. Der Junker mußte es schon wissen , daß ich zu seiner Schwester stand ; gleichwohl – hieß nun sein Stolz ihn , mich gering zu schätzen , oder glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket – , was ich besorget , traf nicht ein ; Katharina und ich waren am ersten wie an den andern Tagen von ihm ungestöret . Einmal zwar trat er ein und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung , warf aber dann die Thür hinter sich , und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen . Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite . Da Katharina eine heftige Bewegung machte , bat ich sie , auf ihrem Platz zu bleiben , und malete ruhig weiter . Seit dem Begräbnißtage , wo ich einen fremden Gruß mit ihm getauschet , hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt ; nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne Worte , meinete aber auch , weshalb das Fräulein sich so sehr vermummet und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken habe wallen lassen ; wie es ein Engelländischer Poet so trefflich ausgedrücket , » rückwärts den Winden leichte Küsse werfend . « Katharina aber , die bisher geschwiegen , wies auf Herrn Gerhardus ' Bild und sagte : » Ihr wisset wohl nicht mehr , daß das mein Vater war ! « Was Junker Kurt hierauf entgegnete , ist mir nicht mehr erinnerlich ; meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur gleich einer Maschine , wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete . Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu reden ; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab , so nahm er alsbald seinen Urlaub , der Dame angenehme Kurzweil wünschend . Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken . – – Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden , und mit der Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor . Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust , und unten im Garten brachen schon die Rosen auf ; wir beide aber – ich mag es heut wohl niederschreiben – , wir hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen ; an meine Botenreise wagten ; auch nur mit einem Wörtlein , weder sie noch ich zu rühren . Was wir gesprochen , wüßte ich kaum zu sagen ; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht ; auch daß ihr güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt , wie sie in ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget , und wie ich später dann gestrebt und mich geängstet , bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir zurückgewonnen hatte . Dann lächelte sie glücklich ; und dabei blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf ; mir schien ' s , als sei es kaum mein eigenes Werk . – Mitunter war ' s , als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an ; doch wollte ich es dann fassen , so floh es scheu zurück ; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand , so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand , wie nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist . – – Und endlich war ' s doch an der Zeit und festgesetzet , am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten . Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt , saß sie noch einmal mir genüber . Es wurde heute mit Worten nicht gespielet ; wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen ; indessen setzete ich noch hie und da den Pinsel an , mitunter meine Blicke auf die schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend , deren ich in Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte . Da , unter dem Malen , fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß , das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt . Mich fröstelte , ich hätte nahezu den Stuhl verrücket . Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr : » Ihr seid ja fast erbleichet ; was flog Euch übers Herz , Johannes ? « Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild . » Kennet Ihr die , Katharina ? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen . « » Die da ? – Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt , und gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen . Es ist die Gemahlin eines früheren Gerhardus ; vor weit über hundert Jahren hat sie hier gehauset . « » Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter « , entgegnete ich ; » dies Antlitz hat wohl vermocht , einer jeden Bitte nein zu sagen . « Katharina sah gar ernst zu mir herüber . » So heißt ' s auch « , sagte sie ; » sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben ; am andern Morgen aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen , der nachmals zugedämmet ist . Hinter den Hecken , dem Walde zu , soll es gewesen sein . « » Ich weiß , Katharina ; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus dem Boden . « » Wisset Ihr denn auch , Johannes , daß eine unseres Geschlechtes sich noch immer zeigen soll , sobald dem Hause Unheil droht ? Man sieht sie erst hier an den Fenstern gleiten , dann draußen in dem Gartensumpf verschwinden . « Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des Bildes . » Und weshalb « , fragte ich , » verfluchete sie ihr Kind ? « » Weshalb ? « – Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast verwirret an mit allem ihrem Liebreiz . » Ich glaub , sie wollte den Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl . « – » War es denn ein gar so übler Mann ? « Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber , und tiefes Rosenroth bedeckte ihr Antlitz . » Ich weiß nicht « , sagte sie beklommen ; und leiser , daß ich ' s kaum vernehmen mochte , setzte sie hinzu : » Es heißt , sie hab einen andern lieb gehabt ; der war nicht ihres Standes . « Ich hatte den Pinsel sinken lassen ; denn sie saß vor mir mit gesenkten Blicken ; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr Herz geleget , so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen . So hold es war , ich sprach doch endlich : » So kann ich ja nicht malen ; wollet Ihr mich nicht ansehen , Katharina ? « Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob , da wer kein Hehlens mehr ; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen . » Katharina ! « Ich war aufgesprungen . » Hätte jene Frau auch dich verflucht ? « Sie athmete tief auf . » Auch mich , Johannes ! « – Da lag ihr Haupt an meiner Brust , und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau , die kalt und feindlich