Alte . » Ach Madam , konnte ich denn für die Ruhr bei meinem Zweiten ? Und konnte ich dafür , daß mein Letzter sich im Steinbruch nicht mit der Sprengpatrone in acht nahm ? ! O Madam , glauben Sie nur niemalen , was der Herr Justizrat so hinsagen ; auf dreimal machen sie zweimal ihren Spaß mit einem . Was meinen Ersten angeht , so hat mich der von Anfang an so schlimm [ 317 ] traktiert , daß es kein Wunder gewesen ist , wenn ich mich gegen ihn gewehrt habe , wie ich konnte . « » Herrgott , von dem Ersten hab ich ja noch gar nichts gewußt ! « rief Scholten verblüfft . » Also sind es gar drei gewesen ? Und jetzt komme ich schon sechs Sommer hintereinander hier in die Einöde und gehe jeden Morgen da im Dorfarchive spazieren , und sie hat es doch möglich gemacht , mir einen – ihren Ersten gar – zu verheimlichen . O Witwe Bebenroth , o Weiber , Weiber , Weiber ! « » Der Meister Kasties kann ihn selber nicht mehr finden « , sagte die Alte kleinlaut beschönigend , und mit zum Himmel gerichteten Augen wendete sich der Justizrat an die Frau Salome und ächzte : » Nun bitt ich Sie ; dieser Meister Kasties ist der Archivar des Ortes , das heißt der Totengräber , und gut seine achtzig Jahre alt . Er ist mein guter Freund und behauptet , jedes Regal und Fach in seinem Repositorio genau zu kennen nach Datum und Inhalt . Das nennt man nun Historie ; und so geht man mit den wichtigsten Dokumenten der Erde um ! « » Ich ginge in Ihrer Stelle jetzt in Ihre Stube , Herr Justizrat « , sagte die Alte verdrossen . » Das Kind ist eingeschlafen , und wenn es mir nicht gesagt hätte , daß es auf Sie warten müsse und daß Sie es eingeladen hätten , so würde ich ihm wohl eine andere Schlafstelle angewiesen haben . « » Auf Eure Gefahr ! « rief Scholten . » Kommen Sie , Baronin . Sie ziehen mir auch eine verzwickte Miene . Ist Ihnen die Witwe zu schwer auf die Seele gefallen ? « Die Frau Salome schüttelte sich ein wenig , folgte dann der einladenden Handbewegung und trat über die Schwelle der Stube des Justizrats . Der Kuckuck der Uhr im Winkel rief grade in diesem Augenblick sechsmal . Es war eine gewöhnliche Bauernstube , jedoch kahler und geräteleerer , als man sie sonst zu finden pflegt . Der jetzige Bewohner hatte für seinen Aufenthalt alles , was ihm im Wege stand , und dessen war nicht wenig , hinausschaffen lassen . Nur die Uhr , der lange , massive Tisch , die in der Wand befestigte Bank , der Ofen und einige dreibeinige Holzstühle mit herzförmigen [ 318 ] Aussägungen in den Rücklehnen hatten Gnade vor seinen Augen gefunden . Ebenso ein Wandschrank und am Fenster eines jener bekannten untrüglichen Wetterhäuschen , aus dessen Tür bei angenehmer Witterung der Mann , bei Regen aber die Frau tritt und in welchem eine Darmsaite das bewegende Prinzip spielt . Eine alte – die erste Genfer Ausgabe der Pièces fugitives von M. de Voltaire lag in der einen Fensterbank , ein bleiernes Dintenfaß mit einem Gänsefederstumpf stand in der andern . In einer Ecke stand ein halb Dutzend langer Pfeifen und ein Reserveknotenstock . An einem Nagel hinter der Tür hing die Garderobe des Justizrats Scholten , und eine zweite Tür führte in eine Kammer , in welche einen Blick zu werfen wir uns nicht erlauben werden . Wir haben noch ein anderes zu betrachten , was auch die Baronin Salome rasch und nicht ohne Interesse ins Auge faßte und auf welches uns die Witwe Bebenroth bereits aufmerksam gemacht hat . Auf der Bank hinter dem Tische saß oder lag vielmehr ein junges Mädchen , dem Anschein nach ein Kind von zwölf Jahren , und schlief . Von dem Gesichte sah man nichts ; die Kleine hatte es auf die Arme gelegt und schlief mit der Nase auf dem Tische . Das Haar aber , dessen eine Flechte sich gelöst hatte , überströmte in merkwürdigster gelbweißer Fülle die Arme und den Tisch , und dieser Besuch schien sehr müde zu sein und lange nicht geschlafen zu haben : der Eintritt des Justizrats mit seiner schönen Freundin erweckte ihn nicht . » Ich würde Ihnen die Bank anbieten , Gnädige « , sagte der augenblickliche Herr der vier Wände , » aber Sie sehen , es läßt sich nicht tun . Nehmen Sie Platz , ich freue mich sehr , Sie endlich einmal hier zu haben . « Er schob der Baronin einen der dreibeinigen Stühle mit einem Herzen in der Lehne hin und holte sich gleichfalls einen . Doch ehe er sich setzte , ging er zu dem offenen Wandschrank , holte ein weißes Brot nebst einer mit Salz gefüllten Glasschale sowie ein Messer auf einem irdenen Teller mit dem Spruche : Und sie aßen alle und wurden satt . Ev . Matthäi 14 , 20. – Damit kam er vergnügt zurück an den Tisch und meinte : [ 319 ] » Es ist eine Gefälligkeit von Euch , Gastfreundin , aber Ihr tut mir wirklich einen Gefallen , wenn Ihr jetzo zum erstenmal Salz und Brot unter meinem Dache eßt . « » Und einen Trunk der frischen Welle , Der nie das Blut geschwinder treibt , Gastfreund « , bat die jüdische Edelfrau , worauf Justizrat Scholten seine Witwe Bebenroth mit einem Kruge zum Brunnen schickte und brummte : » Mit der Reservatio , daß Sie mir damit nicht kommen , wenn ich Ihnen meinen Gegenbesuch abstatte . « Die Schläferin am Tische regte sich während dieses Zwiegespräches , doch sie erwachte nicht , sie legte ihren Kopf nur ein wenig bequemer zwischen ihre Arme . » Wen haben Sie denn da , Scholten ? « fragte die Baronin . » Welch ein merkwürdiges Haar die Kleine hat ! « » Die Sonne Judäas hat freilich nichts mit diesem Flachsfelde zu schaffen . ' s ist die Tochter Querians , den Sie auch nicht kennen , Frau Salome . Ihren Taufnamen habe ich ihr aus der Tiefe meiner germanistischen Geschichtsstudien aufgefischt und an gehängt . Eilike heißt das Kind – Eilike Querian . Ein ganz vortrefflicher Name , Eilike , den ich aber dem Pastor vor dem Taufakt in den Büchern altsächsischer Chronik und Legende aufzuschlagen hatte , ehe ich ihm denselben mundgerecht machte . « » Und wer ist Querian ? « » Hm « , antwortete der Justizrat , » das mögen Sie sich von seiner Tochter erzählen lassen . Vierzehn Jahre ist ' s her , seit ich sie in der Marktkirche zu Hannover aus der Taufe hob und sie auf den Markt des Lebens brachte . Sie ist ein recht gescheites Ding in den Jahren geworden und weiß ziemlich genau Bescheid in den Umständen ihres Papas . « » Und Querian wohnt hier im Dorfe ? « » So ist es . Und er wohnt hier nicht bloß als ein flüchtig vor überziehender Sommergast . Er hat sich ansässig hier gemacht , oh , er sitzt hier sehr fest . Nun , wenn Sie Glück haben , werden Sie ja auch wohl seine persönliche Bekanntschaft machen ; ich [ 320 ] erlaube mir jedoch , Sie von vornherein darauf aufmerksam zu machen , daß der Verkehr mit ihm einige Behutsamkeit erfordert . « » Meine Neugier – « » Nach dem Wörterbuch ein heftiges Verlangen , etwas Unbekanntes kennenzulernen oder zu erfahren , das aber , wie ich dann und wann erfahren habe , nach seiner Befriedigung in sein Gegenteil umschlägt . Eilike ! « Er hatte bei dem letzten Worte seinem schlafenden Gaste die Hand auf die Schulter gelegt , und die Kleine erwachte . Sie fuhr aber nicht rasch und erschreckt in die Höhe , sondern sie richtete sich langsam und träge empor und strich gähnend mit beiden Händen die Haare zurück . Da ihr die Frau Salome gerade gegenüber saß , sah sie auch auf die schöne Baronin . Sie stierte sie an aus hellen , blauen Augen , und es war etwas in dem Blicke , was die Frau Salome zu dem stummen Ausrufe bewog : » Mein Gott , das arme Geschöpf ist blödsinnig ! « Sechstes Kapitel [ 321 ] » Dieses wohl nicht ; freilich aber ein wenig in Hinsicht auf geistige wie körperliche Erziehung vernachlässigt « , sagte der Justizrat , als ob er mit seinen leiblichen Ohren gehört habe , was die Baronin in der Tiefe ihrer Seele gerufen hatte . » Blödsinnig ist sie nicht , sie sieht nur dann und wann so aus . « » Daß der Umgang mit Ihnen ein wenig mehr als bloße Behutsamkeit erfordert , weiß ich , es ist nicht mehr nötig , daß Sie mir dieses immer von neuem deutlich machen , Scholten . Guten Abend , mein Kind ; wirst du mir erzählen , was dir eben träumte ? « Die Kleine machte nur die größten und verwundertsten Augen ; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt starrte sie die schöne Dame an , antwortete aber nicht . » Guten Abend , Eilike « , sagte der Justizrat . » Gut geschlafen ? Eigentlich sollte man dir einen guten Morgen wünschen . « [ 321 ] Jetzt ging ein Lachen über die Züge des Mädchens , während es sich mit den Knöcheln beider Hände die Augen rieb und von neuem herzhaft gähnte . » Wie Viele hast du heute schon verschlungen ? « brummte Scholten , und jetzt zeigte es sich , daß das Ding doch auch zu reden wußte . » Oh , noch niemand , Herr Pate . Wir haben auch gar nicht zu Mittag gekocht . Der Vater hatte keine Zeit , und ich habe ihm geholfen . Jetzt schläft er , und ich bin hier und habe auch geschlafen . Es ist wohl der heiße Tag gewesen , und unterwegs hatte mir der liebe Gott noch einen Botengang linksab geschickt . Das hat mich wohl noch schwindliger gemacht ; da bin ich hier in der Kühle eingeschlafen , ohne daß ich weiß , wie es zugegangen ist . O nehmen Sie es nur nicht übel ! « » Im Brotschranke war ein halbes gebratenes Huhn – delikat ! – und ein Topf mit Pflaumen in Zucker ? ! « sagte oder fragte der Justizrat , wie verstohlen mit dieser Bemerkung sich seitwärts anschleichend . » O ich weiß , Herr Pate ! Ich stand auf den Zehen ; aber sie hat mich am Zopf umgedreht , und da habe ich hier auf der Bank gewartet und bin eingeschlafen . « Die Augen der Kleinen leuchteten bei dem neuen Blick auf den Wandschrank ; aber die Augen des Justizrats Scholten leuchteten gleichfalls bei einem Blick in denselben . Mit einem Sprunge war er vor der Stubentür , und sofort erhub sich in der Tiefe des Hauses – wahrscheinlich in der Küche – ein Lärm , der die stillen Schläfer an der Kirche unter den Kreuzen und grünen Hügeln hätte aufwecken können . Der gemütliche alte juristische Sommergast der Witwe Bebenroth schien toll geworden zu sein . Er schrie , er brüllte – Pfannen und Töpfe rasselten – , dazwischen zeterte und heulte die Witwe ; die Frau Baronin Salome von Veitor aber schob der Eilike den irdenen Teller mit dem Brot zu und sagte : » Du wirst für jetzt wohl damit fürliebnehmen müssen , mein armes Kind . « » Oh ! « rief Eilike Querian , griff mit beiden Händen gierig zu , [ 322 ] riß ganze Stücke mit den blendend weißen , scharfen Zähnen ab und erstickte fast im Kauen und Schlingen . Der Anblick war solcher Art , daß die Frau Salome , die Hände faltend , murmelte : » Wer konnte darauf achten ? Ich hab ' s nicht gesehen ; aber ich hoffe , er hat seinen Spazierknittel mit in die Küche genommen und macht Gebrauch davon . Ich hoffe zu Gott , daß er das Weib durchprügelt ! « Keuchend , mit dem hellen Wutschweiß auf der Stirn , trat Scholten wieder ein . » Das Kind habe alles gefressen , behauptet der Unhold und will darauf einen selbstverständlich falschen Eid schwören « , sagte er grinsend . » Eilike – « Das Kind hatte sich bereits erhoben . Es stand in einer seltsam pathetischen Stellung . Die linke Hand hatte es auf die Brust gelegt , die rechte erhob es , reckte die Schwurfinger auf und sagte mit wunderlich