gesetzt hat . – Wir können sie morgen besuchen , Heinrich , wenn du willst , und du wirst bei deinen gnädigen Herren in Zürich einen Stein im Brette gewinnen durch die Beschreibung des an Ort und Stelle besichtigten Streitobjektes . – Das war lästig , aber es ging uns nicht ans Leben . Dann aber , als es jedem klar denkenden Kopfe zur Gewißheit wurde , daß die katholischen Mächte zum Vernichtungskriege gegen den deutschen Protestantismus rüsteten ... « » Unbestreitbar « , warf Waser ein . » ... da wurde es zur Lebensfrage für Spanien , sich die Militärstraße von seinem Mailand ins Tirol durch unser Veltlin , über unser Gebirg , um jeden Preis zu sichern , und zur Lebensfrage für uns , dies um jeden Preis zu verhindern . Unsere spanische Partei mußte zum Nimmerwiederaufstehn niedergeschmettert werden ! « » Ganz richtig « , sagte der Zürcher , » wenn ihr nur nicht zu so gar gewalttätigen Mitteln gegriffen hättet , wenn nur euer Volksgericht in Thusis weniger form-und regellos und seine Strafen weniger blutig gewesen wären ! « » Bündnerdinge ! – Wer bei uns Politik treibt , setzt seinen Kopf ein . Das ist herkömmlich und landesüblich . Übrigens war es nicht so schlimm . Wir wurden durch übertriebene Berichte verleumdet und die beiden Planta zogen an euern Tagsatzungen und in aller Herren Ländern herum , uns anzuschwärzen und schlechtzumachen . « – » Der keiner Partei verfallene und von allen Rechtschaffenen geachtete Fortunatus Juvalt hat nach Zürich geschrieben , ihr wäret unbarmherzig mit ihm umgegangen . « – » Geschah dem Pedanten recht ! In einer kritischen Zeit muß man Partei zu ergreifen wissen . Es heißt : die Lauen will ich aus dem Munde speien . « – » Er klagte , es wären falsche Zeugen gegen ihn aufgestanden . « – » Mag sein . Auch kam er ja mit dem Leben davon und wurde nur zu einer Buße von vierhundert Kronen verurteilt wegen zweideutiger Gesinnung . « – » Ich begreife « , fuhr Waser nach einer Pause fort , » daß ihr Pompejus Planta und seinen Bruder Rudolf des Landes verweisen mußtet ; aber war es denn nötig , sie wie gemeine Verbrecher zu brandmarken und mit Henkerstrafen zu bedrohen , ohne Rücksicht auf die glänzenden Verdienste ihrer Vorfahren und die tiefen Wurzeln ihrer Stellung im Lande ? « – » Niederträchtige Verräter ! « fuhr Jenatsch zornblitzend auf . » Die Schuld unserer ganzen Gefahr und Verstrickung lastet auf ihnen und möge sie zermalmen ! Zuerst und vor allen haben sie mit Spanien gezettelt ! Kein Wort , Heinrich , zu ihrer Verteidigung ! « – Verletzt durch dies herrische Ungestüm , sagte Waser mit etwas gereizter Stimme und dem Gefühle , jetzt einen wunden Punkt zu treffen : » Und der Erzpriester Nicolaus Rusca ? – Er galt allgemein für unschuldig . « – » Ich glaube , er war es « – flüsterte Jenatsch , dem sichtlich bei dieser Erinnerung unbehaglich zumute ward , und blickte starr vor sich hin in die Dämmerung . Erstaunt über diese seltsame Aufrichtigkeit schwieg der andere eine Weile . » Er ist auf der Folter mit durchgebissener Zunge gestorben ... « sagte er endlich vorwurfsvoll . Jenatsch antwortete in kurzen abgerissenen Sätzen : » Ich wollte ihn retten ... Wie konnt ich wissen , daß der Schwächling die ersten Foltergrade nicht überstehen würde ... Er hatte persönliche Feinde . Die Aufregung gegen die römischen Pfaffen wollte ihr Opfer haben . Unsere katholischen Untertanen hier im Veltlin mußten eingeschüchtert werden . Es kam , wie geschrieben steht : Besser ist ' s , daß einer umkomme , als daß das ganze Volk verderbe . « – Wie um die trübe Stimmung abzuschütteln , erhob sich nun Jenatsch , den Freund aus dem