heute niemand zu Hause , obgleich es in Strömen regnete . Zu Baumhagens wollte er aus angeborener Opposition zuletzt gehen . Er gehörte zu den Menschen , denen nur jemand etwas anzuloben braucht , um es von vornherein mit Mißtrauen zu betrachten . Als er gerade im Begriff war , diesen Besuch auszuführen , trat ihm auf dem Markt Herr Wolff entgegen . » Zu Baumhagens ? « fragte er , sichtlich angenehm berührt , » dort – dort das Haus mit dem Erker – Wünsche tausendmal Glück , Herr Linden ! « Franz hatte eine unangenehme Abfertigung auf den Lippen , da war der Kleine schon verschwunden . Droben vom Erkerfenster aber trat eine weibliche Gestalt zurück . » Bedauere sehr « , sagte die alte Dienerin , » Frau Baumhagen sind ausgegangen . « Im untern Stock dieselbe Antwort , obgleich ihm ein Chopinscher Walzer entgegenklang . Im Hotel beim Mittagstisch erhielt er Aufklärung . Abends sollte ein Ball stattfinden , und ein solches Fest erforderte natürlich die umfassendsten Toilettenvorbereitungen bei der Damenwelt . 46 An solchem Tage sei weder Frau noch Fräulein zu sprechen . Auch war von nichts anderem die Rede , als von diesem Feste , und einige der Herren luden ihn freundlich ein , daran teilzunehmen . Es seien hübsche Mädchen dort . » Bin neugierig , ob die kleine Baumhagen kommt « , meinte ein Husarenoffizier . » Meinetwegen kann sie fortbleiben « , entgegnete ein blonder Referendar ; » sie hat eine Art sich herabzulassen , die ich nicht vertrage . Überhaupt « – er tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn , » etwas hochmutstoll . « » Ich weiß es von Artur Fredrich , sie hat wieder einen Korb ausgeteilt « , rief ein anderer . » Soll wahrscheinlich ein Prinz kommen « , schnarrte ein Vierter . » Tut nichts ! « beschwichtigte der Rittmeister von Brelow , » sagt , was ihr wollt , sie ist eine prächtige Erscheinung , hat jedenfalls nicht eine Spur von Kleinstädterei . Es ist Rasse in dem Mädchen . « Franz Linden hatte mit Interesse zugehört , fast bekam er Lust , an dem Feste teilzunehmen . Er sagte halb und halb zu , ließ sich einen Handschuhladen nennen und versaß so ein paar Stunden in ganz angeregtem Gespräch . Nach den einsamen Wochen , die er durchlebt , interessierte es ihn mehr , als er sich eingestehen mochte . » Ich komme wahrhaftig noch auf den kleinstädtischen Klatsch « , sagte er , amüsiert über sich selbst . – Als er auf die Straße 47 trat , war der kurze Novembertag der Dunkelheit bereits gewichen , die Laternen spiegelten sich in den Pfützen der Straße , die Schaufenster waren hellerleuchtet und vom Benedikti-Turm dröhnten fünf lange Glockenklänge . Er bog um die Hotelecke in die nächste Gasse und schlenderte langsam hin auf dem schmalen Trottoir , die Läden musternd , die sich für das nahe Weihnachtsfest mit allem Neuen und Neuesten herausgeputzt hatten . » Guten Abend ! « sagte plötzlich eine schüchterne Stimme hinter ihm . Er wandte sich um . Im ersten Moment erkannte er die Frau nicht , die , das Trageholz auf den Schultern , an dessen roten Lederriemen und blitzblanken Messinghaken zwei große , schneeweiße Eimer hingen , schüchtern vor ihm stand . Dann wußte er ' s : es war Frau Johanne . » Ich wollte nur vielmals danken « , begann sie , » der Herr Küster hat mir das Geschenk gebracht für den Kleinen . « » Und geht es denn meinem Patchen gut ? « fragte