es sich bei dieser Vermählung wie um ein Geschäft handelte ; er war selbst zu sehr Weltmann und Kavalier , um ein solches Uebereinkommen nicht ganz in der Ordnung zu finden ; aber die spukhafte Einsamkeit ging dem kleinen Beweglichen denn doch » über den Spaß « – es lief ihm fröstelnd über den Rücken , und er atmete ängstlich auf , als endlich der Flügel der gegenüberliegenden Thür feierlich langsam zurückgeschlagen wurde . Von Ulrike gefolgt , trat die Braut am Arme ihres Bruders ein . Der Schleier fiel über ihr Gesicht bis auf die Brust herab , vom Hinterkopfe aber wallte er auf den Saum des weißen Tüllkleides nieder , das in strenger Einfachheit am Halse schloß und nur mit einigen Myrthenzweigen besteckt war – da war kein Faden der silberstrotzenden Robe zu sehen ; die einfachste Bürgerbraut konnte nicht bescheidener geschmückt sein . Sie kam mit gesenkten Augen näher und bemerkte so weder den großen , befremdeten Blick , mit welchem Baron Mainau sie maß , noch den darauffolgenden spöttisch mitleidigen Ausdruck in seinen Zügen – aber die schauerte in sich zusammen , als ihre Mutter in jähem Schrecken auf sie losfuhr . » Was soll das heißen , Mädchen ? Wie siehst du denn aus ? Bist du toll ? « Das war der Weihespruch , mit welchem die ergrimmte Frau das junge Mädchen auf seinem ernsten Gange begrüßte . Sie war so empört und vergaß sich so weit , daß sie die Hand hob , um die Tochter über die Schwelle zurückzuschieben . » Du gehst sofort auf dein Zimmer und machst andere Toilette « – sie verstummte unwillkürlich ; Baron Mainau hatte die dräuende Hand erfaßt ; er schwieg , aber mit Blick und Gebärde verbat er sich so energisch jegliche weitere Auslassung , daß sich schlechterdings nichts mehr sagen ließ . Hinter einem der zurückgeschlagenen Thürflügel belauschte die alte Lene mit stockendem Atem den Vorgang und wartete nun mit wahrer Inbrunst auf den Moment , wo der Bräutigam ihre » schöne , schlanke Gräfin « in seine Arme nehmen und herzhaft küssen werde ; » aber dem Stock , dem steifen Peter « fiel das gar nicht ein – mit einigen freundlichen Worten zog er die herabhängende Hand der Braut so leicht und flüchtig an seine Lippen , als fürchte er , sie zu zerbrechen – dabei überreichte er ihr ein prachtvolles Boukett . » Blumen haben wir selber , « grollte die Alte und ließ ihren Blick den Korridor entlang schweifen , den sie dick mit Tannengrün und Blumen bestreut hatte ... Gleich darauf rieselte das verhängnisvolle Tüllkleid über alle die Monatsrosen und Geraniumblüten , und die Gräfin Mutter , welche nach Fassung ringend am Arm des bestürzten Herrn von Rüdiger dem Brautpaar folgte , kehrte mit ihrer schweren Samtschleppe die armen Dinger auf einen Haufen zusammen ... Die steinernen Apostelköpfe , die Kanzel und Altar der Rudisdorfer Schloßkirche umkreisten , hatten wohl oft auf ein blasses , freudloses Brautgesicht niedergesehen , hatten manchmal das » Ja « von männlichen Lippen leidenschaftslos und kaltgeschlossen aussprechen hören – denn es war niemals Sitte im Trachenberger Hause gewesen , die Töchter um ihre Meinung zu befragen , noch der » sentimentalen Liebe « irgend welche Berechtigung zuzugestehen – aber noch nie war eine Trauung so ohne Sang und Klang vollzogen worden . Der Bräutigam hatte sich alle müßigen Zeugen und Gaffer ernstlich verbeten . Was würden sie auch alles zu flüstern gehabt haben über den schönen Mann , der allerdings ritterlich galant seine Braut führte , aber keinen Blick für die hatte ! Nur einmal , als sie knieend den Segen empfing , schien es , als gleite sein Auge momentan gefesselt an ihr nieder – ihre Flechten hingen über die Schultern hinab und lagen lang