ehe vor nunmehr fast zehn Jahren auf einem Lübischen Kauffahrer nach dem Mittelmeer das Land verlassen habe und daß von Schiff und Mannschaft später keine Kunde laut geworden sei ; nun hatte er es so gut wie unter Brief und Siegel , daß der Junker Detlev als ein Verschollener durch Spruch des Landgerichts für tot erklärt und somit der Eekenhof des Vaters Erb und Eigen werde . Aber noch ein anderes wollte Herr Hennicke in der Stadt betreiben . Etwas war doch auf Erden , woran seine Seele hing ; nicht etwa seine anderen Söhne , die beiden Füchse , welche jetzt schon gleich dem Vogte zwischen den Leibeigenen die Peitsche führten ; es war noch immer das Kind mit dem schwarzen Haar , gleich seinem , und mit jenen Augen , aus denen ein längst verblichenes Antlitz wider ihn zu klagen schien . War es auch zur schlanken Jungfer aufgewachsen , das alte Spiel war geblieben ; noch immer floh sie ihren wilden Paten , und noch immer dürstete ihn nach einem trauten Wort aus ihrem Munde . Nun aber – und Herr Hennicke , der auf der Heimreise war , ließ bei dem Gedanken seinen Gaul in Sprüngen tanzen – , nun sollte sie ihm bald nicht mehr entrinnen können ! Frau Benediktes Zunge war in den letzten Jahren immer schärfer und spitziger geworden ; das Schlüsselbund zu Kammer und Keller hielt sie so fest in ihren mageren Fingern , daß selbst Herr Hennicke es ihr nicht zu entreißen wagte ; aber auch ihre Backenknochen traten spitz hervor , der Strom ihrer Rede wurde oft durch dumpfes Hüsteln unterbrochen , und es schien unvermeidlich , daß zum nächsten Frühjahr nur noch ein gespenstiger Nachhall ihres wirtschaftlichen Waltens auf Trepp ' und Gängen das Gesinde schrecken werde . Herr Hennicke aber sah daraus das Kräutlein » Hoffnung « grünen ; er wollte dann das Kind , das einzige , das ihm im Sinne lag , nach Recht und Ordnung zu dem seinen machen ; mit ihr allein wollte er dann auf seinem neuen Eigen hausen , und später sollte sie seine Erbin sein ; die beiden Füchse mochten sich auf ihrem mütterlichen Gute nähren . Schon jetzt hatte er wegen des erforderlichen Gnadenbriefes bei des Herzogs Kanzler vorgefragt und auch hierüber , wie er meinte , für den eintretenden Fall einen guten Zuspruch mitbekommen . Auf halbem Wege war Herr Hennicke bei einem Nachbar zum zweiten Morgenimbiß eingekehrt . » Was bringst du , Henne ? « frug ihn dieser ; » dein schwarzes Antlitz leuchtet wie die gute Zeit ! « Und dabei schenkte er ihm von neuem in das weite Glas . Herr Hennicke trank ; aber er war nicht der Mann , seine Gedanken beim Weine zu verraten . Er wollte freilich plaudern , aber anderswo . Fröhlich nickend schwang er sich in den Sattel ; und immer schneller ging der Ritt , vorüber an Frau Benediktes Haus , dann auf der Straße fort nach Eekenhof . Als er an die schmale Holzbrücke kam , scheute das Pferd und wollte nicht mehr vorwärts ; aber der Reiter drückte ihm die scharfen Sporen in die Weichen , daß es mit donnerndem Hufschlag hinüberflog ; oben aus den Eichenwipfeln fuhr krächzend eine Schar von schwarzen Krähen , die seit Junker Detlevs Fortgang dort Besitz genommen hatten . Nur mit Mühe brachte Herr Hennicke sein Pferd zum Stehen ; dann rief er : » Heilwig ! Heilwig ! « nach dem Hause zu . Und als sie kam und zögernd näher trat , ergriff er ihre Hand und zog das erschreckte Mädchen hart bis an die Hufen seines unruhig stampfenden Pferdes . Seine schwarzen Augen glänzten in dem von Wein und wilden Hoffnungen geröteten Antlitz , und während sie wie betäubt zu ihm emporsah , überschüttete er sie mit dunkeln und verworrenen Andeutungen seiner