Hilsborn , vorstelle ? Sie wissen , er verlor vor einigen Mo ­ naten seine Mutter und ist nun mein Adoptivkind . “ Die Staatsrätin reichte dem Knaben die Hand und sprach mit tiefem Gefühl : „ Wenn ich auch Ihre Frau , Mutter nicht kannte , so beklage ich sie doch aufs Innigste , daß sie von hinnen mußte , bevor sie einen Augenblick er ­ leben konnte — wie der ist , den mir eben Ihr Pflege ­ vater durch seine Nachricht bereitet ! “ Dem sanften Knaben traten bei diesen Worten die Tränen in die Augen . „ Denken Sie , meine Freunde “ , sagte die Staatsrätin nun zu der Gesellschaft gewendet , „ Johannes hat mir den Tag seines Examens verheimlicht , um mich zu überraschen , ich erriet es erst diesen Nachmittag aus einigen unvorsichtigen Worten meines Bruders Soeben bringt mir nun unser verehrter Geheimrat Heim die Nachricht seiner Promotion . “ Die Gäste drängten sich teilnehmend und glückwünschend um die stolze Mutter , welche das Gefühl , das sie bewegte , in ein stilles Gebet zusammenfaßte , während sie mechanisch auf die schönen Redensarten der Gesellschaft antwortete . — „ Aber , liebe Möller “ , sagte eine Frau Landrätin2 boshaft , das ist doch ein wenig eigenmächtig von Ihrem Johannes , Sie nicht einmal den Tag seines Examens wissen zu lassen — darauf hat doch die Mutter ein heiliges Recht , solche Stunden mit dem Sohne zu teilen ! “ „ Wer die Rechte einer Mutter so heilig hält , wie mein Sohn es tut “ , erwiderte die Staatsrätin mit edlem Ernst . „ der darf sich wohl so etwas erlauben ! Er wollte mir einige Stunden der Angst dadurch ersparen und ich danke es ihm . “ — „ Die Frau ist ganz blind in den Sohn vernarrt ! “ flüsterte die Landrätin einer Freundin zu . „ Sie wird noch völlig kindisch vor mütterlicher Eitel ­ keit “ , — bemerkte eine andere . „ Wie kann man aber auch seinen Sohn studieren lassen , wenn man so reich ist , wie die Staatsrätin ! “ meinte die Landrätin . „ Ja , ja ! “ stimmten Mehrere bei , „ der hätte es doch wahrlich nicht nötig , sich sein Brot auf diese Art zu ver ­ dienen ! Hätte sie ihn Offizier werden lassen , — Schade um den schönen jungen Mann ! “ „ Ja , ja “ , rief der alte Geheimrat zu den Damen hinüber , als habe er nur die letzten Worte gehört , „ der Johannes ist ein Mann — ein Mann mit kaum zwanzig Jahren ! Aber nur eine solche Mutter kann auch einen solchen Sohn erziehen ! “ — Dabei klopfte er die Staatsrätin wohlwollend auf die Schulter . „ Sie sind ein Freund , wie ich ihn jeder alleinstehenden Frau wünsche , Sie sind das beste Vermächtnis meines seligen Mannes “ , sagte sie , ihm dankbar die Hand reichend . „ Aber wo bleibt Johannes , warum kommt er nicht mit Ihnen ? “ „ Er trug mir auf , seine Ankunft einstweilen für heute Abend anzumelden “ , erwiderte der alte Herr . „ Er muß heute Nachmittag noch einige Besuche machen . Puh “ , seufzte er , während ihm die Staatsrätin eine Erfrischung reichte , „ ’ s ist ein heißer Weg von der Stadt da heraus , ein langweiliger , — aber hier ist ’ s um so kühler und kurzweiliger . “ Er wischte sich die Stirne und schaute heiter im Kreise umher mit jenem freund ­ lichen , durchdringenden Blick , der Männern eigen ist , welche die Schwächen der Menschen durchschauen , aber mit dem Humor eines überlegenen Naturells auffassen . „ Nun , meine Damen “ — fragte er gutmütig — „ hat der alte Doktor eine recht anziehende Unterhaltung ge ­ stört ? Sie sitzen ja Alle so stumm da , daß ich mir un ­ möglich denken kann , dieser Zustand sei ein normaler und andauernder bei Ihnen ; wovon war denn die Rede , als ich kam ? “ „ O , von nichts Anziehendem , Herr Geheimrat “ — sagte die Landrätin verdrießlich , „ wir sprachen nur über Herrn von Hartwich und dessen Bruder , welcher schlechte Streiche gemacht haben soll , von denen man leider nichts Genaueres weiß “ , „ O , darüber , meine Herrschaften , kann ich Ihnen Aufschluß geben “ , sagte der Geheimrat . Alle drangen auf ihn ein : „ O , erzählen Sie , bitte , erzählen Sie ! “ Der Geheimrat begann : „ Ich war noch in Marburg Professor der Medizin , als jene denkwürdige Geschichte sich ereignete . Es mögen jetzt zehn Jahre her sein . Gleißert war damals extraordinarius bei uns und ein junger Mann von vielen Fähigkeiten . Durch Fleiß und ein feines , einschmeichelndes Benehmen hatte er sich bald unser Aller Zuneigung gewonnen und einer unserer Kollegen , Namens Hilsborn , der Vater des Knaben , den ich mir heute mitzubringen erlaubte , schloß sogar eine intime Freundschaft mit ihm . Sie waren Fachgenossen und Hilsobrn bekleidete die Professur , nach welcher Gleißert strebte . Beide waren Physiologen , aber Hilsborn hatte dem Lehrstuhl der speziellen Physiologie und Gleißert las als extraordinarius nur physiologische Chemie . Eines Tages vertraute mir Hilsborn an , daß er auf der Spur zu einer neuen Entdeckung sei . Seine Ideen konnten von hoher Bedeutung für die Wissenschaft werden , wenn es ihm gelang , sie durchzuführen und nach allen Seiten hin zu begründen . Die Schwierigkeit lag vorzugsweise in der Erlangung des zu den Versuchen nötigen Materials , einer Gattung von Fischen , welche nur bei Triest zu finden und nicht lebendig zu versenden war . Hilsborn , als Sohn einer armen Wittwe , klagte darüber , daß er nicht die Mittel besitze , dorthin zu reisen und seine Idee zu verwerten . Ich versprach ihm , bis zu den nächsten Ferien ein Reisestipendium vom Minister , den ich kannte , zu erwirken und hielt , auch Wort , doch leider zog sich die Sache , wie alle derartigen Angelegenheiten , länger hinaus , als ich erwartete , und die erforderliche Summe traf erst nach Ablauf der Ferien ein . Hilsborn mußte sich also gedulden bis zu der nächsten Vakanz , es handelte sich freilich um ein halbes Jahr Aufschub , doch war ja damit nichts verloren . — Plötzlich heiratete Herr Gleißert die Tochter eines wohlhabenden Gastwirts und kam um Urlaub ein , da er eine Hochzeitsreise machen wollte . Der Urlaub wurde bewilligt und Gleißert war vier Wochen fort . Seltsamer Weise erhielt sein Freund während dieser Zeit keine Nachricht von ihm und als er zurückkehrte , bemerkten wir Alle , daß er uns nicht wissen lassen wollte , wo er sich die Zeit über aufgehalten . Wir dachten , er habe hiefür Privatgründe und forschten nicht weiter nach . Das Semester war um und Hilsborn be ­ gab sich nun auf die Reise nach Triest . Dort arbeitete er Tag und Nacht mit übermenschlicher Anstrengung . — Das Resultat seiner Forschungen fiel befriedigend aus und er kam zurück mit den Vorarbeiten für ein Werk , welches seinen Ruhm , sein Lebensglück begründen sollte und konnte . — Eines Tages , ich werde es nie vergessen , war er gerade bei mir , als der Buchhändler mir mehrere neue wissenschaftliche Schriften schickte . Hilsborn blätterte sie