mancher belasteten Menschenseele ein wenig Sonnenschein recht noth . “ Jetzt erschien in der That ein schelmisches Lächeln auf den Kippen des jungen Mannes . „ Wahrhaftig ? Ist er bis jetzt vorübergegangen ? “ fragte er . „ Nun , dann kann ich Ihnen wohl versichern , daß ich von ganzem Herzen wünsche , er möge so schnell wie möglich hier einkehren . “ Er bog sich bei diesen Worten nieder , um in ihr Gesicht zu sehen . Mit einer heftigen Bewegung fuhr sie in die Höhe , wobei eine ihrer langen Flechten sich löste und am Fensterkreuz hängen blieb . „ Sieh da , Ihr schönes Haar ! “ sagte Werner , indem er sie befreite . Magdalenens Gesicht aber war plötzlich mit einer flammenden Nöthe übergossen . Sie warf dem jungen Mann einen zornsprühenden Blick zu und war mit zwei Sprüngen zur Thür hinaus . Werner sah ihr erstaunt nach . Die Seejungfer aber kam aus ihrem Winkel hervor und sagte schüchtern und verlegen , indem sie ihm den Kirchenschlüssel hinhielt : „ Nehmen Sie ’ s nur ja nicht übel , Herr Werner , daß das Lenchen so fortgelaufen ist . Aber so was , wie von schönen Haaren , das darf man dem Mädchen nicht sagen … Sie weiß wohl , daß sie von Kindesbeinen an der arme , häßliche Tater gewesen ist , und aus einem Raben kann sein Lebtag keine Taube werden – das weiß sie auch … Die Nachbarsleute können die hellen Haare meiner seligen Schwester nicht vergessen – ich freilich auch nicht – und da hat ’ s das Lenchen gar manchmal anzuhören gekriegt , daß sie so aus der Art geschlagen ist . Sie kann ihre pechschwarzen Haare nicht ausstehen , und wenn ihr manchmal so ein Zopf vornüber fällt , da erschrickt sie ordentlich … Sie guckt das ganze Jahr in keinen Spiegel , und wir haben auch keinen im ganzen Hause . Je nu , warum denn auch ? Setze ich am Sonntag meine Kirchenhaube schief auf , so rückt sie ’ s Lenchen wieder gerade . “ Werner lächelte und nahm schweigend den Schlüssel in Empfang . Die Seejungfer begleitete ihn an die Treppe und knixte , bis er drunten im dunklen Gang verschwunden war . Gleich darauf trat Magdalene wieder in die Stube . Ihr Gesicht glühte und ihre Züge waren in heftiger Bewegung . Die Seejungfer sah sie ängstlich von der Seite an , wie sie sich schweigend an ’ s Fenster setzte und ihre Arbeit wieder aufnehmen wollte ; aber die sonst so feste Hand zitterte , und nach allen Seiten flogen Fingerhut , Scheere und Arbeit vom Tisch herunter . Als sie sich danach bückte und etwas von „ ungeschickt “ und dergleichen murmelte , sagte die Muhme : „ Laß jetzt gut sein , Lenchen ; Du bringst im Augenblick doch nichts zurecht … Wie kannst Du nur aber auch gleich so wild werden ! … Er hat Dir ja doch eigentlich nichts gethan . “ „ Ausgespottet hat er mich ! “ rief jetzt das Mädchen mit ausbrechender Heftigkeit , und in ihren glühenden Augen funkelten Thränen . „ Verhöhnt hat er mich ! … O , diese Herzlosen , da stehen sie auf ihren Geldsäcken und sehen vornehm und spöttisch auf die herab , die , wie sie wähnen , im Staube ihr elendes Dasein hinschleppen ! … Weil ich mit diesen meinen Händen mir mühsam den Unterhalt gewinnen muß , darum bin ich schlechter , als der , den das Glück in eine goldene Wiege legte , der seine feinen Finger bedachtsam ansieht und meint , sie seien nur da , um seinen hochgeborenen Körper zu vervollständigen … Weint und lacht das reiche , in Spitzen gewickelte Kind etwa anders , als das im