er , neben der Frau herschreitend und entschlossen , um jeden Preis etwas von » ihr « zu erfahren . » Ach , ich danke , Herr Linden . Es ist ein schwächliches Kind – der Gram hat ihm wohl geschadet . Aber wenn der Herr es einmal sehen wollen – so gar weit ist es nicht mehr , und ich gehe jetzt nach Hause . « 48 » Das versteht sich ! « sagte er und ließ sich im Weiterschreiten erzählen , daß sie Milchfrau bei Ökonomierats sei und zweimal des Tages Milch austrage . » Kommt das Fräulein manchmal – nach dem Patchen zu sehen ? « » Ei freilich ! « erwiderte die Frau , » sie kommt und – es ist kein Kleidchen und kein Röckchen , das der Junge nicht von ihr hat . Sie ist so sehr gut , das Fräulein Trudchen . Wir sind auch zusammen konfirmiert « , setzte sie stolz hinzu . Also Trudchen hieß sie ! Es war doch ein ziemlich weiter Weg durch Gassen und Gäßchen , bis die Frau erklärte , hier sei sie daheim . » Es ist Licht drinnen – vielleicht die Mutter , weil der Junge aufgewacht ist . Meine Mutter wohnt oben « , erläuterte sie , » der Vater ist Schuhmacher . « Es war ein so niedriges Parterre , daß ein Kind bequem ins Fenster hätte blicken können , und so übersah er leicht das Innere der kleinen Stube . » Bleiben Sie « , flüsterte er und hielt die Frau am Arme . » Ach Gott – das Fräulein ! « rief sie , » wenn sie nur nicht böse wird ! « Aber Franz Linden antwortete nicht . Er sah nur die schlanke Mädchengestalt , wie sie in dem niedrigen Gemach mit dem weinenden Kinde im Arme auf und ab ging , ihm zusprach , es tanzen ließ , 49 bis es endlich zu schreien aufhörte , ein Weilchen ernsthaft in das schöne Gesicht blickte und zu jauchzen begann . » Siehst du , kleiner dummer Schatz « , tönte die klare Mädchenstimme in sein Ohr , » siehst du , wer es gut mit dir meint , wenn du hier so allein und bloßgestrampelt liegst , und deine Mutter bei Wind und Wetter von Haus zu Haus gehen muß ? Du böser Junge , du Schreihals , kannst du auf deinen Namen schon hören ? Wie heißt du ? Franz – Franzi ! So groß ist der Junge ! Jetzt komme einmal her und schreie nicht , du sollst das warme Kleidchen schon anhaben , wenn deine Mutter kommt . « Und sie setzte sich an den Ofen und begann dem Kinde das rote Barchentröckchen auszuziehen . » Fragen Sie , Frau Johanne , ob ich hineinkommen darf ! « bat Linden . Und im nächsten Moment war er doch schon hinter der Frau in das Zimmer getreten . Über das Gesicht des jungen Mädchens flog etwas wie schämige Glut , aber sie reichte ihm unbefangen die Hand hin . » Ich freue mich , Herr Linden , daß ich Sie noch sehe – Mama bedauerte heute mittag sehr , Sie nicht empfangen zu können . Sie – – « Er machte eine Verbeugung . Also zu irgendeinem Hause , wo er heute gewesen war , gehörte sie ? Aber zu welchem ? » Denken Sie nur , ich weiß erst seit heute , daß 50 Sie uns so nahe wohnen « , fuhr sie heiter fort . Und den Kleinen der Mutter übergebend , die eben die Fensterläden geschlossen hatte , setzte sie hinzu : » Ich stand gerade im Erker , als Sie über den Markt kamen , und sah , wie Sie sich nach unserer Wohnung erkundigten . « » So habe ich die Ehre – Fräulein Baumhagen – – ? « sagte er , halb und halb peinlich berührt . » Gertrud Baumhagen « , bestätigte sie ; » warum sehen Sie so erstaunt aus ? « Sie nahm bei diesen Worten ihr Mäntelchen vom nächsten Stuhl , drückte eine