feierlichem Tone : » Der barmherzige Herr und Schöpfer vom Himmel und der Erde ist mein Zeuge . Ich habe es nicht getan . « Die Frau Salome sah von dem jungen Mädchen auf den Justizrat : » Scholten , ich bitte Sie ? ! Was ist das , Scholten ? « » Eilike Querian . Querians Tochter , wie ich Ihnen sagte . Mein Patchen aus der Marktkirche zu Hannover , wie ich Ihnen bemerkte . Ich habe die Person nach dem Wirtshause geschickt . Nicht wahr , Eilike , wir sind mit jeglichem Tafelabhub zufrieden ? « Das Kind lachte . Es kaute weiter , schien den Herrn Paten wenig zu verstehen und schien vor allen Dingen mit allem zufrieden zu sein , was ihm zwischen die gesunden glänzenden Zähne kam . – Die Witwe Bebenroth kam mit einem leeren Korbe zurück , trat patzig in die Stube , schlug die Arme unter und sagte grimmig , verdrossen und voll höhnischen Triumphes : » Nichts ! Alles ratzenkahl – der letzte Knochen für die Hunde . Sapperment , ist das ein Umstand ! « [ 323 ] » Sapperment « , brummte der Justizrat . » Weib , ich hätte Lust , dir einen Kriminalprozeß auf den Hals zu hängen ! « Da setzte die Witwe ihren Korb nieder und verzog den Mund zu einem neuen Geheul : » Oh , Herr Rat , ich habe noch einen Schinken im Rauch . Mein letzter Seliger ist dieses sein letztes Frühjahr durch mit langer Zunge drumherum gegangen , und ich habe ihn leider Gottes mehr als einmal von der Leiter heruntergezogen und ihm das Messer aus den Händen gerissen . Ach Gott , ach Gott , hätte ich gewußt , daß dies sein letztes Frühjahr sein sollte , so hätte ich ihn gut und gern mit seiner Gier dran gelassen . Ein Drache bin ich nicht , sondern nur eine arme , elende Witfrau , Herr Justizrat , und das wissen Sie seit sechs Jahren am besten . « » Herunter mit dem Schinken ! Her mit ihm ! « rief Scholten ; doch sein kleiner Gast stand auf , knickste höflich und sagte : » Ich bin ganz satt , Herr Pate ; ich danke auch schön . « » Sapperment « , wiederholte Scholten , und die Witwe Bebenroth murmelte etwas von einer » diebischen , gefräßigen Kröte « und verschwand , auch diesmal ihren Schinken noch rettend . » Sie hat das Huhn doch sich selber genommen « , flüsterte Eilike Querian , und dann trug sie Teller und Brot und Messer ein jegliches an seinen Platz und wischte den Tisch ab mit einem Flederwisch , den sie vom Nagel hinter dem Ofen holte , brachte auch den Gänseflügel wieder an seinen Ort , kam zurück an den Tisch und auf ihre Bank und hub nun an , bitterlich zu weinen . Die Tränenflut kam so überraschend für die Frau Salome , daß sie beinahe erschrak und jedenfalls ihren Stuhl höchst verdutzt zurückschob . Der Justizrat , mit den Zuständen seines kleinen Gastes bekannt , zog nur ganz unmerklich die struppigen grauen Augenbrauen zusammen , schob die Brille auf die Stirn und fragte : » Also es ist einmal wieder gar nicht auszuhalten zu Hause , mein Mädchen ? « » Ich bin aus dem Fenster gestiegen . Es ist böse von mir ; aber er hat es gottlob nicht gemerkt . Ich meine , ich könnte sterben , [ 324 ] ohne daß er es merkte . Er hat mich wieder nackt abgebildet , daß ich mich vor mir selber fürchte – « » Er ist verrückt : und wenn wir sechsmal aus einem Neste sind , meine Geduld mit ihm ist zu Ende ! « rief der Justizrat , die Faust schwer auf die Tischplatte fallen lassend . » Es ist unverantwortlich , daß ich ihm nicht schon längst die Tür habe aufbrechen lassen ; aber es soll heute abend – jetzt gleich – noch geschehen . Er soll hervor ! Einen andern Herbst und Winter durch lasse ich dich nicht mehr mit ihm allein , mein armes Kind ! Er ist unzurechnungsfähig ; ich werde jetzt auf der Stelle mit dem Vorsteher reden und mich diese Nacht noch mit einer Darlegung der Verhältnisse an die zuständigen