Nun müsset Ihr wissen , ehrwürdiger Herr , daß die Heiden in Granada , vornehm und gering , die fromme Gewöhnung haben , jedesmal wann von Schlummer und Schlaf geredet wird , hinzuzufügen : › Gelobt sei , der nicht schläft noch schlummert ! ‹ So tun sie von Kindesbeinen an , ohne sich mehr dabei zu denken , als wir Schwaben bei unser › Grüß Gott ! ‹ Da ich unter den Heiden lebte , hatte ich mir diesen Spruch gleicherweise angewöhnt , um mir auf eine unschuldige Art etwas Landesfarbe zu geben . War ich nun selber schlummertrunken , oder erinnerte mich der im verhängten Zimmer noch blasser als sonst erscheinende Kanzler an einen Mauren , oder tat ich es aus bloßer Gewohnheit , deren Macht stark ist – kurz , ich sagte : › Herrlichkeit , der König schläft – gelobt sei , der nicht schläft noch schlummert ! ‹ Da lächelte der Kanzler wider seinen Willen , bis zuletzt die ganze Reihe seiner Perlenzähne schimmerte , und fragte mich dann in ernsthaftem Tone : › Wie kommt ein Deutscher zu diesem Gruße ? ‹ Ich erzählte ihm , das Erwachen des Königs erwartend , daß ich drei Jahre in Granada die Bognerkunst erlernt hätte , und erzählte ihm auch die Geschichte des Prinzen Mondschein . Das war freilich ein gewagter Mutwille und hätte mir zum Schlimmen gereichen können . Aber die Versuchung zu ergründen , ob Prinz Mondschein und der Kanzler ein und dieselbe Person seien und zu erproben , ob der ewig Ruhige nicht wenigstens diesmal sich überraschen lasse , war für mich zu stark . Herr Thomas aber verzog keine Miene . Er hielt eine Weile , wie er zu tun pflegte , die Augen sinnend gesenkt , dann erhob er sie auf mich und legte langsam den weißen Finger auf den Mund . Ich dagegen bog das Knie vor ihm und meldete ihn dann dem Könige , der in seiner Kammer eben ein Geräusch gemacht hatte . Da mich nun die beiden Herren leiden mochten und mir gleicherweise trauten , werdet Ihr an das Wunder glauben , daß ich der seltnen Gunst genoß , hinter dem Stuhle meines Königs zu stehen , wann er mit dem Kanzler in Staatsgeschäften zusammensaß . Herr Heinrich ließ sich dann von mir einen perlenden weißen Wein einschenken , der aus Frankreich kam , während er mit listigen Augen und innigem Vergnügen den scharfsinnigen Auseinanderlegungen und verwickelten Schachzügen seines Kanzlers folgte , und dieser sonnte sich , wie eine schlanke weiße Schlange , in den Strahlen der fürstlichen Gunst . König Heinrich betrachtete den von ihm aus dem Nichts Gehobenen mit Wohlgefallen als sein Geschöpf ; aber das Geschöpf , ehrwürdiger Herr , war dem Schöpfer unentbehrlich geworden und unterjochte ihn mit seinem sanften Eigensinne . Oft habe ich dabeigestanden , wann der Kanzler den König , dessen zur Jagd gesattelte Pferde schon im Schloßhofe wieherten und stampften , noch beim Überschreiten der Schwelle aufhielt , seine Rollen vor ihm entfaltete und den Unbändigen durch den Zwang seiner milden Worte nötigte , ihm Gehör zu schenken , und ich mußte mich wundern , wie er , den Stift in der einen und das Pergament in der andern Hand , Herrn Heinrichs hingeworfenen Bescheid wiederholte und entwickelte , denselben in eine schöne , geschmeidige Rede verwandelnd , daß es nur so strömte , wie flüssiges Gold . « » Auch deine Rede strömt , daß ich mich wundern muß « , stichelte der greise Chorherr . » Gebt Raum meiner Rede « , rief Hans , » und laßt mich Euch den wundersamsten Mann beschreiben , welchen die Erde getragen hat , das Vorbild und die Mode des Jahrhunderts . Der vornehmste Adel von Engelland gab