groben Kissen ? … Und sieht das brechende Auge des reichen Sterbenden in einen anderen Himmel , als das des Bettlers ? … Ich kann bewundernd zur Geistesgröße aufblicken , kann mich demuthsvoll vor der Tugend beugen , kann das Talent verehren – aber niemals werde ich dem Mammon huldigen , der seinen Fuß grob und schwerfällig Allem und Jedem auf den Nacken setzen will und da schonungslos und kalt hintritt , wo der wärmste und weichste Punkt im Herzen des Armen sitzt ! … Und darum wehre ich mich auch bis zum letzten Athemzug , wenn solch ein Gewaltiger daherkömmt und meint , mich beleidigen zu können . “ Nach diesem leidenschaftlichen Ausbruch schwieg Magdalene einen Moment . Die Seejungfer , gewöhnt , Alles , was das junge Mädchen in solcher Aufregung sprach , unverstanden an ihren Ohren vorüberbrausen zu lassen – es war aber auch für diese Ohren eigentlich nicht gesagt – hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und benutzte nun diesen stillen Augenblick , indem sie sagte : „ Ja , siehst Du , Lenchen , so geht ’ s , wenn man vornehmen Leuten allzu dreist antwortet . Hättest fein artig Deinen Knix machen sollen und weiter nichts – so war ’ s zu meiner Zeit , und darum ist mir auch Keiner zu nahe gekommen . “ „ Muhme , “ rief das junge Mädchen wie außer sich , „ wenn Ihr mich ein wenig lieb habt , so sagt mir nicht solche Dinge ! Bedenkt Ihr denn nicht , daß Ihr mich damit schwer kränkt ? … Inwiefern habe ich den Mann herausgefordert ? … Ich habe ihm geantwortet , wie ich antworten mußte ! … Was hat er hier in unserer armen Wohnung zu suchen ? … Ist noch je einer der Herren selbst gekommen , den Schlüssel von Euch zu holen ? … Das ist so Einer , der sich das Elend ansieht , um es nachher beschreiben zu können . Man muß nur in dies Gesicht blicken . So mag seine Tante , die alte Räthin Bauer , in ihrer Jugend ausgesehen haben – das sind Züge von Erz und Eis , an denen mag wohl die Gluth und das Empfinden anderer Herzen ungefühlt und unverstanden zerstieben . “ „ Es kann schon sein , wie Du sagst ; davon verstehe ich nichts , “ meinte die Seejungfer , „ aber ein schöner Herr ist er doch , und gegen den Jacob ist er auch gut , “ fuhr sie fort . „ Der Alte weiß vor Freuden über sein neues Logis nicht aus , noch ein , und ich habe ihm in die Hand hinein versprochen , daß ich heute Abend , wenn es dunkel ist , mit Dir hinkommen will – er hat keine Ruhe , bis wir Alles gesehen haben . “ Magdalene antwortete nicht . Sie hatte das Heft mit Leberecht ’ s Gedichten leise in das große Buch gelegt , und als sie die Klammern schloß , da rollten ein paar heiße Thränen auf den alten Folianten herab – da drinnen lagen ja die ganzen Qualen eines gebrochenen Herzens eingesargt ! Werner ’ s Haus , in der hübschesten und breitesten Straße des Städtchens gelegen , war ehemals auch ein Kloster gewesen . Es hatte jedoch , nachdem es in Privatbesitz gelangt war , beträchtliche Veränderungen erfahren . Der ganze vordere , nach der Straße gerichtete Flügel wurde niedergerissen , an seiner Stelle erhob sich ein stattliches Wohnhaus mit Mauern so massiv und dick , daß jede Nische der breiten Fenster ein kleines Cabinet vorstellen konnte . Die Fensterreihe im Erdgeschoß steckte hinter jenen dichten , bauchigen Eisengittern , die stets einen gewissen Respect einflößen und erkennen lassen , daß es ihre Ausgabe sei , ansehnliche Capitalien