und die Besorgnis , mit ihrer Beseitigung den Segen von ihrem Besitztum zu verscheuchen , beseelte sie alle , wie sich ja nur zu oft die Gottesfurcht in der egoistischen Menschenseele mit Furcht , weltliche Güter zu verlieren , identifiziert – freilich niemals eingestandenermaßen . Jetzt sah der junge Mann auf den ersten Blick , daß die Orgel verschwunden war . Stumm vor Überraschung zeigte er auf das neue , braungebeizte Feld , das sich an Stelle der Orgelpfeifen zwischen die Heiligen geschoben hatte und mit seiner ungeschmückten , glatten Holztafel seltsam genug inmitten der krausen Schnitzereien aussah . » Ja , du wunderst dich ! « sagte die Majorin , die sich eben vom Fenster wegwendete . » Das war ein heilloser Schrecken ! ... Die Pfeifen hatten freilich schon lange verschoben gestanden , aber wir hatten das nicht weiter beachtet , und da brach sie am Tage nach Veits Geburt mit einem furchtbaren Poltern in sich zusammen ... Sie war freilich immer eine spukhafte Mäuseherberge , aber es ging uns doch nahe , denn in Ehren haben wir sie alle gehalten . Die Trümmer sind auch von keiner fremden Hand angerührt worden ; der Onkel hat die Ordnung selbst wieder hergestellt – auch nicht das kleinste Brettchen ist in das Küchenfeuer gekommen . « Der junge Mann stieg auf die Galerie und öffnete das neueingesetzte Feld , das sich als eine Türe auswies . In der ziemlich tiefen dunklen Maueröffnung , die einst die Orgel ausgefüllt , waren in der Tat die Überreste sorgsam aufgeschichtet . Da lagen die zinnernen Pfeifen , die dickbäuchigen Holzengel , die sie umringt , die auseinandergesprengten Teile der Tastatur – es schien allerdings jeder Splitter so ängstlich aufgelesen worden zu sein , als hänge Unsegen und Verderbnis für das ganze Klostergut an seiner Verschleppung . Wenn der Rat ganz allein die Ordnung wiederhergestellt hatte , dann rührten auch die Reparaturen an den beschädigten Innenwänden von seiner Hand her . Felix bog sich tief in den dämmernden Raum und betrachtete ein neues Stück Bretterverschalung . » Der Onkel hat ja gleich einem Zimmermann gearbeitet ! « rief er lächelnd seiner Mutter zu , die eben hinausgehen wollte . In diesem Augenblick wurde die nach dem Hausflur führende Türe geöffnet , und ein fester Fuß trat auf die Schwelle . » Nun , was hast denn du da oben zu suchen ? « scholl es scharf , in hörbar unliebsamer Überraschung herein . Fein fuhr empor – dieser Ton in des Onkels Stimme berührte stets sein ganzes Nervensystem , wie das plötzliche Schrillen von Metall . Er sprang nichtsdestoweniger rasch die Stufen herab und reichte mit einer leichten , eleganten Verbeugung dem Eingetretenen die Hand hin . » Willst du nicht die Freundlichkeit haben , zuvor den Schrank wieder zu schließen , den du so wißbegierig durchstöberst ? « fragte der Rat abermals mit finsterem Blick , ohne die dargebotene Hand zu ergreifen . » Und seit wann ist es denn Sitte bei uns , daß du mich in meinem eigenen Zimmer bewillkommnest ? « Der junge Mann war mit einem Satz wieder zurückgesprungen und bemühte sich , die verquollene Schranktüre zuzudrücken . » Seit deine Dienstboten den Weg frei gemacht haben , Onkel , « entgegnete er nicht ohne Schärfe , über die Schulter und zeigte durch die offene Türe nach der Amme , die sich grüßend vom Stuhl erhoben hatte . » Veitchen schläft immer nur drüben ein – der Herr Rat wissen ' s ja , « sagte die Person , ihres angemaßten Rechtes sicher . Der Rat warf schweigend seinen Hut auf den nächsten Tisch . Hochgebaut , nicht breit