ihm seine Söhne als Edelknaben in die Lehre , und welcher Jungherr den Ritterschlag nicht von der Hand des emporgekommenen Sachsen empfangen hatte , galt nicht für voll unter dieser hochmütigen und wegwerfenden Jugend . Es hat mich oft ergötzt , wann die schmucken Knaben , welche ihre blühenden Lippen nie mit einem englischen Worte verunreinigt hätten , an den farblosen des Thomas Becket hingen , dem freilich die französische Herrensprache zierlicher vom Munde klang , als nicht einem unter ihnen ; wie sie sich jede seiner Redensarten und Wendungen sorgfältig merkten , die Feinheit seiner Scherze bewunderten , den Schnitt seiner Kleidung nachzeichneten und seine Ruhige Gebärde nachahmten , als das Höchste höfischer Vollendung . Eines aber , mein ich , mangelte dem Kanzler : das Ungestüm und die Schärfe eines männlichen Blutes . Nicht , daß er feige gewesen wäre ! Eine Memme hätte sich keinen Tag am Hofe König Heinrichs gehalten ; denn die Normannen sind kitzlig im Ehrenpunkt wie kein anderer Adel . Gleich fährt das Schwert aus der Scheide und verloren ist unter ihnen , wer den Stich eines Blickes oder einer Klinge nicht parieren und zurückgeben kann . Obzwar ein halber Kleriker , war Herr Thomas in jeder ritterlichen Übung und Waffe wohlerfahren , wobei ihm sein biegsamer Wuchs zustatten kam , und zog wohl auch , wenn es die Staatsgeschäfte erlaubten , mit dem König zu Felde . Ich bin einmal hinter seinen Fersen eine Sturmleiter hinaufgeklettert und habe ihn innerhalb der erstiegenen Ringmauer jener französischen Burg mit einem wütigen Pikarden handgemein werden sehen , totenblaß in der Tat und die Zähne aufeinanderbeißend . Aber er täuschte die feindliche Waffe und jagte dem Recken richtig zielend das Schwert durch das Herz , freilich um es dann , als sein Gegner in der Lache seines Blutes lag , mit Ekel und Abscheu zu betrachten und wegzuwerfen . › Bogner , gib mir ein reines ! ‹ gebot er mir . Und doch war dieses Schwert ein Meisterstück fremder Schmiedekunst , das Euch die Maschen jedes Panzers durchschnitt wie Tuch . Ich habe es aufgehoben und lange Jahre zu meiner eigenen Sicherheit gebraucht . Herr Thomas konnte kein Blut vergießen . In den Bezirken seiner weiten Besitztümer spielte und weidete das Wild in den Waldlichtungen wie im Paradiese , und wann er seine Forste besuchte , näherten sich die Rehe und freuten sich , ihm aus der Hand zu fressen . Auch das Todesurteil eines Menschen vermochte er ohne Erblassen nicht zu unterschreiben , und eine Hinrichtung , wie solche in einem ordentlichen Staatswesen häufig sind , mit anzusehen , überstieg seine Kraft , während mein Herr und König sich gerne herabließ , ihnen , als die verkörperte Gerechtigkeit , vorzustehen . Oft gab es Herrn Heinrich zu lachen , wann er mit seinem Kanzler an einem Rabensteine vorüberritt und Herr Thomas mit Unlust das Haupt abwendete , nicht wegen der Geister , die dort heimisch sind ( denn der Kanzler war ein ungläubiger Mann ) , sondern aus Grauen , wie er einmal fallenließ , vor der gequälten Menschheit , deren zerrissene Glieder dort auf dem Rade zuckten . Sogar das Urteil einer landkundigen und ihrer teuflischen Frevel geständigen Zauberfrau und Hexe zu unterschreiben , weigerte sich der Kanzler und setzte sich dadurch , der sonst so kluge Mann , einer heidnischen Laune wegen , in Widerspruch mit ganz Engelland : König , Adel , Volk und Pfaffheit . Das war die schwarze Mary , die in einem Dorfe unfern von London ihr Wesen trieb , Gewitter braute , Seuchen ausgehen