auf uns niederschauete . Aber Katharina zog mich leise fort . » Laß uns nicht trotzen , mein Johannes ! « sagte sie . – Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein Geräusch , und war es , als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig die Stiegen heraufarbeitete . Als Katharina und ich uns deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte , öffnete sich die Thür , und Bas ' Ursel , die wir wohl zuletzt er wartet hätten , kam an ihrem Stock hereingehustet . » Ich höre « , sagte sie , » Er will nach Hamburg , um den Rahmen zu besorgen ; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen ! « Es ist wohl männiglich bekannt , daß alte Jungfrauen in Liebessachen die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und Trübsal bringen . Als Bas ' Ursel auf Katharinens Bild , das sie bislang noch nicht gesehen , kaum einen Blick geworfen hatte , zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich : » Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen , als wie sie da im Bilde sitzet ? « Ich entgegnete , es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei , nicht bloß die Abschrift des Gesichts zu geben . Aber schon mußte an unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein , denn ihre Blicke gingen spähend hin und wider . » Die Arbeit ist wohl bald am Ende ? « sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme . » Deine Augen haben kranken Glanz , Katharina ; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet . « Ich entgegnete , das Bild sei bald vollendet , nur an dem Gewande sei noch hie und da zu schaffen . » Nun , da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu ! – Komm , Katharina , dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier ! « Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod mir entführen sehen , da ich es eben mir gewonnen glaubte ; kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten . Am andern Morgen , am Montage vor Johannis , trat ich meine Reise an . Auf einem Gaule , den Dieterich mir besorget , trabte ich in der Frühe aus dem Thorweg ; als ich durch die Tannen ritt , brach einer von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen , wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war ; aber der oben im Sattel saß , schien ihnen allzeit noch verdächtig . Kamen gleichwohl ohne Blessur davon , ich und der Gaul , und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg an . Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen Schnitzer , so der Bilderleisten viele fertig hatte , daß man sie nur zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte . Wurden also handelseinig , und versprach der Meister , mir das alles wohl verpacket nachzusenden . Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles zu beschauen ; so in der Schiffergesellschaft des Seeräubern Störtebeker silberner Becher , welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet wird , und ohne den gesehen zu haben , wie es in einem Buche heißet , niemand sagen dürfe , daß er in Hamburg sei gewesen ; sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten , so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger , wie ich nachmalen hörete , auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten deuteten ; allein , obschon ein rechter Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll , so war doch mein Gemüthe , beides , von Sorge und von Herzenssehnen , allzu sehr beschweret . Derohalben , nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte , bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir . Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an , meldete mich im Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen . Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus ; nur , wie es sich an unverehelichten Frauen oftmals zeiget , waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders . Ich hatte , selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet , ein lang und hart Examen zu bestehen ; dann aber verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe , indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte , allwo man mich gar wohl bewirthete . Es war schon spät am Nachmittage , da ich wieder fortritt ; doch rechnete ich , obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete , noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen . – Das Schreiben , das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben , trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust . So ritt ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein ; gar bald an sie , die eine , nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend . Es war aber eine lauwarme Juninacht ; von den dunkelen Feldern erhub sich der Ruch der Wiesenblumen , aus den Knicken duftete das Geißblatt ; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern ; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit . Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus ' Grund und Boden war , resolvirte ich mich sofort , noch nach dem Dorfe hinüberzureiten , welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist . Denn ich gedachte , daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen habe ; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken , um die Hamburger Kiste für mich abzuholen ; ich aber wollte nur an sein Kammerfenster klopfen , um ihm solches zu bestellen . Also ritte ich am Waldesrande hin , die Augen fast verwirret von den grünlichen Johannisfünkchen , die mit ihren spielerischen Lichtern mich hier umflogen . Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir auf , in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte ; ich hörte , wie im Thurm soeben der Hammer ausholete , und von der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter . › Aber sie schlafen alle ‹ , sprach ich bei mir selber , › die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof , die Lebenden noch unter den niedern Dächern , die dort stumm und dunkel vor dir liegen . ‹ So ritt ich weiter . Als ich jedoch an den Teich kam , von wo aus man Hans Ottsens Krug gewahren kann , sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf den Weg hinausbrechen , und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir entgegen . Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte , so ritt ich herzu und brachte meinen Gaul im Stalle unter . Als ich danach auf die Tenne trat , war es gedrang voll von Menschen , Männern und Weibern , und ein Geschrei und wüst Getreibe , wie ich solches , auch beim Tanz , in früheren Jahren nicht vermerket . Der Schein der Unschlittkerzen , so unter einem Balken auf einem Kreuzholz schwebten , hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel , dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre . – Aber nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen ; bei den Musikanten , die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen , stund der Junker von der Risch ; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm , an dem andern hing ihm eine derbe Dirne . Aber das Stücklein schien ihm nicht zu gefallen ; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den Händen , warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte , daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten . Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen ließen , schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen ; und die Bauerburschen glotzten drauf hin , wie ihm die Dirne im Arme lag , gleich einer Tauben vor dem Geier . Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube , um mit dem Wirth zu reden . Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten Ottsen neben sich , welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß brachte ; so drohete er , ihm seinen Zins zu steigern , und schüttelte sich vor Lachen , wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und Nachsicht supplicirte . – Da er mich gewahr worden , ließ er nicht ab , bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet ; frug nach meiner Reise , und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget ; ich aber antwortete nur , ich käme eben von dort zurück , und werde der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen , von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen . Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte , kam auch der von der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu , ihm einen kühlen Trunk zu schaffen . Der Junker Wulf aber , dem bereits die Zunge schwer im Munde wühlete , faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl hernieder . » Nun , Kurt ! « rief er . » Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen ! Was soll die Katharina dazu sagen ? Komm , machen wir alamode ein ehrbar hazard mitsammen ! « Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams hervorgezogen . » Allons donc ! – Dix et dame ! – Dame et valet ! « Ich stand noch und sah dem Spiele zu , so dermalen eben Mode worden ; nur wünschend , daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte . – Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann ; dem von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl . » Tröste dich , Kurt ! « sagte der Junker Wulf , indeß er schmunzelnd die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte : » Glück in der Lieb Und Glück im Spiel , Bedenk , für einen Ist ' s zu viel ! Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen ! Der weiß sie auswendig ; da kriegst du ' s nach der Kunst zu wissen . « Dem andern , wie mir am besten kund war , mochte aber noch nicht viel von Liebesglück bewußt sein ; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah gar grimmig auf mich her . » Ei , du bist eifersüchtig , Kurt ! « sagte der Junker Wulf vergnüglich , als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete ; » aber getröste dich , der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde ; dein Freund , der Maler , kommt eben erst von Hamburg . « Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem Spürhund bei der Witterung . » Von Hamburg heut ? – So muß er Fausti Mantel sich bedienet haben ; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch in Preetz ! Im Stift , bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen . « Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust , wo ich das Täschlein mit dem Brief verwahret hatte ; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf lagen auf mir ; und war mir ' s nicht anders , als sähe er damit mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen . Es währete auch nicht lange , so flogen die Karten klatschend auf den Tisch . » Oho ! « schrie er . » Im Stift , bei meiner Base ! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk , Bursch ! Wer hat dich auf den Botengang geschickt ? « » Ihr nicht , Junker Wulf ! « entgegnet ich ; » und das muß Euch genug sein ! « – Ich wollt nach meinem Degen greifen , aber er war nicht da ; fiel mir auch bei nun , daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget , da ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte . Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan : » Reiß ihm das Wams auf , Kurt ! Es gilt den blanken Haufen hier ; du findest eine saubere Briefschaft , die du ungern möchtst bestellet sehen ! « Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der Risch an meinem Leibe , und ein wüthend Ringen zwischen uns begann . Ich fühlte wohl , daß ich so leicht , wie in der Bubenzeit , ihm nicht mehr über würde ; da aber fügete es sich zu meinem Glücke , daß ich ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund . Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen ; als wir uns aber itzund in die Augen sahen , da wußte jeder wohl , daß er ' s mit seinem Todfeind vor sich habe . Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen ; er strebte von seinem Stuhl empor , als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen ; mochte aber zu viel des Weins genossen haben , denn er taumelte auf seinen Platz zurück . Da schrie er , so laut seine lallende Zung es noch vermochte : » He , Tartar ! Türk ! Wo steckt ihr ! Tartar , Türk ! « Und ich wußte nun , daß die zwo grimmen Köter , so ich vorhin auf der Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen , mir an die nackte Kehle springen sollten . Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden daherschnaufen , da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu Boden , sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer , die ich schmetternd hinter mir zuwarf , und gewann also das Freie . Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und Sternenschimmer . In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu gehen , sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem Walde zu . Da ich ihn bald erreichet , suchte ich die Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten ; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur Gartenmauer . Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen ; aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt , und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte , so tappte ich rüstig vorwärts ; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen , dann aber mit dem alten Dieterich zu berathen , was allfort geschehen solle ; maßen ich wohl sahe , daß meines Bleibens hier nicht fürder sei . Bisweilen stund ich auch und horchte ; aber ich mochte bei meinem Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir gewonnen haben : von den Hunden war kein Laut vernehmbar . Wohl aber , da ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat , hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen ; und von wo ich ihren Schall hörte , dahin richtete ich meine Schritte , denn mir war wohl bewußt , sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester ; erkannte nun auch , wo ich mich befand , und daß ich bis zum Hofe nicht gar weit mehr hatte . Ging also dem lieblichen Schallen nach , das immer heller vor mir aus dem Dunkel drang . Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr , das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte . Nicht zweifeln konnt ich mehr , die Hunde brachen durch das Unterholz ; sie hielten fest auf meiner Spur , und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens . Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz ; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer , und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber . – Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen ; die Buchenhecken warfen tiefe Schatten . In solcher Mondnacht war ich einst vor mei ner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt . » Sieh dir ' s noch einmal an , Johannes ! « hatte dermalen er gesprochen ; » es könnt geschehen , daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr fändest , und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor geschrieben stünde ; – ich aber möcht nicht , daß du diese Stätte hier vergäßest . « Das flog mir itzund durch den Sinn , und ich mußte bitter lachen ; denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild ; und schon hörete ich die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen . Selbige aber war , wie ich noch tags zuvor gesehen , nicht überall so hoch , daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte ; und rings im Garten war kein Baum , nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn . Da , als eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl , ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum , der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt ; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten , war ich schon hoch genug , daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten ; nur meinen Mantel , so von der Schulter geglitten , hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen . Ich aber , also angeklammert und fürchtend , es werde das nach oben schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen , blickte suchend um mich , ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte ; aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her . – Da , in solcher Noth , hörete ich ober mir ein Fenster öffnen , und eine Stimme scholl zu mir herab – möcht ich sie wieder hören , wenn du , mein Gott , mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal ! – » Johannes ! « rief sie ; leis , doch deutlich hörete ich meinen Namen , und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige , indeß die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen . – » Katharina ! Bist du es wirklich , Katharina ? « Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen das offene Fenster ; und ich sah in ihre Augen , die voll Entsetzen in die Tiefe starrten . » Komm ! « sagte sie . » Sie werden dich zerreißen . « Da schwang ich mich in ihre Kammer . – Doch als ich drinnen war , ließ mich das Händlein los , und Katharina sank auf einen Sessel , so am Fenster stund , und hatte ihre Augen dicht geschlossen . Die dicken Flechten ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab ; der Mond , der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte , schien voll herein und zeigete mir alles . Ich stund wie fest gezaubert vor ihr ; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen schien sie mir ; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit . Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob , sprach ich zu ihr : » Katharina , liebe Katharina , träumet Ihr denn ? « Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht : » Ich glaub wohl fast , Johannes ! – Das Leben ist so hart ; der Traum ist süß ! « Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam , fuhr sie erschreckt empor . » Die Hunde , Johannes ! « rief sie . » Was ist das mit den Hunden ? « » Katharina « , sagte ich , » wenn ich Euch dienen soll , so glaub ich , es muß bald geschehen ; denn es fehlt viel , daß ich noch einmal durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte . « Dabei hatte ich den Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch , wie ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen . Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las ; dann schaute sie mich voll und herzlich an , und wir beredeten , wie wir uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten ; denn Katharina sollte noch zuvor erkunden , auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei . » Und nun , Katharina « , sprach ich , » habt Ihr nicht etwas ; das einer Waffe gleich sieht , ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen , damit ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne ? « Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor . » Was sprichst du , Johannes ! « rief sie ; und ihre Hände , so bislang in ihrem Schoß geruhet , griffen nach den meinen . » Nein , nicht fort , nicht fort ! Da drunten ist der Tod ; und gehst du , so ist auch hier der Tod ! « Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust , und wir umfingen uns in großer Herzensnoth . » Ach , Käthe « , sprach ich , » was vermag die arme Liebe denn ! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre ; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben . « Sehr süß und sorglich schauete sie mich an ; dann