kleine Pelzmütze auf den braunen Scheitel und ergriff einen Muff . » Ich muß nun fort , Johanne , aber ich schicke dir morgen den Doktor für den Kleinen . Sieh , das darf nicht so hingehen , du mußt besser darauf achten , sonst kann er lebenslang schwache Augen behalten . « » Gestatten Sie , daß ich Sie begleite ? « fragte Linden , der die anmutige Gestalt nicht aus den Augen ließ . – Das war also Gertrud Baumhagen ! Sie nickte . » Ich fürchte mich zwar nicht , aber ich denke , Sie finden sich niemals wieder aus diesem Labyrinth von Straßen , in welches die gute Johanne Sie gelockt hat . – Hier herum ist es noch völlig die alte Stadt . Heute abend zwar bemerken Sie nichts davon , aber am Tage lohnt sich wohl ein Gang durch diesen Teil . Ich habe die Gegend gern , obgleich hier nur geringe Leute wohnen « , plauderte sie weiter , indem sie fest und sicher über das 51 holperige Pflaster schritt . » Sehen Sie dort unten an der Ecke das Haus mit vorgebauten Sandsteintreppen und der Bank unter dem kahlen Baume ? Aus dem Hause stammt meine Großmutter , und der Baum ist ein Holunderstock . Großvater hat sich in sie verliebt , als sie eines Abends auf dem Bänkchen dort saß und ihr jüngstes Brüderchen wiegte . Sie hat es mir oft erzählt . Der Holunder habe gerade geblüht , und sie sei achtzehn Jahre alt gewesen . – Ist es nicht ein Stückchen echter Poesie ? « Dann lachte sie leise . » Aber ich erzähle Ihnen da so viel , und weiß gar nicht , wie Sie über solche Sachen denken ? « Sie waren gerade vor dem schmalen Hause mit dem Holunderstock angekommen . Er blieb stehen und sah empor . Sie bemerkte es und sagte : » Ich kann nie vorübergehen , ohne daß mir ein guter Gedanke kommt , eine traute Erinnerung . Eine herzliebere Großmutter gab es nicht , so einfach und so gut . « – Und als er schwieg , setzte sie wie erläuternd hinzu : » Sie war eine Enkelin des Werkmeisters in Großvaters Fabrik . « Er fand noch immer kein Wort , und irgendeine banale Phrase hätte er nicht aussprechen können . Auch sie blieb ein Weilchen stumm . » Darf ich Sie bitten « , begann sie dann , » dem Kleinen nicht allzu große Geschenke zu machen . Es sind einfache Leute , man kann sie zu leicht verwöhnen . « Er stimmte zu . » Unsereiner ist darin so 52 unpraktisch « , entschuldigte er ; » ich wußte nicht recht , was ich nun zu tun habe , nachdem ich mich zudringlicherweise zum Paten angeboten hatte ! « » Das war keine Zudringlichkeit , das war Menschenliebe , Herr Linden . « » Gerade in Ihren Augen glaubte ich etwas zu rasch – zu – – « er stockte . » O nein , nein « , unterbrach sie ihn ernst , » was denken Sie von mir ! Ich kann gar wohl unterscheiden , was echt und unecht ist . Es hat mich ehrlich gefreut « , klang es zögernd nach . » Ich danke Ihnen « , sagte er . Und nun schritten sie schweigend weiter durch die Straßen . Vor einem Blumenladen , hinter dessen großen Spiegelscheiben ein lockender Flor von Rosen , Veilchen und Kamelien glühte , blieb Trudchen Baumhagen stehen . » Hier trennen sich unsere Wege « , sagte sie und reichte ihm die Hand ; » ich habe hier drinnen zu tun . Leben Sie wohl , Herr – Gevatter ! « Er hatte den Hut abgenommen und ihre Rechte ergriffen . » Leben Sie wohl , gnädiges Fräulein . « Und zögernd fragte er noch : » Sie sind auch beim heutigen Fest ? « » Ja « , nickte sie , » auf höheren