ließ , Vieh und Kindlein würgte , bis sie zuletzt von einem geistlichen Gerichte gefoltert und , nachdem sie willig bekannt , um ihre reuige Seele aus dem ewigen Brande zu retten , zum zeitlichen Feuer begnadigt wurde . Da geschah es , daß der verzärtelte Kanzler die Unholdin in ihrem ekeln Kerker aufsuchte und sich ihre verlassene Jugend und ihren spätern Umgang mit dem Teufel erzählen ließ . Könnet Ihr es mir nun glauben , daß Herr Thomas der schwarzen Mary , die unter heißen Tränen nach der reinigenden Flamme schrie , den Satan auszureden suchte und ihr vorhielt , sie betrüge andere und sich selbst ? Und je handgreiflicher sie ihm alles schilderte , um so ungläubiger wurde der Heide . Herr Thomas riß den Prozeß vor den König ; dieser aber wollte nichts von Gnade hören , sondern sagte majestätisch : › Kanzler , ich bin das christliche Gewissen von Engelland , ich kann nicht ! ‹ Da sprach der Kanzler gelassen : › Was vermag ich gegen die hohe Weisheit des Jahrhunderts , welche , o Herr , die deinige ist ! ‹ und unterschrieb das Todesurteil . Später , als er den Saal verließ , wendete er sich zu mir , der neben der Schwelle stand , und sagte : › Die Mary ist eine Hexe , wie ich ein Heiliger ! Alter Hans , es gibt Augenblicke , da mir gleichermaßen graut vor dem , was die Menschen sind , und vor dem , was sie sich zu sein einbilden . ‹ Diese Rede habe ich nie verstanden ; aber ich muß vermuten , daß Herr Thomas in hochmütiger Philosophie nicht an die Künste Satans glaubte . Als hernach die schwarze Mary hinausgeführt und gerichtet werden sollte , fanden sie ihren Kerker leer , und da Herr Heinrich mit drohendem Finger den Kanzler darüber zur Rede stellte , meinte dieser , das sei ein Blendwerk , so gut wie alles Frühere – und damit war die Sache abgetan . Später lief die Rede , die schwarze Mary sei nicht mit solchem Gestank abgefahren , sondern führe auf einer entlegenen Meierei des Kanzlers ein stilles und eingezogenes Leben . Wenn sie aufrichtig in sich gegangen ist , sei es ihr wohl gegönnt ! Ich will Euch nur gestehen , daß auch mich ein Mitleid mit der Sünderin überfallen hatte , als ich sie auf ihrem modrigen Strohhaufen sitzen und unter den verwirrten Strähnen ihrer Haare hervor mit schwarzen , irren Augen zu dem Kanzler aufblicken sah , als ich sie über ihre unbeschirmte Jugend klagen hörte und über die Unbill , die man ihr angetan , als sie noch unschuldig war . Wußte doch auch ich ein Lied davon zu singen ! Ihr sehet nun , Herr , denn ich habe es in meiner Ehrlichkeit an den Tag gelegt , daß der Kanzler , als er die Hexe besuchte , mich als einen verläßlichen Mann hatte mitreiten lassen . « Der Chorherr blickte den Armbruster prüfend an . » Du bist es , Hans « , rief er , » der das arge Weib geflüchtet hat ! « » Meint Ihr wirklich , Herr ? « versetzte Hans , und es war , als ob er unter seinem Barte den Mund verzöge . Dann lenkte er seitwärts : » Eine schlimmere Hexe , die zu jener Zeit in Engelland lebte , konnte auch nicht verbrannt werden , und aus triftigen Gründen . Mein Herr und König war mit ihr verheiratet . Warum Herr Heinrich mit Frau Ellenor in die Ehe getreten war , dem geschiedenen Weibe des Königs von Frankreich , das offenbart sich jedem , der die Weltkarte betrachtet und darauf die Länder zählt , die sie ihm zubrachte ; das ist Gascogne , Saintonge und Poitou mit unzähligen Burgen und Städten . Sie soll in ihrer Jugend lieblich und bescheiden gewesen sein . Ich will ihr diese Märzblume nicht aus der Krone nehmen . Zur