, aber ein wenig sonderbar . Er war früher öfter bei mir , als er in der Stadt die Schule besuchte – seine Lehrer lobten ihn gar sehr – den sollten Sie einmal Klavier spielen hören , Schulmeisterin ! ... Der könnte sich in A. die Schönste und Reichste aussuchen – er kriegte sie ; darauf können Sie sich verlassen ; aber nie hat er vom Heiraten hören wollen ... Warum er nun gerade die Margarete nimmt , begreife ich eigentlich nicht so recht . « » Da ist also die Sache im reinen ? « fragte die Schulmeisterin . » Seine Mutter wenigstens , mit der ich heute in der Kirche sprach , leugnete nicht viel « , entgegnete die Muhme . Marie hörte dies Gespräch wie im Traume . Ihr Herz war zum Ersticken gepreßt . Sie schlich hinaus ins Gärtchen , um sich recht satt zu weinen . Hier fand sie wenigstens in der sterbenden Natur ein Echo für ihren Schmerz ... Auf der Gegend lag spätherbstlicher Duft . Die Luft war so still , daß man das Rollen weit entfernter Wagen und die taktmäßigen Schläge der Holzhauer droben in den Wäldern deutlich hören konnte . Bisweilen fiel ein vereinsamtes , gelbes Blatt , langsam sich drehend , zu Maries Füßen , oder ein kleiner Emmerling hüpfte geräuschvoll durch das knisternde Laub auf den Beeten . Das junge Mädchen hatte sich an die Kirchhofsmauer gelehnt . Ihre Hand lag auf derselben und zupfte mechanisch an dem Gras , das dürr und trocken aus den Steinspalten hervorsah , während ihr Auge über den Kirchhof glitt ... Dort , das kleine Kirchenfenster war genau hinter dem Platz , wo Joseph heute morgen gesessen , von wo aus er mit einem so unerklärlich wunderbaren Ausdruck nach ihr hinübergeschaut hatte . Mit schmerzlicher Freude haftete ihr Blick an jener Stelle – war sie doch einen Augenblick unaussprechlich glücklich da drüben gewesen ! Freilich nur einen Augenblick ; denn ihr Verstand sagte ihr gleich nachher , daß sie sich geirrt haben müsse und daß es sündhaft sei , nachzugrübeln und das Wahrgenommene günstig für sich zu deuten , da ja bereits eine andere gegründete Rechte auf den geliebten Mann hatte ... Joseph liebte die Musik ; er sang selbst so hübsch – war es da wohl ein Wunder , wenn er so gespannt und aufmerksam der Kirchenmusik folgte ? Hätte eine andere an ihrem Platze gestanden , er würde gewiß ebenso hinübergesehen haben . Auf diese Weise bemühte sie sich , wenn auch unter unaussprechlichem Leid , jeden Hoffnungskeim zu ersticken und alles , was sie während der kurzen Zeit ihres glückseligen Traumes in ihrem Herzen gehegt und bewahrt hatte , unbarmherzig zu vernichten . Sie hatte wie träumend die Augen geschlossen . Aber wie erschrak sie , als eine warme Hand sich auf die ihrige legte ! Mit einem lauten Schrei fuhr sie in die Höhe und traute ihren Sinnen kaum – Joseph stand vor ihr , nur durch die dünne , niedere Mauer von ihr getrennt . » Seid nicht böse – ich wollte Euch gewiß nicht erschrecken « , sagte er mit einer so bittenden , weichen Stimme , wie sie Marie bei seinen trotzigen , kühnen Zügen nimmermehr vermutet hätte . Als sie schwieg – aus dem einfachen Grunde , weil ihre Zunge wie gelähmt war – , trat er dicht an die Mauer und beugte sich tief , um in ihr gesenktes Gesicht blicken zu können . » Gönnt mir doch wenigstens ein Wort « , bat er beklommen . » Wenn Ihr so eiskalt und ernsthaft dasteht – wo soll ich den Mut hernehmen zu sprechen ? ... Seht , ich kann es nicht mehr zählen , wie oft ich schon über den Kirchhof gegangen bin , nur mit dem Gedanken , Euch einmal sprechen zu können ... Ihr lebt so zurückgezogen , daß man Euch nie begegnet , und ich muß deshalb auch denken , daß Ihr mich gar nicht kennt . « Marie gewann allmählich ihre Fassung wieder . Ihr Vorsatz , sich so zu beherrschen , daß Joseph ihre unglückliche Neigung nie ahnen solle , trat mit einemmal fest vor ihre Seele – sie stand vor Margaretes Bräutigam , dieser Gedanke stählte sie . » Ich kenne Euch wohl ; Euer Bruder hat des Schulzen Katharine zur Frau « , entgegnete sie ruhig . » Sprecht nur . Wenn ich mir auch nicht denken kann , was Ihr wollt , so will ich Euch doch herzlich gern auf Eure Fragen Bescheid geben . « Ihr Ernst schien den jungen Mann ein wenig außer Fassung zu bringen . Er errötete und strich langsam mit der Hand über sein glänzendes Haar . Endlich , nach einem peinlichen Schweigen , begann er : » Ihr habt heute früh so wunderschön gesungen – mir geht Gesang über alles . Wie Eure Stimme aber , so habe ich noch keine gehört – das mußte ich Euch sagen . « » Wenn Euch die Musik gefallen hat « , antwortete Marie , » so ist das gar nicht mein Verdienst – der Psalm ist so schön – Ihr singt ja auch ? « » Habt Ihr mich gehört ? « » Ja , bei der Katharine ihrer Hochzeit . « » Ihr waret ja nicht dabei . « » Freilich nicht – aber Eure Stimme klang laut genug – ich hab ' deutlich gehört , daß Ihr gut singt . « » Woher wißt Ihr denn , daß ich ' s war ? « » Der Mond schien ja so hell ... « » Ach – und da habt Ihr hinübergesehen ? « unterbrach sie Joseph mit strahlenden Blicken . Wie ungeschickt ! – Sie hatte sich verraten . Noch konnte sie jedoch einlenken . » Nun , das ist doch eben kein Wunder . Wenn ich ans Fenster trat , mußte ich Euch ja sehen – Ihr saßet ja gerade gegenüber . « Sie sprach diese Worte so gleichgültig wie nur möglich . Der junge Mann senkte traurig den Kopf und schwieg . Sie meinte innerlich , nun habe sie wohl lange genug dagestanden . Er schien nichts mehr sagen zu wollen , und doch ging er auch nicht fort . Ihre Lage wurde immer peinlicher , so daß sie endlich einen Schritt zurücktrat und verlegen sagte : » Ich werde nun wohl hineingehen müssen – wir haben Gäste . Auch ist ' s nicht ratsam für Euch , so lange hier zu stehen – die Nachbarn sind bös ... Wenn Euch jemand hier sieht , so könnt Ihr bei Schulzens großen Schaden davon haben . « » Nun , und was kümmert mich das ? « Marie sah hastig und erstaunt auf . Sein Ton klang so merkwürdig gleichgültig und kalt . » Ihr sprecht recht sonderbar « , sagte sie betroffen . » Ich meine , Ihr solltet nicht so unhöflich gegen die Leute sein , wo Ihr zu Gast seid – und Margarete ... « Sie geriet immer mehr ins Stocken – sah sie doch der Joseph so eigentümlich an , daß sie nicht mehr wußte , wo sie ihre Blicke hinwenden sollte . » Margarete ? « fragte er lächelnd . » Was hätte denn die dabei zu sagen ? « » Ihr versteht mich ganz und gar nicht ! « rief das junge Mädchen jetzt aufgeregt und im Begriff , die mühsam behauptete Fassung zu verlieren . » Oder Ihr wollt Euch einen Spaß mit mir erlauben , und das dürft Ihr doch wahrhaftig nicht . « Bei diesen Worten traten Tränen in ihre Augen . Er faßte erschrocken ihre Hand . » Das glaubt Ihr nicht im Ernst von mir – so sehe ich doch wohl nicht aus « , sagte er rasch . » Nun ja – ich muß wohl so denken « , antwortete sie ruhiger , indem sie ihre Hand zurückzog , » denn ich habe so deutlich gesprochen , daß Ihr mich nicht anders verstehen konntet . « » So sagt mir nur um alles in der Welt , was hat denn Margarete mit meinem Hiersein zu schaffen ? ... Glaubt Ihr denn , ich frage des Schulzen Töchter um Rat und Erlaubnis , wenn ich ausgehen will ? « » Ja , ich meine allerdings , daß Eure Braut das von Euch verlangen kann . « » Meine Braut ? ... Ja , wer ist denn die ? « » Nein , das geht zu weit ! ... Wollt Ihr Eure Neckerei so weit treiben , daß ich Euch noch den Namen sagen soll ? « » Sagt ihn , sagt ihn – denn ich weiß ihn nicht ! Aber ich müßte auf den Kopf gefallen sein , wenn ich aus Euren Reden nicht merken sollte , daß mir die Ringelshäuser Klatschweiber Margarete als Braut zuweisen – da irren sich die Leute aber stark – , habt Ihr das wirklich von mir geglaubt , Marie ? « » Ja , warum sollte ich denn nicht ? ... O mein Gott ! ... Aber seid Ihr denn nicht öfter zu Schulzens auf Besuch gekommen ? « » Habt Ihr das bemerkt ? « fragte Joseph rasch , und sein leuchtender Blick hing an ihrem Munde . » Die – Nachbarin sagte es . « » Nun – und mußte denn das gerade Margaretes wegen sein ? « Er hielt einen Augenblick inne , während er sie mit brennenden Blicken betrachtete . » Könnt Ihr Euch gar nicht denken , was mich immer wieder hierherzog ? « fuhr er fort . » Seht mich nur ein einziges Mal freundlich an , und ich sage es Euch ! « Joseph bog sich bei diesen Worten über die Mauer und drückte die Hand des jungen Mädchens leidenschaftlich an sich . Um Maries Selbstbeherrschung war es jetzt geschehen . Dieser Mann , dem ihr ganzes Herz entgegenschlug , er war frei , frei ! ... Ihre Seele jauchzte – er stand vor ihr und bettelte um einen freundlichen Blick , er , der ihr noch vor wenigen Stunden unerreichbar fern gestanden , er , den die Nachbarin stolz wie einen Edelmann genannt hatte ! ... Sie erfüllte seine Bitte und sah schüchtern zu ihm auf . » Ach – Ihr wollt es wissen ? « rief er , und seine Stimme bebte vor innerer Aufregung . » Ich darf sprechen , wie mir ums Herz ist ? ... Seht , eine unglückliche Frau wurde von einem ehrlosen Buben beleidigt . Es standen viele Leute da , aber keiner nahm sich ihrer an ... Da kam plötzlich ein schönes Mädchen – mir war ' s , als sähe ich den Engel mit dem feurigen Schwert ! ... Und als sie nun sprach , so gewaltig und furchtlos , und ich sah in ihre Augen , da fuhr es mir durch das Herz , und seitdem ist mir , als hätte ich bis dahin in Blindheit gelebt ... Ich hatte von dem Augenblick an im eigenen Hause keine Ruhe mehr . Ich ritt nach Ringelshausen , so oft ich konnte ... Der Schullehrer , Euer alter Freund , Marie , mußte mir dann von Euch erzählen – von seinem Fenster aus konnte ich das Gärtchen hier übersehen ... Dann saget Ihr zuweilen da drunten am schmalen Weg , unter dem Apfelbaum . Niemals ruhte die Nadel in Eurer flinken Hand ; dabei überhörtet Ihr die Aufgabe der kleinen Schwester und konntet sehr ernst aussehen , wenn die Sache nicht recht ging . Oder Ihr verscheuchtet die Fliegen von dem kleinen Kind , das neben Euch im Korbwagen schlief ... Ich sah Euch aber noch lieber , wenn Ihr da droben am Dachfenster einsam standet , da , wo Ihr Nelken und Reseda in Töpfen zieht – da blickten Eure Augen hell in die weite Welt hinein , Euer Gesicht sah so glücklich aus , und ich wünschte dann allemal , Ihr möchtet in einem solchen Augenblick – an mich denken . « Marie barg ihr erglühendes Gesicht in beiden Händen – sie hatte ja da droben stets die Richtung gesucht , in der Wallersdorf liegen mußte ; die Dachluke mit ihrer Aussicht in die weite Welt war das stille Plätzchen gewesen , wo sie sich am ungestörtesten den Gedanken an ihn hingegeben hatte ... Er schwieg einen Augenblick ; dann fuhr er hastiger , aber leiser fort : » Mein Herz war bis zu jenem Tage frei geblieben – frei wie der Falk in der Luft ... ja , ich glaube , es war hochmütig , es wollte sich nicht unterwerfen – , und jetzt , was täte ich nicht , um die zu gewinnen , ohne die ich nicht mehr leben kann – ich ginge durch die Hölle , wenn es sein müßte ! « Marie war unwillkürlich und erschreckt zurückgewichen , denn er hatte die letzten Worte so leidenschaftlich herausgestoßen . Er aber hielt