von Schultern , aber ein Bild zäher Kraft in der ganzen Haltung , war er ein Mann , der , auf dem Hintergrund der altertümlichen Wandbekleidung , in Koller , Spitzenkragen und Federhut eine prächtige Wallensteinfigur abgegeben hätte . Das starke , kurz verschnittene , leicht übergraute Haar bog sich als scharfgezeichnete Schneppe tief in die Stirne des geistreichen , schmalen Gesichts , das Luft und Sonne mit der gesunden , braunen Haselnußfarbe angehaucht hatten . Er ging , den Schall seiner Schritte möglichst dämpfend , sofort hinüber an das Wiegenbettchen , hob mit vorsichtigem Finger den Schleier auf und bog sich horchend über das Kind . » Was ist das , Trine ? Der Kleine atmet aufgeregt – das Köpfchen scheint auch heiß zu sein , « fuhr er wie atemlos vor Bestürzung empor – dieses Männergesicht voll Selbstbewußtsein war kaum wiederzuerkennen mit dem Ausdruck zitternder Angst . » Veitchen hat sich erschreckt , Herr Rat , « sagte die Amme , die Hände über den Leib faltend , in anklagendem Tone . » Er kann eben gar keinen Lärm vertragen , und die Frau Majorin hat vorhin einen Teller auf den Erdboden fallen lassen – ich war halbtot vor Schreck und dachte mir ' s gleich , daß Veitchen krank würde – er schrie zu fürchterlich , Herr Rat ! « Der Rat schwieg und streifte mit einem finsteren Seitenblick seine Schwester , die ganz bleich vor Grimm und Ärger , langsam am Eßtisch hinging und zwecklos verschiedene Gegenstände aufnahm , um sie wieder hinzulegen . Jetzt trat sie rasch an die Wiege und befühlte die Stirn des schlafenden Knaben . » Du siehst Gespenster , – dem Kinde fehlt nichts ! « sagte sie in ihrer kurzen , entschiedenen Weise , aber wie man sah , selbst erleichtert durch das Resultat ihrer Untersuchung . » Gott sei Dank ! « rief der Rat tiefaufatmend . » Ich weiß , du verstehst dich darauf , Therese ! – Aber es wäre jedenfalls praktischer gewesen , Felix hätte oben in deinem Zimmer gegessen . Trine hat recht , Veit kann kein starkes Geräusch , nicht einmal lautes Sprechen vertragen – wir werden uns deshalb , solange dein Sohn hier ist , im vorderen Eckzimmer aufhalten ... Für jetzt muß das Kind in seine Schlafstube – die Luft hier ist zu dick , voller Speisedunst . « Er ergriff die Wiege am Kopfende und winkte der Amme , die entgegengesetzte Seite aufzunehmen ; aber die Majorin legte selbst Hand mit an , und so trugen die beiden alternden Geschwister den neuen Träger des Wolframschen Namens – ihrem Familienbewußtsein und Dünkel nach ein Menschenkind , kostbar wie ein Königsohn – durch Küche und Hausflur , und die Amme folgte , hochmütig das fette Doppelkinn vorstreckend , breitspurig mit ihrem Strickstrumpfe . 4. Die Türen blieben offen , und Felix fühlte den lebhaften Wunsch , auch hinauszugehen und das » alte Falkennest « , aus dem der klägliche , kümmerliche Sproß da drüben schon jetzt mit seinen Spinnenfingerchen jeden Insassen anderen Namens stieß , auf Nimmerwiederkehr zu verlassen ... Von Neid und Mißgunst war keine Spur in der Seele des jungen Mannes ; er hatte im Gegenteil laut aufgejubelt bei der Nachricht , daß ein Wolfram geboren sei ; denn ihm war der Gedanke , einst auf dem Mustergut hausen zu müssen , immer ein verhaßtes Schreckgespenst gewesen . Freilich hatte er sich nicht träumen lassen , daß sich mit dem ersten Atemzuge des kleinen , mißgestalteten Burschen eine Wandlung vollziehen würde , die das Leben auf dem Klostergute geradezu unerträglich und ihn damit gewissermaßen heimatlos machte . Der Onkel hatte ihm eben noch