die sieben Todsünden des Kardinals , wie uns das Volk von Ferrara nennt . « » Nun kenne ich auch eure Marschordnung « , sagte Don Giulio , auf den fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend , wo der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen seiner Bande gefunden hatte . Er brach in ein helles Gelächter aus . Don Giulio konnte noch recht kindlich lachen . Dann aber reckte er die Arme : » Wie ich müde bin ! « Er warf sich auf die Bank nieder , ohne die Berührung des anderen zu scheuen , suchte seine Lage und war entschlummert . Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll : » O du schöne Jugend ! « Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe , Vergessen schlürfend in langen , durstigen Zügen ; dann öffnete sich langsam sein inneres Auge , und daran vorüber eilte , aufdämmernd , eine flüchtige Jagd , ein hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen , rasende Körper , rücklings geworfene Häupter , geschwungene Zimbeln , Pauke und Evoeschrei . Horch ! In weiter Ferne , aus anderer Richtung , zuerst kaum hörbar , dann schwer anschwellend , dröhnende Posaunen ! Unbekannte Angst befiel ihn . Da stand er plötzlich in einer ernsten Versammlung , in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und Zeiten . In der Mitte saß , grau und streng , wie aus Stein gehauen , Carolus Magnus , sein großes Richtschwert auf die Kniee gelegt ; zu seiner Rechten stand der Prophet Samuel , den geisterhaften Mantel über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend ; zu seiner Linken der Römer Brutus , der strenge Vater , inmitten seiner Liktoren , von denen seltsamerweise der Richter Herkules , Giulios Freund , eben gefesselt wurde . Der Träumende erstaunte , daß ihrer beider ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien . Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls , ohne daß er die Lippen bewegte : » Julius Este , das von der Jungfrau dir verkündigte Gericht ist da . Sie ist es selbst . « Wieder dröhnte die Posaune und alles stürzte zusammen . Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte Don Giulio im Grase , zu der freundlich über ihn geneigten Angela emporblickend . » Du Tor « , sagte sie , wie in einem Gespräche fortfahrend , » darf auch ein Mädchen zu einem Jüngling sagen : ich liebe dich ? Sie muß ihr Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und Drohung . Auch , wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben ? Und dennoch : Gerade deine viele Sünde , die ich strafen muß , ist es , die mich an dich kettet . Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen , mit denen du frevelst . Reiße sie aus und wirf sie von dir ! « Don Giulio wunderte sich im Traume , wie frech und vertraut die stolze Angela zu ihm rede ; er lauschte bange , was da noch kommen werde , und als sie schwieg , wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick . Er wollte sich aufschnellen , war aber von unsichtbaren Banden an den Boden gefesselt und außerstande , die kleinste Bewegung zu machen . » Du willst nicht ? « begann jetzt die Traum-Angela wieder ; » aber es ist einmal nicht anders . « Damit tauchte sie den Finger in eine Schale , die sie in der Linken hielt , und träufelte dem Ärmsten , der sich umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte , einen Tropfen roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge . Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz , und tiefe Finsternis , dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht , umfing ihn . Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen , der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete . » Schlimm geträumt , Herrlichkeit ! « sagte Kratzkralle . » Entsetzlich ! Mir war , ich werde geblendet . « » Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht « , meinte der Bandit . » Meine Verehrungen , Herrlichkeit ! Doch nun beurlaubt mich . « Er verbeugte sich , blieb aber stehen , wie durch eine gewisse Zärtlichkeit zurückgehalten , und begann mit bedenklicher Miene und gedämpfter Stimme » Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne Glauben schenken will , so verzieht sie sich sachte von hier in dieser gegenwärtigen Stunde noch , sucht ein Klösterlein auf – Sant Andrea in den Stauden liegt nahe , der Heilige ist gut und die dortige Brüderschaft diskret – gibt jedem Bettler , dem sie auf dem Wege begegnet , ein Goldstück , tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde , verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die lieben bedrohten Augen . Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch ! « schloß er mit Inbrunst . » Bist du so traumgläubig ? « scherzte Don Giulio , der schnell seine Sicherheit wiedergewonnen hatte . » Ich weiß , was ich weiß « , versetzte der Bandit . » Mir hat einst geträumt , ebenso eindrücklich wie Euch heute , ich ersteche meinen Schwager . Erwacht , tat ich das Mögliche von frommen Dingen ; aber es mußte nur sein . « Er grüßte tief und war weg . Offenbar hatte er es eilig , aus der Nähe eines Menschen wegzukommen , der nach seiner festen Überzeugung einem dunkeln Schicksal verfallen war . 4. Kapitel Viertes Kapitel Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte , den Blick aufwärts wendend , sehnsüchtig das süße Blau , welches er im Traume für immer verloren hatte . Aber er suchte vergebens ; denn der Himmel war von den trüben Dämpfen der Julihitze gänzlich verdüstert . Als er den Fuß auf die oberste Stufe setzte , kam ihm aus der Halle des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen , bleich wie ein Toter und mit so unglücklich blickenden Augen , daß Don Giulio vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und , den Arm um die Schulter des Freundes schlagend , ihn an das Terrassengeländer zog und mit ihm auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser niederblickte . » Was geschah denn ? « flüsterte er ihm ins Ohr . » Was ist dir begegnet ? « Strozzi erwidere mit schmerzlich verzogenem Munde : » Nichts . Du verreisest für zwei Jahre nach Venedig . Deine Sache ist beigelegt und kommt nicht vor Gericht . Deine Orgie in Pratello bleibt ungestraft . Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat ! Auch der Herzog beklagt es und seufzt über euch , seine Brüder . « » Auch über den Kardinal ? « » Über euch alle . Den Kardinal nannte er einen Eigenmächtigen , einen Gesetzlosen , einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler , und befahl mir , seine Bande , wenn er sie nicht , wie er fest zugesagt , heute noch ablöhne und auflöse , mit Galgen und Rad zu verfolgen – unnachsichtlich ! Dabei erhitzte er sich « , berichtete Strozzi weiter , » und sprach eifrig von dem Staate Ferrara , wie er ihn sich denke , als ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit , durchaus ohne Ansehen der Person , ohne Begünstigung , ohne Bestechung . › Eine Justiz , wie sie Eure Republik besitzt ‹ , sagte er , sich zur Seite wendend , und ich erblickte in einer Fensternische den Venezianer , der gekommen war , vom Herzog Urlaub zu nehmen , und bescheiden in einem Buche blätterte , um meine Audienz nicht zu stören . Der Angeredete lächelte höflich . › Vergebung , Bembo ! ‹ fuhr der Herzog fort . › Ich weiß , Euer Reisezug wartet , denn Ihr wollt die Nachtkühle benützen zu Eurem Romritt , um der Julisonne auszuweichen . Verzeiht meinem Schreiber , daß der Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten läßt , das Ihr mir die Gunst erweisen wollt für mich in die Hände des Heiligen Vaters zu legen . Ein furchtbarer Mensch , dieser Julius . Er liebt mich nicht ; empfehlt mich ihm . Und was werdet Ihr dem Schrecklichen sagen ‹ – der Herzog lächelte – › wenn er Euch fragen wird , was Euch bewog , Ferrara zu verlassen ? Er weiß , daß ich von Männern , wie