in Paris stünden . Gasparde wohnte der unheimlichen Szene fast gleichgültig bei und richtete ihr Auge auf einen schönen Stern , der über dem Dache der Kapelle mild leuchtend aufstieg . Nachdem der Italiener seine Rede mit einer Handbewegung geschlossen , die mir eher einer Fluchgebärde als einem Segen zu gleichen schien , begann das Volk in dichtem Gedränge aus der Pforte zu strömen , an deren beiden Seiten zwei große brennende Pechfackeln in eiserne Ringe gesteckt wurden . Ihr blutiger Schein beleuchtete die Heraustretenden und erhellte zeitweise auch Gaspardes Antlitz , die das Volksgewühle mit Neugierde betrachtete , während ich mich in den Schatten zurückgelehnt hatte . Plötzlich sah ich sie erblassen , dann flammte ihr Blick empört auf , und als der meinige ihm folgte , sah ich einen hohen Mann in reicher Kleidung ihr mit halb herablassender halb gieriger Gebärde einen Kuß zuwerfen . Gasparde bebte vor Zorn . Sie ergriff meine Hand , und indem sie mich an ihre Seite zog , sprach sie mit vor Erregung zitternder Stimme in die Gasse hinunter : » Du beschimpfst mich , Memme , weil du mich schutzlos glaubst ! Du irrst dich ! Hier steht einer , der dich züchtigen wird , wenn du noch einen Blick wagst ! « – Hohnlachend schlug der Kavalier , der wenn nicht ihre Rede , doch die ausdrucksvolle Gebärde verstanden hatte , seinen Mantel um die Schulter und verschwand in der strömenden Menge . Gaspardes Zorn löste sich in einen Tränenstrom auf und sie erzählte mir schluchzend , wie dieser Elende , der zu dem Hofstaate des Herzogs von Anjou , des königlichen Bruders , gehöre , schon seit dem Tage ihrer Ankunft sie auf der Straße verfolge , wenn sie einen Ausgang wage , und sich sogar durch das Begleit ihres Oheims nicht abhalten lasse , ihr freche Grüße zuzuwerfen . » Ich mag dem lieben Ohm bei seiner erregbaren und etwas ängstlichen Natur nichts davon sagen . Es würde ihn beunruhigen , ohne daß er mich beschützen könnte . Ihr aber seid jung und führt einen Degen , ich zähle auf Euch ! Die Unziemlichkeit muß um jeden Preis ein Ende nehmen . – Nun lebt wohl , mein Ritter ! « fügte sie lächelnd hinzu , während ihre Tränen noch flossen , » und vergeßt nicht , meinem Ohm gute Nacht zu sagen ! « – Ein alter Diener leuchtete mir in das Gemach seines Herrn , bei dem ich mich beurlaubte . » Ist die Predigt vorüber ? « fragte der Rat . » In jüngern Tagen hätte mich das Fratzenspiel belustigt ; jetzt aber , besonders seit ich in Nîmes , wo ich das letzte Jahrzehnt mit Gasparde zurückgezogen gelebt habe , im Namen Gottes Mord und Auflauf anstiften sah , kann ich keinen Volkshaufen um einen aufgeregten Pfaffen versammelt sehen ohne die Beängstigung , daß sie nun gleich etwas Verrücktes oder Grausames unternehmen werden . Es fällt mir auf die Nerven . « – Als ich die Kammer meiner Herberge betrat , warf ich mich in den alten Lehnstuhl , der außer einem Feldbette ihre ganze Bequemlichkeit ausmachte . Die Erlebnisse des Tages arbeiteten in meinem Kopfe fort und an meinem Herzen zehrte es wie eine zarte aber scharfe Flamme . Die Turmuhr eines nahen Klosters schlug Mitternacht , meine Lampe , die ihr Öl aufgebraucht hatte , erlosch , aber taghell war es in meinem Innern . Daß ich Gaspardes Liebe gewinnen könne , schien mir nicht unmöglich , Schicksal daß ich es mußte , und Glück , mein Leben dafür einzusetzen . Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Am nächsten Morgen zur anberaumten Stunde stellte ich mich bei dem Admiral ein und fand ihn in einem abgegriffenen Taschenbuche blätternd . » Dies sind « , begann er , » meine Aufzeichnungen aus dem Jahre siebenundfünfzig , in welchem ich St. Quentin verteidigte und mich dann den Spaniern ergeben mußte . Da steht unter den tapfersten meiner Leute , mit einem Kreuze bezeichnet , der Name Sadow , mir dünkt , es war ein Deutscher . Sollte dieser Name mit dem Eurigen derselbe sein ? « – » Kein andrer als der Name meines Vaters ! Er hatte die Ehre , unter Euch zu dienen und vor Euern Augen zu fallen ! « – » Nun denn « , fuhr der Admiral fort , » das bestärkt mich in dem Vertrauen , das ich in Euch setze . Ich bin von Leuten , mit denen ich lange zusammenlebte , verraten worden , Euch trau ich auf den ersten Anblick und ich glaube , er wird mich nicht betrügen . « – Mit diesen Worten ergriff er ein Papier , das mit seiner großen Handschrift von oben bis unten bedeckt war : » Schreibt mir das ins reine , und wenn Ihr Euch daraus über manches unterrichtet , das Euch das Gefährliche unsrer Zustände zeigt , so laßt ' s Euch nicht anfechten . Alles Große und Entscheidende ist ein Wagnis . Setzt Euch und schreibt . « – Was mir der Admiral übergeben hatte , war ein Memorandum , das er an den Prinzen von Orangen richtete . Mit steigendem Interesse folgte ich dem Gange der Darstellung , die mit der größten Klarheit , wie sie dem Admiral eigen war , sich über die Zustände von Frankreich verbreitete . Den Krieg mit Spanien um jeden Preis und ohne jeden Aufschub herbeizuführen , dies , schrieb der Admiral , ist unsre Rettung . Alba ist verloren , wenn er von uns und von Euch zugleich angegriffen wird . Mein Herr und König will den Krieg ; aber die Guisen arbeiten mit aller Anstrengung dagegen ; die katholische Meinung , von ihnen aufgestachelt , hält die französische Kriegslust im Schach , und die Königinmutter , welche den Herzog von Anjou dem Könige auf unnatürliche Weise vorzieht , will nicht , daß dieser ihren Liebling verdunkle , indem er sich im Feld auszeichnet , wonach mein Herr und König Verlangen trägt , und was ich ihm als treuer Untertan gönne und , soviel an mir liegt , verschaffen möchte . Mein Plan ist folgender : Eine hugenottische Freischar ist in diesen Tagen in Flandern eingefallen . Kann sie sich gegen Alba halten – und dies hängt zum großen Teil davon ab , daß Ihr gleichzeitig den spanischen Feldherrn von Holland her angreift – so wird dieser Erfolg den König bewegen , alle Hindernisse zu überwinden und entschlossen vorwärts zu gehn . Ihr kennt den Zauber eines ersten Gelingens . Ich war mit dem Schreiben zu Ende , als ein Diener erschien und dem Admiral etwas zuflüsterte . Ehe dieser Zeit hatte , sich von seinem Sitze zu erheben , trat ein sehr junger Mann von schlanker , kränklicher Gestalt heftig erregt ins Gemach und eilte mit den Worten auf ihn zu : » Guten Morgen , Väterchen ! Was gibt es Neues ? Ich verreite auf einige Tage nach Fontainebleau . Habt Ihr Nachricht aus Flandern ? « Jetzt wurde er meiner gewahr und auf mich hindeutend frug er herrisch : » Wer ist der da ? « – » Mein Schreiber , Sire , der sich gleich entfernen wird , wenn Eure Majestät es wünscht . « – » Weg mit ihm ! « rief der junge König , » ich will nicht belauscht sein , wenn ich Staatsgeschäfte behandle ! Vergeßt Ihr , daß wir von Spähern umstellt sind ? – Ihr seid zu arglos , lieber Admiral ! « Jetzt warf er sich in