Arm höflich zurück und antwortete mit einer gemessenen Verbeugung : » Bedaure , Euer Liebden . Bin schon versagt . « Sich an einen andern wendend , den Raugrafen , lud der Lauenburger ihn mit noch lustigeren und dringlicheren Worten : » Du darfst es mir nicht abschlagen , Kamerad ! Du bist mir noch Revanche schuldig ! « Der Raugraf aber , ein kurz angebundener Herr , wandte ihm ohne weiteres den Rücken . Sooft er seine Versuche wiederholte , so oft wurde er , und immer kürzer und derber abgewiesen . Vor seinen Schritten und Gebärden bildete sich eine Leere und entfüllte sich der Raum . Jetzt stand er allein in der Mitte des von allen verlassenen Gemaches . Ihm wurde deutlich , daß er fortan von seinesgleichen streng werde gemieden werden . Sein Gesicht verzerrte sich . Wütend ballte der Gebrandmarkte die Faust und drohte , sie erhebend , dem Schicksal oder dem Könige . Was er murmelte , verstand der Page nicht , aber der Ausdruck des vornehmen Kopfes war ein so teuflischer , daß der Lauscher einer Ohnmacht nahe war . IV IV In der Dämmerstunde desselben ereignisvollen Tages wurde dem Könige ein mit einem richtig befundenen Salvokondukt versehener friedländischer Hauptmann gemeldet . Es mochte sich um die Bestattung der in dem letzten Zusammenstoße Gefallenen oder sonst um ein Abkommen handeln , wie sie zwischen sich gegenüberliegenden Heeren getroffen werden . Page Leubelfing führte den Hauptmann in das eben leere Empfangszimmer , ihn hier zu verziehen bittend ; er werde ihn ansagen . Der Wallensteiner aber , ein hagerer Mann mit einem gelben verschlossenen Gesichte , hielt ihn zurück : er ruhe gern einen Augenblick nach seinem raschen Ritte . Nachlässig warf er sich auf einen Stuhl und verwickelte den Pagen , der vor ihm stehen geblieben war , in ein gleichgültiges Gespräch . » Mir ist « , sagte er leichthin , » die Stimme wäre mir bekannt . Ich bitte um den Namen des Herrn . « Leubelfing , der gewiß war , diese kalte und diktatorische Gebärde nie in seinem Leben mit Augen gesehen zu haben , erwiderte unbefangen : » Ich bin des Königs Page , Leubelfing von Nüremberg , Gnaden zu dienen . « » Eine kunstfertige Stadt « , bemerkte der andere gleichgültig . » Tue mir der junge Herr den Gefallen , diesen Handschuh – es ist ein linker – zu probieren . Man hat mir in meiner Jugend bei den Jesuiten , wo ich erzogen wurde , die demütige und dienstfertige Gewohnheit eingeprägt , die sich jetzt für meine Hauptmannschaft nicht mehr recht schicken will , verlorene und am Wege liegende Gegenstände aufzuheben . Das ist mir nun so geblieben . « Er zog einen ledernen Reithandschuh aus der Tasche , wie sie damals allgemein getragen wurden . Nur war dieser von einer ausnahmsweisen Eleganz und von einer auffallenden Schlankheit , so daß ihn wohl neun Zehntel der wallensteinischen oder schwedischen Soldatenhände hineinfahrend mit dem ersten Ruck aus allen seinen Nähten gesprengt hätten . » Ich hob ihn draußen von der untersten Stufe der Freitreppe . « Leubelfing , durch den kurzen Ton und die befehlende Rede des Hauptmanns etwas gestoßen , aber ohne jedes Mißtrauen , ergriff in gefälliger Höflichkeit den Handschuh und zog sich denselben über die schlanken Finger . Er saß wie angegossen . Der Hauptmann lächelte zweideutig . » Er ist der Eurige « , sagte er . » Nein , Hauptmann « , erwiderte der Page befremdet , » ich trage kein so feines Leder . « » So gebt mir ihn zurück ! « und der Hauptmann nahm den Handschuh wieder an sich . Dann erhob er sich langsam von