Wunsch « , und ihre blauen Augen schauten ihn still an . Es war nichts darin zu lesen von Jugendlust und freudiger Erwartung . » Mama wäre untröstlich , hätte ich mich ausgeschlossen . Gute Nacht , Herr Linden ! « 53 Der junge Mann blieb draußen , während sie hinter der Ladentür verschwand . Einen Moment wartete er noch , dann ging er weiter . Also das war Gertrud Baumhagen ! Es berührte ihn förmlich unangenehm , daß sie so hieß , er hatte von vornherein ein Vorurteil gefaßt gegen diesen Namen , er war ihm gleichbedeutend mit kleinstädtischem Protzentum . Die Unterhaltung an der Wirtstafel kam ihm in Erinnerung . Er hatte sich eine schnippische , helle Blondine vorgestellt , die den Vorzug , eine Baumhagen zu sein und das reichste Mädchen der Stadt , in allerhand vagen Launen an ihren Verehrern auszulassen pflegte . Nun fand er das Trudchen aus der Kirche , ein holdes , schlankes Geschöpf , ein Mädchen mit einfachem , unverbildetem Gemüt , das keinen anderen Stolz besaß als den eines edlen Weibes . Unwillkürlich ging er rascher . Er wollte der freundlichen Aufforderung , an dem Feste teilzunehmen , nachkommen . Aber am Eingang des Hotels war er wieder anderer Meinung . Er mochte sie nicht als moderne Gesellschaftsdame sehen , wollte nicht das liebliche Bild verwischen , das er vorhin durch die kleinen Fenster erblickt in dem ärmlichen Stübchen . Er hätte es auch nicht ertragen , wenn sie ihm im kerzenhellen Ballsaale mit jener Herablassung entgegengetreten wäre , die er heute an ihr tadeln hörte . Er beschloß , nach Hause zu fahren . 54 In diesen Gedanken war er nochmals die Straße zurückgegangen ; nun stand er plötzlich vor dem Blumenladen . Nach raschem Besinnen trat er ein und verlangte einen einfachen Strauß . Die Verkäuferin hielt gerade ein wagenradähnliches Monstrebukett mit reicher Spitzenmanschette in der Hand , um es einem Boten zu übergeben . » Also an Fräulein Baumhagen « , bestellte sie dem Ausläufer , » hier die Karte . « Franz Linden erblickte darauf ein großes Wappen über dem Namen . Unschlüssig trat er zurück . Da wandte sich die Verkäuferin zu ihm . » Einen einfachen Strauß « , wiederholte er nun doch . Es war keiner mehr vorrätig , man wollte jedoch rasch einen binden . Der junge Mann wählte selbst die Blumen aus dem mit nassem Sand gefüllten Zinkkasten und reichte sie hin . Es mußte ihm eine angenehme Beschäftigung sein , denn er nahm immer wieder eine Rose zurück und gab dafür eine schönere . Endlich war es vollendet , ein graziöses Bukett aus weißen Rosen , die Kelche zart rosa gefärbt wie schämiges Mädchenerröten ; Frauenhaar und zierliche Farne dazwischen . Er betrachtete es noch einmal , zahlte und ging zum Hotel zurück . Dort legte er die Blumen auf den Tisch , ließ sich vom Kellner Schreibzeug und ein Kuvert bringen , nahm eine Visitenkarte und schrieb . Mitten darin hörte er auf . Er lächelte , » ' s ist ein Unsinn « , sprach er halblaut , » sie wird längst das große Bukett in der Hand 55 halten . « – Dann schrieb er weiter und überlas noch einmal : Darf der Gevatter heut den Strauß dir senden , Den eigentlich nach Recht und alter Sitte Beim Tauffest schon er hätte sollen spenden ? Bescheiden naht er ; seine Rosen wagen Dir stummen Gruß zu flüstern und die Bitte , Du wolltest sie an diesem Abend tragen . Er lächelte wieder , kuvertierte und gab vor dem