Zukunftsträume . » Geduld nur , Heilwig ! « rief er . » Nicht mehr im Unterbau ; da droben in den großen Stuben sollst du wohnen ; die Toten kommen nicht wieder ; aber die dummen Bilder sollen fort ; ich will die begrabenen Augen nicht mehr um mich haben ! « Dann plötzlich riß er das Pferd herum und jagte fort , so wie er eben erst gekommen war . Eine Weile starrte ihm das schlanke Mädchen nach ; dann floh sie ins Haus zurück und warf sich weinend zu den Füßen der halbblinden Greisin . Nur eines aus den wüsten Reden ihres Paten hatte sie herausgehört ; ihr war , als habe er ihr Junker Detlevs Tod verkünden wollen . Aber die Großmutter strich ihr die schwarzen Löckchen von der Stirn . » Sei ruhig , Heilwig « , sprach sie ; » der Stieglitz hat noch nicht gesungen ! « Und als Heilwig meinte : » Großmutter , hier singen keine Vögel mehr ; die schwarzen Krähen haben sie alle ja zerrissen « , da erhob die Greisin ihren Finger , als wolle sie oben nach dem Saale weisen : » Den einen nicht , Heilwig , den einen nicht ; der ist kein Futter für die Krähen ! « Nicht lange danach , an einem Sonntagnachmittage , als eben Frau Benedikte ein selbstgebrautes Kräutertränklein zum Kühlen in das offene Fenster stellte , ist auf dem Hofe dort ein Reiter von einer Schecken abgestiegen . Er ist noch jung gewesen , aber in einer Tracht , wie man sie einige Jahre früher , da die Pariser Moden noch nicht die Herrschaft gewonnen hatten , in Hamburg oder Lübeck an den vornehmeren Kaufherren hatte sehen können , die aber auswärts in den deutschen Handelsplätzen auch derzeit noch im Schwange sein mochte . Der volle blonde Bart floß lang herab auf einen dunkeln , mit Marderpelz verbrämten Mantel , an welchem das Halstuch von weißem Linnen mit goldener Spange festgeheftet war ; dagegen erschien unter dem breiten Rand des Hutes das Haupthaar so kurz geschoren , wie es nur immer Frau Benedikte einst dem kleinen Junker Detlev zugedacht haben mochte . Als er sein Pferd einem herbeigerufenen Jungen übergeben hatte und nun die Freitreppe zum Hause hinaufschritt , wurden in einem Leibgurt unter seinem Mantel ein Paar Pistolen sichtbar , deren Schlösser nach der neuesten Erfindung und außerdem von besonders kunstvoller Arbeit zu sein schienen . In höflichen , aber knappen Worten frug er die auf dem Flur ihm entgegentretende Schloßfrau nach ihrem Eheherrn und wurde von dieser , während ihre Augen eine behende Musterung an ihm vollzogen , in das Oberhaus hinaufgewiesen . Droben , in einem sonst nicht benutzten Zimmer , saß Herr Hennicke schon seit dem frühen Morgen rechnend und vergleichend über den alten Papieren von Eekenhof ; in der einen Hand die Feder , in der anderen den großen , seltsam geformten Doppelschlüssel , der dort alle Türen öffnete und schloß . Eben stützte er den Kopf , um von der ungewohnten Arbeit auszuruhen , und starrte mit heiterem Antlitz in den öden Raum , der außer ein paar wurmstichigen Archivschränken keine Ausstattung an den getünchten Wänden aufzuweisen hatte . In seinen Gedanken mochte er zwei Gräber vor sich sehen ; auf dem schweren Leichenstein des einen eine hagere Frauengestalt mit fest geschlossenen Händen und darüber den Namen » Benedikte « eingemeißelt ; das andere ohne Namen , fern überm Ozean , unfindbar von fremdem Kraut und Ranken überwuchert . Da pochte es an die Tür , und als er , auffahrend , das Willkommswort gerufen hatte , trat der Fremde zu ihm ein . Frau Benedikte war unten an dem Treppenaufgang stehengeblieben ; aber sie mühte sich vergebens , zu erhorchen , was droben hinter der dicht verschlossenen Tür verhandelt