und Werthgegenstände zu beschützen , zugleich aber auch deren gesichertes Vorhandensein verrathen zu dürfen . Einige Hintergebäude , welche den weiten Hofraum umschlossen , waren jedoch ihrer Festigkeit und des späteren Datums ihrer Erbauung wegen stehen geblieben , ebenso die hohe , ungemein starke Mauer des Klostergartens , an der noch hie und da kolossale , von uralten Linden umrauschte Steinbilder verschiedener Heiligen unangetastet standen . Die Nacht brach heute früh herein . Ueber der Stadt hing ein dunkler Himmel voll schwerer Gewitterwolken . Kein Lüftchen regte sich , wohl aber quollen ganze Ströme von Blüthenduft aus allen Hausgärten in die stillen , schwülen Straßen . Es hatte eben neun geschlagen , als die Seejungfer in Magdalenens Begleitung vor Werner ’ s Hause erschien , um Jacob den verheißenen Besuch abzustatten . Der große Thorflügel war leicht angelehnt , aus der schmalen Spalte aber drang ein so heller Lichtstrim , daß die Seejungfer sich nicht entschließen konnte , diesen lichten Streifen eigenmächtig zu erweitern und ihre schüchterne Gestalt in der vornehmen Atmosphäre da drinnen beleuchten zu lassen . Allein Magdalene schob ruhig den Flügel zurück und folgte der schnell hineinhuschenden Muhme durch die große , gewölbte Hausflur nach der Hofthür . Ein gegenüberliegendes , erleuchtetes Bogenfenster im Erdgeschoß zeigte ihnen den Weg nach Jacob ’ s Wohnung . Die Gardinen waren nicht zugezogen und ließen den Einblick in die kleine , traute Häuslichkeit völlig frei . Der Alte stand vor der altväterischen Wanduhr und zog sie mit großer Sorgfalt auf , seine Frau saß still bei der kleinen , blanken Lampe am weißgescheuerten Tische und strickte . Neben ihr vor dem Sorgenstuhl mit der hohen , gepolsterten Lehne lag das aufgeschlagene Gesangbuch aus welchem Jacob vermuthlich das Abendgebet vorgelesen hatte . Die Gäste wurden freudig , aber auch mit Vorwürfen begrüßt , weil sie gar so spät kamen , und Jacob meinte , er kenne seinen Nachtraben , schon : das könne den Sonnenschein nicht vertragen und gehe nur bei Nacht um , wie ein Geist ; worauf ihm Magdalene erwiderte , daß sich die Muhme doch noch mehr vor dem Lampenschein fürchte , weil sie durchaus nicht in die hell erleuchtete Hausflur gewollt habe . „ Ja , heute ist ’ s aber auch ganz erschrecklich hell da drüben , es ist großer Thee bei der Frau Räthin . “ sagte Jacob und um seine Lippen spielte ein leichter Humor , der sein Gesicht oft so charakteristisch machte . „ Die Frau Räthin haben drei Tage lang Brezeln und Torten gebacken , Kapaune gebraten , gescheuert und Teppiche ausklopfen lassen , von denen kein Stäubchen kam , weil sie beinahe alle Tage durchgeprügelt werden … “ „ Jedes will seine Freude haben , “ sagte Jacob ’ s Frau neckend , „ und wenn die da droben das Fegen und das Wasser liebt , so bist Du kein Feind vom Bier – laß gut sein ! “ Mit diesen Worten stellte sie einen kleinen Steinkrug voll schäumenden Biers auf den Tisch und gab ihrem Mann dabei einen leichten Schlag auf die Schulter : sie standen nämlich sehr gut zusammen , die zwei alten Leute . Dann holte sie von einer altersschwarzen Eckconsole – Kaunröckchen genannt – drei schönbemalte Tassen , eine blanke Zuckerdose von Zinn und einen Teller voll Semmeln , lauter Vortruppen eines gemüthlichen Kaffees , der denn auch bald dampfend auf dem Tische stand . Magdalene hatte sich