ihre Hände fest und zog sie näher an sich . » Gehe jetzt um Gottes willen nicht fort ! ... Ich bin ein heftiger Mensch ! « rief er . Als sie aber scheu zu ihm aufsah , da schmolz sein Blick , und seine Stimme wurde weich . » Nein « , sagte er , » fürchten darfst du dich nicht ... Wie könnte ich dir etwas zuleide tun , dir , die ich so lieb habe – so lieb , daß es nicht auszusprechen ist ! ... Jetzt ist ' s gesagt ... jetzt weißt du , was ich von dir will . Aber ich sage dir auch – ich gehe nicht eher von dieser Stelle , bis du entschieden hast , was mit mir werden soll ! « Mit welchem Ausdruck sprach er ! ... Wie glühte sein Gesicht vor innerer Bewegung ! ... Marie schwindelte es . So plötzlich dem Schmerz der Entsagung entrissen und auf den Gipfel eines unaussprechlichen Glückes gehoben , schien es ihr ganz unmöglich , an dasselbe zu glauben , und doch – stand er nicht da vor ihren Augen , ihre beiden Hände krampfhaft drückend und mit wahrer Seelenangst ihren Ausspruch erwartend ? Durfte sie da auch nur um einen Augenblick die Gewährung verzögern , ohne sich schwer an ihm zu versündigen ? ... Es bedurfte übrigens der Worte gar nicht , die ihr unsäglich schwer wurden – sie blickte auf , und er las sein Glück in ihren verklärten Zügen – mit einem Satz sprang er über die Mauer und zog jauchzend das Mädchen an sein Herz ... » Aber deine Mutter , was wird die dazu sagen ? « fragte Marie , plötzlich aufschreckend , mit beklommener Stimme – der Gedanke schien ihr schwer aufs Herz zu fallen . » Die wird sich freuen , endlich eine Tochter ins Haus zu bekommen – und was für eine ! ... Sie ist die beste Mutter unter der Sonne und will nur mein Glück – sie wird sehr bald begreifen , daß ich das nur bei dir finden kann . Still « , sagte er , als das junge Mädchen zu einem abermaligen Einwand die Lippen öffnete , » das ist die schönste Stunde meines Lebens , und die sollst du mir nicht verderben mit deinen Zweifeln ... Ich habe dir gesagt , ich liebe dich , und das heißt soviel als : Ich gebe dich nicht wieder her , und wenn Himmel und Hölle gegen mich sind . « » Um Gottes willen , Joseph , sprich nicht so frevelhaft ! « » Nun , dann sei auch du hübsch artig und folgsam ... Sieh mich freundlich an , und du sollst sehen , das wird immer Wunder bei mir wirken . « Er hob ihr liebliches Gesicht so , daß der letzte Sonnenstrahl darauffiel , und vertiefte sich förmlich in die schamerglühten Züge . Wahrscheinlich würde erst die Nacht diesen eifrigen physiognomischen Studien ein Ende gemacht haben , wenn nicht Frau Lindner laut nach ihrer Tochter gerufen hätte . Joseph wollte bleiben , denn er meinte , die Mutter dürfe ja alles wissen . Aber Marie bat ihn , ihr das zu überlassen – sie müsse sich erst sammeln und verspare deshalb auch das Geständnis auf den anderen Morgen . Nachdem ihr Joseph das Versprechen abgenommen hatte , morgen in aller Frühe an der Mauer zu sein , weil seine Mutter sehr bald Ringelshausen wieder verlassen wolle und nur er sie fahren dürfe , trennten sie sich , gegenseitig sich zuwinkend , bis keines das andere mehr sehen konnte . In welcher Aufregung Marie sich befand , als sie das Stübchen wieder betrat , das wird sich der Leser wohl vorstellen können . Anna und die Muhme waren im Begriff fortzugehen , denn sie wollten noch nach der Stadt zurück . Marie erhielt einen sanften Verweis von der Mutter , daß sie gegen alle Sitte und Höflichkeit fortgegangen war . Sie ließ alles geduldig über sich ergehen – die Mutter hatte ja recht – , ach , wieviel Ärgerem hätte sie sich unterworfen , denn sie war ja so glückselig . Wie beflügelt war ihr Gang . Sie mochte jedem um den Hals fallen und ihm ihr süßes Geheimnis