wurde . Einmal freilich war ein Geräusch , als würde ein schwerer Stuhl erschüttert , wie wenn etwa die Lehne von unsicherer Hand umklammert würde . Danach aber vernahm sie nur den ruhigen Laut einer jungen Stimme , welcher die düstere ihres Eheherrn zu antworten schien . Schon war sie des vergeblichen Horchens müde , da wurde droben die Tür geöffnet , und sie hörte den jungen Kaufherrn , während er hinaustrat , sagen : » Prüfet nur , Ihr werdet alle Schriften und Sigille richtig finden ; vor allem aber denket , wenn ich morgen wiederkehre , daß Ihr mit keinem Fremden unterhandeln sollt ! « Ein Hustenanfall , den sie vergebens zu ersticken suchte , trieb Frau Benedikte von ihrem Posten ; der Reiter aber , der schon gegen die Treppe zugeschritten war , zu welcher der Hausherr ihn nicht geleitet hatte , ging jetzt rasch hinab und unten über den Hausflur nach dem Hof hinaus . Als ein Windhauch seinen Mantel blähte , waren darunter in dem Leibgurt die kostbaren Pistolen nicht mehr sichtbar ; irgend etwas , sei es ein bestehendes Verhältnis oder ein einst Geschehenes , mochte ihn veranlaßt haben , dieselben bei seiner Verhandlung mit dem Gutsherrn abzulegen und auch später nebst gewissen Schriften dort zu lassen . Seine Gedanken wie sein Pfad führten ihn nach einem alten einsamen Hause ; vielleicht auch , daß er nach den eben verlaufenen Kriegszeiten die dort wohnenden Frauen zu erschrecken fürchtete , wenn er in Waffen zu ihnen einträte . Herr Hennicke aber in seinem Archivzimmer sah noch mit stumpfen Blicken auf die zurückgelassenen Papiere , als sich von draußen die Stiege herauf Frau Benediktes Hüsteln hören ließ . Sie hatte vom Fenster aus dem Fremden nachgespäht , sie hatte ihn im Hofe sein scheckiges Roß besteigen und dann durch das Torhaus auf die Heerstraße hinausreiten sehen ; aber des Mannes Antlitz und Gewandung war ihr unbekannt geblieben . Nun trat sie atemlos zu ihrem Eheherrn in die Stube . » Rechnest du noch immer um dein neues Erbgut ? « frug sie scharf . Er stieß ein Lachen aus . » Was willst du ? « entgegnete er kurz . » Du hattest Besuch « , sprach sie ; » sag doch , wer war ' s denn ? « Herr Hennicke sah sie mit düsteren Augen an . » Geh « , sagte er , » ich brauch hier keine Weiberzungen . « Aber sie forschte weiter : » War ' s etwa einer von den Lübischen Stadtjunkern , bei denen du in der Kreide stehst ? Mach dir auf meine Gülten keine Rechnung ! « Herr Hennicke war aufgesprungen und tat einen dröhnenden Faustschlag auf den Tisch . » Ein Stadtjunker , Frau Benedikte ? – Beim Teufel , ich gäbe dich mitsamt deinem Hof darum , so es einer von dem Krämervolk gewesen wäre . Da lies ! « rief er und schob ihr eines der Papiere zu . » Du sollst auch deine Freude haben ! « Und Frau Benedikte nahm es und durchwanderte Zeil um Zeile mit ihren nackten Augen ; dann , als sie ausgelesen hatte , legte sie es auf den Tisch und sagte : » Du wirst ein Lump , Herr Hennicke , aber nicht der erste , der aus seines Weibes Hand gefüttert wurde . « Einige Augenblicke war es totenstill im Zimmer . Als aber Frau Benedikte den Blick auf ihres Eheherrn Antlitz wandte , tat sie einen gellen Schrei und streckte jählings die Hände über ihren Kopf , als gälte es , sich vor Mord zu schützen . Und doch hatte Herr Hennicke kein Glied gerührt ; ja , seine Arme hingen wie gelähmt an seinem Leibe ; es waren nur die Augen , vor denen sich das Weib erschrocken hatte , worin es wie aus einem Abgrund aufgestiegen war . » Was schreist du ? « sagte er ; aber es war , als wollten die Worte aus dem trockenen Halse nicht heraus . » Lies