und schwer , wie träge , in rotem Gold funkelnde Schlangen , neben ihr auf dem weißen Steingetäfel des Fußbodens . Und nach der Zeremonie , wie trieb der Mann zur Eile ! Der Geistliche hatte zu lange gesprochen , und der nächste Zug sollte um keinen Preis versäumt werden ... Noch während der Trauung waren einzelne Regentropfen gegen das bunte Glas der Kirchenfenster geflogen – die einzige Musik , welche flüsternd die Einsegnungsformel begleitet hatte – nun brach die Sonne durch das zerflatternde Grau droben ; sie entzündete in der bleifarbenen Fontänensäule tausend zuckende Lichter ; sie lief durch die dunkle feuchtatmende Allee , über das wogende Gras hin und wischte mit ihrem Feuersaum die Thränentropfen von den Blumenblättern ; aber sie funkelte auch in den getriebenen Löwenköpfen des mächtigen silbernen Eiskübels , der mit der ganzen Anmaßung einer glanzvollen Vergangenheit im Gartensalon neben dem Frühstückstisch stand – er konnte freilich nicht wissen , daß mancher alte , brave Kamerad , der Jahrhunderte hindurch neben ihm im Silberschranke gestanden , inmitten der Eisstücke und unter der Cliquot-Etikette vergeistigt moussierte ... Man nahm das Frühstück stehend ein . Die drei Geschwister aber rührten keinen Bissen an und beteiligten sich auch nicht an dem Gespräche , das der Geistliche angeregt . Sie standen zusammen und sprachen halb flüsternd , und Graf Magnus hielt mit thränenverschleiertem Blick Lianens Hand – erst in diesem Augenblicke schien sich der stille , menschenscheue Gelehrte bewußt zu werden , was er verlor . » Juliane , darf ich bitten ? – Es ist Zeit ! « sagte plötzlich Baron Mainau in das Stimmengesurr hinein – er war an die Braut herangetreten und hielt ihr seine Uhr hin , die ihre kalten Brillantblitze über sie hinschleuderte . Sie fuhr erschrocken zusammen – zum erstenmal wurde sie von dieser Stimme beim Namen genannt ; er sprach ihn mit freundlicher Zuvorkommenheit aus , dennoch – wie hart , wie fremd klang er ihr in seiner Unverkürztheit ! Selbst die strenge , liebeleere Mutter hatte sie nie so gerufen ... Sie verbeugte sich leicht gegen ihn und die Anwesenden und verließ , von Ulrike begleitet , den Salon . Schweigend , aber wie gejagt , eilten die Schwestern treppauf , in das gemeinschaftliche Wohnzimmer . » Liane , er ist schrecklich ! « schrie Ulrike auf , als die Thür hinter ihnen zugefallen war – und in einen Thränenstrom ausbrechend , warf sich das sonst so unerschütterliche ruhige Mädchen auf das Sofa und vergrub ihr Gesicht in den Kissen . » Still , still – mache mir das Herz nicht schwer ! ... Hast du es anders erwartet ? – Ich nicht , « beschwichtigte Liane , während ein bitteres Lächeln schattenhaft über ihr tieferblaßtes Gesichtchen glitt . Sie nahm die schöne Myrthenkrone vorsichtig aus dem Haare und legte sie in den Schrein , der bis dahin alle kleinen Andenken aus der Pensionszeit in sich geschlossen ... In wenigen Minuten war die Brauttoilette mit dem grauen Reisekleide vertauscht ; der runde , mit einem dichten grauen Schleier besteckte Hut wurde unter dem Kinne gebunden und die Hände glitten in die Handschuhe . » Und nun noch einmal zu Papa ! « sagte Liane gepreßt und griff nach dem Sonnenschirme . » Nur noch einen Augenblick – « bat Ulrike . » Halte mich nicht zurück – ich darf Mainau nicht warten lassen , « versetzte die junge Dame ernst . Sie umschlang die Schultern der Schwester und trat mit ihr über die Schwelle . Die sogenannte Marmorgalerie lag in der Bel-Etage und lief in der gleiche Richtung mit der drunten sich hinbreitenden Terrasse , auf welche der Gartensalon mündete . Die Schwestern durchschritten sie , umfangen von der tiefen