mitteilen , und doch hätte sie gerade jetzt um alles die Worte nicht dazu gefunden . Wäre Frau Lindner nicht mit all dem , was ihr die Muhme erzählt , so sehr beschäftigt gewesen , sie hätte sehen müssen , daß eine auffallende Veränderung mit ihrer Tochter vorgegangen sei . Marie war so zerstreut und in sich versunken , daß die kleine Christel zweimal bitten mußte , sie doch hinüber ins Bett zu bringen , und dann faßte sie die Kleine , ganz gegen ihre sonst so sanfte Art und Weise , ungestüm bei der Hand und zog sie in die Kammer . Als Christel ihr Abendgebet gesprochen hatte , schlang sie ihre Arme um Maries Hals , die vorsorglich die Decke über das Schwesterchen breitete , und sagte leise : » Höre , Marie , ich muß dir noch was sagen . « » Nu , da sag ' s , Christelchen . « » Wie ich heute mit Müllers Lenchen auf dem Tanzboden war , da hab ' ich auch Mamsell Dore und Frau Sanner gesehen . Die saßen gerade bei der Tür , wo alle Kinder standen und zusahen . Da sagte Mamsell Dore auf einmal : › Na , Frau Sanner , wo steckt denn eigentlich der Joseph , man sieht ihn ja nirgends ? ‹ – › Ei , Mamsell Dore ‹ , sagte des Müllers Lenchen , › wissen Sie ' s denn nicht ? Der steht ja droben bei Schulmeisters Marie . ‹ Guck « , unterbrach sich hier die Kleine , » ich war noch einmal bei den Ziegen , eh ' ich auf den Tanzboden ging , und da war Müllers Lenchen auch mit . Auf einmal sagte die : › Du , dort steht ja Sanners Joseph bei deiner Marie ! ‹ – und das war richtig so . « Marie errötete in heißer Scham , daß die Kinder Zeugen des Zusammentreffens gewesen waren , noch mehr aber erschrak sie über Lenchens Plauderei . » Wie das Lenchen sagte « , fuhr Christel fort , » da wurde doch auch die Margarete wie eine geweißte Wand und ging fort , ohne daß sie auch nur ein Wörtchen herausgebracht hätte . Der Wirt und der Schulze waren auch dabei . Der Wirt schlug eine helle Lache auf , so daß ich ordentlich zusammenfuhr , und der Schulze machte ein Gesicht – na , ich kann dir gar nicht sagen , wie schlimm . Da sagte Mamsell Dore : › Ei , Frau Sanner , da darf man ja wohl gratulieren ? ‹ , und der Wirt meinte , da käme sie ja in eine recht saubere Verwandtschaft . Aber Frau Sanner sagte – warte nur , wie sagte sie doch gleich – ja , so war ' s , ich hab ' jedes Wörtchen gemerkt : › Was meint Ihr denn wohl , Mamsell Dore ? Eure Gratulation ist ganz am unrechten Platze . Mein Sohn wird der Schullehrerstochter zufällig begegnet sein . So weit vergißt sich der nie , mir eine Schwiegertochter ins Haus zu bringen , die keinen ehrlichen Namen hat . Und selbst wenn er das wollte , so würde ich ' s nicht leiden – das bin ich meinem sel ' gen Mann unter der Erde noch schuldig – , denn der hat durch sein ganzes Leben streng auf Ehre und Reputation gehalten . ‹ « » Guck , Marie « , sagte die Kleine weiter , » die Frau Sanner hat immer ein so gutes Gesicht ; aber wie sie das sagte , war sie recht böse ... Gleich darauf kam auch der Joseph herein , der war aber so vergnügt , als ob die ganze Welt sein wäre . Er bestellte beim Wirt einen ganzen Eimer Bier ; denn er wollte alle Burschen freihalten , sagte er ... Weiter habe ich nachher nichts mehr gehört « , fuhr Christel fort , » denn die Mutter ließ mich vom Tanzboden heimholen ... Siehst du , das war ' s , was ich dir noch erzählen wollte ... Na , gute Nacht , Marie ! « Marie lehnte starr , wie ein Steinbild , am Bett des Kindes – nur ihre Hand fuhr mechanisch nach dem Herzen - es stand fast still unter dem entsetzlichen Schlag , der so unerwartet alle geträumte Glückseligkeit zerschmetterte ... Sie habe keinen ehrlichen Namen mehr , hatte die Frau gesagt . Oh , barmherziger Gott , man