es , daß er muß , und er nimmt alle seine Energie zusammen ! Er wagt es – er geht durch die drei Wände , die ihn von dem schlummernden Baron trennen – schreckhaft gleitet er an dem Lager desselben vorüber . Er hoffte eben , unbemerkt durchzugelangen und , – er irrte sich : Die Stunde der Sühne war da – war auch für den alten Sünder Püterich da ! der graue höhnisch-kalte Heimtücker und Baron sollte den Geist der Geliebten sehen und – er sah ihn ! Er saß mit einem Mal aufrecht im Bett , auf beide Hände krampfig sich stützend , und starrte auf den zarten , ihm einst so zärtlichen Spuk . Die Haare konnten ihm nicht emporsteigen , denn seine Perücke hing über dem Perückenstock auf dem Tische neben seinem Bette , aber was er noch an Zähnen besaß , klapperte zusammen , und sein Blut koagulierte , und kein Geschüttel machte es ihm für den Rest des Tages wieder flüssig . » Allbarmherziger ! – was ist ? – Rosa ! « Mit beiden Schemenhänden abwehrend , zog sich die Erscheinung gegen die nächste Wand . Von ihr den Rücken gedeckt , sah sie noch einmal stumm mit den Gespensteraugen auf den gänzlich unzurechnungsfähigen alten Verbrecher , und dann – dann hatte noch nie , seitdem tote Geliebte den treulosen Liebhabern erschienen sind , eine Grabesbraut mit solcher Heftigkeit und solchem schaudernden Widerwillen ihre Schleier und sonstigen Gewänder bis aufs Hemd zusammengefaßt , um durch die Mauer zu verschwinden . Kein lieblich Erdenkind , kein Fräulein der besseren Stände entflatterte , von einem Besuch im tiefsten Negligé ertappt , jemals schreckhafter durch die Tür , wie in diesem Augenblick der Geist Rosas durch den Kleiderschrank ihres Philiberts . Philibert aber fiel hin , wie am Nachmittag das Bild Innocentias . Es war fünf Minuten und drei und eine halbe Sekunde nach zwölf Uhr , und um zehn Uhr morgens lag er noch immer . Es war eines der größten Mirakel , daß er überhaupt je wieder aufstand , und es zeugte jedenfalls von seiner guten Konstitution ; denn mancher andere in seinem Alter wäre nach einem solchen Schrecken in alle Ewigkeit liegen geblieben . Fünftes Kapitel Daß ein Geist Uh oder Huh schreit , ist nichts Unerhörtes , Ungewöhnliches ; aber Rosas Geist , wiederum durch drei Mauern sich stürzend , stieß einen zwischen Üh und Eh die Mitte haltenden Laut aus , nur Geisterohren vernehmbar ! Wir bitten demnach um den dumpferen , wenn auch lauteren Ton , wenn es uns beschieden sein sollte , einmal derartig in der Stille der Nacht angeächzt zu werden . Wir hören fein , und leider ist das nur in seltenen Fällen ein wünschenswertes , angenehmes Geschenk der Götter . In einer vierten Wand sammelte sich die gute , aber nervenschwache Seele . Dann ging sie , etwas gefaßter , weiter um , und zwar um die Halbseite des Häuservierecks des Püterichshofes . Wie ein leiser Luftzug fuhr sie durch Stuben und Kammern , durch einen Teil der Magazine von Aldenberger und Kompanie , über Kaffeesäcke und Ölfässer , über die Bettchen schlafender Kinder und vorbei an den Betten der Eltern dieser Kinder . Jetzt kreuzte sie einen Korridor , der sich vor der Stubentür Hilarions hinzog ; – noch einmal hielt sie inne , schwebte , suchte sich selber zu beruhigen . Mit einem letzten Entschluß führte sie ihr Vorhaben aus und – erschien dem jungen Assessor bei der Regierung ! Ein solcher jugendlicher Assessor mit der Aussicht , dereinst geheimer Rat zu werden , verliebt , geliebt , im geheimen verlobt und dazu mit ästhetischen Neigungen behaftet , ist eins der glückseligsten Geschöpfe in dieser Welt . Je unglücklicher er sich fühlt , desto wohler ist ihm , und Hilarion fühlte sich in dieser Nacht , wo selbst zu allem übrigen noch die Geisterwelt ihre Hand segnend auf sein Haupt legen sollte , über alle Schilderung selig in seinem Elend . Der Herr Assessor Abwarter malte ein wenig , und zwar ganz allerliebst Blumen- und Fruchtstücke mit flatternden Schmetterlingen und kriechenden Käfern in Wasserfarben . Der Herr Assessor trieb ein wenig Musik , und ein Pianino war vorhanden und stand aufgeklappt im bleichen Mondenstrahl . Man wollte wissen , daß der Herr Assessor Abwarter sich sogar dann und wann in seinen Bureaustunden mit den schönen Wissenschaften abgebe – daß er in seinen Nebenstunden dichte , wußte man ganz gewiß . Hilarion war durchweg ein liebenswürdiger Mensch , ob er Aquarell malte , auf dem Flügel phantasierte , den Pegasus zügelte oder Protokoll führte . Rosas Geist hatte durchaus keinen Grund , sich vor ihm zu fürchten , zumal er ihn selbstverständlich vollständig angekleidet , wenn auch im Schlafrock , traf . Wie hätte Hilarion schlafen können ? In Tagen – und Nächten wie diese ? – Noch nach fünfzigjähriger Dienstzeit , als geheimer Rat , Schwiegervater und Großvater hätte er ' s sich nicht vergeben . Er saß natürlich wach in seinem Kämmerlein im Püterichshof , wie Ernesta in dem ihrigen in der Behausung ihrer Eltern , in der Villa Piepenschnieder . Er aber verdichtete die Stunden , welche beide gute Kinder von Rechts wegen dem traumlosen Schlummer hätten widmen sollen ! Die Villa Piepenschnieder lag , wie wir angemerkt haben , im tiefsten nächtlichen Dunkel ; der Püterichshof jedoch im Mondschein – wahrscheinlich eben der Poesie wegen ; denn soviel das uns , den Protokollführer im gegenwärtigen Fall , angeht , so wissen wir uns ganz und gar unschuldig an der holden Beleuchtung ; wir haben seit längerer Zeit unsere Arbeitsstunden in den hellen Tag , zwischen das Frühstück und das Mittagsessen verlegt . Wir machen seit längeren Jahren keinen Anspruch mehr darauf , poetisch zu sein . Jeder Johanniswurm übertrifft uns in der Fähigkeit , sobald es dämmerig wird , sein Licht der Umgebung mitzuteilen . – – Hilarion saß vor seinem Tisch beim Mondenschein und beim Scheine seiner Lampe . Er hielt in allen Dingen , soweit es seinen Mitteln möglich war , auf Zierlichkeit und Anmut in seinen Zubehörden . Er liebte nicht nur sein Ernestchen , sondern auch bronzene Briefbeschwerer , kristallene Tintenschalen , elegante Federhalter und feines Postpapier . Auch seine Akten hätte er am liebsten auf letzterem geschrieben ; seine Liebesbriefe und seine Gedichte legte er immer in hübschester Handschrift darauf nieder . Wenn er dabei nicht an die Ewigkeit , die Unsterblichkeit dachte , so war auch das , wenigstens was die Gedichte betraf , ein hübscher Zug von ihm . Augenblicklich schrieb er auf einem zart violett gefärbten Blatte , das heißt er starrte darüber weg und hinein in das bläuliche Silberlicht vor dem offenen Fenster . Fünf Minuten lang stand Rosas Geist hinter ihm und sah ihm über die Schulter , und dann – als der Assessor bei der Regierung seufzte , lächelte wehmütig Rosa von Krippen ! zum ersten Mal seit Mitternacht , zum zweiten Mal , seitdem sie Innocentias Lithographie von der Schattenbrust losgeworden war . So hätte Rosa von Krippen von ihrem Philibert – dem jetzigen Onkel Püterich – in der Zeit ihrer und seiner Jugend , in der Zeit ihrer