die Rolle eines Überflüssigen zugewiesen , der in jede beliebige Ecke gesteckt wurde , wenn seine Anwesenheit den schwachen Nerven des Wickelkindes nicht zusagte . – So hart und streng der Rat den phantasievollen Knaben einst behandelt , dem angehenden jungen Manne gegenüber war er doch in den letzten Jahren rücksichtsvoller , gleichsam vertraulicher gewesen . – Felix stampfte in zorniger Scham mit dem Fuße auf – das hatte nicht ihm , seinem aufrichtig gemeinten Streben , seinen erworbenen Kenntnissen gegolten , wie er fest geglaubt ; es war die Rücksicht für den Einzigen gewesen , in dessen Adern noch Wolframsches Blut floß , die Achtung vor dem späteren Besitzer des Klostergutes . Nun schüttelte der Rat » das notwendige Übel « , den Lückenbüßer ab – in der seidenbehangenen Wiege lag sein eigen Fleisch und Blut – er trat wieder brüsk und herrisch auf , wie er einst mit dem fremden , jung einfliegenden Vöglein , dem armen » Kolibri « verfahren . Und die Mutter ? – Der Sohn zweifelte nicht an ihrer mütterlichen Liebe , wenn sie auch mit den äußeren Zeichen derselben kargte , wie beim Geldausgeben – sie verachtete jede lebhaftere Gefühlsäußerung als » geziertes Wesen « . Von dem Verstand und Charakter ihres Bruders hatte sie die höchste Meinung – seine unbeugsame Härte und Strenge gehörte zum Manne , wie der Ordnungssinn und die Häuslichkeit zur Frau – sie ging blindlings mit ihm . In bezug auf das Haus aber , dem sie entstammt , sollte sie geradezu spartanisch hart denken ; das Interesse ihres Sohnes käme erst in zweiter Linie , behaupteten die wenigen näheren Bekannten , die auf dem Klostergute verkehrten . Das vermeintliche Aussterben der länger als Jahrhunderte hindurch blühenden , hoch angesehenen Familie war ihr stets ein nagender Kummer gewesen ; sie hatte die kleinen , flachshaarigen Nichten nie geliebt , und für die Mutter , die ihnen das Leben gegeben , eine Art Mißachtung im Herzen getragen . Das wußte Felix so gut , wie er stets den tiefen Schatten beobachtet hatte , der über ihre Stirne hinzog bei der Bemerkung anderer , daß die Namen Lucian-Wolfram dereinst vereint dem Besitztum ihrer Familie vorstehen sollten – die unversöhnliche Frau gönnte diese Auszeichnung dem Namen dessen nicht , der » sie unglücklich gemacht hatte « ... Sie war mithin am wenigsten geeignet , die schlimmen Eindrücke , die ihr Sohn eben empfangen hatte , zu mildern , ihm im Hause des Bruders den Boden unter den Füßen wiederzugeben ... Aber wozu denn auch ? – Er brauchte und wünschte ja selbst diese ungastliche Heimat nicht mehr ! Der junge Mann , der eben noch in zorniger Aufwallung den Fuß zum Fortgehen auf die Schwelle gesetzt hatte , kehrte rasch zurück und trat an das Fenster der Wohnstube – trotzig und empfindlich durfte er jetzt nicht sein ; er war ja nicht zu seiner Erholung , wie er fälschlich geschrieben , sondern zu einer dringenden Besprechung gekommen . Eine heiße Angst machte ihm plötzlich das Herz heftig schlagen – er hatte sich in Berlin diese Unterredung bei weitem leichter gedacht ; jetzt , wo er die zwei ernsten , verschlossenen Gesichter auf dem streng einfachen Hintergrund eines bürgerlich geregelten Hausstandes wiedergesehen , erschien ihm sein Vorhaben riesengroß an Schwierigkeit . » Lucile ! « flüsterte er aufseufzend , und sein Blick irrte durch das laubbeladene Geäst der draußenstehenden Rüster , das die Spätnachmittagssonne hier und da in prangendem Maiengrün transparent aufleuchten machte . Und wie auf seinen Ruf hergelockt , schlüpfte