einen Lehnstuhl und starrte ins Leere ; dann , plötzlich aufspringend , klopfte er Coligny auf die Schulter , und als hätte er mich , dessen Entfernung er eben gefordert , vergessen , brach er in die Worte aus : » Bei den Eingeweiden des Teufels ! wir erklären seiner katholischen Majestät nächstens den Krieg ! « Nun aber schien er wieder in den früheren Gedankengang zurückzufallen , denn er flüsterte mit geängstigter Miene : » Neulich noch , erinnert Ihr Euch ? als wir beide in meinem Kabinett Rat hielten , da raschelte es hinter der Tapete . Ich zog den Degen , wißt Ihr ? und durchstach sie zweimal , dreimal ! Da hob sie sich , und wer trat darunter hervor ? Mein lieber Bruder , der Herzog von Anjou , mit einem Katzenbuckel ! « Hier machte der König eine nachahmende Gebärde und brach in unheimliches Lachen aus . » Ich aber « , fuhr er fort , » maß ihn mit einem Blicke , den er nicht ertragen konnte und der ihn flugs aus der Türe trieb . « Hier nahm das bleiche Antlitz einen Ausdruck so wilden Hasses an , daß ich es erschrocken anstarrte . Coligny , für den ein solcher Auftritt wohl nichts Ungewöhnliches hatte , dem aber die Gegenwart eines Zeugen peinlich sein mochte , entfernte mich mit einem Winke . » Ich sehe , Eure Arbeit ist vollendet « , sagte er , » auf Wieder sehen morgen . « – Während ich meinen Heimweg einschlug , ergriff mich ein unendlicher Jammer . Dieser unklare Mensch also war es , von dem die Entscheidung der Dinge abhing . – Wo sollte bei so knabenhafter Unreife und flackernder Leidenschaftlichkeit die Stetigkeit des Gedankens , die Festigkeit des Entschlusses herkommen ? Konnte der Admiral für ihn handeln ? Aber wer bürgte dafür , daß nicht andere , feindliche Einflüsse sich in der nächsten Stunde schon dieses verworrenen Gemütes bemächtigten ! Ich fühlte , daß nur dann Sicherheit war , wenn Coligny in seinem König eine selbstbewußte Stütze fand ; besaß er in ihm nur ein Wertzeug , so konnte ihm dieses morgen entrissen werden . In so böse Zweifel verstrickt , verfolgte ich meinen Weg , als sich eine Hand auf meine Schulter legte . Ich wandte mich und blickte in das wolkenlose Gesicht meines Landsmannes Boccard , der mich umhalste und mit den lebhaftesten Freudenbezeugungen begrüßte . » Willkommen , Schadau , in Paris ! « rief er , » Ihr seid , wie ich sehe , müßig , das bin ich auch , und da der König eben verritten ist , so müßt Ihr mit mir kommen , ich will Euch das Louvre zeigen . Ich wohne dort , da meine Kompanie die Wache der innern Gemächer hat . – Es wird Euch hoffentlich nicht belästigen « , fuhr er fort , da er in meinen Mienen kein ungemischtes Vergnügen über seinen Vorschlag las , » mit einem königlichen Schweizer Arm in Arm zu gehn ? Da ja Euer Abgott Coligny die Verbrüderung der Parteien wünscht , so würde ihm das Herz im Leibe lachen ob der Freundschaft seines Schreibers mit einem Leibgardisten . « » Wer hat Euch gesagt ... « unterbrach ich ihn erstaunt – » Daß Ihr des Admirals Schreiber seid ? « lachte Boccard . » Guter Freund , am Hofe wird mehr geschwatzt , als billig ist , Heute morgen beim Ballspiel war unter den hugenottischen Hofleuten die Rede von einem Deutschen , der bei dem Admiral Gunst gefunden hätte , und aus einigen Äußerungen über die fragliche Persönlichkeit erkannte ich zweifellos meinen Freund Schadau . Es ist nur gut , daß Euch jenesmal Blitz und Donner in die drei Lilien zurückjagten , sonst wären wir uns fremd