Dämmerung , welche die festgeschlossenen Läden verbreiteten , in ihrer ganzen ungeheuren Länge bis an das äußerste Ende , wo das Tageslicht , dünn und gespenstig hereinschlüpfend , bleiche Reflexe in dem spiegelglatten , rötlich glänzenden Marmorfußboden weckte . Ulrike stieß den Laden geräuschlos auf ; alle die Porträts der geharnischten Männer mit dem feurig roten Schnurrbarte und den dräuenden Mienen blieben tief im Dunkel ; der volle Sonnenschein konzentrierte sich verklärend auf dem Bildnisse einer erwürdigen Greisengestalt , welche die volle weiße Hand auf den Tischteppich gelegt , vor einem braunen Samtvorhange saß . Das unschöne Wahrzeichen der Trachenberg , das rotflammende Haupt- und Barthaar , hatte sich hier in seiden-weiches Silber umgewandelt und lag voll und glänzend auf dem Scheitel und der Oberlippe . » Lieber , lieber Papa ! « flüsterte Liane und hob die gefalteten Hände zu ihm empor – sie war sein Stolz , sein Liebling , sein Nesthäkchen gewesen , dessen Köpfchen oft schlafend an seiner Brust gelegen und das er noch im schweren Todeskampfe mit der unsicheren Hand schmeichelnd geliebkost hatte ... Seitwärts dämmerte ein Frauenbild , eine hagere , steifgestreckte Gestalt ; ihre Schleppe umsäumte Hermelin ; auch die entblößten Schultern hoben sich spitz und gelb aus dem weißen Pelze , und auf der hohen Frisur saß ein feines Krönchen – das war Lianens Großmutter väterlicherseits , auch eine Prinzessin , aber aus einem kleinen souveränen Fürstenhause . In diesem steifgeschnürten Leibe hatte kein warmes Herz geklopft – die hellen kalten Augen stierten unbarmherzig auf die Enkelin nieder , die niedergeschlagen , mit thränenumflorten Blicke das alte Erbschloß verließ , um dem Glanze und Reichtume entgegen zu gehen . Sie reckte den dürren Arm mit dem elfenbeinbesetzten Fächer in die Tiefe der Galerie hinein , als wollte sie , mit dieser Bewegung über die Bilderreihe hingleitend , sagen : » Lauter Konvenienzheiraten , auserwählte Geschlechter , berufen nicht zum Lieben , wohl aber zum Herrschen bis in alle Ewigkeit ... « Und es klang , als gehe ein Flüstern von Lippe zu Lippe – es war aber nur der Zugwind , der hereinsäuselte und den erdentstiegenen Duft , den der Regen geweckt , bis hinunter an die uralten Holztafeln mit den Geharnischten trug ... Draußen auf der Terrasse wurde es aber auch lebendig von Männerschritten , die langsam wandelnd vom Gartensalon herkamen und erst am äußersten Ende in gleicher Richtung mit dem offenen Galeriefenster verstummten . Die Schwestern blickten verstohlen hinab . Baron Mainau stand an der Terrassenbrüstung und sah halb abgewendet in die Gegend hinaus – ein vollständig anderer als der kühle , gehaltene Bräutigam , der bei der Zeremonie pünktlich und tadellos seine Schuldigkeit gethan , nun aber auch mit sichtlichem Wohlbehagen alles abzuschütteln suchte , was seine stolze , aber auch feurig gewandte Erscheinung für Augenblicke gleichsam in eine Schablone gezwungen hatte . Er war vollkommen reisefertig und hatte sich eine Zigarre angebrannt , deren blaue Wölkchen bis hinauf in die Marmorgalerie stiegen . » Ich sage nicht › Schönheit ‹ – mein Gott , wie vieltausendfältig ist auch der Begriff ! « fuhr Freund Rüdiger fort , dessen etwas hohe , weiche Stimme schon während der Wanderung in einzelnen Lauten heraufgeklungen war – jetzt hörte man scharf und klar jede einzelne Silbe . » Nun ja , diese kleine Liane hat weder eine römische , noch eine griechische Nase – bah , ist auch gar nicht nötig – das Gesichtchen ist so unsagbar lieblich . « Baron Mainau zuckte die Achseln . » Hm , ja , « sagte er in unverkennbar persiflierendem Tone , » ein sittig und