über diesen goldgrünen Grund hin die geschmeidige Gestalt mit den lang über den Nacken rollenden Locken , jeden Nerv voll prickelnden , siebzehnjährigen Übermutes , die lieblich geschwungenen Lippen übersprudelnd von Tollheiten und Mutwillen – er fühlte die weißen , warmen Kinderarme um seinen Nacken verstrickt , fühlte das Wehen des blumenreinen Atems auf seiner Wange – und der ganze Rausch der Liebesseligkeit , der ihn seit Monden trunken machte , kam über ihn und gab ihm Kampfesmut und die Zuversicht seiner jugendlich idealen Lebensanschauung zurück . Unterdessen war die Majorin in die Küche zurückgekehrt ; sie hatte einen Brotlaib aus dem Schranke genommen und schnitt tüchtige Stücke für ein paar im Flur stehende Bettelkinder ab . Auch der Rat kam herein ; Felix hörte seinen festen Tritt auf den Steinfliesen der Küche ; er ging auf die Wohnstube zu , blieb aber plötzlich wie auf einen Ruck stehen . Das eine Küchenfenster stand offen , und draußen im Hofe sagte ein Tagelöhner zu der Magd , die eben mit einem Arm voll frischen Klees nach den Ställen ging : » Du , der Alte drüben im Schillingshofe hat ja den Adam Knall und Fall fortgejagt ; der Kutscher sagte es eben – dem tut ' s leid ! « » Geh an deine Arbeit ! Für eure Klatscherei zahle ich keinen Tagelohn ! « rief der Rat hinaus – der Mann fuhr zusammen , als träfe ihn diese herrische Stimme wie ein Messerstich . Klirrend schlug der Rat das Fenster zu und griff nach einem der Trinkgläser , die sich spiegelblank auf einem Mauersims aneinanderreihten . » Leidest du es denn , daß die Leute vor deinen Augen die Zeit totschlagen und schwätzen ? « fragte er finster seine Schwester . » Die Frage war überflüssig – du weißt , daß ich auf die Hausgesetze halte so gut wie du ! « versetzte sie abweisend , wenn auch ohne alle Empfindlichkeit . » Aber Adam hat das Gesinde rebellisch gemacht . Er ist doch noch der Kohlengeschichte wegen entlassen worden und war auch hier im Hause , um dir abermals vorzujammern – der Mensch drohte in seiner kopflosen Bestürzung mit einem Sprung ins Wasser – « Felix war währenddessen auf die Schwelle der Wohnstube getreten ; er sah von der Seite , wie der Onkel mechanisch an seinem dünnen Kinnbart drehte und dabei das gegenüberliegende Ganggeländer mit den trockenen Pferdedecken und Kornsäcken hin- und herirrenden Blickes so angelegentlich musterte , als höre er nur mit halbem Ohr , was seine Schwester sagte . » Bah – Larifari ! « fiel er ein , ihre Rede kurz abschneidend . » Wer ' s sagt , der tut ' s nicht ! « – Er hielt das Trinkglas unter das Brunnenrohr und trank das frische , perlende Wasser mit einem Zuge aus . » Ich werde übrigens diesen Herrn von Schilling schließlich doch ein wenig auf den Mund klopfen müssen – er treibt mir ' s zu bunt in seiner kindischen Wut , « fügte er hinzu , das leere Glas niedersetzend . Er fuhr sich mit dem Taschentuch über Kinn- und Lippenbart , aber auch wiederholt über die Stirne , als sei auch sie feucht geworden . » Das wäre ja dann die Rechtfertigung , die Adam verlangt , Onkel – er will nichts anderes , als das auffallende Zusammentreffen von deiner Seite aus beleuchtet wissen , « rief Felix hinüber . Der Rat fuhr nach ihm herum . Er hatte ein großes graublaues Auge , das gewöhnlich durchdringend , mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes , der nie um einen Schritt vom Rechtsboden weicht , in das Gesicht anderer Menschen sah ; aber es konnte auch versteckt unter den überhängenden Brauen hervorglimmen , wie ein verhaltener