seinem Stuhl und verneigte sich , denn der König war eingetreten . Dieser tat einige Schritte mit wachsendem Erstaunen und seine starkgewölbten strahlenden Augen vergrößerten sich . Dann richtete er an den Gast die zögernden Worte : » Ihr hier , Herr Herzog ? « Er hatte den Friedländer nie von Angesicht gesehen , aber oft dessen überallhin verbreitete Bildnisse betrachtet , und der Kopf war so eigentümlich , daß man ihn mit keinem andern verwechseln konnte . Wallenstein bejahte mit einer zweiten Verneigung . Der König erwiderte sie mit ernster Höflichkeit : » Ich grüße die Hoheit , und stehe zu Diensten . Was wollet Ihr von mir , Herzog ? « Er winkte den Pagen mit einer Gebärde weg . Leubelfing flüchtete sich in seine anliegende Kammer , welche , ärmlich ausgerüstet , ein schmaler Riemen , zwischen dem Empfangszimmer und dem Schlafgemach des Königs , dem ruhigsten des Hauses , lag . Er war erschreckt , nicht durch die Gegenwart des gefürchteten Feldherrn sondern durch das Unheimliche dieses späten Besuches . Ein dunkles Gefühl zwang ihn , denselben mit seinem Schicksale in Zusammenhang zu bringen . Mehr von Angst als von Neugierde getrieben , öffnete er leise einen tiefen Schrank , aus welchem er – wenn es gesagt werden muß – durch eine Wandspalte den König schon einmal – nur einmal – belauscht hatte , um ihn ungestört und nach Herzenslust zu betrachten . Daß sein Auge und abwechselnd sein Ohr jetzt die Spalte nicht mehr verließ , dafür sorgte der seltsame Inhalt des belauschten Gespräches . Die sich gegenüber Sitzenden schwiegen eine Weile , sich betrachtend , ohne sich zu fixieren . Sie wußten , daß , nachdem die das Schicksal Deutschlands bestimmende Schachpartie mit vieldeutigen Zügen und verdeckten Plänen begonnen und sich auf allen Feldern verwickelt hatte , vor der entscheidenden , eine neue Lage der Dinge schaffenden Schlacht das unterhandelnde Wort nicht am Platze und ein Obereinkommen unmöglich sei . Diesem Gefühle gab der Friedländer Ausdruck . » Majestät « , sagte er , » ich komme in einer persönlichen Angelegenheit . « Gustav lächelte kühl und verbindlich . Der Friedländer aber begann : » Ich pflege im Bette zu lesen , wann mich der Schlaf meidet . Gestern oder heute früh fand ich in einem französischen Memoirenwerke eine unterhaltende Geschichte . Eine wahrhaftige Geschichte mit wörtlicher Angabe der gerichtlichen Deposition des Admirals – ich meine den Admiral Coligny , den ich als Feldherrn zu schätzen weiß . Ich erzähle sie mit der Erlaubnis der Majestät . Bei dem Admiral trat eines Tages ein Partisan ein , Poltrot oder wie der Mensch hieß . Wie ein halb Wahnsinniger warf er sich auf einen Stuhl und begann ein Selbstgespräch , worin er sich über den politischen und militärischen Gegner des Admirals , Franz Guise , leidenschaftlich äußerte und davon redete , den Lothringer aus der Welt zu schaffen . Es war , wie gesagt , das Selbstgespräch eines Geistesabwesenden und es stand bei dem Admiral , welchen Wert er darauf legen wollte – ich möchte die Szene einem Dramatiker empfehlen , sie wäre wirksam . Der Admiral schwieg , da er das Gerede des Menschen für eine leere Prahlerei hielt , und Franz Guise fiel , von einer Kugel – « » Hat Coligny so gehandelt « , unterbrach der König , » so tadle ich ihn . Er tat unmenschlich und unchristlich . « » Und unritterlich « , höhnte der Friedländer kalt . » Zur Sache , Hoheit « , bat der König . » Majestät , etwas Ähnliches ist mir heute begegnet , nur hat der zum Mord sich Erbietende