bescheiden Mägdelein von furchtsamem Charakter , mit schwärmerischen Mienen und blassen Veilchenaugen à la Lavallière – was weiß ich « – er brach wie gelangweilt ab und zeigte mit einer lebhaften Bewegung in die Landschaft hinaus . » Da sie ' mal her , Rüdiger ! Der Mensch , der den Rudisdorfer Park angelegt hat , ist wirklich ein genialer Kopf gewesen – effektvoller könnte doch der hochgelegene Renaissancebau da drüben nicht herausgehoben worden sein als durch diese wundervolle Buchengruppen . « » Ach was ! « versetzte Herr von Rüdiger geärgert . » Dafür habe ich nie Augen gehabt , das weißt du ... Ein schönes Frauenauge , ein schönes Frauenhaar – tausend noch einmal , war waren das für Flechten , die am Altare heute zu deinen Füßen lagen ! « » Eine etwas verblaßte Schattierung der Trachenbergschen Familienfarbe , « sagte Mainau leichthin . » Meinetwegen ! Das Titianhaar ist ja jetzt en vogue – die Romane wimmeln von rotköpfigen Heldinnen , die alle unsäglich geliebt werden – Geschmacksache ! ... An einer Geliebten wäre es mir undenkbar , aber bei meiner Frau – ! ! « Er stäubte am Terrassengeländer die Asche seiner Zigarre und rauchte behaglich weiter . Liane zog instinktmäßig den dichten Schleier über das Gesicht ; nicht einmal die Schwester , die in wortlosem Grimme und Schmerze auf den Sprechenden hinunterstarrte , durfte die tiefe Glut der Scham , der Demütigung auf ihren Wangen sehen . – Drüben umkreiste die Gräfin Trachenberg an der Seite des Geistlichen das Parterre ; sie kam rasch näher und eilte die Treppe der Terrasse herauf . » Auf ein Wort , bester Raoul ! « bat sie und legte ihren Arm in den seinigen . Langsam mit ihm auf und ab gehend , plauderte sie über alltägliche Dinge , bis die beiden anderen Herren sich so weit entfernt hatten , daß sie kein Wort mehr auffangen konnten . » Apropos , « sagte sie plötzlich stehen bleibend , » du wirst meinem besorgten Mutterherzen Rechnung tragen und mich nicht für gar zu indiskret halten , wenn ich noch im letzten Augenblicke eine penible Angelegenheit berühre – darf ich erfahren , wieviel Nadelgeld du Lianen zugestehst ? « Die Schwestern konnten sehen , wie er amüsiert die Frau mit dem » besorgten Mutterherzen « fixierte . » Genau so viel , wie ich meiner ersten Frau zugestanden habe – dreitausend Thaler . « Die Gräfin nickte befriedigt . » Die kann sich freuen – ich war als junge Frau übler dran . « – Der Mann neben ihr belächelte spöttisch den tiefen Seufzer , den sie ausstieß . – » Und nicht wahr , Raoul , du bist auch ein wenig gut mit ihr ? « setzte sie affektiert gefühlvoll hinzu . » Was verstehen Sie darunter , Tante ? « fragte er , sofort seinen Schritt hemmend , mit mißtrauischem Blicke und in sehr scharfem Tone . » Halten Sie mich für so plump und taktlos , daß ich gegenüber meiner Frau , der Trägerin meines Namens , jemals die schuldige Artigkeit aus den Augen setzen könnte ? ... Wollen Sie aber mehr , dann ist es gegen die Abrede . – Ich brauche eine Mutter für meinen Knaben und eine Herrin für mein Haus , die mich in meiner Abwesenheit vertritt – und ich werde viel , sehr viel abwesend sein . Das alles wissend , haben Sie mir Juliane als ein sanftes , weibliches Wesen zugesagt , das sich vortrefflich in die Stellung finden werde ... Liebe kann ich ihr nicht geben ; ich bin aber auch gewissenhaft genug , in ihrem Herzen keine wecken zu wollen . « Schmerzlich aufweinend breitete Ulrike ihre Arme aus und zog die Schwester an ihr Herz . » Um Gott – ereifere dich doch nicht , Raoul ! « bat eingeschüchtert die Gräfin drunten . » Du hast mich völlig mißverstanden . Wer spricht denn von einem so sentimentalen Verhältnis ? Das könnte doch