dunkelnden Gartenraume ins Haus zu führen . Über der Mauer sah man den schlanken Kirchturm vom letzten Abendgold sich abheben . » Der Unglückliche hat übrigens hier noch zahlreiche Anhänger « , sagte er , und dann auf die Kirche weisend : » dort las er seine erste Messe vor dreißig Jahren . « – Im Hauptgemach , das nach dem Flur offenstand , brannte eine Lampe . Als die beiden das Haus betraten , sahen sie die Junge Frau an der Vordertür bei einer Freundin stehen , die sie herausgerufen zu haben schien und ihr mit ängstlichen Gebärden etwas zuflüsterte . Hinter den Frauen liefen in der dämmernden Dorfgasse Leute vorüber und man vernahm ein wirres Getön von Stimmen , aus dem jetzt deutlich der Ruf eines alten Weibes hervorkreischte : » Lucia , Lucia ! Ein entsetzliches Wunder Gottes ! « Jenatsch , dem solche Szenen nicht neu sein mochten , wollte , seinem Gaste den Vortritt lassend , die Zimmerschwelle überschreiten , als die junge Frau sich ihm näherte und ihn angstvoll am Ärmel faßte . Waser , der sich umwendete , sah , wie sie totenblaß die gefalteten Hände zu ihrem Manne erhob . » Geh an deinen Herd , Kind , und besorge uns ruhig das Abendessen « , befahl er freundlich , » damit du mit deiner Kunst bei unserm Gaste Ehre einlegest . « Dann wandte er sich unmutig lachend zu Waser : » Die verrückten welschen Hirngespinste ! Sie sagen , der tote Erzpriester Rusca stehe drüben in der Kirche und lese Messe ! – Ich will dem Wunder zu Leibe rücken . Kommst du mit , Waser ? « Diesem lief es kalt über den Rücken , aber die Neugierde überwog und : » Warum nicht ! « sagte er mit mutiger Stimme ; dann , als sie der vorwärts treibenden Menge verstörter Leute durch die Dorfgasse nach der Kirche folgten , fragte er flüsternd : » Der Erzpriester ist doch wirklich nicht mehr am Leben ? « » Sapperment ! « versetzte der junge Pfarrer , » ich war dabei , als man ihn unter dem Galgen in Thusis verscharrte . « Jetzt traten sie durch die Hauptpforte in die Kirche . Das Schiff , welches sie nun durchschritten , war zum Behufe des protestantischen Gottesdienstes von allen Heiligtümern gereinigt und enthielt außer den Bänken für die Zuhörer nur den Taufstein und eine nackte Kanzel . Ein Bretterverschlag mit einer kleinen Türe trennte davon den weiten Chor , der den Katholiken verblieben und von ihnen zur Kapelle eingerichtet worden war . Als Jenatsch öffnete , befanden sie sich dem Hauptaltare gegenüber , dessen heiliger Schmuck und silbernes Kruzifix in einem letzten durch das schmale Bogenfenster einfallenden Abendschimmer kaum mehr zu erkennen waren . Vor ihnen drängte sich Kopf an Kopf die knieende murmelnde Menge , Weiber , Krüppel , Alte . Längs der Wände schoben sich dürftige Männergestalten , mit den langen magern Hälsen vorwärts lauschend und den Filz krampfhaft vor die Brust gedrückt . Auf dem Hochaltare flackerten zwei düstere Kerzen , deren Licht mit dem letzten von außen kommenden Schimmer der Dämmerung kämpfte . Die zwei Flämmchen bewegten sich in einem von zerbrochenen Fensterscheiben eingelassenen Luftzuge , der sie auszulöschen drohte , und tanzende Schatten trieben auf dem Altare ein seltsames Spiel . Der streichende Wind bewegte zuweilen mit leisem Geknatter die schwach schimmernden Falten der Altardecke . Erregte Sinne mochten wohl das weiße Gewand eines Knieenden auf den Stufen erblicken . Jenatsch stieß im Mittelgange mit seinem Freunde vor , von den einen , in Verzückung Versunkenen , kaum bemerkt , von den andern mit bösen , feindlichen Blicken und leisen Verwünschungen verfolgt , aber von keinem zurückgehalten . Jetzt stand der athletische Mann , allen