Behörden wenden . Sie sollen mir die Vormundschaft über ihn und dich legaliter übertragen . Zum Henker , es ist kaum zu glauben , was alles den verständigen Leuten in dieser Welt über den Kopf wachsen will ! Prometheus ? ! Oh , der Narr soll mir nur mit seiner Dummheit kommen Am Kaukasus werde ich ihn nicht festschmieden lassen , wohl aber solide und behaglich in das Landesirrenhaus setzen lassen . Ichor ? ! Sapperment , die Doktoren und Chirurgen nennen das auch serum sanguinis , Wundwasser – Eiter und Jauche ! Ich werde ihn an den Ohren hervorziehen – beim Zeus , das heißt dem verständigen , klaren , blauen Himmel , das werde ich . « Ja , beim unbewölkten Zeus , der es aber versteht , Wolken zu sammeln und tüchtig zu regnen : der Justizrat Scholten sah in diesem Moment nicht aus , als ob er viel von dem Blute der Götter in den Adern der erdgeborenen Menschen halte ! Wie ein alter Kater sah er aus oder , edler gesagt , wie ein Schwurgerichtspräsident , der bei ausgeschlossener Öffentlichkeit über einen mit dem Untergange von Sodom und Gomorrha in Verbindung zu bringenden Fall zu Gerichte sitzt . Die Frau Salome sah noch verdutzter auf ihn wie vorhin auf die so unvermutet in Tränen zerfließende Eilike . Das Kind hielt angsthaft , mit offenem Mund , in der offenen Hand den Groschen hin , welchen es Vorhin für einen Botenweg von einer gutherzigen Seele im Dorfe zur Belohnung empfangen hatte ; – der alte Jurist erschien in demselben Grad erregt wie vorhin , als [ 325 ] er , wutentbrannt ob des fehlenden Hühnerbratens und seines Topfes voll Zwetschen , in die Küche der Witwe Bebenroth stürzte , und er beruhigte sich in demselben Grade rasch wie nach jenem Zornausbruche . Die gesträubten Brauen glätteten sich , die grimmigen Falten legten sich wieder in die gewöhnlichen Furchen zurecht , und der Justizrat sprach zur Frau Salome : » Euer Gnaden verwundern sich ? Euer Gnaden haben keine Ursache , sich zu wundern . Aber dieser Querkopf , dieser Querian , macht mir die Sache dann und wann zu arg , und wie er die Eilike traktiert , das hat sie Ihnen eben selber vorgetragen . Ein altes Vieh bin ich nicht , wie eben meine Witwe da draußen brummt , und wenn ich einmal den Polyphem herauskehre , so hat das gewöhnlich seine guten Gründe . Eilike , mein Herz , wie oft hab ich es dir verboten , von den Leuten Geld zu nehmen ! « » Oh , sie geben es mir aus gutem Herzen . « » Und aus Mitleid « , ächzte Scholten . » Das ist der Jammer , und – der Querian gehört doch ins Irrenhaus . Du aber nimmst es aus Dummheit , mein Kind , und so muß ich auch das gehen lassen , wie es geht . Es ist , um sich die Haare auszuraufen ! « Die Frau Salome von Veitor hatte selten in ihrem Leben die anderen Menschen so lange allein reden lassen . Jetzt jedoch hielt sie es nicht länger aus , und es war ihr eigentlich auch nicht zu verdenken , wenn sie endlich eine genauere Einsicht in die Umstände der Leute wünschte , deren Bekanntschaft sie in so absonderlicher Art machte . » Wenn ich hier nicht in die Höhle des Polyphemos geraten bin , so ist ' s vielleicht die Grotte des Trophonios . Nun warte ich aber mit Schmerzen auf die kluge , geheimnisvolle Stimme aus dem Dunkeln , Justizrat . Und auch der Esel draußen vor der Tür wird allgemach ungeduldig , und ich bin es gewohnt , auch auf ihn einige Rücksicht zu nehmen . « Sie sagte das letztere lachend , aber es zitterte doch eine ganz andere Bewegung in der Stimme , mit welcher sie hinzusetzte : » Was dieses Kind ist , sehe ich . Wie es geworden ist , kann ich [ 326 ] mir in hundertfacher Weise vorstellen . Wie da zu helfen wäre , kann ich mir auch auslegen ; – im Grunde ist da noch wenig versäumt und verloren . Aber wer und was ist dieser