Funke . Dieser halbverschlossene Blick glitt an dem Neffen empor , der hoch und schlank und sehr vornehm in seiner gewählten Eleganz auf der erhöhten Schwelle stand , und streifte dann vergleichend an der verschossenen Joppe nieder , die der Herr Rat selten mit einer besseren vertauschte . Die Bemerkung des jungen Mannes blieb unbeantwortet . Der Onkel lächelte nur sarkastisch ; er schlug mit dem Taschentuche hängengebliebene Halme , Erd- und Kohlenreste von seinen Kleidern , die dicke Staubschicht von den Stiefeln , und dabei mit dem Kopfe nach Felix hindeutend , sagte er beißend zu seiner Schwester : » Er steht da , wie das leibhaftige Modenkupfer , Therese , so frisch vom Schneider weg , so glatt und geleckt ! – Das flotte Röckchen da müßte sich famos in Scheuer und Kohlenschacht ausnehmen , Felix ! « » Es ist auch nicht dazu gemacht , Onkel , – was gehen mich Scheuer und Kohlenschacht an ? « versetzte Felix , seine Empfindlichkeit unter einem flüchtigen Lächeln verbergend . » Ach wie – so rasch und willig findest du dich mit der großen Wandlung in deinem Leben ab ? – Da siehst du nun , Therese , was ich immer sage – diese idealen Köpfe sind reicher als wir ; sie werfen Hunderttausende von sich wie Kieselsteinchen und verziehen keine Miene dabei . – Hm , mein kleiner Veit hat dir einen schlimmen Streich gespielt , Felix – das Klostergut ist kein Pappenstiel . « Das Ohr des jungen Mannes war von jeher peinlich geschärft für den Tonfall in seines Onkels an sich wohlklingender Stimme ; er hörte auch jetzt einen fast wilden Triumph über die Geburt des Kindes , Schadenfreude und den Wunsch , ihn zu reizen , aus den Bemerkungen heraus . » Gott sei Dank , ich habe kein neidisches Herz – möchte das Kind zu deiner Freude heranwachsen ! « sagte er ruhig , und sein schönes , offenes Gesicht trug das Gepräge der Wahrhaftigkeit , des reinen Bewußtseins . » Wenn du aber glaubst , Geld und Gut seien mir gleichgültig , dann irrst du – nie habe ich lebhafter gewünscht , ein reicher Mann zu sein , als gerade jetzt – « » Hast du Schulden ? « fiel der Rat scharf ein und trat gespannt auf den Sprechenden zu . – Der junge Mann warf stolz den Kopf zurück und verneinte . » Nun dann – wozu ? Hält dich deine Mutter zu kurz ? Und möchtest du noch mehr solch überflüssigen Firlefanz in dein Knopfloch hängen , wie du ihn hier trägst ? « – Er war auf die Türstufe getreten und fixierte die Anhänger an dem Uhrkettenring des Neffen . Mit spitzem Finger zog er ein kleines goldenes Rund hervor , von dem ein farbiges Funkeln ausging . » Alle Wetter , die Steinchen sind ja echt ! – Ist das dein Geschmack , Therese ? « rief er über die Schulter in die Küche zurück . Die Majorin hatte eben ihre blauleinene Küchenschürze abgenommen und hing sie an einen Nagel . Sie kam gelassen , ohne jedwedes äußere Zeichen von Interesse herüber . – » Ich kaufe nie dergleichen moderne Spielereien , « antwortete sie mit einem prüfenden Seitenblick auf das Schmuckstück ; dann aber heftete sich ihr dunkles Auge durchdringend und forschend auf das wie mit Blut übergossene Gesicht des Sohnes . – » Von wem ist die Kapsel ? « fragte sie kurz . » Von einer Dame – « » Mein Sohn , junge Mädchen haben selten so viel Geld zu verschenken , « warf der Rat ein , indem er das Steingefunkel wohlgefällig hin und her spielen ließ ; – » will dir sagen , Felix , von wem das kostbare Andenken ist – von deiner alten Freundin , der Baronin Leo in Berlin ; eine ehrwürdig graue Locke ist drin – wie ? « » Nein , Onkel , eine