sichtbar , dem Altare gegenüber ; aber vor diesem hatte sich auch schon eine Anzahl unheimlicher Gesellen wie eine Schutzwehr gegen Heiligenschändung drohend zusammengedrängt . Waser glaubte blinkende Dolche zu erblicken . » Was ist das für ein unchristlicher Zauber ! « rief Jenatsch mit schallender Stimme . » Laßt mich zu , daß ich ihn breche ! « – » Sacrilegium ! « murrte es aus der dichten Reihe der Veltliner , die einen Ring um den Bündner zu schließen begann . Zwei griffen nach seiner vorgestreckten Rechten , andere drängten sich von hinten an ihn ; aber Jenatsch machte sich mit einem gewaltigen Rucke frei . Um sich nach vorn Luft zu schaffen , packte er den nächsten seiner Angreifer mit eiserner Faust und schleuderte ihn rücklings gegen den Hochaltar . Der Stürzende schlug mit ausgebreiteten Armen , die nackten Füße gegen die Menge streckend , hart auf die Stufen und begrub den buschigen Hinterkopf in die Altardecken . Leuchter und Reliquienschreine klirrten und es erhob sich ein langes durchdringendes Wehgeheul . Dieser Moment der Verwirrung rettete den Pfarrer . Er benutzte ihn blitzschnell , durchbrach gewaltsam , seinen Freund nach sich ziehend , den verwirrten Menschenknäuel , erreichte die offene Sakristei , gewann das Freie und eilte mit Waser seinem Hause zu . In dem sichern Wohnraume angelangt , stieß der Hausherr einen Schieber an der Wand zurück und rief in die Küche hinaus : » Trag uns auf , meine Lucia ! « Herr Waser aber klopfte den Staub des Handgemenges aus seinen Kleidern und zog Manschetten und Halskrause zurecht » Pfaffentrug ! « sagte er , diesem Geschäfte mit Sorgfalt obliegend . » Vielleicht , vielleicht auch nicht ! Warum sollten sie nicht etwas gesehen haben ? Irgendein Phantom ? Du weißt nicht , welche sinnverwirrenden Dünste aus den Sümpfen dieser Adda aufsteigen . – Schade um das Volk ; es ist sonst so übel nicht . Im obern Veltlin lebt ein geradezu tüchtiger Schlag , ganz verschieden von diesen gelben Kretinen . « » Hättet ihr Bündner nicht klüger getan , ihnen einige beschränkte bürgerliche Freiheiten zu gewähren ? « warf Waser ein . » Nicht bürgerliche nur , auch die politischen Rechte hätte ich ihnen gegeben , Heinrich . Ich bin ein Demokrat , das weißt du . Aber da ist ein schlimmer Haken . Die Veltliner sind hitzige Katholiken , zusammen mit dem papistischen Drittel unserer Stammlande würden sie Bünden zu einem katholischen Staate machen – und da sei Gott vor ! « Indessen hatte die reizende Lucia , die jetzt sehr niedergeschlagen aussah , den landesüblichen Risott aufgetragen und der junge Pfarrer füllte die Gläser . » Auf das Wohl der protestantischen Waffen in Böhmen ! « rief er , mit Waser anstoßend . » Schade , daß du deinen Plan aufgegeben hast und jetzt nicht in Prag bist . In diesem Augenblicke vielleicht geht es dort los . « » Möglicherweise ist es für mich rühmlicher hier bei dir zu sein . Man darf nach den neuesten Nachrichten bezweifeln , ob der Pfalzgraf den Hengst zu regieren weiß , auf den er sich so galant gesetzt hat . – Es ist doch nichts daran , daß ihr euch mit dem Böhmen verbündet habt ? « » Wenig genug , leider ! Wohl sind ein paar Bündner hingereist , aber gar nicht die rechten Leute . « » Das ist sehr gewagt ! « » Im Gegenteil , zu wenig gewagt ! Keiner gewinnt , der nicht den vollen Einsatz auf den Tisch wirft . Unser Regiment ist erbärmlich lässig . Lauter halbe Maßregeln ! Und doch haben wir unsere Schiffe verbrannt , mit Spanien so gut wie gebrochen und die Vermittlung Frankreichs grob abgewiesen . Wir sind ganz auf uns selbst gestellt . In ein paar Wochen können die Spanier von