heiter und unbefangen durch , auf einmal wird er leichenblaß . Unter den Büchern befand sich eines von Gleißert , das seine Idee zum Gegenstand hatte . Ich war fast ebenso erstaunt und erschrocken wie Hilsborn ; es konnte kein Zufall sein , der zwei Menschen gleichzeitig auf einen so fern liegenden Gedanken geraten ließ , um so mehr , als Gleißerts gegenwärtiges Fach ihn nicht speziell auf Forschungen , wie die Hilsborns , hinwies . Nach langem , unverkennbarem Kampfe mit sich selbst ge ­ stand mir denn auch Hilsborn , daß er Gleißert seine Ideen mitgeteilt und sich von Anfang an oft und ausführlich mit ihm darüber besprochen habe , ohne daß dieser jemals auch nur die leiseste Andeutung fallen ließ , als habe er sich schon früher mit dem Gegenstände beschäftigt . Im Gegenteil begann er gerade damals eine Schrift über Fragen der Chemie , welche nie erschienen ist . So schwer sich auch der edle , arglose Mensch dazu entschloß , er mußte endlich an eine gemeine Betrügerei seines Freundes glauben , denn wir stellten Nachforschungen über Gleißerts Hochzeitsreise an und es zeigte sich , daß er in Triest gewesen war , daß er dort die von Hilsborn beabsichtigten Untersuchungen gemacht und mit einer auffallenden Eile den Druck des Werkes beschleunigt hatte . — Die äußere Tatsache einer nichtswürdigen Handlungsweise stand fest — und ebenso fest stand in uns Allen die moralische Überzeugung , daß Gleißert nicht selbst ­ ständig auf Hilsborns Idee geraten war , sondern sie gestohlen hatte ! — Ich zog ihn als damaliger Prorektor zur strengsten Verantwortung . Seine Verteidigung war schlau , aber keineswegs überzeugend oder beweisend . Ja , ein Hauptargument der Anklage vermochte er nicht abzu ­ leugnen , nämlich die höchst verdächtige Tatsache , daß er sich aus sogenannter Freundesfürsorge von Hilsborn hatte das Versprechen geben lassen , keinem Menschen dessen Entdeckung mitzuteilen , „ damit sie nicht gemißbraucht würde ! “ Er wollte also alleiniger Besitzer des Geheim ­ nisses sein , um nicht durch irgend einen Zeugen für Hils ­ borns Autorschaft des Diebstahls überführt werden zu können . — Ich frage die verehrte Gesellschaft “ , unterbrach sich der alte Herr in edler Entrüstung , „ ist bei diesen Tatsachen noch ein Zweifel an der Niederträchtigkeit des genannten Herrn möglich ? “ — „ Nein , gewiß nicht , Herr Geheimrat , gewiß nicht ! “ riefen Alle einstimmig . „ Nun “ , fuhr der Erzähler fort , „ so erging es auch uns ! Wir beschlossen sämtlich , den unglücklichen , um seine schönsten Bestrebungen und Hoffnungen betrogenen Hilsborn zu rächen . Wir hatten freilich keine gesetzlichen Waffen gegen Gleißert in der Hand . Unser plumpes , täppisches Gesetz straft wohl Nachahmungen und Fälschungen , aber dem Ideendiebstahl vermag es nicht auf seinen leisen Geistesspuren zu folgen . Der hungrige Bettler , der ein Brot nimmt , wird eingesperrt , aber der , welcher einem Menschen sein Bestes , Kostbarstes stiehlt , seinen eigenen schmerzgeborenen Gedanken , die Frucht jahrelangen Mühens , — der geht frei von dannen ! — Wir Professoren übernahmen es , das Gesetz zu ergänzen . Wir veröffentlichten die Sache in allen wissenschaftlichen Blättern — und reichten einstimmig beim Ministerium unser Ent ­ lassungsgesuch ein , da wir es nicht mit unsererer Ehre verträglich fänden , länger die Kollegen eines solchen Menschen zu sein . — Natürlich wurde Gleißert hierauf schimpflich entlassen und ihm die akademische Laufbahn dadurch für immer verschlossen . — Ich wurde bald darauf von Marburg wegberufen und seit ich Leibarzt des Königs und in der Hauptstadt bin , habe ich meinen ehemaligen Kollegen aus den Augen verloren . Hilsborn kränkelte seit der Zeit und starb wenige Jahre spater . Sein Sohn ist jetzt mein Adoptivkind . — Was aus Gleißert wurde , weiß ich nicht ! “ — „ Das kann ich Ihnen sagen “ , begann ein stattlicher Herr , der nach der Ähnlichkeit ein Bruder der Staatsrätin sein mußte . „ Ich kenne die Verhältnisse hier sehr genau , weil ich die Absicht habe , die Fabriken Hartwichs für meinen Sohn zu kaufen . Nach den Berichten des Schullehrers spielt der saubere Patron auch hier eine zweideutige Rolle . Es sei nicht zu leugnen , daß er durch seine Leitung und wichtige chemische Er ­ findungen den Wert der Fabriken seit seiner Ankunft um das Doppelte erhöhte , denn Hartwich sei ein sehr beschränkter Mensch , der nichts verstehe und aus kleinlichem Geiz nie den Mut zu größeren Spekulationen gehabt habe ; aber die Art , wie er sich für seine Tätigkeit bezahlt machte , ist denn doch sehr auffallend . Fünf Jahre lang hatte er nur den Gehalt eines Direktors und freie Station , er schien den Zeitpunkt abzuwarten , wo er seinen Schnitt machen konnte . Dieser kam auch . Eines Tages traf Herrn von Hartwich der Schlag und die Ärzte sprachen ihm nur noch wenige Jahre Leben zu . Diesen Augenblick der Hilflosigkeit benützte Gleißert und drohte ihm mit seinem Austritt aus dem Unternehmen und anderweitiger Verwendung seiner Erfindungen , welche für die Fabrik von höchstem Werte waren , wenn Hartwich ihn nicht zum Erben seines Vermögens ernenne . Hartwich , der ihn gerade jetzt nötiger brauchte als je , ging auf seine Bedingungen ein , setzte jenes arme kleine Mädchen auf den Pflichtteil und machte ein gerichtliches Testament zu Gleißerts Gunsten . “ — „ ’ s ist doch ein böser Bube , dieser Gleißert “ , rief der alte Geheimrat , „ also auch ein Erbschleicher ? Nun möcht ’ ich wissen , was dem Kerl noch heilig ist ? ! “ „ Wir wollen einmal das Kind über ihn ausfragen “ , rief eine der Damen . „ Ja , ja “ , stimmten mehrere bei . „ Das wäre inter ­ essant . Ach , liebe Staatsrätin , holen Sie die Kleine doch ! “ Die Staatsrätin sah nach der Uhr und überlegte , ob sie Ernestinen schon wecken solle ; da sie jedoch seit fast einer Stunde schlief , ging sie , nach ihr zu sehen . Bald kehrte sie mit ihr zurück und wieder mußte die Kleine zwischen den Neugierigen Spießruten laufen . Doch die Ruhe hatte sie erquickt und gestärkt , sie war diesmal standhafter . Da hörte sie , wie der alte Geheimrat seinem Nachbar zuflüsterte : „ Wie kommt der dumme Hartwich zu einem so klugen Kinde — sehen Sie doch diesen merkwürdigen Kopf an . Schade , daß die Kleine kein Knabe ist — daraus würde etwas ! “ Das Wort fuhr Ernestinen zündend durch die Seele ! — Schon wieder mußte sie das hören , — von einem ganz fremden Mann , — das furchtbare „ Schade , daß sie kein Knabe wurde . “ — Sie richtete sich hoch auf , als wäre sie um einen Zoll gewachsen und blickte zu dem unvorsichtigen Sprecher Hinüber , als wolle sie ihm zurufen : „ Es wird doch etwas daraus ! “ Dann schaute sie verlangend nach den spielenden Kindern , die sich eben im Werfen von Bällen übten ; wenn sie nur