mir am allerwenigsten einfallen ... Ich appelliere einfach an deine Nachsicht . Du hast ja heute selbst gesehen , wie weit das › ewig Weibliche ‹ in seiner Bescheidenheit gehen kann – uns einen solchen Streich zu spielen mit der Brauttoilette ! « » Lassen Sie das , Tante – Juliane kann darin handeln , wie sie Lust hat . Wenn sie sich in die Verhältnisse zu schicken weiß – « » Dafür stehe ich ein ... Gott – es ist ja so unsäglich traurig , es ausprechen zu müssen – aber Magnus ist eine Schlafmütze , ein Mann ohne alle Energie , eine Null , allein was ich an ihm verabscheue , das ziert seine Schwester – Liane ist ein unbeschreiblich harmloses Kind , und wenn erst Ulrike , der böse Geist meines Hauses , nicht mehr auf sie einzuwirken vermag , dann kannst du sie um den Finger wickeln . « » Mama ist sehr rasch in ihrem Urteil , « sagte Liane bitter , während die Schritte der Sprechenden drunten sich immer weiter entfernten . » Sie hat sich nie Mühe gegeben , einen Blick in mein Seelenleben zu werfen – wir waren zu allen Zeiten Fremden überlassen ... Warum weinst du , Ulrike ... Wir dürfen auf den kalten Egoisten da unten keinen Stein werfen – habe ich denn mein Herz befragt , als ich meine Hand in die seinige legte ? Ich habe › Ja ‹ gesagt aus Furcht vor Mama – « » Und aus Liebe zu mir und Magnus , « ergänzte Ulrike mit so tonloser Stimme , als sei sie für immer gebrochen an Leib und Seele . » Wir haben alles aufgeboten , dich zu überreden ; wir wollten dich retten aus der Hölle unseres Hauses und sind nicht einen Augenblick im Zweifel gewesen , daß du Liebe finden müßtest , wohin du auch kämest – und nun wird sie dir so systematisch verweigert ... Du , so jung – « » So jung ? ... Ulrike , ich werde im nächsten Monat einundzwanzig Jahre alt ; wir haben viel Bitteres und Schmerzliches zusammen verlebt – ich bin durchaus nicht das Kind an Erfahrung und Lebensanschauung , als welches Mama mich eben hingestellt hat ... Laß mich ohne Sorge mit Mainau gehen – ich will seine Liebe nicht , und bin stolz genug , ihn darüber nie im Zweifel zu lassen . Meine Institutszeugnisse bezüglich der Sprachfertigkeit geben mir sehr viel Mut – die Baronin Mainau zieht heute in Schönwerth ein , in Wahrheit aber nur die Erzieherin des kleinen Leo . Ich habe dann einen edlen Wirkungskreis und kann vielleicht manches Gute stiften – mehr will ich nicht für mein ganzes Leben ... Lasse und jetzt Abschied nehmen , Ulrike – bleibe hier bei Papa , während ich das Haus verlasse ! « Sie umarmte die zurückbleibende Schwester wiederholt und stürmisch , dann flog sie , ohne noch einmal die Augen zurückzuwenden , durch die Marmorgalerie hinüber in das Wohnzimmer ihrer Mutter . Dort stand Magnus am Fenster und sah nach dem Wagen , der bereits am Fuße der Freitreppe hielt ; die Gräfin Trachenberg kam eben mit den drei Herren über den Schloßhof her . Es war gut , daß sie nicht sehen konnte , wie ihr Sohn , die » Schlafmütze « , der » Mensch ohne alle Energie « , bitterlich weinend die Schwester umfangen hielt – wie würde sie gezürnt haben über diesen herzzerreißenden Abschied , der » so wenig standesgemäß « war ! Liane stieg mit festen Schritt , den Schleier über das Gesicht gezogen , die Treppe hinab . » Geh mit Gott und meinem Segen , liebes Kind ! « sagte die Gräfin mit theatralischer Gebärde und ließ die Hand einen Moment über dem Haupte der Tochter schweben ; dann hob sie den Schleier empor und berührte die weiße Stirn der jungen Frau mit kühlen Lippen . Wenige Minuten darauf rollte der Wagen auf der Chaussee , die nach der nächsten Eisenbahnstation führte . 