geblieben , denn Eure Landsleute im Louvre hättet Ihr wohl schwerlich aus freien Stücken aufgesucht ! Mit dem Hauptmann Pfyffer muß ich Euch gleich bekannt machen ! « Dies verbat ich mir , da Pfyffer nicht nur als ausgezeichneter Soldat , sondern auch als fanatischer Katholik berühmt war , willigte aber gern ein , mit Boccard das Innere des Louvre zu besichtigen , da ich den vielgepriesenen Bau bis jetzt nur von außen betrachtet hatte . Wir schritten nebeneinander durch die Straßen und das freundliche Geplauder des lebenslustigen Fryburgers war mir willkommen , da es mich von meinen schweren Gedanken erlöste . Bald betraten wir das französische Königsschloß , das damals zur Hälfte aus einem finstern mittelalterlichen Kastell , zur andern Hälfte aus einem neuen prächtigen Palast bestand , den die Mediceerin hatte aufführen lassen . Diese Mischung zweier Zeiten vermehrte in mir den Eindruck , der mich , seit ich Paris betreten , nie verlassen hatte , den Eindruck des Schwankenden , Ungleichartigen , der sich widersprechenden und miteinander ringenden Elemente . Nachdem wir viele Gänge und eine Reihe von Gemächern durchschritten hatten , deren Verzierung in keckem Steinwerke und oft ausgelassener Malerei meinem protestantischen Geschmacke fremd und zuweilen ärgerlich war , Boccard aber herzlich belustigte , öffnete mir dieser ein Kabinett mit den Worten : » Dies ist das Studierzimmer des Königs . « – Da herrschte eine greuliche Unordnung . Der Boden war mit Notenheften und aufgeblätterten Büchern bestreut . An den Wänden hingen Waffen . Auf dem kostbaren Marmortische lag ein Waldhorn . Ich begnügte mich von der Türe aus einen Blick in dies Chaos zu werfen , und weitergehend frug ich Boccard , ob der König musikalisch sei . » Er bläst herzzerreißend « , erwiderte dieser , » oft ganze Vormittage hindurch und , was schlimmer ist , ganze Nächte , wenn er nicht hier nebenan « , er wies auf eine andere Türe , » vor dem Amboß steht und schmiedet , daß die Funken stieben . Jetzt aber ruhen Waldhorn und Hammer . Er ist mit dem jungen Chateauguyon eine Wette eingegangen , welchem von ihnen es zuerst gelinge , den Fuß im Munde das Zimmer auf und nieder zu hüpfen . Das gibt ihm nun unglaublich zu tun . « – Da Boccard sah , wie ich traurig wurde , und es ihm auch sonst passend scheinen mochte , das Gespräch über das gekrönte Haupt Frankreichs abzubrechen , lud er mich ein , mit ihm das Mittagsmahl in einem nicht weit entlegenen Gasthause einzunehmen , das er mir als ganz vorzüglich schilderte . Um abzukürzen schlugen wir eine enge lange Gasse ein . Zwei Männer schritten uns vom andern Ende derselben entgegen . » Sieh « , sagte mir Boccard , » dort kommt Graf Guiche , der berüchtigte Damenfänger und der größte Raufer vom Hofe , und neben ihm – wahrhaftig – das ist Lignerolles ! Wie darf sich der am hellen Tage blicken lassen , da er doch ein vollgültiges Todesurteil auf dem Halse hat ! « Ich blickte hin und erkannte in dem vornehmern der Bezeichneten den Unverschämten , der gestern abend im Scheine der Fackeln Gasparde mit frecher Gebärde beleidigt hatte . Auch er schien sich meiner näher schreitend zu erinnern , denn sein Auge blieb unverwandt auf mir haften . Wir hatten die halbe Breite der engen Gasse inne , die andere Hälfte den uns Entgegenkommenden frei lassend . Da Boccard und Lignerolles auf der Mauerseite gingen , mußten der Graf und ich hart aneinander vorüber . Plötzlich erhielt