Ihr , nicht gerne verlassen werde . So gut als ich , schätzt er Euch als einen Bedeutenden und Zukunftvollen , den zu verkennen eine Schmach der Unbildung wäre , und der jedem italienischen Hofe zur Zierde gereicht . Nun , Bembo , saget mir , was werdet Ihr der Heiligkeit antworten ? ‹ › Die Wahrheit , Herzog ‹ , erwiderte der Venezianer mit seiner einschmeichelnden Stimme . › Heiligkeit , werde ich sagen , ich verlasse Ferrara , weil ich den Herzog verehre und fürchte , die Herzogin zu lieben . Kein Sterblicher wird ihres täglichen Umgangs genießen , ohne von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt zu werden . Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und Leidenschaft ? Wo liegt das richtende Schwert , das die Körper und die Seelen trennt ? Es tötet , ohne zu blitzen ! Lieber aber verendete ich in tausend Qualen , als daß ich die hohe Frau durch eine auflodernde Flamme verletzte , oder an meinem edlen Gastfreunde , auch nur im Fiebertraume , Raub verübte . So werde ich zum Heiligen Vater reden ‹ ... « » Kühn und auch klug gesprochen ! « unterbrach hier Don Giulio den Erzählenden , indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte , dessen fallenden Regen ein Hauch des Südwindes ihm zutrieb . Der Richter aber fuhr fort : » Don Alfonso schien durch das Bekenntnis seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden . › Ich könnte Euch solche freimütige Rede an den Heiligen Vater nicht verargen ‹ , sagte er , › sie hätte nichts Unziemliches , sondern ehrt uns alle . Schreibt uns zuweilen , Bembo ! ‹ Dann aber wurde er drohend und wies auf mich . › Dieser Mensch ‹ , sagte er , › krankt an dem gleichen Übel , ohne so weise zu sein , wie Ihr , und ein Heilmittel zu suchen . Redet zu ihm und gebet ihm Rat . ‹ Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte : › Solches , Herzog , gestehe ich nicht ein mit dem Munde ; meine Gedanken aber anerkennen keinen Richter . Wenn solches wäre , ich wüßte mir Rat , so gut wie Bembo . Laßt mich ziehen , Herzog ! Die Luft von Ferrara erstickt mich . Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren , die heilige Wage der Themis zu halten ; ich bin ein noch unfertiges Metall , eine flüssige Lava . Noch kämpfen um mich verschiedene Gesetze und Anbetungen ! Gebt mir Urlaub ! Ich will die Hochschule von Paris besuchen , wohin ich schon lange trachte , und ich werde einst Euch und dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurückkehren , als ein Mann des Rechts , den nichts mehr besticht und blendet . ‹ Der Herzog entgegnete mir ernst : › Keine Rede davon , daß Ihr Euer kaum angetretenes Amt verlasset . Unter meinen Augen begannet Ihr eine Reform unseres Gerichtswesens , und ich ertrage es nicht , daß in Ferrara eine unternommene öffentliche Arbeit leichtsinnig unterbrochen und verspätet werde . Wohin würde uns solche Gewissenlosigkeit führen ? – Was aber die Sklaverei betrifft , in der Ihr schmachtet , so leugnet Ihr sie mit dem Munde , aber mit Blicken und Gebärden legt Ihr sie auf eine ärgerliche Weise an den Tag . Darum bitte ich unsern scheidenden Freund ‹ , er ergriff den Venezianer bei der Hand , › Euch über Euern gefährlichen innern Zwist aufzuklären . Er ist Euch glaubwürdig ; denn , wie Dante im wilden Walde , ist er angstvoll den reißenden Bestien entronnen . Seid sein Führer , Bembo . Redet in meiner Gegenwart ohne Zwang und Schleier . Es besteht kein Geheimnis unter uns , wir kennen unsere Gesichter und Masken . ‹ – So quälte uns der grausame Pedant , und wir knirschten unter der Marter ! « – » In der Tat , ein genialer Gedanke des Ehemannes , in seiner Gegenwart den einen Anbeter seiner Frau durch den andern abkanzeln zu lassen ! « lachte Don Giulio . » Das gleicht dem Bruder ! Ich sehe , wie du in verhaltenem Ingrimm die Augen rollst , und wie der schlangengewandte Venezianer seine zerrissene Seele zu einem schmerzlichen rhetorischen