Zeit , da ich das Knie vor ihr bog , hatte sie einen schwarzen Helm von üppigen Haaren , unstete , beschäftigte Augen und stets gejagte Füße . Auch hielt sie Herr Heinrich beiseits , bald in einer Abtei , denn sie war zeitweise andächtig , bald in einer abgelegenen Burg mit wenig Gesinde , das zuweilen ein ehrgeiziger nachgeborener Sohn oder ein eitler Fahrender , der mit einer Vornehmen zu tun haben wollte , vergrößerte . Der Kanzler begegnete ihr , wo er ihr nicht ausweichen konnte , mit tiefer Ehrerbietung , während ich glaube , daß sie ihm zuwider war ; denn er liebte an Frauen das Zarte und Anständige . So vergnügte er sein Auge – wenngleich der große falsche Prophet den Seinigen diese bildlichen Ergötzungen untersagt hat – oft an den weißen und ruhigen Gliedmaßen der keuschen Marmorweiber , die er in seinen Palästen aufgestellt hatte . Ihr habet wohl noch keine gesehen . Sie werden aus dem Schutte zerstörter Griechentempel hervorgezogen , und der Herr von Byzanz hatte dem Kanzler für eine politische Gefälligkeit deren einige zugeschickt . Es sind tote Steine ohne Blick und Kraft der Augen , aber betrachtet man sie länger , so fangen sie an zu leben , und nicht selten bin auch ich vor diesen kalten Geschöpfen stehengeblieben , um zu ergründen , ob sie heitern oder traurigen Gemütes sind . An Frau Ellenor dagegen , die nicht von Marmor war , hatte der Kanzler kein Wohlgefallen , und ihrerseits haßte sie ihn von Herzen . Möglich , daß er ihr einmal , wie der unschuldige Joseph der Ägypterin , seinen Purpurmantel in den Händen zurückließ ; denn sie hatte , obschon sie eine Rechtgläubige war – in diesem Punkte hab ich ihr nie etwas nachreden hören – eine Anmutung zu den Heiden ; wie sie es denn auch vorzeiten mit einem sarazenischen Flaumbarte gehalten hatte , da sie ihren gottesfürchtigen ersten Gemahl auf seiner Kreuzfahrt nach dem gelobten Lande begleitete . Es kann Euch das nicht unbekannt sein , denn es ist über den Erdkreis erschollen . Oder sie hafte ihn auch nur , weil er sie auf allen ihren Wegen im Auge behielt , als eine Gefahr und drohende Verwirrung des Königreiches . Bedenket wohl , lieber Herr , daß ihre drei Länder den Herren Heinrich , Gottfried , Richard und Hans , des Königs vier Söhnen , als Muttererbe zugehörten . So bemühte sich die Weisheit des Kanzlers , Frau Ellenor in erträglicher Gangart und mäßiger Zügelung zu halten , nicht zu locker , damit sie nicht durch die Launen ihres heißen Blutes Schande über den König und Engelland bringe , nicht zu hart , damit sie sich nicht bäume in jähem Unmut und sich losreiße mit ihren Ländern und Söhnen . Diese Söhne aber ließ Herr Thomas nicht von seiner Seite und war ihnen ein zärtlicher Vater und stündlicher Lehrer . Wenn die Natur der Zucht nicht öder spottete als ihr gehorchte , die vier Kinder von Engelland hätten nicht ihresgleichen gefunden , eine so große Liebe und herrliche Weisheit hat der Kanzler an sie gewendet . Aber Junker Heinrich schätzte an ihm nur den Wurf seines Kleides und die edle Beredsamkeit seiner Gebärde ; denn er war ein Geck und ein Schauspieler . Junker Gottfried dagegen vergaß über Nacht , was er gestern geliebt oder geschworen hatte , und konnte , von unsteter Art , keine Ergötzung und keinen Ernst zu Ende führen . Den dritten des Königs , Richard , das Löwenherz , hatte Herr Thomas besonders lieb und auch mir war er ins Herz gewachsen . Das Spiel seiner Natur war ehrlich wie ein Stoß ins Hifthorn und überquoll wie der Schaum am Gebiß eines jungen Renners . Da blieb kein Widerstand , man mußte ihm gut sein – aber Klugheit war nicht in ihm , nicht eines Pfennigs wert ; wie er denn auch zu dieser laufenden Stunde für eine Tat seines jähen Blutes unten in Österreich eingetürmt liegt . Junker Hans , der vierte – Gott behüte meine Zunge , gegen ihn zu reden , denn er steht jetzt zunächst dem Throne ! – aber einen nichtsnutzigern , bösern Buben trug die Erde nicht ; und diese meine Hand hat mir oft gegen ihn gezuckt , wenn er an mir oder einem andern Gottesgeschöpf seine Tücke ausließ – wenn er mir eine kunstreiche Armbrust mutwillig schändete oder stumme Tiere marterte . Wie er lachte ! Ich habe Tag meines Lebens , auch in Schenken und auf Märkten , nicht gemeiner lachen hören . Wißt , der Kanzler sah zuweilen nach , wann ich die viere schießen lehrte , und erzählte ihnen dann wohl während einer Rast , zu Lust und Warnung , Tierfabeln , die mich , als einen Weidmann , besonders ergötzten . Da redeten und handelten Geflügelte und Vierfüßige , je nach ihrer Natur , oder wenigstens nach der Art , die ihnen von den Menschen beigelegt wird . Auch dieses kluge Spiel haben die Araber erfunden , um ungestraft die Fehler ihrer Machthaber unter der Tiermaske zu tadeln und zu verspotten . Kam nun eines dieser Fabelgeschöpfe zu Schande und Schaden im Munde des Kanzlers , plumpte Braun der Bär in die Grube , hing Isegrim in der Falle und dergleichen , so schlug der kleine Hans unversehens eine gellende , teuflische Lache auf , daß ich , obwohl mit seinem Wesen vertraut , zusammenschrak und der Kanzler , der doch ein Freund der Klugheit war , das Kind mit traurigen Augen betrachtete . Aber er gab seinen Ekel dem innerlich Mißschaffenen nicht zu fühlen , sondern ließ sich mehr zu ihm herunter und bedachte ihn mehr als die andern . Ich habe ihn auch wohl seufzen hören , was sonst nicht seine Art war , wenn ich ihm eine frische Missetat Herrn Hansens zu berichten hatte . In Wahrheit , der Reichskanzler liebte die Königskinder wie seine eigenen , und übel ward ihm vergolten . Jetzt komme ich zu reden auf ein Geheimnis der Ungerechtigkeit , das zwar in keiner Chronik wird verzeichnet stehen , aber doch die Grabschaufel ist , die Herrn Thomas und Herrn Heinrich , einem nach dem andern , seine Grube gemacht hat . « Hans der Armbruster faltete mechanisch die starken alten Hände , als hätten auch sie mit dieser Schaufel gegraben . V V » Jetzt , da Ihr einen Einblick habt in Herrn Heinrichs Haushalt « , fuhr Hans der Armbruster fort , » erkennt Ihr von weitem , daß er bei Frau Ellenor keine Ruhe und kein Vergnügen fand und daß er auf seinen Kriegs- und Königsfahrten häufige Umschau hielt unter den Töchtern seiner Länder diesseits und jenseits des Meeres . Ich will es Euch nicht verhalten , daß ich ihn auf manchem Ritte begleitet habe , den ich als ein anfänglich unter geistlicher Zucht Gewachsener lieber unterlassen hätte und welcher mir zeitweilig die Beichte erschwerte . Aber wollet bedenken , daß der König wenig sichere Leute um sich hatte und ich durch meine Treue auf geraden und krummen Straßen Hauszwist , ja Meucheltat und Giftmord verhütete . Denn Frau Ellenor war ein eifersüchtiger Teufel , ob sie auch selber ihrem Eheherrn keine Treue hielt . Sie bestach von Herrn Heinrichs Leihknechten , was sich bestechen ließ , dermaßen , daß ihr seine Absprünge alle bekannt wurden und sie ihre Nebenbuhler in feindseliger mörderischer Weise verfolgen konnte . Mehr als eine fand der König tot , oder sie verwelkte plötzlich in