Hotel Brief und Blumen einem Dienstmann mit der Weisung , dem Fräulein Baumhagen beides zu überbringen . Und nun kam ihm ein Gedanke . – Um acht Uhr begann das Fest ; in zehn Minuten war es so weit – er wollte Trudchen Baumhagen sehen , sehen – ob sein Strauß – – Unsinn ! Wie sollte sie dazu kommen ? Aber dennoch , er wollte warten . » Gut , daß der Amtsrichter das nicht mit ansieht ! « flüsterte er vor sich hin . Es war ihm zumute wie einem Kinde vor Weihnachten , so froh und so erwartungsvoll , während er an der Marktseite vor dem Hotel auf und ab wanderte . Endlich schlug es acht Uhr . Verschiedene Herren zu Fuß waren längst angekommen , dann auch Damen , und nun rollte der erste Wagen heran , zierliche Füßchen schlüpften über das Trittbrett und helle Seide rauschte . Ein Gefährt löste das andere ab . Jetzt eine elegante Equipage mit prächtigen Eisenschimmeln , eine leichte , reizende Frauengestalt im hellblauen , spitzenüberfluteten Gewande bog sich 56 vor und silberhelles Lachen schallte in Lindens Ohr . » Frau Fredrich ! « hörte er im Publikum murmeln , das sich schaulustig hinter ihm aus soundso viel Kindern , Weibern und Dienstmädchen um die Hoteltreppe versammelt hatte . » Also ihre Schwester ! « Wie eine liebliche Fee schwebte die junge , blonde Frau die Treppe empor , gefolgt von dem Gatten im tadellosen , schwarzen Frack , der ihr Fächer und Bukett nachtrug . Das Gespann rasselte über den Markt zurück , um in weniger als fünf Minuten wiederzukehren . – » Trudchen ! « flüsterte Linden und zog sich unwillkürlich etwas mehr in den Schatten zurück . Eine kleine volle Dame in lichtgrauer Toilette entstieg dem Wagen – dann war sie hinausgeglitten und stand hinter der Mutter , schlank und leicht , in schimmernd weißem , seidenem Gewand , die schönen Schultern leicht verhüllt , und in der Hand einen wohlbekannten Strauß blasser Rosen . Aber das war nicht das Mädchen von vorhin ! Der kleine Kopf hatte sich etwas in den Nacken gebogen , als zöge der schwere , lichtbraune Haarknoten ihn zurück , und ein Ausdruck von stolzer Kälte lag über dem klaren Gesicht , den er vorhin nicht bemerkt hatte . Zwei Herren stürzten den Damen entgegen . Der erste bot galant der Mutter den Arm , der andere näherte sich dem jungen Mädchen . Mit unnachahmlich stolzer Gebärde dankte sie , kaum die Fingerspitze auf seinen Arm legend ; dann , wie ein 57 holder Spuk , war es verschwunden , das Bild , das er mit durstigen Augen umfaßt hielt . Aber nun bemächtigte sich seiner eine fast übermütige Stimmung . Einer dürftig aussehenden Frau , die mit einem elenden Kinde im Arme gerade vor ihm stand , schenkte er ein Fünfmarkstück , und dem alten Sommerfeld , seinem Kutscher , ließ er einen Pokal Glühwein bringen , so groß , daß der Alte sichtlich davor erschrak . » Wenn wir man gut nach Haus kommen ! « meinte er bedenklich . » Rein närrisch ! « gestand Linden sich selbst . Und als einen Augenblick darauf sein Wagen vorfuhr und zugleich die Klänge eines Straußschen Walzers an sein Ohr schlugen , begann er die Melodie der » Rosen aus dem Süden « mitzusingen . Dann rasselte das Gefährt über den Marktplatz auf die finstere Landstraße hinaus , und rascher wie sonst war er in seinem stillen Zimmer daheim und tausend anmutige Gedanken mit ihm . Zu Niendorf im Herrenhause gab es ein Zimmer , darinnen blühten Rosen