beiderseitigen jungen Liebe angedichtet worden sein mögen ! – » Ja , dann wäre alles ganz anders gekommen ! « hauchte diese verwunschene Mädchenseele , und ein neuer Schauer ob des dreißigjährigen Aufenthalts hinter der Tapete und in der naturhistorischen Gesellschaft lief ihr durch den Schatten , vom Wirbel zur Zehe . Ach , die erste Muse , die bei dem Onkel Püterich Gevatter sieht , ist die unserige ! – Der Assessor Hilarion griff sich durch das lockige Haar und seufzte noch einmal . Zugleich wurde es ihm merkwürdig kühl im Rücken , er schob es auf das offene Fenster , und da er noch in diesem Moment keinen auf das Wort » Wunsch « passenden Reim fand , erhob er sich , um den Flügel zu schließen ; – wir aber möchten jetzt Mondschein , Lampenschimmer , Blumenduft , Geisterhauch und Rheumatismus zu gleicher Zeit sein , um ihm , uns und unserem Publikum gerecht zu werden in dem Moment , als er sich wendete – » Rosa von Krippen hieß ich im Leben ! « sagte die Duftgestalt , die er an seiner Statt schemenhaft an seinem Platze in seinem Sessel vor seinem Schreibtische sitzen sah . » Engel und Boten Gottes , steht uns bei ! « hauchte der Assessor bei der Regierung . » Mein eigen Schicksal sendet mich , guter Jüngling , « flüsterte die Erscheinung . » Ein Menschenalter haftete ich hin – nein , das Entsetzliche ist nicht auszusprechen ! Dein Ohr würde das Furchtbare nicht tragen ! und ich schweige ! « » Sprich – zu – mir ! Sei du ein Geist des Segens , sei ein Kobold , aber – sprich zu mir ! « » Sie sprachen von dir heute genug drüben im Vorderhaus , « hauchte der Geist . » Sie haben Schlimmes – Arges mit dir im Sinn ! mit dir und deiner Geliebten ! « » Der Onkel Püterich ? « stammelte Hilarion , den kalten Schweiß von der Stirn wischend . » Der Baron Philibert Püterich und sein Freund ! « » Sein Freund Magerstedt ? « Die Erscheinung ließ das Haupt sinken : » Gehe zu Konstantins . « » Zu Konstantins ? ! « » Er leidet seit vorgestern an Zahnweh , und du wirst ihn morgen daheim in seiner Zelle treffen . Führe deine Braut mit dir zu ihm und sage ihm , ich habe euch gesendet . « » Du ? « » Rosa von Krippen ! Wundern wird er sich wohl ein wenig ! « » In seiner Zelle ? Großer Gott , doch nicht vor dem * * * tor , in der Provinzialstrafanstalt ? « » Tief – tief im Walde ! Grüße ihn ; sage ihm : dreißig Jahre habe Rosa von Krippen hinter der Tapete im Püterichshofe gesteckt und – sende dich , daß er dir helfe , « sprach die Erscheinung verblassend – immer mehr verschießend . Er – Hilarion – wollte ein Wort sagen ; aber da stand der Stuhl vor seinem Tische und seinem Manuskript wieder leer . Er riß die Uhr hervor , – sie mußte unbedingt richtig gehen ! es war Eins in der Nacht . Wäre sie unrichtig gegangen , so hätte er sie unbedingt in Ermangelung der Sonne nach Rosas Geist stellen dürfen . – Er zog einen zweiten Sessel an den Tisch und saß nieder , die Uhr in der Hand behaltend ; nicht um eine Präsidentenstelle hätte er den Platz einzunehmen gewagt , den sein Besuch eben verlassen hatte . Was das Zubettgehen anbetraf , so kam er gar nicht dazu , die Möglichkeit davon in den Sinn zu fassen , und wir geben ihm recht ! selbst der abgehärtetste Staatsanwalt würde nach einer solchen Visite die Hosen anbehalten , ja die Stiefeln wieder angezogen haben . Dem lyrischen Assessor war das Picken seiner Taschenuhr das einzige , was ihn innerhalb der Grenzen seiner fünf Sinne festhielt . » Rosa von Krippen ! Rosas Geist ! – der Onkel