ich einen Stoß und hörte den Grafen sagen : » Gib Raum , verdammter Hugenott ! « Außer mir wandte ich mich nach ihm um , da rief er lachend zurück : » Willst du dich auf der Gasse so breit machen wie am Fenster ? « Ich wollte ihm nachstürzen , da umschlang mich Boccard und beschwor mich : » Nur hier keine Szene ! In diesen Zeiten würden wir in einem Augenblick den Pöbel von Paris hinter uns her haben , und da sie dich an deinem steifen Kragen als Hugenotten erkennen würden , wärst du unzweifelhaft verloren ! Daß du Genugtuung erhalten mußt , versteht sich von selbst . Du überlässest mir die Sache , und ich will froh sein , wenn sich der vornehme Herr zu einem ehrlichen Zweikampfe versteht . Aber an dem Schweizernamen darf kein Makel haften und wenn ich mit dem deinigen auch mein Leben einsetzen müßte ! – Jetzt sage mir um aller Heiligen willen , bist du mit Guiche bekannt ? Hast du ihn gegen dich aufgebracht ? Doch nein , das ist ja nicht möglich ! Der Taugenichts war übler Laune und wollte sie an deiner Hugenottentracht auslassen . « Unterdessen waren wir in das Gasthaus eingetreten , wo wir rasch und in gestörter Stimmung unser Mahl hielten . » Ich muß meinen Kopf zusammenhalten « , sagte Boccard , » denn ich werde mit dem Grafen einen harten Stand haben . « Wir trennten uns und ich kehrte in meine Herberge zurück Boccard versprechend , ihn dort zu erwarten . Nach Verlauf von zwei Stunden trat er in meine Kammer mit dem Ausrufe : » Es ist gut abgelaufen ! Der Graf wird sich mit dir schlagen , morgen bei Tagesanbruch vor dem Tore St. Michel . Er empfing mich nicht unhöflich , und als ich ihm sagte , du wärest von gutem Hause meinte er , es sei jetzt nicht der Augenblick deinen Stammbaum zu untersuchen , was er kennenzulernen wünsche sei deine Klinge . Und wie steht es damit ? « fuhr Boccard fort , » ich bin sicher , daß du ein methodischer Fechter bist , aber ich fürchte , du bist langsam , langsam , zumal einem so raschen Teufel gegenüber . « Boccards Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an und nachdem er nach ein paar Übungsklingen gerufen – es befand sich zu ebener Erde neben meinem Gasthaus ein Fechtsaal – gab er mir eine derselben in die Hand und sagte : » Nun zeige deine Künste ! « Nach einigen Gängen , die ich im gewohnten Tempo durchfocht , während Boccard mich vergeblich mit dem Rufe : » Schneller , schneller ! « anfeuerte , warf er seine Klinge weg und stellte sich ans Fenster um eine Träne vor mir zu verbergen , die ich aber schon hervordringen gesehn hatte . Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter . » Boccard « , sagte ich , » betrübe dich nicht . Alles ist vorher bestimmt . Ist meine Todesstunde auf morgen gestellt , so bedarf es nicht der Klinge des Grafen um meinen Lebensfaden zu zerschneiden . Ist es nicht so , wird mir seine gefährliche Waffe nichts anhaben können . « – » Mache mich nicht ungeduldig ! « versetzte er , sich rasch nach mir umdrehend . » Jede Minute der Frist , die uns bleibt , ist kostbar und muß benützt werden – nicht zum Fechten , denn in der Theorie bist du unsträflich und dein Phlegma « , hier seufzte er , » ist unheilbar . Es gibt nur ein Mittel dich zu retten . Wende dich an Unsre liebe Frau von Einsiedeln , und wirf mir nicht ein , du seist Protestant – einmal ist keinmal ! Muß es sie nicht doppelt rühren , wenn einer der Abtrünnigen sein Leben in ihre Hände befiehlt ! Du hast jetzt noch Zeit für