Fuentes her einbrechen und es ist – kannst du ' s glauben , Waser ? – für keine Verteidigung gesorgt . Ein paar erbärmliche Schanzen sind aufgeworfen , ein paar Kompanien einberufen , die heute kommen und sich morgen verlaufen . Keine Kriegszucht , kein Geld , keine Führung ! Und mich haben sie wegen meines eigenmächtigen Eingreifens , wie sie ' s nennen , das sich für meine Jugend und mein Amt nicht schicke , von jedem Einflusse auf die öffentlichen Dinge abgeschnitten und so fern als möglich von ihren Ratsstuben an diese Bergpfarre gefesselt . Die ehrwürdige Synode aber ermahnt mich , eine faule Friedsamkeit zu predigen , während über meinem Vaterlande stoßfertig die spanischen Raubgeier schweben . Es ist zum Tollwerden ! – Täglich mehren sich die Anzeigen , daß hier unter den Veltlinern eine Verschwörung brütet . Ich kann nicht länger zusehen . Morgen will ich selbst noch eine Rekognoszierung gegen Fuentes vornehmen – du kommst mit , Waser , ich habe einen anständigen Vorwand – und übermorgen reiten wir zum bündnerischen Landeshauptmann nach Sondrio . Er versteht nichts anderes , als am Mark dieses fetten Landes zu zehren , das wir morgen verlieren können , der träge Blutsauger ! Aber ich will ihm so zusetzen , daß ihm der Angstschweiß aus allen Poren bricht . – Du hilfst mir . Waser . « – » In der Tat « , bemerkte dieser zögernd und geheimnisvoll » auch ich habe auf meiner Reise durch Bünden einige Witterung bekommen , daß etwas im Tun sein möchte . « » Und das sagst du mir jetzt erst , Kind des Unglücks ! « rief der andere scharf und gespannt . » Gleich erzähle alles und ganz nach der Ordnung . Du hast etwas gehört ? Wo ? von wem ? was ? « Waser ordnete geschwind in seinem Geiste das Erlebte , um es seinem gewalttätigen Freunde passend vorzulegen . » Auf dem Hospiz der Maloja « , begann er vorsichtig . » Sitzt als Wirt der Scapi , ein Lombarde , also mit den Spaniern einverstanden . Weiter . « » Hörte ich , freilich halb im Schlummer , neben meinem Schlafkämmerlein ein Zwiegespräch . Ich glaubte , es sei von dir die Rede . – Wer ist Robustelli ? « » Jakob Robustelli von Grosotto ist ein ausbündiger Schuft , ein Dreckritter , durch Kornwucher reich und durch spanische Gunst adelig geworden , der Patron und Spießgeselle aller Malandrini und Straßenräuber – jeder Missetat und jeden Verrates fähig ! « » Dieser Robustelli « , sagte Waser mit Gewicht , » trachtet dir , wenn ich richtig hörte , nach dem Leben . « » Wohl möglich ! Das ist nicht die Hauptsache . Wer war der andere , mit dem er zettelte ? « » Ich hörte seinen Namen nicht « , antwortete der Zürcher , der es für Pflicht hielt , dem Herrn Pompejus das Geheimnis zu bewahren , und als Jenatsch ihn drohend anblitzte , fuhr er herzhaft fort : » Und wüßt ich den Namen , so will ich ihn nicht nennen ! « » Du weißt ihn ! . . . Heraus damit ! « drang Jenatsch auf ihn ein . » Jürg , du kennst mich ! Du weißt , daß ich mir diese Faustrechtmanieren nicht gefallen lasse , ich verbitte mir das « , wehrte Waser mit möglichst kalter Miene ab . Da legte ihm der andere liebkosend den starken Arm um die Schultern und sagte mit zärtlicher Wärme : » Sei offen , Herzenswaserchen ! Du verkennst mich ! Nicht für meine Person sorg ich , sondern für mein vielteures Bünden . Wer weiß , vielleicht hängt an deinen Lippen seine Rettung und das Leben von Tausenden ! « ... » Schweigen ist hier Ehrensache « , versetzte Waser und machte einen Versuch sich der leidenschaftlichen Umarmung zu entziehen . Jetzt fuhr eine düstere Flamme über das Antlitz des Bündners . » Bei Gott « , rief er , den Freund an sich pressend , » sprichst du nicht , so erwürg ich dich , Waser ! « und als der Erschrockene schwieg , griff er nach dem Dolchmesser , womit er Brot geschnitten , und richtete die drohende Spitze desselben gegen die Halskrause des Zürchers . Dieser wäre sicherlich auch jetzt noch standhaft geblieben , denn er war im Innersten empört ; aber bei einer unvorsichtigen Bewegung des Sträubens , die er gemacht , hatte der spitze Stahl seinen Hals geritzt und ein paar Blutstropfen rieselten unheimlich warm gegen die Halskrause herunter . » Laß mich , Jürg « , sagte er , leicht erbleichend , » ich will dir etwas zeigen ! « Er holte zuerst sein weißes Schnupftuch heraus und wischte sich behutsam das Blut ab ; dann zog er sein Taschenbuch hervor , schlug das Blatt mit der Skizze der Juliersäulen auf und legte es auf den Tisch hin vor Jenatsch , der das Büchlein hastig ergriff . Der erste Blick des Bündners auf die Zeichnung traf die von Lucretia zwischen die Juliersäulen geschriebenen Worte und er versank plötzlich in finsteres Nachdenken . Waser , der ihn schweigend beobachtete , erschrak innerlich über den Eindruck , den Lucretias von ihm wider Willen übernommene und bestellte Botschaft auf Jürg Jenatsch machte . Er hatte nicht ahnen können , wie rasch der Scharfsinn des Volksführers den Zusammenhang der Tatsachen erriet und wie sicher und unerbittlich er sie verkettete . Trauer und Zorn , weiche Erinnerungen und harte Entschlüsse schienen über den halb Abgewandten wechselnd Gewalt zu gewinnen . » Arme Lucretia ! « hörte Waser ihn aus tiefster Seele seufzen , dann wurde sein Ausdruck immer rätselhafter , verschlossener , und härtete sich zur Undurchdringlichkeit . – » Sie waren auf dem Julier ... ihr Vater ist also in Bünden ... Stolzer Herr Pompejus , du hast einen Robustell zum Spießgesellen ... tief gesunken ! « sprach er fast ruhig . Plötzlich sprang er auf : » Nicht wahr , Waser , meine verwünschte Hitze ? Du hattest auf der Schule davon zu leiden und ich bin ihrer noch immer nicht Herr geworden ! . . . Geh zu Bette und verschlafe dein böses Abenteuer ! – Morgen in der kühlen Frühe machen wir den Ritt nach Fuentes auf zwei untadeligen Maultieren . Du sollst an mir den leidlichen Gesellen finden von ehedem . Unterwegs läßt sich über manches gemütlich plaudern . « Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Herr Waser erwachte vor Tagesanbruch . Als er mit Mühe den Fensterladen aufstieß , der von dem üppigen Geäste und Blätterwerke eines Feigenbaumes gesperrt und dicht überflochten war , geschah es im Widerstreite zweifelnder Gedanken . Er war mit dem Vorsatze entschlafen , seinen gewalttätigen Freund und das allzu abenteuerliche Veltlin ohne Zögern und auf dem nächsten Wege über Chiavenna zu verlassen . Ein erquickender Schlaf jedoch hatte die gestrigen Eindrücke gemildert und seinen Entschluß wankend gemacht . Die Liebe zu seinem merkwürdigen Jugendfreunde gewann die Oberhand . War es denn dieser heftigen und , wie er sich sagte , nicht durch städtische Bildung veredelten Natur stark zu verargen , wenn sie losbrach , wo Heimat und Leben gefährdet war ? Und kannte er nicht von früher her Jürgs jähen Stimmungswechsel , seine wilden , heißblütigen Scherze ! Eines jedenfalls war für ihn außer Frage : Durch plötzliche Abreise hätte er ein Unheil nicht verhütet , das aus dem halben Geständnisse entstehen konnte , welches ihm Jürg abgezwungen ; blieb er aber , teilte er seinem Freunde das Erlebte vollständig mit , so erwiderte dieser sicherlich sein Vertrauen und er erfuhr , wie sich Jürgs Verhältnis zu Lucretias Vater so grenzenlos verbittert hatte . Dann erst kam