5. Nach vierstündiger Fahrt stiegen die Reisenden auf dem Bahnhof der Residenz aus . Hier trat bereits das neue Leben in all seinem Glanz an die junge Frau heran . Die Equipage , die sie erwartete , um sie nach dem eine Stunde entfernten Schönwerth zu bringen , fiel auf durch das Feenhafte ihrer ganzen Ausstattung – man mußte sich sofort sagen , da der mattsilbern schimmernde , milchweiße Atlas im Fond nur bestimmt sein könne , eine junge , verwöhnte Schönheit zu umschmiegen – das staubgraue , schlichte Reisekleid der jungen Dame , die sich still gelassen in die Ecke zurücklehnte , sah demnach fast aus wie die dürftige Hülle eines Köhlerkindes , das ein verliebter Märchenprinz im Walde aufgelesen hat und in sein Schloß entführt . Während Herr von Rüdiger den Platz neben Liane einnahm , schwang sich der Baron Mainau auf den Bock und ergriff die Zügel . Er saß stolz nachlässig droben ; das von im beherrschte Gespann aber brauste wie tollkühn die glatte , breite Chaussee hin , die einen Teil des Parkes quer durchschnitt ... Dort blinkte der Teich auf , und über den Fischerdörfchen kreiste ein Flug weißglänzender Feldtauben , sonst war es totenstill und verlassen da drüben . Nun lief die Fahrstraße zwischen dichtgedrängten Waldbaumriesen hin , die ihr nur widerwillig Raum gaben – hier und da ließ ein jäh vorbeifliegender schmaler Durchhau die sonnige Landschaft draußen wie einen Edelstein im Baumdunkel aufblitzen . Da flog plötzlich , auf fünfzig Schritt Entfernung , seitwärts aus dem Dickicht eine Reiterin mitten auf die Chaussee – fast schien es , als stelle sie die heranbrausende Equipage . » Mainau – die Herzogin ! « rief Herr von Rüdiger , erschrocken auffahrend ; aber schon hemmte das herrliche Gespann , infolge einer einzigen Bewegung seines Lenkers , den rasenden Galopp und ging im Schritt ... Eine zweite Dame sprengte aus dem Walde und folgte der Herzogin . Sie kamen rasch näher . So mag man sich den über das Schlachtfeld reitenden Todesengel denken , wie diese fürstliche Reiterin im langwallenden schwarzen Gewande , unter den in den Nacken zurückgeworfenen bläulich-schwarzen Haarmassen – zu schwer , als daß sie der Windhauch zu heben vermochte – das schöne , aber gespenstig farblose Antlitz , das in diesem Augenblick selbst auf den Lippen nicht die leiseste Färbung der lebendig rollenden Blutwelle zeigte . » Glück zu , Baron Mainau ! « rief sie mit einer stolz grüßenden Handbewegung ihm entgegen , der sich tief vor ihr neigte . Welcher Hohn lag in diesen fast schleppend langsamen , und doch so scharf accentuierten Lauten der vollen , tiefen Frauenstimme ! ... Hatte sie eine unvorsichtige Bewegung gemacht , oder scheute das schöne , feurige Tier , das sie ritt – genug , es trug sie plötzlich mit einem wilden Satze dicht an den Schlag des langsam vorüberrollenden Wagens . » Bleiben Sie sitzen , Herr von Rüdiger ! « winkte sie dem Emporschnellenden herablassend zu , ohne ihn anzusehen – ihre flammenden Augen suchten vielmehr in verzehrender Unruhe den herabgelassenen Schleier der erschrockenen jungen Frau zu durchdringen – im nächsten Augenblick schon stoben die Reiterinnen wieder dahin ; einige Sekunden lang jagten die zwei Pferde , Leib an Leib , nebeneinander , und die geschmeidige Hofdame bog sich zu ihrer Herrin hinüber . » Diese kleine , graue Nonne ist wirklich ein Trachenbergscher Rotkopf , Hoheit « , rief der hübsche Mädchenmund ungeniert . Das Rädergeroll verschlang den Zuruf ; aber Baron Mainau , der sich zurückgewendet hatte , sah die bezeichnende Gebärde der Dame – er lächelte ; Liane sah zum erstenmal dieses stolze Lächeln des Triumphes , der befriedigten Eitelkeit , sah zum erstenmal seine Augen in jenem Feuer aufstrahlen , das so gefährlich war . Die Ecke , in der seine junge Frau saß , hatte sein Blick nicht einmal gestreift – diese absolute Indolenz und Gleichgültigkeit war so sichtlich unbewußt , daß selbst Freund Rüdiger einsah , sie habe mit jener affektierten geringschätzenden Ruhe nichts gemein , die der schöne Mann aus Caprice oft den blendendsten Frauen gegenüber zeigte . Die Apfelschimmel brausten wieder über die Chaussee hin , so wildtosend und schwindelnd schnell , als habe die schöne , bleiche Fürstin mit ihrem » Glück zu ! « alle Glut in den Adern des Lenkers zur Flamme geschürt . Der Blick der jungen Frau hing an jeder seiner Bewegungen . Die Begegnung im Walde hatte plötzlich ein Streiflicht auf die neuen Verhältnisse geworfen – nun wußte sie , weshalb Mainau ihr niemals Liebe geben konnte . Die letzten Waldbäume flogen vorüber , dann ging es bergab in das Schönwerther Thal , durch Anlagen , mit denen sich der herzogliche Park nicht messen durfte . Eine Zeitlang lief ein hohes Gitter , fein wie Spinnweben , in gleicher Richtung mit dem Fahrweg ; weit drinnen , von diesem durchsichtigen Drahtschleier grau verhangen , hoben sich fremdartige Wipfel in die blaue Luft ; aus ungeheuren Staudenkelchen dämmerten glühende Blütenrispen herüber , wie Korallenschnüre aus grüner Meerflut . Dann drängte sich sekundenlang eine Wand von Mimosengesträuch verdunkelnd an das Gitter – sie zerriß , und erschreckend jäh trat ein grellbemalter Hindutempel mit goldstrahlenden Kuppeln hervor ; an seine breit herniedersteigende Marmortreppe klopften die bläulich durchsichtigen Wasser eines großen Weihers und im Vordergrunde , auf dem feingeschorenen Uferrasen stand ein mächtiger Stier , die breite Stirn majestätisch nach dem vorüberrollenden Wagen gewandt ... Das war wie ein sonnengoldener , über das märchenhafte Indien hinflatternder Traum – mit dem Ende des Drahtnetzes erlosch er spurlos ; da rauschten wieder ehrwürdigen Linden , und die dunklen Fichten hingen greisenhaft ernst ihre langen Bärte über die jungen weißen Kleeblüten der Wiesen . Noch einen kühnen Bogen mitten durch uralten , dunkelnden Maßholderbusch beschrieb der Fahrweg , dann rollte der Wagen über eine freie Kiesfläche und hielt vor dem Portale des Schönwerther Schlosses . Mehrere Lakaien in Galalivree stürzten herbei , und der Haushofmeister in schwarzem Frack und weißer Weste öffnete unter einem tiefen Bückling den Wagenschlag ... Liane war vor mehreren Jahren ungesehen Zeugin gewesen , wie der junge Förster von Rudisdorf seine Braut mit starken Armen aus dem Wagen gehoben und jubelnd in sein Forsthaus getragen hatte – hier warf der neue Eheherr dem Stallknecht die Zügel hin , trat kühlgelassen , wenn auch mit sehr verbindlicher Haltung , an den Wagen , und die linke Hand der jungen Dame zart , mit kaum fühlbarer Berührung ergreifend , half er ihr über den Tritt hinab . Unter etwas festerem Druck legte er die unwillkürlich zurückschreckende Hand auf seinen Arm und führte die neue Herrin von Schönwerth über die Schwelle . Ihr war , als betrete sie einen Dom , so gewaltig , so feierlich erhaben wölbte sich der Thorbogen über ihrem Haupte , und ein so kirchenartiges Licht fiel durch das bunte Glas der Spitzbogenfenster in die weite Treppenhalle . Diese schillernden Reflexe , die hier das Purpurgewand der Muttergottes als rosige Flut auf den hallenden Fußboden warfen und dort die Palmenkuppel über der ruhenden heiligen Familie leuchtend grün an der roten Porphyrwand herabfließen ließen , sie waren doch nur ein verfälschtes , erkaltetes Sonnenlicht ; selbst der breite , die Treppen herablaufende Teppich , so weich und elastisch er sich auch dem Stein anschmiegte , vervollständigte