unheimliche Herr mit dem verqueren Namen ? Querian ! Hat je ein Mensch ein ehrlich Handwerk getrieben , ein Geschäft gemacht oder in der Gelehrsamkeit es zu etwas gebracht mit einem Namen wie dieser ? « » Nein « , erwiderte der Justizrat , » und deshalb hat der Unglückliche es in der Kunst versucht , und es ist bis dato ihm auch damit nicht geglückt , wenngleich dieses noch am ersten das Feld war , worauf er Querian heißen konnte . Ein Doktor Querian , ein Pastor Querian und ein Geheimrat Querian sind freilich vollkommen unmöglich . Weshalb hieß der Tropf nicht Scholten und brachte es zu einer anständigen Stufe auf der Leiter bürgerlicher Respektabilität ? ! « » Also Mr. Shandy hat da wieder einmal recht ? « » Wieder einmal , Gnädige ; aber : › nomina omina ‹ sagen schon die Lateiner . Was die Eilike angeht , so habe ich da eine homöopathische Kur gebraucht und den Haus- durch den Taufnamen heruntergedrückt . Als Eilike Querian kann man es am Ende doch noch zu etwas bringen , sowohl im Romane wie im gewöhnlichen Leben . Nicht wahr , mein Kind , es wird doch noch etwas aus uns , und die Sonne scheint uns nicht nur in den Mund , sondern auch in das Herz . Ein wenig Hunger dann und wann bewirkt nur , daß wir den Mund ein wenig weiter aufsperren – « » Die Witwe Bebenroth darf uns dann aber nicht zu häufig zwischen das Glück und unseren Instinkt oder Appetit geraten . Lieber Freund , was die Sonne anbetrifft , so ist dieselbe heute bereits seit einiger Zeit untergegangen , und ich habe , wie Sie wissen , noch einen ziemlichen Weg nach Hause vor mir . Was treibt , was schafft Ihr kurioser Freund und Gevatter ? Es wird Dämmerung , und ich habe über keinen Hippogryphen zu verfügen , der mich aus diesem Reiche der Romantik in meine modernen , nüchternen vier Pfähle zurückbringt . « » Er bildet Menschen , Frau Salome . Machwerke , die von ferne so aussehen , in der Nähe aber immer ein wenig anders . Es würde [ 327 ] aber ein eigener Geschmack dazu gehören , mit seinen Kreaturen Haus und Garten zu bevölkern . Sie haben es gehört ; er hat wieder einmal sein Kind nackt abgebildet ; – nun sage , Eilike , hast du dich da wiedererkannt , und hast du dir gefallen ? « Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf und schauderte wie in einem unüberwindlichen Grauen . » Es war das , weshalb ich aus dem Fenster sprang . Es war nicht der Hunger . Ich will leben und möchte auch ein schönes Kleid haben wie die schöne Dame . Er aber bildet mich tot ab . Oh , ich wollte , ich wäre tot ; aber dann auch begraben und mit grünem Gras und Blumen auf meinem Grabe ; dann brauchte ich mich nicht mehr zu fürchten und zu schämen ! « » Scholten ? ! « rief die Frau Salome , zusammenschauernd wie eben Eilike Querian . » Oh , das unselige Geschöpf ! Und Sie dulden das ? Sie ertragen es , derartiges in dem Tone sich sagen zu lassen ? « » Prometheus im Dorf ! Ein Tropfen vom Blute der Götter , Madam « , sagte der Justizrat finster . » Oh , und Sie haben mehrmals den Versuch gewagt , mich über das unglückliche Kind lächeln zu machen ! Der Himmel verzeihe das Ihnen . Aber ich will diesen Mann kennenlernen ! Wenn er Geld haben will , soll er es haben . Er soll mir heraus ! – Wenn er ein Künstler – ein Bildhauer ist , soll er weg von hier – einerlei wohin – nach Italien – nach Rom , und mir soll er sein Kind lassen . So antworten Sie doch , Scholten ; sagen Sie etwas , sprechen Sie doch ! « Der Justizrat war aufgestanden und ging in der Stube auf und ab . Nun blieb er vor der Frau Salome stehen und sagte mit einer Stimme , die ob der Rührung nur noch schnarrender wurde : » Ich würde es da nicht zum erstenmal erfahren , daß Ihnen der Gott Abrahams in Fällen Gedeihen gibt wo andere Leute unfehlbar