Püterich – Konstantins – Herr von Magerstedt – Zahnweh seit drei Tagen ! – dreißig Jahre hinter der Tapete . Konstantius ! – Rosa von Krippen ? – Wer war , wer ist Rosa von Krippen ? Es war ein Traum , oder ich bekomme ein Nervenfieber ! – Nein , es war kein Traum – ich habe das nicht gedichtet ! « Er überflog scheu mit schiefen Blicken das violette Blau von ferne , ohne es aufzunehmen : » Da knie ich vor des Lebens höchstem Wunsch ! « Er schüttelte das Haupt : » Keine Ahnung , keine Idee von Rosa von Krippen ! – Wunsch ! Wunsch ? « und seltsamerweise fand er nun plötzlich den lange gesuchten Reim auf Wunsch . » Punsch ! « murmelte er und fügte sofort gellend hinzu : » Nein , nein , bei den unsterblichen Göttern nein und wieder nein ! Gänzlich unanwendbar ! Ganz außer aller Frage ! Und was das andere – die holde Erscheinung – nein , und dreimal nein ! Solch ein ätherisch Bild war nicht imstande , dem ruchlosen Gebräu des Kollegen Winkenthin zu entsteigen ! übrigens bin ich ja auch gestern abend vor zehn Uhr , vor der zweiten Bowle kummervoll aus der Gesellschaft fortgeschlichen und habe mein Stübchen aufgesucht ! Ein Mensch in meiner Lage ist doch wahrlich nicht in der Stimmung , den frivolen Scherzen und den Witzen und Schnurren – indogermanischen Ursprungs natürlich – eines halben Dutzend durch geistiges Getränk belebter Meidinger , das heißt seiner besten guten Freunde , Geschmack abzugewinnen ? ! – Mein Kind ! Mein Herz , meine Ernesta ! O Gott , wenn es doch Morgen werden wollte , damit es doch wieder Abend werden könnte und ich sie am Gartengitter sprechen dürfte ! « Der erste dieser Wünsche ging bereits in Erfüllung . Der Himmel machte selbst den Reim darauf und färbte sich purpurrot im Osten . Die Sonne kam , stieg immer höher und fand zu einer außergewöhnlich frühen Stunde den jungen verstörten Rechtskundigen Hilarion in dem Zentralpolizeigebäude , allwo er sich , » plausible Gründe « anführend , bei dem Kollegen und Punschbrauer Winkenthin erkundigte , ob je eine Familie von Krippen in der Stadt existiert habe , und ob es möglich sei , daß vor dreißig Jahren ein weibliches Mitglied dieser Familie Rosa geheißen habe ? » Das wollen wir gleich heraus haben , « sprach der etwas überwacht dreinschauende Kollege . » So rasch makuliert die Sicherheitsbehörde ihre Akten nicht . « Sie gingen dann beide ans Werk , suchten in den Büchern der Vergangenheit und kamen richtig zum Zweck . Sie fanden sowohl die Familie wie das Fräulein ; wir aber gestatten uns wehmütig und vollständig abgeführt die Bemerkung : » Da bringe nun einmal einer heute noch einen Geist unter die Leute ! « Wir glaubten , wir hofften , mit Rosa hinter der Tapete schauerlich zu wirken , und wir machten uns nur der Polizei gegenüber lächerlich , und – wenn uns unsere Erfahrung nicht täuscht , nicht allein der Polizei gegenüber . Unser Gefühl freilich täuscht uns fröhlich weiter ; und so halten wir uns an den uralten Trost , daß es dann und wann auch ein kleines Verdienst ist , sich mit Verständnis lächerlich zu machen , und daß alles Heroentum mit einer Wurzel auch da hinunterhängt . Einen giftigeren , ärgerlicheren Freund als den Freund Magerstedt , da er am Sonntagmorgen im Frack bei dem Onkel Püterich erschien und diesen nicht imstande fand , den am gestrigen Nachmittag verabredeten Plan auszuführen , hatte der Püterichshof noch niemals gesehen . Sein nächtlich Spukgesicht wagte der gute Onkel nicht als Entschuldigungsgrund geltend zu