glänzend braune , « entgegnete der junge Mann rasch , als sei ihm diese falsche Vorstellung unerträglich – ein stolz glückseliges Lächeln irrte dabei um seinen Mund ; aber gleich darauf stockte ihm der Atem ; er hatte die Entscheidung herbeigeführt ohne alle Vorbereitung , und nun standen ihm diese zwei Eisenköpfe gegenüber ; der eine , nur Spott und Hohn auf den Lippen , und der andere mit dem unwillig überraschten , durchbohrenden Blick – nie war ihm die Wolframsche Familienseele in beiden Gesichtern so vernichtend entgegengetreten , als in diesem peinlichen Augenblick . » Ich möchte den Namen der Dame wissen , « sagte seine Mutter lakonisch und genau mit der Beichtigermiene , die sie vor Jahren angenommen , wenn ihr Knabe in Gesellschaft eines fremden Kindes betroffen worden war . Sie las in den Zügen ihres Sohnes mit der ganzen Schärfe ihres Verstandes und Urteils ; sie sah auch jetzt , wie er mit qualvollen Gefühlen kämpfte , aber es blieb ihr auch kein Zweifel , daß er ihrer Nachsicht in bedeutendem Maße bedurfte , und das ließ sie ohne Rücksicht , unerbittlich vorgehen . » Mama , sei gut ! « bat er weich und flehentlich ; er ergriff ihre beiden Hände und zog sie gegen seine Brust . » Lasse mir Zeit – « » Nein ! « unterbrach sie ihn entschieden und zog die Hände aus den seinen . » Du weißt , ich mache stets sofort reinen Tisch , wenn ich eine Differenz zwischen uns bemerke – und hier liegt eine bedenkliche ! Glaubst du , ich lasse mich herbei , eine ganze lange Nacht über den dunklen Weg zu grübeln , den du offenbar gehst ? – Ich will den Namen wissen ! « – Die großen , blauen Augen des jungen Mannes funkelten auf in tiefverletztem Gefühl , aber er schwieg und strich sich , nach Fassung ringend , wiederholt mit der Rechten über die Stirne und die prachtvollen , aschblonden Haarwellen , die sie umrahmten . » Bist ja ein Hauptheld ! « warf der Rat derb und ironisch hin ; » tust ja gerade , als ginge es dir und dem braunen Lockenkopf an den Kragen . – Hm – ein Bettelmädchen ist ' s nicht , sie hat Brillanten zu verschenken ; aber mit der Familie , mit der Herkunft hat es seinen Haken – wie ? – Du hast alle Ursache , die Sippe zu verleugnen – du schämst dich – « » Schämen ? Ich sollte mich meiner Lucile schämen ? « fuhr der junge Mann rückhaltslos auf – um seine Selbstbeherrschung war es geschehen . » Lucile Fournier ! – Fragt nach ihr in Berlin , und ihr werdet hören , daß ihr der ganze junge Adel zu Füßen liegt , daß sie sofort in eines der ersten Grafengeschlechter heiraten könnte , wenn sie es nicht vorzöge , mir zu gehören ... Aber ich weiß sehr gut , daß eine exotische Blume nicht in den deutschen Ackerboden paßt , ich weiß ebenso , daß alles , was Kunst heißt , auf dem Klostergute schlecht angeschrieben ist ; ich habe mit hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen , und das machte mich für einen Augenblick befangen , nicht für mich selbst , sondern weil ich sicher bin , daß in der ersten Überraschung verunglimpfende Worte über mein Mädchen fallen werden – und die ertrage ich absolut nicht ! « Er schöpfte tief Atem und sah jetzt fest und furchtlos in das Gesicht seiner Mutter , welche , die Hand auf die Tischecke gestemmt , die erblaßten Lippen in den Winkeln tiefgesenkt , starr wie von Stein , ihm gegenüberstand . – » Luciles Mutter ist eine berühmte Frau , « setzte er kurz und entschlossen hinzu . » So ? ! « sagte gedehnt der Rat . – » Und der Herr Vater ? Ist der nicht berühmt ? « » Die Eltern leben getrennt , wie – « der junge Mann wollte sagen : » wie die meinen « – aber ein wildes Auflodern im Auge der Majorin ließ ihn die letzten Worte verschlucken . Nach einem augenblicklichen Schweigen sagte er rasch , wie um der unsäglich peinlichen Spannung sofort ein Ende zu machen : » Madame Fournier ist die Ballerina – « » Ach was , sprich doch deutsch , Felix ! « fiel der Rat mit zynischem Sarkasmus ein . » Sage : die Tänzerin , die mit kurzem Röckchen und nackter Brust abends über die Bretter fliegt – brr – « er schüttelte sich und lachte hämisch auf – » das wird die künftige Schwiegermama sein , Therese ! « – Mit strengem Vorwurf erhob er den Zeigefinger gegen die Schwester , und sein scharfgeschnittener Kopf erstarrte förmlich in dem menschenfeindlich finsteren Gepräge , das seine Mitbürger an ihm haßten . » Weißt du noch , was ich dir vor fünfundzwanzig Jahren prophezeit habe ? « fragte er . » Du wirst deine unverständige Wahl in deinen Kindern verwünschen – sagte ich nicht so , Therese ? Da ist ' s nun – das ist sein Blut , das leichte Soldatenblut ! – Nun schüttle das verhaßte Element ab , wenn du kannst ! « » Das kann ich freilich nicht mehr , « sagte sie tonlos , » aber die leichte Ware , die es mir ins Haus bringen will , die werde ich abschütteln – darauf verlasse dich ! « Ein Geräusch in der Küche machte sie verstummen . Eine Magd war unterdessen mit einem Korbe voll Spinat eingetreten und schickte sich an , das Gemüse auf dem Küchentisch vorzurichten . Die Majorin ging hinüber , schickte das Mädchen hinaus und schob den Riegel vor die Türe , die nach dem Flur führte , dann kehrte sie zurück . Dem jungen Mann klopfte das Herz zum Zerspringen , als diese Frau im langwallenden Trauerkleid mit dem völlig entfärbten , aber in jedem Zug entschlossenen Gesicht , festen , raschen Schrittes auf ihn zukam , um » kurzen Prozeß zu machen « . Unwillkürlich fuhr seine Hand nach dem Medaillon . Ein kaltes Lächeln glitt bei dieser Bewegung um die Lippen seiner Mutter . » Kannst ganz ruhig sein – das unanständige Präsent da berühre ich ganz gewiß nicht mit meinen ehrlichen Händen – man weiß , wo die Brillanten der Tänzerinnen herzustammen pflegen ... Du wirst so verständig sein , auf meinen Wunsch und Willen hin , das Geschenk eigenhändig abzulegen , wenn nicht – dann wird nach schlimmen Erfahrungen eine Stunde kommen , in welcher du es voller Ekel von dir wirfst – « » Nie ! « rief er stürmisch , unter einem halb bitteren , halb jubelnden Auflachen – er hatte das Medaillon losgenestelt und drückte es inbrünstig an seine Lippen . » Narrenspossen ! « murmelte der Rat grimmig zwischen den Zähnen , während die Augen der Majorin plötzlich in verhaltener Leidenschaft flimmerten – Eifersucht durchschütterte diese anscheinend in Kaltsinn und nüchterner Berechnung gefestete Natur . » Narrenspossen ! – « wiederholte der Rat , als Felix das Andenken in der Brusttasche barg und mit zärtlich innigem Blick die Hand darauf preßte , als drücke er sein Mädchen selbst an das Herz . – » Schämst du dich gar nicht , vor uns ernsthaften Leuten solche Theaterstückchen aufzuführen ? – Ich begreife überhaupt nicht , wo du den Mut hernimmst , hier auf dem Klostergute , deiner respektablen Familie gegenüber , dergleichen Liaisons zu erwähnen , von denen andere junge Leute aus gutem Hause nicht zu reden pflegen – « » Onkel ! « unterbrach ihn der junge Mann , seiner nicht mehr mächtig . » Herr Referendar ? ! « höhnte der Rat kalt zurück . Er schlug die Arme unter , und sein blitzendes Auge fixierte unverwandt