deine Rettung viele Ave Maria zu sprechen , und glaube mir , die Gnadenmutter wird dich nicht im Stiche lassen ! Überwinde dich , lieber Freund , und folge meinem Rate . « – » Laß mich in Ruhe , Boccard ! « versetzte ich über seine wunderliche Zumutung ungehalten und doch von seiner Liebe gerührt . Er aber drang noch eine Weile vergeblich in mich . Dann ordneten wir das Notwendige für morgen und er nahm Abschied . In der Türe wandte er sich noch einmal zurück und sagte : » Nur einen Stoßseufzer , Schadau , vor dem Einschlafen ! « – Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel Am nächsten Morgen wurde ich durch eine rasche Berührung aus dem Schlafe geweckt . Boccard stand vor meinem Lager . » Auf ! « rief er , » es eilt , wenn wir nicht zu spät kommen sollen ! Ich vergaß gestern dir zu sagen , von wem der Graf sich sekundieren läßt – von Lignerolles . Ein Schimpf mehr , wenn du willst ! Aber es hat den Vorteil , daß im Falle du – « er seufzte – » deinen Gegner ernstlich verwunden solltest , dieser ehrenwerte Sekundant gewiß reinen Mund halten wird , da er tausend gute Gründe hat , die öffentliche Aufmerksamkeit in keiner Weise auf sich zu ziehn . « – Während ich mich ankleidete bemerkte ich wohl , daß dem Freund eine Bitte auf dem Herzen lag , die er mit Mühe niederkämpfte . Ich hatte mein noch in Bern verfertigtes , nach Schweizersitte auf beiden Seiten mit derben Taschen versehenes Reisewams angezogen und drückte meinen breitkrempigen Filz in die Stirne , als mich Boccard auf einmal in großer Gemütsbewegung heftig umhalste und , nachdem er mich geküßt , seinen Lockenkopf an meine Brust lehnte . Diese überschwengliche Teilnahme erschien mir unmännlich und ich drückte das duftende Haupt mit beiden Händen beschwichtigend weg . Mir deuchte , daß sich Boccard in diesem Augenblicke etwas an meinem Wams zu schaffen machte ; aber ich gab nicht weiter darauf acht , da die Zeit drängte . Wir gingen schweigend durch die morgenstillen Gassen , während es leise zu regnen anfing , durchschritten das Tor , das eben geöffnet worden war , und fanden in kleiner Entfernung vor demselben einen mit verfallenden Mauern umgebenen Garten . Diese verlassene Stätte war zu der Begegnung ausersehn . Wir traten ein und erblickten Guiche mit Lignerolles , die unser harrend zwischen den Buchenhecken des Hauptganges auf und nieder schritten . Der Graf grüßte mich mit spöttischer Höflichkeit . Boccard und Lignerolles traten zusammen , um Kampfstelle und Waffen zu regeln . » Der Morgen ist kühl « , sagte der Graf , » ist es Euch genehm , so fechten wir im Wams . « – » Der Herr ist nicht gepanzert ? « warf Lignerolles hin , indem er eine tastende Bewegung nach meiner Brust machte . Guiche bedeutete ihn mit einem Blicke , es zu lassen . Zwei lange Stoßklingen wurden uns geboten . Der Kampf begann und ich merkte bald , daß ich einem an Behendigkeit mir überlegenen und dabei völlig kaltblütigen Gegner gegenüberstehe . Nachdem er meine Kraft mit einigen spielenden Stößen wie auf dem Fechtboden geprüft hatte , wich seine nachlässige Haltung . Es wurde tödlicher Ernst . Er zeigte Quart und stieß Sekunde in beschleunigtem Tempo . Meine Parade kam genau noch rechtzeitig : wiederholte er dieselben Stöße um eine Kleinigkeit rascher , so war ich verloren . Ich sah ihn befriedigt lächeln und machte mich auf mein Ende gefaßt . Blitzschnell kam der Stoß , aber die geschmeidige Stahlklinge bog sich hoch