eine noch künstlichere Szene ins Werk gesetzt . Einer der Eurigen wurde gemeldet , und da ich eben beschäftigt war , ließ ich ihn in das Nebenzimmer führen . Als ich eintrat , war er in der schwülen Mittagsstunde entschlummert und sprach heftig im Traume . Nur wenige gestammelte Worte , aber ein Zusammenhang ließ sich erraten . Wenn ich daraus klug geworden bin , hätte ihn Eure Majestät , ich weiß nicht womit , tödlich beleidigt , und er wäre entschlossen , ja genötigt , den König von Schweden umzubringen um jeden Preis , oder wenigstens um einen anständigen Preis , was ihm leicht sein werde , da er in der Nähe der Majestät und in deren täglichem Umgang lebe . Ich weckte dann den Träumenden , ohne ein Wort mit ihm zu verlieren , wenn nicht daß ich nach seinem Begehr fragte . Es handelte sich um Auskunft über einen schon vor Jahren in kaiserlichem Dienste verschollenen Rheinländer , ob er noch lebe oder nicht . Eine Erbsache . Ich gab Bescheid und entließ den Listigen . Nach seinem Namen fragte ich ihn nicht ; er hätte mir einen falschen angegeben . Ihn aber auf das Zeugnis abgerissener Worte einer gestammelten Traumrede zu verhaften , wäre untunlich und eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen . « » Freilich « , stimmte der König bei . » Majestät « , sprach der Friedländer jede Silbe schwer betonend , » du bist gewarnt ! « Gustav sann . » Ich will meine Zeit nicht damit verlieren und mein Gemüt nicht damit vergiften « , sagte er , » so zweifelhaften und verwischten Spuren nachzugehen . Ich stehe in Gottes Hand . Hat die Hoheit keine weiteren Zeugen oder Indizien ? « Der Friedländer zog den Handschuh hervor . » Mein Ohr und diesen Lappen da ! Ich vergaß der Majestät zu sagen , daß der Träumer schlank war und ein ganz charakterloses , nichtssagendes Gesicht , offenbar eine jener eng anschließenden Larven trug , wie sie in Venedig mit der größten Kunst verfertigt werden . Aber seine Stimme war angenehm markig , ein Bariton oder tiefer Alt , nicht unähnlich der Stimme Eures Pagen , und der Handschuh , der ihm entfiel und bei mir liegen blieb , sitzt selbigem Herrn wie angegossen . « » Der König lachte herzlich . « » Ich will mein schlummerndes Haupt in den Schoß meines Leubelfings legen « , beteuerte er . » Auch ich « , erwiderte der Friedländer , » kann den jungen Menschen nicht beargwöhnen . Er hat ein gutes ehrliches Gesicht , dasselbe kecke Bubengesicht , womit meine barfüßigen böhmischen Bauermädchen herumlaufen . Doch , Majestät , ich bürge für keinen Menschen . Ein Gesicht kann täuschen und – täuschte es nicht – ich möchte keinen Pagen um mich sehen , wäre es mein Liebling , dessen Stimme klingt wie die Stimme meines Hassers , und dessen Hand dasselbe Maß hat wie die Hand meines Meuchlers . Das ist dunkel . Das ist ein Verhängnis . Das kann verderben . « Gustav lächelte . Er mochte sich denken , daß der großartige Emporkömmling jetzt , da er durch seinen ungeheuerlichen Pakt mit dem Habsburger das Reich des Unausführbaren und Chimärischen betreten hatte , mehr als je allen Arten von Aberglauben huldigte . Den innern Widerspruch durchschauend zwischen dem Glauben an ein Fatum und den Versuchen , dieses Fatum zu entkräften , wollte der seines lebendigen Gottes Gewisse mit keinem Worte , nicht mit einer Andeutung ein Gebiet berühren , wo das Blendwerk der Hölle , wie er glaubte , sein Spiel trieb . Er ließ das Gespräch fallen und erhob sich , dem Herzoge für sein loyales Benehmen dankend . Doch griff er dabei nach dem