seinen Armen . So war es ihm billig zu gönnen , daß er an mir einen verläßlichen Knecht gefunden hatte . Eines Tages begab es sich , daß der König mit wenig Gefolge eine Birsch anstellte in einem entlegenen Forste , wo er , meines Wissens , sonst nicht zu jagen pflegte . Gegen Abend überfiel uns ein flammendes Wetter und trieb die Herren auseinander . Ich aber hielt mich bei dem König und fand für ihn Schutz unter einem ausgehöhlten Felsen , wo er den Wolkenbruch vorübergehen ließ . Als die Donner verrollt hatten und der Regen kaum noch durch das Laub der Eichen schlug , suchte ich den Weg , den wir hergekommen waren , fand ihn aber versperrt durch ein Wirrsal abgerissener Äste und bloßgewaschener Wurzeln , worüber die gelben Wasser eines ausgetretenen Baches sich wälzten . Ich ließ mein Hifthorn schmettern , doch von keiner Seite kam Antwort . Da befahl mir der König , nach derjenigen vorzuschreiten , wo der Wald sich lichte . Ich tat es und bahnte für ihn Pfad mit dem Jagdschwert . Bald sah ich die Glut der sinkenden Sonne purpurn vor mir auf den Stämmen blinken . Ich wandte mich um nach dem Könige , er aber drang ungeduldig an mir vorüber der rötlichen Helle entgegen , so heftig , daß ich Mühe hatte , ihm auf den Fersen zu bleiben . Da sah ich ihn plötzlich verwundert den Schritt hemmen . Am Waldsaume stand er unter den tröpfelnden Zweigen und lugte , die Augen mit der erhobenen Rechten beschattend , unverwandt in die untergehende Sonne hinaus . Ich hob mich auf den Zehen und reckte das Haupt über seine Schulter empor , und was ich erblickte , erschien mir als eine Verblendung und Zauberei , die in den nächsten Augenblicken zerfließen müsse . Auf einer goldgrünen Waldwiese stand ein Schlößchen , wie ich seinesgleichen wohl im Königreiche Granada gesehen hatte . Es war von hohen glatten Mauern aus gelbem Steine umgeben , über welchen eine kleine blauschimmernde Kuppel emporstieg und schlanke dunkle Baumspitzen ragten , die ich Zypressen genannt hätte , wären wir unter einem südlicheren Himmel gewesen . Das zierliche , feste Bauwerk war frisch und neu und glänzte im letzten Lichte wie ein Juwel . Der König verlor kein Wort , sondern ging mit raschen Schritten auf die schmale Pforte zu und klopfte mit dem Griffe seines Schwertes an . Nichts regte sich drinnen . Nun begann auch ich gegen das Holz des tief in einer Mauerwölbung verborgenen Tores zu hämmern . Da glaubte ich in der schmalen Spalte eines Seitenfensterchens ein altes Gesicht erscheinen und verschwinden zu sehen , und bald darauf wurden die Riegel geräuschlos zurückgezogen . Ein grauer Sachse öffnete und bog stumm und zitternd das Knie vor dem König . › Du , Äscher ? ‹ sprach ihn Herr Heinrich an und fuhr ungeduldig lachend fort : › Du wirst deinen König doch nicht draußen stehen lassen ? Ich bin naß und hungrig ! Wem gehört denn dieser schmucke Schrein ? Dem Kanzler ? Oder stehst du nicht mehr in seinen Diensten ? – Bei Sankt Jörg , ich muß glauben , der strenge Herr habe sich mit einer Waldfei eingelassen ! Welche Melusine hat ihm zu Lust und Ruhe dies da hingezaubert ? Flugs melde mich ihrer elfischen Lieblichkeit ! ‹ Nun erkannte auch ich den Alten und erinnerte mich , daß ich ihn einst in London mitten im Trosse des Kanzlers an unsrer Bognerwerkstatt vorübertraben sah . Dort war er mir aufgefallen durch sein schwermütiges Aussehen und seine schwarzen zusammengewachsenen Brauen unter weißem Haupthaar . Am Hofe hatte ich ihn hinter Herrn Thomas nicht wieder wahrgenommen . Der Sachse