auf , als träfe sie einen harten Gegenstand , ich parierte , führte den Nachstoß und rannte dem Grafen , der , seiner Sache sicher , weit ausgefallen war , meinen Degen durch die Brust . Er verlor die Farbe , wurde aschfahl , ließ die Waffe sinken und brach zusammen . Lignerolles beugte sich über den Sterbenden , während Boccard mich von hinnen zog . Wir folgten dem Umkreise der Stadtmauer in flüchtiger Eile bis zum zweitnächsten Tore , wo Boccard mit mir in eine kleine ihm bekannte Schenke trat . Wir durchschritten den Flur und ließen uns hinter dem Hause unter einer dicht überwachsenen Laube nieder . Noch war in der feuchten Morgenfrühe alles wie ausgestorben . Der Freund rief nach Wein , der uns nach einer Weile von einem verschlafenen Schenkmädchen gebracht wurde . Er schlürfte in behaglichen Zügen , während ich den Becher unberührt vor mir stehen ließ . Ich hatte die Arme über der Brust gekreuzt und senkte das Haupt . Der Tote lag mir auf der Seele . Boccard forderte mich zum Trinken auf , und nachdem ich ihm zu Gefallen den Becher geleert hatte , begann er : » Ob nun gewisse Leute ihre Meinung ändern werden über Unsre liebe Frau von Einsiedeln ? « – » Laß mich zufrieden ! « versetzte ich unwirsch , » was hat denn sie damit zu schaffen , daß ich einen Menschen getötet ? « – » Mehr als du denkst ! « erwiderte Boccard mit einem vorwurfsvollen Blicke . » Daß du hier neben mit sitzest , hast du nur ihr zu danken ! Du bist ihr eine dicke Kerze schuldig ! « – Ich zuckte die Achseln . » Ungläubiger ! « rief er , und zog , in meine linke Brusttasche langend , triumphierend das Medaillon daraus hervor , welches er um den Hals zu tragen pflegte , und das er heute morgen während seiner heftigen Umarmung mir heimlich in das Wams geschoben haben mußte . Jetzt fiel es mir wie eine Binde von den Augen . Die silberne Münze hatte den Stoß aufgehalten , der mein Herz durchbohren sollte . Mein erstes Gefühl war zornige Scham , als ob ich ein unehrliches Spiel getrieben und entgegen den Gesetzen des Zweikampfes meine Brust geschützt hätte . Darein mischte sich der Groll , einem Götzenbilde mein Leben zu schulden . » Läge ich doch lieber tot « , murmelte ich . » als daß ich bösem Aberglauben meine Rettung verdanken muß ! « – Aber allmählich lichteten sich meine Gedanken . Gasparde trat mir vor die Seele und mit ihr alle Fülle des Lebens . Ich war dankbar für das neu geschenkte Sonnenlicht , und als ich wieder in die freudigen Augen Boccards blickte , brachte ich es nicht über mich , mit ihm zu hadern , so gern ich es gewollt hätte . Sein Aberglaube war verwerflich , aber seine Freundestreue hatte mir das Leben gerettet . Ich nahm von ihm mit Herzlichkeit Abschied und eilte ihm voraus durch das Tor und quer durch die Stadt nach dem Hause des Admirals , der mich zu dieser Stunde erwartete . Hier brachte ich den Vormittag am Schreibtische zu , diesmal mit der Durchsicht von Rechnungen beauftragt , die sich auf die Ausrüstung der nach Flandern geworfenen hugenottischen Freischar bezogen . Als der Admiral in einem freien Augenblicke zu mir trat , wagte ich die Bitte , er möchte mich nach Flandern schicken um an dem Einfalle teilzunehmen und ihm rasche und zuverlässige Nachricht von dem Verlaufe desselben zu senden . » Nein , Schadau « , antwortete er kopfschüttelnd , » ich darf Euch nicht Gefahr laufen lassen , als Freibeuter behandelt zu werden und am Galgen zu sterben . Etwas anderes ist