während dieser Vorrichtungen , bei denen Jacob ’ s Frau nicht unterließ , sehr lebhaft zu erzählen und der Seejungfer Fragen vorzulegen , wie ermündet aus ein niedriges Bänkchen nicht weit von des Alten Lehnstuhl gesetzt und starrte , das Kinn auf die Hand gestützt , unverwandt hinauf nach der gegenüberliegenden , glänzend erleuchteten Fensterreihe , deren Flügel der Schwüle wegen weit offen standen . Was siegt das junge Mädchen ? … Die weißen Vorhänge blähen sich im Nachtwind , der feucht und leise vorüber streicht ; denkt sie an die gewaltige Fluth , die an den heimathlichen Strand rauscht ? Fern , fern zieht ein Boot und die weißen Segel schwellen im Winde … oder taucht aus der Masse prächtiger Schlingpflanzen in der Fensternische das Vaterhaus im Süden mit seinen sonnbeschienenen Mauern und der niedrigen Thür , aus welcher die goldlockige Mutter mit den hellen , frommen Augen tritt ? … Droben auf einer hellen Wand , von dem blendenden Licht des Krystallkronleuchters überströmt , hängt das lebensgroße Oelbild eines Knaben , ein schönes , stolzes Kind mit leuchtenden Augen und einer wunderbar klaren Stirn unter der blonden Lodenfülle … und die blauen Augen leuchteten so [ 594 ] bezwingender Gewalt , daß Heimath und Vaterhaus in weite Ferne zurückfliehen , das sagen die träumerischen , schwarzen Augen drunten im ärmlichen Stübchen . Einzelne Passagen auf dem Clavier drangen jetzt von drüben herüber und in eines der Fenster trat eine Gestalt , es war die blonde Antonie , die Enkelin der alten Räthin . Sie war ganz in Weiß gekleidet . Ihre entblößten , blendend weißen und sehr schön geformten Schultern umschloß ein wahrer Duft von Tüll und Spitzen , und auf dem weißblonden Scheitel lag ein Kranz von zarten Rosen . Sie sah sehr hübsch und elegant aus . Kaum hatte sie sich in die Fensternische zurückgezogen , als Werner zu ihr trat . Das Licht des Kronleuchters fiel auch blendend auf seine Züge , wie auf das Bild des Knaben ; die Aehnlichkeit zwischen Beiden war wunderbar , allein aus dem schmächtigen Kinde war ein hoher Mann mit fast königlicher Haltung geworden … Er faßte die Hand des jungen Mädchens zwischen seine Hände , als ob er sie beschwöre . Sie schien seinen Bitten widerstehen zu wollen , aber zuletzt , als er ihren Arm in den seinen legte , ging sie mit ihm und lachte hinter dem vorgehaltenen Fächer , als er seinen Kopf vertraulich herabbog und ihr Etwas zuflüsterte . Magdalene hatte diese kleine Scene mit angesehen , ohne sich zu regen , aber sie biß die Zähne zusammen , wie im heftigen Schmerz , und mit sprühenden Augen verfolgte sie die junge Dame , die , jetzt ein Notenblatt in den Händen , zum Clavier trat . Gleich darauf erscholl eine ziemlich harte , spitze Stimme , die ein schönes , inniges Lied ohne alles Verständniß vortrug . „ Sie singt schlecht , “ murmelte Magdalene . „ Ihre Stimme ist dünn und farblos wie ihr Haar . “ Als der Gesang schwieg , rauschte ein wahrer Beifallssturm durch den stillen Hof . Jacob aber bog sich zu Magdalene hinüber und legte seine Hand liebkosend auf ihren glänzenden Scheitel . „ Gelt , Lenchen , “ sagte er , „ da machen ’ s unsere Glocken doch ganz anders . Wenn die anfangen , da weiß man gleich , weshalb sie den Mund aufthun , aus dem Gepimpel da droben aber kann kein Mensch klug werden … Weiß nicht , was die Leute davon haben , wenn ihnen so ein Messer durch die