mochte , vor ihr erwacht , sie auf nackten Sohlen beschlichen , ihr das schmucke Spielzeug entwendet und mit ihm das Lager und den Schlummer wiedergefunden haben . Das Kind hielt den Kristall an das kleine Herz gepreßt und vorsichtig löste Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen . Jetzt holte sie , verlockt von der frühern Gewohnheit , die lange im Verschluß gelegenen Kristalle hervor . Nachdem sie dieselben eine Weile in den Händen gehalten und mit den Fläschchen , sie unablässig wechselnd , nach ihrer alten Weise gespielt hatte , legte sie das eine unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuß und zertrat es auf der steinernen Fliese mit einem kräftigen Drucke zu Scherben . Die ausströmende Flüssigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch . Im Begriffe den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen , besah sie noch seinen goldenen Deckel und erkannte , daß sie sich zwischen den Fläschchen geirrt hatte . Sie glaubte das inschriftlose zuerst zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand . Kopfschüttelnd legte sie das Schlänglein unter die Ferse , doch das festere Glas widerstand hartnäckig . Sie ergriff es wieder und schon hob sie den Arm , um es an der Wand zu zerschmettern , da hielt sie inne aus Furcht , mit dem klirrenden Wurfe den Schlummer Mädchens zu stören . Oder mit einem anderen Gedanken barg sie es sorgfältig in dem weiten Busen ihres Gewandes . Frau Stemma wurden die Lider schwer und sie ließ sich betäubt in einen Sessel fallen . Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle hervorkommen , das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes zustrebte . Es floß wie ein dünner Nebel , durch welchen die Gegenstände der Kammer sichtbar blieben , während das blühende Mädchen in fester Bildung und mit kräftig atmendem Leibe dalag . Die Erscheinung war die eines Jünglings dem Gewande nach eines Klerikers , mit vorhangenden Locken Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knieen oder watete , dem Steinboden zutrotz , in einem Flusse . Stemma betrachtete es ohne Grauen und ließ es gewähren , bis es die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte . Dann sagte sie freundlich : » Du , Peregrin ! Du bist lange weggeblieben . Ich dachte , du hättest Ruhe gefunden . « Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwärts bringend , antwortete der Müde : » Ich danke dir , daß du mich leidest . Es ist ohnehin das letzte Mal . Ich werde zunichte Aber noch zieht es mich zu meinem trauten Kindchen « » Seid ihr Tote denn nicht gestorben ? « fragte die Richterin . » Wir sterben sachte , sachte « , antwortete der Kleriker . » Wie denkst du ? Die « – er stotterte – » die Seele wird damit nicht früher fertig als der Leib vermodert ist . Inzwischen habe ich mir diesen ärmlichen Mantel geliehen . « Der Schatten schüttelte seine Gestalt wie einen rinnenden Regen . » Ei , was war der irdische Leib für ein heftiges und lustiges Feuer ! In diesem dünnen Rocklein friert mich und ich lasse es gerne fallen . « » Hernach ? « fragte Stemma . » Hernach ? Hernach , nach der Schrift – « Stemma runzelte die Stirn . » Zurück von dem Kinde ! « gebot sie dem Schatten , der Palma fast erreicht hatte . » Harte ! « stöhnte dieser und wendete das bekümmerte Haupt . Dann aber , von dem warmen Atem Stemmas angezogen , schleppte er sich rascher gegen ihre Kniee , auf welche er die Ellbogen stützte , ohne daß sie nur die leiseste Berührung empfunden hätte . Dennoch belebte sich der Schatten , die schöne Stirn wölbte sich und ein sanftes Blau quoll in dem gehobenen Auge . » Woher kommst du , Peregrin ? « sagte die Richterin . » Vom trägen Schilf und von der unbewegten Flut . Wir kauern am Ufer . Denke dir , Liebchen , neben welchem Nachbar ich zeither sitze , neben dem – « er suchte . » Neben dem Comes Wulf ? « fragte die Richterin neugierig . » Gerade . Kein kurzweiliger Gesell . Er lehnt an seinen Spieß und brummt etwas , immer dasselbe , und kann nicht darüber wegkommen . Ob du ihm ein Leid antatest oder nicht . Ich bin mäuschenstille « – Peregrin kicherte , tat dann aber einen schweren Seufzer . Darauf schnüffelte er , als rieche er den verschütteten Safe , und suchte mit starrem Blicke unter Stemmas Gewand , wo das andere Fläschchen lag , so daß diese schnell den Busen mit der Hand bedeckte . Da fühlte sie eine unbändige Lust , das kraftlose Wesen zu ihren Füßen zu überwältigen . » Peregrin « , sagte sie , » du machst dir etwas vor , du hast dir etwas zusammengefabelt . Palma geht dich nichts an , du hast kein Teil an ihr . « Der Kleriker lächelte . » Du bildest dir etwas Närrisches ein « , spottete die Richterin . » Stemma , ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden . « » Torheit ! Wie wäre solches möglich ? Was weißt du , Traum ? « » Ich weiß « – der flüchtig Beseelte schien eine Süßigkeit zu empfinden , in sein kurzes und grausames Los zurückzukehren – » wie mich dein Vater überfiel , da ich von meinem Lehrer dem Abte weg über das Gebirge zog . Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft vernommen . Da hob er mich auf und brachte mich dir mit . Du warest noch sehr jung und o wie schön ! mit grausamen schwarzen Augen ! Dabei herzlich unwissend . Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden , doch diese da mochtest du nicht . Lieber regiertest du in den Dörfern , schiedest Händel und machtest die Ärztin bei deinen Eigenen . Ich zeigte dir die Kräfte der Kräuter , lehrte dich allerlei brauen und du brachtest mir aus dem Schmuckkästchen zwei Kristalle – « Die Richterin lauschte . » Stemma , du bist noch jung , und auch ich bin jung geblieben , wenig alter als da wir uns liebten « , schluchzte Peregrin zärtlich . » Wir liebten uns « , sagte Stemma . » Du lagest in meinen Armen ! « » Wo dich der Judex überraschte und erwürgte « , sprach sie hart . Peregrin ächzte und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar . » Er lud mich auf ein Maultier , zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund . « » Peregrin , ich habe geweint ! Aber besinne dich : dein ist die Schuld ! Bin ich nicht dreimal vor dich getreten , mein Bündel in der Hand ? Habe ich dich nicht drohend beschworen , mit mir zu fliehen ? Wer wollte Fuß neben Fuß in Armut und Elend wandern ? Du aber erblaßest und erbleichtest , denn du hast ein feiges Herz . Ich liebte dich und , bei meinem Leben ! – warest du ein Mann – Vater , Heimat , alles hätte ich niedergetreten und wäre dein eigen geworden . « » Du wurdest es « , flüsterte der Schatten . » Niemals ! « sagte Stemma . » Sieh mich an : gleiche ich einer Sünderin ? Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige ? Bin ich nicht die Zucht und die Tugend ? Und so war ich immer . Du hast mich nicht berührt , kaum daß du mir mit furchtsamen Küssen den Mund streiftest . Wo hättest du auch den Mut hergenommen ? « Da geriet der Schatten in Unruhe . » O ihr Gewalttätigen beide , der Vater und du ! Er hat mich geraubt und erwürgt , du , Stemma , locktest mit dem Blutstropfen ! Gib den Finger , da sitzt das Närbchen ! « Stemma hob die Achseln . » Es war einmal « , höhnte sie . Da wiegte Peregrinus , der sich gleich wieder besänftigte , die Locken und sang mit gedämpfter Stimme : » Es war einmal , es war einmal Ein Fürst mit seinem Kinde , Es war einmal ein junger Pfaff In ihrem Burggesinde . Am Mahle saßen alle drei , Da riefen den Herrn die Leute › Herr Judex , auf ! Zu Roß ! Zu Roß ! Im Tal zieht eine Beute ! ‹ Er gürtet sich das breite Schwert Und wirft mit einem Gelächter Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff Als einen scharfen Wächter . Den Judex hat das schnelle Roß Im Sturm davongetragen , Zweie halten still und bang Die Augen niedergeschlagen . Stemma hebt das Fingerlein , Sie tut es ihm zu Leide , Und fährt damit wohl auf und ab Über die blanke Schneide . Ein Tröpflein warmen Blutes quoll – « » Stille , Schwächling ! « zürnte die Richterin . » Das hast du dir in deinem Schlupfwinkel zusammengeträumt . Solche Schmach kennt die Sonne nicht ! Stemma ist makellos ! Und auch der Comes , er komme nur ! ihm will ich Rede stehen ! « » Stemma , Stemma ! « flehte Peregrin . » Hinweg , du Nichts ! « Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebärde und seine Züge begannen zu schwimmen . » Mein Weib , mein – « » Leben « wollte er sagen , doch das Wort war dem Ohnmächtigen entschwunden . » Hilf , Stemma « , hauchte er , » wie heißt es , das Atmende , Blühende ? Hilf ! « Die Richterin preßte die Lippen und Peregrinus zerfloß . Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes . Sie küßte ihm die geschlossenen Augen . » Bleibet unwissend ! « murmelte sie . Dann glitt sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das Mädchen , wie um eine erkämpfte Beute : » Du bist mein Eigentum ! Ich teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben ! Dich siedle ich an im Licht und umschleiche dich wie eine hütende Löwin ! « Der Traum hatte ihr Peregrin gezeigt nicht anders als sein Bild in ihr zu leben aufgehört hatte . Längst war der Jüngling , dem sie sich aus Trotz und Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermählt , an ihrem kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen , und der einst aus ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Geläuterten als ein lockeres und aberwitziges Märchen . Schon glaublicher deuchte ihr der andere Bewohner der Unterwelt , und da sie sich auf dem Lager umwendete und das Haupt in die Kissen begrub , ohne den Arm von der Schulter ihres Kindes zu lösen , erblickte die Entschlummernde den Comes , wie er an den Speer gelehnt verdrießlich im Schilfe saß und etwas Feindseliges in den Bart murmelte . Ein Lächeln des Hohnes glitt über ihr verdunkeltes Gesicht , denn Stemma kannte die Hilflosigkeit der Abgeschiedenen . Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jäher Hornstoß und riß sie vom Lager empor . Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine Ohr der Richterin . Sie erriet , wen er meldete , und mit schnellem Entschluß und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen . Noch vor ihr , den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand , war Palma durch die Tür gehuscht . In das von Rudio geöffnete Tor tretend , stand Stemma vor dem Höfling , der sie mit verwunderten Augen betrachtete . Das Antlitz gebot ihm Ehrfurcht . Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort über sein durch vier Weiber gerettetes Leben . Bewältigt von dem ruhig prüfenden Blicke und der Hoheit der blassen Züge sagte er nur : » Hier hast du mich , Frau « , worauf sie erwiderte : » Es hat Mühe gekostet , dich nach Malmort zu bringen . « » Wo ist die Schwester , daß ich sie küsse ? « fuhr er fort und diese , die inzwischen den Becher gefüllt hatte , eilte ihm mit klopfendem Herzen und leuchtenden Augen zu , obwohl sie vorsichtig schritt und den Wein nicht verschütten durfte . Sie trat vor den Bruder und begann den Spruch . Da aber Stemma den Kelch , der dem Comes den Tod gebracht , in den Händen ihres Kindes erblickte und den frischen Mund über seinem Rand , empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu . Mit sicherm Griffe bemächtigte sie sich des Bechers , den das überraschte Mädchen ohne Kampf und Widerstand fahrenließ , führte ihn kredenzend an den eigenen Mund und bot ihn dem Höfling mit den einfachen Worten : » Dir und dieser zum Segen ! « Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht . Palma stand bestürzt und beschämt . Da hieß die Mutter sie die Glocke ziehen , die hoch oben in einem offenen Türmchen hing und das Gesinde weither zum Angelus rief . Palma hatte als Kind Freude gehabt das leichtbewegliche Glöcklein erschallen zu lassen und das Amt war dem Mädchen geblieben . Sie fügte sich zögernd . » Frau , warum hast du ihr die Freude verdorben ? « fragte Wulfrin . Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers . » Siehe , es ist der Spruch eines Eheweibes « , sagte sie . » Davon lese ich nichts « , meinte er . » Erfreue dich am Wein ! Willkomm . . . ! « Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte , aus welchem für ein genauer prüfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten , ein i , ein K , ein l. Wulfrin erriet ohne Mühe : » Willkomm im Kämmerlein ! « » Du hast recht , Frau « , lachte er . Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn vor das Grabmal . Da lag ihm der Vater , die Linke am Schwert , die Rechte am Hifthorn , die steinernen Füße ausgestreckt . Wulfrin betrachtete die rohen aber treuherzigen Züge nicht ohne kindliches Gefühl . Das abgebildete Hifthorn erblickend , hob er in einer plötzlichen Anwandlung das wirkliche , das er an der Seite trug , vor den Mund und tat einen kräftigen Stoß . » Fröhliche Urständ ! « rief er dem in der Gruft zu . » Laß das ! « verbot die Richterin , » es tönt häßlich . « Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges , neben ihr eigenes liegendes Bild , das die betenden Hände gegeneinander hielt , und begann : » Da du nun auf Malmort bist , verlässest du es nicht , Wulfrin , ohne mich – nach vernommenen Zeugen – angeklagt oder freigegeben zu haben von dem Tode des Mannes hier . « Der Höfling machte eine widerwillige Gebärde . » Füge dich « , sagte sie . » Ist es dir keine Sache , so ist es eine Form , die du mir erfüllen mußt , denn ich bin eine