machen ; seine körperliche Zerschlagenheit , sein gänzliches Unvermögen , heute einen verständigen Gedanken zu fassen , wollte aber der liebe Freund nicht gelten lassen . » Finten und Flausen ! nichts als Flausen und Finten ! « zeterte der Herr von Magerstedt . » O ich kenne deine Art , Ausflüchte zu suchen und zu finden , du alter Wechselreiter . He , he , he , soll ich wirklich einmal an die Seifenblase deines guten Rufes – deines Kredits bei den Leuten mit dem Zeigefinger tippen ? Ei , werden sie sich wundern in der Stadt und in der Villa Piepenschnieder , wenn ihnen das schillernde Ding vor der Nase zerspringt . Püterich , wenn ich jetzt allein eine Visite in der Villa mache , so ist es mit deiner Erbonkelei , dem besten Platz und Bissen bei Tische , dem weichen Rückenkissen , der Fußbank usw. usw. in alle Ewigkeit vorbei . Und wenn das Publikum Wind davon kriegt , wie du deinen Ruf in allen Regenbogenfarben aufgeblasen hast und wie ' s doch nur Seifenschaum war , so – gratuliere ich dir zu den angenehmen Zitationen usw. , die dir das königliche Stadtgericht in den Briefkasten schieben wird . « » O Magerstedt – sieh mich doch nur an , Magerstedt ! « » Mit höchstem Widerwillen tue ich das bereits seit einer halben Stunde , Püterich ; und jetzt rede ich mein letztes Wort zu dir – « Er kam nicht dazu , denn der Baron kniff plötzlich die Augen zu und sperrte den Mund auf , legte sich zurück in der Sofaecke und fingierte eine vollständige Bewußtlosigkeit höchst geschickt , und zwar aus dem einfachen Grunde , weil er einer solchen in der Tat ziemlich nahe war . Selbst die beste Natur hält ' s auf die Dauer nicht aus , daß alles auf sie eindringt , die Geisterwelt und die Körperlichkeit , und beide in der » eminentesten « Weise . Wir , zum Exempel , rühmen uns auch einer guten Natur ; aber das längere Zusammensein mit diesen zwei ehrwürdigen Greisen halten wir gleichfalls nicht länger aus . Wir entfernen uns eiligst , tragen aber gottlob das Bewußtsein oder die Gewißheit mit uns fort , daß der Freund Magerstedt unsere kleine Ernesta heute noch nicht als Braut heimführt , und sie also auch morgen noch nicht als junge Frau in das idyllische Hinterstübchen mit der Aussicht in den Püterichshof hermetisch verschließen kann . Als die Dämmerung dieses Sonntags kam , suchte der Onkel Philibert nach dem Gesangbuche seiner seligen Mutter in seiner gerade nicht sehr reichhaltigen Bibliothek , und je dunkler es wurde , desto weniger vermochte er es , sich selbst zu überreden , daß er das verstaubte Buch mit den silbernen Beschlägen und Klammern nur des Scherzes wegen auf seinen Nachttisch gelegt habe . Was Freund Magerstedt sich zur anmutigen Lektüre während der schlaflosen nächtlichen Stunden bereithielt , wissen wir , teilen es jedoch nicht mit . An den Orten , wo dieses interessieren würde , kennt man das doch schon . Sechstes Kapitel . Nun ist es wieder süße Abenddämmerung mitten im schönen Sommer , und wieder hat Ernesta sich auf das Recht der Jahreszeit und der Natur gestellt und allen ihren Verpflichtungen gegen die lieben Eltern ein Schnippchen geschlagen . Die lieben Eltern wollen es ja nicht anders , und so ist das gute Mädchen bei sinkender Nacht hinter den eindringlichsten Vermahnungen , Ge- und Verboten von Papa und Mama weggeschlichen und hinter den Büschen zu dem zierlichen Gartengitter geschlüpft , an dessen Außenseite der Geliebte in aller Verwirrung , Unruhe und Aufregung des Daseins gleichfalls hinter dem