noch einmal , so wirst du sehen , daß die Schrift gefälscht ist ! Ich habe den Betrüger fortgejagt ; er wird sich hüten , zum zweiten Mal zu kommen . « Frau Benedikte aber las nicht weiter ; sie sah Herrn Hennicke mit ihren kleinen Augen an , als ob sie ihm bis auf den Grund der Seele bohren wolle ; dann , ihr schweres Schlüsselbund vom Gürtel nestelnd , ging sie schweigend aus dem Zimmer . Draußen lag noch derselbe Sommertag auf Wald und Wiesen ; doch neigte sich die Sonne schon allmählich , und auf Eekenhof streckten sich die Schatten der beiden Treppengiebel schon bis auf die andere Uferseite des Ringgrabens ; die mächtigen Eichen aber leuchteten noch bis zur Wurzel im warmen Sonnengold . An einem Mauerringe des Hauses stand mit gesenktem Kopf die Schecke des blonden Reiters angebunden , und eben trat er selber aus der Tür und mit ihm die jungfräuliche Gestalt Heilwigs . Der Reiter löste sein Pferd von dem Ringe ; dann , je zu einer Seite es am Zügel fassend , schritten beide mit dem ruhig folgenden Tiere über die Zugbrücke , um es in einer der jenseits stehenden Scheuern unterzubringen . Schweigend gingen die schönen jungen Menschen nebeneinander ; aber das Antlitz des Mädchens war von Freude gerötet , und in ihren Augen war ein stiller Glanz ; wie eine Braut nach dem erharrten Bräutigam blickte sie mitunter über den Bug des Pferdes nach dem Reiter hin . Als sie dieses in dem verfallenen Gebäude untergebracht hatten und wieder in das Freie traten , lag ein schweres Sinnen auf der Stirn des jungen Reiters . » Nein , Heilwig « , sprach er zu dem Mädchen , das sorgend zu ihm aufblickte ; » es ist nicht um meines Erbes willen ; ich trag ernste Kunde für uns beide . « Und da sie leicht zusammenbebte , setzte er hinzu : » Wir wollen nach unseren Kinderplätzen , Heilwig ; erschrick nur nicht ; meine Hand soll dich um so fester halten ! « Sie gingen um den Ringgraben , dem Hecktore des Waldes zu , und waren in dessen Schatten bald verschwunden . – – Über eine Stunde ist dann wohl vergangen , und der Eekenhof hat wie verzaubert einsam dagelegen . Leise breiteten sich die Schatten aus und verbleichte das Licht des Himmels . Und als im letzten Abendschein die beiden jugendlichen Gestalten aus dem Dunkel des Waldes wieder aufgetaucht , da ist das Mädchen mit den schwarzen Flechten blaß wie eine Lilie gewesen , und die blauen Augen haben weit offen und von Tränen voll gestanden . Mit gesenktem Haupte ging sie neben ihrem ernst blickenden Genossen . » Und ist es denn ganz , ganz gewißlich wahr ? « frug sie leise . Der junge Reiter hatte ihre Hand gefaßt , als ob er sie daran halten müsse . » Dem reichen Kaufherrn « , sprach er , » der unerkannt seines Vaters und Geschlechts Geschicken nachforschte , ist nichts verschwiegen worden . « Stumm schritten sie über die Zugbrücke dem Hause zu ; da sprach er wieder : » Es ist spät , und wir müssen den kargen Schlaf des Alters schonen ; morgen , des bin ich sicher , wird da drinnen die alte Frau es uns bestätigen . « Sie neigte ihr Haupt noch tiefer , und wie in Demut zog sie seine Hand an ihren Mund . » Mein Bruder ! « sprach sie ; es kam nur wie ein Hauch von ihren Lippen . In der Kammer oben neben dem Rittersaal , an deren Wänden einst sein erster Schrei und seiner Mutter letzter Hauch erloschen war , hatte man zur Nacht dem Gast die Lagerstatt bereitet . Aber sie blieb unberührt ; im offenen Fenster lehnte er und blickte über die Waldblöße hinaus , die sich unten jenseit des Ringgrabens ausdehnte . Es war eine jener lichtgrauen , schwülen Sommernächte ; nichts rührte sich draußen weder