der Augenblick , seinen versöhnenden Einfluß geltend zu machen . So ritten sie in vertraulichem Gespräche nach Fuentes . Jenatsch kam nicht auf das Gestrige zurück und war freudig wie der helle Morgen . Fast leichtsinnig nahm er Wasers ausführlichen Reisebericht entgegen und bereitwillig antwortete er auf dessen eingehende Fragen . Aber Waser erfuhr weniger und minder Wichtiges , als er erwartete . – Nach einem letzten Universitätsjahre in Basel , erzählte Jürg , sei er ins Domleschg zurückgekehrt . Dort habe er seinen Vater auf dem Sterbelager gefunden und sei nach dessen Ableben von den Scharansern trotz seiner grünen achtzehn Jahre einstimmig zu ihrem Pfarrer gewählt worden . Auf Riedberg habe er einen einzigen Besuch gemacht , wobei er allerdings mit Herrn Pompejus über politische Dinge in Wortwechsel geraten sei . Persönliches habe sich nicht eingemischt ; aber der Eindruck auf beide sei der gewesen , daß sie sich besser mieden . Als der erste Volkssturm gegen die Planta sich erhoben , habe er von der Kanzel abgewarnt , denn er sei damals noch der Meinung gewesen , ein Geistlicher müsse seine Hände von der Politik rein halten ; als aber das Staatsruder bei wachsender Gefahr keinen mutigen Steuermann gefunden , habe ihn das Mitleid mit seinem Volke überwältigt . Das Strafgericht von Thusis , das er für eine blutige Notwendigkeit gehalten , habe er allerdings mit einsetzen helfen und ihm sein Tagewerk angewiesen . Die Verurteilung der Planta dagegen , deren Praktiken übrigens landeskundig gewesen , habe er weder begünstigt noch verhindert , sie sei wie ein einstimmiger Schrei aus dem Volke hervorgegangen . So wendete das Gespräch sich völlig der Politik zu , obwohl Waser zuerst sich bestrebte , es auf den persönlichen Verhältnissen seines Freundes festzuhalten ; aber er wurde überwältigt und hingerissen durch das Ungestüm , mit dem Jürg die den Zürcher höchlich interessierenden und von ihm gründlich erwogenen Probleme europäischer Staatskunst anfaßte ; er wurde erschreckt und aufgeregt durch die Frechheit , mit der Jürg die harten Knoten rücksichtslos zerhieb , deren behutsame Lösung Waser als die höchste Aufgabe und den wünschenswerten Triumph der Diplomatie erkannte . Es war ihm denn in diesem raschen Wechsel der Rede und Widerrede kaum die einzige schüchterne Frage gelungen , ob Fräulein Lucretia während der traurigen Wirren im Domleschg auf dem Riedberge gewohnt habe . Da hatte sich Jürgs Antlitz wie gestern abend wieder plötzlich verfinstert und er hatte kurz geantwortet : » Zu Anfang . – Das Kind hat gelitten . Es ist ein treues festes Herz ... Aber soll ich die Fesseln eines Kindes tragen ? . . . Und dazu einer Planta ! – Torheit . – Du siehst , ich habe ein Ende gemacht . « – Hier hatte er sein Tier so heftig gestachelt , daß es in erschreckten Sprüngen vorwärts setzte und Waser nur mühsam das seinige in Zucht hielt . In Ardenn trieben sie ihre Maultiere vor die Türe des Pfarrers , aber diese war verschlossen . Blasius Alexander war nicht zu Hause . Jenatsch , der mit den Gewohnheiten seines einsam lebenden Freundes vertraut schien , umging das baufällige Häuschen , fand den Schlüssel zur Hintertüre in der Höhlung eines alten Birnbaumes und trat mit dem Freunde in Alexanders Stube . Der von den Bäumen des wilden Gartens verdunkelte Raum war leer bis auf die längs der Fensterseite laufende Holzbank und den wurmstichigen Tisch , auf dem eine große Bibel ruhte . Neben dieser geistlichen Waffe blickte aus der Ecke eine weltliche . Dort lehnte eine altväterische Muskete , über welche nun Jenatsch das ihm von seinem Begleiter gebotene Pulverhorn