Busche harrte . Unter Umständen soll ein verstohlener Kuß durchs Gitter köstlicher sein als hundert von fünfzig Tanten genehmigte vor vollständig versammelter Verwandtschaft . Hilarion und Ernesta aber fanden das heute abend noch weniger als am gestrigen und vorgestrigen . Ernesta hatte eine entsetzliche Angst , und der Assessor bei der Regierung hatte einen Geist gesehen und der Geliebten Mitteilung davon zu machen . Und er hatte die Geschichte , das wunderbare , wundersame Erlebnis dreimal vorzutragen , ehe er imstande war , seine Verlobte zu der Überzeugung zu bringen , daß er ihr nichts vorlüge . In der Beziehung war es jammerschade , daß er den Onkel Püterich nicht mit als anderen Zeugen an das Gartengitter führen konnte ; ihm hätte die Geliebte vielleicht auf das erste Wort geglaubt . Der Geliebten erstes Wort war natürlich : » Hilarion ? ! « Worauf der Geliebte in fliegender , sich überstürzender Hast erwiderte : » Ich habe in Leipzig , Bonn und Berlin studiert ; ich war heute Morgen auf dem Polizeibureau und ließ mir die Bevölkerungsregister nachschlagen . Ich habe auch keine Ahnung gehabt , daß Rosa von Krippen existiert hat : Ernesta , es gibt doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde , als sich unsere Schulweisheit träumen läßt ! « Nomina sunt odiosa , aber Zitate sind oft noch viel odioser : kein Gott hilft uns davon , das von neuem drucken lassen zu müssen , was die klügsten Leute immer wieder als etwas Frisches beibringen ! Crambe bis cocta , zweimal gekochter Kohl kann etwas ganz Delikates sein ; aber wenn Ernesta , nachdem sie zum dritten Mal den Geliebten hat ausreden lassen , flüstert : » Also auch die Geisterwelt hält ihre schützende Hand über uns ! « so glauben wir auch das schon häufiger als zweimal in einem Buche gelesen zu haben , ständen uns jedoch selber nicht wenig im Lichte oder vielmehr vor dem Löffel , wenn wir durch diese Bemerkung irgend jemand den Appetit verdorben hätten . » Ich möchte mich hier hinwerfen und die Erde mit meinen Nägeln aufreißen , wenn ich mir vorstelle , daß dieses in Fleisch und Blut umher hinkende Gespenst , deines Onkels Freund , in diesem Augenblick sich den Tisch in seinem Hinterstübchen hat decken lassen ! « stöhnte Hilarion . » Stelle es dir vor , daß er dabei nur in der Aussicht schwelgt , dich demnächst als Gegenüber bei seiner Hafergrütze zu haben ! Stelle dir mich , stelle dir meine Aussicht dann aus meinen Fenstern auf dich vor und sage mir , was wir tun sollen , um das abzuwenden ? « Er hatte sich mit beiden Händen in die Haare gegriffen , und mit beiden armen kleinen Händchen hielt sich Ernesta an den eleganten Eisenstangen , die sie von dem Geliebten trennten . » Entsetzlich wäre es ! « flüsterte sie schaudernd . » Ist dieser Einsiedler im tiefen Walde wirklich keine Fabel , kein Märchen , Hilarion ? « Der Assessor zog die eine Hand aus den Locken zurück , jedoch nur , um sich mit ihr vor die Stirn zu schlagen . » Himmel , wie dumm , wie vergeßlich , wie verwirrt der Mensch ist ! Hätte ich mich nicht gleich auch danach auf der Polizei erkundigen können ? Daß er existiert , weiß ich freilich . Darin hatte die Erscheinung , hatte – Rosas Geist recht . « » Herz , so will ich all meinen Mut zusammennehmen , und wir wollen es darauf ankommen lassen . Wo willst du mich mit der Droschke erwarten ? und zu welcher Stunde ist es dir am passendsten ? Was mich hier erwartet , weiß ich , und es ist das Schrecklichste , was mir begegnen kann . Was haben wir sonst noch zu fürchten , gesetzt den Fall , du habest dich geirrt und nur wunderlich geträumt ? ! Ich meine , morgen nach Mittag , wenn Papa und Mama Mittagsruhe halten , ist die gelegenste Zeit . Erwarte mich hier mit einem Wagen und hilf mir über das Gitter . Wir fahren zu deinem Einsiedler , und die Geisterwelt mag fernerhin schützend ihre Hand über uns halten . « » Ernesta ! Ernesta ! wo steckst du ? « rief man in diesem Moment zum zweiten Mal in dieser wahrhaftigen Geschichte vom Hause her , und wiederum flötete das liebe Kind zurück : » Hier , Mama ! « » Punkt vier Uhr morgen nachmittag ! « flüsterte Hilarion tief , tief aus dem Jammer der Welt hervor , und Ernesta eilte nach einem krampfigen Händedruck der Villa zu . Bis morgen nachmittag um vier Uhr wissen wir mit keiner Seele in dieser Historie das geringste anzufangen und füllen daher die uns sich aufdringenden Mußestunden so gut wie möglich aus . Der Narr rechnet nach Jahren , der Kluge nach Tagen , der Weise nach Minuten , und wir , die wir das alles durcheinander sind , wir nehmen den Hut vom Nagel und machen einen Spaziergang durch den Aprilabend . Nicht dick und fett mit den Gefühlen eines Philisters , der das fetteste Schwein in der Gemeinde geschlachtet hat ; auch nicht mit den Gefühlen des Genius , der da sagt : » Heute habe ich aber mal wieder das Dasein von hundert Individualitäten in meiner eigenen durchgekostet und theatrum mundi mag nun meinetwegen einfallen ! « – sondern ganz schmächtig und bescheiden als des hohen Dichters entfernter armer Vetter oder vielmehr Halbbruder , wie die Ästhetiker sagen , der den Tag über wieder einmal saß und allerhand Rauchbilder des Lebens auf den Teller kritzelte . Unseren Lesern und Leserinnen wünschen wir auf ihre Teller ein nahrhafteres Gericht , und dieser Wunsch kommt gewißlich aus einem guten Herzen ; denn wir finden in unserer Bekanntschaft nur einen einzigen Menschen , der sich lächelnd ob seiner Behaglichkeit beneiden läßt , und dieser seltene Glückliche gründet sein Wohlsein einzig und allein in dem Schmunzeln , mit dem er sein Tellertuch auf den Knien ausbreitet und ächzt : » Ha , das ist einmal wieder ein Essen , das einen für viel geistigen Kummer entschädigt ! « Der Mann hat recht ! Der Mann ist glücklich , während der große Genius , der vorher erwähnte Poet sich ' s ausmalt , wie Homeros den König Alexander den Großen zwang , um das Grabmal des Achilleus zu laufen – und sich den Kopf darüber zerbricht , wie nun er es anfangen soll , einen künftigen Heros zu bewegen , sich seines Opus wegen außer Atem zu bringen und in Schweiß zu setzen . Daß das seine Schwierigkeiten hat , weiß er , und daß , zum Exempel , Kaiser Wilhelm und Bismarck sich nicht darauf einlassen würden , weiß er auch . Zu Tische kann er mit der Gewißheit ja auch gehen ; aber ob auch ihn das Essen für seinen geistigen Kummer entschädigt , ist eine andere Frage . Unsere tägliche Selbsttäuschung gib uns heute ! * Und Papa und Mama hielten ihre Siesta , und der Assessor Abwarter hielt mit seiner Droschke an der verabredeten Stelle . Ernesta ließ nur zehn Minuten über die verabredete Zeit auf sich warten ; dafür aber brachte sie denn auch den Schlüssel zu einem Hinterpförtchen des väterlichen Gartens mit . Sie war ungemein bänglich erregt , faßte sich aber um desto rascher in dem Gedanken , daß es eben nicht anders gehe , und daß die Eltern es ja so gewollt hatten . » Was ich tue , so tue ich immer eine Sünde ! « schluchzte sie , als sie sich von dem Geliebten in den Wagen heben ließ . » Du bleibst immer gut ! und alles , was du tust , tue ich mit , « flüsterte der Assessor , neben ihr Platz nehmend . Die Gäule zogen an , es gab einen Ruck , infolgedessen Mund und Mund sich so nahe zusammenfanden , daß – nun , wir schreiben keine Abhandlung über die Sünde , und was die Erbsünde anbetrifft , so – kurz , sie steckten beide , Jüngling und Jungfrau , im Jammer der Welt , die Droschke rollte in der vorgeschriebenen Richtung fort , und es war einer der heißesten Julitage im Jahr . Nach fünf Minuten sagte die Jungfrau , ein wenig freier atmend : » Bester Hilli , du hast doch die Gartentür wieder zugeschlossen ? Ich wollte es dir noch sagen , daß du es tun und den Schlüssel dann über das Staket auf den Sandweg werfen solltest , habe es aber in der Aufregung natürlich ganz vergessen . Alle Diebe und Bösewichte , die dem Papa seine Blumen wegholen , schleichen sich von dieser Seite ein . « Der unvorsichtige Assessor hatte eben so natürlich in der Aufregung an dieses auch nicht gedacht . Die Tür stand offen , der Schlüssel steckte im Schloß , und noch einmal den Kutscher umwenden zu lassen , war doch nicht rätlich . Sie fuhren eine halbe Stunde Weges um die äußersten Barrieren der Stadt ; dann in einer Pappelallee wieder eine halbe Stunde lang ; dann bog der Wagen in einen Kommunalweg – sie befanden sich im freien Felde und erblickten den Wald auf einer sanft ansteigenden Höhe vor sich . » O Gott , o Gott , was werden wir erleben ? « seufzte Ernesta , und der Assessor wußte keine Antwort darauf ; aber ein Trostwort fand er leicht . Der Kutscher auf seinem Kutschbock pfiff melancholisch die Weise : O Tannenbaum , o Tannenbaum , wie grün sind deine Blätter ; – punkt sechs Uhr abends erreichten sie die ersten in das sonnige Feld ihren Schatten werfenden Bäume der Wildnis ; die Droschke hielt , der Kutscher stieg ab , öffnete den Schlag und sah mit einem fragenden Blick auf seine Fahrgäste nach seiner Uhr . » Wir nehmen Sie auf Zeit , lieber Mann , « sprach Hilarion . » Sie warten hier so lange , bis wir zurückkehren . « » Ganz , wie ' s den Herrschaften gefällig ist , « erwiderte der Kerl , und der Geliebte führte die Geliebte unter den niedrigen Hainbuchen fort , durch das Haselgebüsch auf einem engen Pfade dem Hochwalde zu . Solange es ihm möglich war , sah ihnen der Kutscher nach ; dann wendete er sich zu seinen zwei mageren Gäulen und forderte sie durch einen stummen , aber unbeschreiblich ausdrucksvollen Gestus auf , seine Ansicht von der Sache zu teilen ; und bitten wir unsere Leser einmal von neuem mit uns zu erkennen , daß eine wahrhaftige Geschichte immer wahr bleibt , und wenn sie auch vor hundert und mehr Jahren erzählt worden sein sollte . Die zwei abgerackerten , kaum in Haut und Knochen zusammenhängenden Houyhnhmns schüttelten mit dem guten , treuen Blick ihres edlen Geschlechtes die Köpfe . Was aber die Yahoos anbetrifft , so sind die seit Dr. Jonathan Swifts und Lemuel Gullivers Zeiten in Bildung und Feinheit und Genußfähigkeit weit vorgeschritten : sie haben jetzo auch eine Kunst und Literatur ! Dem deutschen , edeln Volke den Rat zu geben , sich ein , mal auch in dieser Yahooliteratur umzusehen , ist leider nicht notwendig . Es hat sich schon längst darin umgesehen , weiß merkwürdig genau darin Bescheid , vergnügt sich ungemein dabei und – gestattet uns die Bemerkung , daß das rosigste Fleisch , allem andern