das Schleichen eines Nachttieres noch das Flattern eines Vogels ; dann aber rauschte es plötzlich wie aufatmend durch die Wipfel , und hinter ihm im Hause war es , als ob unsichtbare Hände an allen Klinken rührten . Die Nachtkerze , welche man ihm mitgegeben hatte , flackerte und erlosch ; zugleich sprang die Tür auf , welche durch eine Reihe anderer Kammern nach dem oberen Flur hinausführte . Er trat zurück und spähte in die leeren Räume nebenan ; dann zog er die offene Tür ins Schloß und drehte wie unwillkürlich von innen den rostigen Schlüssel um . Wieder sank die schwüle Stille auf Haus und Wald , und wieder lehnte er halb wach , halb träumend in dem offenen Fenster . Schon seit lange hatte es von der Glocke aus dem Giebel zwölf geschlagen : nun war nichts hörbar als oben von dem Uhrboden her das einförmige Klirren der Eisenräder und das Rucken der Ketten , an denen die Gewichte hingen . Da endlich scholl wieder ein dröhnender Glockenschlag in das Haus hinunter ; der Junker wandte sich vom Fenster ab und lauschte . Es folgte kein weiterer Schlag , es hatte eins geschlagen . Aber nebenan im Rittersaale rauschte es wie von Frauenkleidern , und jetzt deutlich hörte er » Detlev ! Detlev ! « wie mit angsterstickter Stimme seinen Namen rufen . Als er die Tür zum Saale aufriß , erblickte er bei dem Nachtschimmer , der durch die Fenster drang , eine weiße Frauengestalt , welche beide Arme ihm entgegenstreckte . Einen Augenblick nur stutzte er ; dann trat er rasch auf die Erscheinung zu . » Du , Heilwig ! « rief er , als eine warme Hand die seine faßte . » Was ist dir ? Was hat dich nachts hier nach dem öden Saal hinaufgetrieben ? « Sie blickte ängstlich um sich her . » Die Uhr schlug so fürchterlich ; ich wollte zu dir ; mir war , als droh dir Unheil hier im Hause ! « Er stützte sie sanft in seinen Armen . » Du träumst , Heilwig ! « sagte er , » was sollte mir in meiner Mutter Haus geschehen ? « – » Ich weiß nicht , Detlev ; aber laß mich bei dir bleiben ; die Sommernacht geht ja bald herum . « » Nicht nur die Sommernacht ; bleib immer bei mir , Heilwig ! « – » Ja , immer , wenn du es willst . « Sie führte ihn zu einem der alten Sessel , der noch wie einstens , da sie als Kinder ihn gemeinschaftlich dorthin getragen hatten , vor dem Bildnis seiner Mutter stand ; er sollte nach seiner Reise jetzt der Ruhe pflegen . Als er ihr den Willen getan hatte , zog sie eine Fußbank darunter vor und setzte sich zu seinen Knien , den Kopf in seine beiden Hände legend . Und als er dann im Schlummer sanft zu atmen schien , sprach sie wie aus Träumen vor sich hin : » Mein Bruder ! Mein lieber Bruder ! « Aber er hatte nicht geschlafen ; er neigte sich zu ihr herab und flüsterte : » Mein traut Geschwister ! « Dann wieder hob sie den Kopf ein wenig aus des Bruders Hand . » Wie seltsam , Detlev « , sprach sie leise ; » es ist doch dunkel ; aber ich sehe deutlich deiner Mutter Bildnis : sie blickt uns freundlich an ! « » Ja , Heilwig ; sehr freundlich . « Und dann schwiegen sie . Sie wären fast entschlummert ; da horchte Heilwig auf : » Was war das , Detlev ? « – » Ich hörte nichts . « » Doch ! Da ist es wieder ; hörst du nicht ? Da drinnen riß es an der Kammertür ! « Der Junker hatte sich aufgerichtet . » Die Tür ist verschlossen « , sagte er . Es war wieder alles still geworden ; sie hörten nichts mehr ; es mochte nur der Wind gewesen sein . Heilwig legte wieder das Haupt in ihres Bruders Hände ; dann schwiegen beide , ein plötzlicher Schlummer hatte sie befangen . Aber die Nacht war noch nicht herum , und es schlief nicht alles in diesem