Handschuh , welchen der Friedländer nachlässig auf ein zwischen ihnen stehendes Tischchen geworfen hatte , aber mit einer so kurzsichtigen Gebärde , daß sie dem scharf blickenden Wallenstein , der sich gleichfalls erhoben hatte , seinerseits ein unwillkürliches Lächeln abnötigte . » Ich sehe mit Vergnügen « , scherzte der König , den Friedländer gegen die Türe begleitend , » daß die Hoheit um mein Leben besorgt ist . « » Wie sollt ich nicht ? « erwiderte dieser . » Ob sich die Majestät und ich mit unsern Armaden bekriegen , gehören die Majestät und ich « – der Herzog wich höflich einem » wir « aus – » dennoch zusammen . Einer ist undenkbar ohne den andern und « scherzte er seinerseits – » stürzte die Majestät oder ich von dem einen Ende der Weltschaukel , schlüge das andere unsanft zu Boden . « Wieder sann der König und kam unwillkürlich auf die Vermutung , irgendeine himmlische Konjunktur , eine Sternstellung habe dem Friedländer ihre beiden Todesstunden im Zusammenhange gezeigt , eine der anderen folgend mit verstohlenen Schritten und verhülltem Haupte . Seltsamerweise gewann diese Vorstellung trotz seines Gottvertrauens plötzlich Gewalt über ihn . Jetzt fühlte der christliche König , daß die Atmosphäre des Aberglaubens , welche den Friedländer umgab , ihn anzustecken beginne . Er tat wieder einen Schritt gegen den Ausgang . » Die Majestät « , endete der Friedländer fast gemütlich seinen Besuch , » sollte sich wenigstens ihrem Kinde erhalten . Die Prinzeß lernt brav , wie ich höre , und ist der Majestät an das Herz gewachsen . Wenn man keine Söhne hat ! Ich bin auch solch ein Mädchenpapa ! « Damit empfahl sich der Herzog . Noch sah der Page , welchem das belauschte Gespräch wie ein Gespenst die Haare zu Berge getrieben hatte , daß Gustav sich in seinen Sessel warf und mit dem Handschuh spielte . Er entfernte das Auge von der Spalte , und in die Kammer zurückwankend , warf er sich neben dem Lager nieder , den Himmel um die Bewahrung seines Helden anflehend , dem seine bloße Gegenwart – wie der Friedländer meinte und er selbst nun zu glauben begann – ein geheimnisvolles Unheil bereiten konnte . » Was es mich koste « , gelobte sich der Verzweifelnde , » ich will mich von ihm losreißen , ihn von mir befreien , damit ihn meine unheimliche Nähe nicht verderbe . « Da er ungerufen blieb , schlich er sich erst wieder zum Könige in jener Freistunde , welche dann zu ihrer größern Hälfte in gleichgültigem Gespräche verfloß . Wenn nicht , daß der König einmal hinwarf : » Wo hast du dich heute gegen Mittag umgetrieben , Leubelfing ? Ich rief dich und du fehltest . « Der Page antwortete dann der Wahrheit gemäß : er habe mit dem Bedürfnis , nach den erschütternden Szenen des Morgens freie Luft zu schöpfen , sich auf das Roß geworfen und es in der Richtung des Wallensteinischen Lagers , fast bis in die Tragweite seiner Kanonen getummelt . Er wollte sich einen freundlichen Verweis des Königs zuziehen , doch dieser blieb aus . Wieder nahm das Gespräch eine unbefangene Wendung und jetzt schlug die zehnte Stunde . Da hob Gustav mit einer zerstreuten Gebärde den Handschuh aus der Tasche und ihn betrachtend sagte er : » Dieser ist nicht der meinige . Hast du ihn verloren , Unordentlicher , und ich ihn aus Versehen eingesteckt ? Laß schauen ! « Er ergriff spielend die linke Hand des Pagen und zog ihm das weiche Leder über die Finger . » Er sitzt « , sagte er . Der Page aber warf sich vor ihm nieder , ergriff seine Hände und überströmte sie mit Tränen . » Lebe