weiß , was uns allen gut ist – ich bin ein alter erfahrener Kerl und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten , jungen , leichtsinnigen , unerfahrenen Leute . – Auch ich grüßte so höflich und submiß , wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte , und schleppte mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens . › O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt ‹ , läßt der englische Poet Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke sagen . Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen . Das Wort von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele , und ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf . Freilich war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das dichteste Dornengestrüpp verwachsen , und daß es eine erbärmliche und in ihrer Gewöhnlichkeit tränenreiche Werkeltagswelt war , das konnten mir der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen . Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Tälern zurück ; aber in meiner Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor . Ich schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten Waldbach , um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die fiebernden Schläfen zu drücken . Um sah ich mich nicht , und es ist ein Irrtum oder gar eine Lüge , wenn man behaupten will , daß einem unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung gereiche . Es ist einfach nicht wahr ! Im Gegenteil , nichts ist schlimmer für einen Kummervollen , Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare , in allen süßen Farben der Erde leuchtende Fernsicht , hoch von einer Bergspitze aus . Es ist arg und eigentlich furchtbar , aber es ist so : den Sturm , den Regen läßt man sich in der bösen Stimmung gefallen ; aber die Schönheit der Natur nimmt man als einen Hohn , als eine Beleidigung und fängt an , alle sieben Schöpfungstage zu hassen . « Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf ; Fräulein Dorette Kristeller nickte zwar , aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe drein ; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch und rief : » Wahrhaftig , es ist etwas dran ! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar ziemlich viel dran . Jeder Kümmerer – will sagen jedes durch einen alten Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der Pracht der Schöpfung , an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und seine Freude hat , nichts mehr wissen . Und wer viel Umgang mit den Tieren gehabt hat , der weiß , wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen , die mit Erde , Wasser , Licht und Luft zusammenhängen . Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer , Kristeller . Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen , und manch einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt . « » Nun lasset uns weiterhören ! « rief der geistliche Herr , und sie hörten weiter . » Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war , hatte ich heute zu erleben ; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur mit Mühe wieder . Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war außer mir wie in mir ; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts , und einen Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir . So wand ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder , an steilen Lehnen , von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren , schräg in die Höhe . Dann ging es über kahle , gleichfalls mit wildem , phantastisch übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen – aus dem Nebel in das Sonnenlicht . Die Sonne schien um Mittag herbsthell , und ich holte Atem , auf meinen Weg und die durchwanderten Täler zurückblickend . In den Tälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über , und als ich nach einer Ruhestunde weiterging , schlich er mir leise wieder nach und holte mich am Nachmittag , als ich den berühmten Platz , zu dem mein Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte , zu Gesicht bekam , richtig wieder ein ; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe , sondern als ein leichter , alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst . Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete Steinmasse – der Blutstuhl , vor mir da . Aus dem Tannendickicht vortretend , erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß über mir ; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem Gras bewachsenen Boden , um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichenart . Ihr , Ulebeule , kennt den Blutstuhl . Es ist ein Labyrinth von Steinklötzen , das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene einnimmt . Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen , die höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen , und von ihr hat das ganze Geblöck seinen Namen , und in ältester heidnischer Urzeit unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem Recht geführt . Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit ; dann begab ich mich an die Lösung meiner Aufgabe , die gar nicht so leicht war . Das winzige , kriechende Ding , das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen wünschte , wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles . Und mit den Erlebnissen des letzten Abends , den Bildern der schlaflosen Nacht und dem Onkel mit der Zipfelmütze am Morgen vor den schwimmenden Augen ließ sich auch schlecht suchen . So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher : eine Flechte fand ich nicht ; aber ich fand etwas anderes , nämlich ein Vermögen ! « » Ah ! « sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . » Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis an die Basis der obenerwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse , der eigentlichen Opferklippe , emporgearbeitet , als plötzlich ein Mensch , wie es schien im hastigen Aufklimmen , von der entgegengesetzten Seite her auf der Platte erschien und einen Schrei ausstieß , der mich erschreckt zurückfahren ließ . Die Gestalt , vom Dunst wie alles umher leicht verschleiert , warf die Arme empor , griff mit beiden Händen in die Haare und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Knie und dann ganz zu Boden . Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke , und es dauerte einige Zeit , ehe ich mich so weit gefaßt hatte , um mir die Frage vorzulegen : Was ist das ? Ja , was war das ? Was konnte das sein ? Ein Betrunkener ? Ein Wahnsinniger ? Ein Epileptiker ? Ein lebensmüder Unglücklicher , der sich diesen Ort ausgesucht hatte , um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen mit sich ? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell nacheinander durchs Gehirn ; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine Antwort auf meine Frage . Und es ist deine Pflicht nachzusehen , was und wer es ist ! rief es in mir . Mit zusammengekniffenen Lippen , fest aufeinandergesetzten Zähnen faßte ich Mut , packte meinen Wanderstock fester , um im Notfall auch auf einen Angriff gerüstet zu sein , und stieg langsam und vorsichtig die Steinstufen hinauf , die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren führten . Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte ; da lag er ! – Lang ausgestreckt , bewegungslos , das Gesicht auf den Stein gedrückt , lag der Unglückliche da , und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf , trat zu ihm , faßte ihn an der Schulter , sprach ihm zu , und nach einer Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an . Jetzt schrie ich fast , wie er vorher . Es war mein Kamerad , mein geheimnisvoller Freund , mein botanischer Wissenschaftsgenosse , und zwar mit Zügen so verstört , so von Schmerz , Angst und Zorn verwüstet , daß ich es euch wahrlich nicht , wie es war , schildern kann . Langsam , wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend , stand er auf , sah mich blind und meinungslos an , bis ihm nach und nach das Bewußtsein von Ort , Zeit und Zustand zurückkam . › Philipp ! ‹ sagte er tonlos . › O August ! ‹ rief ich . › Seid Ihr es , der mich hier gefunden hat ? ‹ › O und Ihr – was habt Ihr ? Was ist Euch geschehen ? Ich möchte Euch so gern helfen . ‹ › Und könnt es ganz und gar nicht . Es wäre besser , Ihr ginget und ließet mich hier , wie Ihr mich fandet . Ich bin für keines Menschen Gesellschaft mehr tauglich . ‹ Er sprach dieses alles so vernünftig , so gesetzt und ruhig , daß seine Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang . Ich wollte seine Hand fassen , doch zog er sie schnell und wie ergrimmt zurück und schrie : › Nein , nein ! Das ist zu Ende , Herr – Herr Kristeller . Ich habe heute mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr als Zeichen der Freundschaft , der Zuneigung , der Liebe geben . Haltet mich nicht für einen Narren – o ich wollte , ich wäre es ; aber ich bin es nicht ! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohltat , wenn die letzte Faser , die den Geist noch an eure Welt – eure Alltagswelt bindet , abrisse , und wenn man mich fände , wie man sonst wohl schon arme irre , verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat . Kein anderes Gesicht wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige , Philipp ; aber meine Hand gebe ich dir doch nicht . Sieh da rund herum , sieh , wie die Städte und Dörfer ausgestreut sind ; – sieh , alle diese hunderttausend Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen : ich habe keinen Verkehr mit euch mehr , ich bin allein ; es gibt keinen anderen Menschen mehr auf Erden , der so allein ist wie ich ! ‹ › Aber ich bin da ! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir geführt , um bei dir zu bleiben ! Meine Braut , mein Mädchen habe ich verloren , oder sie soll mir doch genommen werden . Mir ja auch verschließt sich die ganze Welt . Laß uns einander zum Rat und Trost sein ! ‹ Nun war es , als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig starken Gegner , und dann war es , als ob er dem Feinde obgesiegt habe , und dann war es , als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust des Niedergeworfenen . Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die rechte Hand , als sei sie feucht und er müsse sie trocknen . Zuletzt sah er mich scharf und kalt an und sagte leise : › Lieber Herr , Sie können mir doch von keinem Nutzen sein . Ich bitte Sie , sich keine Mühe zu geben . Sehen Sie , Kristeller , ich habe nie in meinem Leben anders gesprochen , als meine Meinung war . Auch ist heute Methode in meinem Wahnsinn gewesen ; ich habe mich nicht ohne eine gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine niedergeworfen . Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen , wie einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers Karl durch dieselbe niederrieselte . Übrigens bin ich allein und will allein sein . Gehen Sie , bester Herr , ich verstehe Ihre Gefühle , Ihre gute Gesinnung gegen mich vollkommen , und wir wollen auch sicherlich einander treu im Gedächtnis behalten – leben Sie wohl , Philipp Kristeller . ‹ Das war kühl und abstoßend genug , aber ich war auch Psycholog genug , um zu wissen , aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton heraufquoll . Es ging nicht an , den Unglücklichen vor das Gericht der Eigenliebe zu ziehen und mit einem : So empfehle ich mich denn höflichst – umzudrehen und geärgert nach Hause zu laufen . › Es ist ja möglich , daß wir heute für immer Abschied voneinander nehmen müssen ‹ , sagte ich , › aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art tun ? ‹ Da brachen dem anderen die Tränen aus den Augen . › Nein , nein ‹ schluchzte er , › du hast recht , es ist doch nicht die rechte Art ! ‹ Er warf mir die Arme um den Hals und küßte mich und schien mich nun nicht von sich lassen zu können . › Lebe denn wohl , du Guter – denke nur an mein Elend und nichts anderes an mir ! Sieh mir nicht nach ; du sollst noch einmal von mir hören , Philipp ! Lebe wohl , lebe wohl ! ‹ So hielten wir uns lange , und dann schieden wir in der Tat voneinander . Ich habe ihn nicht wiedergesehen ; aber gehört habe ich freilich noch einmal von ihm ; – er hat mir einen Brief geschrieben ; und ich bin seit dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ ! « Sechstes Kapitel Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt und blickten nach der Decke . Die Schwester hatte die Hände im Schoße zusammengelegt und sah auf den Bruder ; man hörte den Sturmwind einmal wieder recht deutlich , und nachdem man lange genug geschwiegen hatte , sprach der Förster , wie es schien , um etwas zu sagen : » Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen . « Sonderbarerweise fügte er dann hinzu : » Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit ! « » Freilich ! « der geistliche Herr , wendete sich dann an den nachdenklichen Hausherrn und fragte : » Und Sie haben gar keine Ahnung , was er seines Zeichens war und wie er eigentlich hieß ? « » Entschuldigen Sie , meine Herren « , erwiderte Herr Philipp Kristeller und ging zum letztenmal in dieser Nacht , um seinen Archivschrank in seiner Offizin zu öffnen . Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten , sonst leeren Hülse kam er zurück , reichte das mit mehreren Poststempeln und fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Kuvert dem Förster Ulebeule und den Brief dem Pastor Schönlank , setzte sich langsam , legte die Hand über die Augen , brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab . » Inhalt – neuntausend – fünfhundert Taler in Staatspapieren ! « murmelte der Förster . » Frei ! – Herrn Philipp Kristeller ! – « » Sehr wunderbar ! « rief der Pfarrer seinerseits , das Begleitschreiben überfliegend . » In der Tat ein seltsamer Brief ! Eine rätselhafte , mysteriöse Sendung ! « » Zum Henker , so lesen Sie doch laut ! « rief der Förster , und der Pastor las laut : » Ein Mann , der den Willen hat , sein Leben von vorn anzufangen , entledigt sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem Freunde das einliegende Geld . Es verschwindet einer und hinterläßt keine Spur ; es ist unnötig und vergeblich , ihm nachzuforschen und nachzurufen . O Philipp und Johanne , nehmt , was ihn nur niederziehen würde in die Tiefe . Gründet ein Haus , das feststeht und glückliche , fröhliche Kinder in seinen Mauern aufwachsen sieht . Lebt wohl , ihr guten Freunde – lebt wohl ! – Philipp Kristeller , es grüßt dich – auf dem Wege zurück zu den Menschen , der Narr vom Blutstuhl . Hamburg , am 30. Oktober 183 – « Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch , Ulebeule schlug auf den Tisch , daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und bedrohlich zusammenklirrten : » Donnerhallo ! Na , das muß ich sagen ! na , da bitte ich zu grüßen ! « » Und Ihr habt , selbst mit diesem Schreiben in der Hand , damals nicht gemeint , dieses alles zu träumen , alter Freund ? « fragte der Pastor . » Tagelang , wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen , nicht nur mit dem Briefe , sondern auch mit dem Gelde in der Hand . Und es waren die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von verschiedener Herren Ländern ! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in gelbe Klettenblätter – sie gingen mir nicht vor der Nase in gespenstischem Dampfe auf ; – sie waren echt und hatten ihren Kurs , und die Bankiers waren gern erbötig , mir sie umzutauschen oder umzuwechseln ! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und fragte die , wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe – den guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an . Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu überwinden ; dann aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre Meinung , und ich bin derselben gefolgt . › Dein Freund hat mir leid getan und ein Bangen erregt durch sein Wesen ; aber nie ein Grauen , als ob er ein schlechter , ein böser Mensch sei . Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern helfen mögen in seinem Unglück . Aber sieh , Philipp , er hat mir auch immer den Eindruck gemacht , als ob er stets genau überlege und wisse , was er sage und tue . Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren Kopf ; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine Verrücktheit vorkommen würde , das hat er auch bedacht und sich zurechtgelegt , und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben . Ich glaube , du darfst das Geld nehmen und es versuchen , dein Glück darauf zu bauen . Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn , Philipp ; wir wollen dem Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen , wir wollen stets den besten Platz für ihn freihalten ; wir wollen ihn von einem Tage zum anderen erwarten , und dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft sprechen , und du kannst das nur gleich tun ; ich nehme die Verantwortung für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen . ‹ Seht , Nachbarn , das ist denn der Grund , weshalb der Sessel da stets leer steht , weshalb immer ein Platz an meinem Tische offengehalten worden ist , diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch ; der Freund ist aber bis heute nicht zurückgekehrt ! Mein Leben von meiner Ankunft unter euch kennt ihr ; – ihr wißt , wie ich diese bereits zweimal in Gant geratene Offizin übernahm , und wie es mir in schwerer Arbeit glückte , den Platz zu behaupten , der meinen Vorgängern so gefährlich geworden war ! Ihr wißt aber auch – « » Welch einen großen Schmerz du zu erdulden hattest , Bruder ? « rief die alte Schwester leidenschaftlich erregt . » Nein , nein , sie haben wohl davon gehört ; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon . « » Es war sehr traurig , Fräulein Kristeller « , sprach der Pastor , und Ulebeule seufzte schwer und murmelte : » Ja , ja ; aber Ihr seid nicht der erste , Philipp , dem solcherart das Glas vor dem Munde weggeschlagen wird . « » Das Haus stand ; aber die Braut , die junge Frau sollte nicht einziehen . Sie starb an dem Tage , auf welchen die Hochzeit festgesetzt war , und an ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft geführt , diese dreißig Jahre hindurch , dieses Menschenalter , von welchem an diesem stürmischen Abend so viel die Rede gewesen ist . « » Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt « , sagte der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ wehmütig lächelnd . » Wir sind in Frieden grau geworden , und der Sturm , der vor dem Fenster vorbeibraust , kümmert uns wenig mehr . Der freie Stuhl ist leer geblieben , und der , für welchen der Sitz aufbewahrt wurde , hat seine Ruhe wohl auch gefunden , an einem anderen Orte weit in der Fremde ; hoffentlich nachdem er sich , wie er in seinem wilden Briefe sagt , zu den Menschen zurückgefunden hatte . Wir aber , die wir hier miteinander alt geworden sind , wir wollen in Treue und guter Gesinnung auch fernerhin beieinander bleiben und kein Ärgernis aneinander über die nächste Begegnung hinaus weitertragen . « » Das wollen wir ! « sprachen beide Männer wie aus einem Munde . » Gewiß , gewiß « , sagte das Fräulein . Siebentes Kapitel Der Regen hatte augenblicklich aufgehört ; aber der Wind war dafür um ein ziemliches heftiger geworden . Nach dem , was da erzählt worden war , ließ sich ein gleichgültiges Gespräch nicht leicht anknüpfen , und doch fühlte jeder das Bedürfnis dazu im hohen Grade . Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und kläglich sagte : » Es ist doch ein tüchtiger Wind ! « machte Fräulein Kristeller freilich die dazugehörige Bemerkung : » Ach ja , und die armen Leute , die jetzt auf dem Wasser sind ! « aber das Gespräch war damit doch wieder zu Ende und fiel kläglich zu Boden . Herr Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelb gewordene Kuvert geschoben und trat eben mit demselben in die Tür seiner Offizin , als er stehenblieb und rief : » Da ist der Doktor ! « » Der Doktor ! « riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden Mienen alle ihm nach . » Der Doktor ! richtig , er wird es sein . « Er war es . Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin , nicht des Hinterstübchens , Rädergeknarr , das Stampfen eines Gaules , Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme : » Holla , heda ! Giftbude ! Lichter an die Fenster ! Bist du da , Friedrich , so reiß das Scheunentor auf und leuchte , daß wir die Karrete und uns aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen ! « Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gerngesehenen dritten Hausfreunde entgegen . Behaglicher lehnten sich der Förster und der geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück . Der Apotheker stand lächelnd mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern . Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme , dazwischen die Stimme Dorotheas , und dann sprach noch jemand drein , gleichfalls kräftig-heiter . » Er kommt nicht allein . Er bringt uns einen Gast oder sich einen Patienten mit « , sprach der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ , und sofort zeigte es sich , daß das erstere der Fall war . Weit flog die Tür , die von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte , auf , und mit dem Landphysikus Dr. Eberhard Hanff trat der Gast ein , höflich auf der Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend . » Keine Umstände , Herr Oberst « , rief der Doktor , den ältlichen , breitschulterigen , stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar , den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter vorschiebend . Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor : » Kolonel Dom Agostin Agonista – im Dienste Seiner Majestät des Kaisers von Brasilien – von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden – ach , Herrje , Punsch ? ! – o Oberst , habe ich es nicht gesagt ? Fräulein Dorette , Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf drei Meilen Weges hinaus zu ahnen ; – Punsch ! ! Die Herren werden sich dem Herrn Oberst am besten selber bekannt machen . Ach , Fräulein Dorette , je bösartiger die Witterung , desto inniger die Ahnung Ihrerseits ; – erlauben Sie mir , daß ich Ihnen die Hand küsse . « » Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den Haken « , sprach die Schwester des Apothekers , » der Herr Oberst ist uns sehr willkommen , und wir bitten höflichst , Platz zu nehmen . « Der Landphysikus pflegte die Leute , die er dann und wann auf seinen Berufswegen » als Gäste aufgriff « und in irgendein beliebiges Haus mit sich nahm , stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen . Der brasilianische Oberst ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen . Er wendete sein munteres , vernarbtes Soldatengesicht heiter und hell im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines fremdartigen Akzentes : » Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall , meine Dame und meine Herren , und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen Eindringens . Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten hinter dem Tische und hat in der Tat in der freundlichsten Weise den barmherzigen Samariter gespielt . Er nahm mich in seinen Wagen auf und bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an . Ich folgte ihm gern , und dann hielt er vor diesem Hause an – um einen › Kristeller ‹ zu nehmen , wie er sagte – auf einen Moment , wie er sagte , und ich kam mit ihm herein , um auch einen › Kristeller & ‹ zu mir zu nehmen , und mein Name ist wirklich Agonista , und ich bin Oberst in brasilianischen Diensten . « » Mein Name ist Kristeller ; aber der Doktor , mein lieber Freund , nennt einen Likör so , dessen Erfindung mir gelungen ist , Herr Oberst « , sagte der Apotheker . » Übrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen . « Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Freundes aus . Man schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch . » Oh – Fräulein Dorette , ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu machen ! « rief der Landphysikus Dr. Eberhard Hanff , in Ekstase nach einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in die Höhe hebend . » Finden Sie jetzt nicht auch , Kolonel , daß wir hier besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe › Zum Krug ohne Deckel ‹ oder wie die Räuberhöhle sonst heißt ? he , und wie wehrte und sperrte man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes ! « » Es ist gewiß besser hier « , sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen die Schwester des Hausherrn . » Man wehrt sich oft gegen sein Glück , Senhora – man sollte es nicht tun . « Die übrigen gaben dem Oberst natürlich recht , und dann redete man ebenso selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter ; doch dann auch über die Wege , über die Wegschenke , in welcher der Doktor den Fremden gefunden hatte , über die Gegend im allgemeinen und besondern , über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre , über dieses und jenes : nur der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ nahm an dieser Unterhaltung wenig Anteil . Er , Philipp Kristeller , saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber . Den alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen , sondern , durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran gehindert , ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor sich niedergelegt . Er stützte jetzt den Ellbogen darauf und lächelte in das Gespräch der übrigen hinein , doch wie abwesend und den eigenen Gedankengespinsten nachgehend . Daß der so plötzlich und unvermutet in seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere Erregung vermehrte , konnte man nicht sagen , doch richtete er , der Hausherr , dann und wann verstohlen forschend , den Blick auf den Gast ; und die Antworten , die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab , waren noch um ein weniges zerstreuter . Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde , und Ulebeule antwortete für den Apotheker . » Laßt ihn , Medikus , hat sich der Bär erniedrigt , so wird er sich wohl bald um so mehr erheben ; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten ? fragt man in Polackien . Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen , so hättet ihr uns alle insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung angetroffen . Wie die Hasen die Hexensteige durchs Korn , so haben wir uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung gebissen . Oh , wir haben seltsame Historien vernommen ! « » Ulebeule ! « rief der Apotheker ; doch der Förster war in seinem Eifer nicht imstande , auf den Ruf zu hören . » Ich sage Ihnen , Doktor