hatte ihr das einzige geraubt , was sie besessen , was sie behütet mit wachsamem Auge wie ein Heiligtum – verloren , verloren , wenn auch ohne Schuld ! ... Und dieser Verlust zog noch einen anderen nach sich – einen unsäglich bitteren – sie mußte Joseph entsagen . Dieser Gedanke raubte ihr alle Selbstbeherrschung – sie stürzte hinaus ins Gärtchen und lief durch den schmalen Weg . Unten am Apfelbaume stand sie still und bog sich über den Zaun . Durch die dunkle Nacht schimmerten die trüben Lichter des Tanzbodens herüber , und die hellen , schneidenden Töne der Trompete , vermischt mit dem Johlen und Stampfen der Kirmsenburschen , durchschnitten die Luft . Das junge Mädchen starrte mit heißen , tränenlosen Augen hinüber ... Dort stand er vielleicht in diesem Augenblick , umringt von den böswilligen Menschen , die seine Liebe zu der übelberufenen Schulmeisterstochter in den Staub zu reißen suchten , sie lächerlich machten und alles aufboten , ihn von seinem Vorsatz abzubringen ... Und die Mutter erinnerte ihn wohl an den strengen , rechtlichen Vater , an ihr eigenes reines Leben , an den Namen , den er trug und an welchem auch nicht der leiseste Makel haftete . Sie sagte sich mit einem Gemisch von Luft und unsäglichem Schmerz , daß das alles nichts helfen und daß er eher einen Kampf mit der ganzen Welt aufnehmen als von ihr lassen würde . Ihr Glaube an seine Liebe war unerschütterlich , aber gerade diese Überzeugung machte ihr auch den Weg , den ihr das Gewissen unerbittlich vorschrieb , zu einem entsetzlichen . Das trübe Morgenlicht , das heute nur mühsam durch graue Nebelschichten drang , fand Marie an der Kirchhofsmauer . – Das Ergebnis der qualvollen Kämpfe , die während der durchwachten Nacht ihr Inneres durchstürmt hatten war eine scheinbare äußere Ruhe – und die brauchte sie , denn sie hatte eine unsagbar schwere Aufgabe zu erfüllen ... Sie wußte , daß sie gezwungen sei , das Band zu zerreißen , welches der Mutter des Geliebten so verhaßt war ... Im Fieber der Verzweiflung hatte sie anfänglich während der schlaflosen Stunden eine Menge Pläne verfolgt , die eine Vereinigung mit Joseph ermöglichen sollten . Immer wieder aber siegte ihr besseres Selbst und der ihr von ihrem Vater unauslöschlich eingeprägte Grundsatz : Ehre Vater und Mutter , auf daß es dir wohlgehe ... Wie hätte sie nun Joseph verleiten mögen , seine Mutter so tief zu betrüben und gegen ihren Willen zu handeln ? Auch das Gefühl ihrer weiblichen Würde erwachte . War es nicht eine Erniedrigung , dieser Frau , die sie auf ein bloßes Gerücht hin so streng beurteilte und verachtete , sich aufzudrängen ? Mußte sie nicht damit deren üble Meinung bestärken ? ... Ja , wenn die alte Frau sie verschmähte , bloß weil sie arm war , dann wäre es ein anderes gewesen – dann hätten ihre fleißigen Hände , ihr guter Wille einigen Ersatz bieten können . Was aber ersetzt einen ehrlichen Namen ? ... In dieser Nacht war es ihr zur Gewißheit geworden , daß Frau Sanner ihren Ruf nicht allein durch das Vorhandensein des Kindes in ihrem Hause für befleckt hielt , sondern auch durch den schmachvollen Verdacht , der auf ihrer Mutter lastete . Das erstere mußte die Zukunft aufklären – was aber das letztere betraf , so gab es keine Hoffnung mehr ... Diese Erwägungen hatten nach und nach ihrem zerrissenen Gemüt einen festeren Halt gegeben , so daß sie sich zuletzt die Kraft zutraute , ihr Versprechen zu halten und an die Mauer zu gehen , was ihr erst fast unmöglich geschienen hatte . Ja , sie gewann es sogar über sich , ruhig zu scheinen , wenn sie auch zu Tode erschrak und sich an den Zweigen eines danebenstehenden Kirschbäumchens halten mußte , als sie nach einigem