wohl « , schluchzte er , » mein Herr , mein Alles ! Dich behüte Gott und seine Scharen ! « Dann jählings aufspringend , stürzte er hinaus wie ein Unsinniger . Gustav erhob sich , rief ihn zurück . Schon aber erklang der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes und – seltsam – der König ließ weder in der Nacht noch am folgenden Tage Nachforschungen über die Flucht und das Verbleiben seines Pagen anstellen . Freilich hatte er alle Hände voll zu tun ; denn er hatte beschlossen , das Lager bei Nüremberg aufzuheben . Leubelfing hatte den gestreckten Lauf seines Tieres nicht angehalten , dieser ermüdete von selbst am äußersten Lagerende . Da beruhigten sich auch die erregten Sinne des Reiters . Der Mond schien taghell und das Roß ging im Schritt . Bei klarerer Überlegung erkannte jetzt der Flüchtling im Dunkel jenes Ereignisses , das ihn von der Seite des Königs vertrieben hatte , mit den scharfen Augen der Liebe und des Hasses seinen Doppelgänger . Es war der Lauenburger . Hatte er nicht gesehen , wie der Gebrandmarkte die Faust gegen die Gerechtigkeit des Königs geballt hatte ? Besaß der Gestrafte nicht den Scheinklang seiner Stimme ? War er selbst nicht Weibes genug , um in jenem fürchterlichen Augenblicke die Kleinheit der geballten fürstlichen Faust bemerkt zu haben ? Gewiß , der Lauenburger sann Rache , sann Mord gegen das geliebte Haupt . Und in dieser Stunde unheimlicher Verfolgung und Beschleichung seines Königs hatte sich Leubelfing aus der Nähe des Bedrohten verbannt . Eine unendliche Sorge für das Liebste , was er besessen , preßte ihm das Herz zusammen und löste sich bei dem Gedanken , daß er es nicht mehr besitze , in ein beklommenes Schluchzen und dann in unbändig stürzende Tränen . Eine schwedische Wacht , ein Musketier mit schon ergreistem Knebelbarte , der den schlanken Reiter weinen sah , verzog den Mund zu einer lustigen Grimasse , fragte dann aber gutmütig : » Sinnt der junge Herr nach Hause ? « Leubelfing nahm sich zusammen und langsam weiterreitend entschloß er sich mit jener Keckheit die ihm die Natur gegeben und das Schlachtfeld verdoppelt hatte , nicht aus dem Lager zu weichen . » Der König wird es abbrechen « , sagte er sich , » ich komme in einem Regiment unter und bleibe während der Märsche und Ermüdungen unbekannt ! Dann die Schlacht ! « Jetzt gewahrte er einen Oberst , welcher die Lagerstraßen wachsam abritt . Das Licht des Mondes war so kräftig , daß man einen Brief dabei hätte entziffern können . So erkannte er auf den ersten Blick einen Freund seines Vaters , denselben , welcher dem Hauptmann Leubelfing in dem für ihn tödlichen Duell sekundiert hatte . Er trieb seinen Fuchs zu der Linken des Schweden . Der Oberst , der in der letzten Zeit meist auf Vorposten gelegen , betrachtete den jungen Reiter aufmerksam . » Entweder ich irre mich « , begann er dann , » oder ich habe Euer Gnaden , wenn auch auf einige Entfernung , als Pagen neben dem Könige reiten sehen ? Wahrlich , jetzt erkenne ich Euch wieder , ob Ihr auch etwas mondenblaß und schwermütig ausschaut . « Dann plötzlich von einer Erinnerung überrascht : » Seid Ihr ein Nüremberger « , fuhr er fort , » und mit dem seligen Hauptmann Leubelfing verwandt ? Ihr gleichet ihm zum Erschrecken , oder eigentlich seinem Kinde , dem Wildfang , der Gustel , die bis in ihr sechzehntes Jahr mit uns geritten ist . Doch Mondenlicht trügt und hext . Steigen wir ab . Hier ist mein Zelt . « Und er übergab sein Roß und das des Pagen einem ihn erwartenden Diener