aus dem Müsserkriege an einen Holznagel aufhängte . Dann riß er ein Blatt aus Wasers Taschenbuche und schrieb darauf : » Ein frommer Zürcher erwartet Dich bei mir heute abend zur Zeit des Ave Maria . Komm und stärk ihm den Glauben ! « Den Zettel legte er in die beim Buche der Makkabäer aufgeschlagene Bibel . Schon brannte die Sonne heiß , als Jenatsch seinem Gefährten die aus dem breit gewordenen Addatale drohend aufsteigende Zwingburg zeigte , das Ungeheuer , wie er sie hieß , das die eine Tatze nach Bündens Chiavenna , die andere nach seinem Veltlin ausstrecke . Auf der Straße nach den Wällen zog eine lange Staubwolke . Der scharfe Blick des Bündners erkannte darin eine Reihe schwerer Lastwagen . Aus ihrer Menge schloß er , daß Fuentes auf lange Zeit und für eine starke Besatzung verproviantiert werde . Und doch ging in Bünden die Rede , daß die spanische Mannschaft durch die hier herrschenden Sumpffieber auf die Hälfte zusammengeschmolzen sei und der Aufenthalt in der Festung unter den Spaniern als todbringend gelte . Das war Jenatsch von einem blutjungen Locotenenten aus der Freigrafschaft bestätigt worden , der in Fuentes erkrankt war und , um solch ruhmlosem Untergange auszuweichen , ein paar Wochen auf Urlaub in der Bergluft von Berbenn verlebt hatte . Sich die Zeit zu kürzen , brachte er ein neues spanisches Buch mit , eine so lustige Geschichte , daß er es für unrecht hielt , allein darüber zu lachen , und er sie dem jungen Pfarrer mitteilte , an dessen Umgang er Gefallen fand und der ihm durch seinen Geist und seine Kenntnis der spanischen Sprache zu diesem Genusse vollkommen befähigt schien . Dies Buch war im Pfarrhause zurückgeblieben und heute gedachte Jenatsch den ingeniosen Hidalgo Don Quixote – so lautete sein Titel – als Schlüssel zu der spanischen Festung zu benützen . Eben öffnete sich ein Tor der äußersten Umwallung vor dem ersten Proviantwagen und Jenatsch trieb sein müdes Tier an , um bei dieser Gelegenheit leichter Eingang zu erlangen . Als die Freunde jedoch die Festung erreichten , stand an der Fallbrücke , die Einfahrt beaufsichtigend , ein spanischer Hauptmann , ein gelber zäher Geselle – nur Haut und Knochen – von dem das Fieber abgezehrt , was abzuzehren war . Er maß die Ankommenden mit hohlen mißtrauischen Augen und als Jenatsch mit anstandsvollem Gruße nach dem Befinden seines jungen Bekannten sich erkundigte , erhielt er die knappe Antwort : » Verreist . « Wie er darauf Argwohn schöpfte und weiter fragte , wohin und auf wie lange , hinzufügend , daß er noch etwas vom Besitze des Jünglings in Händen habe , versetzte der Spanier bitter : » Dorthin . Auf immer . Ihr könnt Euch als seinen Erben betrachten . « – Dabei streckte er den Zeigefinger seiner Knochenhand nach den dunkeln Zypressen einer unfern gelegenen Begräbniskirche aus . Dann gab er der Schildwache einen Befehl und wandte den beiden den Rücken . Da Jenatsch kein anderes Mittel kannte , in die streng bewachte Festung einzudringen , schlug er dem Freunde vor , weiterzureiten bis an das Gestade des Comersees , den sie in geringer Entfernung lieblich leuchten sahen . Bald erreichten sie den belebten Landungsplatz seines nördlichen Endes . Kühl hauchte ihnen die blaue , vom Geflatter heller Segel belebte Flut entgegen . Die Bucht war mit Schiffen gefüllt , die gerade ihrer Ladung entledigt wurden . Öl , Wein , rohe Seide und andere Erzeugnisse der fetten Lombardei wurden zum Transport über das Gebirge auf Karren und Mäuler geladen . Der Platz vor der großen steinernen Herberge bot den Anblick eines bunten Marktes mit seinem betäubenden Lärm und fröhlichen