blickte den König mit flehenden Augen an und stammelte , das könne ihm das Leben kosten . › Bei meinem Königswort , das soll es nicht . Mich kann das Gebot , das du erhalten , nicht angehen ! ‹ drängte Herr Heinrich und setzte seinen Fuß über die Schwelle , während er mir einen Wink gab , draußen zu verharren . Äscher in seiner übergroßen Bestürzung wußte nicht , wohin zuerst sich wenden , bis ihn mein Herr mit majestätischen Worten zurechtwies : › Schließe dies Tor und melde deiner Herrin den Besuch und die Gnade ihres Königs ! ‹ Ich setzte mich wartend nieder und lehnte den Rücken gegen die Mauer . Mir war behaglich zumut in der Abendkühle und die Rast nicht unlieb . Das Abenteuer schien mir ergötzlich . Ich lachte unter meinem Bart über Herrn Heinrichs letzte erhabene Rede und lobte es in meinem Geiste , daß der Herr diesmal , in Anbetracht seines Hungers und seiner reifen Jahre , nicht als singender Troubadour vor der Pforte geblieben , sondern der Dame des Schlößchens , kurz und gut , seine Würde und königliche Herrlichkeit offenbaren ließ . Ich elender Tor ! Als sich nach geraumer Zeit die Pforte wieder öffnete und Herr Heinrich aus dem Bürglein trat , war es , obwohl das Jahr in der Sommermitte stand , tiefe Nacht geworden . Der Sachse schritt uns mit der Fackel den schmalen Pfad voran , auf welchem wir bald einen einsamen Meierhof erreichten , wo man uns Pferde und einen Führer gab . Als wir im Frührot in das Tor der Burg einritten , aus welcher gestern der König zur Jagd gezogen war , und ich ihm den Bügel hielt , gab er mir aus leuchtenden Augen einen Blick und während seine Linke mir den Mund zuschloß , warf mir seine Rechte eine mit Edelsteinen besetzte Spange zu , die er sich vom Hute gerissen . Das Gold , das er im Beutel trug , hatte er alles dem alten Äscher in die Hände geschüttet . Das war der Anfang . Aber von der Sonnenwende jenes Jahres bis zu seinen fallenden Blättern habe ich den König oft durch jenen friedlichen Forst begleitet und den Ritt häufiger noch allein gemacht , um seinen Besuch anzusagen oder die Zeichen seiner brünstigen Liebe , seltene Perlen des Meeres und was der Erdenschoß Kostbares gibt , seiner verborgenen Buhle zu überbringen . Ohne daß ich diese je erblickt oder den Burghof betreten hätte ! Nur an der Pforte verkehrte ich mit dem alten Äscher , der freilich jedesmal , wenn er meiner ansichtig wurde , erbärmlich seufzte , aber weder den Gehorsam weigerte , noch je zurückwies , was aus der königlichen Hand auf seine Seite fiel . Ich hatte strenges Verbot , auf diesen Pfaden mich bei Tageslichte blicken zu lassen ; auch gehörten sie zu den einsamsten , die ich je geritten bin . Keiner lebendigen Seele bin ich darauf begegnet , als etwa im Morgengrauen einem ätzenden Wilde und zweimal , da ich mich verspätet hatte , einsamen Waldfahrern . Der Mond hatte gewechselt seit Beginn dieses Abenteuers , als eines Tages mein brauner Hans sich einen Hinterfuß verstauchte . Ich liebte das Tier wie einen Bruder und blieb bei ihm in der Meierei zurück , bis ich um dasselbe außer Sorge sein konnte . Dann schlug ich den Rückweg zu Fuß ein . Rasch eilte ich von hinnen . Es war klarer Tag , als ich eine weite grüne , von spottenden Echostellen umgebene Lichtung durchschritt , an deren Ende ein dort beginnender Felsweg vom Hufschlag eines Pferdes erklang . Ich schlug mich schnell ins Gebüsch und legte mich auf den Bauch , die Augen spähend auf den langen Wiesenpfad gerichtet . Und ich erblickte dort den arabischen Schimmel des