Ohren fährt . “ Da kam er jedoch schlecht an bei seiner Frau und der Seejungfer . Sie hatten den Gesang sehr schön gefunden und konnten sich nicht satt sehen an der jungen Dame droben , wie sie beim Singen das bekränzte Haupt hin und her bog und die Augen zum Himmel aufschlug ; ja , sie behaupteten sogar , sie sähe aus , wie ein leibhaftiger Engel , als sie gleich darauf in die Fensternische trat , wo die hohe Gestalt Werners während des Gesanges regungslos gelehnt hatte . Und als sie nun vertraulich ihre Hand auf seinen Arm legte und ihm mit einer graziösen , schelmischen Bewegung ein riesiges Bouquet an das Gesicht hielt , damit er den Blumenduft einathme , da meinten die zwei Alten , der müsse doch kein Herz im Leibe haben , der sich nicht auf der Stelle in sie verliebe . „ Ach , laßt mich in Ruhe , “ sagte Jacob und das ironische Lächeln erschien in seinem Gesicht . „ Ihr seid auch gerührt , wenn die Spittelweiber in der Kirche neben Euch zetern , daß einem Hören und Sehen vergeht … Und wenn so ein junges Ding , wie die da , in einer weißen Fahne steckt , da sind alle himmlischen Heerschaaren Bettelvolk dagegen ! … Das Mädel da droben ist nicht um ein Haar besser , als die Alte auch , sage ich Euch . Keine weiß sich zu lassen vor Hochmuth … und wenn die Kleine jetzt so schön thut und heuchelt und schmeichelt , so weiß sie auch , warum . Sie ist arm , wie eine Kirchenmaus , und es wäre gar nicht bitter , sich hier in die Wolle zu setzen und eine reiche Frau zu werden … Aber Herr Werner ist nicht auf den Kopf gefallen , der sieht durch zehn Wände , wo die Leutchen hinauswollen . “ Er nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak , die er während der ganzen Demonstration zwischen den Fingern gehalten hatte , dann fuhr er fort : „ Ihr braucht Euch überhaupt nicht einzubilden , daß mein junger Herr Eine aus hiesiger Stadt freit , das weiß ich besser … Da hab ’ ich heute gegen Abend noch ein wenig gefegt in seiner Stube , wo er malt – nun , wie nennt er ’ s doch gleich ? “ „ Atelier , “ sagte Magdalene , ohne den Kopf nach ihm umzuwenden . „ Ja , richtig … und da lag auf dem Tisch ein großes Bild , es war mir gezeichnet , wie Du s nennst , Lenchen , nicht bunt gemalt . Ich konnte das Gesicht nicht erkennen , weil ich nicht so nahe hingehen mochte ; aber so viel hab ’ ich doch gesehen , daß es eine Frauensperson war , die ein weißes Tüchelchen auf dem Kopfe hatte , wie Deine sel ’ ge Mutter in Welschland eines getragen hat , Lenchen . Da kam gerade Herr Werner herein … er lachte , wie er meinen langen Hals sah . Nachher deckte er aber geschwind ein Tuch auf das Bild und sagte zu mir : ‚ Höre , Jacob , das brauchst Du gerade noch nicht anzusehen ; aber ich will Dir Etwas verrathen , die da auf dem Papier wird einmal meine Frau . ’ … Er ist ja sechs Jahre in Welschland gewesen und dort soll ’ s gar erstaunlich schöne Weibsbilder geben . “ Mit höchster Aufmerksamkeit , aber regungslos hatte Magdalene dem Alten zugehört . Sie legte den Kopf an die Wand , die Hände ruhten zusammengefaltet auf den Knieen und die langen Wimpern lagen tief gesenkt auf den bleichen Wangen , als ob sie schliefe . Unterdeß wurde droben tapfer weiter musicirt . Antonie ließ sich noch einige Male erbitten , sie sang sogar eine coloriite italienische Arie , deren Ausführung den alten Jacob zu dem Vergleich veranlaßte , es sei gerade , als