Meisterstücke stimmt . Was sagte er denn ? « – » Zuerst zog er die feinen Brauen zusammen und schwieg eine Weile . Dann trat er zu mir und ergriff mitleidig meine Hand . › Herkules ‹ , begann er , › die Zeit drängt ; meine Rosse stampfen vor dem Tore , und mein Geist ist schon unterwegs . Möge diese meine letzte Minute Frucht tragen mit der Hilfe Gottes ! Ich habe keine Zeit , meine Worte zu wägen ; und da die Hoheit selbst es ausgesprochen hat , daß hier kein Geheimnis walte , so enthülle ich schonungslos das Antlitz der Dinge . Dein Leiden ist ein wundersamer Fall . Nicht wie mich armen Sünder , besiegt dich die Übergewalt des weiblichen Reizes . Du bist weit gefährlicher krank ; denn dein Übel entspringt auf dem Gebiete deines stolzen und eigenwilligen Geistes . Dein strenger Rechtssinn verdammt das , was dein Auge beglückt und das Feuer deines Herzens entzündet . Das ist dein Widerspruch und dein Irrsal . Der Richter wird entflammt für die von ihm Gerichtete . Besieh dir doch ihr Schicksal ! Ein kindliches Weib , in unselige Abhängigkeiten hineingewachsen , schuldig schuldlos , wie die liebliche Frauenschwachheit ist , flieht , von innerer Klarheit erhellt , mit zitternden Füßen aus dem Banne des Bösen und ergreift die ihr gebotene Hand eines seltenen , ja einzigen Mannes , der dein Fürst ist , o Strozzi ! und ein weiser Erforscher der Menschennatur . Er erkennt die edle Anlage Lucrezias und zieht sie in göttlicher Weise mit sich empor . Nun werden ihre Schritte täglich sicherer , und immer größeres Wohlgefallen gewinnt sie an der Tugend und an ihren belohnten Kämpfen . Da kommst du , Unseliger , siehst die Emporgehobene in den Armen ihres Schutzengels , verurteilst sie zu den Höllenkreisen und stürzest dich auf sie , um dein Urteil selbst auszuführen . Wehe dir , du bist ihr verfallen ! Du umklammerst ihre Kniee ; sie aber wird sich von dir lösen , und du stürzest allein in die Tiefe ! Armer Ixion , du umschlingst statt der Göttin die Wolke , und daß dein Frevel völlig unausführbar und unmöglich ist , das allein entschuldigt ihn . Frage dein Herz , Strozzi ! ‹ und der Venezianer drückte mir in Tränen die Hand . › Fühlst du nicht , wie rührend und geschmackvoll die neue Lucrezia ist , die in ihrer stillen und bedachten Weise das schlichte Gute tut und ohne prunkende Buße sich mit den allgemeinen Tröstungen der Kirche begnügt . Wenn du die einfache Anmut dieser Erscheinung betrachtest , beschleicht dich nicht der Zweifel , ob die Verleumdung , das Laster unserer Zeit – denn wir alle verleumden und werden verleumdet – sich nicht an diesem erlauchten Weibe mehr als an andern vergangen und das menschlich natürliche Bild einer Dulderin ins Dämonische verzerrt habe ? ‹ ... « Das laute Gelächter seines Freundes unterbrach ihn . » Das ist stark ! « rief Don Giulio . » O Jahrhundert unverschämter Wahrheit und gründlicher Lüge ! « Da zuckte er leicht zusammen , denn ein leiser Fingen berührte seinen freien Nacken . Kurz wandte er sich um und blickte in das abgezehrte und feindliche Gesicht des Kardinals , dessen langsames Emporsteigen das Springen der Wasser übertönt und verborgen hatte . » Ich glaube , der Herzog erwartet uns beide « , sagte Ippolito , über das Wort seines jungen Bruders , das er noch aufgefangen hatte , unwillkürlich lächelnd . » Folget mir ohne Verzug ! « Und er verschwand in der Villa . » Ich verlasse dich , Herkules ! « sagte der Este . » Nur eines muß ich noch wissen : Woher deine tödliche Blässe , die mich erschreckte , da ich dir hier entgegentrat ? « » So höre denn das Ende des Auftritts und das Meuchelwort des Herzogs ! Zuerst sagte er ruhig und finster : › Euer Bildnis der Herzogin , Bembo , ist treffend und nicht geschmeichelt . ‹ Er fixierte uns beide . Mit meiner Miene schien er nicht zufrieden . Es erhob sich etwas Heißes in ihm , und er wandte sich drohend gegen mich . › Ich frage mich , Strozzi ‹ sagte er , › ob Eure Leidenschaft nicht gelegentlich Euern Gehorsam gegen den Fürsten und das Gesetz zu Euerm Unheil ins Wanken bringen könnte ! Nicht zwar auf Euerm eigensten Boden in Rechtsfragen , da halte ich Euch für unbestechlich und unterordne mich Eurem Urteil . So bin ich zum Beispiel überzeugt , daß Ihr in dem Erbstreite meines Fiskus mit dem Grafen Contrario das Rechte finden werdet . Auch wird Euch hier die Herzogin trotz ihrer Begünstigung des Grafen nie irreleiten ; aber es gibt einen Fall und eine Stunde , die sie ihres klaren Sinnes berauben werden . Ihr verderblicher Bruder wird Italien wiederum betreten und uns verwirren . Ich werde meinen Untertanen jede Verknüpfung mit ihm verbieten . Doch meine erste Untertanin , die Herzogin , wird nicht gehorchen ; denn sie kann es nicht , es steht nicht in ihrer Macht . Mit den härtesten Strafen werde ich verhüten , daß sie kein Werkzeug finde , und doch wird sie eines finden ... Euch wird sie ergreifen , Herkules Strozzi . Damit ist Euer Haupt verwirkt . Ich werde Euch richten . Nicht öffentlich , denn es ist eine Familiensache und eine Staatssache , die beide das Geheimnis fordern . Man wird Euch tot auf der Straße finden . ‹ – Hier erblaßte Bembo , und du sagst , daß auch ich blaß geblieben bin . – Unbeirrt und gemessen jedoch fuhr der Herzog fort : › Bembo , Ihr seid vor Gott und Menschen mein Zeuge , daß dieser nicht ungerichtet stirbt . Du aber , Herkules Strozzi , siehe zu , wie du der Herzogin und mir entrinnest ! ‹ Jetzt brachte ein furchtsamer Schreiber die Rolle für den Papst , und wir waren entlassen . Ich begleitete den Venezianer zu seinen Dienern und Pferden . Den Fuß schon im Steigbügel , flüsterte er mir zu : › Hüte dich vor dir selber , Herkules ! ‹ « Don Giulio schauderte . Strozzi berührte flüchtig seine Lippen und sagte : » Nun reise auch du schnell und glücklich ! « » Diesen Abend noch ! « » Nein , sobald du aus dem Schlosse trittst ! « sprach der Richter und stieg die Treppe hinunter , während der andere seinem Bruder , dem Kardinal , nacheilte . 5. Kapitel Fünftes Kapitel Diesen fand er mit dem Herzog in einer schmalen , hohen Kammer , die ein einziges großes Fenster erhellte . Es war ein geheiligter Raum , den zu betreten dem Hofe untersagt war . Die Wände waren mit Plänen und Karten bekleidet , und in der Mitte auf dem breiten Schreibtische , an dem der Herzog , die Stirn in die Hand gelegt , sich niedergelassen hatte , ruhte ein Globus . Sowie sich die Brüder vor ihm gegenüberstanden , blitzten sie , durch den bloßen Anblick ihrer Gesichter gereizt , sich feindselig an , und während der Herzog mit einem Zuge der Besorgnis zuhörte , überschüttete der Kardinal Don Giulio mit zornigen Worten . » Ich verlange « , rief er , » daß Eure Hoheit diesem Nichtswürdigen den Hof verbiete ; ich will , daß er Ferrara meide ewiglich und uns nicht länger das Ärgernis seiner Nichtigkeit und Straflosigkeit gebe . Er beschämt und entehrt unser Geschlecht ! Stoße ihn aus , Bruder ! « Unter so unerhörter Beleidigung zuckte Don Giulio zusammen . Er bäumte sich unter dieser Geißelung ; es war , als ob sich seine Züge vergrößerten und ein edleres Urbild durchschiene , das sich empört erhebe gegen solche Erniedrigung . » Kardinal « , sagte er , » was ich sündigte , habe ich mir gesündigt . Und ich weiß nicht , ob ein frei Genießender nicht schuldlos ist neben einem Staatsmann , der , wie ein Giftmischer , das Böse berechnend und wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet . « » Diese Gedankenlosigkeit ist gerade , was ich dir vorwerfe , du trauriger Gegenstand ! « versetzte der Kardinal , » und daß du ohne jede geistige Freude dem gemeinsten Genusse frönst . Und darum , weil ich weiß , was du , Verworfener , Liebe nennst , verbiete ich dir Donna Angela ! Berühre sie nicht mit dem leisesten Atem , mit dem flüchtigsten Gedanken , denn – pfui deine Gedanken ! « Mit Tränen erwiderte Don Giulio : » Warum stoßest du mich in den Schlamm , daß ich darin ersticke , während du mich früher emporheben wolltest ? Warum hassest du mich so wild , der du einst den Knaben väterlich geliebt hast ? « » Das will ich dir sagen , Julius . Als ich , der zehn Jahre Ältere , dich als Kind neben mir sah , freute ich mich deines offenen Antlitzes und deines hellen Geistes . Herzgewinnend , schön , aufmerksam und begabt , schienest du mir ein unter günstigen Sternen geborener Este , uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates , ein Labsal , eine Stütze für Tausende , und es war mein stolzes Bemühen in einer Zeit des Zerfalles , wo die Persönlichkeit alles ist , die deinige zu entwickeln . Jetzt , nach deinem kindlichen Aufglänzen , standest du , ein Jüngling , am Scheidewege ; da wandtest du dich ab von den Zielen der Ehre und Arbeit und verlorest dich völlig in Spiel und Lust . Dir gelang , deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schädlich zu vergeuden . Nicht der Staat , nicht die Wissenschaft , nicht einmal der die Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen . Du tötetest deine Tage mit großen und kleinen Freveln ... ein kleinlicher und niedriger Geist . Du hast Raub begangen an deinem Hause , und da du ihm , Wechselbalg , keine Ehre mehr machen kannst , sondern es mit lauter Schande bedeckst , sähe ich dich wahrlich lieber tot als lebendig . Hast du dich doch selbst von uns losgesagt , als du dein Pratello , an das du grenzenlose Summen verschwendet hast , nicht mit unserem erlauchten Wappen , sondern mit leeren und sinnlosen Larven verziertest , wie du selbst eine bist . « » Bruder « , erwiderte niedergeschlagen Don Giulio , den sein Gewissen strafte , » höre auf , mich zu zertreten , weil ich meine Lebensfreiheit gebraucht habe . Es sind genug Este da , die dem Staate dienen ! Glaube mir , die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht übel an ! – Über eines aber , Ippolito d ' Este , beruhige dich gänzlich « – und Don Giulio ermannte sich , einen Boden erreichend , wo er sich schuldlos fühlte – » über meinen Stand zu Donna Angela ! Ich schwöre dir « , er suchte nach einer gültigen Beteuerung , » so wahr unser Fürst und Bruder hier lebt ! Angela Borgia , die der Grund ist deines grausamen Hasses gegen mich , gehört nicht zu mir , sie geht mich nichts an , sie ist mir feind ! Ich biege ihr aus , so schlank ich kann . Wuchs und Gebärde dieser Virago sind nicht mein Stil . Auch kann sie mich nicht lieben , denn sie denkt über mich , wie du . Und mit Recht , denn ich weiß nichts davon , daß ich mich geändert hätte , seit sie mich vor allem Volke bejammert hat ! « Weit entfernt , daß dieses Geständnis den Kardinal beruhigt hätte , blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht . Er traute den Worten Don Giulios , denn er wußte , daß dieser trotz seiner Übertretungen eine innerlich unverfälschte und wahrhafte Natur geblieben war , und er sagte sich , daß dieser Wunderquell , in dessen Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte , für die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mußte , ohne welche sie nicht hingerissen worden wäre , den aus dem Kerker Steigenden auf offenem Markte zu mißhandeln und zu beklagen . Seine Eifersucht wurde zur Wut , als Don Giulio unschuldig fortfuhr : » Nein , Bruder , ich rede nicht aus Neigung ! « Er legte beteuernd die Hand aufs Herz . » Bei Bacchus ! Das Mädchen ist mir so gleichgültig wie Göttin Diana ! Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen Geschöpfe – was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr ? Heiraten kannst du sie nicht – du bist ein Priester ! Gewinnen noch weniger , denn sie ist keusch und tapfer ! Was bleibt ? Was bereitest du ihr ? Du wirst sie töten ! « Seine Stimme hatte einen so warmen , mitleidigen Klang , daß der Kardinal darüber in Raserei geriet . » Wer sagt dir , Bube « , wütete er , » daß ich sie töten werde ! Was hindert mich , dies hier « , er packte mit beiden Fäusten den Purpur über seiner Brust , » in Fetzen zu reißen und Angela als mein Weib an das Herz zu drücken ? Ich bin jung genug dazu , und ich speie auf das kirchliche Gaukelspiel ! « ... » Gelassen , Bruder ! « mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf . » Das tust du nicht . Daß du ein Weib bis zur Raserei liebst , darf dir begegnen . Es ist eine menschliche Plage – eine Krankheit – ein Unglück ! Eine verspätete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat wäre ein Ärgernis – ein Spott ! Und du darfst dich nicht verhöhnen lassen , du Stolzer ! Was Donna Angela betrifft , die ein wertvolles Mädchen ist , so wird die Herzogin sich damit beschäftigen , sie standesgemäß zu versorgen , wozu sie als Verwandte verpflichtet ist . Und du , Kardinal , wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe lassen , aus Ehrerbietung für Donna Lucrezia , die du scheust und achtest . « » Die ich scheue und achte ! « wiederholte der Kardinal gedankenabwesend . » Und mit wem wird Donna Lucrezia sie vermählen ? erkühne ich mich zu fragen . « » Das überlassen wir ihrer Klugheit « , sagte der Herzog . » Ich für mein Teil denke , es wäre nicht unweislich gehandelt , sie dem Grafen Contrario zu geben . « Nun war es seltsam , wie bei der Nennung dieses in Italien Reichtum und Ehrbarkeit bedeutenden Namens beide feindlichen Brüder in ein einträchtiges und einstimmiges Hohngelächter ausbrachen . Dann aber wandte sich der Kardinal mit erneuter Wut gegen seinen Mitlacher . » Es sei ! « schrie er . » Donna Lucrezia verfüge ! Sie wird etwas anderes finden , oder Donna Angela sich selbst besser beraten . Wenn nur dieser Auswurf der Este « , er deutete auf den jungen Bruder , » aus dem Spiele bleibt ! « Und so tötende Blicke schoß er gegen ihn , daß dieser erbleichte . Jetzt schwindelte Ippolito auf dem Gipfel seines Hasses ; er fühlte , daß er die Besinnung verliere und einer Ohnmacht nahe sei . Sich an die Stuhllehne des Herzogs klammernd , keuchte er in abgebrochenen Worten : » Wenn dir dein Leben lieb ist , Bruder , so entweiche aus meinem Gesichtskreis ! Verlaß Ferrara ! Noch zu dieser Stunde ! ... Jetzt gleich ! ... Geh ! ... « Don Giulio betrachtete den Kardinal mit erschrockenen Augen . Ihm schien , daß ihn dieser unwillkürlich und aufrichtig warne vor den mörderischen Ausbrüchen seines Hasses , und er beschloß , ihm zu gehorchen . » So tue ich , Kardinal ! « sagte er und wollte sich entfernen . Doch der Herzog gebot anders . » Keine Übereilung ! « hielt er ihn zurück . » Nichts Auffallendes ! Nichts , was Mutmaßungen und Gerede verursachen könnte ! Begebt Euch jetzt in den Kreis der Herzogin . Unterhaltet sie und lasset gelegentlich einfließen , Eure Lust am Kriegswesen sei wieder erwacht , und da jetzt die Euerm Dienste in Venedig entgegenstehenden Staatsgründe weggefallen wären , so kehrtet Ihr dahin zurück . Ich hätte Euch Urlaub gegeben , wenn auch ungern . « Don Giulio verneigte sich gehorsam . Da ließ sich draußen eine scharfe Stimme vernehmen , und alle drei wendeten sich gegen den Eingang der Kammer . Es war Don Ferrante , der Einlaß begehrte und in meckernden Tönen zu rezitieren begann , denn neben andern Torheiten huldigte er auch der , zuweilen in Versen zu reden : » Holdsel ' ger Anblick , selten , aber wahr : Drei Brüder schließen liebend sich zusammen , Die von verschieden schönen Müttern zwar , Doch von demselben edeln Vater stammen ! Sie würgen sich und sie ersticken gar Sich in Umarmungen und Liebesflammen . So groß ist ihr Verlangen und Entzücken , Sich gegenseitig an die Brust zu drücken ! Der vierte kommt , den dreien anzusagen , Daß im Boskett , wo Amor liegt in Banden , Wo die Gelehrten unsrer Fürstin tagen , Ein philosophischer Disput entstanden . Es handelt sich um nadelspitze