und ohne Gnade fehlgreifen . Wissen Sie was ? Ich will in dieser Nacht einmal nach Pilsum schreiben . Darf ich Ihnen übrigens jetzt noch die Hand küssen , teure Freundin ? « Er tat das letztere und behielt diese Hand dann noch mehrere Augenblicke zwischen seinen Händen . Eilike Querian aber sah [ 328 ] und hörte dem allen zu . Der Esel vor der Tür aber wurde nun in der Tat recht ungebärdig , zog an seinem Zaume , scharrte und stampfte und ließ Töne hören , die dem Kinde sehr spaßhaft vorkamen und über die es leise , aber doch sehr herzlich lachte . Siebentes Kapitel [ 329 ] Die Dämmerung des schönen Sommertages war gekommen , und die Baronin Veitor zögerte immer noch im Hause der Witwe Bebenroth . » Es würde mir so lieb sein , heute abend noch den Mann mit Augen zu sehen . Ich glaube , ich würde viel besser schlafen « , sagte sie . » Was meinst du , Eilike « , fragte der Justizrat Scholten , sich an das junge Mädchen wendend , » würde der Papa sich heute abend sehen lassen ? « Eilike Querian schüttelte den Kopf : » Ich steige wieder ins Fenster und schleiche zu Bett . Die Dachluke lasse ich offen wegen der Sterne und Wolken , und daß ich den Nachtwächter hören kann und die Katzen und Hunde und die Kühe in den Ställen . Ich schlafe dann auch viel besser . Weil aber der Mond scheint , ist ' s noch besser , denn da habe ich auch meiner Mutter weißes Bild am Bette , das sieht mich freundlich an und bewacht mich . « » Es ist ein Gipsabguß des Kopfes irgendeiner Muse , Nymphe oder Nereide ; aber es ist ein gutes griechisches Frauenzimmergesicht in der Tat , und so läßt man das Kind in Gottes Namen am besten bei seinem Troste . Seine Mutter kann es nicht gekannt haben , sie starb ihm zu früh « , sagte Scholten leise erklärend zu der Frau Salome . » So lassen Sie uns die Kleine jetzt nach Hause begleiten und zeigen Sie mir wenigstens ihre und ihres Vaters Wohnung . « Der Justizrat nahm seinen Hut und Eichenstock Eilike Querian sprang vor die Tür und löste dem Maulesel den Zaum von [ 329 ] der Hecke und legte ihm denselben geschickt zurecht . Die Witwe Bebenroth kam auch wieder herbeigekrochen und sagte höflich : » Wollen Sie uns schon verlassen ? Nun , besuchen Sie uns recht bald einmal wieder ! « » Verlassen Sie sich darauf ! « murmelte die Baronin von ihrem Reittiere herunter . » Es ist nicht das letzte Mal , daß ich mich hier befand . « So zogen sie ab vom Hause der Witwe quer durch das Dorf . Es war längst Feierabend , und längst waren die müden Einwohner von ihrer Arbeit auf und unter der Erde heimgekommen ; aber der Ort war kaum lebendiger dadurch geworden . Die Leute saßen müde Vor ihren Türen , und nur die Kinder waren wie gewöhnlich vor dem Schlafengehen noch einmal recht munter geworden und trieben wilder und mit helleren Stimmen ihre letzten Spiele an diesem Tage . Nun senkte sich wiederum am äußersten Rande des Dorfes der Weg in eine Talmulde , in die der Wald hineinwuchs . Da lag das Haus Querians , das sich , soviel man in der Dämmerung sehen konnte , durch nichts von den übrigen Gebäuden der Ortschaft unterschied . Mit Schindeln gedeckt und behangen , lehnte es sich an das Gebüsch und an die Hügelwand : ein einstöckiges Bauwerk mit einem Giebel . » Da wohne und schlafe ich « , sagte Eilike , auf diesen Giebel deutend . » Aber nach hinten hinaus « , fügte sie hinzu . » Ein krummer Zweig reicht gerade an mein Fenster , und ich kann klettern . Hier unten wohnt mein Vater , Madam . Wir könnten drei Tage klopfen , und er machte doch nicht auf , wenn es ihm nicht gefällig wäre . Er hat soviel zu tun ; und die Fensterladen macht er nie auf . Er arbeitet bei Licht – bei einem großen Feuer , er friert immer so sehr . Er hat sich selber einen Herd dazu