Kanzlers , von seinem Herrn langsam und lässig gelenkt . Das schöne Tier schnoberte wollüstig und sog mit geöffneten Nüstern die Morgenluft und den Waldgeruch ein . Herr , ich war nicht überrascht , den Kanzler auf diesen grünen Wegen zu finden . Ich war darauf gefaßt , seiner früher oder später ansichtig zu werden , wie er diese Straße fahre ; denn die Zierfeste wurde von seinem Knechte gehütet , und ihre maurische Bauart , die ausländischen Bäume des Burggartens , das jagdfreie Wild ringsherum hatten mich längst über den Erbauer ins Gewisse gebracht . Daraus hatte auch der König am ersten Tage erraten , wer hier etwas Liebes versteckt halte . Ich will mich nicht besser machen , als ich bin . Es ergötzte mich , diesen Vater der Weisheit und tiefen Gelehrten auf etwas Menschlichem zu betreffen , und daß ihm Herr Heinrich , der einzige , der es ungestraft durfte , ins Gehege gekommen , das ließ mich in Sicherheit lachen . Auch ist es seit grauen Zeiten angenommen , daß in Buhlschaft und Liebeswette Kleriker und Gelehrte ausgestochen werden von Fürsten und Kriegsleuten . Sicherlich jedoch ließ ich von meiner Wissenschaft gegen Herrn Heinrich nichts merken , weder mit einer schlauen Anspielung , noch mit einem lustigen Gesichte ; denn es gibt Grenzen , Herr , im gefährlichen Umgange eines Knechtes mit einem König , selbst dem leutseligsten . In der Stille meiner Gedanken ergötzte mich ein Tun , das ich für einen fürstlichen Mutwillen hielt ; aber ich verwickelte mich in einen Greuel und in eine Torheit , die Herrn Heinrich die Krone , das Leben und – wehe – seiner Seele Seligkeit gekostet hat . Versteht , Herr , ich meinte , der Kanzler hätte sich eine reife süße Traube aus irgendeinem besonderen aquitanischen Weinberge in den englischen Nebel herübergeholt , und wenn er nun an ihr die gefaulten Beeren entdecke , schiebe er sie gleichgültig und höchstens , als ein Zärtling , mit etwas Ekel auf die Seite . Schon sah ich ihn , wie er , seinen König und Schöpfer als Nebenbuhler findend , mit einer höfischen , leise verächtlichen Miene aus den Schranken trat . Dergestalt gewahrte ich in diesem Verrate wenig Übel und keine Gefahr . Mit schadenfroher Neugier blickte ich aus meinem Versteck zu dem langsamen Reiter hinüber , der seit wenigen Tagen aus Canterbury zurückgekommen war , wo ihm die Pfaffen des Königs zu tun gegeben hatten , und der jetzt seine Nächte in Windsor über den während seiner Abwesenheit liegengebliebenen Geschäften zubrachte . Bei dem gleichmäßig milden Scheine einer griechischen Ampel schrieb er unermüdet , so daß der König , wann er aus unruhigem Schlafe auffuhr , über den Hof hinweg den für ihn und das Reich Sorgenden erblicken konnte . Aber ist er ' s ? Ist dies der verschlossene Kanzler mit den kalt prüfenden Blicken und den Staatssorgen , fragte ich mich verwundert , oder ein andächtiger Ritter und Pilger nach dem heiligen Grale ? – Ihr kennet die Mär von dem Kelch mit dem kostbaren Blute , der , unter süßem Getön vom Himmel sinkend , auf Montsalvatsch sich niedergelassen hat ? – In den blassen , träumenden Zügen lag eine selige Güte und das Antlitz schimmerte wie Mond und Sterne . Sein langes Gewand von violetter Seide floß in priesterlichen Falten über den Bug des silberfarbenen Zelters , der , sonst nach dem feurigen Schalle der Zinken und Pauken zu tanzen gewöhnt , heute langsam den weichen Pfad beschritt und den zierlichen Fuß hob wie nach dem Tone der Flöten , welche die verborgenen Waldgötter spielen . Ich entsetzte mich ob