es , wenn Ihr nach erklärten Feindseligkeiten an meiner Seite fallen solltet . Ich bin es Euerm Vater schuldig , Euch keiner andern Gefahr auszusetzen , als einem ehrlichen Soldatentode ! « – Es mochte ungefähr Mittag sein , als sich das Vorzimmer in auffallender Weise füllte und ein immer erregter werdendes Gespräch hörbar wurde . Der Admiral rief seinen Schwiegersohn , Teligny , herein , der ihm berichtete , Graf Guiche sei diesen Morgen im Zweikampfe gefallen , sein Sekundant , der verrufene Lignerolles , habe die Leiche vor dem Tore St. Michel durch die gräfliche Dienerschaft abholen lassen und ihr , bevor er sich flüchtete , nichts anderes zu sagen gewußt , als daß ihr Herr durch die Hand eines ihm unbekannten Hugenotten gefallen sei . Coligny zog die Brauen zusammen und brauste auf : » Habe ich nicht streng untersagt – habe ich nicht gedroht , gefleht , beschworen , daß keiner unsrer Leute in dieser verhängnisvollen Zeit einen Zwist beginne oder aufnehme , der zu blutigem Entscheide führen könnte ! Ist der Zweikampf an sich schon eine Tat , die kein Christ ohne zwingende Gründe auf sein Gewissen laden soll , so wird er in diesen Tagen , wo ein ins Pulverfaß springender Funke uns alle verderben kann , zum Verbrechen an unsern Glaubensgenossen und am Vaterlande . « – Ich blickte von meinen Rechnungen nicht auf und war froh , als ich die Arbeit zu Ende gebracht hatte . Dann ging ich in meine Herberge und ließ mein Gepäck in das Haus des Schneiders Gilbert bringen . Ein kränklicher Mann mit einem furchtsamen Gesichtchen geleitete mich unter vielen Höflichkeiten in das mir bestimmte Zimmer . Es war groß und luftig und überschaute , das oberste Stockwerk des Hauses bildend , den ganzen Stadtteil , ein Meer von Dächern , aus welchem Turmspitzen in den Wolkenhimmel aufragten . » Hier seid Ihr sicher ! « sagte Gilbert mit feiner Stimme und zwang mir damit ein Lächeln ab . » Mich freut es « , erwiderte ich , » bei einem Glaubensbruder Herberge zu nehmen . « – » Glaubensbruder ? « lispelte der Schneider , » sprecht nicht so laut , Herr Hauptmann . Es ist wahr , ich bin ein evangelischer Christ , und – wenn es nicht anders sein kann – will ich auch für meinen Heiland sterben ; aber verbrannt werden , wie es mit Dubourg auf dem Grèveplatze geschah ! – ich sah damals als kleiner Knabe zu – hu , davor hab ich einen Schauder ! « – » Habt keine Angst « , beruhigte ich , » diese Zeiten sind vorüber , und das Friedensedikt gewährleistet uns allen freie Religionsübung . « » Gott gebe , daß es dabei bleibe ! « seufzte der Schneider . » Aber Ihr kennt unsern Pariser Pöbel nicht . Das ist ein wildes und ein neidisches Volk und wir Hugenotten haben das Privilegium sie zu ärgern . Weil wir eingezogen , züchtig und rechtschaffen leben , so werfen sie uns vor , wir wollen uns als die Bessern von ihnen sondern ; aber , gerechter Himmel ! wie ist es möglich die zehn Gebote zu halten und sich nicht vor ihnen auszuzeichnen ! « Mein neuer Hauswirt verließ mich und bei der einbrechenden Dämmerung ging ich hinüber in die Wohnung des Parlamentrats Ich fand ihn höchst niedergeschlagen . » Ein böses Verhängnis waltet über unsrer Sache « , hub er an » Wißt Ihr es schon , Schadau ? Ein vornehmer Höfling , Graf Guiche , ward diesen Morgen im Zweikampfe von einem Hugenotten erstochen . Ganz Paris ist voll davon und ich denke , Pater Panigarola wird die Gelegenheit nicht versäumen , auf uns alle als auf