ob Jemand die Treppe herabfiele und Hals und Beine bräche … Der junge Werner war schon längst vom Fenster zurückgetreten und schien auch das Zimmer verlassen zu haben , denn man sah ihn nicht mehr . Eben , als vier Hände in einem Concert das Clavier nicht gerade meisterhaft bearbeiteten , wurde an Jacob ’ s Fenster geklopft , und als der Alte es öffnete , reichte Werner ’ s Bedienter ein Körbchen voll prächtiger Orangen nebst einem Gruß seines Herrn herein . Der Bursch fügte ausdrücklich hinzu , er habe schon früher herüber gesollt , allein erst sei er beim Präsentiren des Thees beschäftigt gewesen und eben noch habe er Wein herumreichen müssen . Jacob hielt mit einem strahlenden Gesicht Magdalenen das Körbchen hin . „ Siehst Du , Lenchen , “ sagte er , „ das macht mir große Freude Deinetwegen … Weißt Du noch , daß Du Dich einmal beinahe krank nach einem solchen gelben Ding gesehnt hast ? “ „ Ja , “ sagte das Mädchen und hob die Augen zu ihm empor ; sie schwammen in Thränen . „ Ich weiß es noch , guter Jacob . Du machtest mich wieder gesund , indem Du für theures Geld eine Orange kauftest und mir auf den Thurm brachtest . Damals war es mir , als hätte ich einen Blick in meine Heimath gethan , ich war glückselig … Jetzt aber könntest Du mir Schätze hinlegen , ich möchte um Alles in der Welt keine dieser Früchte berühren . “ Jacob sah sie erstaunt an , aber die Seejungfer , die bei all ihrer harmlosen Anschauung die Weigerung des Mädchens nach der stattgehabten heutigen Scene doch erklärlich fand , zupfte ihn bedeutungsvoll an der Jacke , wobei sie ihm zublinzelte . Er schwieg denn auch , holte sein Taschenmesser hervor und zerlegte eine Orange für die beiden alten Frauen . Drüben im Hause war es stiller geworden . Die Musik war verstummt ; auch das Stimmengefurr hatte nachgelassen . Statt dessen grollte ganz fern der Donner , der Nachtwind blies heftiger durch die offenen Fenster , jagte die Vorhänge wie weiße Schwäne hinaus in die pechdunkle Nacht und warf einige Thüren ins Schloß . Der Seejungfer wurde bange . Sie trieb zum Aufbruch , und bald eilten die zwei Frauen , die Köpfe in große Tücher gehüllt , über den Hof . In der offenen Glasthür , welche die Treppe von der Hausflur abschloß , stand Antonie , die Enkelin der Räthin . Sie hatte eben die scheidenden , in Capuzen und Mäntel gehüllten Freundinnen der Reihe nach geküßt und wandte sich lachend zum Fliehen , weil einige derselben sie mit dem „ bezaubernden Vetter “ neckten , als sie die Seejungfer und Magdalenen gewahrte , die sich eben erschrocken wieder zurückziehen wollten . Das junge Mädchen zog die weißblonden Augenbrauen in die Höhe , sah noch einmal blinzelnd hinüber , wobei ein überaus hochmüthiger Zug um Mundwinkel und Nasenflügel erschien , und winkte dann einem mit der Laterne auf seine Herrschaft wartenden Bedienten , der sofort in barscher Weise frug , was die Beiden hier zu suchen hätten . Als sie schwiegen , drehte sich das blonde Mädchen mit einer systematisch nachlässigen Bewegung nach der Treppe um und rief mit dem Ton eines verzogenen , vornehmen Kindes hinauf : „ Großmama , es sind fremde Leute in der Hausflur ! “ Die alte Räthin , die mit einem sehr dicken Herrn langsam im Gespräch herabkam , beeilte möglichst ihre Schritte , und als sie nun unten stand , zornig das falsche Toupet unter der großen Haube schüttelnd , da versammelten sich