jetzt unter ihnen wäre , sie wollte schon zeigen , daß sie es den Buben gleichtun könne . Da faßte sie die Landrätin an der Hand und sagte : „ Nun , liebes Kind , erzähle uns doch auch etwas von Deinem Vater , wie geht es ihm ? “ Ernestine sah sie wie verwundert über diese Frage an : „ Ich habe ihn nicht danach gefragt ! “ Die Damen winkten sich verstohlen zu . „ Hast Du ihn denn heute nicht gesehen ? “ „ Doch ! “ antwortete sie kurz . „ Hast Du denn Deinen Vater recht lieb ? “ fragte die Landrätin weiter . Ernestine stutzte — dann aber sagte sie ruhig und fest : „ Nein ! “ Die Fragerin ließ des Kindes Hand los , als habe sie ein Insekt gestochen : „ Das ist ja eine zärtliche Tochter ! “ höhnte sie , während die Andern die Köpfe schüttelten . „ Wen hast Du denn eigentlich lieb — Deinen Onkel vielleicht ? “ „ Ich habe zu Hause Niemanden lieb , — aber meinen Onkel kann ich doch besser leiden als den Vater ; er schlägt mich wenigstens nicht ! “ antwortete Ernestine . „ Nun es scheint , Gleich und Gleich gesellt sich ! “ warf eine Dame hin , die Übrigen nickten ihr mit ent ­ setzten Gesichtern zu und Alle wandten sich von Ernestinen ab . „ Das ist ein unglückliches Kind “ , sagte die Staatsrätin und erhob sich , um die Gefolterte zu der kleinen Gesellschaft zu führen . „ Angelika ! hier ist Ernestinchen von Hartwich “ , rief sie ihrem etwa achtjährigen Töchterchen zu , „ sei hübsch Deiner Pflichten als Wirtin eingedenk ! “ Die Kinder , zu welchen die Staatsrätin ihren Schützling hinführte , stoben scheu auseinander wie eine Vögelschar , wenn ein Papierdrache unter sie hinein ­ fliegt . In einzelnen Gruppen umstanden sie von Weitem das fremde Mädchen und flüsterten sich lebhaft zu . — Ernestine sah sich gemieden , allein , inmitten des glänzenden Kreises , an den sie noch kurz zuvor so bewundernd ge ­ dacht ; sie war behaftet mit dem ganzen Fluch einer Vogelscheuche , aber sie hatte den grausamen Vorzug vor jener , daß sie diesen Fluch empfand . Sie fühlte , daß sie jenen frohen Kreis auseinander gesprengt hatte , daß sie die Kleinen von sich bannte , daß man sich vor ihr scheute , und wieder glaubte sie , in die Erde sinken zu müssen und ihre schwachen Kniee zitterten unter der Last des Spottes und der Verachtung , die hier von Neuem über sie hereinbrach . — Die Staatsrätin warf der kleinen Angelika einen strengen Blick zu , den Ernestine gewahrte , und sagte : „ Gib Deiner neuen Freundin die Hand ! “ Ein Paar größerer Mädchen kicherte verstohlen ; Ernestine verstand , wie sie flüsterten : „ eine schöne Freundin ! “ Angelika trat nun zu Ernestine und reichte ihr das runde weiche Händchen , zog es aber gleich wieder zurück , blieb eine Weile stumm vor ihr stehen , betrachtete den alten braunen Strohhut , den Ernestine in der Hand hielt , wagte es auch einmal , ihr flüchtig in die Augen zu schauen und schmiegte sich dann verlegen und ängstlich an die Mutter . Diese sprach dem rosigen Kinde milde aber ernst zu , sie sprach französisch und die Kleine ant ­ wortete ihr ebenso . Ernestine staunte . Das Mädchen verstand schon eine fremde Sprache und war doch noch kleiner als sie , — und sie verstand keine ! Und sie wollte so klug sein wie ein Junge und wußte noch nicht einmal so viel als das kleine Mädchen ? Und sie mußte es sich gefallen lassen , daß man in ihrer Gegenwart über sie redete , als wäre sie gar nicht da ; sie