genaue Frau . « » Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben « , versetzte der Höfling aufgebracht , » daß ich dich nie beargwöhnte , weder ich noch Arbogast , der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat . Ich bin kein Zweifler und möchte nicht leben als ein solcher . Es gibt deren , die in jedem Zufall einen Plan , und in jedem Unfall eine Schuld wittern , doch das sind Betrogene oder selbst Betrüger . Der Himmel behüte mich vor beiden ! Hätte ich aber Verdacht geschöpft und Feindseliges gegen dich gesonnen , jetzt da ich dein Antlitz sehe , stünde ich entwaffnet , denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mörderin . Wärest du eine Böse , woher nähmest du das Recht und die Stirn , das Böse aufzudecken und zu richten ? Dawider empört sich die Natur ! « Ein Schweigen trat ein . » Aber was ist das für ein dumpfes Dröhnen , das den Boden schüttert ? « » Das ist der Strom « , sagte die Richterin , » der den Felsen benagt und unter der Burg zu Tale stürzt . « » Wahr ist es , Frau « , fuhr der Höfling treuherzig fort , » daß ich dich nie leiden mochte , und ich sage dir warum . Dieser Greis hier mein Vater war ein roher und gewaltsamer Mann . Ich sage es ungern : er hat an meinem Mütterlein mißgetan , ich glaube , er schlug es . Ich mag nicht daran denken . Ins Kloster hat er es gesperrt , sobald es abwelkte . Da ist es nicht zu wundern , wie wir Menschen sind , daß ich von dir nichts wissen wollte , die es von seinem Platze verstieß . « » Nicht ich . Hier tust du mir Unrecht . Da wir so zusammensitzen , Wulfrin , warum soll ich es dir nicht erzählen ? Ich habe deiner Mutter nichts zuleide getan . Kälter und lebloser als diese steinerne war meine Hand , da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrückt wurde . Aus dem Kerker hergeschleppt , zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex , der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt erwürgt hatte . Nicht jedes Weib würde dir solches anvertrauen , Wulfrin . « » Ich glaube dir « , sagte dieser . » Einer Gezwungenen und Entwürdigten « , betonte sie , » gab dein Vater sterbend die Freiheit . Und ich wurde Herrin von Malmort . Du hast Grund , Wulfrin , dir die Sache zu besehen . Sie ist dunkel und schwer . Betrachte sie von allen Seiten ! Denn du räumst mir ein , vernichtete ich deinen Vater , so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde . « » Verhöhnst du mich ? « fuhr er auf , » doch nein , du blickst ernst und traurig . Siehe , Frau , das ewige Verhören und Richten hat dich quälend und peinlich gemacht und wahrhaftig , ich glaube « – seine Augen deuteten auf den Stein – » auch eine Frömmlerin bist du . « Er hatte rings um das Frauenhaupt die Worte gelesen : » Orate pro magna peccatrice . « » Das hier ist großgetan . « » Ich bin eine kirchliche Frau « , antwortete Stemma , » doch wahrlich , ich bin keine Frömmlerin , denn ich glaube nur , was ich an dem eigenen Herzen erfahren habe . Dein Knecht der Steinmetz Arbogast fragte mich in seiner einfältigen Art , was er mir um das Haupt schreiben dürfe . In seiner schwäbischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die Umschrift gebräuchlich : Betet für eine Sünderin . › Schreibe mir ‹ , sagte ich , › Betet für die große Sünderin ‹ , denn , Wulfrin , du hast recht gesagt , was ich tue , tue ich groß . « » Hübsch ! « rief der Höfling , aber nicht als Antwort auf diesen Selbstruhm , sondern das Haupt in die Höhe richtend , wo Palma stand und das helltönige Glöcklein zog . Sie hatte sich lange auf der Wendeltreppe gesäumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen Bruder zurückgeblickt . In der weiten Bogenöffnung des von den ersten Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschöpf auf dem klingenden Morgenhimmel . Der Höfling sah einen läutenden Engel , wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein farbenkundiger Mönch abbildet . Eine Innigkeit , deren er sich schämte , rührte und füllte sein Herz . Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind vom Tode errettet . Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin , wohl einhundert Köpfe stark , Männer und Weiber , ein finsteres , sehniges , sonneverbranntes Geschlecht , das den Behelmten eher feindlich als neugierig musterte . Dieser , die wieder zur Erde gestiegene Palma darunter erblickend , machte sich Bahn , und als wollte er sich für die flüchtige Andacht rächen , welche er zu einem Geschöpf aus irdischem Stoffe empfunden , legte er ihr die Hand auf die Achsel und den blühenden Mund findend küßte er ihn kräftig . Sie zitterte vor Freude und wollte erwidern , doch schneller faßte die Richterin mit der Linken ihre Hand , die Rechte Wulfrin bietend , und führte die beiden in die Mitte ihres Volkes . » Bruder und Schwester « , verkündigte sie und sich auf die andere Seite wendend noch einmal : » Schwester und Bruder . « So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt , denn die Ähnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar , nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte , des Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen , das anschauliches Zeugnis gab von seiner Abstammung . Nur das runzlige stocktaube Mütterchen , die Sibylle , hatte nichts vernommen und nichts begriffen . Sie trippelte kichernd um das Mädchen , zupfte und tätschelte es , grinste zutulich und sprudelte aus dem zahnlosen Munde : » O du mein liebes Herrgöttchen ! Was für einen hat dir da die Frau Mutter gekramt ! Zum Wieder-jung-Werden . Von Paris ist er verschrieben , aus den Buben , die dem Großmächtigen dienen . Krause Haare prächtige Ware ! « » Halt das Maul , Drud ! « schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr , » es ist der Bruder ! « und sie versetzte » Das sage ich ja , Dionys : der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr , aber der da ist ein gewaltiger stürmender Krieger ! O du glückseliges Pälmchen ! « und so unziemlich schwatzte sie noch lange , wenn man sie nicht zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte . Denn die Morgenandacht begann und von einer entfernteren Gruppe wurde schon die Litanei angestimmt . Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst , einen Halbkreis bildend , in dessen Mitte die Richterin den schleppenden Gesang leitete , der dieselben Rhythmen und Satze immer dringender und leidenschaftlicher wiederholend den Himmel über Malmort anrief . Wulfrin , welcher er wußte nicht wie an das eine Ende des andächtigen Kreises geraten war , erblickte sich gegenüber die Schwester . Alles hatte sich niedergeworfen , er und die Richterin ausgenommen . Seine Blicke hingen an Palma . Auf beiden Knieen liegend , die Hände im Schoß gefaltet , sang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden . Aber das Freudefest , das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten Bruder , dem neuen und guten Gesellen feierte , strahlte ihr aus den Augen und jubelte ihr auf den Lippen , daß die Litanei darüber verstummte . Die geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruders zurück Und jetzt sich halb erhebend , streckte sie auch die Arme nach ihm . Nur eine flüchtige Gebärde , doch so viel Glut und Jugend ausströmend , daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte , als würde ihm Gewalt angetan . » Der Wildling ! « lachte er heimlich . » Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen ! Ich muß ihm noch das wilde Füllen zähmen und schulen , daß es nicht ausschlage gegen den frommen Jüngling ! Warte du nur ! « Und um die Erziehung zu beginnen , wendete er sich , da die Richterin das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang , von ihr ab , geriet aber an Frau Stemma , die seine Hand ergriff , ihn feierlich in die Mitte führte und mit eherner Stimme zu reden begann : » Meine Leute ! Wer von euch , Mann oder Weib , so alt ist , daß er vor jetzt sechzehn Jahren hier stand , während ich den Comes empfing , der davon herkam euren erschlagenen Herrn den Judex zu rächen – wer so alt ist und dabei gegenwärtig war , der bleibe ! Ihr Jüngern , lasset uns , auch du , Palma ! « Sie gehorchten . Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel zurück , eine halbrunde Bastei , die , ein paar Stufen tiefer als der Hof , über dem senkrechten Abgrunde ragte , durch welchen die Bergflut in ungeheurem Sturze zu Tale fiel . Sie setzte sich auf die breite Platte der Brüstung , blickte , den Arm vorgestützt , in den schneeweißen Gischt hinein , der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kühlte , und hörte in dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des eigenen Herzens . Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren Schritt und Rede und Gegenrede folgte sich , rasch und doch gemessen , nach dem Winke der Richterin . » Hier steht der Sohn des Comes . Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig . Saget sie . Habet ihr das Bild jener Stunde ? « » Als wäre es heute « – » Ich sehe den Comes vom Rosse springen « – » Wir alle « – » Dampfend und keuchend « – » Du kredenztest « – » Drei lange Züge « – » Mit einem leerte er den Becher « – » Er sank « – » Wortlos « – » Er lag . « » Bei eurem Anteil am Kreuze ? « fragte sie . » So und nicht anders . Bei unserm Anteil am Kreuze ! « antwortete der vielstimmige Schwur . » Wulfrin , ich bitte dich , du blickst zerstreut ! Wo bist du ? Nimm dich zusammen ! « Hastig und unwillig erhob er die Hand . Die Richterin faßte ihn am Arm . » Kein Leichtsinn ! « warnte sie . » Frage , untersuche , prüfe , ehe du mich freigibst ! Du begehst eine ernste , eine wichtige Tat ! « Wulfrin machte sich von ihr los . » Ich gebe die Richterin frei von dem Tode des Comes und will verdammt sein , wenn ich je daran rühre ! « schwur er zornig . Der Burghof begann sich zu leeren . Wulfrin starrte vor sich hin und vernahm , so überzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so erleichtert , mit einer häßlichen Sache fertig zu sein – dennoch vernahm er aus seinem Innern einen Vorwurf , als hätte er den Vater durch seinen Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt . So stand er regungslos , während die Richterin langsam auf ihn zutrat , sich an seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das Haupt hob . » Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens « , sagte sie freundlich . » Ich kann seinen Ton nicht leiden . « Und sie schritt durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde Tiefe . Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach , das väterliche Erbe zurückzufordern . Er kam zu spät . In den betäubenden Abgrund blickend , der das Horn verschlungen hatte , hörte er unten einen feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher . Sein Ohr hatte sich in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt , welche die Bergströme führen . Als er wieder aufschaute , war die Richterin verschwunden . Nur Palma stand neben ihm , die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte . » Laß mich ! « schrie er und stieß sie von sich . Drittes Kapitel Drittes Kapitel An einem Fenster von Malmort , durch welches der Talgrund mit seinen Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte , stand die Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes . » Das beherrsche ich « , sagte sie , » und Palma nach mir . Dich aber , Wulfrin , habe ich schon ehevor dazu ausersehen – wie es auch deine brüderliche Pflicht ist – der Schwester , wenn ich stürbe , dieses weite Erbe zu sichern . « » Planvoll , aber ferneliegend « , sagte er . » Fern oder nahe . Du bist ihr natürlicher Beschützer . Ich kann mein Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen , denn sie sind ein zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht . Ich bände sie an den Schweif eines gepeitschten Rosses ! Ringsherum keine Burg , an der nicht Mord klebte ! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in einer Blutrache untergehen ? Ja , fände ich für sie einen Guten und Starken wie du bist , dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben , du hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen . Ich weiß ihr keinen Gatten als allein Gnadenreich , und der besitzt das Land , nach der Verheißung , als ein Sanftmütiger , kann es aber gegen die Gewalttätigen nicht behaupten , deren Zahl hier Legion ist . Erst seine Söhne werden kraft meines Blutes Männer sein . Bis diese kommen und wachsen , wirst du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und die Herrschaft führen müssen . Denn ewig reitest du nicht mit dem Kaiser . Vielleicht auch , wer weiß , erhebt er dich zum Grafen über diesen Gau , oder dann erhältst du von mir eine Burg , jene « – sie wies auf einen Turm am Horizonte – » oder eine andere , nach deinem Gefallen . Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort . « Sie legte ihm vertrauend die Hand auf die Schulter . » Aber , Frau « , sagte er , » du lebst ! « und sie erwiderte : » Solang ich lebe , herrsche ich . « » Dann hat es keine Eile « , antwortete er . » Daß der Schwester nichts geschehen darf , versteht sich und gelobe ich dir . Doch jetzt muß ich reiten , heute ! in einer Stunde ! « » Zum Kaiser ? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio geschickt mit der sichern Kundschaft , daß die Lombarden sich am Mons Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie