, wie man sich ein schönes Schweizermädchen denkt , dem die kräuterwürzige Alpenmilch und der reine Athem der Bergluft das Blut mischen und Adern und Sehnen vor Gesundheit strotzen machen . Eine anliegende , mit Pelz besetzte schwarze Sammetjacke bezeichnete die kräftigen , aber schön geschwungenen Linien der Taille und des Busens , und auf dem lichtbraunen Haare saß , ein wenig schief gerückt , eine Mütze von Marderfell . Das Gesicht war weit entfernt , proportioniert oder gar classisch regelmäßig zu sein – das gebogene Näschen war zu kurz im Verhältniß zur Wölbung und Breite der Stirn , der Mund zu groß , das runde Kinn mit dem Grübchen ein wenig zu kräftig vorgeschoben , der Bogen der Brauen nicht bestimmt genug , aber diese Mängel wurden aufgewogen durch die reine , von den breiten Schläfen ausgehende Ovallinie und die unvergleichliche Jugendfrische und Blüthe der Gesichtsfarbe . Die junge Dame trat in das offene Hofthor der Schloßmühle . Eine Schaar Hühner , die , einer Spur verstreuter Getreidekörner nachgehend , eben auf den Fahrweg hinausspazieren wollte , stob gackernd vor ihr auseinander , und die Hofhunde fuhren mit wüthendem Gebelle aus ihrem trägen Halbschlummer empor . Wie floß das neue Frühlingssonnenlicht goldglänzend über die Mauern des alten , prächtigen Hauses , deren gewaltige Quadern vor alten Zeiten unter den Augen des fürstlichen Erbauers aufeinander gethürmt worden waren ! Vorgestern erst war die letzte dicke Eiszacke klingend von dem aufgesperrten Löwenrachen der blechernen Dachrinne gefallen , und heute zitterte und flimmerte die Luft über dem sonnenerhitzten Schiefer des Daches . Aus den dicken , braunen Knospen der Kastanien quoll das Harz und ließ sie glitzern , als seien sie mit Diamantenstaub bestreut ; ein paar Töpfe mit halbverkümmerten Stubenpflanzen standen , zum ersten Male wieder in die laue freie Luft gerückt , vor dem einen Fenster der Knappenstube , und auf dem hölzernen , ausgetretenen Freitreppchen , das von dieser Stube direct in den Hof führte , saß ein weißbestäubter Müller und schnitt sich tüchtige Brocken von Brod und Käse . „ Mohr ! Wächter ! “ rief die junge Dame mit schmeichelnder Stimme über den Hof hinüber . Die Hunde geberdeten sich wie toll und rissen winselnd an der Kette . „ Was wünschen Sie ? “ fragte der Müller , sich schwerfällig erhebend . Sie lachte leise in sich hinein . „ Ich wünsche gar nichts , Franz , als Ihnen und Suse guten Tag zu sagen . “ Im Nu flogen Brod , Käse und Messer hinter das Treppengeländer . hinweg , mürrisch , mit herrisch polternder Stimme seine Befehle herabgerufen , er hatte sie nie geliebt . Sie war fast immer vor seinem feindseligen Blicke in Susens blanke Küche oder zu Franz geflüchtet , und doch dachte sie mit bitterer Wehmut seiner und wünschte , er möge wieder da herabsteigen mit den wuchtigen Tritten , unter denen die Treppenstufen geächzt ; vielleicht fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Gesichte , das , wie sie nun wußte , hauptsächlich Geldstolz und Protzentum so abstoßend gemacht hatten ; vielleicht wäre er jetzt auch milder und zugänglicher , weil sie der Großmutter ähnlich geworden . Sie fand die Thür der Eckstube droben verschlossen , aber aus dem schmalen Gange , der das Hintergebäude mit dem Vorderhause verband , scholl Susens weinerlich klagende Stimme . Ach ja , dort war die Schlafkammer der alten Jungfer , das dunkle Stübchen mit den runden , in Blei gefaßten Fensterscheiben und der Aussicht auf das graue Schindeldach eines Holzschuppens und das niemals trocknende Pflaster des Seitenhöfchens . Sie schüttelte unwillig den Kopf und betrat den Gang . Eine heiße , dumpfe , mit Rauch erfüllte Krankenluft schlug ihr beim Oeffnen der Thür entgegen , und dort in dem häßlichen Zwielicht , welches das erblindete , fahlgrüne Fensterglas verbreitete , stand ein Mann , mit dem Rücken ihr zugewandt . Er war sehr groß – er überragte sie offenbar um ein Bedeutendes – und breit von Schultern . Jedenfalls war er im Begriffe , zu gehen , denn er hielt Hut und Stock in der Hand … Ah , das war also Doktor Bruck , von welchem Schwager Moritz vor acht Monaten , bei Gelegenheit der Verlobungsanzeige geschrieben hatte , daß er ihre schöne Schwester Flora schon als Gymnasiast heimlich geliebt , selbstverständlich aber damals nicht gewagt habe , zu dem geistreichen , hochgefeierten Mädchen emporzusehen , und nun sei er doch am schwererkämpften und errungenen Ziel – das war er also . Sie hatte seitdem die Verlobung eigentlich wieder vergessen , und auch während ihrer Herreise war ihr nicht ein einziges Mal eingefallen , daß sie ja ein Glied der Familie mehr vorfinden würde . Hatte das Seidenkleid der jungen Dame gerauscht – die angelehnte Thür hatte sich vollkommen geräuschlos in ihren Angeln gedreht – oder wehte ein reinerer Luftstrom mit ihr herein , die in der That so frühlingsfrisch auf die Schwelle trat , als gehe der Veilchenhauch , den man bereits in den letzten Märztagen zu spüren meint , von ihr aus – der Arzt drehte sich rasch um . „ Doktor Bruck ? Ich bin Käthe Mangold , “ sagte sie , sich kurz und flüchtig vorstellend ; dabei ging sie rasch an ihm vorüber und streckte Suse , die , in Bettkissen gepackt , zusammengekrümmt auf einem Lehnstuhle hockte , beide Hände entgegen . Die Alte starrte sie mit blöden Augen an . „ Ich komme da herein , wie vom Himmel geschneit , nicht wahr , Suse ? Aber gerade zur rechten Zeit , wie ich sehe , “ sagte sie und strich der Kranken die unordentlich um die Stirn hängenden greisen Haare unter die Nachthaube . „ Wie kömmt es , daß ich Dich hier finde , in dieser elenden Hinterstube ? Der Ofen raucht , und bei aller Glut , die er ausströmt , sitzen die Moderspuren an den Wänden . Hat man Dir nicht gesagt , daß Du in der Eckstube wohnen und im Alkoven schlafen sollst ? “ „ Ja wohl , das hat der Herr Kommerzienrat gesagt , aber es müßte doch da bei mir rappeln , “ sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Stirn , „ wenn ich mich mutterseelenallein in die gute Eckstube setzen wollte , wie eine Gnädige , oder gar wie die selige Schloßmüllern selber . “ Die junge Dame verbiß ein schalkhaftes Lächeln . „ Aber , Suse , hattest Du nicht auch beim Großpapa das Recht , Dich in der Wohnstube aufzuhalten ? Im Fenster stand Dein Spinnrad – ich habe Dir ’ s oft genug in Unordnung gebracht – und auf der Kommode Dein Nähkästchen … Ist ein Zimmerwechsel zulässig , Herr Doktor ? “ wandte sie sich ohne Weiteres an den Arzt . „ Dringend nöthig sogar , aber ich bin bisher auf einen entschiedenen Widerstand der Kranken gestoßen , “ versetzte er achselzuckend . Er hatte eine sonore und doch sanfte Stimme , die in diesem Augenblicke jenen moderierten Klang nicht verkennen ließ , den man dem Leiden gegenüber so leicht annimmt . „ Nun , dann wollen wir aber auch keinen Augenblick verlieren , “ sagte Käthe . Sie nahm das Pelzbarett ab , legte es auf Susens Bett und zog die Handschuhe aus . „ Nicht um die Welt bringen Sie mich ’ nüber , “ protestierte die Haushälterin . „ Fräulein Käthchen , tun Sie mir das nicht an ! “ bat sie weinerlich . „ Die Stube ist mein Augapfel ; ich putze und blinke alle Tage d ’ rin auf , seit mir der Herr Kommerzienrat gesagt hat , daß Sie kommen wollten . Erst vorgestern habe ich neue Vorhänge d ’ rin aufstecken lassen . “ „ Nun gut , so bleibe ! Ich hatte mir vorgenommen , wie in meiner Kindheit , Nachmittags den Kaffee in der Mühle zu trinken . Wenn Du aber so eigensinnig bist , dann komme ich gar nicht ; darauf kannst Du Dich verlassen . Ich bleibe ohnehin nur vier Wochen in M. – und dann magst Du Deine ‚ aufgeblinkte ‘ Stube mit den geschonten Gardinen präsentieren , wem Du Lust hast . “ Das half . In Gesicht und Haltung des jungen Mädchens lag so viel strafender Ernst , so viel Entschiedenheit , daß man sofort sah , sie habe nicht zum ersten Mal mit einer widerspenstigen Kranken zu tun . Suse zog aufseufzend den Stubenschlüssel unter ihrem Kopfkissen hervor und reichte ihn der jungen Dame hin , die nun auch rasch ihre Sammetjacke abstreifte . „ Die Eckstube ist jedenfalls nicht geheizt , “ sagte sie und griff nach dem Holzkorbe , der neben dem Ofen stand . „ Nein , das können Sie unmöglich , “ sagte Doktor Bruck mit einem Blick auf ihren eleganten Anzug . Er legte rasch Hut und Stock auf den Tisch . „ Es wäre sehr beschämend für mich , wenn ich das nicht könnte , “ versetzte sie ernsthaft , aber mit tieferrötheten Wangen – sie hatte seinen zweifelhaften Blick wohl bemerkt . Sie ging hinaus , und wenige Minuten darauf prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen , während Doktor Bruck die Fenster der Eckstube öffnete , um den lauen Märzodem erst noch einmal durch den mit dumpfer Scheuerluft erfüllten Raum strömen zu lassen . Käthe trat ein . „ Ich bitte , sich zu überzeugen , daß ich salonfähig geblieben bin , Herr Doktor , “ sagte sie , nicht ohne einen Anflug von Spott ihm ihre schlanken , rosigen Hände mit dem tadellos weißen Leinwandstreifen am Armgelenk hinstreckend . Ein ausdrucksvolles Lächeln ging über sein ernstes Gesicht , aber er schwieg und war bemüht , das südliche Eckfenster wieder zu schließen , durch welches der Zugwind die Eingetretene so derb anblies , daß das braune Lockengeringel von ihrer Stirn wegwehte . Auch der Vorhang blähte sich auf und flog in die Stube herein ; Käthe griff mit flinken Händen zu und suchte den steifen Faltenwurf wieder zu ordnen . „ Die gute Suse – wenn sie nur wüßte , welchen Streich sie mir spielt mit diesen Gardinen ! “ sagte sie halb lächelnd , halb verdrießlich . „ Ich muß das Zeug nun wohl oder übel hängen lassen , denn sie hat es sicher vom Vormund für mich erpreßt . Gemusterte Mullgardinen vor solchen Fensterbögen , in der schönsten mittelalterlichen Wohnstube , die sich denken läßt ! … Ich hatte mir vorgenommen , sie wieder einzurichten , wie sie vor drei Jahrhunderten gewesen sein mag – mit runden , bleigefaßten Glasscheiben , mit Klappsitzen von Eichenholz , hier zu beiden Seiten der Fensternischen in die Wand eingefügt und mit Polstern belegt , und dort auf die massive Hausthür , von der die Stufen herabführen , sollten neue Metallbeschläge kommen . Die alten hat jedenfalls erst der Großpapa abreißen lassen ; man sieht deutlich , wo sie gesessen haben . Und nun denken Sie sich die alte Suse mit ihrem Spinnrad in dem einen Fenster ! … Ich hatte mir das wirklich sehr hübsch und anheimelnd ausgedacht – nun werde ich ’ s bei ihr nicht durchsetzen . “ „ Aber ich begreife nicht – sind Sie denn nicht die Herrin ? “ „ O , die kann ich niemals herauskehren , wenn es dergleichen Wünsche gilt – ich kenne mich schon , “ versetzte sie fast kleinlaut . „ Darin bin ich entsetzlich feig . “ Der Kontrast zwischen diesem aufrichtigen Bekenntniß und der äußeren gebietenden Erscheinung der jungen Dame war so groß , daß es in der That eines scharfen Blickes in ihre rehbraunen Augen bedurfte , um sich zu überzeugen , daß sie vollkommen wahr spreche . Sie hatte ein nicht sehr großes , aber schöngeschnittenes klares Auge mit einem kühlen Blick ; er harmonierte mit der unbefangenen Sicherheit ihres ganzen Wesens . Wie ruhig und praktisch traf sie die Anstalten zur Aufnahme der Kranken ! Das Sopha wurde als Bett eingerichtet , der plumpe mit Leder bezogene Lehnstuhl des Schloßmüllers aus der Fensterecke tiefer in das Zimmer gerückt , damit kein Zuglüftchen die Patientin streife ; sie holte einen kleinen Tisch aus dem Alkoven und die weißgescheuerte Fußbank unter dem hochbeinigen Kanapee hervor – das geschah so unbefangen und selbstverständlich , als sei sie nie von der Mühle fortgewesen . Sie war aber auch so vertieft in ihre augenblickliche Aufgabe , daß man meinen konnte , sie habe die Anwesenheit des Mannes dort im südlichen Eckfenster ganz vergessen . Nur als sie die obere Schublade der Kommode aufzog und ein weißes Tuch mit rot eingewirkter Kante herausnahm , um es über das Tischchen vor dem Lehnstuhle zu breiten , wandte sie das Gesicht nach ihm und sagte : „ Es ist etwas Schönes um diese altbürgerliche Ordnung – Alles steht und liegt am altgewohntem Orte . So ist es gewesen , ehe ich geboren wurde , und während meiner sechsjährigen Abwesenheit sind die Einrichtungsgesetze unverrückt geblieben – man ist sofort wieder heimisch . “ Sie zeigte auf den Spiegel über der Kommode . „ Da hinter dem Rahmen guckt die Ecke des Hauskalenders , in den der Großpapa seine Notizen schrieb , und darüber steckt noch die Rute mit dem verblichenen Bande , die schon der Schrecken meiner Mutter gewesen ist . “ „ Auch der Ihrige ? “ „ Nein , mich kleines Ding beachtete der Großpapa nicht genug , um sich mit meiner Besserung zu befassen . “ Sie sagte das durchaus nicht bitter ; eher mit einer Art lächelnder Resignation . Dabei wischte sie den leichten Staubanhauch , der sich während Suse ’ s Kranksein abgelagert hatte , von den Möbeln und schloß auch die anderen Fenster . „ Hier auf dem Steinsims müssen nothwendig Blumen stehen ; ihr Duft soll meine arme Suse erquicken . Ich werde Schwager Moritz um einige Hyacinthen- und Veilchentöpfe aus dem Wintergarten bitten – “ „ Da werden Sie sich an die Frau Präsidentin Urach wenden müssen ; sie hat einzig und allein über den Wintergarten zu verfügen ; er gehört zu ihrer Wohnung . “ Das junge Mädchen sah ihn groß an . „ So streng ist die Etiquette drüben ? Zu Papas Lebzeiten war der Wintergarten Gemeingut der Familie . “ – Sie zuckte die Achseln . – „ Damals freilich war die vornehme Schwiegermutter meines Vaters nur dann und wann Gast in der Villa . “ Ihre klangreiche Stimme verschärfte sich ein wenig bei diesen Worten , aber sie warf gleich darauf den Kopf in den Nacken , als könne sie damit eine augenblickliche unangenehme Empfindung abschütteln , und setzte heiter lächelnd hinzu : „ Nun , dann um so besser , daß ich zuerst in die Mühle ging , um mich zu acclimatisieren ! “ Er verließ die Fensternische und trat zu ihr . „ Ob man Ihnen aber drüben nicht sehr verargen wird , daß Sie sich nicht sogleich in den Schutz der Familie begeben haben ? “ fragte er mit ernstem Nachdrucke , aber auch mit jenem Antheile , der zart einen Rath , einen Wink zu geben versucht , ohne zudringlich zu werden . „ Dazu hat man doch wohl nicht das Recht , “ versetzte sie rasch und lebhaft , während der leuchtende Karmin auf ihren Wangen sich verdunkelte . Dieses ‚ Drüben ‘ ist für mich gleichbedeutend mit der Fremde , in der ich den Familienschutz , wie Sie ihn nennen – nämlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit – nicht voraussetzen kann , auch nicht bei den Schwestern . Wir kennen uns gar nicht näher ; nicht einmal das dürftige Band eines kleinen Briefwechsels existiert zwischen uns – ich habe nur mit Moritz korrespondiert . Als Papa noch lebte , wurde Henriette bei ihrer Großmama erzogen . Wir sahen uns äußerst selten und auch dann nur unter der Aufsicht der Frau Präsidentin . Meine Schwester , die Kommerzienrat Römer , wohnte in der Stadt und starb auch sehr frühe . Und Flora ? Sie war sehr schön und sehr gescheidt ; sie war eine hochgefeierte junge Dame und machte bereits die Honneurs in unserem Hause , als ich noch tief in den Kinderschuhen steckte . Flora muß großartig beanlagt gewesen sein , weil man sich stets so namenlos bedrückt und eingeschüchtert in ihrer Nähe fühlte . Ich habe nie gewagt , sie anzureden , oder auch nur ihre wunderschönen Hände zu berühren , und noch heute fühle ich , daß es sehr unbescheiden von mir sein würde , wollte ich den Umgangston zwischen ihr und mir beanspruchen , wie er sonst zwischen Schwestern üblich ist . “ Sie unterbrach sich und sah ihm erwartungsvoll in das Gesicht , aber sein weggewendeter Blick schweifte über die Gegend draußen . Er ermutigte sie mit keiner Silbe – hatte er doch auch um das seltene Mädchen dienen müssen , wie Jakob um die Rahel . Möglicher Weise war er nicht einmal duldsam gegen die Schwesterliebe in dem Herzen , das sich ihm endlich zugeneigt . … Bei aller Milde und sanften Schlichtheit , die er wohl in Folge seines ärztlichen Berufes äußerlich angenommen , sah er doch aus , als könne er auch sehr ernstlich und entschieden auf seinem Rechte bestehen . „ Wie die Sachen stehen – die Villa ist ja nicht mehr mein Vaterhaus – kann ich dort nur als Gast , als Besuch gelten , wie jeder Andere auch , “ hob sie nach einer augenblicklichen Pause wieder an . „ Hier in der Mühle stehe ich auf meinem eigenen Grund und Boden ; da ist Heimathluft und Heimgefühl , und das alte Schieferdach droben und Franz und Suse werden mich und meine unmündigen achtzehn Jahre wohl ebenso treu beschirmen , wie es die Villa mit ihrer strengen Etiquette nur immer vermag . “ Ein mutwilliges Lächeln schwebte um ihren Mund . „ Uebrigens wird man über diesen ‚ Formfehler ‘ rascher hinweggehen , als Sie denken , Herr Doktor – man kann es von ‚ der Müllermaus ‘ nicht besser erwarten . “ Der Schmeichelname , mit welchem der Papa sie einst genannt , konnte nun allerdings nicht mehr gelten : Huschen und Schlüpfen und unversehens in einem Verstecke verschwinden – dieses Gesammtbild von zarter Gliedergeschmeidigkeit und furchtsamer Seele paßte nicht zu dem Mädchen , das der Welt den fleckenlos weißen Schild der Stirn so ruhig zukehrte , das seine kraftvollen , plastisch ausgeprägten Glieder bei aller jugendfrischen Regsamkeit dennoch mit einer Art von stiller Würde beherrschte . Allmählich kam eine behagliche Wärme vom Ofen her ; Käthe zog ein Flacon aus der Tasche und goß einige Tropfen Eau de Cologne auf die heiße Eisenplatte ; ein lieblicher , luftreinigender Duft verbreitete sich . „ Suse wird ganz feierlich zu Mute sein , wenn sie herüber kommt , “ sagte sie heiter und ließ ihre Augen noch einmal musternd durch die Stube gleiten ; es war Alles in Ordnung ; nur die Alkoventhür stand noch offen , und durch den breiten Spalt sah man gerade auf die bunten Nelkensträuße der Bettstelle , die drinnen in der Nähe des Fensters stand . Jetzt erst fiel der Blick des jungen Mädchens auf die plumpen wohlbekannten Blumengebilde , die einst das Entzücken ihrer Kinderseele gewesen waren – die ganze Rosenfrische wich plötzlich von ihren Wangen , selbst ihr roter Mund war blaß geworden . „ Dort ist mein Großpapa gestorben , “ flüsterte sie ergriffen . Doktor Bruck schüttelte den Kopf und zeigte schweigend nach dem südlichen Eckfenster . „ Sie waren bei ihm ? fragte sie hastig und trat ihm näher . „ Ja . “ „ Er ist so plötzlich gestorben , und Moritz hat mir den Trauerfall in so wenig eingehender Weise angezeigt , daß ich nicht einmal weiß , was die Ursache seines Todes gewesen ist . “ Der Doktor stand so , daß sie nur sein Profil sehen konnte ; er war sehr bärtig um Kinn und Lippen ; dennoch konnte sie bemerken , wie sich diese Lippen fest aneinander legten , als werde es ihnen schwer , zu antworten . Nach einem augenblicklichen Schweigen wandte er ihr langsam und voll das Gesicht zu und sah sie ernst an . „ Man wird Ihnen sagen , er sei an meiner Ungeschicklichkeit im Operieren gestorben , “ sagte er mit einer Stimme , der die innere Bewegung fast allen Klang nahm . Das junge Mädchen fuhr vor Schrecken und Bestürzung zurück ; ihr Auge streifte noch einmal den Mund , der gesprochen hatte , dann suchte es den Boden . „ Einzig und allein um Ihrer eigenen Beruhigung willen möchte ich Ihnen die Versicherung geben , daß das durchaus unwahr ist , “ fuhr er mit sanftem Ernste fort ; „ aber wie kann ich von Ihnen verlangen , daß Sie mir glauben sollen ? … Wir sehen uns heute zum ersten Male und wissen nichts von einander . “ Sie hätte sich mit einer einzigen oberflächlichen Phrase aus dieser peinvollen Lage helfen können , aber das fiel ihr nicht ein . Er hatte Recht – wie konnte sie wissen , ob er schuldlos , und die anklagende öffentliche Meinung im Unrechte sei ? Freilich trug seine ganze Erscheinung den Stempel einfacher Geradheit und Wahrhaftigkeit . Sie fühlte sogar heraus , daß es eigentlich seine Art gar nicht sein könne , ungerechten Verdächtigungen gegenüber auch nur ein Wort zu verlieren , ja , daß er sich in diesem Augenblicke mit seiner Versicherung gleichsam herablasse . Dennoch war sie nicht fähig , etwas auszusprechen , für das sie keine innere Rechtfertigung fand . Er hatte wohl auch keine Antwort erwartet ; denn er wandte sich ab , aber mit so viel Würde und stolzer Gelassenheit , daß in Käthe ein Gefühl plötzlicher Beschämung aufstieg und ihre Wangen heiß röthete . „ Darf ich die Kranke nun herüber bringen ? “ fragte sie mit unsicherer Stimme . Er bejahte , und sie verließ mit raschen Schritten das Zimmer . Drüben in der Hinterstube wischte sie sich die hervorquellenden Thränen von den Wimpern und ließ sich den erschütternden Vorgang von der Haushälterin erzählen . „ Die Geschichte hat dem Doktor in der Stadt schrecklichen Schaden gebracht , “ sagte Suse schließlich . „ Erst gab ’ s keinen Besseren und er hatte alle Hände voll zu tun , und nun sagen sie auf einmal , er verstände seine Sache nicht . So sind eben die Menschen , Fräulein Käthchen . Und er ist nicht schuld an dem Unglücke . Es war Alles gut ; ich hab ’ s ja mit meinen eigenen Augen gesehen . Aber da sollte sich der Schloßmüller ganz ruhig verhalten – ja , der und ruhig ! Ich weiß am besten , wie er beim kleinsten Aerger gleich kirschbraun wurde . Da darf nur der Franz draußen zu laut gesprochen haben , oder der Wagen ist zu schnell in den Hof gefahren – da hat schon die Wut in ihm gekocht . So war er . Ich hab ’ genug mit ihm ausgestanden , und zum Dank dafür hat er mich auch mit keinem Pfennig bedacht “ – sie lachte scharf und zornig auf – „ wenn Sie nicht für mich sorgten , da könnte ich jetzt betteln gehen . “ Käthe hob unwillig warnend und Schweigen gebietend den Zeigefinger . „ Nun meinetwegen auch – ich will still sein , “ grollte die Alte und ließ es still geschehen , daß das junge Mädchen ihren vertrockneten Körper wie ein hülfloses Kind in Decken und Kleider einmummte . „ Es tut mir nur leid , daß so ein guter Herr , wie der Doktor , deswegen nun angeschwärzt wird und sein Brod verliert , und seine arme Tante , für die er sorgt und arbeitet , dauert mich auch . Sie hat ihn von ihrem Bischen Vermögen studieren lassen , die alte Frau Diakonus . Sie wohnt bei ihm ; er ist immer ihr ganzer Stolz gewesen – und nun muß sie das mit erleben . “ – Käthe machte der Mittheilung , die sehr ins Breite zu gehen drohte , ein Ende , indem sie die Kranke vorsichtig aus dem Lehnstuhle hob . Sie war der früheren Heimath zu sehr entfremdet und wurzelte mit ihrem Denken und Empfinden viel zu sehr in ihrem Dresdener Heim , um sich für die Privatverhältnisse dessen so rasch zu erwärmen , der Flora ’ s Bräutigam war . Allerdings bedauerte sie den Arzt in ihm , dem das Mißlingen einer Kur so plötzlich Existenz und Stellung gefährdete , allein das Weh um den Großvater , der jedenfalls schwer gelitten hatte , überwog bei Weitem auch diesen Antheil . Halb und halb getragen von den starken Armen des jungen Mädchens , hinkte Suse über den Vorsaal . Die Thür der Eckstube war offen , und am Fuße der herniederführenden Stufen stand Doktor Bruck mit ausgestreckten Händen , um die Leidende in Empfang zu nehmen und ihr herabzuhelfen . … Es war eine charakteristische Gruppe , die der Thürrahmen einen Augenblick umschloß . Käthe hatte sich den gesunden Arm der Kranken um den Nacken gelegt und hielt die knochige braune Hand mit ihren rosigen Fingern auf der linken Achsel fest , während ihr rechter Arm die Hüften Susens umschlang . Ausdrucksvoller konnte die opferwillige Barmherzigkeit nicht verkörpert sein , als in diesem Mädchen , das , seitlich über die gekrümmte Hülflose gebeugt , ihr strahlend junges Gesicht an den grauen Scheitel , die runzelvolle Wange des alten Frauenkopfes legte . Nach wenigen Minuten saß Suse bequem und weich gebettet in der luftigen Stube . Sie musterte ängstlich die famosen Vorhänge , entsetzte sich über das Bett auf dem „ stolzen Kanapee “ und bemühte sich vergeblich , ihre Freude darüber zu verbergen , daß sie nun wieder jeden Sack zählen konnte , der drunten im Hofe auf- und abgeladen wurde . Die junge Dame sah nach ihrer kleinen goldenen Uhr . „ Es wird Zeit , mich in der