Warten Joseph über den Kirchhof fliegen sah . Er eilte , einen wahren Sonnenglanz von Glückseligkeit in den Augen , mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und zog sie an seine Brust . Er küßte sie auf beide Augen , auf Stirn und Lippen und flüsterte die zärtlichsten Schmeichelnamen ... Ihr kam der Wunsch , sie möchte so sterben , und fast brach auch ihr Herz unter dem Gemisch von Lust und Leid . » Hast du lange warten müssen , mein Liebchen ? « begann er endlich . » Verzeih mir ' s ... Der Schulze hielt mich mit langweiligen Reden so lange auf . Ich stand wie auf Kohlen und lief endlich fort – mag er denken , was er will ! « » Nun , und deine Mutter ? ... Mit der hast du wohl gar noch nicht gesprochen ? « fragte Marie mit unsicherer Stimme , aber Joseph fest in die Augen blickend . Er stutzte und zögerte mit der Antwort . » Na , sprich nur , Joseph « , sagte das junge Mädchen ganz ruhig , » ich bin auf alles gefaßt . « » Wie du sonderbar bist – auf was brauchst du dich denn gefaßt zu machen ? ... Lügen war nie meine Sache , und deshalb will ich dir auch gar nicht verheimlichen , daß ich gestern abend noch einen recht ärgerlichen Auftritt mit meiner Mutter hatte ... Der elende Schuft , der Tannenwirt , hat der alten Frau allerlei vorgeschwatzt und ihr alberne Dinge in den Kopf gesetzt , die ich mit aller Mühe und allen Vernunftgründen nicht wieder herausbrachte . « » Er hat auch meinen guten Namen verlästert , nicht wahr , Joseph ? « » Laß das doch sein , Marie , laß ihn doch schwatzen ; wenn ich ' s nur nicht glaube ... Ich kenne freilich die Verhältnisse nicht , aber wenn deine Mutter in bezug auf das fremde Kind die Leute aufklären könnte , so sollte mir ' s lieb sein , nicht meinetwegen – versteh mich recht , Marie , mein Glaube an dich ist fest – . aber wegen meiner Mutter möchte ich ' s wünschen . « » Das geht nicht , Joseph ... Das Glück der Eltern und die Zukunft des Kindes hängen von unserem Schweigen ab , und nichts in der Welt wird meine Mutter und mich zwingen , unser gegebenes Wort zu brechen ! ... Will der liebe Gott , daß ich dieser Sache wegen mein Lebensglück opfern soll , so muß ich ' s geduldig über mich ergehen lassen – durch Treulosigkeit kann ich auch nicht glücklich werden . « » Aber , wo gerätst du denn hin , Marie ? Wer spricht denn von einem Opfer ? ... Geht es nicht an , gut , so schweigen wir und lassen die Leute reden , was sie wollen – das soll doch nun einmal unser Glück ganz und gar nicht stören ... Sieh « , fuhr er fort und schlang seinen Arm zärtlich um das Mädchen , » ich bin selbständig , bin in jeder Hinsicht unabhängig von meiner Mutter , denn ich besitze ein vom Vater ererbtes Gut . Dorthin führe ich dich als meine junge Frau – dort sollst du schalten und walten und mich über alle Maßen glücklich machen ... Nichts wird uns fehlen ... « » Nichts als der Segen deiner Mutter ! « unterbrach ihn Marie , der dies Vorführen künftiger Seligkeit , die sie nie genießen sollte , das Herz zerriß . – » Aus dem , was du mir eben sagtest « , fuhr sie fort , » geht hervor , daß sie ihre Einwilligung nicht gibt . « » Nun , und wenn auch ? « » Wie , du sagst das so gleichmütig ? ... Du wärest im Ernste fähig , deine alte Mutter , deren alles du bist , die nur für dich lebt , trotzig zu verlassen ? « » Höre , Marie « , sagte er nachdrücklich , und seine Stimme klang noch tiefer als gewöhnlich , » ich bin bisher ein treugehorsamer Sohn gewesen , habe alles getan , was ich meiner Mutter an den Augen absehen konnte , ja , ich glaubte früher , so wie sie könne ich gar niemand wieder lieben . Das hat sich aber gewaltig geändert – du gehst mir über alles – , ich weiß , daß ich