in Fülle . Nicht nur die in den Scherben zwischen den Doppelfenstern oder auf dem Blumenbrett vor den Scheiben , je nachdem die Jahreszeit es gebot , auch im Stübchen selbst rankten sich Tausende der schönsten Erdenblumen um Bilder und Möbel . Es machte einen 58 wunderlichen Eindruck , besonders wenn man statt des Dornröschens , das man hier schlummernd zu finden meinte , eine sehr alte Frau im Lehnstuhl am Fenster erblickte , unermüdlich beschäftigt , aus farbigem Seidenpapier Blätter und Blättchen zu bilden und aneinander zu fügen , bis endlich eine Rose am Drahtstengel schwankte , von weitem so natürlich anzusehen , als wäre sie eben vom Stocke gebrochen . Tante Rosalie konnte nicht leben , ohne Rosen zu machen . Sie verschwendete die Hälfte ihres bescheidenen Einkommens in Seidenpapier , und wem sie irgend wohlwollte , der erhielt einen Rosenkranz zum Präsent – rote , rosa , weiße und gelbe Blumenkelche , geschmackvoll durcheinander gemischt . Sämtliche Dorfschönen trugen auf dem sonntäglichen Tanzboden Rosen des alten Fräulein Kruse im stark pomadisierten Haar . Die Gräber des Friedhofes zeigten in Menge von Sonne und Wind zerzauste weiße und purpurne Rosen derselben Fabrikation auf , die kleine Kirche wurde alljährlich zum Johannisfeste von der alten Dame verschwenderisch mit diesen ihren Erzeugnissen geschmückt , wobei sie ganz besondere Sorgfalt auf den Kranz verwendete , der die Dornenkrone des Heilandes zu zieren bestimmt war . Das mußten dunkelrote Rosen sein , so rot wie das Blut , das er vergossen . Darauf hielt sie . Kein Weihnachtsbaum prangte im Dorfe , an dem nicht ihre Rosen zwischen den Kerzen 59 hervorleuchteten , und keine Hochzeit fand statt , bei der nicht über der Stubentür des jungen Paares Tante Rosaliens Blumengruß prangte . Sie war im Dorfe bei jung und alt denn auch nur als » Rosentante « oder » Rosenfräulein « bekannt und beliebt , und nicht selten wurde sie auf ihren Spaziergängen von einer Schar Kinder , besonders Mädchen , verfolgt mit der Bitte » Mek ok ' ne Rose , mek ok ' ne Blaume ! « Und die Rosentante war stets darauf eingerichtet . Die weniger gelungenen Exemplare wurden zu diesem Zwecke freigebig aus dem riesenhaften Pompadour hervorgeholt und verteilt . Franz Linden hatte sich längst daran gewöhnt , zuweilen ein Stündchen in Gesellschaft der alten Dame hinzubringen . Bei ihrem Anblick kam unwillkürlich etwas von dem Frieden , der sie umgab , auch auf ihn , und das tat ihm wohl . Sie saß dann still und ruhig hinter ihrem Tischchen , und die feinen welken Hände bildeten emsig des » vollsten Lebens Attribute « . Nach und nach hatte sie ihm in wunderlich feierlicher Weise von den Schicksalen erzählt , die sich unter dem alten spitzen Ziegeldache dieses Hauses abgespielt hatten . Es waren wenig Lichtpunkte darunter und viele Schatten , viel Schuld und menschlich Irren ; ein düster Stück Erdenleben . – Ein Ehepaar , das nicht zusammengepaßt hatte , ein einziges Kind , von beiden vergöttert ; und dieser einzige Sohn hatte sich und sein Elternhaus mit Schande bedeckt und war bei Nacht 60 und Nebel nach Amerika geflohen , wo er verkommen war . Ohne Licht und Stern waren die Eltern zurückgeblieben , jedes dem anderen Vorwürfe machend über die verfehlte Erziehung . Dann starb die Frau vor Gram , und nun begann eine endlose Spanne der Einsamkeit