Villa vorzustellen ; sonst gerathe ich möglicher Weise mitten in den stolzen Theezirkel der Frau Präsidentin , “ sagte sie mit der anmutigen Geste eines leichten Schauders und zog die Handschuhe aus der Tasche . „ In einer Stunde komme ich wieder und koche Dir eine Suppe , Suse – “ „ Mit den feinen Händen ? “ Mit den feinen Händen , versteht sich . Glaubst Du denn , ich lege sie in Dresden in den Schoos ? … Hast doch meine Lukas gekannt , Suse – sie ist heute wie damals ; da heißt es , Hand und Fuß rühren und die Zeit ausnutzen . Du solltest sie nur einmal sehen ! Sie ist eine Frau Doktorin geworden , die ihres Gleichen sucht . “ Damit verließ sie das Zimmer , um sich in Susens Stübchen zum Fortgehen zu rüsten . Der Mann war nicht groß . Er war kleiner als das junge Mädchen – er sah sprachlos in das blühende Gesicht , das er zum letzten Male gesehen , wie es , noch nicht einmal in der Höhe seiner breiten Schultern , auf einem schmächtigen Kindeskörper gesessen ; sie hatte „ das Müllermäuschen “ geheißen und war ihm in der Mühle und auf dem Kornboden , in der That quecksilbern wie eine Maus , auf Schritt und Tritt nachgehuscht – und jetzt war sie die Herrin hier , und er , der ehemalige Obermüller , ihr Pächter . „ Kurios , “ sagte er , in unbeholfener Verlegenheit den Kopf schüttelnd , „ die Grübchen in den Backen und die Augen sind ’ s noch , aber , aber das unmenschliche Wachstum ! “ Er ließ seine Augen scheu und ungläubig messend an der hohen Gestalt emporgleiten . „ Na ja , da hat eben der Trieb von der Sommers-Großmutter her dahinter gesteckt ; die war auch so wie Milch und Blut und – „ wollt ihr wohl still sein , ihr Racker ! “ unterbrach er sich scheltend und drohte mit der Faust nach den unaufhörlich bellenden Hunden . „ Die Schlingel kennen Sie wirklich noch , gnädiges Fräulein – “ „ Besser als Sie ; das ‚ unmenschliche Wachstum ‘ hat sie nicht irre gemacht , “ versetzte sie , zu den Hunden tretend und die hoch an ihr aufspringenden Thiere streichelnd . „ Sie titulieren mich ja wunderlich , Franz . Ich bin nicht avanciert in Dresden , das kann ich Ihnen versichern . “ „ Aber die Fräuleins drüben in der Villa lassen sich ja auch so benennen , “ sagte er mit steifem Nacken und starrköpfig . „ Ah so ! “ „ Und Sie sind doch zehnmal mehr . So jung und schon so reich , so unmenschlich reich ! Die Mühle da , die schönste weit und breit – Sapperment , das will was heißen ! Herrje – nur ein Mädchen , und kaum achtzehn Jahre alt , und das Kommando über eine solche Mühle ! “ Sie lachte . „ Das steht mir allerdings zu , und ich will Ihnen das Leben schon sauer machen , alter Franz . … Wo steckt denn Suse ? “ „ Die hat Stubenarrest , hat ’ s wieder einmal in der rechten Seite , das arme , alte Frauenzimmer . Die Hausmittel wollen nicht mehr recht verfangen . Doktor Bruck ist eben bei ihr . “ Die junge Dame reichte ihm die Hand und trat sofort in das Haus . Die schwere Bohlenthür fiel rasselnd , mit gellendem Geklingel hinter ihr zu , und der Lärm hallte von allen vier Wänden des weiten Flurs zurück . … Unter den Füßen der Eingetretenen schütterte der Boden sehr stark . Das Tosen und Stampfen des Mahlwerkes dröhnte dumpf durch die kleine , klaffende Thür im gewölbten Steinbogen , und der Duft des frisch zermalmten Kornes füllte kräftig durchdringend die Luft . In tiefen Zügen sog ihn das junge Mädchen ein – eine ganze Flut von Erinnerungen überwältigte sie ; sie wurde blaß vor innerer Bewegung