Hause . Wäre sonst ein Ohr noch wach gewesen , es hätte draußen im Flur das leise Öffnen der Tür zur Winterstube vernehmen müssen ; dann ebenso leise unsichere Schritte durch dieselbe bis zur Tür des Saales selbst . Unhörbar tat sich diese auf , und wie vorsichtig gegen die Kammertür hinschreitend , näherte es sich den Schlafenden . Doch erreichte es dieselben nicht ; ein dumpfer Schrei , wie aus der Brust eines entsetzten Tieres , durchbrach die Stille der Nacht . Heilwig war jäh emporgefahren , als müsse sie mit ihrem Leibe den des Bruders decken ; aber es war nicht mehr vonnöten ; sie sah nur noch eine taumelnde Gestalt mit beiden Armen um sich greifen und dann in schwerem Fall zu Boden stürzen . Zugleich erscholl ein Klirren , als würde eine Waffe über den Fußboden bis zu ihren Füßen fortgeschleudert . Heilwig hielt mit beiden Armen des Junkers Hals umklammert . » Detlev ! Detlev ! « raunte sie ihm zu . Er aber antwortete nicht ; er hatte sich gebückt , und seine Hand griff suchend auf dem Fußboden umher . Als er die Waffe erfaßt hatte , die unter ihrem Sessel lag , und seine Finger an dem Schlosse rührten , zuckte er zusammen , und es schüttelte ihn wie Fieberfrost . Zugleich aber sprang er auf , und den Arm fest um sie legend , riß er Heilwig mit sich in die Kammer und weiter , nachdem er hastig aufgeschlossen , durch die Reihe der übrigen Kammern auf den Flur hinaus und hinab die Wendelstiege . » Wer war das ? « rief sie , als beide atemlos im Unterhause angekommen waren . » Der wollte dich töten , Detlev ! « » Ich weiß nicht ; frag mich nicht , Heilwig ; ich will jetzt nur eines wissen ! – Aber meiner Mutter Erbe werde ich nimmermehr verlangen . « Er zog das Mädchen wieder mit sich fort , bis in die Schlafkammer der Großmutter , bis an das Bett der schlummernden Greisin . Sie hörten es nicht , wie draußen über der Zugbrücke eilige Schritte laut wurden , und sahen nicht die fliehende Gestalt , die jenseit derselben unter dem Schatten der Eichen in die Nacht verschwand . Herr Hennicke hatte recht behalten ; der blonde Reiter ist nicht wieder auf den Hof gekommen , so emsig auch Frau Benedikte nach ihm ausgesehen . Mit ersterem selber aber mußte Seltsames geschehen sein ; denn als , wie hergebracht , die Hausmagd mit der Morgensuppe an sein Bette kam , lag dort ein eisgrauer Mann mit eingesunkenem Antlitz ; als sie aber mit Geschrei von dannen stürzen wollte , war es die Stimme ihres Herrn , welche die Närrin erst zurückrief und sie dann samt ihrer Suppe zu allen Teufeln schickte . Er hat aber wochenlang in der dumpfen Kammer fortgesessen , bis eines Morgens drüben aus dem Dorf zu Eekenhof das Turmgeläute hell herüberwehte , das man des dazwischenliegenden Waldes wegen nur selten hat vernehmen können . Da hat er aufgehorcht und den eben eintretenden Vogt gefragt , wer denn begraben würde . Als dieser ihm berichtet , es sei die alte Förstersfrau vom Eekenhof , hat er sich arg erbost , daß man ihm nichts davon vermeldet , dann aber plötzlich nur den Namen » Heilwig « ausgestoßen und befohlen , ihm sein Pferd zu satteln . Er ist jedoch nicht fortgeritten ; der Hofjunge hat stundenlang das aufgezäumte Tier im Hofe umhergeführt , bis es endlich wieder abgesattelt werden mußte . Und ebenso erging es am anderen und am dritten Morgen . Danach aber eines Tages sah der Kätner Forthmann , welcher eine blanke Kuh am Seile führte , eine greise Reitergestalt über die Zugbrücke nach dem Eekenhof hinaufjagen und dort am Hause von dem Pferde steigen . Der Kätner schüttelte den Kopf ; er konnte sich nicht denken , was der Mann dort