für den alternden Mann , im Banne des Mißtrauens und der Menschenverachtung , niemand zugetan als seinen Hunden . Er verkehrte mit niemand als mit jenem Menschen , dem Wolff , der ihm Nachrichten und Klatsch aus der Stadt überbrachte , und selbst diesen behandelte er mit einer an Beleidigung streifenden Mißachtung . » Aber , sehen Sie , lieber Neffe « , hatte die Erzählerin hinzugefügt , » es gibt Menschen , die hündischer sind wie die Hunde . Ein solches Vieh schreit doch , wenn es getreten wird , aber die Art , zu denen er gehört , lächelt noch verbindlich beim derbsten Fußtritt – und so einer war nötig für den Wilhelm . « Es schneite . Auf den Bergen war es weiß , der Garten lag unter leuchtender Schneedecke , und in der Luft tanzten weiße Flocken . Franz Linden war mit dem Verwalter von der Jagd zurückgekommen und ging nach beendeter Mahlzeit zu der Tante ins Rosenstübchen . Sie stand heute auf , als er hereintrat , und kam ihm entgegen . » Sehen Sie , lieber Neffe , so geht ' s , wenn man einmal nicht zu Hause ist . Sie sollten Besuch bekommen , so einen ganz superfeinen , neumodischen , im 61 prächtigen Schlitten . Ich machte gerade meine Promenade auf dem Korridor , da kam er die Treppe herauf , und hier « – sie faßte in den Pompadour – » ist seine Karte , die er daließ . « Franz nahm die Karte und las : » Artur Fredrich – das tut mir leid « , sagte er lebhaft bedauernd . » Wann war er hier ? « » Oh , gerade um Mittag herum , wo andere Christenmenschen essen , punkt zwölf Uhr « , erwiderte sie . » Und dann war noch der Briefträger da und brachte ein Schreiben für Sie , lieber Neffe . Ja – mein Gott , wo ist es denn nur ? Wo habe ich es denn hingelegt ? « Sie wandte sich um , und die kleine gebeugte Gestalt begann eifrig zu suchen ; zuerst auf dem Tischchen mit dem Blumenpapier , dann an der Erde , von dem jungen Manne unterstützt . » Wie sah denn der Brief aus , liebste Tante ? « » Blau – oder grau – ich glaube blau « , antwortete sie außer Atem und durchstöberte den rotseidenen Pompadour . Eine Menge Rosenknospen holte sie heraus und ein spitzenbesetztes , riesenhaftes Schnupftuch , sonst nichts . » War der Brief denn klein oder groß ? « fragte er hinter dem Sofa hervor . » Groß und dick « , ächzte Fräulein Rosalie . » Das ist mir noch nie passiert , das ist mir höchst fatal ! « Und mit erstaunlicher Beweglichkeit hantierte sie an dem schwindsüchtigen , kleinen Spinett und klappte uralte Notenhefte auseinander . 62 » Vielleicht in den Ofen gekommen , Tantchen ? « » Nein , nein ! Er ist seit heute früh zugeschraubt . « Franz Linden ging zum Glockenzug – und schellte . » Suchen Sie nicht mehr , liebe Tante , das Schreiben muß sich finden , das Mädchen kann es ja besorgen . « Dörte kam und suchte und suchte , hinter alle Schränke wurde geleuchtet , hinter jeden Vorhang gesehen – vergebens . » Nun wollen wir es aufstecken « , erklärte Franz Linden endlich . » Ich denke mir , es ist ein Brief von meiner Mutter oder vom Amtsrichter – da wird es ja zu erfragen sein , was sie wollten . Trinken wir unseren Kaffee , Tantchen . « » Ich kann nächtelang nicht schlafen « , beteuerte die alte kleine Frau aufgeregt . » Aber , ich bitte Sie « , wandte er gutmütig ein , » es ist sicher nichts Unersetzliches darin gewesen . Erzählen Sie mir lieber ein wenig , das Wetter ist so behaglich