mit plattgedrückter Nase und breitem Gesichte , welcher seinen Gebieter mit einem gutmütigen stupiden Lächeln empfing » Mache sich ' s der Herr bequem « , lud der Alte den Pagen ein , ihm einen Feldstuhl bietend und sich auf seinen harten Schragen niederlassend . Zwei Windlichter gaben eine schwankende Helle . Jetzt fuhr der Oberst ohne Zeremonie mit seiner breiten ehrlichen Hand dem Pagen durch das Haar . Auf der bloßgelegten Stirnhöhe wurde eine alte aber tiefeingeschnittene Narbe sichtbar . » Gustel , du Narre « , brach er los , » meinst , ich hätt ' s vergessen , wie dich das ungrische Fohlen , die Hinterhufen aufwerfend , über seinen Starrkopf schleuderte , daß du durch die Luft flogest und wir dreie dich für tot auflasen , die heulende Mutter , der Vater blaß wie ein Geist und ich selber herzlich erschrocken ? Ein perfekter Soldat , der selige Leubelfing , mein bester Hauptmann und mein Herzensfreund ! Nur ein bißchen toll , wie du es auch sein wirst , Gustel ! Alle Wetter , Kind , wie lange schon treibst du dein Wesen um den König ? Schaust übrigens akkurat wie ein Bube ! Hast dir das blonde Kraushaar im Nacken wegrasiert , Kobold ? « und er zupfte sie . » Mach dir nur nicht vor , du seiest das einzige Weibsbild im Lager ! Sieh dir mal den Jakob Erichson an , meinen Kerl ! « Der Bursche trat eben mit Flaschen und Gläsern ein . » Ein Mann wie du ! Keine Angst , Gustel ! Er hat nicht ein deutsches Wort erlernen können . Dazu ist er viel zu dumm . Aber ein kreuzbraves , gottesfürchtiges Weib ! Und garstig ! Übrigens die einfachste Geschichte von der Welt , Gustel : Sieben Schreihälse , der Ernährer ausgehoben , sein Weib für ihn eintretend . Der denkbar beste Kerl ! Ich könnte ihn nur gar nicht mehr entbehren ! « Der Page betrachtete das brave Geschöpf mit entschiedenem Widerwillen , während der Oberst weiterpolterte . » Allewege ein starkes Stück , Gustel , neben dem Könige dich einzunisten , der die Weibsen in Mannstracht verabscheut ! Hast eine Fabel gespielt , was sie auf den Bänken von Upsala ein Monodrama nennen , wenn eine Person für sich mutterseelenallein jubelt , fürchtet , verzagt , empfindet , tragiert , imaginiert ! Und hast dir Gott weiß wieviel darauf eingebildet , ohne daß eine sterbliche Seele etwas davon wußte oder sich einen Deut darum bekümmerte . Du blickst unmutig ? Halsgefährlich , Kind , war es gerade nicht ! Wurdest du entlarvt : › Pack dich , dummes Ding ! ‹ hätte er dich gescholten und den nächsten Augenblick an etwas anderes gedacht . Ja , wenn dich die Königin demaskiert hätte ! Puh ! Nun sag ich : man soll die Kinder nicht küssen ! So ' n Kuß schläft und lodert wieder auf , wann die Lippen wachsen und schwellen . Und wahr ist ' s und bleibt ' s , der König hat dich mir einmal von den Armen genommen , Patchen , und hat dich geherzt und abgeküßt , daß es nur so klatschte ! Denn du warest ein keckes und hübsches Kind . « Der Page wußte nichts mehr von dem Kuß , aber er empfand ihn wild errötend . » Und nun , Wildfang , was soll werden ? « Er sann einen Augenblick . » Kurz und gut , ich trete dir mein zweites Zelt ab ! Du wirst mein Galopin , gibst mir dein Ehrenwort nicht auszureißen und reitest mit mir bis zum Frieden . Dann führ ich dich heim nach Schweden in mein Gehöft bei Gefle . Ich bin einzeln . Meine zwei Jüngern , der Axel und der Erich – « er zerdrückte eine Träne . » Für König und Vaterland ! « sagte er . » Der überbliebene Älteste lebt mir in Falun , ein Diener am Wort mit einer fetten Pfründe . Da hast du dann die Wahl zwischen uns beiden . « Page Leubelfing gelobte sei nem Paten , was er sich selbst schon gelobt hatte , und erzählte ihm darauf sein vollständiges Abenteuer mit jenem Wahrheitsbedürfnis , das sich nach lange getragener Larve so gebieterisch meldet , wie Hunger und Durst nach langem Fasten . Der Alte dachte sich seine Sache und erlustigte sich dann besonders an dem Vetter Leubelfing , dessen Konterfei er sich von dem Pagen entwerfen ließ . » Der Flachskopf « , philosophierte er , » kann nichts dafür , eine Memme zu sein . Es liegt in den Säften . Auch mein Sohn , der Pfarrer in Falun , ist ein Hase . Er hat es von der Mutter . « Von Sommerende bis nach beendigter Lese und bis an einem frostigen Morgen die ersten dünnen Flocken über der Heerstraße wirbelten , ritt Page Leubelfing in Züchten neben seinem Paten , dem Obersten Ake Tott , in die Kreuz und Quer , wie es die Wechselfälle eines Feldzuges mit sich bringen . Dem Hauptquartier und dem Könige begegnete er nicht , da der Oberst meist die Vor- oder Nachhut führte . Aber Gustav Adolf füllte die Augen seines Geistes , wenn auch in verklärter und unnahbarer Gestalt , jetzt da er aufgehört hatte ihm durch die Locken zu fahren und der Page den Gebieter nachts nicht mehr an seiner Seite , nur durch eine dünne Wand getrennt , sich umwenden und sich räuspern hörte . Da geschah es zufällig , daß Leubelfing seinen König wieder mit Augen sah . Es war auf dem Marktplatze von Naumburg , wo sich der Page eines Einkaufs halber verspätet hatte und eben seinem Obersten nachsprengen wollte , welcher , dieses Mal die Vorhut befehligend , die Stadt schon verlassen hatte . Von einer immer dichter werdenden Menge mit seinem Roß gegen die Häuser zurückgedrängt , sah er auf dem engen Platze ein Schauspiel , wie ein ähnliches nur erst einmal menschlichen Augen sich gezeigt hatte , da vor vielen hundert Jahren der Friedestifter auf einer Eselin Einzug hielt in Jerusalem . Freilich saß Gustav auf seinem stattlichen Streithengst , von geharnischten Hauptleuten auf mutigen Tieren umringt ; aber Hunderte von leidenschaftlichen Gestalten , Weiber , die mit beiden gehobenen Armen ihre Kinder über die jubelnden Häupter emporhielten , Männer , welche die Hände streckten , um die Rechte Gustavs zu ergreifen und zu drücken , Mägde , die nur seine Steigbügel küßten , geringe Leute , die sich vor ihm auf die Kniee warfen , ohne Furcht vor dem Hufschlag seines Tieres , das übrigens sanft und ruhig schritt , ein Volk in kühnen und von einem Sturm der Liebe und der Begeisterung ergriffenen Gruppen umwogte den nordischen König , der ihm seine geistigen Güter gerettet hatte . Dieser , sichtlich gerührt , neigte sich von seinem Rosse herab zu dem greisen Ortsgeistlichen , der ihm dicht vor den Augen Leubelfings die Hand küßte , ohne daß er es verwehren konnte , und sprach überlaut : » Die Leute ehren mich wie einen Gott ! Das ist zu viel und gemahnt mich an mein Ende . Prediger , ich reite mit der heidnischen Göttin Victoria und mit dem christlichen Todesengel ! « Dem Pagen quollen die Tränen . Als er aber gegenüber an einem Fenster die Königin erblickte und ihr der König einen zärtlichen Abschied zuwinkte , schwoll ihm der Busen von einer brennenden Eifersucht . Kaum eine Woche später , als die schwedischen Scharen auf dem blachen Felde von Lützen sich zusammenzogen , marschierte Ake Tott seitwärts unweit des Wagens , darin der König fuhr . Da erblickte Leubelfing einen Raubvogel , der unter zerrissenen