stand so stumm dabei und konnte sich doch denken , daß es nichts Gutes war , denn sonst hätte sie es ja deutsch sagen können . Die doppelte Beschämung drückte sie nun nieder , die — unwissend zu erscheinen und die , daß man in ihrer Gegenwart gleichsam hinter ihrem Rücken sprach . „ Frau Staatsrätin “ , sagte sie mit bebender Stimme , „ Ich bleibe nicht da , — die Kinder wollen mich nicht , — ich bin zu schlecht für sie ! “ Sie wandte sich zum Gehen wollte nun unwiderruflich fort , — da siegte aber das gute Herz der kleinen Angelika , sie lief ihr eilig nach und hielt sie fest : „ Nein , nein , liebe Ernestine , Du bist nicht zu schlecht für uns ; Du bist nur so sonderbar — ganz anders als wir Alle ! Komm wir wollen mit Dir spielen ! “ Da faßte die Staatsrätin Angelika in die Arme und rief , sie mit Küssen bedeckend : „ So ist ’ s recht , so bist Du wieder meine Angelika , mein braves , süßes Kindchen ! “ Ernestine sah diese Zärtlichkeit mit Staunen und es quollen ihr heiße Tränen aus den Augen : so lieb war nie jemand mit ihr gewesen , welch ein Glück mußte es sein , so geherzt und geküßt zu werden ! Aber das wurde ihr nimmer zu Teil , — warum nicht ? warum liebte sie Niemand ? Angelika war doch auch nur ein Mädchen — warum ließ man es sie nicht entgelten ? Sie war aber auch so herzig , so schön — wer sollte sie nicht gern haben ? Da zuckte es durch das kleine Herz , als würde ein Messer hindurchgestoßen : „ so schön “ — wiederholte sie — „ das ist es — warum man sie liebkost und sich ihrer freut : ich bin nicht nur ein Mädchen — ich bin auch ein häßliches Mädchen ; darum mag mich kein Mensch ! “ „ Nun “ , sagte Angelika , „ warum starrst Du so vor Dich hin ? Komm zu den Andern . “ Sie führte die Willenlose zu dem Springbrunnen , den die kleine Ge ­ sellschaft mittlerweile aufgesucht hatte . Die Kinder unter ­ hielten sich damit , Kieselsteinchen nach den gläsernen Kugeln zu werfen , die der Wasserstrahl auf und nieder trieb . Aber weder Mädchen noch Knaben trafen , die Kugel war jedesmal wieder gefallen , ehe sie der Stein erreichte und sie sollte getroffen werden , wenn sie auf der Spitze des Strahles tanzte . Die Kinder lachten einander weidlich aus und selbst die Erwachsenen und Eltern wurden auf ihre Bestrebungen aufmerksam und kamen herbei . Ernestine sah in ihrer gewohnten brütenden Weise dem Spiele zu . Sie erriet sehr bald , woran der Fehler lag , der Stein brauchte länger , bis er den Sprudel erreichte , als die Kugel oben blieb . Sie rechnete schnell heraus , daß , wenn man richtig nach der Spitze der Wassersäule zielte , während der Ball noch unten war , dieser beim Steigen mit dem Stein gleichzeitig zusammen ­ treffen würde . Eben hatte der vierzehnjährige Hilsborn gefehlt und bewiesen , das auch er nicht wußte , worauf es ankam , — da faßte sie der Ehrgeiz — war sie häßlich , so wollte sie doch wenigstens zeigen , daß sie klug sei — und war sie auch nur ein Mädchen , so wollte sie doch zeigen , daß sie Kraft und Geschicklichkeit habe . Sie blickte unwillkürlich nach dem alten Geheimrat hinüber , ob er sie wohl sehe und als dies der Fall zu sein schien , bückte sie sich schnell , nahm einen größeren Stein als die Andern , um sicherer zu treffen , stellte sich nach Art ihrer bisherigen Gefährten , der Bauernbuben , mit gespreizten Füßen fest hin , schwenkte zielend den Arm dreimal herum und als