dazu . « Aber das runzlige Antlitz unter der großen Haube blieb verdrießlich , und über die Kaffeetasse hinweg schweiften die alten Augen immer wieder suchend im Zimmer umher und blieben , wie nachdenkend , an dem grünen Schirm der Lampe haften . Es war schlechterdings kein Gespräch mit ihr fortzuspinnen . Nach einem Weilchen erhob sich der junge Mann , um sein Zimmer aufzusuchen . » Ja , gehen Sie nur , gehen Sie nur « , sagte sie 63 erleichtert , » nun kann ich nachdenken , was ich angefangen habe mit dem Briefe . Ach , mein Gedächtnis , mein Gedächtnis ! Man wird so alt ! « Er schritt den Korridor entlang und stieg die Treppe hinauf in den oberen Stock . Die Dämmerung des kurzen Wintertags lag schon in allen Winkeln und Ecken . Es war so totenstill im Hause , nur der Hall seiner eigenen Schritte klang in sein Ohr . So ein Tag , von dem sein Freund gesprochen , entsetzlich einsam und leer spann er sich aus über diesem weltfernen Hause . Man kann nicht immer lesen , nicht immer sich beschäftigen , besonders wenn die Gedanken unruhig hinausflattern über Wald und Feld – immer nach einem bestimmten Ziel , und immer zurückkehrend , zweifelnd und bangend . Er stand in seinem Zimmer am Fenster und verfolgte das Treiben der Schneeflocken in der dunkelnden Luft , und er dachte dasselbe wie alle Tage während der letzten Wochen . Er dachte sich so hinein , daß er deutlich einen leichten Tritt hinter sich auf dem Teppich zu hören meinte und den kosenden Klang einer Frauenstimme : » Franz , Franzi ! « – Er wandte sich um und schaute in das dämmerige Zimmer zurück . Wenn sie jetzt die Tür öffnete , wenn sie hereinkäme , das Kind auf dem Arme , herüber zu ihm ? Warum sollte das nicht sein , warum könnte es nicht werden ? Waren diese Mauern nicht fest , diese Räume nicht heimlich und traut genug , ein Glück zu bergen ? 64 Er begann auf und ab zu gehen . Torheit ! Unsinn ! Was wollte er denn ? – Wäre er nie hierhergekommen , oder wäre sie doch tausendmal lieber die Tochter des Werkführers , wie ihre Großmutter und säße vor dem kleinen Hause auf der Bank unter dem Holunderbaum , es würde dann so einfach sein ! Nicht um die Welt mochte er den tollen Wettlauf mitmachen , den man um Trudchen Baumhagens Geldsäcke immer und immer wieder wagte . Aber ihre Freundlichkeit ? – Und nun versank er wieder rettungslos in den Bann ihrer Augen . Es war jenes Zweifeln über ihn gekommen , jenes Hangen und Bangen , das ein jeder durchzumachen hat , der liebt . Und Franz Linden hatte sich in seiner Einsamkeit längst eingestanden , daß ihm nur Trudchen Baumhagen fehle , um glücklich zu sein . Er war eine keineswegs zaghafte oder scheue Natur , im Gegenteil . Er war mit jener bescheidenen Keckheit ausgestattet , wie sie liebenswürdige Leute , denen die Gesellschaft lächelnd allerlei nachsieht , so leicht annehmen . Wäre er im Besitz eines Ritterguts statt dieser Klitsche , wie der Amtsrichter Niendorf bezeichnete – er hätte lieber heut wie morgen gefragt , ob sie die Seine werden wolle , ohne allzu große Furcht vor ihren Geldsäcken . Aber in dieser Lage war es ihm peinlich , er mußte zum wenigsten erst » flott « 65 sein , wie er sich ausdrückte , und ehe das der Fall wäre – wer weiß , wo Trudchen Baumhagen dann geblieben war ? Er biß die Zähne zusammen bei diesem Gedanken – immer dasselbe Resultat ! Aber galt denn