und verächtlich das glühende Gesicht des Neffen . » Du machst dich lächerlich mit deiner sittlichen Entrüstung , mein Sohn , « sagte die Majorin und griff gelassen nach der Rechten , die Felix in unwillkürlicher Drohung gehoben hatte . Sie war wieder der Gleichmut selbst ; weder Sohn noch Bruder hatte die unheimliche Flamme in ihrem Blick bemerkt . » Der Onkel hat recht – es gehört Mut dazu , vor uns von dieser Menschenrasse zu sprechen – « » Mehr Mut ganz gewiß nicht , als meine arme Lucile braucht , um ihrer Familie die Liebe zu mir einzugestehen , « unterbrach sie der junge Mann erbittert . » Madame Fournier macht ein Haus in Berlin , wie eine Fürstin ; ihre alte Mutter aus vornehmer , wenn auch verarmter Familie , präsidiert im Empfangssalon , den Persönlichkeiten aus den höchsten Ständen aufsuchen . Arnold von Schilling kann dir am besten sagen , daß wir beide in der glänzenden Gesellschaft meist sehr unbedeutende Nebenfiguren gewesen sind ... Und in diesem Kreise ist Lucile seit einem Jahre der Mittelpunkt , der Abgott aller . Sie ist schöner noch als ihre Mutter und ebenso talentvoll ; für Mutter und Großmutter ist sie ein aufgehender Stern – « » Willst du mir nicht sagen , welche Rolle die Ehefrauen der Besucher in Madame Fourniers Salon spielen ? « unterbrach die Majorin kurz und schneidend die Schilderung . Ihr Sohn schwieg bestürzt , und seine Augen suchten unsicher den Boden . » Die meisten dieser Herren sind unverheiratet – « » Und die verheirateten lassen ihre ehrbaren Frauen zu Hause , « ergänzte sie mit einem unbeschreiblichen Gemisch von unterdrücktem Groll und eisiger Verachtung . » Wenn du glaubst , mich mit der erzwungenen , kläglich nachgeäfften Vornehmheit dieses Tänzerinnensalons zu blenden , da irrst du dich gründlich – ich kenne die Lockerheit , den Sumpf hinter der gemalten Leinwand , und diese Kenntnis habe ich teuer genug erkauft . « Felix schrak zusammen vor dem grellen Licht , das diese Worte in das Dämmerdunkel seiner Kindererinnerungen , über gewisse unbegriffene Vorgänge im Königsberger Elternhause warfen – jetzt verstand er sie ; jetzt wußte er , weshalb sich die Mutter , bis zur Unkenntlichkeit vermummt und verschleiert , spät abends von seinem Bettchen weggestohlen hatte – sie war heimlich dem Vater nachgegangen ... Diese Erkenntnis raubte ihm den letzten Rest von Hoffnung – es galt nicht allein mehr , gegen » spießbürgerliche Vorurteile « anzukämpfen , die beleidigte Ehefrau , die sich in ihren Rechten durch jene » Menschenklasse « beeinträchtigt gesehen hatte , stand in starrer Unversöhnlichkeit vor ihm . Dennoch überkam ihn eine Art von Verzweiflungsmut . » Ich darf und will dein strenges Urteil nicht anfechten , weil ich nicht weiß , was du erlebt hast , « sagte er , sich die äußere Fassung erzwingend . » Im Grunde denke ich ja ähnlich – obgleich ich schwören kann , daß im Fournierschen Hause Anstand und Sitte nie verletzt werden – aber ich will auch mein Mädchen nicht von der Bühne weg heiraten , und deshalb bin ich jetzt hierhergekommen ... Lucile hat die Bretter noch nicht betreten , obgleich sie bereits als vollendete Künstlerin gilt . Madame Fournier , deren Stern im Erbleichen ist , hat sie selbst unterrichtet ; sie glaubt so fest an eine große Zukunft ihrer Tochter , die sie allerdings mit auszubeuten wünscht , daß sie selbst die ernstgemeinten Bewerbungen des Grafen L. um Luciles Hand ignoriert ... Lucile soll in der nächsten Zeit debütieren , und dem muß ich um jeden Preis zuvorkommen – « » Tanzt