die Kugel unten war , schleuderte sie mit aller Kraft den Stein nach der Höhe , welche der aufsteigende Strahl erreichen mußte . Der Zufall war boshaft genug , zu begünstigen , der Stein prallte richtig an die emporgetriebene Kugel und der Zusammenstoß war so heftig , daß diese aus der Wassersäule heraus geschnellt weit über die Umstehenden wegflog und einem Kinde auf den Kopf fiel , wo das dünne Glas klirrend zerbrach . Das Kind schrie mehr aus Schreck , als aus Schmerz laut auf ; eine große Bewegung entstand — die Mama des Getroffenen stürzte mit schrecklichen Gebärden auf ihren weinenden Liebling zu , — die „ Wunde “ wurde untersucht , gestickte Taschentücher wurden gleich in das Bassin getaucht und als Umschläge auf den dicken Kopf des Kleinen gelegt und gleich einer düsteren Wolke schwebte die Besorgnis über dem teilnehmenden Kreis — „ es könne gar ein Glassplitter in die Hirnschale ein ­ gedrungen sein ! “ Ernestine stand wie eine Gerichtete da , sie fühlte sich eines Mordes überführt und als sie nun noch von allen Seiten hören mußte : Welch un ­ weibliches Wesen ! — Wie wild und unfein ! — Wie kann man ein Mädchen so knabenhaft erziehen ! und dergleichen mehr — da brach Alles in ihr zusammen . Nun war sie wie ein Junge gewesen , und nun war es auch nicht recht — was sollte sie nur machen , um den Leuten zu gefallen und sich ein klein wenig Zuneigung zu erringen ? Da trat der alte Geheimrat zu ihr und zog ihre krampfhaft verschlungenen Händchen aus ein ­ ander . „ Tröste Dich , kleines bleiches Mädchen , das Un ­ glück ist nicht so groß — Du mußt eben künftig solche Kraftübungen den Knaben überlassen ! “ Damit ging er weg , untersuchte die sogenannte Wunde des Beschädigten und erklärte lachend , daß er erst eine Lupe holen müsse , um sie zu sehen . — Die übrigen Mütter zeigten jedoch eine um so größere Teilnahme an dem „ Unglück “ , je größer ihr Ärger war , daß sich Ernestine geschickter als ihre eigenen Kinder gezeigt hatte . Das Alles fühlte Ernestinens feiner Instinkt sogleich heraus , — sie blickte auf den summenden Knaul ihr feindlicher Menschen mit einem Abscheu wie auf einen Wespenschwarm , in den sie getreten . Sie hörte das Auf ­ heben , das von dem kleinen Vorfall gemacht wurde , mit grenzenloser Bitterkeit und dachte daran , wie sich zu Hause , wenn ihr der Vater Beulen geschlagen , kein Mensch darum kümmere und wie sie erst kürzlich eine Wunde , die sie sich in die Stirn gefallen , am Brunnen selbst auswaschen mußte . — Und nun hatte auch noch der alte Herr gesagt , sie solle dergleichen Kraftübungen den Jungen über ­ lassen ! — und sie hatte es doch so geschickt gemacht , — also sollte sie nicht einmal mit den Knaben wetteifern , selbst wenn sie es konnte ? Weshalb nicht ? Warum waren denn jene so bevorzugt ? Das war jedenfalls eine Ungerechtigkeit ! Ihre kleinen Fäuste ballten sich . Wenn sie nur erst groß geworden — dann wollte sie es den Leuten schon zeigen , welch eine Ungerechtigkeit das sei ! Sie nahm es sich fest vor . Da kam die kleine Angelika herbei und rief die zer ­ streuten Kinder wieder zu einem Spiel zusammen . „ Komm Ernestine “ , sagte sie , „ Du hast es ja nicht mit Willen getan — komm nur und spiele mit uns , wir machen , blinde Kuh ‘ . “ Ernestine wagte in nichts mehr zu widersprechen ; sie war so eingeschüchtert , daß sie Alles mit sich geschehen ließ und es duldete , daß man sie zur blinden Kuh ausersah und ihr die Augen fest verband . Sie wagte nicht , aufzuschreien , als ihr eine Menge Haare in die Binde hinein geknüpft wurde , obgleich sie vor Schmerz die Zähne zusammenbiß . Nun begannen die schlimmsten Neckereien . Das Eine riß sie an ihren langen Locken , das Andere erschreckte sie durch das Ansetzen von Käfern und Raupen und dergleichen Späße mehr , die ebenbürtigen Freunden zugefügt , und von diesen erwidert , harmlos sind , ein blödes Kind aber , das sich nicht zu wehren wagt , zur Verzweiflung bringen . Niemand wollte sich greifen lassen von der Verpönten , die man nur auf Wunsch der Wirtin wieder in das Spiel aufgenommen hatte , da ­ gegen glaubte man sich berechtigt , ihr jeden denkbaren Schabernack anzutun . Ernestine erhaschte nichts und drehte sich ewig vergeblich im Kreise . Dabei war sie so gewissenhaft , daß sie nicht daran dachte , die Binde ein wenig zu lüften , damit sie ihre Umgebung sehen könnte , sie wäre sich wie eine Lügnerin erschienen und lügen wollte sie niemals . Da faßte sie eine Hand am Strohhut und dessen alte morsche Krämpe riß aus ­ einander und fiel ihr zum Jubel der Andern wie ein Halskragen auf die Schultern herunter . Das war dem armen Kinde ein schwerer Verlust , denn sie wußte , daß sie keinen Hut zu Hause bekäme , wohl aber Schläge für ihre Nachlässigkeit . Sie haschte heftig nach der Täterin und erwischte sie am Rocke ; diese aber , ein größeres Mädchen , riß sich rasch los und Ernestine , , die sehr fest gehalten , behielt ein Stück ihres dünnen eleganten Sommer ­ kleides in der Hand ; sie sah nicht , daß das Mädchen so ­ gleich zu seiner Mutter lief und seinen Schaden klagte , die Binde verhüllte ihr wohltatig die empörten Mienen der Damen und sog die Tränen ein , die sie still um den zerrissenen Hut weinte . Sie stand regungslos inmitten der Wiese und wußte nicht , was sie tun sollte , denn es näherte sich nun kein Kind mehr und das Spiel schien unterbrochen zu sein . Plötzlich traf sie eine derbe Ohrfeige . Der siebenjährige Bruder des beleidigten kleinen Fräuleins hatte sich herangeschlichen und seine Schwester gerächt . Eine Empörung und ein Zorn kochte in dem gequälten Kinde auf , der es fast sinnlos machte ; sie packte den Knaben , als er an ihr vorüber wollte und begann mit ihm zu ringen . Er trieb sie Schritt um Schritt rückwärts , sie konnte die Hände nicht frei machen , um die Binde zu entfernen , sie wußte nicht , wo sie war , sie wollte nur ihren Feind nicht loslassen , denn Alles , was sie erlitten , drängte sich in der kleinen Brust zu Haß und Groll zusammen . Da ertönte ein Schrei und gleichzeitig fühlte sie sich über etwas stolpern und fiel ; sie hielt sich mühsam mit den Händen an ihrem Gegner fest , während ihre Füße bis ans Knie im Wasser hingen , — sie war über den Rand des Bassins geraten . Die Gesellschaft eilte herbei , man griff zuerst nach dem Knaben , an dem sich Ernestine hielt , um diesen in Sicherheit zu bringen , dann half man dem zitternden Kinde herauf und ließ es stehen mit zerfetzten triefenden Kleidern , fröstelnd , sich selbst und Andern ein Gegenstand des Schreckens und Abscheus . Was hatte das entsetzliche Geschöpf Alles getan ! Einem Kinde hatte ihr Wurf fast das Leben gekostet , dem andern hatte sie ein neues wertvolles Kleid zerrissen , das dritte wollte sie gar ins Wasser werfen ! — „