den Eindruck eines überall absichtlich , wie in einer Abtei , festgehaltenen kirchlichen Stils – er zeigte die sprühende , überladene Farbenpracht , aber auch die steifen , geistlosen Linien des byzantinischen Geschmacks in seiner letzten Periode . Kaum eingetreten , blieb Mainau überrascht stehen , und seine Augen richteten sich zornfunkelnd auf den Haushofmeister . Der tief niedergeduckte Mann räusperte sich verlegen hinter der vorgehaltenen Hand – man sah , nicht um die Welt hätte er seine Augen erheben mögen , um dem Blick des Gebieters noch einmal zu begegnen . » Ich durfte nicht , gnädiger Herr , « sagte er leise . » Der gnädige Herr Baron haben nicht erlaubt , daß die Orangerie aufgestellt wurde , und die Guirlanden mußten auch wieder abgenommen werden – von wegen der hochseligen gnädigen Frau . « Ein Feuerstrom schoß dem Schloßherrn über das Gesicht . Mit katzenartiger , lautloser Geschmeidigkeit machten die Lakaien einen Rettungsversuch hinaus ins Freie , die klägliche Gestalt des Haushofmeisters aber , der auf seinem Posten aushalten m u ß t e , sank tief in sich zusammen ... Der gefürchtete Sturmausbruch beschränkte sich diesmal auf ein unbeschreiblich spöttisches Lächeln , das den Mund des schönen Mannes entstellte . » Du siehst mich beschämt , Juliane , « sagte er – an seiner Stimme hörte man den inneren Kampf mit dem Zorn – » ich bin außer stande , mich zu revanchieren . In Rudisdorf hatten wir Blumen auf dem Wege – hier trittst du in ein ungeschmücktes Haus . Entschuldige den Onkel – diese hochselige gnädige Frau war seine Tochter . « Er ließ ihr keine Zeit zur Antwort . Im Sturmschritt – voran der dahinstiebende , in Dienstfertigkeit ersterbende Haushofmeister und mit Kopfschütteln nachstrebende Freund Rüdiger – führte er die junge Frau die Treppe hinauf durch Prachtsäle , denen sich eine herrliche Spiegelgalerie anschloß . Liane sah sich am Arm des hohen , stolzen Mannes dahinschreiten – der Gestalt und Haltung nach gehörten sie zusammen ; aber welch eine himmelweite Kluft lag zwischen den Seelen , die ein geschäftsmäßiger Vertrag , sanktioniert durch Priesterwort , heute aneinander geschmiedet hatte ! Der Haushofmeister schlug mit feierlich bedeutungsvoller Gebärde die Flügel der Ausgangsthür zurück – eine Art von Schwindel ergriff die junge Frau ; trotz der klafterdicken Steinwände und der imposanten Deckenwölbung war es schwül und heiß in der Galerie ; die ganze Gluthitze der Julisonne fiel durch die unverhüllten Scheiben der langen Fensterreihe – und dort an der gegenüberliegenden Wand des weiten Salons loderten die hellen Flammen im Kamin . Dicke Teppichstoffe bedeckten die Wände , den Fußboden , und drapierten Fenster und Thüren ; auf den letzteren lagen noch besonderen , hermetisch schließende , wattierte Flügel – überall sah man das ängstliche Bestreben , Wärme zu erzeugen und die äußere Luft abzuwehren , und in dieser schweren Atmosphäre , die auch noch ganze Wolken starker Essenzen erstickend füllten , saß ein fröstelnder Mann . Seine Füße , nahe an die prasselnden Holzklötze gerückt , waren in seidene Steppdecken gehüllt ; ihre ganze Lage hatte etwas leblos Unbewegliches ; dagegen zeigte der Oberkörper eine fast jugendlich graziöse Leichtigkeit in der Haltung . Er war im schwarzen Frack , und über der schneeweißen Halsbinde saß ein kleines , feines , kluges Gesicht , dessen kränkliche Blässe leichenhaft angehaucht wurde durch das unerquickliche Gemisch von Tageslicht und bleichgelbem Flammenschein – das war der Hofmarschall Baron von Mainau . » Lieber Onkel , erlaube mir , dir meine junge Frau vorzustellen , « sagte Mainau ziemlich lakonisch , während Liane den