Wolken schwebend auf das hartnäckigste sich über der königlichen Gruppe hielt und durch die Schüsse des Gefolges sich nicht erschrecken und nicht vertreiben ließ . Er gedachte des Lauenburgers , ob seine Rache über Gustav Adolf schwebe . Das arme Herz des Pagen ängstigte sich über alles Maß . Wie es frühe dunkelte , wuchs seine Angst , und da es finster geworden war , gab er , sein Ehrenwort brechend , dem Rosse die Sporen und verschwand aus den Augen des ihm » Treubrüchiger Bube ! « nachrufenden Obersten . In unaufhaltsamem Ritte erreichte er den Wagen des Königs und mischte sich unter das Gefolge , das am Vorabende der erwarteten großen Schlacht ihn nicht zu bemerken oder sich nicht um ihn zu kümmern schien . Der König gedachte dann die Nacht in seinem Wagen zuzubringen , wurde aber durch die Kälte genötigt , auszusteigen und in einem bescheidenen Bauerhause ein Unterkommen zu suchen . Mit Tagesanbruch drängten sich in der niedrigen Stube , wo der König schon über seinen Karten saß , die Ordonnanzen . Die Aufstellung der Schweden war beendigt . Es begann die der deutschen Regimenter . Page Leubelfing hatte sich , von dem Kammerdiener des Königs , der ihm wohlwollte , erkannt und nicht zur Rede gestellt , den in seinem Gestick das schwedische Wappen tragenden Schemel wiedererobert , auf welchem er sonst neben dem Könige gesessen , und sich in einer Ecke niedergelassen , wo er hinter den wechselnden kriegerischen Gestalten verborgen blieb . Der König hatte jetzt seine letzten Befehle gegeben und war in der wunderbarsten Stimmung . Er erhob sich langsam und wendete sich gegen die Anwesenden , lauter Deutsche , unter ihnen mehr als einer von denjenigen , welche er im Lager bei Nüremberg mit so harten Worten gezüchtigt hatte . Ob ihn schon die Wahrheit und die Barmherzigkeit jenes Reiches berührte , dem er sich nahe glaubte ? Er winkte mit der Hand und sprach leise , fast wie träumend , mehr mit den geisterhaften Augen als mit dem kaum bewegten Munde : » Herren und Freunde , heute kommt wohl mein Stündlein . So möcht ich euch mein Testament hinterlassen . Nicht für den Krieg sorgend – da mögen die Lebenden zusehen . Sondern – neben meiner Seligkeit – für mein Gedächtnis unter euch ! Ich bin über Meer gekommen mit allerhand Gedanken , aber alle überwog , ungeheuchelt , die Sorge um das reine Wort . Nach der Victorie von Breitenfeld konnte ich dem Kaiser einen läßlichen Frieden vorschreiben und nach gesichertem Evangelium mit meiner Beute mich wie ein Raubtier zwischen meine schwedischen Klippen zurückziehen . Aber ich bedachte die deutschen Dinge . Nicht ohne ein Gelüst nach eurer Krone , Herren ! Doch , ungeheuchelt , meinen Ehrgeiz überwog die Sorge um das Reich ! Dem Habsburger darf es unmöglich länger gehören , denn es ist ein evangelisches Reich . Doch ihr denket und sprechet : ein fremder König herrsche nicht über uns ! Und ihr habet recht . Denn es steht geschrieben : Der Fremdling soll das Reich nicht ererben Ich aber dachte letztlich an die Hand meines Kindes und an einen Dreizehnjährigen ... « Sein leises Reden wurde überwältigt von dem stürmischen Gesange eines thüringischen Reiterregimentes , das , vor dem Quartier des Königs vorbeiziehend , mit Begeisterung die Worte betonte : » Er wird durch einen Gideon , Den er wohl weiß , dir helfen schon . . . « Der König lauschte und ohne seine Rede zu beendigen , sagte er : » Es ist genug , alles ist in Ordnung « , und entließ die Herren . Dann sank er auf das Knie und betete . Da sah