die in Kapuzen gehüllten jungen Freundinnen schleunigst um sie , wie die Lämmer um den getreuen Hirten , in den frommen , schuldlosen Zügen einen nicht zu bezweifelnden Abscheu , verbunden mit dem Ausdruck unendlicher Wißbegierde . Selbst der Bediente gesellte sich zu der Heerde und hielt , trotz des Lampenlichtes , das von der Decke herabfloß , seine Laterne über die Köpfe der Delinquentinnen , um sie gleich von vornherein der Möglichkeit zu berauben , ihre verbrecherischen Absichten in ein wohlthätiges Dunkel zu hüllen . Die alte Dame faßte ohne Weiteres das schwarze Tuch , das die Seejungfer über ihren Kopf gebunden hatte , und zog es herunter . „ Das ist ja die Seejungfer , “ sagte sie mit harter blecherner Stimme . „ Und wer ist denn diese Mamsell da ? “ fuhr sie fort , indem sie ihren dürren Zeigefinger nach Magdalenen ausstreckte . „ Die mummt sich ja ein , als wäre sie das böse Gewissen selbst . … Auf der Stelle sagt , was Ihr hier gewollt habt . “ Magdalene schwieg abermals , und die Seejungfer brachte vor Schrecken kein Wort heraus . „ Nun , könnt ihr nicht antworten ? “ fragte streng der dicke Herr , ohne Zweifel ein allmächtiger Beamter , dem die Justiz aus Stirn , Augen , Nase , ja , womöglich aus den Rocktaschen guckte . Er hatte mit der Frage zugleich seinen Stock derb auf das Steinpflaster gestampft und schien die unglückliche Seejungfer mit seinen Blicken durchbohren zu wollen . Diese Manöver brachten denn auch endlich Suschens erstarrte Zunge in den erwünschten Fluß , und stammelnd erklärte sie , daß sie bei Jacob gewesen seien . „ Ach , liebster Egon , “ rief in diesem Augenblick sich umdrehend , die alte Räthin mit möglichst weicher und milder Stimme , als am oberen Treppengeländer der junge Werner erschien , „ hier hast Du den schlagendsten Beweis , daß meine wohlgemeinten Vorstellungen begründet gewesen sind . Mit diesem Jacob hast Du Dir – mich will ich gar nicht nennen – eine wahre Ruthe aufgebunden . Unter dem Vorwand , ihn zu besuchen , schleicht sich bei Nacht und Nebel allerhand Volk in ’ s Haus , und man wird künftig genöthigt sein , über jeden silbernen Löffel die Hand zu halten . “ Bei dieser abscheulichen Schlußwendung trat Magdalene rasch gegen die Sprechende vor . Das Tuch war vom Kopf auf die Schultern gesunken , und so stand sie mit sprühenden Augen , das ideale Haupt hoch gehoben , vor der alten Frau , welche sie erschrocken und verblüfft ansah . Zugleich war Werner die Treppe herabgesprungen . Eine flammende Röthe bedeckte sein Gesicht , und als er zu sprechen anfing , bebte seine Stimme wie im heftigen Zorn . „ Was fällt Ihnen ein , Tante , “ rief er , „ diese Leute ohne Weiteres so zu beleidigen ? … Ist es ein Verbrechen , wenn sie Bekannte aufsuchen ? … Ich habe Ihnen bereits einigemal erklärt , verehrteste Frau Tante , “ fuhr er fort , und sein Ton klang spöttisch , „ daß ich durchaus nicht leide , wenn Sie mir den Jacob anfechten , und sehe mich in diesem Augenblick genöthigt , diese Erklärung insofern zu vervollständigen , als ich auch Diejenigen unangefochten sehen will , mit denen er verkehrt . “ Mit diesen Worten schritt er nach der Hausthür , öffnete sie und sagte mit einer leichten Verbeugung den zwei Frauen gute Nacht , die eiligst hinausschlüpften . Bald nachher entlud sich ein heftiges Gewitter über der Stadt ; und wenn die gelben Blitze um das alte Kloster zischten und die kleine Kammer Magdalenens tageshell durchflammten , da beleuchteten sie das Mädchen , wie sie bleich , die Hände tief eingewühlt in das aufgelöste , reiche Haar , auf dem Bett saß – einem größeren inneren Sturm preisgegeben , als der war , der draußen an den alten Mauern rüttelte . „ Ach , Du lieber Gott , Jacob , ist das ein Schicksal mit dem Lenchen ! “ seufzte die Seejungfer einige Tage nach jenem Vorfall , indem sie Jacob ’ s Stübchen betrat . „ Ja , was ist denn mit dem Mädchen ? “ fragte Jacob erschrocken . „ Hättet Ihr denn geglaubt , daß mir das Mädchen das noch in meinen alten Tagen anthun würde ? “ entgegnete Suschen , und heiße Thränen liefen über ihre Wangen . „ Ich bin ein armes , geplagtes Weib mein Lebtag gewesen , “ fuhr sie fort , „ aber ich habe Alles geduldig auf meinen Rücken genommen , so wie mir ’ s unser Herrgott bescheert hat , aber jetzt wird mir ’ s zu viel … Das ist doch das Schlimmste , was ich nun noch erleben soll , das Lenchen will fort , will durchaus fort in die weite Welt , und ich soll nun wieder allein sein . Bin nun meine sechszig Jahre alt , muß jeden Tag auf mein selig Ende gefaßt sein , und habe keine Menschenseele , die mir die Augen zudrückt … Ach , ach ! “ „ Ja , wie kommt denn das Mädchen mit einem Mal auf den Gedanken ? “ fragte Jacob erstaunt . „ Ich weiß nicht , “ entgegnete die Seejungfer , indem sie ihre Augen mit dem Schürzenzipfel trocknete , „ aber sie ist gerade wie ausgewechselt seit dem Abend , wo die alte Räthin da drüben – na , die Strafe wird da auch nicht ausbleiben – so grob mit uns war . Das Mädchen ißt und trinkt nicht mehr , und gestern Abend , als wir still bei einander saßen und noch kein Licht angesteckt hatten , da legte sie ihren Arm um meinen Hals , wie sie als Kind immer gethan hat , wenn ich ihr was gab , oder sie ins Bett brachte … ‚ Liebe , gute Muhme , ’ sagte sie , ,Ihr habt mich lieb , gelt ? … Ich weiß es ja , so lieb , als ob ich Euer eigen Kind wäre … Eine gute , echte Mutter bringt ihrem Kind jedes Opfer und fragt nicht , ob es schwer oder leicht ist – gerade so habt Ihr ja auch immer an mir gehandelt … Und wenn nun so eine Mutter weiß , daß ihr Kind rechte Schmerzen leidet , und einsieht , daß es nur wieder gesund werden kann , wenn sie sich von ihm trennt , so – thut sie das auch , gelt , Muhme ? ’ Ach , Jacob , “ unterbrach sich die Seejungfer , und neue Thränen stürzten hervor , „ ich wußte zwar eigentlich noch nicht , wo sie hinaus wollte , aber so viel merkte ich doch , daß sie nicht mehr bei mir bleiben will , und da weinte ich bitterlich … Sie sagte mir nun , daß sie ’ s hier nicht mehr aushalten könne – die Menschen seien nicht gut gegen sie ; sie wolle in einer fremden Stadt einen Dienst suchen . Gelernt hätte sie ja ihre Sache und verspräche mir heilig , daß sie mir jeden Groschen , den sie verdiene , schicken wolle … All mein Zureden war in den Wind gesprochen , und als ich Licht gemacht hatte , da holte sie ihr Sparbüchschen aus dem Schranke und zählte das Geld – es waren sechs Thaler – wie sauer hat sie die verdient ! Sie meinte , damit käme sie freilich nicht weit , doch bis in eine andere größere Stadt reiche es vielleicht … Ach , Jacob , ich bitte Euch um Gotteswillen , “ wandte sich die Seejungfer an den Alten , „ redet dem Mädchen die Sache aus ! … Ich schlafe keine Nacht mehr ruhig , wenn ich das Lenchen