Gedränge . Mit Mühe bahnten sich , vorüber an Körben voll schwellender Pfirsiche und duftiger Pflaumen , die beiden Maultiere den Weg bis zur gewölbten Pforte des Gasthauses . In dem düstern Torwege kniete der Wirt vor einer Tonne und zapfte ein rötliches , schäumendes Getränk für die durstig sich zudrängenden Gäste . Ein Blick in den anstoßenden Schenkraum überzeugte Jenatsch , daß hier zwischen lärmenden Menschen und bettelnden Hunden keine kühle Stätte zu finden sei , er wandte sich darum nach dem Garten , der eine einzige dichte Weinlaube bildete und dessen mit rankendem Grün überhängte Mauern und zerfallende Landungstreppen von den Wellen bespült wurden . Als sie durch die Torhalle am Wirte vorüberschritten , der von einem dichten Kreise von Bauern umringt war , welche ihm geleerte Krüge entgegenstreckten , schien er mit einer ängstlichen Gebärde gegen das Vorhaben des Bündners Einsprache tun zu wollen ; doch in diesem Augenblicke kam ihnen vom Garten her ein nach fremdem Schnitte gekleideter Edelknabe entgegen und wendete sich mit anmutigem Gruße an den jungen Zürcher , in zierlichem Französisch folgenden Auftrag ausrichtend : » Mein erlauchter Gebieter , Herzog Heinrich Rohan , der sich hier auf der Durchreise nach Venedig befindet , glaubte von seinem Ruheplatze im Garten aus zwei reformierte Geistliche vor der Herberge absteigen zu sehen und ersucht die Herren , wenn sie dem Gewühl auszuweichen vorzögen , sich durch seine Gegenwart nicht vom Besuche des Gartens abhalten zu lassen . « Sichtbar erfreut von diesem glücklichen Zufalle und der ihm widerfahrenden Ehre , erwiderte Herr Waser , etwas steif aber tadellos in demselben Idiom sich bewegend , daß er und sein Freund sich die Gunst erbäten , Seiner Durchlaucht für die ihnen zuteil gewordene Berücksichtigung persönlich zu danken . Die Freunde folgten dem vor ihnen herschreitenden schönen Knaben in die Lauben des Gartens . Gegen Süden hatte er einen balkonähnlichen Vorsprung , durch dessen Laubwände bunte Seidengewänder schimmerten und das Gezwitscher plaudernder Frauenstimmen , durchbrochen von dem hellen Jubel eines Kindes , ertönte . Dort lehnte auf sammetnen Polstern eine schlanke blasse Dame , deren hastige Rede und bewegliches Mienenspiel die Lebhaftigkeit eines Geistes verriet , der sie nicht zu erquicklicher Ruhe kommen ließ . Vor ihr auf dem Steintische trippelte und jauchzte ein zweijähriges Mädchen , das eine niedliche Zofe an beiden Händchen emporhielt . Dazu klang die melancholische Weise eines Volksliedes , die ein italienischer Junge in schüchterner Entfernung auf seiner Mandoline spielte . Der Herzog selbst hatte sich an das stillere nördliche Ende des Gartens zurückgezogen , wo er allein auf der niedrigen von der Flut bespülten Mauer saß , eine Landkarte auf den Knieen , mit deren Linien er die gewaltig vor ihm aufragenden Gebirgsmassen zweifelnd verglich . Waser hatte jetzt den Ruheplatz des Herzogs erreicht und stellte sich und seinen Freund mit einer tiefen Verbeugung vor . Rohans Auge blieb sofort an der in ihrer wilden Krad seltsam anziehenden Erscheinung des Bündners haften . » Euer Rock ließ mich auf den evangelischen Geistlichen schließen « , sagte er , sich mit Interesse ihm zuwendend . » Ihr könnt also , obgleich wir uns auf diesem Boden treffen und trotz Eurer dunkeln Augen kein Italiener sein . Da seid Ihr wohl ein Sohn der nahen Rhätia , und so will ich Euch denn bitten , mir von den Gebirgszügen , die ich gestern , den Splügen überschreitend , durchschnitt und die ich zum Teil noch vor mir sehe , einen klaren Begriff zu geben . Meine Karte läßt mich im Stich .